Coole Insel

Blackout in Halle

Heinrich Heine erzählt seinen Liebestraum

(Warnung: Sie müssen nicht alles glauben, was Heine sagt. Und auch nicht von Fans, die sich in ihn so übertrieben einfühlten, wie hier. Es könnte aber stimmen…)

©OmiTs

 

Diana hatte mich gegenüber den Franckeschen Stiftungen abgesetzt. 

„Wen willst du hier eigentlich besuchen?“ fragte sie, während sie ihren Helm abnahm. „Ich darf hier nicht stehenbleiben und ich bin auch spät dran, verrate mir ihren Vornamen.“                                                                                                                                                                                            „Aber ich besuche hier ganz bestimmt keine Frau, nur männliche Bekannte von früher.“                                                                                        „Na, viel Glück! Aber ich würde dich gern wiedersehen. Bist du am späten Nachmittag noch hier? Ich könnte gegen halb sechs beim Händel sein und vielleicht ein knappes Stündchen bleiben, o.K.?“

„Nur zu gern, schöne Diana, ich warte auf dich.“
„Wie kommst du auf Diana? Ich heiße Ines. Küss mich schnell…“

Wir haben uns schnell geküsst, aber nicht flüchtig. Noch als ich durch die lange Geschäftsstraße ging, war ich wie betäubt. Außerdem schossen immerzu Pfeile durch meinen Kopf. Ich fürchtete wieder einmal, dass mich meine Kopfschmerzen noch in den Wahnsinn treiben würden. Eine Baumaschine zwang mich, mir im Gehen die Ohren zuzuhalten. Wen suche ich denn in Halle? fragte ich mich. Ich kam auf keinen einzigen Namen. Was wollte ich hier? Hatte ich vielleicht nur möglichst lange mit dieser schönen Frau über Land fahren wollen, ganz gleich wohin?

Ich war bestimmt schon einmal in Halle gewesen und ich muss hier noch Bekannte haben – Studienfreunde, Juristen, oder Schriftsteller, oder Kollegen, die Juristen und Schriftsteller sind. Ich fragte einen älteren Herrn, der seinen Hund ausführte: „Bitte, kennen Sie hier einen Juristen?“
„Wieso?“ fragte er, „hat Sie mein Anblick beleidigt?“
Ich beruhigte ihn und sagte ihm, dass mir der Name eines guten Bekannten entfallen sei.
„Mir fällt grad nur unser OB ein“, sagte der Mann dann, „neulich stand mal wieder in der Zeitung, dass er vorher Richter oder sowas in Bonn war.“
Ich glaubte mich schon am Ziel, ein Studienfreund aus Bonn – aber der Name, den er dann nannte, war mir unbekannt. Ich versuchte es aber weiter. „Wohnt vielleicht Herr Eichendorff noch hier, oder Herr Bürger, oder Herr von Arnim – oder kennen Sie einen anderen Schriftsteller?“
„Nee, diese Sorte kenne ich weniger, wenn mein Kegelbruder auch Hausmeister im Thomas-Mann-Haus war. Aber ich habe einen Tipp für Sie: Gehen Sie doch mal rüber ins Marktschlösschen. Im ersten Stock soll da so ein Dichterbüro sein, da können Sie fragen. Sonst auch in dem „Starenkasten“ bei der Stadtinformation, aber so früh haben die noch nicht geöffnet.“

Ich bedankte mich und wollte mich zuerst einmal eine Weile setzen. Nirgendwo sah ich eine Bank und nahm deshalb mit der mittleren Stufe eines Podestes vorlieb. Ein riesiges Denkmal stand über mir; ich las erst später, dass es keinen Fürsten, sondern den Musiker Händel darstellte. Zu Füßen eines Musenfreundes ruhe ich gern. Es rauschte bedrohlich in meinem Schädel und ich versank wieder in Gedanken – in dunklere wegen meiner Gedächtnisschwäche, aber auch in erfreulichere Erinnerungen an die Stunden mit Diana. Wenn ich schlaftrunken bin, verliebe ich mich besonders tief. Und noch nie zuvor war mir meine Lieblingsgöttin Diana in der Morgenfrühe begegnet – in der bezaubernden Verkleidung einer in rotes Leder gehüllten Schönen, die mich hergefahren hat. An einer Leipziger Straßenkreuzung hatte dieser wunderschöne Traum vor vier Stunden begonnen und ich durfte sogar auf eine Fortsetzung hoffen.
Mir fiel wieder die Blamage beim Frühstück in der Raststätte ein, wo sie mein Geld für „Monopoly-Geld“ gehalten hatten.

„Wo kann ich hier Geld tauschen?“ fragte ich den frühen Zecher neben mir auf der harten Podeststufe unterhalb des großen Händel.
„Wenn wir alles so viel hätten wie Banken“, antwortete er, „Hauptsache, man hat was zum Tauschen. Kommen Sie aus Bayern?“
„Ich? Nein, ich bin Rheinländer und komme aus Göttingen.“
„Liegt das jetzt auch am Rhein?“ fragte er mit dem aufblitzenden Witz eines Besäuselten, aber ich verlor die Lust, ihm eine Welt zu erklären, in der ich mich selbst gerade nicht mehr zurechtfand.
„Ich würde zur Sparkasse gehn“, sagte er noch, „sehen Sie das große rote ‚S’?“

Ich dankte ihm und verzichtete lachend auf sein Angebot, mir Begleitschutz zu geben. Fast hätte ich gesagt: „Ich kenne jemand bei der Sparkasse.“ Wenn auch nicht bei dieser. Ich blieb noch sitzen und grübelte weiter. Dies war der Marktplatz von Halle, der mich bei meinem ersten Besuch sogar zu einem nicht sehr gelungenem Gedicht angeregt hat. Ich kannte einige Studenten aus Halle. Wir hatten auf dem Brocken und unten im Ilsetal fröhlich miteinander gezecht. „Besuch uns mal in Halle“, hatten sie beim Abschied gesagt und ich fand den Gedanken wohl gut, weil so viele interessante Leute hier gelebt haben. Praktizierte hier nicht auch der Professor Reil, der Wilhelm Grimm so wirksam zu einem Lebensplan für oder gegen sein Asthmaleiden geholfen hat?

