Coole Insel

Kurt Tucholsky

1890-1935

Kleines Lebensbild
mit Einblicken in sein Schreiben

Du brauchst nur zu lieben und alles ist Freude.
Es gibt keinen Erfolg ohne Frauen.
Zur Heirat gehört mehr als nur vier nackte Beine ins Bett.
Unberechenbar: Zwei werden eins. Echte Liebe pfeift auf Mathematik.
Freundschaft – das ist wie Heimat.
Lasst uns das Leben genießen, solange wir es nicht begreifen.
Man kann den Hintern schminken wie man will, es wird kein ordentliches Gesicht daraus.
Was wäre der Mensch ohne Telefon? Ein armes Luder. Was aber ist er mit dem Telefon?
Ein armes Luder.
Der Mensch ist ein politisches Geschöpf, das am liebsten zu Klumpen geballt sein Leben verbringt. Jeder Klumpen hasst die andern Klumpen, weil sie die andern sind und hasst die eignen, weil sie die eignen sind. den letzteren Hass nennt man Patriotismus.
Die Zahl der deutschen Kriegerdenkmäler zur Zahl der deutschen Heine-Denkmäler verhält sich hierzulande wie Macht zum Geist.
Nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zusagen: Nein. Krieg dem Kriege! Und Friede auf Erden.
Erwarte nichts. Heute: Das ist dein Leben.

