Coole Insel

ELSE

Lasker Schüler

11.Februar 1869, Elberfeld
22.Januar 1945, Jerusalem

Im Bergischen Land wurde Wuppertal eine Stadt der politischen und religiösen Gegenpole. Sie ist der Geburtsort mehrerer bedeutender Männer. Und einer herausragenden Dichterin: Elisabeth Schüler, die von ihren Eltern und ihren fünf älteren Geschwistern Else genannt wurde.

1869 war Elberfeld zu ihrer Geburt am 11. Februar noch kein Stadtteil von Wuppertal. Elses Vater Aaron Schüler war ein jüdischer Privatbankier, ihre Mutter eine literaturbegeisterte, warmherzige Frau, die ihre Tochter, die schon mit vier Jahren lesen und schreiben konte, auch zum malen und reimen anleitere. Diese Gaben prägten ihr Leben.

Nach dem Lyzeum, das sie abbrach und dann Privatunterricht bekam, verliebte sie sich in den jungen Schachmeister und Arzt Jonathan Berthold Lasker und zog als seine Frau mit ihm nach Berlin. Die Ehe verlief unglücklich. Nach sechs Jahren gebar Else ihren Sohn Paul. Im Scheidungsprozess bestritt Lasker die Vaterschaft und nannte Gründe, die das Gericht glaubhaft fand. Else nannte als Scheidungsgrund seine Gewalttätigkeit. Inzwischen war nach „Styx“ ihr 2.Gedichtband „Meine Wunder“ erschienen, der ihren Ruhm als Expressionistin begründete.

Sieben Monate nach der Scheidung heiratete Else den Schriftsteller Georg Lewin (= Herwarth Walden). Die Ehe hielt sieben Jahre und wurde zwei Jahre später geschieden. Dann verliebte sie sich in den Arzt und Schriftsteller Gottfried Benn. In dieser Liebesbeziehung entstanden viele ihrer Liebesgedichte. In Berlin wurde sie mit Franz Marc bekannt und tauschte mit ihm in kurzer Zeit bis zum Kriegsbeginn eine große Menge bebilderter Karten und Briefe aus: sie als verzauberter „Prinz von Theben“ und er als „Blauer Reiter“.

Todeserfahrungen hatte sie reichlich: 1882 starb ihr sehr geliebter Bruder Paul, 21, an Tbc, 1890 starb ihre Mutter Jeanette, 53, an Krebs. 1911 starb Rosa Sonnemann, 77, die Ziehmuutter ihrer Mutter, 1916 fiel Franz Marc, 35, vor Verdun. 1927 starben ihr Vater, 71, und ihr Sohn Paul, 28, an Tbc, 1928 starb Berthold Lasker, 1935 starb ihr Förderer und Unterstützer Karl Kraus, 61; ihr früherer Ehemann Herwarth Walden, 63, starb 1941 in einem russischen Gefängnis.

Else Lasker-Schüler wurde mit ihren Gedichten, ihrem Schauspiel „Die Wupper“, und ihrem 1919 erschienenen Gesamtwerk mit eigenen Zeichnungen zu einer herausragenden avantgardistischen Autorin. Von diesem Ruhm konnte sie nicht leben und war auf Unterstützungen von Freunden und Mäzenen angewiesen.

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Nach dem 1. Weltkrieg und der Weltwirtschaftskrise gab es ein allgemeines Vergnügungsbedürfnis, in dem auch die Berliner Varieté- und Kabarett-Szene aufblühten. Else Lasker-Schüler fühlte sich zu den Akteuren hingezogen, war aber oft krank und musste sich um ihren an Tbc erkrankten, vergötterten Sohn Paul kümmern. Sie konnte nur selten aktiver Gast in der Berliner Kabarett-Szene sein, doch es erwies sich als wichtig, als Dazugehörende präsent zu sein. Von 1920 bis 1925 gelangen ihr vier Veröffentlichungen.

Die Nationalsozialisten ließen sie spüren, dass sie bei ihnen auf der schwarzen Liste stand. Eine Entscheidung der Kleist-Stiftung über den damals höchsten deutschen Literaturpreis duldeten sie zum letzten Mal. Die „Ehrengabe für aufstrebende und wenig bemittelte Dichter deutscher Sprache“, der Kleist-Preis, ging „in Würdigung ihres Lebenswerkes“  1932 zusammen mit dem österreichischen Autor Richard Billinger an Else Lasker-Schüler. Wenige Monate später floh sie nach tätlichen Angriffen und Lebensbedrohungen der an die Macht gekommenen Nazis überstürzt in die Schweiz, in das damals für mittellose Fremde falsche Fluchtland: Ihr wurde ein Arbeitsverbot erteilt, sie erhielt nur befristete Aufenthaltsgenehmigungen, musste häufig ihr Quartier wechseln und sich demütigend verhören lassen – dennoch gelangen ihr zwei Lesungen im Rundfunk. 1934 reiste sie auf Einladung von Bekannten über Ägypten nach Palästina, das sie für ein Sehnsuchtsland war.