Einiges erkannte ich jetzt wieder, aber das meiste passte überhaupt nicht in meine Erinnerung. Diese ungewöhnlichen vier Kirchtürme werden in der Welt nicht noch einmal vorkommen, aber der rote Turm davor schien mir irgendwie verändert worden zu sein. Auch der Roland, der immer noch sein Schwert hochhielt und stur geradeaus blickte. Die von mir damals besungenen Löwen sahen jetzt erheblich fetter aus, waren vergoldet und zierten den Eingang eines exotischen Restaurants – aber solche Veränderungen erlebe ich auch in meinen Träumen oft. Träumte ich denn jetzt? Waren diese Kaufhausschilder an den hässlichen hohen Gebäuden ebenso Traumkulissen und gehörten auch die rot-gelben Schienenzüge dazu, die den Marktplatz durchkreuzten? Ich war wirklich sehr durcheinander.
Ich muss etwas gemurmelt haben, das sich auf die Bahnen bezog, denn mein Nachbar sagte: „Das sind schon wieder neue Wagen; ausrangierte aus Köln oder Hannover, denk ich mir. Das ist nämlich so ’ne Art Anerkennung, weil hier vor hundert Jahren die erste Straßenbahn gefahren ist.“
„Hier? Die erste? Glauben Sie nicht, dass das in Berlin war?“ fragte ich ohne großes Interesse.
„Kann schlecht sein, denn wir haben das Hundertjährige hier doch vor ein paar Jahren gefeiert. Berlin war nich in allem führend, sag ich Ihnen. Fahren Sie nich gern mit der Elektrischen? Meine Omma nannte sie so. Haben Sie auch eine in Göttingen? Manche Städte ärgern sich jetzt, dass sie die Straßenbahnen abgeschafft haben. Die Bahnen sind besser als alles andere …“

Ich war froh, dass er nicht mehr auf meine Antworten wartete. Ich spürte immer noch Dianas Küsse, roch den Duft ihres langen braunen Haares und machte mir Gedanken, ob sie heil in Eisleben angekommen war. Dass sie meinetwegen zu spät ihren Dienst in der Sparkasse antreten konnte, hatte sie betont leicht genommen, sicher um meine Sorgen zu zerstreuen:
„Ich muss so oft für den Filialleiter Kurierfahrten machen, außerhalb der Dienstzeit, da hab ich eine Menge gut. Außerdem …“
Sie hatte dieses Wort so merkwürdig gedehnt gesprochen, dass ich mir etwas zusammenreimen konnte. Ich ergänzte auf gut Glück und schon ein bisschen eifersüchtig: „Außerdem wird er immer freundlich gestimmt sein, wenn er dein Lächeln sieht.“
Sie hatte mich überrascht angesehen, aber zugestimmt: „Ja, komisch, ich komme ganz gut mit ihm aus, obwohl er ein scharfer Hund ist, knallhart zu den Mitarbeitern …“
Ich hatte gar nicht zu fragen gewagt, warum sie einen „Job“ (so nannte sie ihre Arbeit) in einer so weit entfernten Stadt angenommen hat. Ich ahnte schwierige Zusammenhänge.

„Ist Ihnen nicht gut?“ Es dauerte eine Weile, bis ich diese Frage auf mich bezog. Ich musste beim Aufschauen gerade gegen die Sonne blinzeln und deshalb glaubte ich zu träumen. Diana stand vor mir, wieder in anderer Gestalt. Ich sprang auf und fasste ihre Hände, aber die Frau fauchte mich plötzlich an: „Pfoten weg! Ich lege Ihnen gleich Handschellen an.“
Zum zweiten Mal in meinem Leben war ich absolut fassungslos. Die Frau vor mir trug eine Uniform, hatte eine Pistole umgeschnallt und hielt in der Hand ein schwarzes Gerät, aus dem Krächzlaute kamen. „Kann ich mal Ihre Papiere sehen?“ fragte sie und mir wurde klar, dass sie sich nicht aus Menschenfreundlichkeit nach meinem Befinden erkundigt hatte. Ich war verwirrt, wählte aber instinktiv die Kulturmasche: „Ich bin durchreisender Schriftsteller“, sagte ich; „ich warte auf einen Freund. Sie scheinen hier keine Bänke mehr zu mögen.“
Der Tonfall der Polizistin wurde prompt freundlicher: „Bänke gibts noch genug in Halle, aber leider auch Stadtstreicher, die sich darauf legen. Schönen Tag noch. Ich muss weiter.“
Der Mann neben mir hatte sich davongemacht. Einige Marktbesucher sahen mir nach, als ich über den Marktplatz zum Marktschlösschen schlenderte. Nach längerem Suchen hatte ich das Dichterbüro gefunden. Den Damen und Herren, die ich dort trotz der frühen Tageszeit in einer Kaffeerunde vorfand, stellte ich mich auch als „durchreisender Autor“ vor. Einer Eingebung folgend, nannte ich mein allererstes Pseudonym: „Riesenharff.“

