Coole Insel

Georg Christoph Lichtenberg

1742 Oberramstadt – 1799 Göttingen

Am 1. Juli 1742 kam er in Oberramstadt bei Darmstadt auf diese Welt: Georg Christoph Lichtenberg, der sich später als Lichtgestalt der Wissenschaft erwies; das hatte ihm kaum einer seiner Zeitgenossen auf den ersten Blick zugetraut.

Georg Christoph Lichtenberg (1742 - 1799)

141 cm war er ausgewachsen groß, aber er zählte doch zu den ganz Großen – als einer unserer bedeutendsten Physiker und als einer unserer originellsten Schriftsteller und Satiriker. Lichtenberg war der nach einem Unfall in frühen Kindheit mit einer starken Verkrümmung der oberen Wirbelsäule belastete Sohn eines später zu hohen Amtswürden aufgestiegenen hessischen Pastors.
Er musste sich wegen seines äußeren Handicaps ähnlich wie ein intelligenter junger Jude verhalten: Den Ehrgeiz entwickeln, mit den Möglichkeiten seines Gehirns und seiner Willenskraft zu erreichen und zu beweisen, dass er immer zu den Besten gehörte. Ein großzügiges Stipendium des offenbar weitsichtig beratenen Landesherrn hatte ihm ein Studium ermöglicht. Sein Landesherr und dessen Beamte hatten vergeblich versucht, Lichtenberg in hessischen Universitätsbereichen zu halten, aber Göttingen hatte 1763 den besten Ruf für seine Lieblingsgebiete Mathematik und Physik.
Lichtenberg vertiefte sich mit unerhörtem Eifer in diese alten Künste und war bald in ihnen so überzeugend kompetent, dass er 6 Jahre später, mit 27 Jahren, in Göttingen Professor für Mathematik und Experimentalphysik wurde. Der schwache und kränkliche Mann blieb dies drei Jahrzehnte lang.
Er schrieb eines der verbreitesten und geistreichsten Lehrbücher der Experimentalphysik, damals unüblich in der deutschen Sprache. Seine Vorlesungen erschöpften sich nie nur in Theorie, Es funkte, zuckte und flackerte sehr oft – und begeisterte auch fachfremde Studenten. Er hat einige Apparate und besonders die nach ihm benannten elektrischen Figuren erfunden und öffentlich experimentiert – was den Brände fürchtenden Göttingern nicht geheuer war.
Zwei Reisen nach England machten ihn mit bedeutenden Wissenschaftlern und Künstlern und mit englischen Verhältnissen bekannt; er berichtete scharfsinnig. Sein Ruf als Schriftsteller beruht auf seinen damals vielgelesenen naturwissenschaftlichen und philosophischen Aufsätzen, besonders aber auf seinen ironisch-geistvollen Aphorismen, in denen er sich als psychologisch scharfsinniger Beobachter und darüber hinaus als Repräsentant der Aufklärung erweist. Diese heute noch viel zitierten Aphorismen erschienen verstreut; erst über 100 Jahre nach seinem Tod wurden sie gesammelt veröffentlicht.

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Der Schriftsteller hat mehrere Jahre lang einen „Göttingischen Taschenkalender“ herausgegeben und in ihm auch viele eigene, satirische Beiträge publiziert, in denen er auch den übersteigerten Geniekult der „Sturm- und Drang“-Zeit und die religiöse Intoleranz angegriffen hat. Er erwies sich auch als Kunstkenner und Kunstkritiker. Berühmt machte ihn vollends seine „Ausführliche Erklärung der Hogarthischen Kupferstiche“.

 

Es ist vermutbar, dass ein so kleiner Mensch, auf den nahezu alle Erwachsenen herabblicken mussten erreichen will, dass die anderen wenigstens gedanklich zu ihm aufblicken. Bei Männern war das immer noch leichter zu erreichen als bei Frauen. Für die blieb er zeitlebens ein Mannsbild zum Gruseln. Dass dieses Prickeln sich letztlich als erotisch nicht vollkommen unergiebig erwies, lernte Lichtenberg bei den Frauen erst spät und auf riskanten Umwegen:

Da gab es neben einigen auswärtigen Abenteuern die „Stechardin“, die er auf dem Göttinger Wall als Blumenverkäuferin kennengelernt hatte. Lichtenberg war 40, als er das 12- jährige Kind in seine Wohnung holte und dort zwei Jahre lang vor den Blicken der Göttinger verborgen hielt – oder halten wollte. Er hat diese Tochter eines armen Webers von Tag zu Tag mehr geliebt und beschrieb sie als ein Muster an Schönheit und Anmut – wie es dem Mädchen erging, erfuhr niemand und wagte niemand zu erkunden.

 

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Mit vierzehn Jahren starb das Mädchen plötzlich; ihr Tod hat Lichtenberg tief erschüttert. Nach einiger Zeit der Trauer kam er jedoch nicht umhin, wieder – so schrieb er – „jenem Triebe zu folgen, ohne den die Welt nicht bestehen könnte“. Diesmal nahm er eine 23-jährige Obstverkäuferin als „Haushälterin“ zu sich. Doch Göttinger Klatsch war bis nach Hannover gedrungen: die Landesregierung machte ihm Vorhaltungen. Der gewitzte Professor entgegnete pfiffig und schwer widerlegbar, er sei doch viel zu hässlich, um von einer Frau geliebt werden zu können.