Solche Sätze aus Zeitungsartikeln lasen nicht nur Intellektuelle. Sie wurden weitergesagt, diskutiert und mit anderen oder bei sich selbst nachbedacht – in Büros und Wartezimmern, beim Bier, im Bett und in der Badewanne. Es gab Hunderte Artikel. Er schrieb leicht, frei und frech und forsch. Und er war kein bisschen zimperlich und hatte keine Ehrfurcht vor Institutionen und Honoratioren. Das fand ein breites Lesepublikum, erst recht nach seinem Tod und noch in unserem Jahrhundert.
Um mehrere Beiträge in einer Zeitschrift unterzubringen, legte er sich Pseudonyme zu, hauptsächlich diese: Kaspar Hauser, Peter Panter, Theobald Tiger und Ignaz Wrobel. In seinen Reisepässen stand Kurt Tucholsky, geboren 1890 in Berlin. Er wuchs in einem liberalem jüdischen Elternhaus auf; sein Vater war ein wohlhabender Bankier. Er liebte diese Stadt, daneben Hamburg, Paris, Prag, London und andere Städte und Landschaften im Ausland. Er hat in Berlin, Jena und Genf Jura studiert und promoviert, zeigte wenig Interesse an einem Bankberuf und hatte sich, bestärkt durch literarische Erfolge, bereits darauf eingestellt, Schriftsteller zu werden. Nach einer gefährlich kritischen Kolumne über des Kaisers Kunstgeschmack schrieb er für das sozialdemokratische Blatt Vorwärts. Für die SPD war er schon 1911 Wahlkämpfer gewesen. Ein Jahr später hatte er ein Liebeswochenende mit der jüdischen Medizinstudentin Else Weil (sie war eine der ersten Berliner Medizinstudentinnen. Die spätere Ärztin wurde seine erste Ehefrau). Die schönen Stunden inspirierten ihn zu dem Buch Rheinsberg. Ein Bilderbuch für Verliebte. Die in einem auch erotisch neuen Ton verfasste, illustrierte Erzählung wurde ein anhaltender Erfolg. In der Vossischen Zeitung hatte es wie auch für sein zweites Buch Schloss Gripsholm
helfend einen Vorabdruck gegeben, der viele Leser neugierig machte. 1913 schrieb er für die Theaterzeitschrift, die in die Weltbühne überging, einen Beitrag, der Beginn einer langen journalistischen Arbeit bei dieser linksliberalen, anspruchsvollen Wochenschrift wurde – mit unterhaltsamer Kurzprosa, aktuellen Zeitberichten, Gedichten, engagierten Polemiken, Reportagen und Kulturkritiken.
Bald nach der Promotion musste Tucholsky Soldat werden; er wurde an die Ostfront nach Polen befohlen. Er wurde Feldwebel (als Jude wurde er kein Offizier wie andere Akademiker), verliebte sich an einem Standort in die Lettin Mary Gerold, seine spätere Ehefrau, und kam aus dem Krieg als Militärgegner, Kriegsfeind, Demokrat und tätiger Pazifist zurück.
Rückblickend schrieb er: „Ich habe mich dreieinhalb Jahre im Kriege gedrückt, wo ich nur konnte. (…) Ich wandte viele Mittel an, um nicht erschossen zu werden und um nicht zu schießen…“ (Er hatte sich für Posten als Kompanie-Schreiber und Feldzeitungsredakteur gemeldet und musste nicht in die Schützengräben.)
Kurt Tucholsky schrieb viele innige und auch schnoddrige Gedichte, Lieder, Couples, Satiren, unzählige Artikel, Kleine Prosa-Stücke, Erzählungen. In vielen Gedichten und Prosa-Stücken finden wir Biografisches, anderen Figuren Untergeschobenes, wie als Ventil Herausgelassenes. Seine Bühne war inzwischen außer der Zeitschrift Weltbühne die in den Zwanziger Jahren aufblühende Theater- und Kabarett-Szene in Berlin. Der jahrelang an Depressionen, Magengeschwüren und einer Triefnase leidende, immer modisch-elegant Gekleidete (oft mit großem weichen Hut und Spazierstock) fühlte sich unter den Sängerinnen, Komponisten, Autorinnen und Schauspielern wohl und dazugehörig, vielleicht auch, weil viele jüdischer Herkunft waren und auf der schwarzen Liste der Nazis standen.
Aus der Jüdischen Gemeinde war er 1914 ausgetreten; er folgte seinem Vorbild, dem Dichter, Journalisten und in Deutschland verbotenen Dr. jur. Heinrich Heine auch hierin: Er ließ sich im Sommer 1918, inzwischen zum Vizefeldwebel und Feldpolizeikommissar befördert, evangelisch taufen – ebenfalls fern seines Lebensmittelpunktes.
Tucholsky war fast ein Workaholic, dabei unstet und fahrig. Er pflegte langjährige Männerfreundschaften und war in viele Frauen verliebt. Tucholsky-Forscher (er hat sie vorausgeahnt und Knochenabnager genannt – in der sicheren Annahme, dass er wie viele andere Künstler nach dem Tod stärker gewürdigt und vermarktet werden würde) deuten seine häufige Suche nach „der Frau“ damit, dass seine Mutter wenig warmherzig war. Er schrieb allerdings ein inniges Abschiedsgedicht für (s)eine Mutter. Neben seinen Affären war er zweimal verheiratet: von 1920 an vier Jahre lang mit Else Weil, nur Wochen nach der Scheidung (an der sie nicht schuld war) heiratete er Mary Gerold, die unverbrüchlich zu ihm hielt, bis er zu ihrem Schutz vor den Nazis nach neun durch eine jahrelange Trennung unterbrochenen Ehejahren die Scheidung wollte. Die Witwe wurde seine Nachlassverwalterin, Erbin, Herausgeberin der Gesamtausgabe seiner Werke und Gründerin des Kurt-Tucholsky-Archivs und der Kurt-Tucholsky-Stiftung.
Mary lebte bis 1987. –  In Berlin wurde 1988 die Kurt-Tucholsky-Gesellschaft gegründet.
Als sein Herausgeber Carl von Ossietzky von den Nazis ins Konzentrationslager abgeholt wurde, übernahm er kurzzeitig die Weltbühne und bekam zunehmend die Kontrolle der Nazis zu spüren. Er wich als Korrespondent mit seiner Frau nach Frankreich aus; schreiben und nach Deutschland schicken konnte er von überall her, nur durften ihn wenige drucken. Die Nazis machten ihn zwangsläufig zum Europäer.
1929 ließ er sich in Schweden nieder. 1933 verboten die an die Macht gekommenen Nazis die Weltbühne; seine Bücher würden öffentlich verbrannt. Tucholsky wurde ausgebürgert. Die deutschen Machthaber wollten ihn ausmerzen und vernichten. Sie waren erfolgreich:
Zwei Jahre später befreite er sich in Schweden durch Selbstmord – weil er von Medikamenten abhängig geworden war, könnte er die Überdosis Schlaftabletten auch versehentlich genommen haben, aber er hatte keinen Lebensmut und keine Zuversicht mehr, die auch kulturmörderischen Nationalsozialisten zu überleben.
Das schaffte er erst nach seinem Tod, als viele Ausgaben seiner Werke, viele Lebensdeutungen, Erinnerungen seiner Frauen und Freunde und seine vielen Briefe veröffentlicht wurden und werden. Was er uns hinterließ, ist sehr lebendig und von uns zeitlos aktualisierbar.
Lest hier schon mal einige Ausschnitte seiner Texte. Er hat sie für euch geschrieben:

