Coole Insel

Münchhausen

Mit Prinzessin Wanja und Ewa im Schnee

Aus Münchhausens Berichten – er war eine Art Vorkoster für den französischen Kronprinzen. Auch eine polnische Prinzessin ist an einer Vermittlung interessiert.

y6.jpg

Die Einladung in das Königsschloss zu Krakau kam Ende Oktober an, also in der von mir so vermuteten trostlosesten polnischen Jahreszeit, wenn dort alle Wege in Schlamm oder Schnee versinken wer- den. Der polnische Botschafter konnte unsere Bedenken nicht entkräften, aber wir kamen zu einem Kompromiss: Prinzessin Wanja war bereit, mich in einem österreichischen Schloss bei ihrer Tante Sophie-Cäcilia zu empfangen. Sie machte dort einen ausgedehnten Besuch.

Ich fand dieses Angebot günstig und freute mich, den beschwerlichen Weg in die polnische Hauptstadt sparen zu können. Als ich aber nach Tagen bei ihrer Tante Sophie-Cäcilia ankam, war Prinzessin Wanja schon in die Schweiz weitergereist, aus gesundheitlichen Gründen; ich sollte ihr ins Wallis nachreisen. Die Fürstin bat mich um Verständnis für Wanja und schilderte sie als eine bezaubernde und liebenswerte junge Frau. Wandas Freundin Ewa erwähnte sie gar nicht. Aber das hätte mich auch nicht besser vorbereitet.

Auf der Reise in die Schweiz über Zürich und den Walensee gerieten wir tief in den Schnee. Das uns als »wenige Schlittenstunden links hinter Chur« beschriebene Dorf war schwierig zu erreichen; ohne die uns mitgegebene detaillierte Landkarte mit erstaunlich genauen und sinnvollen Erläuterungen hätten wir das einsame Bergnest nie gefunden. Es lag nämlich nicht im Wallis, sondern in Graubünden, ganz schön tief in der Schweiz.

Wir sind dem dringenden Rat eines Wirtes gefolgt, bereits in Chur Vorräte einzukaufen, denn ein Geschäft gäbe es da oben nicht. Ich packte, natürlich auf Staatskosten, mit Hilfe meiner Begleiter einen stattlichen Vorrat zusammen, für den wir dann einen eigenen Schlitten mieten mussten: gut acht verschiedene Weinsorten (drei weiße haben wir vorher gekostet, die roten mochte ich nicht der Kälte aussetzen), Champagner eines mir noch nicht bekannten Namens, einige feste Käsesorten, Mengen des fein geschnittenen und luftgetrockneten Bündner Fleisches, einige eingefrorene Rehrücken, vereistes Gemüse und Fische, darunter meine Lieblingssorten Felchen und Forellen und selbstverständlich verschiedene Schokoladen.

In Chur haben wir uns noch einmal kräftig gestärkt. Weil es früh dunkel wurde, habe ich uns noch eine Nachtruhe in Gasthäusern der kleinen, verwinkelten Altstadt genehmigt. Diese Rast hat uns allen gutgetan. Die Gräfin und ich haben uns, weil in der Herberge, die wir uns ausgesucht hatten, ein größeres Fest lautstark gefeiert wurde, als Gäste in dem mächtigen Komplex des Fürstbischöflichen Hofes eingeladen. Die Eminenz war gerade in Rom, ihr Verwalter war von unseren Dokumenten beeindruckt; es waren schließlich auch Empfehlungen unseres Kardinals dabei.

Am nächsten Vormittag mussten wir uns das letzte Stück unserer Strecke mit Bauernschlitten in dieses weltabgeschiedene Dorf hinaufziehen lassen. Es schneite unaufhörlich. Warum die Prinzessin sich in dieser zugeschneiten Einsamkeit versteckt hielt, blieb mir dunkel. Ob sie mich und uns mit der Wahl dieses Ortes auch auf unsere Ernsthaftigkeit hin prüfen wollte?

