Coole Insel


Heinrich "Harry" Heine

1797 – 1856

Wenn du eine Rose schaust,

sag, ich lass sie grüßen.

Zuhause fremd geblieben – der im Ausland beliebteste deutsche Dichter

Eine liebevolle Einschätzung von Göttingen aus

Der Asra

Täglich ging die wunderschöne
Sultanstochter auf und nieder
Um die Abendzeit am Springbrunn,
Wo die weißen Wasser plätschern.

Täglich stand der junge Sklave
Um die Abendzeit am Springbrunn,
Wo die weißen Wasser plätschern;
Täglich ward er bleich und bleicher.

Eines Abend trat die Fürstin
Auf ihn zu mit raschen Worten:
„Deinen Namen will ich wissen,
Deine Heimat, deine Sippschaft!“

Und der Sklave sprach: „Ich heiße
Mohamet, ich bin aus Yemmen,
Und mein Stamm sind jene Asra,
Welche sterben, wenn sie lieben.“

Der Tod das ist die kühle Nacht,
Das Leben ist der schwüle Tag.
Es dunkelt schon, mich schläfert,
Der Tag hat mich müd gemacht.

Über mein Bett erhebt sich ein Baum,
Drin singt die junge Nachtigall;
Sie singt von lauter Liebe,
Ich hör es sogar im Traum.

Herz, mein Herz, sei nicht beklommen,
Und ertrage dein Geschick,
Neuer Frühling gibt zurück,
Was der Winter dir genommen.

Und wie viel ist dir geblieben!
Und wie schön ist noch die Welt!
Und, mein Herz, was dir gefällt,
Alles, alles darfst du lieben!

Das Herz ist mir bedrückt,
und sehnlich Gedenke ich der alten Zeit;
Die Welt war damals noch so wöhnlich,
Und ruhig lebten hin die Leut.

Doch jetzt ist alles wie verschoben,
Das ist ein Drängen! eine Not!
Gestorben ist der Herrgott oben,
Und unten ist der Teufel tot.

Und alles schaut so grämlich trübe,
So krausverwirrt und morsch und kalt,
Und wäre nicht das bisschen Liebe,
So gäb es nirgends einen Halt.

Vielleicht hält Gott sich auf seinem Planeten Erde einige Hunderttausend Künstler, also Frauen und Männer, die nie ganz von hier sind, die vieles, was sie malen und schreiben, übersetzen und komponieren herüberholen aus dem dunklen Land, in das wir willentlich nicht gelangen können, höchstens in unseren Träumen. Was die Künstler, früher auch die Seher – ohne die ich mir die Bibel nicht vorstellen kann, von irgendwo herüberholen, bleibt ihnen manchmal selber fremd. Müssen wir auch alles bis ins Kleinste verstehen, entschlüsseln, aufdecken? Soll uns nichts mehr dunkel bleiben? „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin…“

Das Dunkel ist lebenswichtig für uns alle. Heinrich Heines Studentenzeit in Göttingen, und ein wenig auch in den Nachbarstädten Münden, Bad Sooden, Kassel, Heiligenstadt – die ist fast 200 Jahre her – und was er über seine im Kopf und im Gemüt geschrieben hat, nehmen dem sich hier entfaltendem Dichter immer noch erstaunlich viele Menschen übel – besonders in Göttingen.

Zwischen 1820 und 1827 lebte Heine dreimal in dieser Gegend und es ist leicht erkennbar, dass diese Zeit ihn sehr geprägt und gefördert hat – in vielem Guten, vielleicht aber auch in etwas Lebensbedrohendem – gibt es da nicht die fatale Liebeskrankheit? Wir verstehen Heine etwas besser, wenn wir uns sein Leben vor Augen führen.

Dies ist ein kurzer Lebensabriss von Harry-Heinrich Heine, an dem ich einiges anbinden und einbinden will, vor allem seine eigenen Worte.
Harry Heine wurde am 13. Dezember 1797 in Düsseldorf als erstes von vier Kindern der liberalen jüdischen Kaufmannsfamilie von Samson und Betty Heine geboren. Düsseldorf war damals ein französischer Machtbereich. Heine lernte Französisch bei einem zuhause einquartierten Offizier. Als 13-Jähriger erlebte er nachhaltig beeindruckt den siegreichen Napoleon in Düsseldorf. 16-jährig wechselte er ohne Abschluss vom Gymnasium kurz zu einer Handelsschule. Im folgenden Jahr begann er nacheinander im Frankfurter Judenviertel eine Lehre bei einem Bankier und bei einem Lebensmittelgroßhändler, kehrte aber nach wenigen Monaten gescheitert zu seinen Eltern zurück. Das alles lag ihm nicht. 

Dass ich bequem verbluten kann, / Gebt mir ein weites, edles Feld, / Nur lasst mich nicht ersticken hier / In dieser engen Krämerwelt.

Der erfolgreiche und wohlhabende Bruder seines Vaters, Salomon Heine in Hamburg, ermöglichte Harry durch Vermittlung seiner Mutter einen dritten Berufsversuch in seinem Bankhaus. Der wohl zu wenig an Geschäften interessierte junge Mann verliebte sich mit nur schwacher Ermutigung in seine Nichte Amalie – immerhin eine Millionenerbin – und widmete ihr seine ersten Liebesgedichte, zu Amalies Entsetzen in einer Hamburger Zeitung, zum Glück unter einem abenteuerlichen Pseudonym.