Also wat nu – ja oder ja?
Wie ick noch ’n kleena Junge wah,
da hattn wa auffe Schule
een Lehra, den nannten wa bloß: Papa –
een jewissen Doktor Kuhle.

Un frachte der wat, un der Schieler war dumm,
un der quatschte und klönte bloß so rum,
denn sachte Kuhle feierlich:
»Also – du weeßt et nich!«

So nachn Essen, da rooch ick jern
in stillen meine Sßijarre.
Da denk ick so, inwieso un wie fern
un wie se so looft, die Karre.

Da haak nu so ville Bicher jelesen.
Und da steht die Wissenschaft uff de Kommode.
Ick bin, ick werde, ich wah jewesen …
Wie wird det mit uns so nachn Tode?

Wer weeß det … Heute wähln wa noch rot,
un morjen sind wa valleicht alle tot.
Also ick ja nich, denkt jeda. Immahin …
man denkt sich so manchet in seinen Sinn.

Die Kürche kommt jleich eilich geloofn,
da jibt et `n Waschkorb voll Phillesophen…
dreihundert Pfund bedrucktet Papier,
denn leechste die Weisen beit alte Eisen
un sachst dir, wie Kuhle, innalich:
Sie wissen et nich. Sie wissen et nich.

Das Ideal
Ja, das möchste:
Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse,
vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstaße;
mit schöner Aussicht, ländlich-mondän,
vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn –
aber abends zum Kino hast dus nicht weit.

Das Ganze schlicht, voller Bescheidenheit:
Neun Zimmer,- nein, doch lieber zehn!
Ein Dachgarten, wo die Eichen drauf stehn,
Radio, Zentralheizung, Vakuum,
eine Dienerschaft, gut gezogen und stumm,
eine süße Frau voller Rasse und Verve –
(und eine fürs Wochenend, zur Reserve) -,
eine Bibliothek und drumherum
Einsamkeit und Hummelgesumm.

Im Stall: Zwei Ponnies, vier Vollbluthengste,
acht Autos, Motorrad – alles lenkste
natürlich selber – das wär ja gelacht!
Und zwischendurch gehst du auf Hochwildjagd.
Ja, und das hab ich ganz vergessen:
Prima Küche – erstes Essen –
alte Weine aus schönem Pokal –
und egalweg bleibst du dünn wie ein Aal.

Und Geld. Und an Schmuck eine richtige Portion.
Und noch ne Million und noch ne Million.
Und Reisen. Und fröhliche Lebensbuntheit.
Und famose Kinder. Und ewige Gesundheit.
Ja, das möchste!

Aber, wie das so ist hienieden:
manchmal scheint`s so, als sei es beschieden
nur pöapö, das irdische Glück.
Immer fehlt dir irgendein Stück.

Hast du Geld, dann hast du nicht Käten;
hast du die Frau, dann fehln dir Moneten –
hast du die Geisha, dann stört dich der Fächer:
bald fehlt uns der Wein, bald fehlt uns der Becher.                                                                                          Etwas ist immer.