Meine Geduld wurde arg strapaziert. Wir fragten oben in einem Bauernhof nach polnischen Besucherinnen, erhielten im kaum für uns verstehbarem Walserdeutsch nur Hinweise auf eine deutsche Familie, die sich in einem Chalet eingemietet hatte. Diese Familie erwies sich dann doch als Prinzessin Wanjas Begleitung; neben ihrer Freundin Ewa waren das eine Kammerfrau und eine Köchin.

Nicht zu vergessen war da noch Jagello, ein beeindruckend großer Neufundländer als offensichtlicher persönlicher Beschützer der Prinzessin, der mich gleich in den Schnee warf und seine Rolle überzeugend bewies. Die Prinzessin rief ihn vergeblich zurück. Ich raufte lange mit ihm und erreichte schließlich, dass er mich akzeptierte.

»Halten Sie sich an die Gewohnheiten des Alten Fritz?«, fragte ich, als ich aufstand und den Schnee aus meinen Kleidern klopfte. Die Damen halfen mir dabei. »Wie meinen Sie das?« wollte Prinzessin Wanja etwas unsicher lächelnd wissen.

»Nun, der Preußenkönig ließ seine Besucher von seinen Hunden beschnuppern; wen sie nicht mochten, der wurde nicht empfangen.«

Alle lachten und wir wurden jetzt unverkrampfter behandelt. Ich fand bald heraus, dass die beiden jungen Damen schon viel Spaß miteinander gehabt hatten und bei jeder Gelegenheit gern lachten, sicher auch über mich.

Ihre Köchin hat uns eine improvisierte Vesper serviert – mindestens so üppig wie eine Bergische Kaffeetafel mit reichhaltigem Sahnegebäck. Wir genossen diese Stärkung sehr – auch den ungewohnten Rum im Kaffee. Wir lächelten uns an – und wussten, dass wir dabei waren, uns ein Bild voneinander zu machen.

Prinzessin Wanja fragte mich nach dem Kronprinzen aus; sie und ihre Quasi-Hofdame Ewa wollten wissen, wie sein Charakter sei, ob er Erfahrung mit Frauen habe, ob er wirklich so draufgängerisch sei, wie er auf den mitgebrachten Porträts aussah und wann er wohl König werden würde.

Die Prinzessin wurde noch direkter: »Kann es eine Frau ein Leben lang mit ihm aushalten? Würde ich überhaupt tagelang mit ihm zusammen sein oder würde er in einer anderen vielleicht abgeschotteten Welt leben; wann hätte er Zeit für mich – außer gelegentlich eine Dreiviertelstunde nachts? Und was passiert mir, wenn das erste gemeinsame Kind ein Mädchen wird?«

So schwierige Themen in unseren ersten Stunden? Ich kam in den nächsten Wochen auf sie zurück und gab erst einmal zögernd weiter, was Hofklatsch war: Seine königliche Hoheit galt – freundlich formuliert – noch nicht als der Mann, der einmal weise und vorbildlich ein Landesvater sein würde. Noch fanden ihn viele als entwicklungsfähig; er hätte ja noch Zeit dafür. Nebenbei erwies er sich als erotisch auffällig aggressiv und jedenfalls auf diesem Gebiet als durchsetzungsstark: man konnte sich keine Frau vorstellen, die gewagt hätte, sich seiner Lust zu verweigern. In den Hofgärten spielten bereits etliche seiner nichtehelichen Kinder.

»Sind wenigstens Jungen darunter?«, fragte Ewa. Das brachte uns auf ein Problem, das ich gerne noch zurückgestellt hätte: Wenn Wanja einen Jungen zur Welt bringen würde, einen Thronfolger, dann, aber erst dann, wäre mit einer Heirat zu rechnen. Dann erst könnte sie sich bei Hofe durchsetzen und sich sogar einige Sonderwünsche erfüllen lassen.

