Coole Insel

Gustav Mahler

7.7.1860 Kalischt – 18.5.1911 Wien

„Das Beste der Musik steht nicht in den Noten“.

gustl mahler

Einige Hinweise auf einen Musiker, bei dem Neugier lohnt:


Ein Schuljunge klimpert auf einem verstimmten Klavier, das auf einem Dachboden abgestellt ist. Der Junge entdeckt staunend, dass er nicht nur wie viele Schulfreunde Zwei-Finger-Stückchen hämmern kann. Er kann ganze Lieder nachspielen, die er auf der Straße gehört hat – Gassenhauer, Liebesliedchen, Küchenlieder, Tanzmelodien.
Weil die Eltern nicht protestierten, saß Gustav öfter an dem abgewrackten Instrument. Dieses alte, längst aufgegebene Klavier eröffnete dem träumerisch veranlagten Jungen eine neue Welt, die ihn machtvoll aufnahm und der er sich mit allen Fasern hingab; er fand heraus, dass er Musiker sein musste, unbedingt.
Dies ereignete sich allerdings im österreichischen Böhmen nicht selten; hier wirkten ja auch Smetana, Dvorak und Janacek. Ungewöhnlich an dieser Lebenszielbestimmung war auch nicht, dass Gustav aus einer kinderreichen jüdischen Kaufmannsfamilie stammte: Das Besondere war wohl, dass die musisch wahrscheinlich kaum begabten Eltern die aufbrechende herausragende musikalische Begabung ihres Zweitältesten rechtzeitig erkannten und förderten – unter Opfern und mit Geschick.
Gustav Mahler bekam Klavierunterricht beim Iglauer Theaterkapellmeister. Der erfahrene Musiker erkannte das junge Talent und stellte es als seine Entdeckung heraus: Schon den Achtjährigen ließ er im Theater als
Klaviervirtuosen auftreten. Die Presse lobte den jungen Künstler sehr und sagte ihm eine bedeutende Karriere voraus.
Der Musiker in ihm war sehr ermutigt, aber der Schüler empfand das Gymnasium als Hindernis auf seinem Weg. Die Eltern vermittelten ihm eine Unterkunft bei einer Prager Musikerfamilie und den Besuch eines
Gymnasiums in der Goldenen Stadt, die den jungen Künstler auch sehr inspirierte. Die Schulleistungen wurden allerdings schwächer; man musste ihn bald wieder in die Provinz zurückholen.
Dort ereignete sich der Glücksfall, von dem alle angehenden Künstler träumen: Der 15-jährige Gustav Mahler wurde von einem förderungswilligen Musikbegeisterten, dem Gutsverwalter Schwarz, als hohe Begabung entdeckt und erfolgreich an das Wiener Konservatorium empfohlen.
In Österreich brauchte man immer Empfehlungen. Später konnte Mahler sich revanchieren und Dirigenten und Sänger empfehlen, aber zunächst brauchte er selbst noch solche Hilfen, denn er war verschlossen und besonders zurückhaltend. Er kam in die Klavierklasse. Einer seiner Lehrer war Anton Bruckner, dem er viel verdankte.
Er wohnte einige Zeit mit dem gleichaltrigen Hugo Wolf zusammen, der auch am Konservatorium studierte und zunächst als Musiker und als Dirigent erfolglos blieb, bis er als Vertoner von Liedern und Gedichten eine einsame Hochform erreichte. Mahler hatte große Hoffnungen, mit seiner ersten größeren Komposition „Das klagende Lied“ den begehrten Beethovenpreis zu erringen. Der Misserfolg entmutigte ihn sehr und bewog ihn, sich als Dirigent zu versuchen.
Nach mehreren kurzen Gastspielen, die ihm große Beweglichkeit abnötigten, fand er in Budapest eine ausbaufähige Anstellung. Er wurde von dort aus als Erneuerer der Oper bekannt. Großen Erfolg hatten seine ungekürzten Aufführungen von Wagners „Rheingold“ und der „Walküre“ in ungarischer Sprache.
Gustav Mahler liebte Flüsse, Seen und das Meer. Diese Neigung erleichterte es ihm sehr, einem Ruf nach Hamburg zu folgen, wo er die Nachfolge Hans von Bülows antreten konnte.
Er hatte wieder mit Wagner Aufführungen große Erfolge. Aber ausgerechnet der in Hamburg geborene Johannes Brahms holte Mahler zurück nach Wien: In seinem Sterbejahr erreichte Brahms, dass Mahler an die Hofoper kommen konnte.
Die zehn Jahre an der Hofoper in Wien waren nicht nur für ihn selbst wichtig und ergiebig; er hat hier in harmonischer Zusammenarbeit mit anderen Künstlern, besonders mit dem sechzehn Jahre jüngeren Dirigenten Bruno Walter und dem Tenor Leo Slezak Zukunftsarbeit geleistet.
