Coole Insel

Athen, spätabends, wenn alle unterwegs sind.

Denkt euch zu dieser Hör-Geschichte griechische Musik aus – vor dem lauen Abend in Athen. Habt ihr das nötige Personal – 2 Frauenstimmen, 1 Mann, 1 Erzähler*in – zur Not lest es selbst.

„Bleib mal stehen!“ sagte sie streng. „Du schaffst es immer wieder, nach ein paar Minuten wie ein Strolch auszusehen!“ Xanthippe zurrte an seinem Wollschal und rückte sein Obergewand zurecht. Sie setzte noch mal nach: „Auch wenn du erkältet bist, solltest du anständig durch die Stadt laufen.“

Der Mann lächelte, während er die Korrektur an seiner Kleidung duldete.
„Ach, du bist ja in Gedanken wieder ganz weit weg“, sagte sie resignierend. Das stimmte, mindestens zur Hälfte, aber zur anderen Hälfte tat er auch nur so – wie anders könnte er sie ertragen mit ihrer ständigen Kritikfreude.

Sie gingen durch die Athener Innenstadt – wie die vielen anderen Paare, die das taten, was jedenfalls Frauen immer am liebsten tun: Sehen und gesehen werden.

Sie hatte sich bei ihm untergehakt. Die beiden wurden von vielen achtungsvoll gegrüßt, seinetwegen natürlich, aber das war sie gewohnt.

Nicht jeden Gruß erwiderte er, manchmal nickte er nur lächelnd einem Grüßenden zu, aber manchmal sagte er auch: „Grüß dich, Leonidas“ oder „Jássas, Hektor“.

„Die kennen dich alle vom Marktplatz?“ fragte Xanthippe. „Nun ja“, antwortete der Wortgewaltige wortkarg. Und als sie ihn ansah, sagte er schnell: „Sie hören mir zu, manchmal.“

Das war keine kluge Antwort, du Philosoph, nicht deiner Frau gegenüber. Sie presste seinen Arm: „Natürlich, das sind ja auch solche Eckensteher, die von zu Hause fortlaufen, die dann die Frauen alle Arbeit allein machen lassen und auf dem Markt süßen Tee trinken.“

Sokrates blieb stehen. „Entschuldige“, sagte er erklärend, „ich muss mir die Nase putzen.“

„Jássas Leukos“, rief er Vorbeikommenden zu, „Morenas, jássas.“.

Und dann, fünfzig Schritte weiter, sah er sie, Nautila, die voll erblühte, kürzlich verwitwete Nachbarin, die für ihn eine eindrucksvollere Gestalt war als die Marmorfiguren der Artemis. Xanthippe taxierte blitzschnell Nautilas etwas ungewöhnliche Aufmachung und zischte leise ihr blitzschnelles Urteil: „Die sucht aber mit aller Gewalt einen neuen Mann!“

Da passierte es. Sokrates griff sich ans Herz, rang nach Luft, drehte sich halb und sank sehr langsam, eigentlich auffallend langsam, auf die basaltgepflasterte Straße. Einige Passanten schrien auf, Xanthippe war wie gelähmt vor Schreck, aber Nautila war zu dem Liegenden geeilt, hob seinen Kopf, riß sich – ohne Rücksicht auf ihre freiwerdenden Schultern und den schönsten Teil ihres Oberkörpers, einen Umhang vom Leib, wickelte ihn zusammen und schob ihn wie ein Kissen unter Sokrates Kopf. Sie streichelte seine stoppeligen Wangen.

Der Mann lag regungslos, aber in Xanthippe kam wieder Bewegung: sie berührte Nautila mit einer Gebärde, die die junge Frau zum Aufstehen anregen sollte, aber Nautila wehrte die Hand ungeduldig ab und näherte sich noch mehr dem Gesicht des Philosophen. Der hatte die Augen geschlossen, seine Lider zuckten, er schnappte jetzt wieder heftig nach Luft – wie ein Fisch an Land. Nautila öffnete seinen Schal und fühlte seinen Herzschlag. Als ihre Hand seine Brust berührte, zuckte er merklich zusammen. Seine Lippen bewegten sich, aber er konnte nicht sprechen.

