Coole Insel

Rainer Maria Rilke
1875-1926

Nichts ist mir zu klein
und ich lieb es trotzdem
und mal es auf Goldgrund
und groß,
und halte es hoch,
und ich weiß nicht, wem
löst es die Seele los?

Was wir besiegen, ist das Kleine,
und der Erfolg selbst macht uns klein.
Das Ewige und Ungemeine
will nicht von uns geborgen sein.

Er war ein Sprachverliebter, jedes Wort ist genau überlegt, abgewogen – manches wurde mehrfach ausgetauscht. Wenn uns eine Verszeile dunkel bleibt, ist das vielleicht vom Dichter so beabsichtigt. Er will uns zu denken und zu fühlen geben und manches soll geheimnisvoll bleiben.

Um ein Haar, genauer: um den (damals) blonden Lockenkopf einer Göttingerin, wäre er gern ein Göttinger geworden (und man hätte ihm dann hier auch eine Straße gewidmet). Es hätte ihn gereizt, an der Göttinger Universität seine vorher nicht sehr ausgiebigen Studien zu vertiefen, auch wegen des Lockenkopfs.

René Maria Rilke (Rainer nannte er sich erst als 21-Jähriger und drei Jahre nach der Veröffentlichung seines ersten Gedichtbandes) kam am 4. Dezember 1875 im damals österreich-ungarischen Prag auf die Welt. Deshalb gilt er als österreichischer Dichter. Die Tschechen sehen das anders, aber ihre Argumente sind schwach, denn die Rilkes gehörten zur deutschsprachigen und österreichisch orientierten Minderheit in Prag. Sein Vater war ein Eisenbahninspektor in kaiserlich-königlichen Diensten, seine weithin dominante Mutter stammte aus einer großbürgerlichen Familie,

Der nur fünfprozentigen Minderheit wurden starke kulturelle Rechte gesichert; das hatte Tradition in der Stadt mit der ältesten deutschen Universität. Es gab ein deutsches Theater, mehrere deutsche Gymnasien und über dreißig deutsche Zeitungen und Zeitschriften. Die in Prag geborenen bedeutenden Autoren Rilke, Franz Kafka und Franz Werfel, waren nur in der deutschen Sprache zuhause.

Wie alle jungen Männer wurde Rilke nach der Matura Kadett in der Armee. Nach dem Militärdienst studierte er mit geringem Eifer Philosophie, Kunst und Literaturgeschichte – kurz in Prag, danach in München. Er verstand sich bald als berufener Dichter und leistete sich mit der Unterstützung seiner Mutter ausgedehnte Reisen nach Italien, Frankreich, Spanien und Ägypten.

In München traf er Lou Salomé, die Frau, die ihn über Jahre fesselte und die manche Seite in ihm anklingen ließ und sein Schreiben förderte.

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausende lang;
und ich weiß noch nicht, bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.

Viele Frauen prägten sein Leben und sein Dichten, besonders aber die später in Göttingen verheiratete, hochbegabte Autorin und in der neuen mystischen Kunst der Psychoanalyse fast befremdlich kundige Lou Andreas-Salomé, eine schillernde Schönheit russischer Abstammung, die mehrere bekannte Wissenschaftler und Künstler stark inspirierte. Vielen Zeitgenossen war das unheimlich. Göttinger Nachbarinnen nannten die Geheimnisvolle schlicht „die Hexe“.

Sie lenkte auch als wissensdurstige Schülerin die Köpfe etlicher bedeutender Persönlichkeiten. Auch solche, die sich am liebsten selbst reden hörten; fasziniert von ihr waren die Kapazitäten Nietzsche, Sigmund Freud, und Alfred Adler. Der junge Professor Nietzsche wollte sie gerne heiraten; sie fand ihn zu verschroben,

Lou war vierzehn Jahre älter als Rilke; er war mit der Worpsweder Künstlerin Clara Westhoff verheiratet und hatte mit ihr eine Tochter. Das Paar hatte sich friedlich getrennt und Clara hatte dem Rainer eine künstlerisch deklarierte Freiheit zugestanden. Es blieb eine lange freundschaftliche Briefbeziehung.

Mit der vielbegehrten Lou reiste Rilke zweimal nach Russland – oder sie mit ihm. Nur beim ersten Mal konnte ihr oft im Orient forschender Mann für die Mitreise Urlaub bekommen. Göttinger Klatsch verbreitete Ahnungen von blinder und mit allem einverstandener Hörigkeit. Die Ehe Andreas-Solomé blieb trotzdem fest und belastbar.

