Coole Insel

Das Mörderspiel

© Julian Higgins

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Alle lieben das Mörderspiel

Hab ich euch schon von Mrs. Moore erzählt? Sie ist eine erfolgsarme Romanschreiberin, lebt auf unserer Isle of Skye in einem alten Fachwerkhaus, das innen total mit rostfarbenen Kunstteppichen bezogen ist. Marlitt Moore ist eine universelle Künstlerin. Ich lebe bei ihr wie in einer Familie, sie schafft ein Stück Heimat für mich.

Marlitt nimmt sich viel Zeit für mich; sie ist eine gute Zuhörerin und ich vertraue ihr Geheimnisse an, die ich noch keinem erzählt habe. „Mütterlich“ wäre zu stark beschrieben, es muss zwei Stufen darunter sein. Ich will das nicht genauer vertiefen.

Ich habe natürlich einen Grund, mich hier oben eine Weile abseits zu halten. danach fragte mich keine. Ich war zahlender Gast, gestaltete freiwillig ihren Garten um und ermutigte Marlitt, ihre Schreibblockade zu überwinden. Beim Geschirrwaschen sind wir uns nahe gekommen. 

Marlitt macht mir, ihren Töchtern und, etwas verändert, auch für Ronnie ein fantastisches Inselfrühstück, das mich bis zum Mittag sättigt.

Zwischen Fünf und Sechs begleite ich Marlitt zum Fischmarkt und in Annie`s Shop. Wir kaufen nicht jeden Tag etwas, Zeitungen natürlich, aber die Gespräche der Frauen sind für sie lebenswichtig; mit den Fischern kann ich mich nicht unterhalten, weil ich ihren gälischen Slang nicht beherrsche. Ich sehe ihnen gerne zu, wenn sie ihre Netze leeren und die Fische sortieren.

Nach der Zeitungslektüre (der Zeitungen vom Vortag) und dem Frühstück drängt mich Ronnie hinaus – egal, welches Wetter ist. Margret ist genauso wetterfest. Die 21-jährige arbeitslose Verkäuferin war unermüdlich darin, mit mir noch mehr Geheimnisse der kleinen Insel aufzuspüren und mich auf einige neue, auch ihre eigenen,  neugierig zu machen. Ich bin schon etwas über sieben Wochen hier und wir waren bis auf die Sonntage jeden Tag unterwegs. Bis vor vielleicht 14 Tagen, als Margret beim Chorabend Ben kennenlernte. Seitdem steckt seine Zahnbürste in Margrets Becher. Manche Nächte schlief er hier im Haus.

Margret ist lustiger als ihre Schwester, in ihrer schottischen Eigenart mindestens ebenso hübsch und sie hat mich gedrängt, ihr alle denkbaren Arten des Küssens hautnah zu zeigen und ihre Kenntnisse immer wieder zu vertiefen. Das war nach Bens Erscheinen zur Erleichterung von Marble und ein bisschen auch von mir vorbei.

An ungeraden Tagen hatten wir zusammen geduscht. Mit Marble, die meist drei oder vier Tage in der Woche bei ihrem Freund blieb, half ich an den restlichen Tagen warmes Wasser zu sparen. Das war nicht ausdrücklich vereinbart, es hatte sich so ergeben – um die jeweilige Paarung wurde trotzdem immer wieder gestritten – wie Frauen so sind.

Margret glaubte daran, dass innige Hautkontakte uns dafür stark machen, in der auch in Schottland bereits spürbaren Erderwärmung eine bessere Anpassung zu erreichen. Vielleicht hat sie recht und wir können hier oben in 10, 15 Jahren mal ohne zu erfrieren die Füße kurz ins Meerwasser halten. Marble hatte die Eingebung, dass wir einander besser kennenlernen, wenn wir im Dunkeln duschen und Licht sparen.

Marlitt Moore könnte geahnt haben, was zwischen ihren Töchtern und mir lief, doch sie war nicht eifersüchtig. Wenn Margret bei Ben im Zelt war und Marble bei ihrem Autofritzen, hatten wir mehr Zeit für einander – so glättete sich vieles von selbst.

Welchen Status hatte ich – fragten sich viele im Dorf. Zahlender Gast, der im Garten arbeitete? Schwieriger war ein drängendes Alltagsproblem: Wer besorgt uns Kondome? In Annie`s Laden einen Karton voll zu kaufen, hätte die Gerüchteküche nur angeheizt. Die Frauen hatten den Einfall, im Laden beiläufig zu erwähnen, dass ich hoffnungslos schwul sei. Das half wenig und brachte manche andere Frau auf die Idee, es auf einen Verführungsversuch ankommen zu lassen.

Marble war ein Ass im Kirchenchor, in dem so gut wie alle Frauen und nur ausgewählte Männer aus der Umgebung sangen. Der Chor probte dienstags und freitags, immer ab 8:15 p.m.
Ich hatte neben meiner selbst gestellten Aufgabe mit der Umgestaltung ihres Gartens – dafür nahm ich mir am späten Vormittag und nachmittags Zeit – wenig Abwechslung und freute mich, dass alle drei Frauen darauf bestanden, mich zu den Proben mitzunehmen, sicher weniger wegen meiner Stimme. Unser Singen dauerte ungefähr eineinhalb Stunden, dann kamen die Wirtin aus dem Pub und ihre Tochter mit einem Wägelchen voll mit einem Curry-Garnelen-Reissalat und dunklem Brot mit Butter. In dem Kasten unter dem Essbaren stand das dazugehörige Bier, das bald aufgebraucht war. Der Wirt lieferte nach.

Als alle bei ihm ihren Gemeinschaftsbeitrag bezahlt hatten, öffnete der Küster einige pikante Düfte ausströmende Wandschränke; Patty und Joice legten CD´s auf und im Nu umgab uns eine entspannte Atmosphäre von vertrauter Dorfgeselligkeit. Na ja, die Männer sind bei solchen Gelegenheiten ziemlich muffelig und lassen sich schwer zum Tanzen bewegen.
Die Sänger kamen aus den benachbarten Dörfern, vier mussten von einigen Meilen mehr herradeln; Ben sogar von Oskaig auf Raasay – verdammt weit weg, Luftlinie hilft ja nichts, wenn er immer eine Fähre oder ein Boot braucht; es war unvermeidbar, dass er bald näher an Portree ein wetterfestes Zelt aufschlagen musste.

Ich tanze für mein Leben gern und das schätzten Marlitt, ihre Töchter und die anderen zweiunddreißig Sängerinnen. Marble hatte sich wieder aufregend herausgemacht – noch auffallender als die anderen Frauen. Ich sagte ihr meine Bewunderung und was sie mir beim Tanz ins Ohr flüsterte, hätte der lustige Reverend besser nicht gehört.

Hat er aber – oder nur Wortfetzen und sich den Rest selbst ergänzt. Der auf einmal strenge Hirte stellte die Musik ab und setzte zu einer Rede an. Marlitt schubste mich an: S-O-E, das heißt (übersetzt) „Rette Unsern Abend“.

Ich rief: „Hört mal her, Leute! Wir könnten jetzt ein superspannendes Spiel spielen.“

 

 

Ich ließ sie wählen zwischen dem „Mitternachtsspiel“, dem „Meeresungeheuer-Spiel“ und dem „Mörderspiel“.

 
Also das dritte. Ich erkläre es euch mal erst: Dies ist von allen Spielen, die ich auf Partys vorschlage, das mit Abstand beliebteste, besonders bei Frauen.
Es lohnt erst zu spielen, wenn mindestens fünf Frauen da sind. Aber habt ihr schon mal Partys erlebt, auf denen weniger Frauen sind?

 
Besser, wir warten bis zum späten Abend, wenn genug getanzt und getrunken worden ist und wenn aufkommende Langeweile zu befürchten ist.
Eleganter ist es, Zettel ziehen zu lassen, aber praktischer sind Streichhölzer: ganze für alle, nur die Mörderin oder der Mörder zieht ein halbiertes Hölzchen.

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Das gibt erst mal Stimmung. Aber was keiner ahnt: Es gibt zwei Mörder-Hölzchen.
Und ihr haltet es nicht für möglich: ich erlebe es häufig, dass es ungeplant noch mehr Mörder gibt, meist Mörderinnen, weiß der Teufel, warum – wird irgendwas mit der weiblichen Psyche zu tun haben.

Also, die Chorversammlung zog Streichhölzchen. Wir waren schön spät dran und in den Wandschränken standen ja nicht nur stimmungsdämpfende Wasserflaschen. Ich befahl Ruhe und erklärte: Alle Frauen auf die linke Stuhlreihe, alle Männer, auch der Reverend, auf die rechte. Ich bin der Spielleiter und spiele nicht mit. Der 1. Mann fängt an, die Frauen nacheinander zu fragen: „Bist du eine Mörderin, Darling?“

„Forderung an alle Männer: Wiederholt diesen Satz!“


Und zur Übung auch die Frauen: „Bist du ein Mörder, Liebling?“


„Haltet euch genau an diese Fragen und an dies: Die beiden müssen sich tief in die Augen sehen und sich dann ganz, ganz leicht mit den Lippen berühren. Horcht in sie hinein.
Nur die Mörderin gibt es zu, indem sie den Frager richtig küsst. Und wenn sie es mit dem halbierten Hölzchen beweist, darf sie zu der anderen Stuhlreihe gehen und die Befragung bei den Männern fortsetzen: „Bist du ein Mörder, Liebling?“ Alles klar? Dann los!“

Natürlich ergeben sich viele unvorhersehbare Situationen. Die Stimmung und der Lärm steigen; keine wartet, bis sie dran wäre und es ergibt sich ein schönes und lautes Durcheinander.
Was meint ihr: wie verhielt sich der Reverend, dessen Frau Liz natürlich mitsang?

Wir spielten ohne erkennbares Ende. Viele lagen sich länger in den Armen.

Wie fast immer hatte ich in der Raucherpause zwischendurch einen diesmal längeren Spaziergang mit Deborah, der reizvollen Schwester von Liz; sie hatte mich schon vor Wochen spüren lassen, dass sie nichts gegen eine handfeste Tändelei mit mir hätte. Ich mag es, wenn Frauen nicht lange warten. Bei ihr hatte ich was im Arm: ihre Figur konnte einen in wertvolle Stimmungen bringen. Der Abend wurde sowieso lang.

Ich bin mit Marlitt und Marble lange nach Mitternacht heimgegangen. Wir haben den ganzen Weg gesungen. Und verschmerzt, dass Margret fehlte, wie seit Wochen schon nach den Chorabenden. Marble sagte mitfühlend: „Sie wird sich bei Ben den Hintern abfrieren, wenn sein Schlafsack zu eng ist.“

Marlitt konnte Ben gut leiden, nicht zuletzt, weil er handwerklich geschickt war und vieles reparieren konnte.

Ähnliches hatte es in unseren Fischerdörfern noch nicht gegeben. Die Aufregung war groß.
Ausgerechnet auf den Reverend fiel ein Verdacht. Jemand hat darauf hingewiesen, dass er beim Mörderspiel nicht richtig zum Zuge gekommen war.

Die Polizei rückte noch am Wochenende mit einer stattlichen Truppe an. Sie waren vom Stützpunkt Glen Moriston mit Hubschraubern rüber geflogen. Sie haben fast alle aus dem Chor, die wieder zuhause waren, verhört und waren bis Sonntagabend mit den umliegenden Dörfern erst in einer ersten Runde fertig. Sie wollten Montag bei uns weitermachen und dann noch mal ein gründliches Verhör mit dem ziemlich nervös gemachten Reverend versuchen.

Wir hörten im Inselradio einen altgedienten Polizeimenschen sagen: „Wir haben noch einen jungen Kerl aufgestöbert, der mit seiner Freundin zeltete, unerlaubt natürlich. Die Frau war sein Alibi. Aber Frauen sind das unsicherste Alibi. Wir haben ihn vorsichtshalber festgenommen.“
„Wegen Fluchtgefahr sicher?“, fragte der Reporter. „Wo haben wir denn hier ein Gefängnis?“
„Haben wir nicht, nur Ruinen aus dem Mittelalter. Hier haben wir Räume für die Ausnüchterung der gewalttätigen unter den Besoffenen. Da ist er erst mal sicher.“

Ich hatte sowieso schon länger vor, weiterzureisen, so herzschwer es mir fiel. In meiner letzten Nacht hat sich Marlitt besonders lieb von mir verabschiedet. Sie hat sich einfach zu uns gelegt: „Nun rück mal ein Stück, Marble, wenn`s dir nichts ausmacht.“

Ich wollte in den Frühbus, der montags kurz nach Fünf am Friedhof hält, aber Marble nahm mich nach dem Abschiedsfrühstück auf dem Motorrad bis zum Hafen Drynoch mit; es war ein Umweg für sie, einige Umarmungen und verschmierte Gesichter wert.

Schade, dass ich Margret nicht mehr küssen konnte. Ich komme sicher mal wieder. Sicher?

 

 

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Lasst euch verzaubern: Fisch aus der Irish Sea

 

 

Meine Mitarbeiterinnen

Zu Mitarbeitern muss man nett sein, dann spuren sie. Dachte ich lange.
Samantha war im Herbst fünf Monate bei mir in Glasgow. Es war von Anfang an klar, dass es eine rein sachliche Beziehung sein würde. Ihr abschreckender Mundgeruch hätte sowieso alles andere verhindert.

Samantha sollte mir bei meinem Hobbyhelfen, das hat sie kapiert und „kein Problem“ gesagt. Dreimal hat sie mir in ihrer Probezeit ordentlich geholfen: bei der Joggerin, der Marktbekanntschaft und bei der Frau im Fahrstuhl.

Ich war wohl zu großzügig: sie durfte behalten, was ihr gefiel – die Handtaschen, die Ringe, die Halsketten, die Uhren und die Schuhe. Auch schon mal was zum Anziehen. Was hätte ich damit machen sollen! Nur die Geldtäschchen hab ich mitgenommen. Wir Menschen sind nun mal auf Beutescharf – Naturgesetz.

Dann ist ihr der Erfolg zu Kopf gestiegen; sie wollte ein festes Gehalt oder eine Ablösesumme. War dumm von ihr. War aber ihre letzte Dummheit.

Ich stand wieder vor der Frage, ob ich eine Neue anlerne, das ganze Zeug auf mich nehme: lange Gespräche über ethisches Handeln, das Technische, Rechtsfragen und die verantwortungsvolle Aufsicht über die Probearbeiten.

Und als ich so grübelte und grübelte, sah ich Emily. Sie turtelte grade mit einem anderen Wutbürger, sah aber mein Winken. Als sie den Kerl losgeworden war, kam sie zu mir rüber, hielt aber dreißig Fuß Abstand.

„Womit werde ich hergelockt?“ rief sie.

„Gibt es einen Job, den du nie machen würdest, Honey?“

Sie kapierte schnell: „Bestimmt mehrere. Schornsteinfegerin zum Beispiel, wegen Höhenangst. Auch Taucherin nicht, Fahrlehrerin, Chirurgin, Kartoffelschälerin, Bürgermeisterin, Bestatterin…“

„Halt“, rief ich. „Was hast du gegen Bestatterin? Wird doch prima bezahlt.“

„Mich stört der Leichengeruch, glaub ich.“

„Könnte ich dir garantieren, dass sie noch nicht stinken.“

„Wer?“

„Unsere Dahingeschiedenen. Sind alles Frauen, am liebsten solche, die ich mag. Und nur eine überschaubare Zahl.“

„Hört sich edel an. Was bringt es mir – außer einen sicheren Platz im Frauengefängnis? Sollten wir nicht erst ein paar Gin darauf trinken?“

Mit Emily war es einfach; sie war eben lebenserfahren. Wir haben für das Geschäftliche nicht lange gebraucht.

Für die Probearbeit haben wir uns auf etwas nicht zu Schweres geeinigt: eine Verkäuferin bei Marks & Spencer, Wäscheabteilung, aber: „keine ganz Junge, keine Affige, keine mit schwarzen Strümpfen“.

Das hat sie dann ziemlich gut gemacht. Danach, auf der Rolltreppe, haben wir aus Sicherheitsgründen ein Paar gespielt. Hatten wir vorher geübt. Sie hatte keinen Mundgeruch.

Weil sie nichts mitnehmen konnte, hat sie „Cash“ verlangt. Wieso von mir? War doch ihr Fehler. Aber ich bin ja nicht so: hab ihr als Glücksbringer die Brosche mit dem Glitzer-Klunker geschenkt.
Hätte mich fast an sie gewöhnt. Beim nächsten Einsatz war sie entschieden zu langsam beim Einsammeln von den Sachen. Zwei Kugeln der Security-Frau haben sie vor weiteren Aktionen bewahrt.

Wie ich oft sage: Es kann auch schief gehen. Und man kann nicht alles haben.
Ich grübele wieder, ob ich noch mal eine Helferin suchen soll…

 

Der Holländer

Ich hab euch doch von dem Holländer erzählt, der Frauen und Männer in Benelux abmurkst; keine Ahnung, ob er ein Motiv hat. Über so was sprechen wir auch nicht. Höchstens über ein paar Vorlieben dabei, Haarfarbe, Körbchengröße, Schuhe…

Er ist verrückt nach Stiefelträgerinnen, davon gibt’s ja wirklich Massen – seit die Frauen sich freiwillig mit den weite Strecken marschierenden Kriegern solidarisieren, für die das feste Schuhwerk vor Jahrhunderten erfunden worden ist.

Ich hatte geschäftlich in Arnheim zu tun. In einem Café habe ich diesen Holländer wieder getroffen; er hatte zwei angenehm auffallende Frauen dabei; ihr könnt euch ja denken, was die an den Füßen hatten.

Wir haben uns kurz begrüßt: „Lasst euch nicht stören, vielleicht können wir später kurz…“

Als er zum Klo ging, hat er mir ein Zeichen gemacht; ich bin ihm unauffällig gefolgt.
Eine der Damen, die in dem raffinierten blauen Kleid, ist mir nachgegangen, ich musste abbiegen und hab mir was aus dem Automaten gezogen, bis sie weg war. Wir hatten uns wie Vielbeschäftigte mit dem kleinen Handzeichen getrennt. 

Der Holländer, ich halte ihn für einen intellektuellen Typ, die sind ja alle nur mit Vorsicht auszuhalten, hat schnell gesprochen: „Du, ich hab Karriere gemacht, du weißt doch, dass ich bei den Unabhängigen bin? Jahrelang war ich Schatzmeister und Vorstandsstellvertreter und nebenher bin ich ehrenamtlicher Schöffe im Landgericht.

Genau das war mein Glücktreffer; sie brauchten auf die Schnelle einen noch nicht Vorbestraften im Ministerium für Wohnungsbau, als Referent. 12.400 Euro plus Zulagen. Klar, hab ich zugesagt; ich hatte schon immer ein Faible für Wohnungen…“

„Und jetzt fehlen plötzlich einige im Amt?“, fragte ich. Er verstand mich nicht sofort, lachte dann aber: „Nein, kommt nicht in Frage, nicht in meinem Ministerium, nicht mal nebenan im Gesundheitsministerium…

„Lass mich raten“, sagte ich, „aber im Finanzministerium gibt es unglaublich viele Frauen, die Stiefel tragen. Oder trugen…“

„Ja, das ist ein hübsches Hobby, aber ich hab ein privates Problem.“
„Raus damit, da kommt jemand.“ 

„Muss ich flüstern: Ich bin Referent. Meine Chefin ist ein unerträgliches Ekel…“
„Aber sie trägt dauernd Stiefel“, sagte ich.

„Genau. Außer, wenn wir zuhause sind. In ihrem Fall sind es Stinkstiefel. Sie futtert Unmengen Pralinen, der Fernseher läuft stundenlang und sie will immer knutschen. Ist nichts für mich. Könntest du mir einen Gefallen tun? Für dich ist das doch ein Klacks.“

„Ist sie blond?“

„Nee, eher braun, glaub ich. Machst du es für fünf Riesen?“

„Muss ich ausrechnen, da kommen allerhand Spesen dazu. Stell mich ihr vor, warum nicht gleich Montag bei euch im Amt?“

„Was soll ich dann sagen: Gib deinem Mörder die Hand, Liebling?“

„Quatsch. Sag, dass ich ein paar Hunderttausend Wohnungen kaufen will. Das wird sie aufmuntern. 

Jetzt erst mal zu deinen Begleiterinnen. Mich interessiert die in Blau. Die kannst du doch entbehren. Wie heißt sie?“

Corinnas Parfüm

Die blaubemützte Respektperson mit dem Stadtwappen hatte wohl nicht darauf geachtet, dass ich keine sechs Minuten geparkt hatte. Oder grade doch? 

Ich war nur mal eben Fish `n´ Chips holen gegangen und hatte unterwegs schon etwas von den leckeren Sachen gefuttert; deshalb konnte ich ihr mit herzlichem Bedauern meine Tüte nicht mehr anbieten.

Über meine Angebotsverhinderung hat sie immerhin gelacht. Das war schon nicht mehr der dienstliche und leicht erweiterbare Teil unseres Anfangs.