»Rauchen zum Beispiel?« wollte Wanja wissen, denn sie ahnte, dass rauchende Frauen wie sie in Frankreich schief angesehen würden. Die beiden hatten, wie ich miterlebte, von morgens bis spätabends einen enormen Verbrauch von Papierosi. Einen starken Raucher wie mich störte das nicht – und dass Raucherküsse nicht das Allerfeinste sein sollen, halten alle Raucher für ein böses Gerücht.

Die Graubündner Kaffeetafel ging in ein ebenfalls die Geselligkeit förderndes Käse-Fondue über. Ich öffnete meine Weinkiste und bot eine Alternative zum schweizer Getränk.

Es ging zunehmend heiter zu. Ich bemerkte natürlich, dass beide Frauen sich so gekleidet hatten, dass ihre Brüste mehr als nur zu ahnen waren und ihre Röcke ließen es bei einigen eigentlich unnötigen Bewegungen zu, dass ich eine anregende Vorstellung von ihren hinteren Rundungen bekam. Beide Frauen fand ich überaus attraktiv und erfreulich begehrenswert. Leider fühlte ich mich längst sehr müde.

Als ich vor dem Chalet in Jagellos Gesellschaft noch eine Pfeife rauchte, trat Wanja in einem gehäkelten Umhang zu mir hinaus und fragte nach meinen ungeschickten Bemerkungen zum andauernden Schneefall unvermittelt: »Und Sie müssen jetzt herausfinden, wie ich im Bett bin?« Was blieb mir da anders übrig, als so undramatisch wie möglich zu sagen: »Ja, Prinzessin, das ist meine wundervolle Aufgabe.«

»Nun gut, sagte Wanja, »finden Sie es heraus; aber vorher will ich mehr über Sie erfahren. Sie schlafen heute mit Ewa.« Als ich sie verblüfft ansah, sagte sie mit einem bezaubernden Lächeln und schubste mich zum Abschied: »Ich komme vielleicht später noch dazu.«

War der »Grüne Veltliner« schuld oder der zu großzügig dosierte Himbeergeist, der zum Fondue gehört – ich wunderte mich überhaupt nicht und fand alles völlig in Ordnung. Die Hofdame Chantal und die Köchin begleiteten die Gräfin nach Stunden in ein Nachbarhaus. Wir drei wollten noch vor dem Kamin miteinander plaudern und den Wein austrinken; wir hatten Jagello entsprechend der internationalen Hof-Etikette zum »Anstandsverantwortlichen« ernannt; er erwies sich wie erwartet als großzügig, als mein Kopf in Ewas Schoß lag und als ich Wandas ausladende Hüfte streichelte…

Ihr könnt das schwer verstehen: Chantal zeigte beim Hinausgehen diskret auf das grüne Seidenkästchen auf der Fensterbank, in dem die Verhütlis aus Schafsdarm lagen, heiß gemacht und in feuchte Tücher eingeschlagen – die schönsten Stunden begannen damals immer mit einer längeren Vorbereitung; hier übernahmen das die Köchinnen. Chantals verschmitztes Lächeln haben die Polinnen gesehen, aber sich nichts anmerken lassen oder nur mit den Augen genickt. Uns stand Aufregendes bevor…

Wir machten uns bald zur Nachtruhe fertig. Als ich noch einmal von draußen zurückkam, lag ein großer, aus sechs Schafsfellen genähter Schlafsack vor dem Kamin. Ich legte mich hinein und fand ihn angenehm. Oben hörte ich die beiden Frauen lachen. Die Reise war anstrengend gewesen; das Essen und der Wein und der Rum und der Himbeergeist hatten mich zum Umfallen müde gemacht; ich bin sofort eingeschlafen. Das Kaminfeuer glühte nur noch schwach, als ich wieder wach wurde.

Der viele Wein! Ich musste noch einmal hinaus, zog mir dafür das Nötigste an und pinkelte draußen verdöst in den Schnee. Jagello nutzte die Gelegenheit zur ähnlichen Erleichterung. Ich bemühte mich, leise zu sein, aber die schwere Türe quietschte und ich stieß gegen einen Stuhl. Aus meinem Schlafsack kam ein verhaltenes Kichern.

