Coole Insel

Lou Andreas-Salomé

1861-1937

Ich grüße meine Leser mit der selbst
erlebten Aufmunterung: „Glaubt mir, die
Welt wird euch nichts schenken. Wenn ihr
ein Leben wollt, so stehlt es.“

„Wer das Lebensbild von Rainer Maria Rilke gelesen hat, wird schon einiges über mich wissen und eine Vorstellung von mir haben.
Vielleicht auch ein Vor-Urteil. Das bin ich gewohnt. Wollt ihr euch ein eigenes Bild machen?
Es stimmt, dass ich für Rilke eine wichtige Stufe war. Ich habe seine Entwicklung fördern dürfen.
Wir haben einander viel gegeben und unser Leben reicher gemacht. Er hat mich viel Kraft gekostet und irgendwann musste ich mich von ihm lösen. Wir mussten unsere Lebenswege allein oder mit anderen Menschen weitergehen. Rückblickend finde ich, dass es uns beiden gutgetan hat. Sicher auch, weil der andere immer ein Teil des eigenen Lebens blieb…Davon später…“

Ihr Vater stammte von südfranzösischen Hugenotten ab; er kam vierzig Jahre vor Lous Geburt mit seiner Familie nach St. Petersburg, machte eine fabelhafte Militärkarriere und wurde nach zwanzig Jahren vom Zar geadelt. Er heiratete die norddeutsch-dänische Louise Wilm und hatte mit ihr fünf Söhne und 1861 das Mädchen Louise, das nur Lou genannt werden wollte. Sie war Papas Liebling. Man lebte kultiviert im Wohlstand und sprach Deutsch, Französisch und Russisch. Lou fehlte es an nichts; ihre Kindheit war harmonisch und anregend. Sie war sehr neugierig und ungewöhnlich wissensdurstig. Manchmal zeigte sie einen rücksichtslos eigenen Kopf. Sie waren eine streng protestantische Familie; das Mädchen sollte natürlich konfirmiert werden, es fand aber Gründe und den Mut, das abzulehnen. Mit sechzehn Jahren trat sie aus der Kirche aus. Fragt nicht, wie viele Tränen in ihrer Familie deswegen vergossen wurden. Ihr Vater war sterbenskrank, ihre Mutter hielt wunderbar zu ihr.

Zwei Jahre später faszinierte sie ein reformierter holländischer Prediger. Sie wurde seine eifrige Schülerin und sog bei ihm Wissen auf: Religiöses, Literarisches und Philosophisches mit Logik, Metaphysik und Erkenntnistheorie. Lou begeisterte sich für französische und deutsche Literatur.
Hendrik Gillot hat ihren Horizont enorm ausgeweitet. Sie bewunderte ihn, er sie und bald knisterte es zwischen ihnen; er war verheiratet und seine Tochter war in ihrem Alter. Er machte ihr erfolglos einen Heiratsantrag. Ehe: nein, Freundschaft: ja. Ihr wurde klar, dass sie keine lange Bindung wollte – und keine mit dazugehörenden Rechten und Pflichten. Über Sexualität machte sie sich eigene, vorbildfreie Gedanken.
Als sie neunzehn war, zog sie mit ihrer Mutter nach Zürich. Schweizer Universitäten ließen Frauen zum Studium zu, anfangs als Gasthörerinnen, dann regulär. Ihre Mitstudierenden waren überwiegend russische Jüdinnen; sie lieferten erstaunliche Leistungen. Lou konnte dieser Lehrangebotsvielfalt nicht widerstehen: Philosophie mit Logik, Philosophie-Geschichte, Antike Philosophie und Psychologie, dazu dogmatische Theologie.