„Da hatten Sie aber einen guten Riecher,“ sagte ein schwarzbärtiger Mann, „wir haben heute unser Monatstreffen; dabei können Sie viele Kollegen kennenlernen.“
„Das will ich gerne nutzen“, antwortete ich, allerdings habe ich am späten Nachmittag bereits eine Verabredung. Vielleicht kann ich danach noch dazukommen?“
Ich erfuhr, dass am Abend noch eine gemeinsame Lesung angesetzt war, und anschließend würde man noch im Ratskeller zusammensitzen. Dann wurde ich vorsichtig ausgefragt, was ich so schreiben würde, ob für den Rundfunk oder für Kinder?
„Hauptsächlich Lyrik“, wich ich aus und fragte rasch zurück: „Und Sie?“ Der Angesprochene schluckte einige Male, bevor er antwortete: „Ich habe Prosa geschrieben, Romane, Erzählungen, Filmdrehbücher …“
Sein Nachbar sagte: „Wir nehmen gerade Abschied. Unser Freund will uns und die Stadt seiner größten Erfolge verlassen und in den Westen abwandern. Und woher kommen Sie?“
Und dann sprachen wir über Göttingen und Berlin und über meine Heimatstadt Düsseldorf.
Unversehens zitierte ein jüngerer Kollege einen Satz von mir: „Düsseldorf ist eine sehr schöne Stadt; wenn man in der Ferne an sie denkt und zufällig dort geboren ist, wird einem wunderlich zumute.“
Ich erschrak und es entfuhr mir: „Wo haben Sie das her?“
Er lachte: „Auch im DDR-Lehrplan kam Heinrich Heine vor; ein paar Verse kann jeder von uns aus dem Stand zitieren. Und unser berühmter Kollege hier hat bestimmt schon Festreden über Heine gehalten – oder hast du nicht sogar mal einen Heine-Preis annehmen müssen?“
Der angesprochene Dichter wehrte lachend ab, brachte mich aber in noch größere Verwirrung mit dem Hinweis, er habe allenfalls in Halle die „Heinrich-Heine-Straße“ durchgesetzt, aber das sei schließlich eine Selbstverständlichkeit gewesen. Ich überwand meine Verblüffung durch einen tollkühnen Einfall: „Welche Chance hätte Heine heute hier in Halle?“
Sie sprachen lebhaft durcheinander. Einer mit einem altgedienten Lehrergesicht meinte: „Warum sollte der in Halle sein? Höchstens, um im Auftrag seines millionen-schweren Onkels den Mitteldeutschen Verlag aufzukaufen oder eine neue Buchhandelskette einzurichten.“
Sein grauhaariger Nachbar nahm Heine in Schutz: „Nein, für solche Geschäfte würde Heine sich nicht hergeben; denkt übrigens auch an seine Misserfolge als Kaufmann und Banklehrling.“
Ein jüngerer Kaffeetrinker fand, dass Heine sich ganz gut als Minister für Schöne Künste machen würde. Ich hätte ihn für diese Bemerkung gern umarmt. Der Schwarzbärtige kam auf Praktischeres: „Er wäre auch einer, der in unserem anbrechenden Multi-Media-Zeitalter lieber gelebt hätte. Für Heine wären Computer, Diktiergeräte und Kopierer Himmelsgeschenke gewesen. Dem ist so vieles verlorengegangen, weil er seine Texte selbst abschreiben und vervielfältigen musste …“
Ich fand nun doch Gefallen an dieser Gesprächsentwicklung und ließ mich darauf ein: „Ob er mit diesen Neuerungen wirklich glücklicher gewesen wäre?“
Die Antwort kam schnell: „Glücklicher? – weiß ich nicht, aber eben produktiver.“
Ich fragte sie noch einmal, aber zugleich auch mich: „Meinen Sie wirklich, dass ein Zeitenwechsel für einen wie Heine verlockend wäre? Leben Sie als Autoren denn angenehmer, abgesicherter, besser gefördert und höher geachtet…?“
Einige wirkten betreten. Der Grauhaarige stellte fest, dass ihm jetzt ein Schnaps guttun würde. Aber der Bärtige beschied ihn gekünstelt streng: „In Halle wird in Diensträumen kein Alkohol getrunken, halte dich an Kaffee!“
Ich wollte noch etwas beim begonnenen Thema bleiben, aber wir wurden durch eine ankommende Dame unterbrochen. Die Herren überfielen die blonde Dame sofort mit der Frage: „Christine, wäre Heine heute besser dran?“

Nach der Begrüßung kam die Hinzugekommene, offenbar auch eine Schriftstellerin, leise auf die Frage zurück: „Wieso besser? Frag doch mal Göttinger Kollegen, ob die Göttinger Bürger und Professoren ihm seine harsche Polemik inzwischen verziehen haben. Ob er heute nicht sogar mit Morddrohungen leben müsste? Und würde Reich-Ranicki ihn nicht auch zerfetzen, obwohl er Jude war?“
„Nein, nein“, wurde ihr entgegnet, „der hat ihn oft gelobt. Aber könnte Heine hier Professor werden?“
Einer wusste auch hierauf eine Antwort, aber sie konnte mir gar nicht gefallen: „Professor könnte er werden, keine Frage, aber ob das gut für ihn wäre? Und gut für die Literatur? Ein erfolgreicher, etablierter Heine wäre eben nicht mehr ‚unser Heine‘.“
„Das sehe ich ein“, warf ich ein, „dieses Opfer müsste er bringen.“
Es kam noch dicker. Die freundliche Frau, die mich zuerst begrüßt und mir immer Kaffee nachgeschenkt hatte, gab mir noch eine Denkaufgabe: „Stellen Sie sich vor, Heine hätte eine der Millionenerbinnen seines Onkels heiraten dürfen – glauben Sie denn, dass wir heute über ihn reden würden?“