Die betörende Lou brachte ihrem jüngeren Freund die russische Seele nahe – und beispielhaft ihre eigene.
Lous russische Religiosität mit ihrer Mystik und ihrer Verwurzelung in einem tiefen, dunklen Glauben hat Rilke liebend bewundert und sein Weltbild geprägt; das geschah ihm durch andere Denker später anders.

Auf Rilkes Beziehung zu Frauen traf treffend zu, was Edmond de Concourt herausgefunden hatte: „Die Muse ist immer eine Frau, aber nicht immer dieselbe.“ Zu seinem unsteten Leben „auf hohem Niveau“ gehörten auch Männerfreundschaften.

In Paris war Rilke ein Jahr lang Privatsekretär des genialen Bildhauers Auguste Rodin. Später suchte und genoss er die Gastfreundschaft und das Mäzenatentum wohlhabender und offenbar bevorzugt adliger Damen. Er hatte die erträumte Vorstellung, selbst aus einem alten Adelsgeschlecht zu stammen. Erst seine Biografen haben diesen Traum posthum zerstört.

Rilke litt, wenig einsehbar, genussvoll unter seinem Leben. Deprimierende Misserfolge machten den melancholisch Veranlagten zeitweise schwermütig; das hatte schon die Beziehung zu Lou belastet. Es gelang ihm aber alles in seinem Leben scheinbar mühelos zur Kunst zu gestalten. Sein Stil war einmalig, fast alles Geschriebe wurde durch seine Feder bedeutend. Mit der Zeit konnte er gar nicht mehr anders als tief und bedeutungsschwer zu dichten, auch über banalste Themen, beiläufig auch Hocherotisches. Es brach aus ihm heraus. Trotzdem hat er oft an seinen Texten gefeilt, sie kürzer, deutlicher und ungewöhnlicher formuliert.

Einem anderen hat er nachgerufen, was er selbst verinnerlicht hatte: „Wer spricht von Siegen? Überstehn ist alles.“

Ohne Frauen hätte er körperlich und literarisch schwerlich überlebt. Er hatte sie bis in seine letzten Wochen immer um sich. Sie nahmen an seinem Schaffen begeistert Anteil; manche Frau meinte zu spüren, dass er seine Gedichte nur für sie geschrieben hatte. Er brauchte ihre Bewunderung und sie fanden ihn geheimnisvoll anziehend, aufwühlend und von tiefem erotischen Reiz.

Unter den ihm nahe stehenden Frauen fallen die Mütterlichen auf. Suchte er in diesen Frauen auch einen Ersatz für das (wie Lou fand) als erneuerungsbedürftig empfundende Bild seiner Mutter?

Hinzu kam natürlich sein besonders ausgeprägtes böhmisch-österreichisches Talent, den unermütlichen Charmeur, den hingebungsvollen Liebhaber in einer leidenschaftlichen Ergriffenheit erleben zu lassen, der wenige Frauen widerstehen konnten. Sie wussten, dass er viele Herzensfreundinnen hatte, aber er gab jeder das Gefühl, für ihn einmalig zu sein – das Geheimnis erfolgreicher Herzensbrecher; es gilt ihnen als hohe Lebenskunst.

Von Rilke könnte man ebenso begründbar sagen, was ein Biograf Karls des Großen feststellte: „Er war
der Liebe der Frauen sehr bedürftig.“

Rilke hat seine Partnerinnen in einer sie überzeugenden, alle Hemmungen überwindenden Weise erobert: Er hat die oft bis dahin verborgen gebliebenen Künste in ihnen entdeckt und besungen. Die Frauen fühlten sich nicht nur als begehrenswertes Weib umschmeichelt; er sagte ihnen, dass sie eine magische Kraft und Macht über ihn hätten, Wachs in ihren Händen zu sein…

Rilke schrieb seinen Frauen umwerfende Verse, bezaubernde Gedichte; er war ein unendlich wortreicher Briefeschreiber.

Er war wie viele andere Dichter ein Nestflüchter, den es irgendwann auch in betörenden Armen nicht märchenlang hielt – das war eine stärkere Kraft, der er folgen musste: Minnesänger müssen weiterziehen – am liebsten auf andere reiche Burgen, wo er andere bald ergriffene Hörerinnen bezaubern konnte.

Brauchen wir eine Adelskrone für ihn? Der unverwechselbar stilsichere, souveräne Dichter hat sich früh aus den Stilrichtungen Dekadenz, Expressionismus und Neuromantik befreit. Seine Verse rühren auch nach hundert Jahren Leserinnen und Leser geheimnisvoll an; sie fühlen sich im Innersten verstanden und mitmenschlich angenommen – wie damals seine Frauen.