Man soll ja Frauen nie zu wenig versprechen: „Also, mit Ihnen würde ich heute Abend zu gern ein kleines Interview über Ihre schönsten oder aufregendsten Erlebnisse als Polizistin machen – für eine Vormittagsendung der BBC – natürlich nach einem wunderbaren Essen auf Sender-Kosten, so fantastisch, wie Sie es seit Weihnachten nicht mehr hatten. Und Ihren Freund dürfen Sie gern mitbringen.“ 

„Kommt nicht infrage“; sagte sie schnell, „der würde nur immer dazwischen quatschen. Aber vielleicht meinen Kollegen vom PR-Referat.“ 

„Können wir überlegen“, war meine zurückhaltende Antwort, „aber ob es nicht inter- essanter und vielleicht sogar für Ihre Karriere günstiger wäre, wenn übermorgen alle Kolleginnen und Ihr Chef auf Sie zustürmen und wissen wollen, wie Sie ein so tolles Interview hingekriegt haben?“
Also, das hat geklappt; ich musste nur einen Kompromiss schließen:

Ich soll sie morgen Abend ab Sieben abholen; sie bringt einen Spickzettel mit den Punkten, über die sie dann erzählen will. 

Wir tranken erst mal gleich gegenüber einen Kaffee Cuba und ich sah mehr von ihr: mittelblond, nur das nötigste Make-up, schlank wie Madonna, interessante Wölbung in der Uniform-Bluse, keck und ganz schön schlagfertig. 

Als ich sie zum Abschied auf die gepuderte Wange küsste, spürte ich einen Hauch ihres Parfüms, erdig, mit Moschus natürlich, extra stark. 

Sagte ich ihr auch. „Also bis sieben, Love, 188 Wardour Street. Ich hupe nicht.“ 

In Zivil war sie nicht wiederzuerkennen. Corinna strahlte und fragte: „Wo haben Sie denn Ihr Aufnahmegerät und die Scheinwerfer?“ 

Ich küsste sie auf den schön gemalten Mund – ich nehme gern die direttissima, das haben manche Frauen nicht ungern – und zeigte ihr meinen Recorder: „Siehst du, der ist kleiner als eine Zigarettenschachtel. Mehr brauchen wir nicht; aber ich bin ganz weg: du siehst umwerfend aus.“ 

Das war nicht nur so dahingesagt und ich habe es ihr an diesem Abend noch sechs- oder sieben Mal gesagt und bin später ohne Schmus darauf zurückgekommen, übrigens vor dem Interview und auch noch in meinem Wagen. 

Das Kleid hatte einen mutigen Ausschnitt, der es mir schwer machte, ihr lange in die Augen zu sehen. Das Essen war mehr als große Klasse. Wir haben viel gelacht und nicht wenig getrunken – natürlich Wein vom Kontinent. 

Corinna hat mir von einem unwahrscheinlich süßen Rider Moke vorgeschwärmt; könnte ein Sänger sein, und wohl einer, der nichts für Frauen übrighat. 

Dann hat sie Jessica Brunsbary zu ihrer Lieblingsautorin in Fortsetzungsserien erklärt und die Graphic Novels spannend gefunden, die immer in ihrer Kantine herumliegen. Das fand ich großartig und wir wurden uns in vielem einig. 

Herrlich beschwipst haben wir auf dem Parkplatz mein nicht mehr sichtbares Auto gesucht. Hat eine Weile gedauert, und die frische Luft hat uns gutgetan. Wir hatten lauter Schönes zu tun. Sie konnte nicht genug kriegen. 

Lange nach Mitternacht, das Kunstleder in meinem Wagen war schon schön angewärmt, wollte ich von Corinna wissen: „Sind alle Polizistinnen so ausgehungert nach Küssen?“ 

„Alle, die ich kenne, aber keine freut sich wahrscheinlich mehr auf das, was dazugehört. Das genieße ich noch viel mehr. Mach weiter, Jul!“ 

Ich hab`s ihr und mir gegönnt, ehrlich. Wir fanden es beide super. So umwerfend hatte ich mir das gar nicht vorgestellt. Sie lächelte richtig glücklich, als sie – „länger geht’s absolut nicht wegen der Morgenschicht“ zurückwinkend ihre Haustüre aufschließen musste. 

Ich habe zwei Zigaretten geraucht. 

Sie hatte es gar nicht versprochen, aber ich musste einfach warten: 

Nach vielleicht zwanzig Minuten kam sie zurück. Corinna hatte wenig an unter dem Mantel. Sie hat mich unwahrscheinlich beschenkt. Unvergesslich! Das lässt sich nicht wiederholen und nicht steigern…

Ich werde zu ihren ersten zwanzig Männern zählen, aber…

 

Sogar aus dem Innenministerium war einer da und hat sie als „Heldin des Alltags“ gerühmt. Ihre Chefin hat geschluchzt und eine von der Mitarbeitervertretung. Einige Kolleginnen haben ein Lied angestimmt, mussten aber vor Rührung aufhören. Eine Frau half reihum mit Taschentüchern aus.

Wenn sie jetzt noch die Nationalhymne anstimmen, wird’s auch mir mulmig, dachte ich.
Als ich die Unmengen Blumen sah, die man ihr auf den Sarg warf, fragte ich den Trauergast neben mir, „Warum schenkt man Frauen nicht ab und an Blumen, solange sie sich noch darüber freuen können?“ 

Ach, sorry, der war im Dienst. Hey Sie jetzt, hören Sie mir überhaupt zu?

Verführung eines Serienmörders

Natürlich habe ich die Grünhaarige gleich gesehen. Mir stach nicht ihre schräge Aufmachung in die Augen: Mir gefiel, was sie aus ihren Haaren gemacht hatte, war wirklich sehenswert – obwohl ich gegen solche Äußerlichkeiten längst immun bin.

Als ich sie diskret musterte, bekam ich Appetit. Nein, nicht aufs Vernaschen, das gehört nicht zu meiner Art. Oder zu meiner Methode. Ich hab sie ja immer nachher, so lange ich will. Wenn ich sie hab.

Irgendwas ist heute anders. Schnauze, sie kommt auf mich zu. Mädchen, du ahnst nicht, in was du da reinläufst, du mit deinem Baby im Kinderwagen. Hören wir mal, was sie will:

„Guten Nachmittag, Sir, verzeihen Sie meine Dreistigkeit: ich bin in großer Not: Ich warte hier auf meinen Verlobten, Beinahe-Verlobten eigentlich, aber ich müsste mal super dringend drüben in dem Klo-Häuschen verschwinden, nur für drei Minuten, sonst kann ich`s nicht mehr halten. Würden Sie bitte auf das Baby aufpassen? Tausend Dank…“

Ich rief ihr nach: „Schon ok, Lady, geht klar, ich passe auf.“

Ich rauchte eine und noch eine. Sie ahnen es sicher schon: Das Biest kam nicht wieder. Ging ja auch schlecht.

Das verstörte die eben gekommene alte Dame auf der Nachbarbank. Nach zwanzig Minuten rief ich ihr zuliebe die Polizei an. 

Scheiße, mit meinem Handy, hab nicht dran gedacht, dass die leicht rauskriegen, dass ich auf der Fahndungsliste stehe, ziemlich weit oben…Hab ich meinen Namen gesagt? Das, was ich immer sage: „Hillary, Mark Hillary von Hillary & Sons, Maidenhead?”

„Vielleicht kommt es schon in den Abendnachrichten“, rief ich der Banknachbarin zu, „es muss was passiert sein…“

Jetzt musste ich erst mal weg, nicht nur aus dem Park, besser aus der Stadt. Die Dame wird sich schon um das Baby kümmern, wenn es schreit. Vielleicht liegt auch ganz was anderes in dem Wägelchen.

Das Taxi fuhr mich zur Victoria. „Einmal einfach Economy nach Luton.“

Und dann, wie betrunken oder mit einer Droge: „Ach, hab`s mir anders überlegt, danke. Ich bleib hier. Wegen Ihnen. Im Ernst. Haben Sie den Abend noch frei, schönäugige Prinzessin? Ich wüsste ein fantastisches Lokal. Mögen Sie raffiniert überbackenen Lammbraten aus dem Steinofen?
Lieber um Neun? Kommt nicht auf ´ne Viertelstunde an. Abgemacht. Ich hol Sie am Picadilly ab. Ich hab eine Zeitung unterm Arm. Nicht, dass ich die Falsche küsse!“

Lief alles gut – oder normal. Abigail war bester Stimmung, trank ein bisschen viel; danach zeigte sie mir ihre Zimmer. Ihre Freundin war noch aus, könnte aber bald zurück sein. Zeit für Tanzmusik. Candlelight.

Wir haben was getrunken und geschmust. Der Wein machte mir zu schaffen.
Stunden später wachte ich auf – neben einer Fremden. Die hat gelacht, kriegte sich nicht mehr ein: „Wen hat mir Abigail denn heute auf die Matratze gelegt? Hallo, Fremder!“

Ich murmelte verschlafen: „Hey, ich bin Gregor, mit zu wenigen Wassern gewaschen und hungrig auf Frauen wie dich. Hast du noch einen letzten Wunsch, Sweetie?“

Sie hatte einen. Hat mich auf ganz andere Gedanken gebracht. War richtig schön. Morgen ist ja auch noch ein Tag.

Am Morgen waren beide weg. Vielleicht Frühschicht. Kein Zettel, kein Frühstück; ich musste mir was draußen suchen. In der Kaffeebar zwei Ecken weiter frühstückten zwei Bullen genussvoll üppig; ich war nicht auf sie gefasst – hab sie zu spät gesehn. Bestimmt habe ich nur neidisch geguckt, aber irgendwie hatten sie Witterung aufgenommen.

Ich kann diese verdammten harten Handschellen aus Stahl nicht leiden…

Als sie mich zu dritt in den Streifenwagen drückten, rief der Dickere: „Vorsicht, Kumpel, der Kerl pisst durch die Hose ins Auto.“

Ihr hätten die drei sehen sollen, wie sie sich Sorgen um das Auto machten.

Weil sie mir eine Schelle gelöst hatten, um mich innen anzuschließen, war es kinderleicht, mich hinters Steuer zu zwängen und mit offenen Türen loszubrausen.

An der nächsten Ampel ließ ich sie rausspringen. Man ist ja kein Unmensch. Und ein Schelm, wer Schlechtes dabei denkt, steht angeblich auf dem Hosenbandorden. Kann ich sogar auf Französisch sagen… 

Ich versuch`s heute Abend noch mal; die Adresse weiß ich noch. Sollte man nicht wenigstens Cheerio sagen, wenn`s vorbei ist?

Und ihre coole Freundin, ich weiß ihren Namen nicht mehr; als ich ihr sagte, dass ich ganz bestimmt grade nicht verheiratet bin, hat sie gelacht: „Hätte mich auch kein bisschen gestört, Gregor, du bist eine Sünde wert und ich kann`s Sonntag schon beichten; come on, Sam, play it again!“ Könnte doch mein Glückstag sein, heute. Zwei leben ja noch.… 

Kannten Sie die Staatsanwältin lebend?

Nach der Verhandlung kam mir eine weiterführende Idee. 

Die rosig-mollige Mitarbeiterin der Staatsanwaltschaft hatte, was ich natürlich erregt bestritt, recht: Mein Plan war von Anfang an, ihre Chefin umzubringen – wie die anderen Frauen. 

Ich wollte mir diesmal Zeit lassen. Das liegt aber länger zurück und alles kam anders: ich war hingerissen von Karinas Fähigkeit, sich vollkommen zu verändern, ja, wirklich, eine ganz andere zu werden, eine Frau, die mich täglich mehr bezauberte, die ich bewundern und lieben musste.
Sie hat tatsächlich am späten Nachmittag ihren Talar an einen Haken gehängt und auf mich gewartet; ich habe sie immer abgeholt. 

Und schon nach wenigen Tagen habe ich sie unsinnig begehrt. Das ist untertrieben gesagt. Als sie noch keine sechs Mal mein Lager geteilt hatte, war ich ihr hörig. Jedenfalls muss sie das so empfunden haben. 

Ich schäme mich zuzugeben, dass unsere Beziehung mit meinem blöden Stolpertrick begonnen hatte. Wollen Sie das hören? 

Ich hatte sie ja schon eine Weile im Visier, im gut besetzten U-Bahn-Wagen. Ich bin ihr über den Ausgang bis zur Kreuzung gefolgt, habe sie dann bei Rot überholt und es hat mich, scharf berechnet, genau am Ende des Zebrastreifens auf das Pflaster geknallt. 

Es hat weh getan, weil es dort rutschig war. Sie wäre um ein Haar über mich gestolpert, sie konnte sich gerade noch bremsen, ihr Knie musste für Sekunden auf meinem Bauch notlanden. Ihre Tasche flog ein Stück voraus und schrammte über den Bürgersteig..

Die Wirkung war zum Lachen, ich musste aber ernst bleiben und den Hilflosen spielen. Sie können sich das ausmalen: Geschrei, Hupen, Kreischen, Hilferufe, Aufhelfversuche, während mindestens drei Autos in einander krachten. Ein irrer Sound. 

Aber vor allem: Karina war bei mir. Mit unwahrscheinlich vielen anderen Leuten. Sie versuchten, mich aufzuheben, das ging nicht, weil ich wieder zusammensackte. Ich mimte eine Herzschwäche, 

Sie schleppten mich an den Häuserrand; jemand schob mir einen zusammengefalteten Mantel unter den Kopf; eine nach süßlichem Tabak riechende Jacke wurde über mich gebreitet. Das war nötig, denn es war kalt und es dauerte, bis der Krankenwagen kam. 

Ich hatte mich in meine Rolle gesteigert und bekam erst bei ihrer Wiederholung mit, dass Karina, meine Wangen schlagend, fragte: „Hören Sie mich, Sir? Hallo, kommen Sie zu sich! Gleich kommt Hilfe! Ich muss Sie noch mal schlagen: Hey, Sie, kommen Sie, nicht wegtauchen! Hallo, hier sind lauter Menschen, die sich Sorgen um Sie machen. Sind Sie verletzt? Wie bitte? Haben Sie etwas gesagt? Seid doch mal leise! Er hat etwas gesagt. 

Wo bleibt denn der Krankenwagen! Oder ist jemand Arzt? Hallo, Sir, sollen wir eine Ihrer Ex-Frauen anrufen? Was, das erschreckt Sie? Aber Sie sind doch verheiratet? Einen Ehering sehe ich nicht, aber den tragen Männer ja auch selten, aber Sie… 

Hören Sie…Da kommt der Krankenwagen – was denn, verdammt, warum fährt der denn vorbei?“
Während ich da ungemütlich lag und fror, war ich Karina nicht, wie es sich gehört hätte, gestenreich dankbar für ihre spontane Hilfe; ich stellte mir Stück für Stück vor, wie ich sie umbringen werde.

Ihr kennt das vielleicht: Filmemacher und manche Autoren machen sich ein Storyboard, in der sie Szene für Szene festhalten, was passieren soll. Diese Arbeit mache ich mir meistens vorher – es soll mir ja was bringen, damit ich erlebe, wenn ihre Seele wegfliegt. 

Ich kenne einen Holländer, der das auch lustvoll genießt, wenn er einen abmurkst. Er killt Männer und Frauen; ich nur Frauen, grundsätzlich. Denn ich liebe Frauen. Und sie lieben mich – das wundert mich immer wieder. Sie ahnen natürlich nicht, dass meine zärtlichen Hände auch ganz anderes können. Aber so süß und lieb wie Karina war keine. 

Tschuldigung, ich werde gerade in den Sani-Wagen geschoben. Könnten Sie sich für mich mal weiter was ausdenken? Die Richtung kennen Sie ja jetzt. 

Aber nicht mit Karina. Die sitzt neben mir und hält bezaubernd lächelnd meine Hand. Sie hat mich eben gestreichelt und ganz leicht meinen Bart berührt. Ihr Parfüm kämpft gegen das Desinfektionsmittel an. Ich finde sie umwerfend sexy. 

Ich gebe zu: ich hatte ein Vorurteil gegen Staatsanwältinnen. Diese hier ist ganz anders.
Üben Sie mal vorbeugend meinen Stolpertrick. Hilft immer. Vielleicht nicht nur bei Juristinnen.

 

 

Höhlenforschung

 

Was geht heute noch ohne Vitamin B? Das wird in allen Kulturkreisen ähnlich sein. Meinen Sie, ich als totaler Laie hätte jemals die Chance bekommen, an einem Top-Forschungsprojekt der Unesco teilzunehmen?

Es war auf dem letzten Drücker, als ich in Brindisi an Bord der Fähre kommen konnte. Alle anderen waren schon da und begrüßten mich sehr herzlich, weil mein vermittelnder Bekannter ihnen großartige Verdienste von mir vorgelogen hatte.

Louisa war die Projektleiterin, dann sagten Jason, Belen, Origon, Jeffrey, Santino und Merlin ihre Namen und schüttelten mir die Hand. Louisa tat so, als würden wir uns lange kennen und umarmte mich. Ich habe sie sofort rechts, links, rechts, links geküsst und versehentlich ihre linke Brust über der Steppjacke berührt. Die anderen Forschungsteilnehmer saßen unten an der Theke und stimmten sich mit dafür bewährten Getränken auf das Abenteuer ein.

Ich habe erst mal gezählt: fünf Frauen, neun Männer, mich eingeschlossen. Wer mag sich diese Mischung ausgedacht haben? Für das Forschungsvorhaben schien es mir unsicher zu sein. Der Beginn sollte in drei Tagen sein; wir mussten am nächsten Tag ein Schiff nach Scanmori nehmen und dort in einem Kafeneon unser Standquartier aufschlagen. Bis dahin war längst entschieden, welches Forscherpaar enger zusammenarbeiten wollte.

Ich hatte mich sehr zurückgehalten, in den lebhaften Diskussionsrunden nur ein kluges Gesicht gemacht und immer wieder die lockige Origon angelächelt, die als einzige Schwarze von allen gehätschelt wurde. Sie hatte mir sehr lieb aufgeholfen, als ich auf dem schwierigen Weg zum Kafeneon über einen Felsbrocken gestolpert und kurz stöhnend liegengeblieben war.

„Hoffentlich ist nichts gebrochen. Bewege mal das Bein. Wie heißt du, Partner, ich bin Origon.“

Sie glaubte mir erst, nachdem sie mein Bein abgetastet hatte. Louisa hat uns beobachtet. Ich habe ihr Lächeln mehrdeutig gefunden. Den Gesichtsausdruck von Jason auch.

„Danke, Origon, du kannst morgen früh meinen Joghurt haben, oder mein Feuerzeug.“

Wir übten das Anseilen noch mal im Freien. Die Dorfkinder fanden das irre lustig. Ich habe mich mit Bedacht neben Belen gestellt und Origon nur zugezwinkert. Aber abends beim Essen und Trinken saß ich wieder neben ihr.

Das Feuerzeug hab ich ihr geschenkt. „Ich kann mir ja bei dir Feuer holen, wenn wir da unten überhaupt rauchen dürfen.“ „Das hoffe ich auch. Denn sonst könnte es langweilig werden.“

Wurde es nicht. Wir hatten zu messen und die Daten an Santino im Kafeneon durchzugeben, wir entnahmen Proben vom Höhlenwasser, von den Felswänden und den Stalagtiten, an denen wir uns dauernd die Köpfe anstießen. Einmal rutschte mir Louisa in die Arme, dann stolperte ich wieder über Belen, und endlich einmal musste Origon mich auffangen.

Als sie an ihrem Seesack mit dem Reißverschluss kämpfte, hatten mich Jason und Belen im Blick. Sie erwarteten, dass ich auf den allerüblichsten Trick hereinfalle und helfe. Stunden später gab es ein ernsteres Problem: Origon bekam plötzlich keine Luft mehr und torkelte mir entgegen. An ihrem übertrieben forschungsmäßig aussehenden Overall hatte sich oben etwas verschoben; den Reißverschlusshebel konnte sie nicht mehr erreichen. Ich habe sie befreit und nichts sonst getan – nicht, was längst fällig gewesen wäre. Origon verstand mich wortlos und drückte nur meine Hand.

Ihre eigentliche Belohnung bekam ich erst nach der sehr feuchten Abschiedsfeier in der nächsten Nacht im Großzelt. Wir hatten das Gelage schon etwas vorher verlassen. Hat sehr gelohnt.

Als wir aufbrechen mussten, waren wir alle niedergedrückt. Louisa war weg, die dokumentierten Forschungsergebnisse fehlten – warum hat sie uns das angetan? Wo können wir uns beschweren? Wer überweist uns den Anteil vom Projektgeld?

Ein paar Nachrichten erfuhren wir erst zwei Monate später aus den Zeitungen: Es war demnach kein Höhlenunfall. Aber die von der Polizei eingesetzte Task Force stehe vor einem Rätsel. Das war`s dann. Nach fünf Monaten kam das Geld.