Ich gestehe, dass mich diese Wendung mundtot machte. Ich verabschiedete mich bald darauf: „Wir sehen uns ja heute Abend!“
Der bärtige Kollege kam mir nach: „Haben Sie schon eine Unterkunft in Halle?“
Ich verneinte verlegen, aber er half mir heraus: „Ich frage nur, weil wir für einen auswärtigen Kollegen ein Hotelzimmer bestellt haben. Er musste kurzfristig absagen und das Zimmer müssen wir ohnehin bezahlen. Sie können es haben …“
Mein erster Gedanke war: Dann wüsste ich, wo ich das Stündchen mit Diana verbringen könnte. Aber man soll das Glück nicht herausfordern. Ich sah mir Geschäfte an, vor allem die Buchhandlungen und ich staunte über die Massen von Sachbüchern. Darüber verging viel Zeit. Ich wurde hungrig und mein Kaffee drängte. Und nun ereignete sich ein Jahrhundert-Wunder (wie man das heute nennt, auch wenn es nur ein Vierteljahreswunder ist): Vor einem Parfümgeschäft fand ich eine kleine blaue Karte mit einem silbernem Emblem am Rand. Das Ding sah hübsch aus. In silberner, erhabener Druckschrift las ich: Visa-Card, eine lange Zahlenreihe und einen Namen: James Friedlaender.

Nun muss ich Ihnen erklären: Ich gelte als nervenstark. Ich habe mich in mehreren angebotenen und überstandenen Pistolen-Duellen ganz vorzeigbar verhalten und gar manche unglückliche Liebesaffäre überlebt. Aber in den letzten Stunden hatte ich einige Erlebnisse, die mich mehr mitnahmen als manches Liebesdrama, deshalb zitterten mir die Knie. Meine große Liebe, die etwas stattliche Älteste meines unwahrscheinlich reichen Oheims heißt Amalie,
und ein Jonathan Friedlaender hat sie mir weggeschnappt. Das ist lange her, aber die Verlobungsanzeige erreichte mich, während ich in Göttingen meine Doktorprüfung vorbereitete und die Wunde heilte nie. Wie kam die Karte von James Friedlaender in eine Einkaufsstraße von Halle?
Während ich gedankenversunken dastand, kam ein dunkelhäutiger Junge auf mich zu und sagte: „Guten Tag, Herr! Mit der Karte können Sie bei uns essen. Gleich hier um die Ecke, im Shanghai.“
„Wie meinst du das, mit der Karte essen?“
„Wenn sie noch gilt, darf ich sehen? Ja, die gilt noch lange. Mögen Sie wunderbares chinesisches Essen?“
Ich beglückwünschte mich selbst zu meinem Mut, als ich die Einladung annahm. Seither schwärme ich für Haifischflossensuppe, Nasi Goreng und für Jasmintee. Und natürlich für die Zauberkarte, die ein „Sesam-öffne-dich“ zu sein scheint. Der Nachmittag verging rasch. Ab kurz nach fünf Uhr lief ich um den Händel herum. Mehrere andere Menschen schienen sich auch hier verabredet zu haben. Ich schaute nach einem japanischen Motorrad und nach einer jungen Frau in einem roten Lederanzug aus – und erschrak genussvoll, als mir jemand von hinten die Augen zuhielt und mich in den Nacken küsste. Als ich mich umdrehen konnte, stand Diana in einem geblümten Dress vor mir.

„Komm“, sagte sie lächelnd und hakte sich bei mir ein, „wir bummeln zum Saale-Ufer.“
Unterwegs plauderte sie unentwegt drauflos. Ich verliebte mich immer mehr in ihre Stimme. Was sie sagte, war mir weniger wichtig. Ich war glücklich und Diana schien gern bei mir zu sein. In den Wiesen an der Saale pflückte sie mir Gänseblümchen, ihre Lieblingsblumen, und dann machte sie mir zuliebe einen gelungenen Handstand, einfach so. Ich war tief gerührt: Noch nie hatte mir jemand einen Handstand geschenkt; ich hätte auch nie für möglich gehalten, dass ich solch ein Geschenk von einer Frau bekommen würde. Ihre beginnend immer etwas herben Küsse mundeten mir unwahrscheinlich.