Nautila wandte sich an die Umstehenden: „Er braucht Luft in die Lunge. Kann ihn jemand beatmen?“ Die Menschen gingen einen halben Schritt zurück – keiner war bereit. Da beugte sich Nautila über seinen Kopf und versuchte, mit zwei Fingern seinen Mund zu öffnen. Täuschte sie sich? Hat er nicht gerade versucht, ihr zuzuzwinkern?

Sie drückte, wie sie das mal bei einem Rettungsversuch von Halbertrunkenen gesehen hatte, mit beiden Händen auf seinen Brustkorb und versuchte dann, Mund auf Mund, ihren Atem in seine Mundhöhle zu pressen. Sie tat das siebenmal und sie sah dann, wie sein Lächeln sich um die Mundwinkel verbreitete.

Aber Xanthippe sah es auch. „Das ist jetzt bestimmt genug, Nautila. Siehst du, er flackert schon wieder mit den Augenlidern.“ Sie drängte Nautila weg und rüttelte Sokrates an den Schultern. Als er immer noch kein deutliches Lebenszeichen gab, schlug sie ihm rechts und links drei- oder viermal fest auf die Backen.

Die Umstehenden murrten; einige äußerten sich entsetzt. Aber Xanthippe bekam Recht: Sokrates richtete sich etwas auf, schaute sich verwundert um und sagte dann, mit Nautilas und Xanthippes Hilfe langsam auf- stehend: „Wo kommt ihr denn alle her? Bin ich gefallen?“

Als Xanthippe ihn prüfend von der Seite ansah, schwankte er noch mal und drohte wieder zusammenzusacken. Aber die beiden Frauen schienen ihm neue Kraft zum Stehenbleiben zu geben.

„Na, geht’s wieder, Alter?“ fragte Xanthippe aufmunternd. Sokrates tauschte verstohlen ein Lächeln mit Nautila. Er nahm ihre Hand, hielt sie unnormal lange und küsste sie. Fast hätte er die Innenfläche ihrer Hand ge- küsst, aber das verhinderte sie; so traf er fast nur die Innenseite ihres rechten Zeigefingers. „Danke, Nautila“, sagte er mit vor Rührung belegter Stimme. „du hast mir das Leben gerettet.“

„Jetzt komm schon“, sagte Xanthippe entschlossen, „du musst dich zuhause gleich hinlegen.“

Sie zog ihn nach vorn. Sokrates rief zurück: „Werde ich dir nie vergessen, Nautila“. Und als die Frau ihm lächelnd winkte, ging er langsamer und rief noch: „Komm doch mit, Nautila, wir haben doch den gleichen Weg:“

Aber Xanthippe sagte: „Du siehst doch, dass sie noch was besorgen will. Belästige die Leute doch nicht un- nötig!“

„Jaaa,“ sagte Sokrates mir einem unhörbaren Seufzer. „Du hast ja recht, Liebling.“

Sie schnaubte etwas durch die Nase. Er hatte ganz vergessen, dass sie diese Koseform nicht mehr hören mochte.

Ihm ging wahrscheinlich die Frage durch den Kopf, über die er sich auf dem Markt schon früher zum Vergnügen aller jungen und älteren Männer geäußert hatte: „Was macht eine Frau anziehend?“ Er erweiterte jetzt wahrscheinlich diesen Gedankengang – wir können nur spekulieren, in welche Richtung – und es ist wohl treffender, das anzunehmen, was sich sogar viele Nichtphilosophen ausdenken, wenn sie über eine begehrenswerte Frau nachdenken.

Der Alte grinste geheimnisvoll vor sich hin. Xanthippe sah es und fragte ihn schnell: „Woran denkst du?“ Er sah sie vergnügt an: „Ich freu mich aufs Essen, Xanthi; womit verwöhnst du mich heute Abend?“

Ich weiß nicht, ob er es wirklich wissen wollte und ob er nicht schon wieder irgend etwas weiter dachte. Bei Philosophen weiß man´s  ja nie…

© Helmut W. Brinks

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