Mit nur einundfünfzig Jahren starb Rainer Maria Rilke in der Schweiz. Er war jahrelang als Rheumakranker behandelt worden. Wochenlang fühlte er sich unbegreifbar müde, matt und mutlos. Die Diagnose war falsch. Die Aufklärung hätte der Dichter nicht wirkungsvoller erfinden können:

In seinem letzten Oktober hatte der zeitlebens Rosen liebende Rilke sich beim Brechen einer Rose an ihren Dornen verletzt. Die Entzündung heilte nicht, übertrug sich auf die andere Hand und er ließ sich dann im vertrauten Hospital Valmont behandeln. Man untersuchte sein Blut und entdeckte seine Leukämie, eine damals niederschmetternd hoffnungslose Krankheit, die man nur mit Linderungsmitteln behandeln konnte.

Todesängste hatte Rilke oft ausgestanden. Dass er Blutkrebs hatte, wird er nicht geahnt haben, aber manche dunkle Verse scheinen in diese Richtung zu zielen. Die Rose hat ihren Bewunderer nicht umgebracht, sie hat sein Dichterleben verwandelt.

Für seinen Grabstein an der Dorfkirche von Raron hatte er diese Zeilen bestimmt:

Rose, oh reiner Widerspruch,
Lust, niemandes Schlaf zu sein
unter soviel Lidern.

(C.) Helmut W. Brinks, Göttingen

Erlebt einige seiner Gedichte; sind sie nicht zu schade nur für einen Menschen….?

Blaue Hortensie

So wie das letzte Grün in Farbentiegeln
sind diese Blätter, trocken, stumpf und rau,
hinter den Blütendolden, die ein Blau
nicht auf sich tragen, nur von Ferne spiegeln.

Sie spiegeln es verweint und ungenau,
als wollten sie es wiederum verlieren,
und wie in alten Briefpapieren
ist Gelb in ihnen, violett und grau.

Verwaschnes wie in einer Kinderschürze,
Nichtmehrgetragnes, dem nichts mehr geschieht:
wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze –

Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuen
in einer von den Dolden, und man sieht
ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen.

Der Schwan

Diese Mühsal, durch noch Ungetanes
schwer und wie gebunden hinzugehn,
gleicht dem ungeschaffnen Gang des Schwanes.
Und das Sterben, dieses Nichtmehrfassen
jenes Grunds, auf dem wir täglich stehn.
Seinem ängstlichen Sich-Niederlassen
in die Wasser, die ihn sanft empfangen

und die sich, wie glücklich und vergangen,
unter ihm zurückziehn, Flut um Flut,
während er unendlich still und sicher
immer mündiger und königlicher
und gelassener zu ziehn geruht.

Liebes-Lied

Wie soll ich meine Seele halten, dass
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?
Ach, gerne möcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden Stelle, die
nicht weiterschwingt,
wenn deine Tiefen schwingen.
Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.-
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand?
O süßes Lied.

Übung am Klavier

Der Sommer summt. Der Nachmittag macht müde;
sie atmete verwirrt ihr frisches Kleid
und legte in die folgende Etüde
die Ungeduld nach einer Wirklichkeit,
die kommen konnte: morgen, heute Abend -,
die vielleicht da war, die man nur verbarg;
und vor den Fenstern, hoch und alles habend,
empfand sie plötzlich den verwöhnten Park.
Da brach sie ab; schaute hinaus, verschränkte
die Hände, wünschte sich ein langes Buch –
und schob auf einmal den Jasmingeruch
erzürnt zurück. Sie fand, dass er sie kränke.

Der Apfelgarten

Komm gleich nach dem Sonnenuntergange,
sieh das Abendgrün des Rasengrunds;
ist es nicht, als hätten wir es lange
angesammelt und gespart in uns,
um es jetzt aus Fühlen und Erinnern,
neuer Hoffnung, halbvergessnem Freun,
noch vermischt mit Dunkel aus dem Innern,
in Gedanken vor uns hinzustreun
unter Bäume wie von Dürer, die
das Gewicht von hundert Arbeitstagen
in den überfüllten Früchten tragen,
dienend, voll Geduld, versuchend, wie
das, was alle Maße übersteigt,
noch zu heben ist und hinzugeben,
wenn man willig, durch ein langes Leben
nur das Eine will und wächst und schweigt.