Tröste dich!
Jedes Glück hat einen kleinen Stich.
Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten.
Dass einer alles hat: das ist selten.

Ideal und Wirklichkeit

In stiller Nacht und monogamen Betten
denkst du dir aus, was dir am Leben fehlt.
Die Nerven knistern. Wenn wir das doch hätten,
was uns, weil es nicht da ist, leise quält.

Du präparierst dir im Gedankengange
das, was du willst – und nachher kriegst du`s nie…
Man möchte immer eine große Lange,
und dann bekommt man eine kleine Dicke –
C´est la vie -!

Sie muss sich wie in einem Kugellager
in ihren Hüften biegen, groß und blond.
Ein Pfund zu wenig – und sie wäre mager,
wer je in diesen Haaren sich gesonnt…

Nachher erliegst du dem verfluchten Hange,
der Eile und der Phantasie.
Man möchte immer eine große Lange,
und dann bekommt man eine kleine Dicke –
Ssälawih -!

Man möchte eine helle Pfeife kaufen
und kauft die dunkle – andere sind nicht da.
Man möchte jeden Morgen dauerlaufen
und tut es nicht. Beinah … beinah …

Wir dachten unter kaiserlichem Zwange
an eine Republik … und nun ist`s die!
Man möchte immer eine große Lange,
und dann bekommt man eine kleine Dicke –
Ssälawih -!

Krieg dem Kriege

Sie lagen vier Jahre im Schützengraben.
Zeit, große Zeit!
Sie froren und waren verlaust und haben
daheim eine Frau und zwei kleine Knaben,
weit, weit –!

Und keiner, der ihnen die Wahrheit sagt.
Und keiner, der aufzubegehren wagt.
Monat um Monat, Jahr um Jahr…
Und wenn mal einer auf Urlaub war,
sah er zu Haus die dicken Bäuche.

Und es fraßen dort um sich wie eine Seuche
der Tanz, die Gier, das Schiebergeschäft.
Und die Horde alldeutscher Skribenten kläfft:
»Krieg! Krieg! Großer Sieg! Sieg in Albanien und
Sieg in Flandern!«

Und es starben die andern, die andern, die andern …
Sie sahen die Kameraden fallen.
Das war das Schicksal bei fast allen:
Verwundung, Qual wie ein Tier, und Tod.

Ein kleiner Fleck schmutzigrot –                                                                                                                            und man trug sie fort und scharrte sie ein.                                                                                                        Wer wird wohl der nächste sein?                                                                                                                            Und ein Schrei von Millionen stieg auf zu den Sternen.

Werden die Menschen es niemals lernen?
Gibt es ein Ding, um das es sich lohnt?
Wer ist das, der da oben thront,
von oben bis unten bespickt mit Orden,
und nur immer befiehlt: Morden! Morden! –

Blut und zermalmte Knochen und Dreck…
Und dann hieß es plötzlich, das Schiff sei leck.
Der Kapitän hat den Abschied genommen
und ist etwas plötzlich von dannen geschwommen.

Ratlos stehen die Feldgrauen da.
Für wen war das alles? Pro patria?
Brüder! Brüder! Schließt die Reihn!
Brüder! das darf nicht wieder sein!

Geben sie uns den Vernichtungsfrieden,
ist das gleiche Los beschieden
unsern Söhnen und euern Enkeln.
Sollen die wieder blutrot besprenkeln
die Ackergräben, das grüne Gras?

Brüder! Pfeift den Burschen was!
Es darf und soll so nicht weitergehn.
Wir haben alle, alle gesehn,
wohin ein solcher Wahnsinn führt –

Das Feuer brannte, das sie geschürt.
Löscht es aus! Die Imperialisten,
die da drüben bei jenen nisten,
schenken uns wieder Nationalisten.

Und nach abermals zwanzig Jahren
kommen neue Kanonen
gefahren. –
Das wäre kein Friede. Das wäre Wahn.

Der alte Tanz auf dem alten Vulkan.
Du sollst nicht töten! hat einer gesagt.
Und die Menschheit hörts, und die Menschheit klagt.
Will das niemals anders werden?
Krieg dem Kriege!
Und Friede auf Erden.