In Wahrheit hatte hatte er mit seinem „Hausmädchen“ immer wieder, wie er es vielleicht in Erinnerung an sein überfrommes Elternhaus nannte, „viel Satan getrieben“. Acht Kinder zeugte er mit ihr – der geschickte Erfinder fand oder wollte wohl kein Mittel zur Verhinderung einer Schwangerschaft.
Als der lebenslang Schwächliche und oft kranke und hypochondrische Lichtenberg sich einmal dem Tod besonders nahe fühlte, hat er die Frau um ihrer und der Kinder Versorgung willen geheiratet. Er wurde nie wieder ganz gesund und schrieb beispielsweise über sich selbst: „Er hatte mehrere Krankheiten, allein seine Hauptstärke besaß er im asthmatischen Fache“.
Daneben plagten ihn Nieren- und Blasenleiden und Darmbeschwerden sehr, aber das beeinflusste jenen lebenerhaltenden Trieb wenig, von dem Thomas von Aquin feststellte, dass es die Hölle auf Erden sei, wenn einem gleichzeitig Möglichkeiten gegeben und versagt werden.

Aber Lichtenberg ging das Problem direkt an und nahm keine Rücksicht auf die Kommentare seiner Umgebung. „Wenn man alt wird, muss man sich wieder junge Katzen und junge Ziegen anschaffen, um das bisschen Konsonanz, das sich noch in den weichsten Fibern findet, wieder zu erwecken.“
Der 51-Jährige begann neben seiner Ehe ein Verhältnis mit einer Hausangestellten seines Hauswirts (der auch sein Freund und Verleger war). Mit ihr, die er in seinen Tagebüchern „Doly“, aber auch „Satan“ und „Devil“ nennt, hat er bis wenige Tage vor seinem Tod im Alter von 56 Jahren seinen „teuflischen Spaß“ gehabt – wenn auch unter der ständigen Furcht, dass seine Ehefrau, die in jener Zeit noch zwei Kinder gebar, die treulose Beziehung entdecken würde.

56 Jahre, drei Jahrzehnte prall gefüllter Arbeitsjahre – er hat sie genutzt und die wahre Größe dieses Genies haben wenige gespürt oder geahnt; erst die Nachgeborenen konnten nachlesen, was er uns alles hinterlassen hat. Auf diesen vielseitigen, selbstkritischen und nie mit seinen Erfolgen zufriedenen Professor traf nicht zu, was er vielen über seine Lebenszeit hinaus zurief und dabei nicht nur kommen sah, dass wir Heutigen mehrere Berufe, Künste und Fertigkeiten erlernen müssen, um uns zu behaupten; für ihn war dies hauptsächlich eine Lebensphilosophie, vielleicht sogar seine Überlebensstrategie: „Wer nur Chemie versteht, versteht auch diese nicht.“ Wenn wir das für uns übernehmen wollen, müssen wir nur statt „Chemie“ das Gebiet einsetzen, in dem wir uns besonders sicher fühlen.

Auf seiner 2. Harzreise kam Goethe nach Göttingen und besuchte interessiert eine experimentelle Vorlesung Lichtenbergs und tauschte sich noch brieflich mit ihm über seine Vorarbeiten und Erkenntnisse seiner Farbenlehre aus. Lichtenberg pflegte einige beidseitig ergiebige Freundschaften mit Kollegen. Er förderte und inspirierte den jüngeren Gottfried August Bürger, überlebte ihn sogar. Einiges spricht dafür, dass er Bürger in Göttinger Weinstuben ermutigt hat, die von diesem ins Deutsche gebrachten „Wunderbare Reisen zu Wasser und zu Lande, Feldzüge und lustige Abentheuer des Freyherrn von Münchhausen…“, um einige erfundene Geschichten zu bereichern.
Die Göttinger haben das Haus, in dem er nur eine Wohnung hatte, nach Lichtenberg benannt; heute ist es ein Künstlerhaus.

Sein geliebtes Gartenhaus wurde längst abgerissen, aber auf dem zum verwilderten Park umgewidmeten Bartholomäus-Friedhof gegenüber dem heutigen Campus und (einige Jahre lang) unmittelbar neben dem örtlichen Eros-Zentrum, wurden über 50 Jahre nach seinem Tod zwei weiße Marmorkreuze für ihn und seine Frau errichtet. Das Doppelgrab wird von Schülern der nach ihm benannten Gesamtschule in Ordnung gehalten.
Nur selten legt ein Besucher eine Blume auf sein Grab. Öfter wird die von dem albanischen Künstler Fuat Dushku (1930-2002) geschaffene Bronzeskulptur vor dem Alten Rathaus im Vorbeigehen gestreichelt – das sieht man an den blanken Stellen.

Einige Frauen mit frischem Doktortitel küssen nach ihrer Feier statt das (von männlichen doctores bevorzugte) benachbarte Gänseliesel den kleinen großen Lichtenberg. Solche Gesten hätte er zu Lebzeiten sicher lieber erlebt.

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