Onkel Salomon finanzierte einen vierten Berufsversuch und richtete dem Neffen das Tuchgeschäft „Harry Heine und Comp.“ ein. Heine hatte wiederum kein Glück und musste wie viele Kleinunternehmer in jener Zeit bald aufgeben. Auch seine Eltern konnten ihr Düsseldorfer Geschäft nicht halten. Harry war einundzwanzig, als der reiche Salomon Heine für seinen dauererkrankten Bruder vollends einspringen musste. Er ließ Harry (wie später auch seine Brüder) auf seine Kosten studieren: Jura, denn es gab eine schwache Hoffnung, dass der junge
Mann einmal Advokat in Salomons Finanzreich werden könnte. Heine wählte die neue Universität Bonn, die ihn nach einer erfolgreichen Sonderprüfung zuließ. Er hörte juristische, historische und literarhistorische Vorlesungen und beteiligte sich an den damals noch geheimen burschenschaftlichen Versammlungen. Auch begann er ein Theaterstück, aus dem ein geradezu seherischer Satz tragisch überlebt hat: „Das war ein Vorspiel nur; dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.“

Im Herbst 1820 wanderte Heine an die 450 km über Westfalen nach Göttingen, um hier sein Studium fortzusetzen. Die dem Kuh- und Ziegenstädtchen Göttingen erst vor 90 Jahren angehängte Universität im südlichsten Zipfel des Königreichs war für Heine eine Nummer zu groß – und das war typisch für den kleinen, zierlichen und blassen, unter kleinsten Geräuschen leidenden Heine: Einige Prinzen, wohlhabende Adlige und Geldadlige prägten das gesellige Leben im Städtchen. Die sehr jungen Studenten lernten hier büffeln, unmäßig trinken, rauchen,
reiten, fechten, Geld ausgeben, Schulden machen, die tätlichen Folgen des ungewohnten Alkoholgenusses durchstehen und nicht zuletzt den Umgang mit Frauen. Massenweise verliebte man sich hier in die Töchter der Hauswirte, der Professoren, mehr noch in die Vertreterinnen der gern genutzten Dienstleistungsbereiche Kochen und Waschen, Bügeln und Zimmerreinigen.

Viele lebten von der gehobenen Lebensart der Studenten: Viele Göttinger „hielten“ sich ein Schwein und einen Studenten; es gab in vielen Kneipen erstaunliche Lustbarkeiten, um die zahlungskräftigen Herren anzulocken und zu binden, die Schneider hatten viel zu tun, die Zylinderfabrikanten, die Pfeifenkopf- und Andenkenmaler, die Säbel- und Florettschmiede, die Verleiher von Reitpferden, Kutschen- und Ausflugs-Leiterwagen, die Spazierstockmacher, immer wieder auch mal die Pfandleiher und Gebrauchtkleidungshändler und nicht zuletzt die
Frauen, die sich darauf spezialisiert hatten, die völlig unbedarften jungen Herren für ein Honorar in die Geheimnisse der körperlichen Liebe einzuführen. 

Die Göttinger Ärzte hatten als Folge dieser Erlebnisse massenhaft Geschlechtskrankheiten zu behandeln; auch sie und die Apotheker lebten gut von den Studenten. Die Liebe florierte. Es war unwichtiger, wer ihr Ziel war: man hatte auch auf diesem zwischenmenschlichen Gebiet viel zu lernen, nicht wenige lernten auch, die Regungen und Entwicklungen der Liebe zu beschreiben und zu besingen. Auch Heine.

Aus meinen großen Schmerzen
Mach ich die kleinen Lieder;
Die heben ihr klingend Gefieder
Und flattern nach ihrem Herzen.

Sie fanden den Weg zur Trauten,
Doch kommen sie wieder und klagen,
Und klagen, und wollen nicht sagen,
Was sie im Herzen schauten.

Die Fensterschau
Der bleiche Heinrich ging vorbei,
Schön Hedwig lag im Fenster.
Sie sprach halblaut: Gott steh mir bei,er unten schaut bleich wie Gespenster!

Der unten erhub sein Aug in die Höh,
Hinschmachtend nach Hedewigs Fenster.
Schön Hedwig ergriff es wie Liebesweh,
Auch sie ward bleich wie Gespenster.

Schön Hedwig stand nun mit Liebesharm
Tagtäglich lauernd am Fenster. –
Bald aber lag sie in Heinrichs Arm,
Allnächtlich zur Zeit der Gespenster.

Die Göttinger Studenten hatten ein soziales Klima geschaffen, in dem bei allem oft unsinnigem und übermütigem Alltagshandeln eigentlich altmodische und von ihnen in Frage gestellte Ehrbegriffe eine wichtige Rolle spielten. Es war nicht nur das für männlich gehaltene Kräftemessen; bei jeder gern herbeigesuchten Gelegenheit fochten die Studenten einen Streit mit Degen und Säbeln aus. Das galt als ehrenvoll. Heine war schwächlich, aber bis ins Leichtsinnige mutig. Er forderte einen Streitpartner am liebsten zu einem Pistolen-Duell auf (das tat er mindestens viermal in seinen achtundfünfzig Lebensjahren), in Göttingen geschah es zum zweiten Mal seit Bonn, aber hier war diese Duell-Art seit einem halben Jahr streng verboten – was aber wenig bekannt war. Der Streitanlass war wie meist wenig gewichtig: Heine nahm eine Studentenverbindung in Schutz gegen einen von ihm beleidigend empfundenen Verdacht und forderte einen Mitstudenten auf Pistolen. Als Austragungsort schlug er Münden vor. 