Stationen

Erst gehst du umher und suchst an der Frau
das, was man anfassen kann.
Wollknäul, Spielzeug und Kätzchen-Miau –
du bist noch kein richtiger Mann.
Du willst eine lustig bewegte Ruh:
sie soll anders sein, aber sonst wie du .
Dein Herz sagt:
Max und Moritz!

Die Karriere! Es ist Zeit …!
Eine kluge Frau nimmt dich an die Hand
in tyrannischer Mütterlichkeit.
Sie passt auf dich auf. Sie wartet zu Haus.
Du weinst dich an ihren Brüsten aus …
Dein Herz sagt:
Mutter.

Das verwächst du. Nun bist du ein reifer Mann.
Dir wird etwas sanft im Gemüt.
Du möchtest, dass im Bett nebenan
eine fremde Jugend glüht.
Dumm kann sie sein. Du willst: junges Tier,
ein Reh, eine Wilde, ein Elixier.
Dein Herz sagt:
Erde.

Und dann bist du alt.
Und ist es soweit,
dass ihr an der Verdauung leidet –:
dann sitzt ihr auf einem Bänkchen zu zweit,
als Philemon und Baucis verkleidet.
Sie sagt nichts. Du sagst nichts. Denn ihr wisst,
wie es im menschlichen Leben ist …
Dein Herz, das so viele Frauen besang,
dein Herz sagt: »Na, Alte?«
Dein Herz sagt: Dank.

An die Berlinerin

Mädchen, kein Casanova
hätte dir je imponiert.
Glaubst du vielleicht, was ein doofer
Schwärmer von dir phantasiert?
Sänge mit wogenden Nüstern
Romeo, liebesbesiegt,
würdest du leise flüstern:
»Woll mit die Pauke jepiekt –?«

Willst du romantische Feste,
gehst du beis Kino hin …
Du bist doch Mutterns Beste,
du, die Berlinerin –!
Venus der Spree – wie so fleißig
liebst du, wie pünktlich dabei!
Zieren bis zwölf Uhr dreißig,
küssen bis nachts um zwei.

Alles erledigst du fachlich,
bleibst noch im Liebesschwur
ordentlich, sauber und sachlich:
Lebende Registratur!
Wie dich sein Arm auch presste:
gibst dich nur her und nicht hin.
Bist ja doch Mutterns Beste,
du, die Berlinerin –!

Wochentags führst du ja gerne
Nadel und Lineal.
Sonntags leuchten die Sterne
preußisch-sentimental.
Denkst du der Maulwurfstola,
die dir dein Freund spendiert?
Leuchtendes Vorbild der Pola!

Wackle wie sie geziert.
Älter wirst du. Die Reste
gehn mit den Jahren dahin.
Lass die mondäne Geste!
Bist ja doch Mutterns Beste,
du süße Berlinerin.

Danach

Es wird nach einem happy end
im Film gewöhnlich abjeblendt.
Man sieht bloß noch in ihre Lippen
den Helden seinen Schnurrbart stippen –
da hat sie nu den Schentelmen.
Na, un denn –?

Denn jehn die beeden brav ins Bett.
Na ja … diss is ja auch janz nett.
A manchmal möcht man doch jern wissn:
Wat tun se, wenn se sich nich kissn?
Die könn ja doch nich imma penn…!
Na, un denn –?

Denn säuselt im Kamin der Wind.
Denn kricht det junge Paar n Kind.
Denn kocht sie Milch. Die Milch looft üba.
Denn macht er Krach. Denn weent sie drüba.
Denn wolln sich beede jänzlich trenn…
Na, un denn –?

Denn is det Kind nicht uffn Damm.
Denn bleihm die beeden doch zesamm.
Denn quäln se sich noch manche Jahre.
Er will noch wat mit blonde Haare:
vorn doof und hinten minorenn…
Na, un denn –?