Acht Sinfonien und die Liederzyklen aus „Des Knaben Wunderhorn“ und „Lieder eines fahrenden Gesellen“ (nach eigenen Texten), die „Kindertotenlieder“ nach Friedrich Rückert sind in diesen Jahren entstanden – 1893-1896 in seinem Sommerdomizil, einem Gasthof in Steinbach am Attersee oder in einem Gasthof (mit einer Gartenhütte, die er zum Komponieren benutzte; in Toblach im Südtiroler Hochpustertal (1908 1910) während der Theaterferien.
In den Wiener Künstlerkreisen lernte Gustav Mahler die vielumschwärmte, neunzehn Jahre jüngere Alma Schindler kennen. Sie heiratete ihn und blieb seine musikverständige, geduldige Lebenspartnerin. Von beiden Künstlernaturen war er wohl die schwierigere. Eins ihrer zwei Mädchen starb früh. (Alma Mahler war später noch mit dem Architekten Walter Gropius und dem Schriftsteller Franz Werfel verheiratet.)
Einer typisch wienerischen Schmäh-Kampagne wich er in die Vereinigten Staaten von Nordamerika aus. Er folgte dem Beispiel Smetanas und stärkte sich durch stürmische Erfolge in der Neuen Welt. Er brachte den Amerikanern die großen deutschen Musiker nahe und verließ die USA erst, als er sich todkrank fühlte.
Mahler hatte in den Vereinigten Staaten großen Erfolg mit der Interpretation der großen deutschen Komponisten; mit seinen eigenen Werken hielt er sich zurück, aber unter den starken Eindrücken seiner amerikanischen Jahre schrieb er seine 9. und den Anfang seiner unvollendet gebliebenen 10. Sinfonie und das „Lied von der Erde“: Die amerikanischen Landschaftserlebnisse verbanden sich mit seiner urwüchsig-mythischen Naturliebe und mit den Erinnerungen an die Landschaften seiner Heimat – „die Teiche Böhmens sind wie Silberschalen, gebettet in das satte Grün der Auen“ – so dichtete sein
Zeitgenosse, der Lyriker Antonin Sova im Gedicht „Teiche“.
Seine manchen zu überschwänglich klingende Musik gefiel und gefällt dem amerikanischen Publikum. Sie nahmen ihm seine bewusst einbezogenen Anklänge an Mozart, Schubert, Bruckner und viele andere seiner
musikalischen „Freunde“ nicht wie manche europäischen Kritiker übel, sondern erlebten sie – wie es wohl auch gedacht war – als sogar werbende Zitate. Mahlers Sinn für theatralische Wirkungen kam hier gut an, besonders auch seine gelegentlich durchklingende Vorliebe für Märsche und für eine zuweilen ungewöhnlich starke Schlagzeugbesetzung, z. B. in seiner 4. Sinfonie, und der Einsatz zahlreicher, auch unkonventioneller Schlagzeuge wie in seiner 6. Sinfonie.
Sein Wirken an der Metropolitan Opera und mit dem New York Philharmonic Orchestra hat sicher die spätere Aufnahme seiner Werke günstig beeinflusst. Es ging Gustav Mahler wie vielen Künstlern aus dem deutsch-österreichischen Kulturkreis: Auch er wurde im Ausland früher und höher geachtet als „daheim“.
Mahler konnte neun Sinfonien vollenden; sie bedeuteten ihm alles: „Meine Symphonien erschöpfen den Inhalt meines ganzen Lebens; es ist Erfahrenes und Erlittenes, was ich darin niedergelegt habe – Wahrheit und Dichtung in Tönen“.
Auch für ihn selbst galt seine 8. Sinfonie als sein Hauptwerk. Er nannte sie eine „Botschaft der Liebe in liebloser Zeit“. Nach den klassischen Regeln war es keine Sinfonie, sondern ein großes Kantatenwerk. Es wurde am 12. September 1910 in München uraufgeführt und erwies sich wegen seines Inhaltes und mit seinem gigantischen Aufwand als musikalische Sensation ersten Ranges.
Mahler fand: „Es ist das Größte, was ich bisher gemacht habe“ und dass in diesem Werk „das Universum zu tönen und zu klingen beginnt. Es sind nicht mehr menschliche Stimmen, sondern Planeten und Sonnen, welche kreisen…“
Der Komponist schließt eine gregorianische Pfingsthymne ebenso ein wie die Schlussszene aus Goethes zweitem Faust-Teil. Die Besetzung aber zielte auf einen finanziellen Rahmen, der in Europa unvorstellbar war: Etwa 50 Streichinstrumente, knapp 40 Bläser, neben Orgel, Klavier, Harmonium, Celesta und Mandoline 5 Harfen, eine zum Teil völlig neuartige und sehr reichhaltige Beteiligung von Schlaginstrumenten, daneben sieben Gesangstimmen, einen Knabenchor und zwei große gemischte Chöre.