Münden? Woher kannte er Münden am Zusammenfluss von Fulda und Werra? War diese wenig bedeutende Station auf dem oft gewählten Weg in die wesentlich belebtere Stadt Kassel ein Geheimtipp unter Studenten, die sich nicht in der Nähe der mächtigen Göttinger Universitätsgewalt duellieren wollten? Außerhalb von Göttingen gab es ja auch die “Knallhütten“, in den man schießen, aber auch entgegenkommende Frauen treffen konnte. Münden kannten alle, die nach „Cassel“ wollten, das war schon ein Stück Wegs für Reiter und Pferdegespanne, und Getränke und sonstiger Verzehr war hier wesentlich preisgünstiger als in der Residenzstadt. Wir können auch davon ausgehen, dass sich die Mündener Gastwirte, womöglich zusätzlich angeregt von Mündener Jungfrauen im Liebes- und Heiratsalter, sich etwas einfallen ließen, um durchreisende Männer mit einer vermutbar achtbaren Zukunft aufzuhalten. Heines Duell-Plan ging sehr in die Hose. 

Er war von einem der vielen irgendwie belohnten studentischen Spione angezeigt worden. Das Universitätsgericht musste tätig werden, auffällig zögerlich, man musste sich die noch neuen Bestimmungen auch erst von Beamten in Hannover auslegen lassen – und das Ergebnis des mehrtägigen Gerichtsverfahrens war niederschmetternd: Nach nur wenigen Wochen Studentenlebens in Göttingen wurden die beiden Kontrahenten jeweils für ein halbes Jahr von der Universität verwiesen und aufgefordert, mindestens für diese Zeitspanne die Stadt zu verlassen. Danach wäre eine Fortsetzung des Studiums möglich.

Heine fiel aus allen Wolken. Wie sollte er das seinen Eltern und dem sein Studium und seinen Lebensunterhalt finanzierendem Onkel erklären? Zudem wurde Heine just in diesen Tagen im Januar 1821 Knall auf Fall aus seiner ihm so wichtigen Burschenschaft ausgeschlossen, vorgeblich wegen einer ihm in Bovenden unter betrunkenen Studenten und ihren Mädchen angelasteten „Unkeuschheit“ – ein klarer Fall von Mobbing, dessen wirkliche Ursache ein antisemitischer Beschluss auf alldeutscher Burschenschaftlerebene war.

Sie haben dir viel erzählet,
Und haben viel geklagt;
Doch was meine Seele gequälet,
Das haben sie nicht gesagt.

Sie machten ein großes Wesen
Und schüttelten kläglich das Haupt;
Sie nannten mich den Bösen,
Und du hast alles geglaubt.

Jedoch das Allerschlimmste,
Das haben sie nicht gewusst;
Das Schlimmste und das Dümmste,
Das trug ich geheim in der Brust.

Heine erzählte einer Freundin noch vierundzwanzig Jahre nach seinem Abschied von hier, er habe in Göttingen einen sehr vernünftigen, durchaus liberalen Apotheker gekannt, der ihm immer ganz ernsthaft versichert habe, die Juden müssten auch seiner Meinung nach              die volle Gleichberechtigung erlangen und alles werden können – außer Apotheker natürlich.

Wenn zwei voneinander scheiden,
So geben sie sich die Händ,
Und fangen an zu weinen,
Und seufzen ohne End.

Wir haben nicht geweinet,
Wir seufzten nicht Weh und Ach!
Die Tränen und die Seufzer,
Die kamen hintennach.

Ein angehender Dichter verarbeitet alle Freuden und Leiden. Vielleicht rettet es ihn auch vor seelischen Schäden. Er beschreibt alles – und manchmal flüchtet er auch nur, manchmal erkennbar ausgehend von den Kneipengärten der trinkenden, singenden und flirtenden Studenten:

Schöne Wiege meiner Leiden,
Schönes Grabmal meiner Ruh,
Schöne Stadt, wir müssen scheiden, –
Lebe wohl! ruf ich dir zu.

Aus alten Märchen winkt es
Hervor mit weißer Hand,
Da singt es und da klingt es
Von einem Zauberland:

Wo große Blumen schmachten
Im goldnen Abendlicht,
Und zärtlich sich betrachten
Mit bräutlichem Gesicht;-

Wo alle Bäume sprechen
Und singen, wie ein Chor,
Und laute Quellen brechen
Wie Tanzmusik hervor; –

Und Liebesweisen tönen,
Wie du sie nie gehört,
Bis wundersüßes Sehen
Dich wundersüß betört!

Ach, könnt ich dorthin kommen,
Und dort mein Herz erfreun,
Und aller Qual entnommen,
Und frei und selig sein!

Ach! jenes Land der Wonne,
Das seh ich oft im Traum;
Doch kommt die Morgensonne,
Zerfließts wie eitel Schaum.

Heine konnte sein Studium in Berlin fortsetzen; Onkel Salomon überwies weiter die monatlichen Zuschüsse. In Berlin lernte er bekannte Wissenschaftler und Dichter kennen. Er bekam Zugang zu literarischen Kreisen, die ihn sehr ermutigten, sich als Dichter zu entwickeln. Er arbeitete engagiert in einer Art jüdischer Volkshochschule mit und veröffentlichte in rascher Folge Lieder, Gedichte und Artikel, die zunehmend beachtet wurden, denn er schrieb in einem neuen Ton, der in der Zeit der Romantik als erfrischend empfunden wurde; Heine hatte treffsicher seinen eigenen Stil gefunden. Auf Einladung eines Freundes bereiste er die damals preußische Provinz Posen – und schrieb darüber. Nach zwei Jahren verließ er Berlin, wohnte kurz, wie zum Luftholen und innerlichen Sammeln bei den nach Lüneburg
umgezogenen Eltern und in Hamburg. Sein Theaterstück wurde derweil in Braunschweig ausgepfiffen und abgesetzt – womöglich, weil das Publikum den Verfasser Heine mit einem dort verachteten Braunschweiger Juden verwechselte. Ende Januar 1824 kam Heine zur Vollendung seines Jurastudiums, das längst beendet sein könnte und müsste, in das ungeliebte Göttingen zurück.