Es gab dann noch zwei Video-Treffen der Forschungsteilnehmer. Für eine nochmalige Forschungsreise zur griechischen Höhle hat sich nur Jason gemeldet, wurde aber nicht angenommen.

Jason und Belen waren noch zusammen, wir wünschten einander Glück und Erfolg

Beim Abschied damals haben wir den elf Frauen und Männern auf der Fähre nachgewinkt. Wir blieben noch zwei Tage.

Origon hatte mir viel zu erzählen, so gut wie nichts Wissenschaftliches. Sie kommt bald nach London. Auch, weil ihr Bruder in einer Nachbarstadt lebt.

Origon bringt ihre Dreijährige mit. Ich freue mich auf Ruben (ich wunderte mich nur über den eigentlich Männern vorbehaltenen Vornahmen des Mädchens. Sie ist eine Ausnahme wert).

Im Nachbargarten hängt eine lange nicht mehr benutzte Schaukel; wir dürfen rüberkommen. Und überhaupt: In London dreht sich niemand mehr nach einem farblich gemischten Paar um.

Ruben sagt zu meinen Fotos, dass sie den weißen Mann kennt: „Das Juju“ . Das Kind wird doch nicht noch mehr ausplaudern!

 

Alles ok. mit Jugendschutz?

 

Mein Freund Maynard hat mich am Freitag übers Wochenende besucht. Wir haben uns ewig lange nicht mehr getroffen. In seinem Job muss er fast ständig unterwegs sein. Der arme Junge muss auch oft die Sprache wechseln, wenn auch nur in ein paar Textbausteinen: Französisch, Deutsch, Niederländisch, Russisch, Spanisch und Mandarin. 

Meistens lebt er nur zwei Tage in den Städten; er hat die 5-Sterne-Hotels satt und mietet sich lieber bescheidener ein – obwohl die Reisekosten komplett auf Firmenkosten gehen. 

Neben allerlei Unwichtigem sprachen wir auch über Frauen. 

„Frauen“, sagte er, „lerne ich gar nicht richtig kennen – wenn sie mir nicht als Verhandlungs-partnerinnen zugeteilt werden.“ 

„Bei denen erwacht dann dein Jagdinstinkt?“ 

„Kannst du vergessen. Ist mir selten passiert; sie schicken mir durchweg knallharte und unattraktive Partnerinnen. Bei denen gehört die Bettstrategie zwar auch zur Palette der Möglichkeiten, das ist aber so gut wie nie der Weg zum Paradies.“ 

Ich sah es als reinen Freundschaftsdienst an, ihn auf fröhlichere Gedanken zu bringen. Er ließ sich gern Neues bieten, hatte aber eine ungewöhnliche Bedingung: „Bitte auf keinen Fall irgendeinen Alkohol. Hat mich zu oft reingelegt.“

Ich kenne nun aber keine Milchstuben, in denen abenteuerbereite Mädchen herumstehen. 

Wir gingen also in den „Midnight Moon“, einen angesagten teuren Tanzschuppen mit einigen Attraktionen, die nicht auf der Preisliste stehen. Hier wurde extrem gequalmt – und nicht nur das Übliche. Wir sahen uns suchend nach Traumfrauen um. Die Sicht war im Kunstnebel schlecht. Vielleicht waren wir auch zu wählerisch. 

Ein verschwitzter Kahlkopf, der sich als Manager vorstellte, bat uns in sein Büro und servierte uns Selters und Tequila. Er machte sich Sorgen: „Ist doch alles in Ordnung mit Jugendschutz, Gentlemen?“ fragte er lauernd. 

Ich war sprachlos, Maynard reagierte gewandter und verzog sein Gesicht dramatisch: „Sie wissen doch, dass es hier zum Himmel stinkt und dass eine größere Razzia fällig ist. Wir müssen Verstärkung anfordern.“ 

Der Manager sprang auf: „Um Gottes Willen, das können wir doch anders regeln. Ich hätte da einen exquisiten Vorschlag, Gentlemen, Ihnen werden die Augen übergehn…“ 

Jetzt fand ich es an der Zeit, nachzuhaken: „Machen Sie uns schnell mit den Damen bekannt; wir haben nicht ewig Zeit.“ 

Heiliger Haifisch: Das hat sich gelohnt. Wir zogen mit fünf sehr aufgedrehten und uns herzlich anmachenden Jungfrauen in zwei andere Lokale; im ersten gefiel uns die Musik nicht, im nächsten auch nicht, aber es wurde am Rande anregend getanzt. 

Beim Tanzen – es wurden nur uralte Schmachtfetzen abgespielt, die Älteren sangen sie mit; es wurde auf Teufel komm raus geschmust und man kam sich menschlich erfreulich nahe. Eine unserer Damen ging uns an einen anderen Interessenten verloren. 

Wir wollten in die nächste Hütte umziehen, kamen aber nicht am Hotel „Ambassador“ vorbei, weil eine schon ziemlich fortgeschrittene größere Hochzeitsgesellschaft eine ausgelassene Polonäse auf der Straße drehte und Vorbeikommende in die lustige Kette einband. Wir ließen uns das gefallen. 

Danach tanzten wir mi allen im Festsaal weiter. Ich sah den stocknüchternen Maynard und eine Begleiterin flüchtig vorbeischweben, konnte ihnen aber nichts zurufen, weil ich gerade die herrlich beschwipste Braut im Arm hielt. 

Sie umarmte mich und sagte „Willy“ zu mir, sie fände es umwerfend, dass ich extra aus Toulouse rüber geflogen sei. Sie wüsste eine Belohnung für mich. Sie müsse sowieso mal eben nach oben in die Hochzeits-Suite, Schuhe wechseln. Ob ich sie netterweise kurz begleiten würde, barfuß fühle sie sich unsicher. 

Wir fuhren nach oben. Keiner kümmerte sich um uns. Ich sah keine Flurkameras. 

„Hab ich dich immer Schneewittchen genannt?“, improvisierte ich, weil ich sie ja irgendwie anreden wollte. 

„Weißt du das wirklich nicht mehr, Willy-Schatz? Hilf mir, das Spitzenkleid loszuwerden.“ 

Wir befreiten sie aus ihrem Brautgewand; sie streifte noch eine Kleinigkeit ab und ging duschen: „Bin gleich wieder da, Willy, warte so lange.“

Die Tür zum Bad ließ sie weit offen. Ich rauchte eine Zigarette und sah ihr lächelnd zu. 

Ich ließ mich unwillkürlich stolpernd in einen Sessel fallen, als mit einem Ruck die Zimmertür aufgeschlossen wurde. Der festlich gewandete Bräutigam kam mit einer schwankenden Frau im Arm herein. Vorsicht: Drama! 

Die Brautleute nahmen Witterung auf; die patschnasse Braut stürzte aus dem Bad heraus und schien anzunehmen, dass die beiden nicht zum Schuhe-Wechseln hergekommen waren. 

Es entspann sich ein lautstarkes, bühnenreifes Geschrei, das in Handgreiflichkeiten überging und mir eine gute Gelegenheit gab, mich unbemerkt davonzumachen.

Ich hatte den Eindruck, dass die drei sich kannten. 

Das wird auch die Polizei interessiert haben. Ich habe draußen aus sicherer Distanz beobachtet, dass sie in einer Dreiviertelstunde kamen; die Feuerwehr war etwas früher da, aber die Sanitäter kamen bald mit einer leeren Bahre zurück. 

In der Wochenendzeitung erfuhr ich, dass die Kriminalpolizei alle Hochzeitsgäste stundenlang befragt hat. War es eine ungewöhnliche Gesundheitsstörung oder mehr? Für eine Obduktion der Schwester der Ehefrau sah man keinen Anlass; ihre Angehörigen waren auch dagegen.
Der völlig verstörte Ehemann kam erst mal in Untersuchungshaft; in seinen Armen war die Frau immerhin gestorben. 

Ich überlegte: Nach einiger Zeit wird er sich an einen Mann in der Hochzeits-Suite erinnern, wenn auch nur schemenhaft. Die Ehefrau wird man mehrfach nach „Willy“ ausfragen und eine Beschreibung aus ihr herauslocken. Sie könnte sich an den starken Schnurrbart erinnern – „rötlich mit ein bisschen Silber an den Zipfeln. Und sein Aftershave roch irgendwie nach Weihrauch. Ob man auch in Toulouse nachfragen sollte? 

Die ersten Phantombilder könnten eher einige Herren der Regierung zeigen. Aber auf Hochzeiten wird viel fotografiert. Und auf meine Tarnung werden Profis nicht hereinfallen.
Ich verschwinde lieber. 

Ich wollte schon lange meine Halbschwester June, ihren dritten Ehemann und ihre Hundezucht besuchen. Ich könnte mich als fast blinder Masseur durchschlagen. 

In Neu Seeland soll es verdammt heiß sein. Aber die Hitze wird mich nicht umbringen.

 
 

 

Kampfkraft stärken

 

Auf eine Soldatin war ich nicht gefasst. 

Wir haben uns über die Dating-App „Not Forever“ einige abfragende Mails geschickt und dann wollte Eileen sofort ein Treffen – weil sie dienstlich in einen anderen Abschnitt abkommandiert würde, wäre nur noch der nächste Dienstag möglich. Ich sollte vorschlagen, wo und wie.

Ich machte es möglich und übertrieb höflich: „Ich erwarte dich sehnsüchtig mittags im Restaurant „Moonshine“ hinter dem Alten Friedhof, Ecke Barnbury Terraces. Das Hotel gehört dazu.

Der Tag und die Nacht werden nicht reichen, um uns alles zu sagen, was wir noch ausgelassen haben. Komm mit dem Taxi. Ich übernehme natürlich auch die Kosten für die Rückfahrt. Von mir aus komm ruhig in Uniform. Ich weiß, wie wir deine Sachen am besten schonen. Bei der für mich ungewohnten Entwaffnung brauche ich vielleicht deine helfenden Kommandos.“ 

Sie kam, wohl um mich zu erschrecken, tatsächlich im Kampfanzug. Wir änderten deshalb die von mir vorgesehene Reihenfolge Beschnuppern – Essen – Trinken – Nichtmilitärisches – Hautkontakte – Dessert – Bettgeplauder – Frühstück. Ich weiß nicht mehr, wie genau, aber den Anfang machten wir mit Beschnuppern und Trinken. 

Eileen war bei der Luftaufklärung und hatte den Dienstrang FO 2, wenn ich mich richtig erinnere. Sie hat mir schon in der ersten Stunde mehrere Dienstgeheimnisse verraten, ich durfte immer raten, was „Top Secret“ oder „MeToo“ war. 

Das Spiel hat mir gefallen. Besonders, als der Gin ihre Zunge noch mehr löste. Gin war ihr Lieblingsgetränk. Sie verdünnte ihn wenig. Mich hätten diese Mengen mit Sicherheit kampfunfähig gemacht, aber gesteuertes Training hilft offenbar, sich zu steigern. 

Wir übten gewissenhaft Nahkampf und unfaire Taktiken, rücksichtsloses Erobern, Genießen der Kriegsbeute – und was sich eingefleischte Zivilisten unter starken Getränken so ausdenken.
Für längere Kampfpausen hatten wir jedenfalls keine Geduld. 

Zugegeben: Wir hatten eine fantastische Zeit. 

„Und so was Wundervolles soll es nur einmal geben?“ fragte Eileen beim Abschied. 

„Hatten wir uns „nicht für ewig“ getroffen?“ 

„Ja, aber jede Regel braucht Ausnahmen, sogar bei der Royal Airforce. Und ist es nicht deine verdammte Bürgerpflicht, die Kampfkraft der Truppe zu stärken?“ 

„Mach ich wirklich gern, Eileen; Kampfkraft stärken ist Ehrensache, macht sogar mächtig Spaß mit dir. Also ruf mich an, sobald du eine Nacht frei hast.“ 

Meine aufgekratzte Stimmung wird daran schuld gewesen sein, dass ich Roberta fast vergessen hätte. 

Die vorteilhaft etwas mollige Roberta hatte uns das Frühstück ungewöhnlich liebevoll serviert, Blumen auf unserem Tisch dekoriert und lächelnd bemerkt: „Es tut richtig gut, so glücklich aussehende Menschen zu sehen.“ 

Als Eileen abgefahren war, half mir Roberta einfühlsam, den Abschiedsschmerz zu überwinden. 

„So töten wir geliebte Männer in meiner Heimat“, sagte sie mir nach einiger Vorbereitung und gab mir die Sporen. „Dafür brauchen wir kein Hotelbett. Und keine Kampfausrüstung. Wir saugen sie einfach aus, bis sie um Gnade betteln. Wie weit bist du jetzt, Fremder?“

Also, in mir war noch Leben. 

Als ich im Auto saß, schaute ich zum Hotelzimmer hoch. Ob auf ihrem schönen Gesicht das geheimnisvolle Lächeln noch eine Weile zu sehen sein wird? 

Keine zwei Straßen weiter hielt mich ein Motoradpolizist an. Man erschreckt sich ja dann immer zu Tode. 

Er nahm seinen Helm ab und sagte freundlich: „Geben Sie bitte Acht, Sir, da vorne wendet ein Schwertransporter. Fahren Sie bitte ganz langsam.“ 

Der Polizist hat zweimal „bitte“ gesagt; das reicht für die Woche. „Schönen Tag auch Ihnen!“

 

Leider gibt es einen unromantischen Nachtrag:

Als Eileen sich bei ihrer Einheit zurückmeldete, wurde sie zum Colonel bestellt: 

„Sie wissen, dass Sie alle privaten Kontakte angeben müssen. Mit wem und warum waren Sie stundenlang unerreichbar zusammen?“ 

Eileen stotterte: „Es war eine Liebesbeziehung, Sir, vielleicht wird es was Ernstes.“ 

„Wir müssen ihn überprüfen. Es war doch ein Mann, FO 2? Schreiben Sie Namen und Anschrift auf…“ 

Elender Mist! Ein Verhör hatten wir im Hotelbett durchgespielt, auch mit neuen Namen und erfundenen Adressen. Aber nur für eine Fahrzeug-Kontrolle der Verkehrspolizei. Die Königliche Luftabwehr war gnadenloser… 

Nach Eileens Anruf fuhr packte ich meine Sachen und fuhr sofort die weite Strecke hinüber nach Holy Head; dann nahm ich die nächste Fähre nach Dublin. 

In Irland bleibe ich ein paar Monate, mit einem falschen Pass natürlich und unauffällig in Mietzimmern.

Die irischen Frauen erlebe ich als gewöhnungsbedürftig; sie sind unwahrscheinlich durstig und offenbar darin geübt, …– aber wozu verrate ich Ihnen das? Sie kommen doch nicht nach Irland!

 

 

Unser Achter mit Steuerfrau

 
Schon als Vierjähriger habe ich mich für Ruderinnen begeistert. Unsere Hubberton-Street war ein langegezogenes L. Ich lebte mehr auf der Gartenseite. Fünf Häuser weiter lebte mein Freund Stephan, und zwei Häuser weiter ar das Büro der Wohnungsgesellschaft, netterweise im Erdgeschoss. Im von mir erkletterbaren Fenster sah ich drei Frauen an ihren Schreibmaschinen: rechts vorne die älteste, Julia, ihr schräg gegenüber die braunhaarige Milli und hinten ander Fensterseite zur Straße saß die rothaarige Wilma.
 
Ich futterte aus ihren Blechboxen ihre Sandwiches und Weintrauben und sie erklärten mir unermüdlich die Fotos an der Wand hinter Julia: Sie zeigten ihre Erfolge als Ruderinnen, im Vierer und im Achter mit Steuerfrau. Die Steuerfrau war die kleine Wilma.

Wir kreischten zu ihrer Begrüßung, als wir sie in der Flussbiegung sahen – und noch lauter, als sie anlegten. Sie stiegen aus, ließen sich umarmen, und als ein Regenschauer niederging, hoben sie ihr Boot hoch und trugen es über ihren Köpfen ins Bootshaus. 

Ich hatte meine Begrüßung verpasst, lief ihnen aber nach, bis sie ihr Boot eingestellt hatten und begann dann, meine Rosen zu verteilen. Bei den ersten beiden hatte ich Glück,die anderen murrten und hatten Wichtigeres zu tun. 

Die verschwitzte Martha rief den anderen zu: „Wartet doch mal, ihr kriegt noch was!“ Ich hatte mir ausgedacht, jeder ein oder zwei Küsschen auf die Wangen aufzudrücken, aber das gelang mir nicht. 

Cassy und Jolly brauchten ihre Hände für Aufräumarbeiten; sie nahmen die Rosenstiele quer in den Mund, und Conny, die quirlige Steuerfrau, rief laut: „Der Rosenkavalier könnte doch auf unsere Party kommen.“ 

Genau darauf hatte ich gehofft. Wir sprachen noch über das Wann und Wo. 

„Danke, Conny, ich freue michwahnsinnig auf heute Abend.“ 

Bis Neun war es elend lang für mich, aber klar, die Frauen wollten sich für die Party herrichten. Das lange Warten hat gelohnt. Sie waren sehr nett zu mir. So nett, dass ich wagte zu sagen, wie ich sie eigentlich begrüßen wollte. 

Jana sagte: „Weißt du was? Ich hatte schwer damit gerechnet. Mich haben nur Frauen geküsst.“

Ich hatte dann einiges nachzuholen – über Stunden verteilt und in immer neuen Variationen. Leute, das war es wert, auf die Queen zu singen. 

Ich habe mit allen getanzt; es war stellenweise ziemlich gefährlich. Als ich Conny nach einem Reigen wiedertraf, sagte ich ihr, dass ich für alle Steuerfrauen geschwärmt habe, „aber noch keine fand ich so hinreißend besonders und aufregend wie dich.“ 

Frauen lassen sich solche Sätze auf der Zunge zergehen. Conny musste sich ordentlich hochrecken, als sie mich umarmte und küsste. Mir war sie nicht zu klein. 

Wir tanzten wunderbar innig zusammen und wurden uns immerhin so vertraut, dass ich sie später, nach den Abschiedsküssen der acht und unter den missmutigen Blicken ihres Trainers, heimfahren durfte. 

Sie hatte eine hübsche Dachwohnung. „Sorry, ich habe mein Bett noch nicht gemacht; ging alles so schnell heute Morgen. Dich stört es doch nicht, Mike!“ 

Wir tanzten und merkten gar nicht, dass wir unserer Kleidung bald die Freiheit geschenkt hatten. Und als Connys Herz laut schlagend ungefähr auf meinem Herzen lag und wir uns in süßen Variationen die immergrünen Beteuerungen in die Ohren raunten, schrillte ihr Handy. Sie schob es unter ihr Kopfkissen. „Das kann warten.“

Nach Handy-Art wartete es nicht. Ich beobachtete Conny genau. War sie blass geworden? Kam da eine erschreckende Nachricht? Dann sagte sie ganz selbstbewusst: 

„Cassy, du kannst dir ja denken, wer mich heimgebracht hat. Wir verstehen uns herrlich. Seid ihr alle ok? Was, du weißt nicht, wo Jolly ist? Sie wird doch nicht zu viel von dem Eiersalat gegessen haben? Ich hab ihr noch die superleckere warme Quiche empfohlen, aber natürlich nicht, so viel Pink Gin runterzukippen. Müssen wir uns Sorgen machen, Liebes?“

Ich fragte leichthin: „Schlechte Nachrichten, Schatz? Hat jemand einen Party-Kater?“ 

„Wird halb so wild sein. Die Norweger haben uns drei Tage lang ganz schön eingestimmt. Hat vielleicht Nachwirkungen. Komm, Mike, zeig mir noch mal die „Ungarische Rutsche“. Ich bin neugierig auf neue Liebesarten…“ 

Wunderbare Harmonie. Nur mir kribbelte es. Es ging auf fünf Uhr zu, als es mich fortdrängte. Ihr ahnt warum, Conny aber nicht: 

„Das kannst du mir nicht antun. Bleib wenigstens bis zum Frühstück. Was drängt dich fort, Mike? War ich dir zu wild?“ 

„Wegen dir möchte ich zwei Jahre am Stück bleiben, Liebling, aber ich muss heute noch weit fahren.“ 

„Und wann habe ich dich wieder? Du könntest mir Glück bringen. Ja, ich brauche dich für die nächsten Siege:“ 

„Das müssen wir leider noch etwas verschieben, süßer Schatz – und so lange virtuell kommunizieren. Ich habe in Kanada zu tun – und das kann vierzehn Tage brauchen oder einen Monat. Darf ich dich oft anrufen? Und von dir träumen?“ 

Ich habe ihr und dem Team tatsächlich Glück gebracht.

Sie, also eigentlich wir, sind Zweiter geworden.

Nach Kanada bin ich noch nicht geflogen und ich bin länger weggeblieben. Ich hatte ein anderes Ziel.

 
 

 

Hieß sie Daisy?