Sie hat sich übernommen. Ihre Lunge machte schon nach eineinhalbem Jahr Ärger. Auf ärztlichem Rat suchte sie einen Klimawechsel und reiste mit ihrer Mutter nach Rom. Sie wurde neugierig auf die geselligen deutschen Kreise – und erlebte hier Männer, die ihren Lebensweg in leichten Abbiegungen formten. Die Philosophen Paul Rée und Friedrich Nietzsche wurden willkommene Gesprächspartner und Diskutanten; sie haben tage- und nächtelang philosophiert – diese beiden Geistesgrößen lagen ihr bald zu Füßen. Sie wollten Lou wenigstens im Bett besiegen und machten ihr – wie landesüblich – dazu Heiratsanträge.
Lou hatte beschlossen, sich keinem Mann auszuliefern und immer selbst Anfang, Umwege und Ziel einer Beziehung zu bestimmen. Sie blieb mit beiden herzlich befreundet; sie planten eine „Dreieinigkeit“ in Paris oder in Wien. Das Zusammenleben scheiterte wahrscheinlich an der Eifersucht der beiden Männer. Sie blieben gute Freunde, leicht abgestuft nach den Temperamenten der beiden. Im Frühling 1882 machte Lou einen langen Ausflug mit Friedrich Nietzsche nach Oberitalien. Sie haben sich die Köpfe heiß geredet und alle anderen Organe lange vernachlässigt. Es muss einiges passiert sein, das Friedrich den Mut zu einem zweiten Heiratsantrag gab. Lou hatte inzwischen erlebt, wie seine Schwester sich in sein und ihr Leben einmischte. Sie hätte die Familie dieses Hitzkopfes mitheiraten müssen. Die holten sogar Berichte über ihre angeblichen Flirts in Bayreuth ein, wo sie mit ihrer Mutter bei den Festspielen war. Es waren nun mal gesellschaftliche Höhepunkte, die den Alltag mit seinen Gewohnheiten hinter sich ließen, jedenfalls für die Reichen und Schönen; Lou zählte dazu.
Sie verbrachte dann noch einige Wochen philosophierend mit dem großen, lieben Denker in Thüringen, aber dann musste er sich darüber bitter beklagen, dass sie ohne Abschied abgereist war. Nietzsche schrieb noch sein Hauptwerk, wurde schwer krank und starb 1900.
Lou lebte mit Paul Rée noch drei Jahre in Berlin. Sie genoss in einem Kreis von Wissenschaftlern als einzige Frau als Gesprächspartnerin ernst genommen – und von einigen auch begehrt zu werden. Offenbar schätzten die Männer mehrere Gaben an ihr, die sie bei den meisten Frauen gar nicht erwarteten.
In Berlin erschien ihr erstes Buch Im Kampf um Gott, das die Folgen untersuchte, wenn ein Mensch seinen Glauben verliert. Das Buch wurde ein Erfolg und sie wurde nun auch als Autorin ernst genommen – in Berliner Dichterkreisen, wo sie unter anderen Gerhart Hauptmann, Ernst Mühsam, Knut Hamsun, Richard Dehmel, Maximilian Harden, August Strindberg und Frank Wedekind traf.
Lou beteiligte sich mit Artikeln und Theaterkritiken. Ihr zweites Buch Henrik Ibsens Frauengestalten, kam nicht nur bei Frauen gut an.
In dieser Zeit lernte sie in Berlin den Orientalisten Friedrich Carl Andreas kennen und schätzen.
Sie beschlossen eine Ehe auf rein geistiger Grundlage. Als er eine Professur in Göttingen bekam, zog sie mit ihm dorthin. Nur in den ersten Jahren gab es begründete Eifersuchtsszenen; danach blieb ihnen eine verlässliche, trockene Freundschaft. Vorgreifend sei erläutert: Die ungewöhnliche Ehe (er schlief mit der Haushälterin Marie im Erdgeschoss, Lou über ihnen) hielt vierzig Jahre bis zu seinem Tod. Seine und Maries Tochter Maria Apel hat Lou nach seinem und ihrer Mutter Tod
adoptiert und zu ihrer Haupterbin bestimmt; sie hatten ein herzliches Verhältnis.
Im Frühjahr 1897 besuchte Lou eine Freundin in München. In einer Schriftstellergesellschaft gab sich ihr ein junger Dichter zu erkennen, der ihr vor langem schon bewundernde Briefe und Gedichte geschickt hatte und überwältigt von ihrem Essay Jesus der Jude war. Sie war sechsunddreißig, René Maria Rilke einundzwanzig. Lou inspirierte ihn zu neuen Gedichten, er brachte ihr viele Rosen; es knisterte bald zwischen ihnen. Sie mieteten sich für den Sommer Zimmer in einem Bauernhof im Isartal. Lou nannte ihre Ferienwohnung im Überschwang Loufried; so hat sie dreißig Jahre später auch ihr Göttinger Haus genannt. Lou war ihm Mutter, Seelenheilerin und Geliebte; sie war nicht nur Gebende. Sie machte ihn zu einem neuen Menschen: Er änderte seinen Vornamen in Rainer Maria, ließ sich sagen, dass er zu überschwänglich schrieb und gab seinen Gedichten einen neuen Klang. Er lernte ihr zuliebe so gründlich Russisch, dass er die Autoren Turgenjew und Tolstoi im Original lesen konnte. Nach dem Liebessommer waren die beiden wieder in Berlin. Sie teilten sich in der ehelichen Wohnung die Mahlzeiten mit Lous Ehemann Andreas, der sich bald in sein Arbeitszimmer zurückzog. Rilke hatte sich in der Nähe eingemietet. Seine seelische Abhängigkeit von Lou nahm zu: er litt unter Depressionen, Weinkrämpfen, Angstzuständen und Liebesängsten…
Sie überredete ihn zu einer Italienreise, allein. Es folgten zwei gemeinsame Russlandreisen. Bei der ersten war Andreas dabei; Rilke und Lou blieben in seiner Gesellschaft ein Liebespaar. Auf der zweiten Reise im nächsten Jahr lebten die Liebesleute sich auseinander. Anfang 1901 schrieb Lou ihm einen Abschiedsbrief; sie hatte keine Kraft mehr, ihn mit seinen seelischen und Gemütsproblemen aufzufangen. Wer ist je so liebevoll verabschiedet worden!