Der Tod der Geliebten

Er wusste nur vom Tod, was alle wissen:
dass er uns nimmt und in das Stumme stößt.
Als aber sie, von ihm nicht fortgerissen,
nein, leis aus seinen Augen ausgelöst,

hinüberglitt zu unbekannten Schatten,
und als er fühlt, dass sie drüben nun
wie einen Mond ihr Mädchenlächeln hatten
und ihre Weise wohlzutun:

da wurden ihm die Toten so bekannt,
als wäre er durch die mit einem jeden
ganz nah verwandt; er ließ die andern reden
und glaubte nicht und nannte jenes Land
das gutgelegene, das immersüße.-
Und tastete es ab für ihre Füße.

Schlussstück

Der Tod ist groß.
Wir sind die Seinen
lachenden Munds.
Wenn wir uns mitten
im Leben meinen,
wagt er zu weinen
mitten in uns.

Das Karussel

Mit einem Dach und seinem Schatten dreht
sich eine Weile der Bestand
von bunten Pferden, alle aus dem Land,
das lange zögert, eh es untergeht.

Zwar manche sind an Wagen angespannt,
doch haben alle Mut in ihren Mienen;
ein böser roter Löwe geht mit ihnen
und dann und wann ein weißer Elefant.

Sogar ein Hirsch ist da, ganz wie im Wald,
nur dass er einen Sattel trägt und drüber
ein kleines blaues Mädchen aufgeschnallt.

Und auf dem Löwen reitet weiß ein Junge
und hält sich mit der kleinen heißen Hand,
derweil der Löwe Zähne zeigt und Zunge.
Und dann und wann ein weißer Elefant.

Und auf den Pferden kommen sie vorüber,
auch Mädchen, helle, diesem Pferdesprunge
fast schon entwachsen; mitten in dem Schwunge
schauen sie auf, irgendwo hin, herüber –
Und dann und wann ein weißer Elefant.

Und das geht und eilt sich, dass es endet,
und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel.
Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet,
ein kleines kaum begonnenes Profil -.

Und manchesmal ein Lächeln, hergewendet.
ein seliges, das blendet und verschwendet
an dieses atemlose blinde Spiel …

Der Panther (Im Jardin des Plantes, Paris)

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ists, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf.- Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

Aus den Sonetten an Orpheus.

V.
Errichtet keinen Denkstein. Lasst die Rose
nur jedes Jahr zu seinen Gunsten blühn.
Denn Orpheus ists. Seine Metamorphose
in dem und dem. Wir sollen uns nicht mühn
um andre Namen. Ein für alle Male
ists Orpheus, wenn er singt. Er kommt und geht.
Ists nicht schon viel, wenn er die Rosenschale
um ein paar Tage manchmal übersteht?

IX.
Nur wer die Leier schon hob
auch unter Schatten,
darf das unendliche Lob
ahnend erstatten.

Nur wer mit Toten vom Mohn
aß. von dem ihren,
wird nicht den leisesten Ton
wieder verlieren.

Mag auch die Spieglung im Teich
oft uns verschwimmen:
Wisse das Bild.

Erst in dem Doppelbereich
werden die Stimmen
ewig und mild.

XIX.
Wandelt sich auch die Welt
wie Wolkengestalten,
alles Vollendete fällt
heim zum Uralten.

Über dem Wandel und Gang
weiter und freier,
währt noch dein Vor-Gesang,
Gott mit der Leier.

Nicht sind die Leiden erkannt,
nicht ist die Liebe gelernt,
und was im Tod uns entfernt,
ist nicht entschleiert.

Einzig das Lied überm Land
heiligt und feiert.

Abend

Der Abend wechselt langsam die Gewänder,
die ihm ein Rand von altem Bäumen hält:
du schaust: und von dir scheiden sich die Länder,
ein himmelfahrendes und eins, das fällt;

uns lassen dich, zu keinem ganz gehörend,
nicht ganz so dunkel, wie das Haus, das schweigt,
nicht ganz so sicher, Ewiges beschwörend
wie das, was Stern wird jede Nacht und steigt –

und lassen dir (unsäglich zu entwirrn)
dein Leben bang und riesenhaft und reifend,
so dass es, bald begrenzt und bald begreifend,
abwechselnd Stein in dir wird und Gestirn.

Immer wieder, ob wir der Liebe Landschaft auch kennen
und den kleinen Kirchhof mit seinen klagenden Namen
und die fruchtbar verschwiegene Schlucht, in welcher die
andern enden: immer wieder gehen wir zu zwein hinaus
unter die alten Bäume, lagern uns immer wieder
zwischen die Blumen, gegenüber dem Himmel.