Im September 1824 wandert er, wie das damals bei Studenten und Göttinger Bürgern üblich war, durch den Harz, allerdings nicht nur ein paar Tage, sondern, nach Plan, Karten und Reiseführern auf Umwegen über den Brocken durch weite Strecken in Thüringen. Sein Reiseziel ist Goethe in Weimar, dem er schon vor Jahren ohne Reaktion des Verehrten Proben seiner literarischen Arbeit geschickt hatte. Der Besuch wurde eine Enttäuschung und dämpfte Heines Verehrung für den unangefochtenen Dichterfürsten sehr. Der Rückwanderweg führte ihn
schließlich über Eisenach nach Kassel, wo die von ihm geschätzten Brüder Grimm lebten (Jacob und Wilhelm Grimm hat er nicht angetroffen, doch den Zeichner Ludwig Emil Grimm, der ihn vorteilhaft porträtiert hat) und über Münden wieder nach Göttingen. 

Sehr bald entstand nach Notizblättern und früheren Aufzeichnungen der Bericht „Die Harzreise“. Die Erlebnisse und Reflexionen waren anfangs nur für seine Mitstudenten gedacht, aber sie bekamen ein Eigenleben und entwickelten sich beim Schreiben zu einer neuen Literaturgattung, die er später „Reisebilder“ nannte.

Die „Harzreise“ enthält neben einer Fülle von herrlichen Schilderungen und Bemerkungen eine „Theologie der Befreiung“, mit der Heine der Kirche 180 Jahr voraus war. Es gibt ein Gedicht „Bergidylle“, das man das Glaubensbekenntnis eines Denkgläubigen genannt hat. Eine weibliche Zufallsbegegnung (die er auch als Partnerin erfunden haben könnte) löste eine religiöse Aufklärung ganz besonderer Art aus, tiefer, schonungsloser und selbstkritischer als sie das Gretchen in Goethes Faust auslöste: Heine wird gefragt:

Dass du gar zu oft gebetet,
Das zu glauben fällt mir schwer,
Jenes Zucken deiner Lippen
Kommt wohl nicht vom Beten her.

Jenes böse kalte Zucken,
Das erschreckt mich jedesmal.
Doch die dunkle Angst beschwichtigt
Deiner Augen frommer Strahl.

Auch bezweifl‘ ich, dass du glaubest,
Was so rechter Glaube heißt,
Glaubst wohl nicht an Gott, den Vater,
An den Sohn und heil’gen Geist?“

Und der Dichter antwortet:

„Ach mein Kindchen, schon als Knabe,
Als ich saß auf Mutters Schoß,
Glaubte ich an Gott den Vater,
Der da waltet gut und groß;

Der die schöne Erd’ erschaffen
Und die schönen Menschen drauf,
Der den Sonnen, Monden, Sternen
Vorgezeichnet ihren Lauf.

Als ich größer wurde, Kindchen,
Noch viel mehr begriff ich schon,
Und begriff, und ward vernünftig,
Und ich glaub’ auch an den Sohn.

An den lieben Sohn, der liebend
Uns die Liebe offenbart,
Und zum Lohne, wie gebräuchlich,
Von dem Volk gekreuzigt ward.

Jetzo, da ich ausgewachsen,
Viel gelesen, viel gereist,
Schwillt mein Herz, und ganz von Herzen
Glaub’ ich an den heil’gen Geist.

Dieser tat die größten Wunder
Und viel größre tut er noch;
Er zerbrach die Zwinghernburgen
Und zerbrach des Knechtes Joch.

Alte Todeswunden heilt er
Und erneut das alte Recht:
Alle Menschen, gleich geboren,
Sind ein adliges Geschlecht.

Er verscheucht die bösen Nebel
Und das dunkle Hirngespinst,
Das uns Lieb’ und Lust verleidet,
Tag und Nacht uns angegrinst.

Tausend Ritter, wohlgewappnet,
Hat der heil’ge Geist erwählt,
Seinen Willen zu erfüllen,
Und er hat sie mutbeseelt.

Ihre teuern Schwerter blitzen,
Ihre guten Banner wehn!
Ei, du möchtest wohl, mein Kindchen,
Solche stolzen Ritter sehn?

Nun, so schau mich an, mein Kindchen,
Küsse mich und schaue dreist;
Denn ich selber bin ein solcher
Ritter von dem heilgen Geist.“

In rascher Folge entstanden jetzt in Göttingen Gedichte, Lieder und Balladen, Aufsätze, Artikel, die ersten Seiten einer groß, wohl zu groß angelegten jüdischen Geschichte über die Figur des „Rabbi von Bacherach“, ganz wesentlich konzipiert mit Hilfe der Göttinger Bibliothek. Es blieb aus mehreren Gründen ein Fragment, ein sehr lesenswertes. Der 26-Jährige schrieb auch schon an seinen Memoiren. Aus Heines heute immer noch sehr lesenswerten Fragment „Die Harzreise“ – er nannte es selbst einen zusammengesetzten „Flickenteppich“ – stammen auch seine berühmten bissigen Sätze über Göttingen und über einige Göttingerinnen, über Göttinger Professoren und sonstige Akademiker und Nichtakademiker. Weniger gut in Erinnerung bleiben seine kostenlose Werbung für Göttinger Würste und das damals noch keiner Konkurrenz ausgesetzte Göttinger Bier.
Die Umgebung der Universität bestand aus Mief und Muff; es gab kaum eine notwendige Infrastruktur und das wurde von vielen beklagt, die hier leben mussten – einige, wie der weitgereiste Professor Schlözer fanden das Nest Göttingen großartig. Schlözers lateinisch formuliertes Lob schmückte lange den Eingang des Ratskellers – als wenn ihn alle Gäste ins Deutsche übersetzen konnten: „Man kann auch fern von Göttingen leben, aber das kann man dann nicht Leben nennen“. Viele gaben aber Heine recht, der es so formulierte:

Zu Göttingen blüht die Wissenschaft,
Doch bringt sie keine Früchte.
Ich kam dort durch in stockfinstrer Nacht,
Sah nirgendswo ein Lichte.