»Grüezi, Ewa«, sagte ich freudig, als ich in den warmen Schlafsack rutschte und dort eine bis zum Hals in wollene Sachen gehüllte Gestalt antraf. Das wuschelige Wollpaket rührte sich nicht und blieb stumm. War das nun Ewa oder Wanja? Was tut ein Mann von Welt in solch einer Situation? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass mir damals etwas ziemlich Verrücktes eingefallen war: Ich begann, leise das alte französische Soldatenlied zu trällern: »Auprès de ma blonde, qu’il fait bon dormir… «

Dann fiel mir ein, dass Ewa schwarze Haare hatte und Wanja eher rote. Das wäre in dem schwachen Widerschein des Feuers aber nicht unterscheidbar gewesen. »Sing weiter!«, flüsterte die Wollmumie neben mir. Ich zog das grüne Kästchen näher heran und beschäftigte mich gewissenhaft mit seinem Inhalt.

Während ich das Lied leise weiter sang, begann ich, die hier völlig unnötige Verpackung der wohlriechenden Gestalt zu lösen. Sie verhielt sich zuerst steif und passiv, kam mir unter gutem Zusingen aber entgegen und barg ihren betörend duftenden Kopf an meiner Brust. Jagello schnarchte vor unserem Schlafsack. Er wusste seine Menschen sichtlich gut aufgehoben.

Als ich die Frau in meinen Armen von allem Entbehrlichem befreit hatte, begann sie, während wir uns neugierig und durstig küssten, langsam und merkwürdig sicher mein Hemd aufzuknöpfen und meinen Gürtel zu öffnen. Mein Mund und meine Hände machten sich daran, das fremde Gebiet näher zu erkunden. Ich tauchte schließlich in die Tiefen des Schlafsacks und nahm mit wohligem Erschauern war, dass ein anderer Mund auch auf Entdeckungsfahrt war.

Die beiden wohl gleichjungen Frauen hatten ungefähr die gleiche Figur, nicht zu schlank und noch beginnend füllig: ich stieß mich bei ihnen nicht mehr an Knochen und hat durchweg Festes, bei den Brüsten sogar Süß-Schweres in der Hand und im Mund. Die beiden wären in diesem Halbdunkel kaum unter- scheidbar gewesen, aber ich war von der ersten Sekunde an sicher, dass Wanja zu mir gekommen war und ein besonders reizvolles Spiel mit mir spielen wollte. Ihr Kettchen mit dem Kreuz berührte einmal meine Nase, das gab mir Gewissheit. Zarte Frauenhände tasteten die Nähte meines Verhütlis ab, sorgten nachtwandlerisch sicher für die Festigkeit des aufstrebenden Inhalt der Hülle, stimulierten atemberaubend die Umgebung und lotsten zielstrebig in eine Zauberhöhle.

Vielleicht habe ich das schon einmal erwähnt: Ich habe reifere Frauen immer den blutjungen vorgezogen, aber in dieser Nacht erweiterte sich der Stand meiner Erkenntnis. Woher hat ein so junges Weib diese fantastische Lusterfahrung oder ist dies eine herrliche natürliche Begabung? Das fragte ich mich staunend, als wir unsere Lust wenigstens etwas gestillt hatten.

Ich tat weiter so, als wenn ich sie für Ewa halten würde. Ich flüsterte in ihr duftendes Haar: »Verzeih mir, du Schöne, ich bin todmüde, bleib in meinem Arm und dulde meine Hände, wo sie sind. Und: Danke, dass du zu mir gekommen bist. Ich liebe deine Haut…«

Der Schlafsack wärmte uns Nackte vortrefflich. Ich blinzelte in den schneehellen Morgen und zog die Frau neben mir vorsichtig auf mich. Meine Hände streichelten ihren Rücken und alles Wohlgerundete weiter unten. Ihre Haare kitzelten mich. Ich versuchte sie weg zu pusten, sie waren widerspenstig; als ich sie wegstrich, sah ich, dass sie dunkel waren, nahezu schwarz.