Das Rosen-Innere

Wo ist in diesem Innen
ein Außen? Auf welches Weh
legt man solches Linnen?
Welche Himmel spiegeln sich drinnen
in dem Binnensee
dieser offenen Rosen,
dieser sorglosen, sieh:
wie sie lose im Losen
liegen, als könnte nie
eine zitternde Hand sie verschütten.

Sie können sich selber kaum
halten, viele ließen
sich überfüllen und fließen
über von Innenraum
in die Tage, die immer
voller und voller sich schließen,
bis der ganze Sommer ein Zimmer
wird, ein Zimmer in einem Traum.

Abschied

Wie hab ich das gefühlt, was Abschied heißt.
Wie weiß ichs noch: ein dunkles unverwundnes
grausames Etwas, das ein Schönverbundnes
noch einmal zeigt und hinhält und zerreißt.

Wie war ich ohne Wehr, dem zuzuschauen,
das, da es mich, mich rufend, gehen ließ,
zurückblieb, so als wärens alle Frauen
und dennoch klein und weiß und nichts als dies:

Ein Winken, schon nicht mehr auf mich bezogen,
ein leises Weiterwinkendes -, schon kaum
erklärbar mehr: vielleicht ein Pflaumenbaum,
von dem ein Kuckuck hastig abgeflogen.

Rosa Hortensie

Wer nahm das Rosa an? wer wusste auch
dass es sich sammelte in diesen Dolden?
Wie Dinge unter Gold, die sich entgolden,
entröten sie sich sanft, wie im Gebrauch.

Dass sie für solches Rosa nichts verlangen,
bleibt es für sie und lächelt aus der Luft?
Sind Engel da, es zärtlich zu empfangen,
wenn es vergeht, großmütig wie ein Duft?

Oder vielleicht auch geben sie es preis,
damit es nie erführe vom Verblühn.
Doch unter diesem Rosa hat ein Grün
gehorcht, das jetzt verwelkt und alles weiß.

Der Blinde

Sieh, er geht und unterbricht die Stadt,
die nicht ist auf seiner dunklen Stelle,
wie ein dunkler Sprung durch eine helle
Tasse geht. Und wie auf einem Blatt
ist auf ihm der Widerschein der Dinge
aufgemalt; er nimmt ihn nicht hinein.

Nur sein Fühlen rührt sich, so als finge
es die Welt in kleinen Wellen ein:
eine Stille, einen Widerstand -,
und dann scheint er wartend wen zu wählen:
hingegeben hebt er seine Hand,
festlich fast, wie um sich zu vermählen.

O sage, Dichter, was du tust? – Ich rühme.
Aber das Tödliche und Ungestüme,
wie hältst du`s aus, wie nimmst du`s hin? – Ich rühme.
Aber das Namenlose, Anonyme,
wie rufst du`s, Dichter, dennoch an? – Ich rühme.
Und das Stille und das Ungestüme
wie Stern und Sturm dich kennen?: – weil ich rühme.

Darin besteht die Liebe: Dass sich zwei Einsame beschützen und berühren und miteinander reden.

Herbsttag

Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Herbst

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Wolken ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

Todes-Erfahrung

Wir wissen nichts von diese, Hingehn, das
nicht mit uns teilt. Wir haben keinen Grund,
Bewunderung und Liebe oder Hass
dem Tod zu zeigen, den ein Maskenmund

tragischer Klage wunderlich entstellt.
Noch ist die Welt voll Rollen, die wir spielen.
Solang wir sorgen, ob wir auch gefielen,
spielt auch der Tod, obwohl er nicht gefällt.

Doch als du gingst, da brach in diese Bühne
ein Streifen Wirklichkeit durch jenen Spalt
durch den du hingingst: Grün wirklicher Grüne,
wirklicher Sonnenschein, wirklicher Wald.

Wir spielen weiter. Bang und schwer Erlerntes
hersagend und Gebärden dann und wann
aufhebend, aber dein von uns entferntes,
aus unserm Blick entrücktes Dasein kann

uns manchmal überkommen, wie ein Wissen
von jener Wirklichkeit sich niedersenkend,
so dass wir eine Weile hingerissen
das Leben spielen, nicht an Beifall denkend.

Ich kann mir kein seligeres Wissen denken, als dieses Eine: dass man ein Beginner werden muss. Einer, der das erste Wort schreibt hinter einen
jahrhundertelangen Gedankenstrich.

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