Ein von niemand bestrittener Anziehungspunkt für alle Intellektuellen war die stattliche, weithin gerühmte Universitätsbibliothek. Heine hat sie sehr geliebt und genutzt und einige Jahre nach ihm hat auch der mehrfach und gern durchreisende Goethe hier seine Arbeiten mit Material „unterfüttert“. Heine hat uns wunderbare Naturschilderungen aufgeschrieben, besonders in der „Harzreise“, aber er war durch und durch ein Stadtmensch. Hervorzuheben ist, dass es Berlin nicht annähernd so farbig geschildert hat wie Göttingen. Es gibt mehrere Preisungen von Städten, die Eindruck auf ihn machten: Die eindrucksvollste widmete er seiner Vaterstadt am Rhein: „Düsseldorf ist eine sehr schöne Stadt. Wenn man in der Ferne an sie denkt, und zufällig dort geboren ist, wird einem sonderbar zumute.“ Bei einem Abschied aus Paris schrieb er: „Ade, Paris, du schöne Stadt..“

Die dritte Stadt, die er schön nennt, ist Göttingen. Der 27-Jährige, der mit der Erinnerung an den demütigenden Doppelrausschmiss immerhin nach Göttingen Zurückgekehrte, weil er hoffte, hier endlich zu einem absehbar baldigem Studienabschluss zu kommen, schrieb diese großartige Werbung für Göttingen, die in alle Weltsprachen übersetzt worden ist und immer noch oft zitiert wird: „Göttingen ist eine schöne Stadt, besonders, wenn man sie mit dem Rücken ansieht.“

Unser Gesamturteil über eine Stadt ist aus vielen Erlebnissen mit ihr und in ihr zusammengesetzt, einige haben ungerechterweise überhaupt nichts mit der Stadt zu tun. Hier in Göttingen, in der Endphase seiner Promotionsvorbereitungen, erhielt Heine die Verlobungsanzeige von Amalie Heine, dem etwas pummeligen, verwöhnten und von vielen umschwärmtem, ungewöhnlich reichen Mädchen, das er seit zehn Jahren umworben, besungen und immer wieder mit verrückten Einfällen zum Lachen gebracht hatte. Im weitläufigen Park an der Elbchaussee
in Hamburg hatte Amalie seine Umarmungen nicht nur erduldet. Ihre Mutter konnte sich für den fantasievollen, lustigen und überhaupt nicht geschäftstüchtigen Kerl etwas erwärmen – aber Vater Salomon dachte in anderen Kategorien. Amalie bekam einen ostpreußischen Junker und „versauerte“ prompt auf seinen Ländereien, starb dann auch sehr jung. In Göttingen ging Heinrich Heine auf, dass zur Liebe unbedingt das Leiden gehört, besonders, wenn man als Liebender immer zu einem stattlichen Anteil in die Liebe selbst verliebt ist, nicht nur in die jeweilige Liebste. Einer seiner vielen poetischen Nachrufe und Nachschreie auf Amalie fiel so aus, zu einem allgemeinen Reigen
verfremdet:

Ein Jüngling liebt ein Mädchen,
Die hat einen andern erwählt;
Der andre liebt eine andre,
Und hat sich mit dieser vermählt.

Das Mädchen heiratet aus Ärger
Den ersten besten Mann,
Der ihr in den Weg gelaufen;
Der Jüngling ist übel dran.

Es ist eine alte Geschichte,
Doch bleibt sie immer neu;
Und wem sie just passieret,
Dem bricht das Herz entzwei.

Sein Religionswechsel war lange vorbereitet gewesen. Auf die Juden wurde vom führenden preußischen Staat und von der evangelischen Staatskirche erheblicher Druck ausgeübt, sich endlich zur einzig wahren Religion zu bekennen und sich auch deutsche Namen zuzulegen. Juden hatten kaum Aussicht auf Positionen, wie Heine sie erstrebte – als Jurist oder noch viel lieber als Literaturwissenschaftler an einer Universität. Im Frühjahr 1825 war Heine mehrfach unauffällig zum Pastor Grimm nach Heiligenstadt geritten und erhielt bei ihm den für übertrittswillige Juden vorgeschriebenen gründlichen Religionsunterricht. Heine, der absichtlich ins benachbarte Heiligenstadt ausgewichen war, ahnte nicht, wie ungewöhnlich viele Leumundszeugnisse aus seiner gesamten Lebenszeit von der Düsseldorfer Schulzeit bis zu Göttinger Zimmervermietern und vom Pastor der Göttinger Jacobigemeinde angefordert wurden; alle waren aber sehr positiv. Kurz vor der Promotion zum Dr. jur. wurde Heine am 28. Juni 1825 mitten im katholischen Eichsfeld evangelisch getauft – aus Überzeugung (wie sein Täufer überzeugend seinen Oberen bekundete) und aus Einsicht in eine gegebene Notwendigkeit. Erst von jetzt an nannte er sich Heinrich Heine. Aber sehr bald hatte er den Eindruck, dass ihn die Christen wie die Juden verachteten. Er war innerlich zerrissen, fühlte sich „nicht Fisch, nicht Fleisch“ und nahm sich noch in Göttingen vor, am Beispiel des Rabbiners von Bacherach und seiner schönen Frau eine groß angelegte Geschichte der Juden in Deutschland zu schreiben – seine Art der Bewältigung des selbst so empfundenen Verrats an der jüdischen Kultur?

