Coole Insel

Gottfried August Bürger

1747-1794

buerger43

„Ich lasse hier über mich berichten – für meinen Geschmack zu dünn, zu ungenau und vor allem: ungerecht. Denn ich bin einer, auf den die Göttinger inzwischen stolz sind. Es gibt sogar eine Bürgerstraße, ein Denkmal sowieso. Ich wurde auf dem Friedhof gegenüber dem Campus verscharrt. Typisch, Ähnliches ist mir dauernd passiert.
Danke, dass du dich nicht von Schiller abhalten lässt, dir ein eigenes Urteil zu bilden. Der heimliche Busenforscher, den die Damenmode in Weimar, zögernder noch die in Jena, darauf gebracht hat, die „Halbkugeln einer besseren Welt“ zu besingen. Das war eine Kulturtat, aber dass er meine forschen Liebesgedichte verrissen hat, muss eine andere Ursache haben; ich vermute Neid. Natürlich wieder „cherchez la femme“ – daran haben sich meine Mitbürger auch kräftig das Maul zerrissen.

Dabei bin ich ein ernster Schriftsteller, dem Schreiben eine Lebensaufgabe ist. Und ohne Muse kann keiner schreiben, das lernte ich spät.
Auf den letzten Drücker, Silvester 1747 kam ich in einem Dorf in Mansfeld-Molmerswende im Südharz auf diese Welt, in einer Pfarrersfamilie, die mir die Frömmigkeit ausgetrieben hat. Mein Vater hat mich gegen Ärger mit meiner Schule nicht verteidigt, das tat mein Großvater, der meinen Charakter und meine Gaben erkannte und förderte. Er schickte mich auf das berühmte Pädagogikum in Halle, wo ich ungewöhnlich in Vielem unterrichtet wurde, nicht nur in Geisteswissenschaften.
Danach ließ mich mein großzügiger Großvater in Halle studieren, der Familie zuliebe Theologie. Nach vier Jahren durfte ich nach Göttingen wechseln – und zu was? Wie die
meisten Kollegen auf dieser Oldies-Seite: zu Rechtswissenschaften.
Für eine Karriere hat das Studium nicht gereicht, aber eine Beziehung hat mir geholfen: Mein literarischer Freund Boie hat mir eine Amtmannsstelle in Gelliehausen verschafft; ich wohnte
in Wöllmarshausen, arbeitete hier als für Rechtsfragen zuständige Respektperson und hielt es zwölf Jahre aus – hauptsächlich, weil ich meine mir wichtig gewordenen Schriftstellerkollegen in Göttingen mit meinem Dienstpferd in einer Stunde erreichen konnte.

Bald nach meinem Amtsantritt wurde meine Liebschaft schwanger; ihr Vater drängte auf eine Heirat; wir hätten damit noch warten sollen, nicht zuletzt, weil ich mich in ihre jüngere
Schwester Molly verliebt hatte. Als ihr Vater starb, zog Molly zu uns. Wir fanden unser Leben lebenswert; die Nachbarfrauen und die Akademikerdamen in Göttingen rümpften die Nasen,
womöglich auch Schillers Frau. Dabei haben uns beide Frauen Kinder geschenkt. Wir waren eine fast ganz normale Familie, fanden wir.
Unser Glück hielt nicht lange. Es gab beruflichen Ärger. Ein Gerichtsverfahren ging gut aus, aber mir war die Lust an der Rechtsarbeit vergangen, erst recht, als meine Frau starb.

Ich heiratete meine geliebte Molly und zog mit ihr nach Göttingen. Der Tratsch über mein Leben mit zwei Schwestern zog mit.
Nach Göttingen ins Glück? Merde!

Von nun an ging`s bergab. Molly starb nach einem halben
Jahr. Ich bekam eine unbezahlte Stelle als Privatdozent für Ästhetik, deutschen Stil und Philosophie. Das lehrte ich mit Begeisterung – bis meine Stimme schwächer wurde und
zunehmend versagte. Ich hatte keine Einnahmen, meine Schulden häuften sich; ich reduzierte meine Nahrung, behielt notdürftig meine Freude am Wein. Was ich schrieb, und das war nicht wenig, brachte kein Geld, die Aufsehen erregenden Liebesgedichte nicht, meine Arbeit am Göttinger Musenalmanach nicht, und auch nicht mein Donnerschlag, der
sogar Kollegen wie Goethe und Schiller inspirierte (glaub nicht, dass sie mir dafür gedankt haben): Meine große und lange Ballade „Lenore“, die ich zuerst mit krächzender Stimme
meinen Dichterfreunden vom Göttinger Hainbund vorgetragen hatte – sie wurde eine literarische Sensation, aber sie ließ mich weiter hungern.