„Eigentlich wollte ich dich in mein Hotel einladen“, gestand ich ihr später, als ich ihr Blumenkleid schon ziemlich zerdrückt hatte.
„Lieber nicht“, sagte sie, „nicht gleich beim ersten Mal, trotz aller Begierde, die du ja spürst. Jeder hat doch Grundsätze, du nicht auch?“
„Sicher“, beeilte ich mich, ihr – meine Hand lustvoll um ihre linke Brust gespannt, zuzustimmen, „ich trinke zum Beispiel niemals vor halb elf früh Champagner. Und ich verzeihe Frauen, die ich liebe, fast alles – außer, dass sie mich nicht mehr lieben.“
„Sag mal, wo lebst du eigentlich?“ fragte Diana unvermittelt, während sie wundervoll in meinem Arm lag und während meine völlig selbständige Rechte unbekanntes Terrain erkundete und gerade vor bedeutenden Entdeckungen stand.
„In Hamburg, Lüneburg, Berlin, Göttingen, München, Paris…“ zählte ich auf und befahl meiner Hand, kühner zu werden. „Und wo bist du zuhause?“ setzte sie nach und entwand sich geschickt meiner Umklammerung.
Was sollte ich sagen – überall und nirgends? Ich war mir ja selbst nicht mehr sicher und meine Hand wurde wild nach ihrem Schoß. „Zuhause fühle ich mich, wo mein Herz ist“, hörte ich mich sagen und meine Hand war endlich angekommen und betäubt von dieser herrlichen Umgebung. Meine Finger tasteten sich in süßeste Gefilde vor. „Vielleicht möchte ich in Deinem Herzen zuhause sein“, säuselte ich.
Aber Diana sprengte meine sentimentale Stimmung und stieß meine Hand fort: „Komm mir nicht mit süßen Sprüchen; das zieht bei mir nicht. Übrigens habe ich einen mächtigen Hunger. Hast du inzwischen dein Geld umgetauscht?“
Wie kann eine Frau so kurz vor dem Ausrasten so stocknüchtern sein!
„Wir brauchen kein Geld“, sagte ich ihr triumphierend, ich habe die Zauberkarte.
Diana wollte sie sehen. „Friedlaender? Wie heißt du denn nun wirklich?“ „Bitte, liebe Diana, lass mir mein Geheimnis bis zum Abschied; vorschnelle Aufklärungen haben schon manchen Traum zerstört.“
Das ließ sie natürlich nicht gelten. „Du träumst vielleicht, aber ich doch nicht. Komm, wir haben nicht mehr viel Zeit. Wie spät ist es denn schon?“

Wir hatten beide keine Uhr bei uns, wozu auch – ich habe keine Zeitprobleme mehr, ich doch nicht … Diana ließ sich nicht zu einem chinesischen Essen überreden; sie führte mich stattdessen zu einem italienischen Restaurant, das auf mich nicht sehr einladend wirkte und wohl mehr für einen größeren Andrang eingerichtet war. Aber wenn wir sehr verliebt sind, ist der Himmel überall. Ich hatte unseren Appetit zu hoch eingeschätzt; wir waren schon nach der Vorspeise und nach dem Italienischen Salat satt. Wir kümmerten uns nicht um die anderen Gäste und aßen eben wie zwei Verliebte am Beginn ihres Verliebtseins: „Ein Gäbelchen für dich, ein Kuss dazwischen, gut, ein Gäbelchen für mich, aber ich dürste nach einem Kuss…“

Die Karaffe Rotwein, die ich im Überschwang bestellt hatte, tranken wir nicht aus und Diana trank ohnehin nur Schweppes mit einem Spritzer Bardolino. Draußen waren wir kaum um zwei Ecken gebogen, als uns ein Regenguss überfiel und im Nu durchnässte. Diana sah ein, dass wir uns und unsere Kleidung trocknen mussten. Ich ließ mir nicht anmerken, wie mich ihre mir liebste Frage an diesem Tag begeisterte: „Wie heißt dein Hotel?“
In einer Tasche meines Mantels fand ich den Zettel mit der Anschrift. Diana erkundigte sich bei einem älteren Paar nach dem Weg. Wir suchten dann die Straße, in der sie ihr Motorrad geparkt hatte und fuhren dorthin; ich trug wieder den kleinen Helm aus der Ablage unter ihrem Sitz. An der Rezeption sagte ich: „Dr. Riesenharff, ich komme anstelle von Herrn Buchmüller“.

Diana sah mich kritisch von der Seite an, aber die Dame neben der kompakten Telefonanlage sagte „Ach, Sie sind von der Schriftstellergruppe. Hier steht der Name auf der Gästeliste der Stadt. Sie haben Nr. 213 im 2. Stock. Sie können im Zimmer Ihr Faxgerät und Ihr Notebook anschließen… Ach so, Sie haben Ihr größeres Gepäck wohl noch im Auto…“
In dem engen Fahrstuhl fragte Diana mich: „Hast du denn ein Notebook dabei, Hochstapler Riesenharf?“ Sie wehrte sich dieses Mal gegen meinen Umarmungsversuch. Das Zimmer gefiel uns. Dianas nasses, dreiteiliges Gewand verteilten wir auf der Zimmerheizung. Ich hatte im Rucksack ein verknittertes Seidenhemd und einen blauen Schal, darin sah sie entzückend aus; sie knöpfte das Hemd auch gar nicht zu. Ich sah – ein köstliches Hors d’oeuvre – erfreulich viel von ihren Brüsten, die süße Umgebung ihres Nabels und darunter ein herrliches, krauses Wäldchen – und ich hätte den Mann sehen mögen, dem es bei diesem Anblick gelungen wäre, nur gepflegte Konversation zu machen …
Diana wollte als erste duschen. Der aus der Kabine quellende Dampf stimulierte mich so, dass ich dem Drang unmöglich widerstehen konnte, Diana im wohligen Nebel zu umarmen.

Wir achteten nicht darauf, aber später mussten wir die Fenster öffnen, um die Schwaden aus dem Zimmer abziehen zu lassen. Wir genossen etwas unkonventionell eine Flasche Sekt aus dem Minikühlschrank. Welch eine Frau! Ich fand sie verändert, fraulicher, anschmiegsamer, nach Zärtlichkeiten dürstend und herrlich fordernd… Als uns ein krachender Verkehrsunfall draußen aufschreckte und wir ans Fenster stürzten – ach, ich stand hinter ihr und umfasste ihre Brüste, während sie sich sehr südlich ihres Rückens zauberhaft an mich drängte – just da fiel mir ein, dass die Schriftstellerkollegen sich um diese Zeit treffen wollten. Ich fühlte mich verpflichtet, sie zu besuchen, und drängte auch Diana zum Aufbruch.