Ich unglückseliger Atlas! eine Welt,
Die ganze Welt der Schmerzen muss ich tragen,
Ich trage Unerträgliches, und brechen
Will mir das Herz im Leibe.

Du wolltest glücklich sein, unendlich glücklich
Du stolzes Herz! du hast es ja gewollt!
Oder unendlich elend, stolzes Herz,
Und jetzo bist du elend.

Er musste mit der Frage fertig werden, ob ein erwachsener Jude, wenn auch in einem liberalem Elternhaus erzogen, ohne inneren Schaden alles Überkommene ablegen und in eine andere Religion überwechseln kann. Der bissige Spötter Heine war nämlich, was auch z. B. der theologische Heineforscher Ferdinand Schlingensiepen in mehreren Publikationen bekräftigt, zeitlebens ein religiöser Mensch, ungewöhnlich bibelfest nach häufiger Lektüre – kein anderer ähnlich bekannter Dichter hat sie so oft zitiert – und die Bibel und ein Gebetbuch lagen bis
zuletzt in Reichweite neben seinem Krankenlager, und nicht etwa als Dekoration.

Der Student Heine verehrte die Literaturwissenschaftler und die Philosophen an dieser Universität, er verfluchte und verhöhnte aber die Juristen. Und er täuschte sich besonders beschämend in seinem Doktorvater Hugo. Heine wusste, dass Prof. Hugo guten Kontakt zu Goethe hielt. Heine schaffte im Doktor-Examen nur die Note „rite“ – ausreichend, und er hätte sie sehr wahrscheinlich nicht ohne die Fürsprache der Literaturfreunde unter den Göttinger Professoren geschafft – allerdings auch nicht ohne seinen Mut, seine poetischen Arbeiten auch in diesen
Kreisen zu verbreiten.

Heine verstand sein zurechtgezimmertes Göttinger Weltbild nicht mehr, als sein Doktorvater in der juristischen Promotionsrede nach der üblichen (etwas übertreibenden) Würdigung der juristischen Leistungen unvermittelt die Gedichte des Kandidaten rühmte und unerhörterweise hinzufügte, die seien von einer Qualität, der sich auch ein Goethe nicht schämen müsse. Es ist nicht schwer vorstellbar, dass Heine jetzt manches anders sah. Er hatte wieder Auftrieb.

Während ich nach andrer Leute,
Andrer Leute Schätze spähe,
Und vor fremden Liebestüren
Schmachtend auf- und niedergehe:

Treibts vielleicht die andren Leute
Hin und her an andrem Platze,
Und vor meinen eignen Fenstern
Äugeln sie mit meinem Schatze.

Das ist menschlich! Gott im Himmel
Schütze uns auf allen Wegen!
Gott im Himmel geb uns Allen,
Geb uns Allen Glück und Segen!

Es blieb eine vielleicht sogar heilsame Verwirrung

Zu fragmentarisch ist Welt und Leben!
Ich will mich zum deutschen Professor begeben.Der weiß das Leben zusammenzusetzen,
Und er macht ein verständlich System daraus;
Mit seinen Nachtmützen und Schlafrockfetzen
Stopft er die Lücken des Weltenbaus.

Der Hamburger Senat lehnte die Zulassung des Dr. jur. Heinrich Heine als Advokat der Hansestadt ab, dafür waren seine vielen über das landesübliche Maß an Zivilcourage hinausschießenden Formulierungen mitschuldig.
Satire wird von Machthabern nie geschätzt. Der junge Doktor mit der jüdischen Herkunft wirkte auf betont konservative Stadtobere in keiner Weise Vertrauen erweckend. Seine Obrigkeits-Persiflage wird kein Stadt- oder Landesvater als eine Empfehlung dieses schreibenden Juristen gewertet haben:

Erinnerung aus Krähwinkels Schreckenstagen

Wir, Bürgermeister und Senat,
Wir haben folgendes Mandat
Stadtväterlichst an alle Klassen
Der treuen Bürgerschaft erlassen: 

Ausländer, Fremde, sind es meist,
Die unter uns gesät den Geist
Der Rebellion. Dergleichen Sünder,
Gottlob! sind selten Landeskinder.

Auch Gottesleugner sind es meist;
Wer sich von seinem Gotte reißt,
Wird endlich auch abtrünnig werden
Von seinen irdischen Behörden.

Der Obrigkeit gehorchen, ist
Die erste Pflicht für Jud und Christ.
Es schließe jeder seine Bude,
Sobald es dunkelt, Christ und Jude.

Wo ihrer drei beisammenstehn,
Da soll man auseinandergehn.
Des Nachts soll niemand auf den Gassen
Sich ohne Leuchte sehen lassen.

Es liefre seine Waffen aus
Ein jeder in dem Gildenhaus;
Auch Munition von jeder Sorte
Wird deponiert am selben Orte.

Wer auf der Straße räsoniert,
Wird unverzüglich füsiliert;
Das Räsonnieren durch Gebärden
Soll gleichfalls hart bestrafet werden.

Vertrauet eurem Magistrat,
Der fromm und liebend schützt den Staat
Durch huldreich hochwohlweises Walten.
Euch ziemt es, stets das Maul zu halten!