Gebet an das Leben
Gewiss, so liebt ein Freund den Freund
wie ich dich liebe, rätselvolles Leben.
Ob ich in dir gejauchzt, geweint,
ob du mir Leid, ob du mir Lust gegeben.
Ich liebe dich mit deinem Glück und Harme,
und wenn du mich vernichten musst,
entreiße ich schmerzvoll mich deinem Arme,
gleich wie der Freund der Freundesbrust.

Der Dichter antwortete, was sie zu Tränen rührte; es wiegt ergänzt innig die zahllosen Superlative, mit denen sie von Zeitgefährten geehrt wurde:

Dann brachte mir Dein Brief den sanften Segen, ich wusste, dass es keine Ferne gibt:
Aus allem Schönen gehst Du mir entgegen,
mein Frühlingswind Du, Du, mein Sommerregen,
Du meine Juninacht mit tausend Wegen,
auf denen kein Geweihter schritt vor mir:
ich bin in Dir!

Beiden blieb eine starke Brieffreundschaft bis zu Rilkes Tod 1926. Nach der Trennung schrieb er:

Warst mir die mütterlichste der Frauen,
ein Freund warst Du, wie Männer sind,
ein Weib, so warst Du anzuschauen,
und öfter noch warst Du ein Kind.
Du warst das Zarteste, das mir begegnet,
das Härteste warst Du, damit ich rang.
Du warst das Hohe, das mich gesegnet –
Und wurdest der Abgrund, der mich verschlang.