1937 erschien „Das Hebräerland“. Wegen seiner Zuversicht über ein Miteinander von Juden und Arabern galt es Kritikern als naiv-sentimentale Fantasterei; das Buch wurde keine Einnahmequelle. Nach weiteren Palästinabesuchen blieb sie, weil der Krieg ihre Rückreise verhinderte, verarmend im geliebten Jerusalem, krank, vereinsamt, trostlos, kaum beachtet.

1943 erschienen letzte Gedichte unter dem Titel „Mein blaues Klavier“ – in 330 Exemplaren, wir wissen nicht, von wem finanziert. Sie fühlte sich am Ende und hatte Todessehnsucht. Im Januar 1945, drei Monate vor Hitlers Ende, hatte sie einen Herzanfall, musste noch drei Wochen leiden, bis sie am 22. Januar die Augen schließen durfte. Wie landesüblich, wurde sie am nächsten Tag bestattet, bevorzugt am Ölberg. Und noch eine Ehrung bekam die Tote, wie es sie noch nie in Jerusalem gab: Der Oberrabbiner sprach (anzunehmen auch vor einigen deutschsprachigen Trauerteilnehmern) nach dem Kaddisch-Gebet auf Deutsch ein Gedicht dieser großen Jüdin deutscher Sprache, die sicher war, dass sie von Engeln empfangen würde:

Ich weiß…

Ich weiß, dass ich bald sterben muss –
Es leuchten doch alle Bäume –
Nach langersehntem Julikuss –

Fahl werden meine Träume –
Nie dichtete ich einen trüberen Schluss
In den Büchern meiner Reime.

Eine Blume brichst du mir zum Gruss –
Ich liebte sie schon im Keime.
Doch ich weiß dass ich bald sterben muss…

Mein Odem schwebt über Gottes Fluss –
Ich setze leise meinen Fuss
Auf dem Pfad zum ewigen Heime.

Einige Gedichte von Else Lasker-Schüler, die neugierig auf andere Verse von ihr machen sollen:

Ich liebe dich

Ich liebe dich
Ich finde dich
Wenn auch der Tag ganz dunkel wird.

Mein Lebelang
Und immer noch
bin suchend ich umhergeirrt.

Ich liebe dich!
Ich liebe dich!
Ich liebe dich!

Es öffnen deine Lippen sich…
Die Welt ist taub,
Die Welt ist blind

Und auch die Wolke
Und das Laub –
Nur wir der goldene Staub
Aus dem wir zwei bereitet sind!

Meine Mutter

Es brennt die Kerze auf meinem Tisch
Für meine Mutter die ganze Nacht –
Für meine Mutter …….

Mein Herz brennt unter dem Schulterblatt
Die ganze Nacht
Für meine Mutter……

An Mill –

Es tanzen Schatten in den dunkelgrünen Bäumen,
Die du so liebst, elf deiner guten Feen,
Die treu dein Haus und dich, du Rauschender, betreuen.

Wir leben lange schon im höheren Geschehen – –
Schneeweißer Damast liegt auf allen Seen
Aus Zauberseide wie aus meinen Reimen.
Von einem jähen Hauche – kann der Vers verwehen.

Es gilt den Augenblick der Liebe zu vernehmen,
Da Heimat gegenseitig wir im Auge sehen.
Am Hange unserer Liebe – silbersüßes Schemen,
Erblüht die Königin der Nacht aus den Kakteen.

Schwer in den Wolkenbergen, die weich träumen,
Taumelt von Sternen rebenperlen überschäumen –
Der trunkne goldene Winzer und beleuchtet die Alleen.

Ein alter Tibetteppich

Deine Seele, die die meine liebet,
Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet.

Strahl in Strahl, verliebte Farben,
Sterne, die sich himmellang umwarben.

Unsere Füße ruhen auf der Kostbarkeit,
Maschentausendabertausendweit.

Süßer Lamasohn auf Moschuspflanzenthron,
Wie lange küsst dein Mund den meinen wohl
Und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon

Die Verscheuchte

Es ist der Tag im Nebel völlig eingehüllt,
Entseelt begegnen alle Welten sich –
Kaum hingezeichnet wie auf einem Schattenbild.