Die Universität schenkte mir 50 Taler; davon konnte ich wenige Schulden begleichen. Aber dann kam das 50. Jubiläum der Universität. Ich habe ein Gedicht als Gruß geschrieben; es
kam gut an: Die Universität verlieh mir die Ehrendoktorwürde und ernannte mich endlich zum außerordentlichen, freilich weiterhin unbezahlten Professor. Ich war in Göttingen auch
Mitglied einer Freimaurerloge und blieb bis zu meinem Ende ihr Redner.
Ich bekam wieder Lust auf die Liebe. Und die Götter machten mir ein tolles Geschenk: Ein Schwabenmädchen war von meinen Liebesgedichten hingerissen und ließ mich über eine
Zeitung wissen, dass sie so einen wie mich sofort heiraten würde. Ich fuhr sofort nach Stuttgart; wir vereinbarten eine Heirat und das Zusammenleben in Göttingen. Die 21-jährige Elise war herrlich anders als die Gattinnen der Akademiker: unkonventionell, kreativ, lustig und ungewohnt selbständig. Sie richtete bei uns einen Mittagstisch für zahlungskräftige
Studenten ein und veranstalte Literatur-Abende, unterhaltsame Veranstaltungen und Bälle. Sie wurde Ballkönigin – und geriet immer mehr in die Kritik der Professorengattinnen.
Ihre Männer zogen mich auf. Ich wurde eifersüchtig, misstrauisch, fand nach langem Suchen Beweise, dass sie mich mit einem Liebhaber betrog. Wir hatten ein Kind, es war viel krank und wirkte zurückgeblieben. Es gab viel Streit bei uns.

Ich sah mich zu einer Scheidung durch ein Universitätsgericht gedrängt. Elise wehrte sich nicht, nahm alle Schuld auf sich; die über tausend Taler Abfindung wurde ihr verwehrt – und
trotzdem fand sie sich befreit: Sie trug fortan in den Städten meine und andere Gedichte vor, hatte enormen Erfolg als vielseitige Vortragende und sicherte sich als eigenständige Künstlerin ihr Auskommen.

Meine Gesundheit war dahin. Schwindsucht bahnte sich an. Ich sah längst nicht mehr so stattlich aus, wie Gemälde und Bronzebüsten mich schilderten – die bezahlten Künstler
verschönern uns ja alle und machen Helden aus uns.
Es gab inzwischen einige fachliche Arbeiten von mir, etwa Vorschläge einer Rechtschreibreform (die unbeachtet blieb), viele Gedichte und Balladen – komische, satirische, politische und Liebesgedichte.


Mein großer Kollege und Weinfreund Lichtenberg hat mich gefördert und zu Satiren und anderen Frechheiten ermuntert. Durch ihn kam eine Literatur-Idee nach einem Umweg über
den Deutschlandflüchtling Raspe nach Göttingen. Ich habe seine „Münchhausiaden“ übersetzt und zusammen mit Lichtenberg einige haarsträubende Abenteuer dazu erfunden.
Das Münchhausenbuch wurde ein Volksbuch, ein toller Erfolg – für unseren Verleger. Ich ging leer aus. Der Autor wurde nicht genannt. Münchhausen selbst wurde als Autor behauptet; er wehrte sich vergeblich dagegen.
Wenig beachtet blieben meine Übersetzungen aus dem Englischen und Griechischen.
Lenore und meine Liebesgedichte werden mich überleben. Und – wie das Leben so spielt, galt ich Jahrzehnte später als der Autor von Münchhausens lange anonym veröffentlichten
Reiseabenteuern. Spät, ungenau und ungerecht – aber das Nähere müssen Leser selbst herausfinden.“

Signatur_Gottfried_August_Bürger

Gottfried August Bürger starb mit sechsundvierzig Jahren in Göttingen. Lichtenberg sah den kleinen Trauerzug aus seinem Fenster; Schmerzen im Unterleib hinderten ihn, mitzugehen.
G. A. Bürger ist in einigen seiner vielartigen Gedichte zu erleben:

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