 

Mein Bruder John hatte Appetit auf Studentinnen, ich nicht. Sind mir alle zu jung. Diese Anfängerinnen in allen Lebensdingen sind mir zu anstrengend. Zwanzig Jahre ältere Dozentinnen schon eher, aber die treffe ich auch nicht im Pulk. 

Also doch Barbekanntschaften? John machte sein Ding und ich hörte mir die Scheidungs-geschichten von drei Frauen an, die ich in der schummrigen Beleuchtung attraktiv fand. Sie boten mir als Belohnung für meine Geduld eine Sitzprobe in ihren Autos; ich blieb bei der rothaarigen Janet, die eine schöne dunkle Stimme hatte. 

Draußen im Laternenlicht und erst recht in ihrer Wohnung war das Rote aus ihren Haaren weg. Aber, alles was recht ist: ich konnte nicht anders: ich bewunderte die Matratzen in ihrem Doppelbett, sie waren perfekt, nicht zu hart und nicht zu weich. 

Es gelang mir nach einiger Zeit, Janet in ihrer unendlichen Geschichte aufzuhalten und sie auf einige Zigeunerspiele neugierig zu machen. Wir Jüngeren haben sie oft auf der Insel mit Inbrunst gespielt. 

„Das ist doch nicht mehr erlaubt,“ warf sie ein. Doch bald sah sie auch, dass es uns gerade deshalb so erregte und Spaß machte. 

Viel später, ich hatte ein Nickerchen gemacht, fragte Janet mich, über was ich denn so lange mit Daisy geplaudert hätte. 

„Das Übliche,“ sagte ich, „ihre Scheidungsgeschichte. Sie macht sich Vorwürfe. Armes Mädchen.“

„Ihr wart draußen eine rauchen, nehme ich an. Die Zeit hätte auch für mehr gereicht.“
„Kein Grund zur Eifersucht, Süße, solche Herrlichkeiten wie du hat sie nicht zu bieten. Zeig mir bitte noch mal, wie du…“ 

Als Janet mir in der Dämmerung noch ein absolut wundervolles Abendessen herbeizauberte, ein alle Tugenden zerstörender Wein uns berauschte und Janet mir die Arme zu einem nicht enden-den Tanz hinstreckte, verließ mich die peinliche Sorge, dass ich keine Zahnbürste bei mir hatte, 

In den Morgennachrichten kam es noch nicht. Ich hörte sie noch mal zwei Stunden später im Shuffle zum Flughafen über die Kopfhörer meines Handys. Die Aktienmeldungen und die Wasserstandsmeldungen können sie sich auch sparen.

Eigentlich gut und gerecht, dass mir so vieles weh tut…

 

 

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Wählt uns – dann…

Also, mit Politik hatte ich noch nie was am Hut. Aber wie das Leben so spielt… Manchmal werden uns Menschen und Tiere in den Weg gelegt, die unser Leben verändern. 

Wer meiner Mutter prophezeit hätte, dass ich mal an einer Parteigründung beteiligt sein würde, dem hätte sie vermutlich Salz auf den Kopf gestreut – das war so ihre Art. 

Das mit „in den Weg gelegt“, fing so märchenhaft an: Ich machte mit dem Fahrrad eine Wald-tour; nichts Großes, ich wollte nur bis zum See und ein bisschen abschalten. Und da lag sie, halb neben dem Weg. 

Ich schmiss das Rad zur Seite und stürzte zu ihr hin. Eine Joggerin, nicht mehr die Jüngste. Sie atmete heftig und versuchte zu sprechen. 

Was tun? Ich hatte kein Handy mit, aber als ich ihr nicht besonders geschickt aufhalf, sah ich, dass sie eins hinten stecken hatte. 

Ich lächelte sie an und überlegte… 

Sie kam wieder zu sich. Eigentlich zu früh: Ich war drauf und dran, sie mit einer Mund- zu-Mund-Atemspende zu beleben. 

„Was machst du, Schwester? Hast du schlapp gemacht? Hast du zu enge Sachen an? Ich mach mal die Schlaufe deines Hoodys auf.“ 

Sie nickte und versuchte ein Lächeln: „Danke, du Engel, ich hatte solche Angst.“ 

„Schsch“, machte ich, „warte noch mit dem Sprechen, das eilt nicht.“

Ich wiegte sie ein bisschen vor mir in den Armen und sah sie mir genauer an. Ich kannte sie nicht; sie war wohl in meinem Lieblingsjahrzehnt bei Frauen, hatte ein liebes Gesicht und ihr Schweißgeruch war mir nicht unangenehm… 

„Geht schon wieder“, sagte sie stockend, „mein Kreislauf war im Keller, wenn du mich nicht aufgefangen hättest…“ 

Da muss ihr die Erinnerung eine andere Szene eingespielt haben, aber ich wollte sie nicht enttäuschen: „Sollen wir Hilfe rufen? – ich sehe, du hast ein Handy.“ 

Sie schüttelte leicht den Kopf. „Genügt, wenn du ein Stück neben mir gehst…Zur Sicherheit…“
Ich will unsere Geschichte verkürzen: Wir drei, Mary Lou, das Fahrrad und ich hatten es nicht eilig, aber am Ende des Weges sagte sie mir…

Wozu soll ich euch den Mund wässrig machen? Ist schließlich Privatsache – so lange so was auf unserer Insel privat bleiben kann. Jedenfalls musste ich mein Rad noch mal in die Büsche werfen. 

Am Abend trafen wir uns im Pub wieder. Wir haben so innig getanzt, dass der lange Henry sich nicht zurückhalten konnte: „Jul, bist du wieder der Witwentröster?“ 

Obwohl das unverschämt war, blieb Mary Lou stehen und hielt Henry an den Jackenseiten fest: „Ich bin höchstens Strohwitwe, Henry, und ich habe einen Mann, der mir sagte: Komm mir nicht aus der Übung, wenn ich lange unterwegs bin, Schatz! Hat noch jemand eine Frage?“ 

Alle außer mir wussten, dass ihr Mann als Orgelbauer oft in den Kirchen der weiten Umgebung alte Orgeln repariert und ein Sonderling ist, ein Künstler halt. 

Der Wirt hatte ein starkes Winterbier im Ausschank. Das hat uns Auftrieb gegeben. Wir, das waren George, Hamilton, Laura, Ludmilla, Walther und ich, später sogar Henry. Also wir über-zeugten Mary Lou davon, dass sie das Zeug dazu hat, für den County- Bezirk zu kandidieren. „Wir helfen dir, zu siegen.“ 

Trusky, der Wirt, wurde Pate. Wir gründeten etliche Pints später die „Partei der Namenlosen“, wählten Mary Lou zur Präsidentin, Laura zur Vizepräsidentin (ihr hättet sie strahlen sehen sollen – und wie sie mir außer sich vor Freude, dankte) -, Henry wurde Kassenwart und ich Wahlkampfmanager. 

„Hört mal her, Freunde“, sagte ich, „Mary Lou ist anders als alle anderen und unser Wahlkampf wird anders sein als alle anderen. Die anderen labern nur dummes Zeug und versprechen den Leuten das Blaue vom Himmel.“ 

„Aber wer gewählt werden will, muss doch was versprechen,“ warf die Präsidentin ein.
„Bingo, Darling“, rief ich, aber wir versprechen nur, was absolut unerfüllbar ist, aber sich schön anhört.“

„Sag mal ein Beispiel“, rief Hamilton. 

„Wählt uns und eure Autos fahren schneller.“ 

Das hat ihnen gefallen; sie lachten unbändig, wollten mehr hören und gaben auch neue Stichworte. Trusky freute sich über unseren Durst. 

„Wir müssen gleichzeitig die Männer ansprechen und die Frauen. Ich muss das mal mit Laura und Ludmilla vorbesprechen.“ 

Wir drei zogen uns ins Nebenzimmer zurück und konzentrierten uns auf Honigsaugen, eine bewährte Inspirationstechnik.  Ich hatte bei diesen beiden Frauen wieder mal eine richtige Wahl getroffen. Als wir etwas verknittert und zerzaust zurückkamen, brachten wir diese Slogans mit:

„An Männer: Wählt uns und eure Frauen werden hübscher. 

An Frauen; Wählt uns und eure Männer kennt ihr im Bett nicht wieder. 

An alle: Eure Häuser werden größer; Männer: eure Frauen bewundern euch wieder.

Frauen: So oft ihr wollt: Ladys Nights.

Und: Wählt uns und das Essen schmeckt euch besser. 

Und: Eure Küsse werden unwiderstehlich. Jeder Mann kriegt für die Zweitfrau einen Steuernachlass.“ 

Mary Lou gewann haushoch und muss sich für das hohe Amt angemessen einkleiden. Es gab eine wunderbare Antrittsparty.  Im Treppenaufgang und in ihrem Amtszimmer hingen eingerahmt ihre erfolgreichsten Versprechen: 

Bier wird billiger. Überall frei parken. Immer jung durch Seitensprung. 

Und, weil in ihrem Wahlbezirk viele asiatische Mitbürger leben und auch Wähler waren: China Bier – und alle lächeln. 

Ihren Lieblingsspruch von mir, mit dem Mary Lou die Massen begeistert und letztlich alle Mitbewerber ausgestochen hat, hatte ich ihr bei einem unserer Kreativen Wochenenden mit der Zunge auf den Rücken geschrieben – ganz nüchtern waren wir beide nicht: „Ich liebe euch alle!“ 

Es scheint unschlagbar das stärkste Argument zu sein.

 

Wo viel Licht ist, ist auch großer Schatten, soll der Shakespeare aus Germany gedichtet haben: Wir mussten Ludmilla zu Grabe tragen, unser erster Parteiverlust. Ein rätselhafter Tod. 

„Du kanntest sie doch näher“, murmelte Henry, der alles mitzukriegen scheint. „wart ihr nicht sogar Jugendfreunde?“ 

„Ja“, sagte ich, „aber anders als du denkst; ähnlich wie Mary Lou hatte sie eine Schwäche für junge Kerle wie mich. Sei ruhig neidisch, das hätte dich genauso treffen können. Ätsch: hat es aber nicht, weil du nicht die Klappe halten kannst. Und weil du noch nie einer Frau was ins Ohr geflüstert hast, das sie rot werden lässt.“

Eh ich´s vergesse: Als Mary Lou weiter und schier unaufhaltsam Karriere machte, besann sie sich – von uns inspiriert – auf den alten britischen Vaterlandsstolz und rief den alle mitreißenden Zauberspruch, den wir alle im Herzen tragen: „Wir sind wieder wer auf dem Land und im Meer. Wir sind wieder wer auf dem Land und im Meer. Wir sind wieder wer auf dem Land und im Meer“.

So leben wir. Good night Ladies, Doswidanja, Rule, Britannia.

 

 

 

Zwei Frauen gleichzeitig?

Auf manches kommt man erst, wenn man danach gefragt wird. 

Monique war noch neu in meinem Leben, aber sie fragte mich schon an einer unpassenden Stelle unseres Beisammenseins: „Hast du eigentlich öfter zwei Frauen gleichzeitig?“ 

Sie brachte mich tatsächlich zum Nachdenken. „Muss ein Zufall sein“, sagte ich, um Zeit zu gewinnen, denn sie hatte es richtig erraten. 

„Ist das nicht normal, wenn man einige Freunde hat?“ 

„Lenk nicht ab, es geht um Frauen. Um nicht nur um eine, der du ins Ohr flüsterst: Deine Augen, dein Gesicht, deine Brüste, dein Schoß, deine Beine, deine Füße, deine Leidenschaft – alles einmalig?“ 

„Darüber muss ich länger nachdenken; was dich betrifft: alles an dir ist einmalig.“   

Ich hatte ein Haar von ihr im Mund, wir wurden auch abgelenkt, aber nur kurz: 

„Wie ist sie?“  

„Du meinst – Astrid?“ 

„Ja, erzähl mir von ihr. Wie sieht sie aus? Wie groß ist sie? Wie ist sie in der Liebe?“

Es wurde nun wirklich gefährlich, die beiden Frauen zu vergleichen. Sie hatten kaum etwas gemeinsam:

Monique hatte einen Hang zum Luxus; es musste immer etwas Ausgefallenes sein. Verständlich, denn ihr Mann war irgendwas Unbedeutendes bei der Post; sie wohnten in einem Mehrfamilien-haus, sehr wahrscheinlich ohne vorgezogenes Reetdach und sie tranken zu den Mahlzeiten Wasser und nicht, wie sie hier bei mir im Hotel, dauernd Schampus. 

Wahrscheinlich wurde sie als Kitty oder Molli getauft, aber der Name Monique machte mehr her.

Sie trug ein riskantes Outfit, raffinierte Unterwäsche, Spitzenfummel nachts – Astrid kam abends immer im Leinennacht-hemd aus dem Bad und legte es dann zusammengefaltet auf den Stuhl neben dem Bett, zur Schonung. 

Obwohl Astrids Eltern wohlhabend waren (Ärztin und Reisebüro-Chef) trug sie nie megafeine Sachen, fuhr einen Kleinwagen, mochte kaum Schmuck und liebte einfache Speisen. 

Es gab noch einen wichtigen Unterschied, aber den behalte ich für mich. Das würde ich nur einem Freund erzählen. Frauen sollen in diesen Dingen viel geschwätziger sein. 

Also: ja, es kam öfter vor und ich bin mit der Zwei-Frauen-Praxis bis jetzt gut gefahren und kann sie empfehlen. 

Nur: Auf keinen Fall Liebe und Geschäftliches vermischen. 

Das Wort Liebe nehme ich zurück; wenn das Getue weggeblasen wird, bleibt Sex – und der wird besser extra gesehen, auch in einer festen Beziehung.

Ich verstehe es, wenn in der Öffentlichkeit stehende Männer nach vierzig Jahren die Frau im Bett nebenan nicht mehr aufregend finden und wenn aus dem Sex zwischen ihnen, wenn überhaupt noch, dann eine Karikatur geworden ist. Drüben in Frankreich sind viele Paare lebensklüger: Madame weiß, dass Monsieur noch ein anderes Bett kennt und nutzt – macht es sie ärmer? 

Ich habe Monique einiges sorgfältig Erfundene von Astrid erzählt und selbst gestaunt; Diese andere Frau war jetzt ihrer Nebenbuhlerin in vielem voraus; sie war noch versessener auf Luxus und Premium-Angebote; sie spielte im Bett mehr als zwanzig Rollen und sie war so leiden-schaftlich, dass ich oft um mein Leben bangen musste. 

Monique fand den Sekt in der Minibar billig und bat mich, unten besseren zu besorgen. 

Ich plauderte gern mit Viola, der reizvollen Barfrau, und blieb ein bisschen länger unten bei ihr. Sie stand auf altenglische Lieder und Gedichte – ich fand das bewundernswert und sie fand das wiederum süß von mir. 

Nach wenigen Wochen erkaltete das Feuer zwischen den beiden Frauen und mir. 

Miriam war wenig daran schuld und Camilla auch nicht. 

Das Hotel sah mich nicht wieder. Ich hörte, dass sie eine Barfrau suchen. Sie schrieben nicht warum und suchten auch Küchenpersonal. 

Ich brauche endlich ein neues Auto. Camilla berät mich mit ihrem exquisiten Geschmack; Miriam ist die Marke egal; sie als Taxifahrerin schwört auf ihr Modell.

Camilla weiß nichts von ihr, obwohl Miriam uns schon einige Male gefahren hat. Und Miriam weiß nicht, wieso wir uns auf einmal teure Abendessen leisten können. 

Die Immobilienmaklerin Camilla achtet nie darauf, wie viele Pfundnoten sie in unsere Gemeinschaftskasse steckt. 

Das Schicksal ist doch manches Mal staunenswert gerecht.

 

 

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Killer-Update

 

Unsere früheren Schulungstreffen fand ich rein äußerlich interessanter: 

Einmal tagten wir in einem gemieteten Schulungsraum der Polizei-Akademie Rotterdam, einmal in einem Hausboot an der Rhone, zu dem wir nur mit Fahrrädern kommen durften, einmal in einem Absteigehotel in Catania und einmal mit Zelten auf einer verwaisten Alm in Tirol. 

Diese Fachmeetings gehen jetzt nur noch über Video-Konferenzen. Wir essen nicht mehr gemeinsam, unternehmen nichts mehr gemeinsam, berichten nur stur und ermüdend über Verfeinerungen unserer Methoden. 

Wir schotten uns streng ab gegen Berufskiller, das kann ich nicht oft genug betonen. Wir kriegen alle diskrete Angebote aus Asien und Südamerika, aber auch mal aus einem europäischen Land, das Sie nie erraten werden. 

Nichts da: das übernehmen wir nicht. Wir sind Hobby-Künstler, die seit Jahren unblutig arbeiten, als Bio-Killer sozusagen, und sehen die höchste Kunstfertigkeit darin, keine Spuren zu hinterlassen. 

 

Ich durfte diesmal gegen ein anständiges Honorar von meiner verfeinerten Vanderbilt-Methode berichten. Die wichtigsten Inhalte habe ich nur angedeutet, denn solche Geheimnisse dürfen nicht in falsche Hände geraten.

Ich habe, auch mit einem Beamer, einige Fälle geschildert, bei denen nicht der kleinste Verdacht auf mich fallen konnte, weil ich das Zielereignis (ihr versteht, was ich damit meine) manchmal erst zwanzig Minuten, öfter auch Stunden später, oder, das aber nur sehr selten, erst am nächsten Tag auslösen oder jedenfalls erwarten konnte. 

Die Kollegen haben mich gelöchert, ob ganz bestimmt kein Gift im Spiel wäre, oder eine Erstickungs-Art, oder ein grober Schock oder grausames Erschrecken – damit waren sie manchmal aufregend nahe dran, aber immer meilenweit vom Kern entfernt. 

Ein Künstler aus Sri Lanka schien mir unheimlich ähnlich zu arbeiten; er zeigte einige schöne Ergebnisse; über seine und meine wurde stundenlang gerätselt und diskutiert. 

Ein dunkler Typ aus Kolumbien hat mich für eine herausragende Aktion in seine Stadt eingeladen; ich will ihn nächsten Monat lieber in Irland treffen. 

Bei der lukrativen Schlussaufgabe musste ich passen, weil sie auf einen sehr bekannten Mann zielte. Ihr wisst ja, dass mich Männer vollkommen kalt lassen. 

Mein Sohn hat mich in der letzten Stunde schon zweimal gemahnt: „Papa, du hast es doch fest versprochen.“ 

Nun ratet mal, mit welchem Ball er auf mich wartet und welche Sportart mir liegen könnte.
Übrigens: Marlene Dietrich hatte ihre Beine versichern lassen. Ich hätte das gern für meine Hände.

 

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Esst Fisch aus der Nordsee – und habt Frühling im Winter

Zeigt eure britischen Besonderheiten

 

Ich rühme mich selten. Aber wenn es um Frauenrücken geht, bin ich schwer schlagbarer Experte. 

Vor einigen Jahren hatte mein Bruder seinen Job verloren und ich meine Winterliebe und die Ersatzfreundin. 

Diese Verluste brachten uns auf die Idee, ein paar Wochen lang Frauenrücken zu studieren. 

Wir hospitierten eine Woche bei einem Masseur, der uns nach einigen Tagen auch selbst massieren ließ, vertieften seine Anleitungen mit Fachbüchern und eröffneten im sommerlichen Eastbourne den „Flying Back`s Bus“ als Rücken-Massagesalon. 

Mit 6 Werbetafeln und Tiefpreisen in dem teuren Seebad lockten wir Urlauberinnen an. Wir hatten guten Zulauf, erfreulicherweise fast nur von Frauen. Viele Kundinnen waren starke und bleibende Erlebnisse für uns.

Nun, in diesem Jahr sahen wir die Chance, ein Geschäftsmodell mit einer Kulturtat zu verbinden. Wir planten einen Fotowettbewerb von britischen Frauenrücken. 

Wir wollen beweisen, dass britische Frauen im europäischen Vergleich besondere Rücken haben; das wird in der Fachliteratur oft übergangen – wir halten diese Nichtbeachtung für frauenunwürdig und korrekturbedürftig. 

Natürlich geht es John und mir auch um neue, prickelnde Bekanntschaften. Erotik und Kunst leben seit Urzeiten von einander.

Es war nicht schwierig, der Sache einen höheren Anspruch zu geben und den „Britischen Frauenrücken Wettbewerb“ auf die Beine zu stellen, für diese patriotische Kulturtat zu werben und dafür Jury-Mitglieder zu finden. 

Professoren und Richter im Ruhestand, frühere Politiker, u.a. ein Bezirksschornsteinfeger, zwei Bademeister und zwei frühere Schauspielerinnen waren uns dankbar dafür, dass wir in ihnen weitere Experten für britische Frauenrücken vermuteten; wir erhielten keine Absage. 

Es war viel Arbeit, landesweit einen Wettbewerb auszurufen; ohne Unterstützung der Medien und der Fernsehsender wäre das undenkbar gewesen. 