Gustav Mahlers eigentliches Vermächtnis wurde „Das Lied von der Erde“, das er in der Sorge, das Schicksal Beethovens und Bruckners zu teilen, zwischen seiner 8. und 9. Sinfonie geschrieben hat – als „ein großes
Lebewohlsagen, ein Abschied von Jugend, Schönheit und Freundschaft“.
Die Musikwissenschaftler halten auch dieses Werk nicht für eine richtige Sinfonie, sondern für einen Liederzyklus für Alt, Tenor und Orchester. Der Weltschmerz dieser Tonschöpfung ist echt – und echter Mahler, der längst keine Rücksicht mehr auf den Zeitgeschmack nahm und vielleicht seherisch in die Zukunft blickte: „Menschlich mache ich jede, künstlerisch gar keine Konzession; wer zu verlieren fürchtet, ist schon verloren.“ Die Uraufführung war ein halbes Jahr nach seinem Tod.
Deutsche, englische, niederländische, amerikanische und spanische Musiker, Sängerinnen und Sänger sorgen dafür, dass Gustav Mahler „weiterlebt“. Sie verdanken Mahler herrliche Vertonungen, an denen sie ihr ganzes Können zeigen können – und ihre Fähigkeit, Gefühl in die Stimme zu legen und an die Zuhörer weiterzugeben. Ein eindrucksvolles Beispiel ist das spanische Stimmwunder Montserrat Caballé.
Viele moderne Musiker berufen sich auf Gustav Mahler – für andere hört die Musik bei Mahler auf. Für Leonard Bernstein nicht; er spann häufig einen Bogen von „Mozart bis Mahler“ und fand, dass die amerikanische Musik weit zurück hinter „diesen Deutschen“ läge, aber von ihnen, zeitverzögert halt, immer noch inspiriert werde.
Die modernen Komponisten fühlen sich sehr von Mahler ermutigt, allerdings auch durch seine Instrumentationskunst stark herausgefordert. Er war ein Wegbereiter der Neuen Musik. Vielleicht war es seine Tragik, dass er sich aus der Romantik, aus der Gründerzeit, aus dem Jugendstil herauslösen musste. Seine musikalischen Visionen konnten nicht immer Schritt halten; ihm blieb in gerade fünfzig Lebensjahren auch zu wenig Schaffenszeit.
Hans Werner Henze beschreibt Mahlers Musik: „Zum ersten Mal in der Geschichte der Musik fragt eine
Musik sich selbst nach ihrem Daseinsgrund und nach ihrer Beschaffenheit. Ihr Anspruch an sich selbst steht auf der Höhe der Zeit, aus der und in der sie entspringt, es ist eine wissende Musik, mit dem gleichen tragischem Weltgefühl versehen wie Freud, Kafka, Musil. Ihre Provokation beruht in ihrer Wahrheitsliebe und in dem daraus folgenden Mangel an Beschönigung. Wie alle große Musik kommt auch dies aus dem Singen und Tanzen des Volks, aber nichts wird dadurch einfach, nein, alle wird erst wirklich, und wirklich schwer.
Es ist viel Trauer um Verlorenes darin, aber auch Botschaften für die Zukunft der Menschen sollen vernommen werden: eine davon heißt Hoffnung, eine andere, an das Wesen der Musik selbst gerichtet, heißt Liebe.“
Hermann Prey berichtet, dass er nach der Ermordung John F. Kennedys unter Joseph Keilberth Mahlers Liederzyklus „Kindertotenlieder“ gesungen hat. Nach dem zarten Schlummerlied sei es im Konzertsaal minutenlang still geblieben, ehe der Beifall aufbrauste.
Die symbolische Umwandlung seiner Tondichtung war sicher in Mahlers Sinn, der sich sehr für die Neue Welt und für Humanität und Menschenwürde (damals schien vieles davon noch zusammen zu passen) begeistert hat.
Er sagte 1910, ein Jahr vor seinem Tod am 18. Mai 1911, einem Berliner Musiker: „Das ist ein europäisches Laster, dass alle sagen: `Das geht mich nichts an!`- Die Welt geht mich was an … und nur wer mit uns mitleidet, gehört zu uns!“
Vielleicht fällt den Lesern auf, dass nahezu alle hier erwähnten Namen unbeabsichtigt Menschen jüdischer Herkunft gehörten. Es war eben auch ein kultureller Selbstmord für Deutschland und für Europa, als wir Deutsche Hitlers Juden-Vernichtungswahn zuließen und an seinen Folgen mitschuldig wurden.

© Helmut W. Brinks

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