Ich war verwirrt: Dies war ja tatsächlich Ewa. Ich versuchte, ihr Halskettchen zu sehen: Ja, es war da. Die auf mir Liegende küsste mich schläfrig. »Guten Morgen, du Lieber, wo ist denn Wanja?«

»Ich bin hier, meine Lieben«, sagte Wanja, die den vor ihr liegenden Jagello mit den Füßen kraulte und uns wohl schon länger von einem Sessel aus zugesehen hatte. Sie stand auf, ließ ihre Decke fallen, zog ihr Nachthemd aus und kroch zu uns in den Schlafsack. Das grüne Kästchen hatte sie schon begutachtet, auch das schnell ausgetauschte Teil. Sie war ziemlich kalt geworden und wir hatten Arbeit damit, sie aufzuwärmen. Was für Brüste, welch ein streichelweicher, sanft gewölbter Bauch – und was für ein wundervoller, bewaldeter Schoß!

Ihre Augen lachten und mein Mund und meine Hände erkannten sie wieder. Sie flüsterte mir Liebes ins Ohr. Ihre Stimme klang warm und angenehm dunkel. Ewa verzog sich »mal eben« nach oben; wir hatten einige unvergessbare Augenblicke für uns; wir klebten, nachdem wir den uns den Atem nehmenden kleinen Tod erlebt hatten, lustvoll in- und aneinander – und dann klopfte im unpassendsten Augenblick die Köchin mit dem Frühstück an die Tür. Warte, wir brauchen Zeit…

Wanja huschte hinauf und ich erschreckte die dralle Frau durch mein etwas zu kurzes Hemd. Aber sie lachte nur, warf Jagello, der sie freudig begrüßte, ein Stück Schinken zu und deckte geschickt und sehr anregend den Tisch. Als sie hinausging, nahm sie das grüne Kästchen und die eingeschlagenen Tücher mit.

Die folgende Nacht verbrachten wir gleich zu dritt, eben weil es in dem Schlafsack so herrlich warm war. Obwohl es mir schwerfiel, trank ich vorher keinen Wein und deshalb kann ich behaupten: Ich ließ in diesen Stunden nichts unversucht, um meine Kenntnisse über Polen und besonders über Polinnen zu vertiefen. 

Bisher wusste ich kaum mehr, als was alle in den verbreiteten Vorurteilen zu wissen meinen: dass alle Polen stolz und die Polinnen charmant, elegant und improvisationsbegabt sind. Ich weiß jetzt erheblich mehr, besonders über zwei entzückende junge Polinnen, die mich auf viele neue Gedanken brachten.

Meine bisher gewachsene allgemeine Erkenntnis war, dass ein König, sicher noch mehr als jeder andere Mann, eine fröhliche, anziehende, einfühlsame Frau braucht, die ihm seine Sorgen fortbläst, ihn klug und unaufdringlich beraten kann, ihn abschirmt gegen allzu Lästiges und Gefährliches und es vor allem wichtig nimmt, dass er immer gestillt und gesättigt ihr Bett verlässt.

An diesen Maßstäben gemessen, habe ich Prinzessin Wanja überschwänglich empfohlen, obwohl ich beträchtliche Mühe hatte und habe, in meiner Erinnerung zwischen ihr und Ewa zu unterscheiden. Aber das war halt mein Problem.

An unserem dritten oder vierten Morgen hatte ich die beiden entzückend zerzaust aussehenden Frauen im Arm und ließ mich behaglich über die Sehenswürdigkeiten von Paris ausfragen, über die neueste Mode und über Beschaffungsmöglichkeiten für größere Mengen einer ihnen einleuchtenden Verhütungsmethode.

In diesen wichtigen Gesprächen unterbrach uns ein heftiges Klopfen an der Haustüre. Jagello war empört, sprang wütend gegen die Tür und bellte angriffsbereit. Diesmal war es nicht die Frühstücksfrau, sondern die Gendarmerie: Zwei Uniformierte besuchten uns und baten darum, Jagello zu beruhigen und an die Leine zu nehmen. Misstrauisch knurrend hat er sich gefügt, blieb aber sprungbereit vor seiner Herrin sitzen.