Es wunderte mich, dass sie so leicht zum Mitkommen zu überreden war; mir war auch nicht vorstellbar, sie allein in unserem zerwühlten Bett zurück zu lassen. Ihre Begleitung genoss ich sehr. Es wäre ja auch unverzeihlich gewesen, eine so hinreißende Frau zu verstecken.
Ich fand sie jetzt noch begehrenswerter, bezaubernder und überhaupt zum Stehlen schön. Und kein anderer Mensch ahnte, dass sie mir zuliebe auf ein gewisses Kleidungsstück verzichtet hatte, das ich in meiner Manteltasche tragen durfte. Übrigens hatte sich Diana über unser Zimmertelefon zuhause abgemeldet… Wir fuhren zum Markt.
„Weißt du denn, wo du die Dichter findest?“ Ich meinte mich zu erinnern, dass das Treffen im Ratskeller sein sollte. Dort fragte ich einen Bierzapfer, wo die Versammlung der Poeten sei. Er wies uns zu einem kleinen Saal. Als ich die Türe öffnete, sahen dreißig, fünfunddreißig weibliche und männliche Köpfe neugierig zu uns herüber. Ich staunte über so viele junge Gesichter und über so betont förmlich gekleidete und frisierte Menschen. Der hinter einem Stehpult referierende Herr unterbrach sich und fragte uns: „Sind Sie sicher, dass Sie hier richtig sind?“
Ich ging auf ihn zu und antwortete völlig sicher lächelnd: „Aber ja, Ihr Vorstand hat mich ausdrücklich eingeladen.“ Die Wirkung meiner Worte war umwerfend. Einige Damen und Herren waren aufgestanden, der Redner kam zu uns herübergeprescht und überschlug sich fast: „Herzlich Willkommen, verehrter Herr Doktor! Sie sind selbstver-ständlich avisiert, Verzeihung, meine Dame, ein herzliches Willkommen auch Ihnen, ich finde es fantastisch, dass Sie aus Berlin zu uns gekommen sind …“
Normalerweise hätte ich mich über solche Begrüßungsformeln nicht gewundert, aber diesmal antwortete ich: „Nun ja, ich bin auf der Durchreise und wollte mal kurz hereinschauen. Bitte lassen Sie sich durch unsere Verspätung nicht stören, wir möchten nur ein wenig zuhören …“
Der Referent bestand aber darauf, uns zu einem vorderen Tisch zu führen. Nach seiner mehrfach wiederholten Bitte und nach dem rhythmischen Klatschen der Versammelten wollte ich mich nicht länger sträuben, von, wie er es genannt hatte, „höherer Warte aus“ eine „allgemeine Einschätzung“ zu geben. Ich weiß natürlich nicht mehr, was ich gesagt und was ich auf ihre vielen Fragen geantwortet habe. So wollten sie wissen, welche Strategie wir zum Überleben und Behaupten entwickelt hätten und ob sie Erfolg hatte. Dazu weiß ich nun wirklich eine Menge, hatte es aber bisher nur für mein persönliches Problem und Heilungsrezept gehalten. Eine bunt gekleidete junge Dame mit grausam kurz geschnittenen Haaren fragte mich wichtigtuerisch mit viel zu vielen Worten, aus denen ich zweimal „Performance“ herauszuhören meinte – das andere habe ich nicht kapiert.
„Also“, sagte ich, „das gefällt mir, dass Sie auch über Wirkungen nachdenken. Sehen Sie, auch ich improvisiere gern – wie alle Kreativen, aber das ist heutzutage lebensgefährlich geworden …“
Sie wollten etwas noch Konkreteres wissen; das wurde mir zu viel – ich dachte immerzu an die Szene mit Diana am Fenster … Mir war schon eine ganze Zeit arg schwindelig und eng am Hals geworden; es wurde auch viel geraucht. Ich hatte mich in meinem Gedankengang verheddert und glücklicherweise die Eingebung gehabt, Diana die Fortsetzung zuzumuten.
Den geschraubten Sprachstil der Fragenden aufnehmend, hatte ich sie als meine „Beraterin für innere Konflikt-Strukturen“ vorgestellt, das hat alle sehr beeindruckt.
Als ich gestenreich entschuldigend hervorstieß, dass ich mal kurz an die Luft müsse, waren die Zuhörer schon ganz in Dianas Bann und mit ihren Stühlen immer näher nach vorn gerückt. Der Referent geleitete mich zur Tür und machte sich Sorgen um meine Gesundheit. Es war mir peinlich, aber richtig unheimlich wurde mir die Entdeckung, dass der Mann am Revers ein Namensschild mit dem roten Sparkassen-S trug. Unter der Tür hörte ich Diana, dieselbe Diana, die mir eben noch im Fahrstuhl betörende, allergeheimste Worte zugeraunt hatte, als meine Hand ihrem Schoß begehrliche Wünsche verriet, diese Diana hörte ich mit einer klaren, sicheren Stimme davon reden, „dass das Reengineering jetzt mehr in die Tiefe gehen“ müsse.