Das Leben schien noch einiges mit Lou vorzuhaben.
Jahre später verliebte sie sich während einer Schwedenreise heftig in einen jungen Nervenarzt und Freud-Anhänger. Mit ihm fuhr sie 1911 nach Weimar zu einem internationalen psychoanalytischen Treffen. Dort traf sie den Arzt, Neurophysiologen und Tiefenpsychologen Sigmund Freund, der ihr Leben in den nächsten Jahrzehnten veränderte: als psychoanalytischer Lehrer und als väterlicher Freund.
Sie folgte ihm nach Wien und wurde seine Lieblingsstudentin, die er bewunderte und lobte. Er riet ihr nach kurzer „Lehrzeit“, als Psychoanalytikerin zu arbeiten. Sie erfreute ihn mit Artikeln und Aufsätzen; er nannte sie eine Dichterin der Psychoanalyse; er schreibe nur Prosa. Lou freundete sich mit seiner Frau und den drei Töchtern an, lebte eine Weile mit ihnen in ihrem Haus. Schon 1913 war sie Gastrednerin beim Psychoanalytischen Kongress in Berlin. Zwei Jahre später eröffnete sie in ihrem Göttinger Haus die erste psychoanalytische Praxis.1922 wurde sie zusammen mit ihrer Freundin Anna Freud in die Wiener Psychoanalytische Vereinigung aufgenommen. Im Folgejahr ging sie auf Bitten Freuds für ein halbes Jahr als Lehranalytikerin nach Königsberg und bot fünf Ärzten eine Lehranalyse, die sie selbst gar nicht erlebt hatte.
1931 wurde Freud fünfundsiebzig. Lou schrieb einen offenen Brief als Huldigung und Sigmund Freud antwortete tief gerührt: „ …Es ist das Schönste, was ich von Ihnen gelesen habe, ein unfreiwilliger Beweis Ihrer Überlegenheit über uns alle.“
In den Dreißiger Jahren machten ihr Herzschwächen und ihre Zuckerkrankheit zu schaffen. Als sie mit einer Fußverletzung wochenlang im Krankenhaus lag, besuchte sie ihr gebrechlich gewordener Mann täglich; sie waren sich als beide das Lebensende Heranspürende wieder nähergekommen.
Eine schwere Krebsoperation zwang sie zur Aufgabe ihrer Tätigkeit.
Im Juli 1932 landete Hitler mit einem Flugzeug zum Wahlkampfauftritt wirkungsvoll auf einer Göttinger Wiese. Die Göttinger waren seit Tagen auf den Führer der Nationalsozialisten vorbereitet worden. Auf großzügig verteilten Blechansteckern stand Hitlertag Göttingen. 10-15.000 Göttinger kamen im strömenden Regen zum Kaiser-Wilhelm-Park und ließen sich für Hitler einnehmen. Lou
hörte über die aufgestellten Lautsprecher den Judenhasser dröhnen.
Lou Andreas-Salomé starb im Schlaf – am 5. Februar 1937, wenige Tage vor ihrem 76. Geburtstag.
Sie musste nicht mehr erfahren, dass Sigmund Freund 1938 ins Londoner Exil getrieben wurde und dort ein Jahr später starb.
Sie wurde eingeäschert und nicht, wie sie es gewünscht hatte, in ihrem Garten, sondern im Grab ihres Mannes beigesetzt. Tage nach ihrem Ableben veranlasste die Geheime Staatspolizei die Beschlagnahme ihrer Bibliothek. Die Russin sei die Vertreterin einer jüdischen Wissenschaft gewesen, eine Mitarbeiterin des Juden Sigmund Freud und habe viele Werke jüdischer Autoren besessen. Die wurden alle öffentlich verbrannt.

Heute gibt es zur Erinnerung an diese außergewöhnliche Frau in Göttingen außer dem schlichten Grab auf dem Stadtfriedhof und dem Lou-Andreas-Salomé-Weg seit 1954, siebzehn Jahre nach ihrem Tod, eine bleibende und wachsende Einrichtung, die ihre Zukunftsträume wohl weit übertraf:
das große Lou-Andreas-Salomé-Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie.

© Helmut W. Brinks

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