Die Männer waren amtlich neugierig und blickten irritiert häufig auf die nur wenig und sicher absichtlich ziemlich aufreizend bekleideten Frauen, die sich auch gar nicht bemühten, sich untenherum seriöser zu zeigen, schließlich waren die Gendarme in unsere Privatheit eingedrungen.

Unsere verschiedenen ausländischen Pässe schienen den sich erkennbar unbehaglich fühlenden Männern eher verdächtig zu sein und erst die von mir mit meinem griechischen Hirtenpfiff im Nebenhaus alarmierte Gräfin fand den richtigen Ton für diese Vertreter der Staatsgewalt. Eve-Marie machte den Ordnungshütern klar, dass wir uns hier von der großartigen Berglandschaft überzeugen sollten – als Vorhut für bald herreisende hochgestellte Herrschaften des Hochadels, die unerkannt bleiben müssten, aber den diskreten Schutz der hiesigen Gendarmerie zu schätzen wissen würden.

Die Gendarme fuhren auf Skiern wieder ins Tal. Jagello war erleichtert und wir vier feierten ihren Ab- schied ausgelassen mit Champagner, Katenschinken und Bergkäse. Prinzessin Wanja bekam bald darauf eine böse Erkältung und wir mussten mit Rücksicht auf ihre Eltern ihre vorzeitige Abreise vorbereiten.

Ich sah erschreckt meine Versäumnisse, denn Programmpunkte wie die erwünschten Zeichnungen und Porträts, die ärztlichen Untersuchungen, die Belastungsproben, die Prüfung ihrer Repräsentationsfähigkeiten und ihrer lebenspraktischen und politischen Kenntnisse standen ja noch aus. Ich hatte dies alles bisher hinausgeschoben. Der Schnee wird schuld gewesen sein. Wir wollten Wanda allein schlafen lassen, aber das hat sie mit Tränen verhindert: »Bitte, bitte, lasst mich nahe bei euch sein. Ich will nur dick vermummt mit meinen Halswickeln neben euch liegen!«

Das war sicher von ihr auch Jagello zuliebe so gedacht; er lag wie von der ersten Nacht an immer unten an unserem Schlafsack, schlief dann beruhigt fest, schnarchte zufrieden und lief im Traum sichtbar große Strecken.

Ich beriet ich mich mit meinen zu uns hochgestiegenen Spezialisten und bat die Gräfin und Ewa dazu. Wir sahen die Alternative, die beiden Frauen nach Polen zu begleiten, das war allerdings für uns eine ab- schreckende Vorstellung angesichts der zu befürchtenden Straßenverhältnisse, oder unseren Besuch auf das späte Frühjahr zu verschieben – mit dem Risiko, dass der Hof diese Aufschiebung verurteilen könnte.

Ewa schlug mir in der folgenden Nacht, als wir herrlich ermattet nebeneinander lagen (das grüne Kästchen lag längst in Reichweite), eine Variante vor: »Begleitet uns doch nach Wien, da können wir nach Wanjas Gesundung alles noch zu Erledigende nachholen; die Kaiserin erwartet uns eh.«

Wanja, die ich immer dicht hinter mir spürte und deren fieberheiße Hand mich oft zärtlich und eifersuchtsfrei nicht nur an der Hüfte berührte, auch wenn ich noch im lustvollen Zauberbann von Ewa war, flüsterte mir ihre Zustimmung zu.

Wien war für mich ein lockendes Ziel; ich nahm den Vorschlag sofort an. Vorher aber vertrat Ewa die Prinzessin weiter ernsthaft und liebevoll; sie erzählte mir viel von ihr und ließ sich in ihrem Auftrag von mir einige lustvolle Vorlieben des Thronfolgers demonstrieren. Die waren mir zwar nicht bekannt, aber ich hatte mir einige ausgedacht, die zu ihm passen könnten.