Habt Ihr bemerkt, dass wir keine „schöngeformte“, „lustvolle“, „sinnliche“ oder „verführerische“ Rücken suchen und auszeichnen wollen – diese auf dem Kontinent strapazierten Begriffe fanden wir für britische Frauen nicht zumutbar. Die Vertreter der Kirchen unterstützten auf Anfrage unsere Sichtweise. 

Das geschürte Interesse unter den Frauen – wir sprachen alle Altersgruppen ab 18 an, war unfassbar groß. Freilich hatten wir außer vier- und fünfstelligen Geldpreisen, gesponsorten Mini Cars und zwei Turnierpferden als Sonderpreis „drei Tage in einer königlichen Familie“ zu bieten, alternativ eine Woche Hospitation in einer BBC- Redaktion, bei Scotland Yard oder in einem besonderen Frauenhaus. 

Wir wollten die Bewerbungen auf Großbritannien und unsere Inseln beschränken, wurden aber belehrt, dass auch die nicht dauernd im Ausland lebenden Britinnen teilnehmen können. 

Wir bekommen Kredite und Zuschüsse von Banken und Kulturförderern. Die Jury und ihr Beirat erhalten Unterkünfte und Gala-Essen in Premium-Hotels. John und ich kriegen angemessene fünfstellige Monatssaläre, Hotel-Suiten und Dienstwagen mit Fahrer. Das alles bis sechs Monate nach Abschluss der Aktion und auch während einer längeren Abwesenheit von mir. 

Wir folgten dem Rat erfahrener Großveranstalter und stecken eine Unsumme in die Werbung.
Die möglichst, aber nicht zwingend, eingerollt in der Größe DIN A 3 eingesandten Fotos werden nach der Prämiierung von mehreren Museen aufgekauft und ausgestellt. Einsendeschluss ist das nächste Ende der Herbstferien. Anschrift: c/o British Museum, Sp.Obj.6000, Great Russell Str., London WC1B3 DG, UK.; eine Fünf-Pfund-Note und ein Lebenslauf sind beizulegen. 

Die Ausscheidungstermine in London, Edinburgh und Belfast setzen wir in der warmen Jahreszeit an, die Endausscheidung der Siegerinnen ist an einem Jubiläumstag der Queen. 

Welche nationale Auszeichnung würdet Ihr uns für diese nationale Aktion gönnen? Schlagt Eure Meinung Euren Abgeordneten vor und schreibt Leserbriefe. Unter diesen uns wertvollen PR-Hilfen losen wir Teilnehme-Freikarten für die Ausscheidungen aus. 

PS: Der Prime Minister wird kein Jury-Mitglied sein.

 
 
 

 

Spürhund

Ich schlafe gesund, habe meist schöne farbige Träume und wache nach etwa drei Stunden auf, aus biologischen Gründen (Bier), kann aber leicht weiterschlafen. Neulich nicht. Ein Erinne-rungstraum schreckte mich auf; mein Herzschlag war ziemlich beschleunigt. 

Ich war wieder in Portree auf meiner Lieblingsinsel hoch im schottischen Norden, näher an Grönland als an Griechenland, und lebte als Gast bei Marlitt Moore, ihren viel zu schönen Töchtern und bei Ronnie, die mich auf langen Inselwanderungen begleitete. 

Wir verstanden uns gut, obwohl sie einen gälischen Dialekt gewöhnt war – von Marlitt`s Mann, als er noch bei ihnen wohnte. 

Die Hündin brauchte einen Mann, das spürte ich (und das spürte ich freilich auch sehr gern bei Marlitt Moore und bei Margret und Marble.). 

Es war mal ein Morgen ohne Regen. Ich hatte die Hundeleine über die Schultern gelegt und Ronnie tobte los.

Als ich sah, dass uns ein Jogger entgegenkam, befahl ich ihr „Komm, Fuß!“ Sie gehorchte und trabte rechts von mir; der Jogger wollte links an mir vorbei. 

Ronnie war dagegen; sie wetzte vor mir nach links und schnappte nach seinem Bein. Bei der Schnelligkeit hatte ich angenommen, sie hätte seine Hose nur gestreift, aber der Mann blieb schreiend stehen, zog seine Hose runter und zeigte mir die blutende Bisswunde. 

Ich erspare euch den Trouble mit dem Mann, der Notfallversorgung durch eine Fischerfrau und von der eifrigen Suche einer Versicherungs-Police nach unserer Heimkehr

„Marlitt, sag mir die Wahrheit: Wie oft ist so was schon passiert?“ 

„Dass sie zugeschnappt hat? Könnte das dritte Mal sei. Sah er komisch aus?“

„Der junge Mann? Ein netter Bursche, meine ich. Wieso fragst du das?“ 

„Ronnie kann Leute nicht leiden, die eine Macke haben. Oder irgendwie Auffällige. Albert wollte sie beim zweiten Mal erschießen. Das haben wir alle drei verhindert. Aber jetzt weiß ich auch nicht weiter.“ 

Eine Woche später wollte ich – immer noch im Traum – mit Ronnie zu einem Tierarzt nach Glasgow fliegen. Mit einem Hund fliegen – ich glaube, es ist leichter, ein Klavier im Flieger zu transportieren. 

Wir sind dann mit dem Postboot gefahren, sechs Stunden lang. Endlich gelandet, musste ich erst eine Herberge und am anderen Morgen den Tier-Doc suchen. Auf seinem Praxisschild stand, dass er Professor an der Uni ist. 

Großes, volles Wartezimmer mit Hunden, Katzen, Meerschweinchen, Schildkröte und einem Papagei. Ich glaub, es war auch ein Krokodil dabei, vielleicht aufgeblasen für die Kinder. Ronnie hat gezittert und sich eng in meine Hosenbeine gedrückt. 

„Sie hat in größeren Zeitabständen drei Mal ihr nicht zusagende Menschen gebissen – wie mit einem fremden Befehl. Warum tut sie das und was können wir dagegen tun?“ 

„Sie ist sieben Jahre alt? Das ist zu spät für eine Ausbildung. Sie könnte unterfordert sein.“ 

„Wie Oppositionspolitiker?“ 

„Sie kann zu viel und wir nutzen das nicht aus. Wir melken das nicht ab. Diese Rasse gilt nicht als ideal dafür, aber vielleicht hat sie trotzdem das Zeug zu einem Spürhund, Drogenfahnder, Falschgeldsucher…“ 

„Sie kann so viel mehr als wir?“

„Und ob! Ihre Riechorgane sind hunderte Male stärker und feiner als unsere. Ihre Erfolge grenzen an Zauberei. Das kann zum Problem werden. Sie witterte etwas bei den Menschen, die sie gebissen hat; wir ahnen nicht was – eine Gesundheitsstörung – oder einen kommenden Leidensweg. Glauben Sie an Wahrsagerei?“ 

„Nein, kein Stück. Wieso haben wir Menschen diese Fähigkeit nicht?“ 

„Vielleicht haben wir sie verloren, weil wir Wichtigeres weiterbringen mussten. Ich bin froh, dass wir es nicht mehr haben. Nehmen Sie Ronnie an die Leine, wenn Sie Leuten begegnen“.

„Gibt es die Fähigkeit auch bei größeren Säugetieren?“ 

„Ich weiß nur von kleineren, Ratten zum Beispiel; sie sind fantastische Minensucher. Bei größeren Lebewesen könnte sie sich zurückgebildet haben.“ 

Als wir gingen, rief er noch: „Natürlich gibt`s immer Ausnahmen“.

Warum ich den Traum erzähle? Muss selbst noch drüber grübeln.

 

 

 

Im Süden Frankreichs

Ich hatte diesmal einen Pick-up, einen gut erhaltenen Peugeot, bei dem nur der hintere Aufsatz fehlte. Dafür hatte er Trittbretter, eine tolle Hupe und er war neu lackiert, einfach über den Rost. Ich habe sechs Stangen und die nötigen Aufhängerringe montieren lassen und konnte eine Plane so festzurren, dass ich nachts bequem draußen schlafen konnte, sogar bei leichtem bis normalen Regen.

So fuhr ich in Nimes ein, in die lange erträumte alte Stadt, in der ich ein stilles Plätzchen zum Schreiben suchte. Ich fuhr über eine Stunde in der schönen Stadt herum, Pluto, neben mir angeschnallt, schien sich zu wundern, dass wir an manchen Gebäuden zum zweiten Mal vorbeifuhren.

Es stand fest: sie geben uns hier keinen Parkplatz. Also: weiter raus aufs Land, aber besser nicht Richtung Meer, denn da wird es schlimmer sein. Ich entschied mich für die Straße nach Quissac. Da inspirierte mich aber nichts, ich fuhr weiter nach Anduce und war schier am Ende meiner Geduld. Ich hielt vor einer Café-Bar und stärkte mich mit Espresso und einer Suppe des Tages, die durchaus essbar war.

Mein Lob erfreute die Serviererin – und es war für sie der Auftakt einer Frage-Serie. Weil sie zwei süße Wangengrübchen hatte und, soweit ich das durch den verglasten Tresen sehen konnte, auch nicht abstoßend konstruiert zu sein schien, erfand ich extra für sie eine haarsträubende Geschichte.

Sie lachte begeistert auf und schob mir noch einen Espresso und ein überpudertes Pudding-Gebäck über die Glasplatte.

„Wie heißen Sie, schönes Mädchen? fragte ich, „ich bin Tom.“

Sie hieß Nannette und sie fragte mich, ob ich nicht zufällig gern auf die Kirmes ins nahe
Nachbarstädtchen wollte, sie jedenfalls wollte zu gern dorthin – gegen sechs, wenn sie schließen dürfte, ach, vielleicht auch schon ein halbes Stündchen früher.

„Soll ich Ihnen noch schnell einen CroqueMonsieur machen, Tom?“

„Gern, Nannette. Können Sie mir auch einen schwarzen Tee mit Milch machen?“

Eine Dame mit einem Hut klopfte ans Fenster. Ich öffnete ihr die Türe.

„Parken Sie hier gegenüber, Monsieur? Warum lassen Sie den Hund in der Hitze bei geschlossenen Scheiben schwitzen?“

„Danke, Madame, dass Sie mich daran erinnern. Aber mein braver Hund ist schon drei Jahre tot. Ichhabe ihn ausstopfen lassen. Er begleitet mich auf allen Fahrten…“

Die Dame schnappte nach Luft und ging sichtlich bewegt weiter.

Nannette fragte lachend; „Das hast du doch geschwindelt, Tom?“

„Nur halb. Ich hab ihn in einer Schießbude auf dem Jahrmarkt bekommen. Er passt gut auf mich auf.“

„Schläfst du etwa auch in dem Kasten?“

„Na klar, das ist mein Luxus-Hotel“.

Insgeheim dachte ich: Warte nur mit deiner Neugier, bis wir heimkommen. Sie hat sich noch schnell umgezogen. Ich sah nicht, dass sie ein festeres Kleidungsstück genommen hatte, eher…
Na ja, wir führen los, Pluto zwischen uns, was ich bald störend fand.

„Nannette, nimm ihn bitte rechts neben dich ans Fenster, Das mag er sehr. Ich mag dich übrigens auch. Du bist ein verführerisches Mädchen…und du hättest es verdient, in einem großen Hotel zu arbeiten.“

Auch das wollte ich eigentlich erst auf der Rückfahrt sagen, aber sie schien es nicht unpassend zu finden.

Nun, ihr kennt das ja: Sie plappert von ihrer Kindheit auf dem Lande und was sie alles über Ziegenzucht und Ziegenkrankheiten weiß; ich höre interessiert zu, aber meine Hände hören überhaupt nicht zu und suchen sich eigene Abenteuer.

Und, sehr passend dazu, plappert Nannette ohne Pause weiter – als wenn sie ein aufmerksames Publikum hätte und dieses Andere gar nicht wahrnehmen würde…

Irgendwo gibt es dann eine Parkmöglichkeit, ein Stück Wiese, eine Decke – und die Entdeckung, dass Nannette nicht so ganz unerfahren in den von der großzügigen Natur unbedingt gewollten Vermehrung der Menschheit war. Sie hatte wie alle klugen Jungfrauen sogar etwas bei sich, das den Kreislauf der Natur unterbrach. Ihre starke Silhouette vor dem dunkelgrünen Hintergrund ließ mich aufjauchzen.

Hey, ich könnte doch bei ihr mein Buch weiterschreiben, Und zwischendurch inspiriert sie mich. Die Muse ist immer eine Frau, aber nicht immer dieselbe, sagte ein kluger Franzose.

Die Kirmes war ein Witz: Keine Schießbude, nur ein Büchsenwurfspiel, eine Art „Hau den Lukas“ ohne Service, keineBratwurstbude, kein Eis.

„Und keine Achterbahn“, nörgelte Nannette. „Müssen wir eben im Auto spielen.“

Das ging wunderbar im Fahrerhaus mit meiner braunen Decke. Nannette liebte die stellenweise
Dunkelheit. Sie gab mir Zunder, dass die Reifen quietschten…

Ja, und kaum fuhren Pluto und sie wieder mit mir im Auto zurück, rief sie: „Du, Tom, wollen wir die mitnehmen?“

Ich wäre glatt an der Anhalterin vorbeigefahren. Pluto musste wieder auf die Fensterseite rücken.

„Wohin des Wegs, Wanderin?“, fragte ich.

„Ich muss morgen früh auf dem Flughafen in Nimes sein.“

„Ist der denn wieder geöffnet?“ wunderte sich Nannette. Sie wusste, dass er in den letzten Monaten eine Weile geschlossen war.

„Egal, Freunde, so jung kommen wir nicht mehr zusammen, wir feiern jetzt erst mal ein bisschen meinen Geburtstag, der ist nämlich bald. Ich habe im Café noch eine Flasche Mirabellen-Likör. Und Tom bringt dich sicher bis zum Nachtbus in Ledignan, der fährt stündlich. Das hat aber noch gut zweieinhalb Stunden Zeit.“

Die interessant tätowierte Wanderin mit einem silbernen Nasenring drängte: „Könnten wir es nicht umgekehrt machen? Diesen Nachtbus möchte ich ungern verpassen…“

Wir einigten uns darauf, dass ich Nannette vor ihrer Wohnung im Nachbarhaus absetzte, schnelles Wiederkommen versprach – „merke dir die oberste Klingel und besser zweimal drücken, Tom!“

Meine Mitfahrerin freute sich über die Vereinbarung: „Wirklich nett von dir, Tom, ich heiße Jeanette undmache mir seit Minuten Gedanken, wie ich dich entschädige…“

„Nun, ich könnte dich fragen, ob du noch einen letzten Wunsch hast:“

Sie hielt das für einen Witz: „Ja, Tom, da fällt mir grade einer ein…Aber vorher hilf mir bitte
herauszufinden, was mit uns geschieht, wenn dieses Leben zu Ende geht. Ich grübele darüber seit Monaten“

Hätte ich ihr nicht zugetraut. Aber, na – war eben ihr letzter Wunsch. „Du weißt mehr über mich?“

„Ich spüre, dass du vorhast, mich umzubringen. Und ich finde das gut und passend. Hier verpasse ich nichts und es kann drüben nur schöner sein, Ich freue mich, dass du es bist. Wir müssen auch mal spontan Ja sagen. Aber vorher will ich, weil wir zufällig Frau und Mann sind…“
Sie hatte recht. Ich fand es ergreifend, dass sie mich erkannt hatte. Warum nur? Natürlich habe auch ich mich viele Male gefragt, was uns erwartet.

Aber das wurde unwichtig, denn sie zog schon ihr T-Shirt über den Kopf. Atemraubender Anblick. Ich gab mich geschlagen…Wieder so ein verträumtes Lächeln…

Tut mir wirklich leid, Nannette. Ich hab mich schon so auf dich gefreut. Könnte ich dich doch bloßanrufen! Schade, dass du über mich weinen musst und mich in die Reihe der grausamen Männer einreihst, aber das Leben spielt uns manchmal einen Streich. Denke lieb an mich. Und an Pluto.

Und ich suche nach einer Möglichkeit, dich in meinem Roman einzubauen, mit einer starken Rolle. Und natürlich einer durchschlagenden Liebesgeschichte. Es soll dir gefallen.

 

                                 Bisher war Julian Higgins ein freier Mann. Das ist vorbei.

 

 

 

 

 

Eine neue Herausforderung

 

Ich hoffe, dass Origon noch lange darüber stolz ist, jetzt Mrs. Higgins zu sein. 

Unsere hastig wirkende Hochzeit musste sein, und wir mussten es schnell machen, denn sie hätte sonst keine Aufenthaltsgenehmigung bekommen und Ruben keinen Platz in der Vorschule. 

Das hat sich also erst mal geglättet. Vielleicht noch mehr, als sie bei einem Bekannten von mir einen Job als Haushälterin bekam und Ruben nach der Vorschule spätnachmittags für ein paar Stunden mit ins Haus holen durfte. Die Hunde warten immer schon hechelnd auf sie; auch die kleine Miriam freut sich auf ihre Gesellschaft. 

Mit mir ist alles in Ordnung, danke. Die anderen Knackis sind nicht übertrieben höflich zu mir, aber nach der ersten gründlichen Abreibung sind außer dem Gips-Arm nur ein paar farbige Spuren geblieben. 

Und bei einigen meiner Kumpel habe ich schon mit einer psychologischen Beratung begonnen; „Coaching“ nenne ich das auf einem Pappschild; wird ausbaufähig sein. Sie bezahlen mich mit Zigaretten.

Ich habe jetzt Zeit, Leute, unwahrscheinlich viel Zeit, die will ich sinnvoll nutzen. Sobald sie mir eine Dreier- oder sogar eine Zweier-Zelle geben, werde ich meine Anträge erneuern, mein jetzt eingeschlossenes Notebook zu bekommen und schreiben zu dürfen. Ich habe nämlich als Beruf angegeben: Schriftsteller und Journalist. Sie werden ja wohl Meinungsfreiheit respektieren. 

Ihr kennt eine Handvoll Geschichten von mir. Ich bin voll von solchen Stories und plane ein Buch von allen, erst mal. Den Durchbruch wird eine Fernseh-Serie bringen. So was aus der Sicht eines Betroffenen gibt es noch nicht; es ist, scheint`s, noch keiner draufgekommen. 

Origon darf mich nur alle paar Wochen besuchen. Nur mit gemalten Bildern und einer Tonaufnahme von Ruben. 

Meine Frau hat Antragsformulare für ein Fernstudium besorgt und meine Unterschrift für die Anmeldung nachempfunden, auch darin ist sie ein Schatz. Es geht mir um Rechtswissenschaft; ich will hier so was wie ein Beratungsbüro aufmachen. Dafür sehe ich einen riesigen Bedarf. 

Meiner Frau habe ich gesagt: Herztausendschatz, warte nicht auf mich, das ist absolut aussichtslos wegen der anschließenden Sicherheitsverwahrung. Besser, du wirst unabhängig, findest einen guten Vater für Ruben und hältst dich nicht mit rührseligen Erinnerungen auf. Es war wunderschön mit uns beiden, aber das Leben hatte anderes mit mir vor – das müssen wir zulassen. 

Lass Ruben was Gutes lernen, ruhig was Anspruchsvolles. Sie hat das Zeug dafür. Die Einnahmen aus meiner Schriftstellerei kriegt sie nach der alten Regel „halbe – halbe“. Pass auf, dass ihr das nicht in den Kopf steigt. 

Und Ihr, Leute, hört auf, Eingaben für mich zu schreiben. Die sind ohne eine Justizreform, bis ganz andere an die Macht kommen, total hoffnungslos. 

Aber danke für Eure Freundschaft. Wartet auf mein Buch und auf die TV-Geschichten. 

Und hört auf, mich „Warum“ zu fragen. An einer vorzeigbaren Antwort arbeite ich schon jahrelang.

 

Director`s Cut

Ein Zellennachbar wusste es als erster. 

Dann merkte auch ich, dass die Aufsichtsbeamten  unruhig waren. Gleich nach der Mittags-schüssel holten sie mich dann zu Frau Dr. Bullingmale. 

Einer der Wächter konnte sich nicht bremsen: „Was, zum Teufel, hast du angestellt, dass dich die Chefin holen lässt?“ Ich machte ein ernstes Gesicht, vorsichtshalber, hatte aber wirklich keine Ahnung. Ich versuche, unsere Unterhaltung wiederzugeben:

„Hallo, Mr. Higgins“, überraschte sie mich und lud mich ein, im Stuhl ihr gegenüber zu sitzen. Sie verabschiedete die beiden Beamten, nachdem sie meine Handfesseln geprüft hatten. 