Wie lange war kein Herz zu meinem mild …
Die Welt erkaltete, der Mensch verblich.
– Komm bete mit mir – denn Gott tröstet mich.

Wo weilt der Odem, der aus meinem Leben wich?
Ich streife heimatlos zusammen mit dem Wild
Durch bleiche Zeiten träumend – ja ich liebte dich …

Wo soll ich hin, wenn kalt der Nordsturm brüllt?
Die scheuen Tiere aus der Landschaft wagen sich
Und ich vor deine Tür, ein Bündel Wegerich.

Bald haben Tränen alle Himmel weggespült,
An deren Kelchen Dichter ihren Durst gestillt –
Auch du und ich.

Und deine Lippe, die der meinen glich,
Ist wie ein Pfeil nun blind auf mich gezielt –.

Ein Liebeslied An ihn

Komm zu mir in der Nacht – wir schlafen eng verschlungen.
Müde bin ich sehr, vom Wachen einsam.
Ein fremder Vogel hat in dunkler Frühe schon gesungen,
Als noch mein Traum mit sich und mir gerungen.

Es öffnen Blumen sich vor allen Quellen
und färben sich mit deiner Augen Immortellen …

Komm zu mir in der Nacht auf Siebensternenschuhen
In Liebe eingehüllt spät in mein Zelt.
Es steigen Monde aus verstaubten Himmelstruhen.

Wir wollen wie zwei seltene Tiere liebesruhen
Im hohen Rohre hinter dieser Welt.

Aus der Ferne

Die Welt, aus der ich lange mich entwand,
Ruht kahl, von Glut entlaubt, in dunkler Hand;
Die Heimat fremd, die ich mit Liebe überhäufte,
Aus der ich lebend in die Himmel reifte.

Es wachsen auch die Seelen der verpflanzten Bäume
Auf Erden schon in Gottes blaue Räume,
Um inniger von Seiner Herrlichkeit zu träumen.

Der große Mond und seine Lieblingssterne,
Spielen mit den bunten Muschelschäumen
Und hüten über Meere Gottes Geist so gerne.

So fern hab ich mir nie die Ewigkeit gedacht …
Es weinen über unsere Welt die Engel in der Nacht.
Sie läuterten mein Herz, die Fluren zu versüßen,
Und ließen euch in meinen Versen grüßen.

Mein Liebeslied

Wie ein heimlicher Brunnen
Murmelt mein Blut,
Immer von dir, immer von mir.

Unter dem taumelnden Mond
Tanzen meine nackten, suchenden Träume;
Nachtwandelnde Kinder,
Leise über düstere Hecken.

O, deine Lippen sind sonnig…
Diese Rauschedüfte deiner Lippen…
Und aus blauen Dolden silberumringt
Lächelst du … du, du.

Immer das schlängelnde Geriesel
Auf meiner Haut
Über die Schulter hinweg –
Ich lausche…

Wie ein heimlicher Brunnen
Murmelt mein Blut..

Heimlich zur Nacht

Ich habe dich gewählt
Unter allen Sternen
Und bin wach – eine lauschende Blume
Im summenden Laub.
Unsere Lippen wollen Honig bereiten,
Unsere schimmernden Nächte sind aufgeblüht.
An dem seligen Glanz deines Leibes
Zündet mein Herz seine Himmel an –
Alle meine Träume hängen an deinem Golde,
Ich habe dich gewählt unter allen Sternen.

Orgie

Der Abend küsste geheimnisvoll
Die knospenden Oleander.
Wir spielten und bauten Tempel Apoll
Und taumelten sehnsuchtsübervoll
Ineinander.
Und der Nachthimmel goss seinen schwarzen Duft
In die schwellenden Wellen der brütenden Luft,
Und Jahrhunderte sanken
Und reckten sich
Und reihten sich wieder golden empor
Zu sternenverschmiedeten Ranken.
Wir spielten mit dem glücklichsten Glück,
Mit den Früchten des Paradiesmai,
Und im wilden Gold Deines wirren Haars
Sang meine tiefe Sehnsucht
Geschrei,
Wie ein schwarzer Urwaldvogel.
Und junge Himmel fielen herab,
Unersehnbare, wildsüße Düfte;
Wir rissen uns die Hüllen ab
Und schrieen!
Berauscht vom Most der Lüfte.
Ich knüpfte mich an Dein Leben an,
Bis dass es ganz in ihm zerrann,
Und immer wieder Gestalt nahm
Und immer wieder zerrann.
Und unsere Liebe jauchzte Gesang,
Zwei wilde Symphonieen!