Ewa war beeindruckt und wir übten einiges ernsthaft und mit Freude. Wanja schlief wie jede Nacht neben uns, vielleicht stellte sie sich manchmal auch nur schlafend; wir hatten sie beide gern im Schlafsack und umarmten sie oft.

Eve-Marie hörte sich in den Nachbarhäusern um und fragte in mehreren Sprachen und mimisch nach weiteren Hausmitteln für eine starke Erkältung. Ich hatte Wanda schon heiße Kartoffelumschläge und Kräutertee mit viel Rum verordnet – wenn das nicht bald helfen würde, empfahl man eine heilkundige ältere Frau hier oben, die allerdings nicht zu unserm Chalet hinaufgelangen könnte. Ich hatte Angst um Wanja und nahm diese Hilfe dankbar an. Wir brachten Prinzessin Wanja auf einem Schlitten zu ihr und quartierten sie zusammen mit Ewa bei ihrer Familie ein. Eve-Marie regelte den Pensionspreis. Jagello schien die Umstände zu begreifen und blieb wie selbstverständlich bei mir.

Für den bewegungsfreudigen Hund waren unsere langen Schneewanderungen erfreulich, aber für mich war es eine entbehrungsreiche Zeit, denn Eve-Marie nutzte die Gelegenheit, mit ihrer Hofdame kurz eine Verwandte im relativ nahen Liechtenstein zu besuchen und Ewa konnte immer nur für höchstens zwei Stunden zu mir kommen.

Wandas Kur bei der heilkundigen Frau hat sich aber gelohnt: Nach einer Woche war sie reisefähig. Drei Lastschlitten, die junge Burschen mit ihrer Fußkraft steuerten, brachten uns zu unseren Begleitern ins Tal. Unseren großen Schlafsack legten wir in einen größeren Schlitten. Ich durfte die beiden Frauen schützend in meinen Armen halten. So ließ sich die wunderbare Schneewelt sehr gut genießen. Jagello lief neben uns her. Wir mussten unterwegs vier Mal in abenteuerlichen Gasthöfen übernachten und nicht jeder hatte ein eigenes Bett. Fünf Tage später waren wir im nachprüfbar schönen Schönbrunn bei dem betagten Kaiserpaar, inzwischen natürlich in tagsüber streng getrennten Zimmern.

Die Prinzessin stellte mich vor: „Dies ist ein lieber Freund: Dr. von Münchhausen; der Baron ist ein enger Berater des Königs von Frankreich“.

Wir genossen die neun Tage in der gehobenen österreichischen Gastfreundschaft. Hier ergaben sich in höflicher Abgeschiedenheit alle erwünschten Situationen. Unser begabter Maler malte Wanja mit ihren rasant erwachten Lebensgeistern in vielen Variationen, oft auch Wanja und Ewa und Jagello, doch vorsichtshalber nie zusammen mit mir, denn das nächtliche Geheimnis sollte nur uns gehören.

Aber vor Kammerdienern und Zofen ist nichts zu verbergen und was sie wissen, wissen bald alle; damit mussten wir leben. Ich behauptete vorbeugend diskret, aber für einige mithörbar, dass ich mit allen Handlungen gewissenhaft allerhöchste Befehle befolge. Ja dann, werden sich (hoffentlich!) alle gesagt haben, dann wird es schon richtig sein. War es ja auch, irgendwie. Aber lebensgefährlich war es halt auch; doch das war es uns allen wert.

(Dies waren die vorher erwähnten Kapitel aus unter meinem Pseudonym Willem de Haan erschienenen Buch „Münchhausens verschwiegene Liebesabenteuer“, Göttingen 2015, 232 S., fester Einband, 19,80 €, exklusiv bestellbar über goevag@gmail.com – portofreie Lieferung.)

 

Geliebt habe ich sie alle. So war es, ungelogen.

Münchhausen

Consent-Management-Plattform von Real Cookie Banner