„Tässchen Tee, Mr. Higgins?“ 

„Sehr gern, Frau Direktorin, die Sonne strahlt hinter Ihren Locken wie ein Heiligenschein. Als wenn heute Weihnachten wär.“ 

„Trinken Sie, macht nichts, wenn Sie schlabbern, das ist mit Handschellen auch ziemlich schwer, denke ich. Sie sind jetzt zwei Wochen bei uns, Mr. Higgins…“ 

„Ja, Frau Direktorin, siebzehn Tage, und meine Frau durfte mich noch nicht besuchen. Ich verschmachte.“ 

„Das gibt sich. Sie wissen doch: Die erste Nacht am Galgen ist immer die schlimmste, danach…
Mit wem hatten Sie Kontakt in diesen Tagen; ich meine, außer mit dem Personal und den Mitbewohnern?“ 

„Ich hatte den Anruf eines Anwalts, den ich nicht Vertrauen erweckend fand. Ich habe ja viel Zeit, einen guten zu finden…“ 

„Ja, Zeit haben Sie. Und wie erklären Sie sich, dass Sie in der „Sun“ stehen?“ 

„Keine Ahnung; Die werden noch mal alles aufwärmen – das bisschen, was sie aus dem Prozess erfuhren. Vielleicht gibt es einen neuen Fall..:“ 

„Nein, das muss etwas anderes sein. Wen kennen Sie in Österreich?“

„Verzeihen Sie meine Aufgeregtheit, Frau Direktor, ich bräuchte dringend…“ 

„Eine Zigarette? Mögen Sie diese?“ 

„Ich segne Sie, Madam; ja, sicher kenne ich ein paar Leute in Salzburg und Wien, in Klagenfurt und in Innsbruck…, aber ob ich die Namen und Adressen noch erinnere, glaub ich nicht…“ 

„Frauen werden es ja nicht gewesen sein, Mr. Higgins?“ 

„Müsste ich länger drüber nachdenken, Frau Direktorin.“ 

„Wie kam die „Sun“ an diesen Artikel? Lesen Sie gründlich.“ 

Endlich gab sie mir die Seite mit der knalligen Überschrift, bei der mein Herz still zu stehen schien: „Mörder in Haft hilft Wiener Taskforce.“

Ich war zu aufgeregt, um den langen Artikel durchzulesen. Klar, das war ich, sie schrieben auch, ein im Gefängnis in Birmingham einsitzender mehrfacher… 

„Erklären Sie mir, Mr. Higgins, wie wollen Sie der Polizei in Wien helfen, Frauenmorde aufzuklären?“ 

Ich hatte eine Ahnung: Dies ist eine große Sache. Ich muss ruhig werden und kühl bleiben. Und dann fand ich diese Worte: „Frau Direktorin, ich weiß nicht, wer dahinter steckt…“ 

„Könnte es Mrs. Higgins sein?“ 

„Völlig undenkbar. Sie ist ja noch ganz neu im Kingdom…“ 

„Ich werde mit ihr sprechen, heute noch.“ 

„Oh. Grüßen Sie sie bitte und sagen Sie ihr, dass sie meine große Liebe bleibt. Auf jeden Fall bitte ich Sie, mir zu helfen, wenn ich von Wien angefordert werden sollte. Sie sind doch für mich verantwortlich…“ 

„Das findet meine Ministerin auch. Sie hat in Wien Amtshilfe zugesagt. Wir reisen übermorgen. Es wird eine kleine Reisegruppe in einem großen Justizwagen. Bereiten Sie sich vor. Auch auf das, was die Wiener vermutlich hören wollen. Nehmen Sie die Zigaretten mit.“ 

Ich hab das Ungeheure mit meinen Kumpeln besprochen. Auf einmal war ich bei ihnen der King.

Ein cleverer Kumpel meinte: „Wenn die Zeitungsfritzen dich geortet haben, werden sie am Ball bleiben und dich bis Wien verfolgen. Die brauchen dich für weitere Stories. Du musst Geld rausschlagen und ja nichts zu schnell ausplaudern.“

Hatte ich auch nicht vor. 

Klar, dass ich mein Notebook bekam, um mir Stichworte zu notieren. Die Chefin hat sie sehen und erklärt haben wollen, vor unserer Abreise. Ich brauchte Ruhe zum Nachdenken, das ging nur in einer Einzelzelle, ausnahmsweise und nur vorübergehend.

Sie wird dabei sein, klar, dass sie auch was für sich herausschinden will. Gönn ich ihr. Ihre Zigaretten schmecken mir wunderbar. Überhaupt…

 

 

Nancy Garrick berichtet aus Wien: Mörder macht Kasse

 

Erinnert euch, Folks, an unsere Serie „Der blonde Frauenjäger aus Glasgow“. Dem netten Kerl werden sieben Frauenmorde angehängt; womöglich sind es mehr. 

Zu schade, dass er nicht öffentlich aufgehängt werden kann. Würde eine hübsche Frauenprozession anlocken. Wie geklagt, das wird uns nicht mehr gegönnt. 

Soll er wenigstens endlich was Gutes tun, eh sie Seife aus ihm machen. In Wien hat die Kriminalpolizei eine Sondereinheit beauftragt, den Frauenmördern auf den Pelz zu rücken – in vier Wochen waren es wieder sechs in ganz Österreich – und sie haben nicht mal geschätzt 2 Millionen Frauen im gefährlichen Alter. 

Natürlich gibt es für jeden Scheiß Spezialisten; bei den hiesigen Hitler-Verwandten sicher mindestens so viele wie bei uns. Immerhin ist die Seelenklempnerei hier erfunden worden. Aber: Die neue österreichische Justizministerin von den Grünen hatte die blendende Idee: Holt einen Frauenmörder in die Taskforce, versprecht ihm dreißig Jungfrauen im Himmel oder was Tolles schon auf Erden, wenn er uns sagt und zeigt, wie Frauen-Killer das machen, und vor allem: warum. 

Nun, Leute, wir haben so einen Goldjungen, den nicht mal 30-jährigen J. H., der in dem ausgesucht netten königlichen Gefängnis in Birmingham seinen Lebensabend verbringen darf. 

Ich habe ihn bis jetzt nur von weitem gesehen. Als Kerl: Geschmacksache. Mich hätte er nicht so schnell gekriegt.

Ich hab überlegt und im Archiv gestöbert: Sind die Hunnen nicht mal in Westschottland gelandet und haben jede Menge blonde Kinder da gelassen? 

War ja auch nicht freiwillig, aber die Frauen konnten wenigstens weiterleben. Obwohl, es blieb immerhin Schottland… 

Also, der grüne Truck ist mit einer Militärmaschine gestern Abend hier in Schwechat gelandet, wie ich erfuhr, mit sieben Sicherheitsleuten und dem stinkenden Ehrengast. 

Seine Gefängnisdirektorin, sie heißt mit Vornamen Helen, war vorausgeflogen und hat die Gruppe in Empfang genommen. Dann ging es ab in ein geheim gehaltenes Hotel. 

Ich werde versuchen, mich dort einzumieten. Ein Taxifahrer hilft mir für eine zusätzliche Gefälligkeit. 

Mal sehen, was Julian zum Frühstück kriegt. Und wie sie auf ihn aufpassen. Sind für meinen Verstand zu wenige in Wechselschicht. 

Aber der Vogel fliegt ihnen bestimmt nicht weg; der wird hier noch was aufreißen wollen.
Aber was ist für Higgins verlockender als Frauen?

 

Flaschenpost 1 aus Wien,

bitte weitergeben an Mrs. Origon Higgins c/o Portobello Mini Hire,  317 Westbourne, Park Road,  W 11 London UK.

Liebe Freunde und meine liebe Frau: 

Das steht für mich fest: ich mache keinen Schritt ohne Helen. Sag auch keinen Satz, den sie und mein Agent nicht für angemessen gehalten haben. 

Denn, Leute, das wird hier eine heiße Sache. Nicht nur, weil es eine wunderbare Alternative zu meiner armseligen Behausung in Birmingham ist. 

Mein Wichtigstes Kapital: Sie brauchen mich. 

Meine einfühlenden Erkenntnisse, die hatte ich schon am dritten Tag, als ich die Fotos der Kollegen sah, die sie geschnappt und in zwei Fällen leider erschossen haben: Ich sage Ihnen das Geheime erst ganz langsam, stückweise und am Schluss; vorher nur Alternativen, Strohmännerzeug sozusagen. 

Die Schlawiener sind ganz schön fantasiearm, aber das ist für mich Geld wert. Ich lasse sie zappeln, ohne das Interesse an mir zu gefährden. Sie sollen spüren, dass ich viel mehr weiß als ich sage. 

Helen glaubt mir bald, dass ich ihr Fan bin. Erstaunlich, auf was sie alles reinfällt. Könnte an ihren Wechseljahren liegen und daran, dass sie nach ihrer zweiten Scheidung nur Wächter und Knackis gesehen hat. Und zuhause wartete ein leeres Sofa auf sie, denn ihren kleinen Köter brachte sie immer mit ins Knast-Büro.

Sie haben mir eine superhübsche Psychologin geschickt. Die will „eine Vertrauensbasis zu mir aufbauen“ und todsicher einiges aus mir rauslocken, was ich offiziell nicht rauslasse. Musste sie so weit gehen, den BH wegzulassen? 

Ach so, mein Agent. Diese Burschen halten sich hier die meisten Künstler. Er hat Erfahrungen damit, Honorare für alles Mögliche herauszuschlagen und Versprechungen vertraglich festzu-machen. 

Kleines Problem: Ich bin, sagen die Kommissare, kein einwandfreier Vertragspartner.
Aber dafür habe ich ja Helen. Die ist eine Dr. jur., muss man einfach gernhaben. 

Meint ihr, ich laufe hier in Zuchthauskleidung rum? Die Gefängnisdirektorin und ein Wachmann sind für mich einkaufen gegangen: Prima Anzug, hellblaue Hemden, Unterwäsche, Schuhe und eine original schwarze Baskenmütze, Größe 60. 

Ich will mein Image verbessern – nicht nur für die Fotografen. Ich habe die Psycho-Tussie Muriel gebeten, mir ein Herrenparfüm zu besorgen. Wusste gar nicht, dass es sowas in solchen Mengen gibt. Sie als studierte Männerversteherin (so nannte sie sich) hat das gern gemacht. Ratet, was auf der Verpackung steht: Vor Folgen und Nebenwirkungen wird gewarnt. 

Du brauchst keine Angst um mich zu haben, Herzallerliebste mein: die fremden Frauen sind für mich nur leblose Schaufensterpuppen und können dich nie ersetzen. Sollen sie auch nicht. 

Wegen der auf mich herabgestürzten Weltwunder kann ich dir sagen: Bitte warte noch damit, meinen Nachfolger zu suchen. Ganz unmöglich ist es nämlich nicht, dass wir uns hier treffen. Das ist mein höchstes Ziel. Und das kann ich wohl nur über Helen erreichen. 

Sie kämpft mit einer längeren Freistellung, ist aber darauf gefasst, dass wir beide wieder schnell zurück nach Birmingham müssen. Kann am Geld liegen, wir kosten ja unvorhergesehen was, aber auch, weil ihr Stellvertreter Mist gebaut hat. Vielleicht darf ich danach auch allein wieder nach Wien kommen. Ich glaube, ich habe noch einen Trumpf in der feinen Anzugtasche.

Sie muss die Hintergründe von uns beiden nicht wissen. Und nicht, warum in meinem Hotelzimmer auf einmal ein kleines Mädchen lacht. Küsse Ruben von mir. 

Vielleicht könnte ich, um hierzubleiben und den ratlosen Aufklärern was Größeres anzubieten: mit Muriel ein Lockvogel-Spiel inszenieren. Das würden die Zeitungen und die Sender sicher begeistert verfolgen. Mein Agent wird das ausbaldowern; es würde eine verdammt teure Produktio

 

Nancy Garrick berichtet über unseren Serienmörder

 

Inzwischen berichten wir auch für die Lieblingszeitungen in Österreich, Frankreich, Belgien, Holland, Deutschland, Italien, Dänemark und Skandinavien. Das ist erfreulich für uns, aber es setzt Higgins auch unter noch mehr Druck. 

Die gespielte Love Story mit der vorher so kühlen Muriel wird das weniger beeinflussen; der Killer macht so was mit links. Mir tut die von ihrem wissenschaftlichen Ehrgeiz getriebene Frau inzwischen leid. Denkt mal mit, Leute: selbst wenn es ihr gelingt, den Hartgesottenen dahin zu bringen, sein Geheimnis in ihrer letzten Lebensminute vor der Kamera zu zeigen – was bringt es ihr, dass nur andere darüber schreiben werden? Will sie so ein verrücktes Pionier-Opfer bringen? 

Er selbst spielt das gekonnt herunter: „Weißt du, Larissa“, sagte er mir gestern (er kann Frauennamen schlecht behalten), „die TV-Zuschauerinnen wollen noch einige Staffeln lang unterhalten werden. Wir werden viele Komplikationen einbauen, Eifersuchtsszenen, Nahkämpfe, heftigste Verführungsszenen und eine Menge Beinahe-Handlungen, die scheinbar, aber noch lange nicht die erhoffte Auflösung bringen; die Produzenten versprechen sich Millionen-Einnahmen und ich will davon für Origon und Ruben eine hübsche Menge abhaben. 

Kannst du übrigens was auf Eis legen? Ruben will unbedingt ein Brüderchen haben. Die Aussichten sind gut.“

„Danke für dein Vertrauen, ich lege es für etwas später zurück, Jul. Aber mir kannst du es doch schon mal sagen, Jul, wie du wahrscheinlich vorgehen wirst, mit deinen Händen, das ist ja allen klar…“

„Geht nicht. Vorher müsstest du mich verführen und ich dich deutlicher lieben, beides lässt die Justiz nicht zu und es geht nun mal schlecht übers Handy. Sag mir inzwischen, wie die Wettbüros mit der Geschichte umgehen.“ 

Er staunte, diese Ergebnisse lesen Sie auf unserer Zahlenseite, diese Summen hätte er nicht so schnell erwartet. 

Ich rufe meine Leserinnen in unseren Verbreitungsländern auf: Schreibt mir, wer auch ein Kind von dieser Berühmtheit haben möchte. Ich wette mit meinem restlichen Team, welches Land ganz oben stehen wird – nach Great Britain. 

Sie können mir und der Taskforce hier übrigens stark helfen, wenn Sie uns möglichst viele Motive nennen, die Ihrer Meinung nach zu einem Frauenmord führen können, möglichst viele, bitte, 

Die nächste Frage folgt dann. 

Nach Redaktionsschluss erreichte uns die Nachricht, dass Deutschland doch lieber ein eigenes Team schicken will. Dauert aber wegen der Verträge einige Zeit. 

Mein über alles geliebter Jul, 

ich nutze eine sicher nicht legale Möglichkeit, dir zu sagen, dass du dich auf mich verlassen kannst. 

Ich habe mein Leben an dein Leben gebunden und da spielt es keine Rolle, was du getan hast und tun wirst: Ruben und ich, wir sind deine Familie. Wenn es nicht anders geht, sollten wir gemeinsam aus dem Leben scheiden – aber das eilt nun wirklich nicht. 

Ich verfolge im Radio, in den Sendern und in den Zeitungen, was sie über dich schreiben. 

Ich bin die stolze Frau eines Gefangenen, die treu zu dir hält und alles wegdrängt, was sich zwischen uns schiebt.

Helen, deine Gefängnisdirektorin, hat schon zweimal bei uns Tee getrunken. Wir sprechen über deine und unsere Zukunft in Birmingham. Sie mag dich. Und sie ist doch eine Menschenkennerin.

Sie hatte Tränen in den Augen, als Ruben ihr das Medaillon mit deinem Bild zeigte und stolz sagte: „Papa Scheel“. Sie zeigt dein Bild allen, auch der Wurstverkäuferin bei Tesco.  

Ein deutscher Tourist, der das hörte, sagte: „Dat Blaach kann kölsch; komm, krisse en Taler.“ 

Ruben kann  „Papa jail“ noch nicht richtig aussprechen, aber wenn sie sich damit ein Zubrot verdient, ist es ok. 

Jul, Liebster, du musst keine Angst haben, dass ich einen Nachfolger für dich suche. Wen auch? Da müsste Prinz Harry oder ein Fußball-Millionär kommen, sonst bleibe ich bei dem, was ich habe. 

Es wäre traumhaft, wenn wir uns in Wien treffen könnten. Es ist normalerweise unmöglich, aber nicht für dich. 

Wenn Ruben in unserm Zimmer eingeschlafen ist, werden die Engel singen, denn ich bin ausgehungert und würde meilenweit mit Fußfesseln laufen, um dich umarmen zu können. 

Rubin schickt dir dreißig Küsse – mehr kann sie sich noch nicht vorstellen. Von mir kriegst du dreihundert, die ersten dreißig unter der Dusche. 

 

 

 

 

Flaschenpost 2

 

Bitte schnell weitergeben an Mrs. Origon Higgins, c/o. Mrs. George Th. Harrison, 32 Lincoln`s Inn Fields, London WC2. UK

Lieber, lieber schöner Liebling und meine süße Tochter Ruben, 

tausend Dank für deinen wunderschönen Brief, der mir viel Mut macht. Millionen Knackis werden mich um so eine umwerfend hinreißende, kluge, treue und mutige Frau beneiden.

Hier geht alles entnervend langsam. Ich bin aus dem furchtbaren Stinkloch, das sie Gemein-schaftszelle nennen, zurück und darf wieder meine neuen Unterhosen tragen. Meine Vorträge darf ich wieder (nach Zensur) halten, nur meine Entschädigungssumme wurde kleiner. Geld für Zigaretten und Bier habe ich.

Muriel hilft mir oft aus. Das ist ihre gute Seite. Ich muss dir das noch einmal erklären: Sie ist ein Cop und sie ist darauf aus, für eine Doktorarbeit Material über mich und ihre Erkenntnisse zu sammeln. 

Ja, es gibt diese Fernsehserie „Lockvögelein“, die uns viel Arbeit, aber ein bisschen auch Spaß macht. Wir strengen uns an, ein Liebespaar zu spielen, streng nach dem Drehbuch und den Regie-Anweisungen. 

Wenn sie mir in die Arme fliegt und von jeder Konversation abhält, schließe ich innerlich die Augen und stelle mir vor, das wärst du, die ich gespielt verliebt küssen und in den dunklen Nebenraum drängen muss. Es ist schwer zu ertragen. Aber ich denke immer, es ist ja nicht nur gesund für mich, es bringt uns auch Schulgeld für Ruben. 

Ich freue mich sehr, dass du dich gut mit Helen verstehst. Die Polizei wird meine Wohnung einige Male auf den Kopf gestellt haben. Da wird kein Manuskript von mir mehr zu finden sein, wenn doch, wird Helen, die ich als Herausgeberin vorgesehen habe, einen Verlag für einen Vorabdruck finden und ein schönes Voraushonorar für den Rest herausschlagen. Achte bitte darauf, dass alle Regelungen mein schriftliches ok brauchen.

Jetzt setze dich in meinen Schreibtischstuhl und denke an mich. Erinnere dich, wie dieser Stuhl uns erlebt hat, wie ich dich darin erlebt habe, nicht immer sitzend, und wie du dann weniger auf den Bildschirm geachtet hast. Ich sehe dich noch, wie du dich abgestützt hast. Ich bin dann manchmal mit dem Kopf unter deinem Arm in Richtung eines bestimmten herrlichen Teils von dir… 

Vielleicht gibt es eine wieder zugeklebte Stelle mit einem Etwas, das einige Geschichten in sich hat. Das meine ich, wenn ich eine Zusammenarbeit mit Helen ansprach. 

Wenn du die Psychopolizistin und mich im TV siehst, denke bitte immer wie ich daran, dass sie, was sie vielleicht auch könnte, mich eben nicht von meinem Problem befreien will, sondern nur Material für die Justiz und für sich sucht.  

Und, wie eine nette Reinigungsfrau mir sagte: „Schade. Ist ja nur Kino!“ 

 

Über die Flucht des Mörders

Von Nancy Garrick

Ich habe immer damit gerechnet, die Polizei offenbar nicht: Higgins ist ausgebrochen. 

Wir konnten diese Aktion zurückverfolgen: Mit dem ihm von uns überlassenen Handy hat er nicht nur seine Frau in London angerufen, sondern, wie die Polizei nachträglich feststellte, Dutzende Leute in mehreren Ländern, darunter mehrfach eine Frau in Ungarn. Ebenso wichtig waren ihm wohl zwei Anrufe in Schottland, bei einer Frau Marlitt Moore, bei der er einmal Hausgast war. 

Die örtliche Polizei hat Frau Moore befragt und dieses erfahren: „Mr. Higgins, der uns ein lieber und sehr willkommener Hausgast war, bat mich, meiner Tochter Marble, die mit einem Autohändler liiert ist, aber die meisten Tage noch bei mir wohnt, eine Nachricht zu notieren. Sie lautete: „Marble, Traumkönigin, halte im Mietauto unbedingt am 25., 17:40 MET(!) vor der Polizeiinspektion Laurenzerberg 2, 1010 Wien, Küsse, Jul. Bring Badezeug mit. 

Frau Moore war sehr aufgeregt. Sie hat ihre Tochter sofort verständigt; die hätte gleich einen Koffer gepackt. 