Wohin war ich geraten! Aber vor allem: Welch ein Weib! Meine mir fatal treuen Kopfschmerzen waren wieder übermächtig geworden. Während der glücklichen Stunden mit Diana waren sie wie weggeblasen gewesen; allerdings war ich auch höchst wirkungsvoll abgelenkt gewesen. Unwillkürlich breitete ich die Arme aus, während ich tief durchatmete. Diese wenig alltägliche Bewegung müssen zwei Männer missdeutet haben, die aus dem Dunkel auf mich zutraten und mich ohne Umschweife fragten: „Brauchen Sie Stoff?“
Diese Frage verblüffte mich sehr. „Ich – Stoffmangel? Nein, meine Herren, Stoff habe ich wirklich immer reichlich, ich könnte anderen davon abgeben. Sind wir Kollegen? Sind Sie denn auf der Suche nach Stoff?“

Die Männer sahen sich merkwürdig betroffen an und machten sich schnell und stumm davon.
Ich schritt auf den großen, gut beleuchteten Händel zu: „Ich grüße dich, Maestro Händel! Ich mag deine Musik. Ich habe sie in Hamburg gehört, und in Paris, sogar in London. Mir imponiert deine Anpassungsfähigkeit, mit der du dich in England behauptet und die Engländer ertragen hast. Aber weißt du, was mich neben deiner Musik besonders beeindruckte? Ich erfuhr, dass du schon als Schuljunge hinter deine Unterschrift „der freien Künste Ergebener“ geschrieben hast. Darüber habe ich manches Mal nachgedacht; diese Haltung macht uns zu Brüdern …“

Ich hörte das Klappern weiblicher Schuhe. Es war Diana. Sie hing sich nach einem innigen Kuss, den mir ihre lüsterne Zunge verschönte, in meinen Arm und sprudelte ihre Erlebnisse heraus: „Du, das war nicht die Dichterversammlung, das war ein Schulungsabend für Sparkassenleute. Es war sehr wichtig für mich. Sie fanden mich überzeugend, haben lange applaudiert und wollen mich nach Halle holen, stell dir das vor! Das verdanke ich dir und deiner Vergesslichkeit.“
Sie bewies mir ihre Dankbarkeit auf der Stelle. Der Kuss machte mich ganz verrückt und die Wärme ihrer Brüste und ihres an mich gedrückten Bauches strömte sinnbetörend zu mir herüber. Ach, war das schön! Wir spazierten noch eng umschlungen durch einige Straßen der Innenstadt, bevor wir ins Hotel fuhren. Zwischen innigen Umarmungen lernte ich eine Menge über moderne Wirtschaftsfragen. Mir war das alles neu und ziemlich egal; ich wollte sie nur so schnell wie möglich aus ihrer nach meiner Einschätzung viel zu engen Oberbekleidung befreien – was sie gar nicht zu bemerken schien. Sie plauderte noch drauflos, während ichsie im Aufzug hochgradig brünstig auszog. Was wusste ich bisher schon von Wirtschaftsfragen! Allenfalls, dass sich meine paar Eisenbahnaktien längst nicht so günstig entwickelten, wie mir mein Bankberater das vorhergesagt hatte.

Diana hatte mich fast mitleidig angesehen: „Bahnaktien? Völlig down“, war ihr nüchterner Kommentar. Sie wollte mir eine gute Anlageempfehlung schicken. Ich wollte sie endlich wieder im Bett haben. Über das dumme Detail meiner Anschrift kamen wir auf die Möglichkeit zu sprechen, uns in Paris zu treffen. Jene andere naheliegende und von mir in irgendeiner Variation längst erwartete Frage schob Diana mir treffsicher im ungeschützesten Augenblick auf die Zunge: „Ist deine Frau Französin?“
Ihr Herz ruhte (ungefähr) auf meinem Herzen, wir waren innigst verbunden durch alles, was die Natur dafür vorgesehen hatte, und ich hielt uns beide für selig ermattet. Ich sah, wie ihre graugrünen Augen mich sehr schmal anblinzelten. „Sitzt du in der Falle, lieber Bursche?“ schienen sie zu fragen und ich befahl mir, auf jeden Fall Zeit zu gewinnen und leichthin zu lächeln. Unsere bis dahin sehr genossene Lage wurde mir jetzt ungemütlich, aber ihre unwahrscheinlich beredten Hüften und ihre geliebten Schenkel duldeten keine Flucht. Was die Frau will, wird der liebe Gott wollen, habe ich von den lebensklugen Franzosen gelernt, und vor Gott werden alle Frauen gleich sein.
„Erzähl mir von ihr“, bat Diana. Ich sah ihr in die Augen und sagte einfach die Wahrheit: „Mathilde ist eine wunderbare, sehr französische Frau; sie versteht mich und hat mich sehr lieb. Ich lese ihr meine Gedichte vor, sie applaudiert mir umwerfend charmant, obwohl sie keine zehn Worte Deutsch versteht. Wir haben uns gesucht und gefunden und werden irgendwann heiraten. Sie weiß übrigens, was mein Freund Edmond de Goncourt herausgefunden hat, dass die Muse immer eine Frau ist, aber nicht immer dieselbe…“
Das letzte hätte ich nicht sagen sollen. Jetzt waren etliche Tränen wegzuküssen. Nach langer Zeit fragte sie mit belegter Stimme: „Hast du ihr auch das vorgelesen, was du mir eben ins Ohr geflüstert hast?“
„Aber nein, liebste Diana, dieses Gedicht war vor einer Stunde noch nicht in der Welt; du
hast es erst geweckt.“
Die Versöhnung und die Beschwichtigung nahmen ihre Zeit. Zwischendurch besorgte uns die Dame an der Rezeption etwas Leckeres von einem Party-Service; auch französischen Rotwein brachte man uns aufs Zimmer. Wir wurden sehr vergnügt und huldigten der Göttin der Liebe. Danach schliefen wir nicht allzu viel. 

Der Straßenlärm weckte mich kurz nach Sieben. Das Bett neben mir war leer. Ich sah ihm aber an, dass ich nicht nur geträumt hatte. Auf dem Spiegel vor dem Duschkabinett stand mit einem Fettstift geschrieben: “Das Gedicht gehört mir, verschenke es kein 2. x. Im Traum sehen wir uns wieder. Danke, Diana.“
Darunter stand mit „c/o“ die Telefonnummer ihrer Sparkasse.