Ein Lied an Gott

Es schneien weiße Rosen auf die Erde,
Warmer Schnee schmückt milde unsere Welt;
Die weiß es, ob ich wieder lieben werde,
Wenn Frühling sonnenseiden niederfällt.

Zwischen Winternächten liegen meine Träume
Aufbewahrt im Mond, der mich betreut –
Und mir gut ist, wenn ich hier versäume
Dieses Leben, das mich nur verstreut.

Ich suchte Gott auf unbeschienenen Wegen
Und kräuselte die Lippe nie zum Spott.
In meinem Herzen fällt ein Tränenregen.
Wie soll ich dich erkennen lieber Gott . . . .

Da ich dein Kind bin, schäme ich mich nicht
Dir ganz mein Herz vertrauend zu entfalten.
Schenk mir ein Lichtchen von dem ewigen Licht! – – –
Zwei Hände, die mich lieben, sollen es mir halten.

So dunkel ist es fern von deinem Reich
O Gott, wie kann ich weiter hier bestehen.
Ich weiß, du formtest Menschen, hart und weich
Und weintetest gotteigen, wolltest du wie Menschen sehen.

Mein Angesicht barg ich so oft in deinem Schoß
Ganz unverhüllt: du möchtest es erkennen.
Ich und die Erde wurden wie zwei Spielgefährten groß
Und dürfen »du« dich beide, Gott der Welten, nennen.

So trübe aber scheint mir gerade heut die Zeit
Von meines Herzens Warte aus gesehen;
Es trägt die Spuren einer Meereseinsamkeit
Und aller Stürme sterbendes Verwehn.

Klein Sterbelied

So still ich bin,
All Blut rinnt hin.

Wie weich umher.
Nichts weiß ich mehr.

Mein Herz noch klein;
Starb leis an Pein.

War blau und fromm!
O Himmel, komm.

Ein tiefer Schall –
Nacht überall.

Gebet

Ich suche allerlanden eine Stadt,
Die einen Engel vor der Pforte hat.
Ich trage seinen großen Flügel
Gebrochen schwer am Schulterblatt
Und in der Stirne seinen Stern als Siegel.

Und wandle immer in die Nacht …
Ich habe Liebe in die Welt gebracht, –
Daß blau zu blühen jedes Herz vermag,
Und hab ein Leben müde mich gewacht,
In Gott gehüllt den dunklen Atemschlag.

O Gott, schließ um mich deinen Mantel fest;
Ich weiß, ich bin im Kugelglas der Rest,
Und wenn der letzte Mensch die Welt vergießt,
Du mich nicht wieder aus der Allmacht läßt
Und sich ein neuer Erdball um mich schließt.

Frühling

Wir wollen wie der Mondenschein
Die stille Frühlingsnacht durchwachen,
Wir wollen wie zwei Kinder sein,
Du hüllst mich in dein Leben ein
Und lehrst mich so, wie du, zu lachen.

Ich sehnte mich nach Mutterlieb‘
Und Vaterwort und Frühlingsspielen,
Den Fluch, der mich durch’s Leben trieb,
Begann ich, da er bei mir blieb,
Wie einen treuen Freund zu lieben.

Nun blühn die Bäume seidenfein
Und Liebe duftet von den Zweigen.
Du mußt mir Mutter und Vater sein
Und Frühlingsspiel und Schätzelein
– – – Und ganz mein Eigen …

Weltende

Es ist ein Weinen in der Welt,
Als ob der liebe Gott gestorben wär,
Und der bleierne Schatten, der niederfällt,
Lastet grabesschwer.

Komm, wir wollen uns näher verbergen …
Das Leben liegt in aller Herzen
Wie in Särgen.

Du, wir wollen uns tief küssen –
Es pocht eine Sehnsucht an die Welt,
An der wir sterben müssen.

Mein blaues Klavier

Ich habe zu Hause ein blaues Klavier
Und kenne doch keine Note.

Es steht im Dunkel der Kellertür,
Seitdem die Welt verrohte.

Es spielen Sternenhände vier –
Die Mondfrau sang im Boote –
Nun tanzen die Ratten im Geklirr.

Zerbrochen ist die Klaviatür

– Ich aß vom bitteren Brote –
Mir lebend schon die Himmelstür –
Auch wider dem Verbote.

Dem gleichnamigem Gedicht von 1942 gab Else diese maschinengeschriebene Widmung und darunter handschriftlich zwei Worte:

Meinen unvergesslichen Freunden und Freundinnen in den Städten Deutschlands – und denen, die wie ich vertrieben und nun zerstreut in der Welt.

in Treue!

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