Schwer verstehbar ist: Marble Moore (das spricht, denke ich, dafür, dass sie mit dem Mörder ein Verhältnis hatte und nicht nur ein nebensächliches!) ist tatsächlich nach Wien gekommen und hat es geschafft, zur von Higgins gewünschten Zeit gegenüber der Polizeistation zu halten. Ich frage mich, hatte sie genug Zeit, Fahren auf der rechten Seite zu üben? Sie ist auf den Beifah-rersitz gerutscht und hat die Fahrertür einen Spalt geöffnet.

Als Higgins aus dem Haus herauskam und sich in Begleitung von drei „Seminaristen“ eine Zigarette in den Mund steckte und sich von einem Polizisten Feuer geben ließ*), schaffte sie es, den Motor anzulassen. Higgins lief über die Straße, stieg ein und brauste davon. Die drei aus dem Seminar starrten fassungslos dem Auto nach. Einer schrie: „Er ist weg!“ Das Kennzeichen hatte sich keiner der Profis merken können. 

Nach 24 Minuten wurde Großalarm gegeben. Alle Streifenwagen wurden aufgefordert, einen mit zwei Personen besetzten dunkelblauen Audi A8 aufzuspüren, vordringlich auf den Straßen nach dem nahen Bratislava, nach Passau und nach Bruck an der Mur. Nach 35 Minuten konnten drei Polizeihubschrauber die möglichen Fluchtwege absuchen. Sie suchten falsch. 

Nach über einer Stunde rief er mich übers Handy an: „Gloria, bitte beruhige die Leute. Wir machen nur einen Ausflug.“ 

„Verdammt, Jul, habt ihr beiden was? Warum riskierst du das? Willst du erschossen werden?“ 

„Wir mögen uns, und du räts nie, was sie besonderes hat.“ 

„Sie ist scharf auf dich. Und sie glaubt an das Gute in dir – wie tausende verblendete Frauen in ihren Ganoven.“ 

„Gönn mir das, Minka, wir gehen ja nur ein paar Tage baden. Marble ist Rettungsschwimmerin, die brauch ich, denn Segeln kann ich nicht gut. Ich erzähl dir unser Märchen später. Halte zwei Spalten frei.“ 

Ich hielt es für meine staatsbürgerliche Pflicht, diese Gesprächsinhalte auch der Polizei weiterzugeben.  

Sie suchen jetzt alle Seen ab. Kann sein, dass sie was übersehen: Hat er nicht mit einer Ungarin telefoniert? Gibt es nicht einen See, der in Ungarn übergeht?  

Wir sind schon mal unterwegs nach Rust und Mörbisch. Wir suchen alles ab. Ich hab so was im Urin… 

*) Achtet mal drauf, wenn die Geschichte noch weitergehen sollte: er hat kein Feuerzeug benutzt. Er hatte aber eins. 

 

 

Muriel L. Crameri MA., Kriminalpsychologin

derzeit Justizvollzuganstalt Schwarzau
Bundesministerin für Justiz
Museumstraße 7, 1070 Wien
Auf dem Dienstweg


Sehr geehrte Frau Ministerin,

sie kennen mich seit meiner Ernennung zur Polizeipsychologin und seit Ihrem mir persönlich erteilten Sonderauftrag betreffend den in Großbritannien inhaftierten und kurzzeitig nach Wien überstellten Higgins, Julian. 

Zu den in den Medien verbreiteten jüngsten Darstellungen, meinen rein dienstlichen Kontakt im freiwilligen Selbstversuch als „Lockvogel“ für den verurteilten Mörder Higgins, darf ich Ihnen folgende Richtigstellung geben: 

Ich war als Profilerin dem Objekt an zwölf stundenweisen Tagen und insgesamt sieben Nacht-stunden über alle Erwartungen erfolgreich nahe gekommen und habe jede Phase dokumen-tiert. Er hat sein Misstrauen gegen mich noch nicht ganz aufgegeben. Ich sah mich gezwungen, ihm einige körperliche Zugeständnisse zu machen und musste es dabei hinnehmen, dass er sich mir auch „auf die harte Tour“ genähert hat. 

Ich stehe seitdem in ständiger Konsultation mit den Anstaltsärzten. Zu größeren Beeinträch-tigungen ist es bisher nicht gekommen, aber am vorletzten Freitagabend, wir haben nach dem Konsum von zugeteiltem Wachauer Wein kulturell hochstehend geplaudert, schien er mir plötzlich an den Hals zu gehen. Er hatte es allerdings auf anderes abgesehen; ich spürte trotzdem deutlich, dass er überlegte, wie er mich zu Tode bringen könnte. 

Als ich ihn dann nach Stunden von seinen Obsessionen abbringen und fast normal beruhigen konnte, verlangte er, als wie er sagte, „Treuebeweis“ eine sofort überzeugende Tat von mir. Mehrere seiner teils extremen Vorschläge musste ich ablehnen, aber einen Gegenvorschlag liefern. 

„Schönbrunn“, sagte ich, eine Stunde im Park – und dann schnell wieder zurück.“ 

Er war nach weiteren körperlichen Zugeständnissen dazu bereit; er verhinderte es aber mit drastischem Zwang, bei unserer Aufsicht um einen kurzen Ausgang zu bitten und später, uns ordnungsgemäß abzumelden. 

Wir fuhren in meinem Privatwagen in den Schönbrunner Park, wo wir gegen zwei Uhr dreißig nachts ankamen. Nach den gewohnten intimen Kontaktversuchen verlangte Higgins von mir, ihn ins geschlossene dortige Schwimmbad zu begleiten. Er zwang mich, mit ihm die Zäune zu überwinden und ins leere Bassin zu springen.

Weil dieser Badebesuch nicht geplant war und kein Publikum vorhanden war, fiel das Fehlen unserer Badekleidung nicht ordnungsstörend auf.

Higgins verlangte noch weitere Vertrauensbeweise von mir, gegen die ich mich bis zur Erschöpfung wehren konnte.

Ich konnte ihn dann mit erheblicher Anstrengung zur baldigen Rückkehr bewegen. 

Wir wurden gleich in Gewahrsam genommen. Ich wurde am übernächsten Tag in die Frauen-strafanstalt Schwarzau strafversetzt. Higgins kam meines Wissens in Sträflingskleidung in eine größere Zelle. 

Meine bereits einiges erhellende Zwischenergebnisse brauchen unbedingt eine Weiterführung. Eine zeitliche Unterbrechung würde alles Erreichte gefährden.

Nüzt`s nüt so schadt`s nüt.  

Ich bin weiterhin sicher, dass Higgins mich bald ermorden und sein Geheimnis damit zeigen will. Dann könnten wir womöglich Hunderten Frauen das Leben retten. 

Bitte ordnen Sie an, dass wir alsbald rückverlegt und das für die Justizprophylaxe besonders wichtige Experiment fortsetzen können. 

Ich bin sehr gern bereit, meinen immerhin lebensgefährlichen Einsatz freiwillig fortzusetzen und Ihnen, Frau Ministerin, weiterhin auf dem Dienstwege oder persönlich ausführlich zu berichten. 

Ich darf beilaufig darauf hinweisen, dass das Publikumsecho auf die Interviews und Fernseh-berichte sehr positiv waren. Die neue Justizarbeit kommt in der Bevölkerung bestens an. Ich sehe in diesem Zusammenhang noch einige wirksame Perfomances.

Mit ergebenen Grüßen 

Ihre  

Muriel L. Crameri 

 

Mein schwarzer Tag

Von Nancy Garrick

Mein Team verschnauft ein paar Stunden an diesem schönen See und in den sich ungarisch gebenden Restaurants am Ufer. Wir haben alles abgesucht und abgefragt – die Polizei mit etwas Verspätung auch. Den Film seiner Flucht kann ich so beschreiben:

Die Luftaufklärung und die Streifenwagen meldeten nach sechs Stunden: Keine Spur von Higgins.

Dann, nach fast sieben Stunden, meldete ein Dorfpolizist: „Hier soll eben ein verstaubter blauer Audi mit einem Affenzahn durchgesaust sein, Richtung Mörbisch.“ 

Ein bedrohter Ameisenhaufen ist ein Klacks gegen die Hektivity, die dann losbrach. Die Streifen-wagen kämpften sich durch die bald verstopften Straßen, zwei Hubschrauber kreisten über das vermutete Zielgebiet; ihre Piloten fluchten über die Strom- und Telefonmasten an der Straße – und das alles für nichts und wieder nichts. 

In den Nachrichten brachten sie, dass ein italienisches TV-Team die flotte Abfahrt eines blauen Audi vom Polizeistandort nachgestellt hatte – die Fahrerin trug ein buntwehendes Kopftuch und ein Mann mit blonden Stoppelhaaren, der dem flüchtigen Mörder gleichen sollte, stürzte ins Auto.

Das Team war clever, aber zu flüchtig: das Lenkrad ihres Audi war links, nicht wie das in dem für Linksfahrer reservierten Wagen. Shit happens. 

Wir vier hatten den verdreckten blauen Audi längst gefunden. Er gehört einem Landarzt, der auf der Rückfahrt von Eisenstadt dringend zu einer Hochschwangeren gerufen wurde. Deshalb das Tempo. Als wir mit seiner Frau sprachen, war er schon zu der Patientin unterwegs. „Nicht mal mehr als einen Happen hat er gegessen, der Oberdepp.“ 

„Warum nennen Sie den pflichtbewussten Arzt so; seine Eile war doch keine böse Absicht.“ 

„Sie haben gut reden, junge Frau, aber ich muss damit leben, dass er sich kaputtmacht mit dieser Hetze. Die Kinder sind noch so klein, und er hat schon einen Schrittmacher…“ 

Unser Fotograf war mit Mulligan draußen geblieben, Susan und ich bekamen noch je ein Glas Wasser. Die zwei draußen kriegten auch eine Kühlung. Susan fragte die Arztfrau scheinbar beiläufig: „Ihr Mann muss sicher oft auch nach Wien fahren…“ War auch ein Flop: 

„Nach Wien? Da fährt man doch nicht freiwillig hin. Wir sind beide keine Stadtmenschen. Und Konzerte und Theater haben wir hier. Er schläft ja doch meistens dabei ein.“  

Und dann interessierte sich die gute Frau doch für uns und was wir hier machten. Ob wir noch zum See wollten? Wie lange wir bleiben könnten und den „Goldenen Anker“ in Mörbisch dürften wir nicht auslassen. „Da gehen wir auch manchmal essen.“ 

Mein Handy schellte. Ich ahnte es schon, es war Higgins: „Hallo, Mira, ich hab vor Stunden schon bei dir angerufen…“ 

„Wo bist du. Jul, wir suchen dich überall.“ 

„Aber du kennst doch unser Hotel. Muriel und ich machen uns ein schönes Wochenende…“ 

„Wart ihr im Wasser, Jul?“ 

„Woher weißt du das? Wir waren tatsächlich baden. Etwas außerhalb, das ist es aber wert, das schöne Freibad im Schönbrunner Park. Hat uns gutgetan – ja, wir hätten uns abmelden müssen. Aber wenn wir um Erlaubnis gebeten hätten, kannst du dir ja denken, was sie gesagt hätten. Muriel hat es auf ihre Kappe genommen. Sie ist wirklich eine erstaunliche Frau. Wir machen fantastische Experimente…“ 

„Wird die Frau dir gefährlich, Jul?“ 

„Du weißt, dass mich Gefahren nicht bange machen. Sie blutet übrigens grade“, 

„Jul, was hast du gemacht! Muss man dich in Ketten legen?“ 

„Das werden sie noch ein bisschen aufschieben müssen. Muriel lächelt schon wieder. Sie hat sich an meinem Schneidezahn geritzt; muss ich mal abschleifen lassen, ist schließlich schon anderen Frauen passiert.  

„Jul, wir brauchen wieder ein Bild von dir; geht es Montag wieder los mit dem Seminar?“ 

„Ja, wir starten um halb neun mit einem Armeehubschrauber, ich weiß noch nicht wohin. Nur, dass sie einen Polizeihund mitnehmen, der soll vielleicht auf mich aufpassen. 

Ich werde mir ein paar Scheiben Schinken vom Frühstück einstecken, dann wird er mich mögen. Bis später mal. Bye.“

Das Seminar mit Higgins wurde verschoben. Sie haben ihn stundenlang verhört. Daran war sicher auch die Story mit dem Leihwagen schuld. Die Polizei hat den Verleiher aufgespürt. Ein englisches Paar hat ihn für 16 Tage gemietet und alle Papiere willig kopieren lassen. Der Mann sei gefahren. Welche Haarfarbe er hatte? Gar keine: kahl rasiert. Und was für einen Wagen hat er genommen?  

„Den silbergrauen Ford Galaxy; brauchen Sie das Kennzeichen?“ 

Jul bat mich zu fragen, wohin die beiden gefahren sind. Ich habe den Verleiher nach zwei Stunden gefunden, es gab ja nur gefühlt sechzig. Der Mann sagte mir: „Die Engländer wollten an den Neusiedler See. Zum Baden. Ich hab ihnen eine Fahrtroute nach Mörbisch ausgedruckt.“ 

Haben Sie die Geschichte begriffen? Ich nicht. Mein Liebster sagte mir spätabends am Telefon: „Schatz, wir müssen doch nicht alles verstehen. Manches bleibt vielleicht besser im Dunkeln.“ 

Ob das gut geht mit uns beiden? Er kann so was allen möglichen Frauen sagen, aber doch keiner Journalistin, die sich noch einiges vorgenommen hat… 

 

Nancy & Muriel. Unser Interview

Nancy: Frau Crameri, darf ich Sie mit Ihrem schönen Vornamen anreden? Meine Mutter heißt auch so.
Muriel: Ok, Nancy, aber wir müssen keine Freundinnen werden.
Nancy: Nein, unser Gespräch hat ja auch eine geschäftliche Basis: Sie nehmen ein Honorar.
Muriel: Ja, ich muss meinen Studienkredit noch abstottern.
Nancy: Sie sind Polizeipsychologin. Dieser Ausbildung verdanken Sie einen einmaligen Job.
Muriel: Ja, ich lasse mich auf ein lebensgefährliches Experiment mit einem Serienmörder ein.
Nancy: Kommen Sie mir nicht mit Experimentierfreude. Es geht immerhin um einen Kerl, den unwahrscheinlich viele Frauen sehr anziehend fanden und finden. Lässt er Sie kalt?
Muriel: Nach ein paar Tagen Bekanntschaft hat er mich für sich eingenommen; dazu stehe ich; das macht meine Arbeit leichter.
Nancy: Sie wollen herausfinden, wie er Frauen umbringt. Opfern Sie sich?

Muriel: Notfalls, aber ich will diese Geschichte unbedingt überleben. 

Nancy: Ist es zwischen Ihnen beiden inzwischen ein Liebesverhältnis geworden? 

Muriel: Das hoffe ich. Anders finde ich keinen Zugang zu diesem ungewöhnlichen Mann. 

Nancy: Ist er das wert? 

Muriel: Fragen Sie sich das, Nancy, wenn Sie sich auf einen Mann einlassen? 

Nancy: Stimmt; ist immer ein Risiko. Aber lassen Sie uns nicht länger um Nebensächliches herumreden. Sie haben etwas Besonderes vor.  

Muriel: Nicht ich allein – wie käme ich dazu. Wir haben in einem Team von Wissenschaftlern und Künstlern den Gedanken entwickelt, Julian Higgins eine künstliche Freundin schmackhaft zu machen, die mich ersetzen soll, wenn ich dienstlich verhindert bin. Das werden wir arrangieren. Er soll mit ihr Tag und Nacht leben und, das hoffen wir, sie nach einiger Zeit umbringen. 

Nancy: Halten Sie sich für so leicht ersetzbar – und das von einer Plastikpuppe? 

Muriel: Sie haben recht: Ich gehe wieder ein Risiko ein. Aber es ist ziemlich gut vorbereitet. Unser Team hat mich umfänglich analysiert, meine Art, mit ihm umzugehen – bis in intime Situationen.

Nancy: Ich staune, was Sie alles investieren. Wie soll er überhaupt auf die Puppe fliegen?

Muriel: Sie lockt ihn an, bietet ihm Sex, wie er ihn liebt; er riecht mein Parfüm und meinen Hautduft… 

Nancy: Und Kameras beobachten die beiden in jeder Minute, nur in der Hoffnung, dass er sie abmurkst und dabei seine Killer-Methode verrät… 

Muriel: Nicht nur. Wir setzen stark auf nächtliche Umarmungen und geflüsterte Gespräche, in denen er arglos etwas ausplaudert, was er nie zugeben würde. 

Nancy: Wird sie ihn dazu verführen? 

Muriel: Sie wird ihn in jeder bewährten Weise verführen, immer und immer wieder, 

Nancy: Das hat Ihr Team alles vorbereitet? Haben daran einige Frauen mitgewirkt? 

Muriel: Am Inhalt: Nein. Das habe ich aus meinen Tiefen hervorgeholt. Denn: Die Figur ist ja etwas wie meine mit uns lebende Zwillingsschwester; übrigens ist sie in ihn verliebt und begehrt ihn. Das ist uns sehr wichtig. 

Nancy: Das Ganze wird ein abendfüllender TV-Film, der Ihnen ohne jede Vorbereitung eine Hauptrolle beschert… 

Muriel: Ich spiele mich nur selbst, ungeschönt… 

Nancy: Na, Ihr Aussehen und die Kleider werden sicher von anderen bestimmt. Ist die Produktion eigentlich gesichert? 

Muriel: Ja, doppelt sogar: Finanziell und juristisch… 

Nancy: Sie meinen, die Bullen sind immer dabei? Muriel: Daran werde ich mich nie gewöhnen: Dass Kerle neben unserem Bett stehen und glotzen… 

Nancy: So ist es nun mal am Set. Das Drehbuch und der Regisseur geben Ihnen alle Einstellungen vor… 

Muriel: Wenn es nur einmal wäre… Was meinen Sie, wie oft wir Küsse und Intimitäten wiederholen müssen? 

Nancy: Muss schrecklich sein – immerhin mit einem geübten Frauenjäger. 

Muriel: Es ist sehr gewöhnungsbedürftig, glauben Sie mir. 

Nancy: Sie werden Ihr Leben lang davon zehren und Ihrer Enkelin noch ergriffen von diesen Erlebnissen erzählen. Wird Frau Higgins den Film sehen? 

Muriel: Ja. Sie kennt das Drehbuch und wir haben ihr viele Fragen beantwortet. Sie hat nach langem Zögern zugesagt, dass wir nach der Premiere über den Film reden, öffentlich natürlich – für ein wirklich schönes Honorar. Sicher Ruben zuliebe. 

Nancy: Darf ich bei den Dreharbeiten mal zusehen? Immerhin als Vertreterin der Öffentlichkeit. 

Muriel: Wenn Sie so viel Mut haben, dürfen Sie bei den Proben auch mal mitspielen – von mir aus als mein Double. Ja, am Donnerstagnachmittag würde es gut passen, ich bin da in der Physiotherapie. Sie müssten darauf gefasst sein, dass Julian nicht lange fackelt.  

Sie als Journalistin werden nicht überempfindlich sein. Aber ob Ihr Freund das aushält? Ihr Risiko… 

Übrigens: Einen Gedanken sollten Sie mal in Ihrem wenig verwöhnten Hinterkopf behalten: Higgins hat jetzt schon einige Wochen keine Frau mehr ermordet. Ob da nicht bald mal wieder eine Schlagzeile fällig wäre…? 

 

 

Panik-Zustände. Es liegt was in der Luft

 

 

Sprachaufzeichnung 2307 vom 17.06. MFJ:


Männliche Stimme: Higgins, sind Sie da, Higgins?

Higgins: Falsch verbunden.

Männliche Stimme: Hier Ministerialrat Dr. Wandelhuber, ich will den Häftling Higgins sprechen, aber jetzt mal mit Tempo.

Higgins: Falsch verbunden.

Männliche Stimme: Verdammt noch mal, Mann, Sie kriegen acht Wochen Einzelhaft, wenn Sie jetzt nicht kooperieren.

Higgins: Sie sind irgendein Kalfaktor am Ballhausplatz?

Eine andere männliche Stimme: Higgins, ich warne Sie. Hier ruft Sie ein ranghoher Beamter aus dem Justizministerium an. Das geplante Videogespräch ist uns leider nicht gelungen. Aber: Ihre Hilfe wird angefordert, Higgins.

Higgins: Die Verständigung ist unter aller Sau. Sie werden doch einen britischen Staatsbürger, der ein gefragter Gast in Ihrem Land ist, nicht so anreden, wie ich es verstanden habe…

Männliche Stimme, wie am Anfang: Higgins, jetzt bin ich es wieder, Dr. Wandelhuber. Ich befehle Ihnen, sofort in meinem Büro…

Higgins: Ich verstehe Sie leider nicht. Wer hat sich im Dienst unflätig benommen?

Männliche Stimme: Meine Geduld ist erschöpft. Ich lasse Sie herbringen…

Eine fremde weibliche Stimme: Herr Higgins erlitt soeben einen Schwäche-Anfall. Er wird gerade in die Krankenabteilung verlegt.