Nach Göttingen folgten in der Arbeitslosigkeit kurze Aufenthalte in Norderney, Lüneburg und Hamburg; Salomon Heine finanzierte eine England-Reise. Heine schrieb und veröffentlichte viel, denn in Hamburg hatte er in Julius Campe seinen Verleger gefunden. 1827, zwei Jahre nach dem Examen, machte er eine lange Umzugsreise nach München  und besuchte dabei überall unterwegs Bekannte, auch Professoren in Göttingen. Der Wirt der „Krone von England“ wartete freilich vergeblich auf die Begleichung der Zechschulden. In Württemberg wurde er im Beisein seines Medizin studierenden Bruders Max unter Hinweis auf seine teilweisen respektlosen Bemerkungen in den „Reisebildern“ verhaftet und des Landes verwiesen. Das traf ihn tief.
1829 war er kurz als Zeitschriften-Redakteur in München tätig und machte sich (darin ähnlich wie Karl Marx, den er später kennenlernte) berechtigte Hoffnungen auf eine Professur. Er ahnte nicht, dass hier konservative katholische Berater das Sagen hatten. – Auf einer Italienreise erreichten ihn die Nachrichten von der Ablehnung einer Professur und vom Tod seines Vaters. Heine kehrte nach Hamburg und nach Berlin zurück. Nach mehrfachen Zensur-Eingriffen wurden 1831 seine „Nachträge“ zu den „Reisebildern“ in Preußen verboten. Am schärfsten griff ein hoher Beamter durch, den Heines Gedichte in der gemeinsamen Göttinger Zeit zu Tränen gerührt hatten. Die „Harzreise“ durfte in Göttinger
Buchhandlungen nie verkauft werden. Ein Schriftsteller lebt aber davon, dass seine Schriften verbreitet werden.

Im Mai 1831, Heine war dreiunddreißig Jahre alt, zog er nach Paris, wo er als einmal in einem früheren französischen Hoheitsgebiet Geborener Bleiberecht hatte und als bereits bekannter und von deutschen Behörden verfolgter deutscher Dichter freundlich aufgenommen wurde. Heine blieb auf die Unterstützung seines Onkels angewiesen, weil er allein von seinen verkauften Büchern nicht leben konnte. Der Not gehorchend, wurde er einer der ersten Berufsdichter und Auslandsjournalist und – Korrespondent. Er begründete mit seinen Berichten das moderne Feuilleton und versuchte, mit Deutschland und den Deutschen vor allem über Beiträge in Zeitungen und
Zeitschriften in Kontakt zu bleiben. Das wurde ihm sehr erschwert; seine Bücher wurden mehr und mehr verboten und beschlagnahmt. Eine Einreise nach Deutschland wurde ihm verwehrt; nicht einmal zu medizinischen Konsultationen durfte er zurückkehren,
das tat er aber illegal: 1843 und 1844 besuchte er seine sehr geliebte Mutter in Hamburg und brachte einige Manuskripte bei ihr unter. Er konnte nicht ahnen, dass in Hamburg ein großer Brand bevorstand, der auch sein Verstecktes vernichtete.

Nach seiner Deutschlandreise entstand die Satire „Deutschland. Ein Wintermärchen.“ Nach jahrelangem Miteinander heiratete Heine (ihr zuliebe katholisch) die achtzehn Jahre jüngere „Mathilde, die er als Schuhverkäuferin liebgewonnen hatte und die ihm Liebe, Wärme und Geborgenheit schenkte, obwohl er in ihr auch eine verwöhnte, verschwenderische Kindfrau sah.
Einer seiner bekanntesten Texte ist weniger ein politisches Gedicht als eine innige Liebeserklärung an seine Mutter und eine zärtliche Huldigung an seine Frau. Die beiden ersten Zeilen wurden und werden viel „rein politisch“ zitiert; man traut Heine zu, dass er mit seinen klagenden Worten über die beiden Frauen hinaus das ihm so übel mitspielende Vaterland meinte:

Nachtgedanken

Denk ich an Deutschland in der Nacht,
Dann bin ich um den Schlaf gebracht,
Ich kann nicht mehr die Augen schließen,
Und meine heißen Tränen fließen.

Die Jahre kommen und vergehn!
Seit ich die Mutter nicht gesehn,
Zwölf Jahre sind schon hingegangen;
Es wächst mein Sehnen und Verlangen.

Mein Sehnen und Verlangen wächst.
Die alte Frau hat mich behext,
Ich denke immer an die alte,
Die alte Frau, die Gott erhalte!

Die alte Frau hat mich so lieb,
Und in den Briefen, die sie schrieb,
Seh ich, wie ihre Hand gezittert,
Wie tief das Mutterherz erschüttert.

Die Mutter liegt mir stets im Sinn.
Zwölf lange Jahre flossen hin,
Zwölf lange Jahre sind verflossen,
Seit ich sie nicht ans Herz geschlossen.

Deutschland hat ewigen Bestand,
Es ist ein kerngesundes Land.
Mit seien Eichen, seinen Linden,
Werd ich es immer wiederfinden.

Nach Deutschland lechzt ich nicht so sehr,
Wenn nicht die Mutter dorten wär;
Das Vaterland wird nie verderben,
Jedoch die alte Frau kann sterben.

Seit ich das Land verlassen hab,
So viele sanken dort ins Grab,
Die ich geliebt – wenn ich sie zähle,
So will verbluten meine Seele.

Und zählen muss ich – Mit der Zahl
Schwillt immer höher meine Qual.
Mir ist, als wälzten sich die Leichen
Auf meine Brust – Gottlob! sie weichen!

Gottlob! durch meine Fenster bricht
Französisch heitres Tageslicht;
Es kommt mein Weib, schön wie der Morgen,
Und lächelt fort die deutschen Sorgen.