Fünf Stunden später war ich in Erfurt – weil ich in den falschen Zug eingestiegen war. Der Zug in Richtung Göttingen ließ mir noch über eine Stunde Zeit für einen Stadtbummel. Gleich vor dem Bahnhof verführte mich der Duft einer Bratbude. „Drei Kartoffelpuffer mit Apfelmus 3,50“. Die knusprigen Bratgeschöpfe sahen wundervoll aus, Kindheitserinnerungen überkamen mich, das Wasser lief mir im Mund zusammen, aber der Brater verweigerte mir die Reibekuchen, schimpfte laut über mein Geld und rief mir ehrenrührige Anschuldigungen nach.

Ich verzog mich verstört in den Bahnhof und dort fiel mein Blick auf den Fahrplan. In weniger als einer halben Stunde fuhr ein Zug nach Paris. Das fand ich schon traumhaft, aber das Unglaublichste stand über dem Fahrplanhinweis für diesen Zug. Da stand tatsächlich mein Name, rot gedruckt als Zugname: HEINRICH HEINE. Dies alles konnte nur wieder ein Traum sein. Und das musste ich nutzen. Ich ging zum Fahrkartenschalter und bestellte tollkühn „einmal 1. Klasse Paris, Nichtraucher“ und legte meine blaue Karte auf das Schalterbrett. Es ging problemlos. Mich packte der Übermut. Ein paar Meter weiter schob ich spielerisch meine Karte in einen Geldautomaten. Irgendwie würden wir es später interfamiliär ausgleichen können. Friedlaender wird mir ja auch eine stattliche Belohnung zahlen wollen. Andererseits lebt er ja mit Amalia in Saus und Braus… Ein netter Mensch half mir, 9-0-0 einzutippen. Der Automat bediente mich prompt so großzügig, sogar ohne Geheimzahl.
Eine Dreiviertelstunde später saß ich im Restaurantwagen des aus Prag kommenden Euro-City und schlürfte einen leider süßlichen Krimsekt. 

Meine Gedanken flogen nach Eisleben. Ich schloss die Augen und suchte ihr Bild. Ich bat Dianas Chef, der beide Hände auf Dianas Schultern gelegt hatte, mich vorbei zu lassen und trat hinter ihren Stuhl, während sie mit einem Kunden telefonierte. Ich schob den Zweigstellenleiter zur Seite, legte Diana von hinten die Hände vor die Augen und küsste ihr Haar. Der Duft war mir aber irgendwie fremd.
Als ich die Augen öffnete, richtete sich die Schaffnerin wieder auf. Sie hatte meine Fahrkarte aufgehoben. Ich bedankte mich und lächelte sie verlegen an. Sie lächelte sehr merkwürdig zurück: „Alles in Ordnung, mein Herr, Danke und angenehme Reise!“

Mir schräg gegenüber saß eine ältere Dame, die mich ungeniert anstarrte. Es wurde mir unangenehm, ich hätte gern den Platz gewechselt. Schließlich brach es aus ihr heraus: „Verzeihen Sie, ich kenne Sie irgendwoher, aber ich komme noch nicht darauf, woher. Sind Sie ein Schauspieler oder Politiker?“
Ich ahnte, dass das jetzt endlos so weitergehen würde; ich wollte aber mit meinen Gedanken noch bei Diana sein und zu gern noch eine drahtlose Gedankenverbindung mir ihr suchen, deshalb machte ich es kurz und sicher: „Sie kennen mein Bild vielleicht aus der Zeitung, als ich freigelassen wurde. Sie wollten mir mehrere Morde anhängen, aber sie konnten mir nichts beweisen und müssen mir jetzt noch eine Entschädigung zahlen…“
Ich sah, dass es schon wirkte: Ihre Augen weiteten sich entsetzt, sie wünschte sich deutlich erkennbar, weit weg zu sein. Die Frau tat mir sofort leid, denn dieses Verlangen kenne ich gut.

Liebe Leserin, lieber Leser, ich verabschiede mich hier von Ihnen. Danke für Ihre Geduld mit meiner Geschichte. Ich riskiere es aber, Ihnen einen Wunsch mitzugeben – für den nicht unmöglichen Fall, dass Sie eines Tages Diana in irgendeiner Gestalt wiedererkennen. Wenn es dann irgendwie zu machen ist, schenken Sie ihr eine Rose, einfach so…“


Im September 1824 wanderte der Jurastudent und junge Dichter (Harry-)Heinrich Heine (*13.12.1797 Düsseldorf, † 17.2.1856 Paris) von Göttingen aus durch den Harz, Thüringen und dem heutigen Sachsen-Anhalt – allein im Harz musste er 2 Fürstentümer, 1 Herzogtum und 2 Grafschaften durchreisen,. Am 27. September 1824 war er in Halle – und vielleicht war er ja nicht zum letzten Mal dort.
Diese Geschichte entstand durch eine Anregung von Schriftstellern aus Halle, die zur Mitarbeit an einem Band mit Texten über Personen aus Halles Vergangenheit aufriefen. Ich dachte gleich an einige Anmerkungen von Heine – aber beim Nachdenken bekamen die ersten Sätze in meinem Computer ein Eigenleben, wie so oft… Heine wird mir diese Freveltat wohl verzeihen – aber die Heine-Experten und die Heine-Freunde? Falls mich jemand zu einem Pistolen-Duell auffordern will – es ist fast zwecklos, denn ich würde wohl Kopfschmerzen vortäuschen…)


© Helmut W. Brinks, Göttingen 1995

Eine schöne Hand ziert den ganzen Menschen.

Heinrich Heine

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