 

Sprachaufzeichnung am 20.06. 2530 MFJ: 

Weibliche Stimme: Guten Tag, Herr Higgins, ich darf der Schwester diese Blumen für Sie übergeben; sie sind von der Ministerin.  

Higgins mit schwacher Stimme: Wie heißt sie? 

Weibliche Stimme: Sie lernen sie noch kennen. Im Augenblick wird sie von einer Kabinetts-kollegin vertreten. Haben Sie die Zeitungen der letzten Tage lesen können? Ich sehe, dass die Schwester den Kopf schüttelt. Aber fernsehen konnten Sie doch? Also, die Nation ist in Panik: Sie haben von der Ermordung und dem schlimmen Davor einer 7-Jährigen gehört?

Higgins: Das war keiner von hier. Ging gegen jede Ehre. Wie heißen Sie?

Weibliche Stimme: Theresa. Ich bin…

Higgins: Sie gefallen mir. Diese Augen…

Theresa: Ja, geschenkt, ich kenne Ihre Tricks, Herr Higgins, meine Reize auch. Wissen Sie, warum wir Ihre Hilfe brauchen?  

Higgins: Ist ja klar: Die Bevölkerung sitzt jetzt Ihnen im Nacken; die Medien fordern Unmögliches, die Parteien flippen aus und überbieten sich mit Forderungen. Die Regierung steht unter Druck.  

Theresa: Genauso ist es. Nur schlimmer. Die Regierungsparteien geraten in Panik. Und das können wir uns auch international nicht leisten. Es geht gerade immerhin um einen Sitz im UN-Gremium,  

Higgins: Wir? Ich gerate nicht in Panik.  

Theresa: Herr Higgins, Julian, ich bin ein Fan von Ihnen. Ich, wir brauchen Ihren Rat. 

Higgins: Ich brauche neue Abmachungen. Die bisherigen kündige ich. Es geht um präzise Forderungen.  

Theresa: Sie wissen, dass ich nicht befugt bin… 

Higgins: Theresa, ich habe einen Zettel voll mit Besprechungspunkten. Aber das will ich hier nicht verhandeln, wir besprechen das bei einem Abendessen, bei Toni oder Philippou.

Toni finde ich gemütlicher. Zu Philippou gehen wir oft spätabends nach den Dreharbeiten. Der Nachtkoch wartet schon immer auf Muriel, den Regisseur und mich und holt uns in die Küche…   

Nein, wo anders gibt’s kein Wort von mir. Lassen Sie bei Toni einen Tisch in einer Nische für 20:30 Uhr reservieren. Das Mikro soll dezent im Blumenarrangement verborgen sein.

Bei Toni gibt’s keine Nische? Aber, liebwerte Frau, ein Paravent schafft das auch. Und der Wandelhuber darf ja nicht in der Nähe sein. Die Köche sollen einen Fasan vorbereiten. und einen trockenen Roten öffnen. Brauche ich ein Dinner-Jacket?  

Sprachaufzeichnung vom 20.06., 20.16 Uhr MFJ 2532: 

Higgins: Hallo Theresa, keine Sorge, das hält Ihr Lippenstift aus. So schöne Frauen versauern in Ministerbüros?  

Theresa: Es gibt ja nicht nur Ärger. Wir feiern auch öfter was; es ist auszuhalten.  

Higgins: Was können wir an meinen Lebensbedingungen verbessern?  

Theresa: Wir haben zunächst einiges richtig zu stellen…  

Higgins: Sie können auch wieder gehen, Theresa, ich kann den Wein gut allein trinken. 

Theresa: Also; Sie kriegen ein anderes Hotel, kein billiges am Bahnhof…  

Higgins: Nur in einer oberen Suite.  

Theresa: Das passt nicht in unser Budget, leider.  

Higgins: Dann machen Sie es passend, Süße, Rufen Sie sofort an und klären Sie das. 

Theresa: Ist ok. Ich habe Vollmacht.  

Higgins: Wie ich. Bestellen wir uns was Schönes zur Vorspeise. Sie zuerst. Muss nichts Billiges sein, Theresa!  

Theresa: Julian, Sie sagten: Gegen jede Ehre. Ist das so? 

Higgins: Wir haben wie das Kingdom keine Verfassung. Aber es gibt Ungeschriebenes, das oft noch sicherer ist. Zum Beispiel…  

Theresa: Sag es mir, Julian. Was gilt genau als Grenze? 

Higgins: Kinder. Die Grenze sehe ich bei 16 Jahren; in südeuropäischen Ländern sind die Frauen früher reif, da gilt schon mal 15. Aber noch früher ist unmöglich.  

Theresa: Ist Unmögliches für alle unmöglich?  

Higgins: Es gibt Ausnahmen, klar. Aber nicht, oder sagen wir, weniger bei Killern… 

Thersa: Sag`s mir, Julian.  

Higgins: Du hast doch auch Geschichtsunterricht gehabt. Es war gang und gäbe, dass die untere Grenze für Fürsten nicht galt. Es gab Heiraten mit Kindern, Verlobungen sowieso. Einige Künstler und Wissenschaftler haben diese Ausnahmeregeln auch für sich beansprucht – ohne groß zu fragen.  

Theresa: Wie alt war deine Jüngste?  

Higgins: Kein Kommentar: Datenschutz. 

Theresa: Gegen Verführungen warst du, seid ihr so gut wie machtlos. Die 7-Jährige soll ihren Peinigern freiwillig in eine Wohnung gefolgt sein.  

Higgins: Sagte ich doch: Die waren nicht von hier; es waren keine Europäer. Nicht mal Eskimos. Die hatten nicht „unsere Werte“, wie eure Politiker immer sagen. 

Theresa: Sie lebten als widerwillig geduldete Gäste unter uns. 

Higgins: Wie Tiere manchmal. Für die Verstümmelungen gibt es keine menschlichen Erklärungen… 

Theresa: Du hältst sie für Tiere. Aber sind wir das nicht manchmal alle – in Augenblicken vielleicht und sogar in der Liebe…? 

Wie fein, da kommt unsere Vorspeise. Sieht lecker aus. 

Higgins: Theresa, du siehst auch sehr lecker aus. Ich schwärme für Leckeres. Entschuldige mich, ich muss mir noch schnell noch Zigaretten holen…  

Theresa, laut: Los, hinterher, das ist doch der üblichste Trick… 

Sprachaufzeichnung 2532 vom 20.06. 20:52 h (Forts.) MFJ  

Theresa: Schön, dass du wieder da bist, Julian, war das wieder eine Ausbruchübung?  

Higgins: Entschuldige, ich weiß gern, wer ein echter Gast ist und wer ein lauernder Cop. 

Theresa: Und was war dein Trick –  ähnlich umständlich wie der Scheinausflug zum Neusiedler See?  

Higgins: Es war eine Übung, aber harmloser ging es nicht: Ich war nebenan auf dem Damen-Klo. Ist edel ausgestattet und es gibt dort wunderbare Seifen und Duftwasser. Nebenbei: Die aufgeschreckten Aufpasser haben an dem Fenstergitter bei den Männern gerüttelt, nicht begriffen, dass das gebogene Eisen so dicht war, dass eine dünne Katze Mühe gehabt hätte, durchzuschlupfen. Trotzdem haben die Narren draußen lange gesucht, bevor sie dann hier drinnen unter die Tische der Gäste geschaut und die Leute sehr erschreckt haben. Tüchtige Leute habt ihr, lohnt, sie zu Politikern umzuschulen…  

Theresa: Laben wir uns an diesen schönen Vorspeisen. Magst du das gebackene Röllchen?  

Higgins: Trinken wir dazu ein Schlückchen Sekt, er soll gut sein. Ich hab mit dem Kellner gesprochen, er war sich sicher, dass ich unmöglich vor dem Fasan und dem edlen Wein aufgebrochen sein könnte, Hat er richtig erkannt. Ich hab den Wein gewechselt, grad weil ihn der Bundeskanzler hier öfter trinkt. Er konnte mir einen anderen Châteauneuf empfehlen, der ist halt ein bisserl teurer, aber das zahlt der Staat gern. Und wir sprechen über Wichtiges.  

Theresa: Du bringst mich in Schwierigkeiten. Ich müsste einige Erfolge mitbringen. Das Mädchen ging freiwillig in eine ihr fremde Wohnung mit. Was meinst du: Warum?  

Higgins: Wir haben das auch in unserem Seminar erörtert. Was vermutest du denn? 

Theresa: Sie haben ihr etwas Begehrenswertes versprochen – Schmuck, ein Kätzchen oder einen Welpen… Vielleicht haben sie sie wie eine Erwachsene behandelt. 

Higgins: Gut möglich. Hatten die Männer einen Plan? 

Theresa: Natürlich, sie haben sich lange vorher überlegt, wie sie das Mädchen überreden und in die Wohnung locken. Sie müssen ihr was versprochen haben.  

Higgins: Also mit Worten.  

Theresa: Wenn es Ausländer waren… 

Higgins: …dann haben sie…  

Theresa: …ihre Sprache gesprochen. Das könnte der Schlüssel sein. Nehmen wir mal an, Russisch. Das Mädchen hört ihre Heimatsprache und vertraut den Kerlen.  

Higgins: Es waren keine Russen. Einer hatte eine Wohnung. Wer eine Wohnung hat, hat eine Umgebung; wenn er sprachlich isoliert ist, sucht er Landsleute.  

Theresa: Da ist man ja auch schon fündig geworden. Ist der Plan doch erst in Minutenschnelle entstanden?  

Higgins: Mädchen in dem Alter haben Freundinnen, die einige Geheimnisse wissen. Hat sie eine Ältere gespielt, Lippenstift, Aufmachung? Oder es war ihnen egal, dass sie ein Kind war. Da hatten sie keine Hemmung. Sie haben Drogen eingesetzt, vielleicht auch Alkohol.  

Theresa: Das Kind wurde wehrlos. Das brauchten sie.  

Higgins: Ist etwas schief gelaufen? Oder wollten sie genau diese Wehrlosigkeit? 

Theresa: Wir haben die Haupttäter gefasst. Wir können sie einsperren, teuer unterbringen, irgendwann vielleicht abschieben… Sie werden, solange sie hier sind, keine ähnliche Tat begehen können…  

Higgins: Das ist nicht garantiert, Und es wird andere geben, die sich die Lippen lecken. 

Theresa: Du meinst: Trittbrettfahrer?  

Higgins: Gibt es erstaunlich oft.  

Theresa: Sind wir gegen sie wehrlos?  

Higgins: Könnte eine Frage unserer Fantasie werden. 

Theresa: Wir können nicht alle kleinen Mädchen schützen..  

Higgins: Erst recht keine ausländischen. Aber müssen wir es nicht versuchen?  

Theresa: Aufrufe an die Eltern, die Öffentlichkeit? Handzettel, Zeitungen, Fernsehen, Politiker… ? 

Higgins: Es wird wenig bringen, wenn die Ministerin, der Bundeskanzler, der Wichtigtuer Dr. Wadenbeißer sich an die Menschen wenden, man kann auch noch mehr Panik machen.  

Theresa: Mir kommt da eine Idee, ich muss nur schnell meine Chefin anrufen; beende die schönen Vorspeisen, bis der Fasan kommt, bin ich wieder hier. Entschuldige mich kurz…

 

Unterbrechung bis 21:43. Fortsetzung. 

                                                                                                                                                                                          Die Dame Theresa war offenbar in einem Nebenraum und kam zurück . 

Higgins: Ohne dich schmeckt`s mir nicht. Ich habe Schönes verspeist und einen Plan entwickelt.  

Theresa: Vielleicht ähnelt er meinem, hoffentlich!: Du solltest als Mann vom Fach zusammen mit der Ministerin im Fernsehen agieren. Aber meine Chefin will und kann das nicht allein entscheiden  

Higgins; Sie muss erst Dr. Wadenbeißer fragen. 

Theresa: Vermutlich den Bundeskanzler.  

Higgins: Die Abstimmung wird Wochen dauern, die Textformulierung noch mal einige Zeit…  

Theresa: Dann könnte es zu spät sein.  

Higgins: Und wenn wir die Politik da raushalten? 

Theresa: Kann ich mir nicht vorstellen.  

Higgins: Gibt es nicht eine bekannte Frau, Bischöfin, Sportlerin, Wissenschaftsgröße, die ein bekanntes Gesicht hat, dazu eine Mutter und ihr kleines Mädchen, mit ihrer Lehrerin – und dann mich?

Theresa: Hört sich gut an. Aber wer kann das anstoßen? Wem kann man das zutrauen?

Higgins: Ich hab`s Wir brauchen Nancy Garrick. Die kann das schnell und besser als eure PR-Leute.  

Ich rufe sie gleich an, aber da kommt endlich unser Fasan, Theresa. Darauf trinken wir und dann habe ich eine Umarmung verdient.  Du hast wirklich schöne Augen – und selbst ein Halbblinder würde staunen…. 

 
 

 

Higgins-Vortrag: Töten und töten lassen

 

Guten Morgen, meine Damen und Herren, 

ich bitte Sie um eine leichte Änderung unserer eingespielten Verfahrensweise: Bitte halten Sie Ihre Eingangsfragen noch einige Minuten zurück. 

Wir haben uns bisher, das meint auch der Herr Polizei-Oberrat, schon ein ansehnliches Stück in der Materie der Morde und ihrer möglichen Ursachen und Voraussetzungen vorgearbeitet. 

Ich bin Ihnen dankbar für Ihre engagierte Mitarbeit und für das Zusammentragen der Daten. Sie wissen, dass unser Nebenziel die Veröffentlichung eines Faktenbuches ist. 

Wir haben bisher eine zentrale Frage ausgelassen. Sagen Sie mir bitte Ihre Vermutung, welche. 

Ja, danke, Bertha, die seelische Verfassung des Mörders; Harald, ja danke, die Umwelteinflüsse des Mörders, Kathinka, danke; das Unrechtsbewusstsein des Mörders, Paul; ja, die Folgen einer Reue des Mörders, und Malina, ein krankhafter Trieb des Mörders. Vielen Dank, ich brauche dringend Ihre Einschätzungen – als Polizisten und als Alltagsmenschen.  

Einige von Ihnen haben wissenschaftliche Kriterien entwickelt, andere haben sich in die Fachliteratur eingearbeitet – obwohl das ja immer nur das Verhältnis 1 : 100.000 sein kann oder ein Felsbröckchen gegenüber den Alpen. 

Sie sind Fachleute; ich bin nur ein einfacher Mörder, –  ja, Tilly, stimmt, ein mehrfacher Mörder; aber ich frage Sie jetzt mal ganz direkt und persönlich:  Haben auch Sie das Zeug zur Mörderin und zum Mörder? 

Sie reagieren empört und wütend. Es geht an Ihre Ehre und an Ihr Selbstverständnis, an das Bild, das Sie von sich haben. Es ist ein schönes Bild – bitte fragen Sie sich mit mir, ob es ein geschön-tes Bild ist, ein mühsam zusammengesetztes Bild. 

Was ist die Voraussetzung dafür, dass Sie einen Tafelspitz oder ein Schnitzel oder Gulasch oder auch nur einen Burger essen? Ist es nicht eine Tötung? 

Was ist die Voraussetzung für ein Hendl, für einen Grillabend, für einen Hotdog?  

Versuchen Sie bitte, diese Fragen ehrlich zu beantworten: Töten oder nur töten lassen? 

Und gehen wir weiter: Was tun Sie mit den elf Fliegen an Ihrem Küchenfenster? Was mit den Ameisen, die aus dem Garten in Ihr Wohnzimmer krabbeln und den Kuchen ansteuern? 

Müssen Sie sich nicht fragen, geschätzte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, was Sie von einer Mörderin und einem Mörder unterscheidet? Ihnen hilft der altbewährte Spruch: „Das muss man differenziert sehen“. 

Und wenn das Selbstbetrug ist? Und Weglaufen vor der Erkenntnis: ich habe für mich töten lassen und selbst getötet, massenhaft, ohne Unrechtsbewusstsein, sogar lustvoll genießend. Ja, ich habe bewiesen, dass ich das Potential einer Mörderin und eines Mörders habe.  

Es gibt einen schönen und befreienden Unterschied: das Eine ist Gewohnheitsrecht – gesellschaftlich völlig in Ordnung – und das andere, wenn es um andere hochentwickelte Lebewesen geht, ist es strafbar und gilt als asozial.  

Gönnen wir uns eine Zigarettenpause – genau 15 Minuten bitte. Rauchen ist zwar auch tödlich, aber das sehen wir ebenfalls differenziert. 

 

Higgins Vortrag, Forts.

„Sie haben recht, Uta und Dorian: Bei und für uns Menschen gelten andere Maßstäbe. Feinere oder gröbere? Zivilisten oder Militärs? Ich sehe, wie Sie sich schier aufbäumen. Das ist völlig normal, denn hier endet das Normale.

Sie kennen vielleicht die Feststellung eines Dichters: „Wenn du einen Menschen umbringst, bist du ein Mörder, wenn du drei oder mehrere auf dem Gewissen hast, bist du ein Serienkiller. Aber wenn du Hunderttausende umkommen lässt, bevor sie zahllose Gegner umbringen, können sie dich noch als Volksheld feiern.“

Wir nehmen es achselzuckend hin, dass solche riesigen Leichenberge aufgetürmt sind, nicht nur in der Vergangenheit, jeden Tag noch heute, wenn auch fern von hier – aber die Nation gerät aus den Fugen, wenn ein leichtgläubiges Mädchen in Klagenfurt umkommt. Wie viele Maßstäbe haben wir? Veronika, können Sie für uns urteilen, was wir auseinanderhalten müssen – und warum?

Sie haben kein schnelles Urteil, ok. Aber sehen Sie es alle mal so nüchtern wie möglich: Ich gelte justizamtlich als mehrfacher Mörder. Und Sie, als was gelten Sie vor Ihrer Frau oder Ihrem Freund und vor sich selbst?

Ja, es gibt die haarfeine Trennung von Totschlag und Mord. Und von ermorden und den Helden-tod sterben oder sterben lassen. Ob das den Toten nicht egal ist? Ob die Leichen darüber lachen können?

Sie haben das Fernseh-Streitgespräch mit dem Bischof, dem Burgschauspieler, Nancy und mir gesehen. Ich habe den verdienten Diözesanbischof um seine Einschätzung gebeten.

Er hat uns belehrt, dass es seit Anbeginn der Welt Mord und Totschlag gegeben hat, klein beginnend mit Kain und Abel und noch lange nicht endend mit den Millionen Opfern in Kriegen, den Gräueltaten der Inquisition und der unvergleichbaren Vernichtung von den Tätern behaupteten „unwertem Leben“ und „Untermenschen“ durch die Nazis, durch ihre millionenfache Judenausrottung und den Völkermorden in mehreren Ländern.  

Die Eminenz wusste eine Erklärung: Das war und ist Teufelswerk. Gegen Gottes Willen. 

Nancy fragte ihn: „Aber mit Gottes Duldung, Herr Bischof?“ Die Mutter eines jungen Mädchens fragte: „Wo fängt Teufelswerk an und wo ist die Grenze – etwa bei meiner Zenzi und bei unserem Kaplan, der die Mädchen in der Umkleide besucht?“ 

Es ging dann weiter wie in den unsinnigen Wortklaubereien von Wahlkampfdebatten. 

Es war deprimierend für mich, denn der fromme Mann erinnerte mich an meines Vaters Bericht über die Sonntagspredigt, die meine Mutter wegen der Speisezubereitung nicht miterleben konnte: „Ich glaube, er war dagegen.“ Gegen alles?  

Gegen was denn nun: Gegen jede Tötung oder „differenziert“, nur Befreien von Lästigem und von „Ungeziefer“ – und Schlachten zu unserem Genuss…? Nützt es, nur dagegen zu sein? 

Meine Damen und Herren, liebe Seminarteilnehmerinnen und ihre Kollegen, ich kann Ihnen keine Hausaufgaben zumuten; ich bin hier nur als Quasi-Sachverständiger und als Gast tätig, aber Sie würden mir eine Freude machen, wenn Sie mir Ihre Gedanken zu diesem Komplex aufschreiben würden. Töten oder nur töten lassen. 

Wiederholen Sie nicht die üblichen Entschuldigungen: War schon immer so, gehört eben dazu, anders geht es nicht, die Natur ist viel grausamer, wir müssen schließlich überleben…die Erde und alles Leben sollen uns untertan sein…(heutige Theologen deuten Gottes „Freigabe“ anders – habe ich gelesen.). 

Halten Sie das durch – auch wenn es laut wird und wenn es Ihnen zeitweise auf den Magen schlägt!   

Das sage ich auch meinen Rundfunkhörern und Fernsehzuschauern: Lassen Sie uns darüber sprechen. Gerne auch beten.     

Danke im Voraus. Leben Sie wohl!

(Die Buchfassung  mit fast doppeltem Umfang ist für 2022 geplant. Über Vorbestellungen freut sich der goettingerverlag: goevag@gmail.com)

 

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