Die schöne Mathilde verstand die Gedichte ihres Mannes nicht, aber sie lobte sie überschwänglich. Welcher
dichtende Mann will mehr? Schon viel früher hatte er gedichtet:

Und wenn du schimpfst und wenn du tobst,
Das will ich gerne leiden.
Doch wenn du meine Verse nicht lobst,
Lass ich mich von dir scheiden.

Auch Mathilde zuliebe und von ihr gestärkt, ertrug er bald darauf seine bis zur Lähmung und starken Sehbehinderung fortschreitenden Leiden. Er wollte unbedingt erreichen, dass die Erben von Salomon Heine auch Mathilde versorgen würden. In der von ihm selbst so genannten Pariser „Matratzengruft“ entstanden viele Gedichte und Prosaschriften, die auch im Ausland immer mehr Beachtung fanden. Fast ein Drittel seines Gesamtwerkes entstand in seinen sieben Leidensjahren unter äußerst schwierigen Umständen, körperlich dahinsiechend, aber bei völliger geistiger Klarheit. Neben einigen europäischen Künstlern und Wissenschaftlern besuchten ihn viele nach Paris reisende Deutsche in seiner Wohnung. In seinen letzten Lebensmonaten erlebte der weitgehend Gelähmte eine von Mathilde großherzig geduldete, beglückende Romanze mit der 27-jährigen Vorleserin „Mouche“. Ein qualvoller Tod erlöste ihn lang erwartet am 12. Februar 1856, 58-jährig.
Erstaunlicherweise übertraf er mit diesem Alter die meisten seiner prominenten Jahrgangsgefährten. Seine Mutter überlebte ihn um drei Jahre. Auf dem kleinen Pariser Friedhof „Montmartre“, gleich neben dem Vergnügungsviertel, besuchen Besucher aus aller Welt heute noch sein Grab. Ich sah mehrfach Blumen auf seiner Grabplatte liegen.
Heines Gedichte und Lieder, die „Harzreise“ und seine anderen geistvollen Prosaschriften wirken immer noch frisch und aktuell. Alle sind jetzt überall frei und preisgünstig erhältlich. Aber immer noch ist Heinrich Heine im Ausland beliebter und bekannter als bei uns. Schüler in Kyoto und in Kiew und in Toronto zitieren seine Gedichte; in unseren Schulen wird sein Name nur noch sehr am Rande erwähnt und droht ganz in Vergessenheit zu geraten. Auch von den Göttingern wird angenommen, dass sie dem jüdischen Studenten Heine seine schnoddrigen und teils bitterbösen Bemerkungen über ihre Stadt und ihre Professoren immer noch nicht verziehen haben. Dabei hätten sie bessere Gründe gehabt, die Universität nach ihm zu benennen als die Düsseldorfer, die sich jetzt sehr mit Heines Nachruhm schmücken.
Göttinger Studenten und Bürger halfen im Mai 1933 u.a., Heines Bücher auf dem Albani-Platz zu verbrennen – er hatte es ja irgendwie vorhergesagt – und auch, dass es nicht bei Büchern bleiben würde. Dieser mahnende Spruch hängt in nachgedunkeltem Messing kaum auffallend an einer besprühten Mauer am Aufgang zum heutigen Albani-Parkplatz. Einem Studienfreund schrieb Heine improvisiert ins Stammbuch, bevor er weiter zog:

Lebensgruß:

Eine große Landstraß ist unsere Erd,
Wir Menschen sind Passagiere;
Man rennet und jaget, zu Fuß und zu Pferd,
Wie Läufer oder Kuriere.

Man fährt sich vorüber, man nicket, man grüßt
Mit dem Taschentuch aus der Karosse;
Man hätte sich gerne geherzt und geküsst,
Doch jagen von hinnen die Rosse.

Eine schwierige Hinterlassenschaft ist noch in Göttingen geblieben oder zurückgekommen: Ende 1997, zum 200. Geburtstag, sollte der Göttinger Rechtsmediziner PD. Dr. Dr. Harald Kijewski eine Haarlocke von Heine untersuchen, die bisher in einem Mathilde zugeschriebenem Medaillon im Düsseldorfer Schaukasten der Heine-Gesellschaft zu bewundern war. Man hoffte Aufschluss über die immer vermutete Liebeskrankheit zu finden, die er sich vielleicht in Hamburg, vielleicht aber schon bei den Huren am Rand von Göttingen geholt hatte.
Was er wahrscheinlich finden sollte, fand der renommierte Toxikologe* nicht, aber das von ihm benutzte Super-Mikroskop gab ein ganz anderes, völlig unerwartetes Geheimnis preis, an dem alle Heineforscher und Heinefreunde seither rätseln: Heine hatte eine sehr hohe Bleivergiftung, höher noch als bei Arbeitern, die jahrelang in Bleiwerken gearbeitet hatten. Eine zweite Untersuchung einer Bartstoppel aus Heines Totenmaske bestätigte den Befund. Alle Heinefreunde sind ratlos und grübeln über die Hintergründe. Vielleicht war das ganz in Heines Sinne …

Doktrin
Schlage die Trommel und fürchte dich nicht.
Und küsse die Marketenderin!
Das ist die ganze Wissenschaft,
Das ist der Bücher tiefster Sinn.

Trommle die Leute aus dem Schlaf,
Trommle Reveille mit Jugendkraft,
Marschiere trommelnd immer voran,
Das ist die ganze Wissenschaft.

Das ist die Hegelsche Philosophie,
Das ist der Bücher tiefster Sinn!
Ich hab sie begriffen, weil ich gescheit,
Und weil ich ein guter Trommler bin.

© Helmut W. Brinks
Weitere Literatur von und über Heinrich Heine gibt’s in unserem Bücherladen


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