Denn sind se alt. Der Sohn haut ab.
Der Olle macht nu ooch bald schlapp.
Vajessen Kuss und Schnurrbartzeit –
Ach, Menschenskind, wie liecht det weit!
Wie der noch scharf uff Muttern war,
det is schon beinah nich mehr wahr!
Der olle Mann denkt so zurück:

Wat hat er nu von seinen Jlück?
Die Ehe war zum jrößten Teile
vabrühte Milch un Langeweile.
Und darum wird beim happy end
im Film jewöhnlich abjeblendt.

Aus!

Einmal müssen zwei auseinandergehn;
einmal will einer den andern nicht mehr verstehn – –
einmal gabelt sich jeder Weg – und jeder geht allein –
wer ist daran schuld?

Es gibt keine Schuld. Es gibt nur den Ablauf der Zeit.
Solche Straßen schneiden sich in der Unendlichkeit.
Jeder trägt den andern mit sich herum –
etwas bleibt immer zurück.

Einmal hat es euch zusammengespült,
ihr habt euch erhitzt, seid zusammengeschmolzen, und dann erkühlt –
Ihr wart euer Kind. Jede Hälfte sinkt nun herab –:
ein neuer Mensch.

Jeder geht seinem kleinen Schicksal zu.
Leben ist Wandlung. Jedes Ich sucht ein Du.
Jeder sucht seine Zukunft. Und geht mit stockendem Fuß,
vorwärtsgerissen vom Willen, ohne Erklärung und Gruß
in ein fernes Land.

Mutterns Hände

Hast uns Stulln jeschnitten
un Kaffe jekocht
un de Töppe rübajeschohm –
un jewischt und jenäht
un jemacht und jedreht …
alles mit deine Hände.

Hast de Milch zujedeckt,
uns Bobongs zujesteckt
un Zeitungen ausjetragen –
hast die Hemden jezählt
und Kartoffeln jeschält …
alles mit deine Hände.

Hast uns manches Mal
bei jroßen Schkandal
auch ’n Katzenkopp jejeben.
Hast uns hochjebracht.
Wir wahn Sticker acht,
sechse sind noch am Leben …
Alles mit deine Hände.

Heiß warn se un kalt.
Nu sind se alt.
Nu bist du bald am Ende.
Da stehn wa nu hier,
und denn komm wir bei dir
und streicheln deine Hände.

Sie schläft

Morgens, vom letzten Schlaf ein Stück,
nimm mich ein bisschen mit –
auf deinem Traumboot zu gleiten ist Glück –
Die Zeituhr geht ihren harten Schritt …
pick-pack …

“Sie schläft mit ihm” ist ein gutes Wort.
Im Schlaf fließt das Dunkle zusammen.
Zwei sind keins. Es knistern die kleinen Flammen,
aber dein Atem fächelt sie fort.

Ich bin aus der Welt. Ich will nie wieder in sie zurück –
jetzt, wo du nicht bist, bist du ganz mein.
Morgens, im letzten Schlummer ein Stück,
kann ich dein Gefährte sein.

Nie allein
Eine Seite des Proletarierschicksals aller Länder wird niemals beschrieben – nämlich die Tragik, die darin liegt, dass der Proletarier nie allein ist. So ist sein Leben: Geboren wird er im Krankenhaus, wo viele Mütter kreißen, oder in einem Zimmer, wo ihn gleich die Familie mit ihrem Anhang, den Schlafburschen, umwimmelt; so wächst er auf, und es ist noch eine bessere Familie, wo jeder sein eigenes Bett hat; alle aber, die so leben, leben ständig das Leben der anderen mit und sind nie allein. So ist seine Welt; sein Haus hat viele Höfe, und unzählige Familien wohnen hier, kommen und gehen, schreien und rufen, kochen und waschen,
und alle hören alles, jeder nimmt am Schicksal des anderen auf die empfindlichste Art teil, in der dies möglich ist: nämlich mit dem Ohr. Das Ohr des Proletariers lernt Geräuschlosigkeit nur in der Einzelhaft kennen.
Im Maschinensaal arbeitet er mit den andern; im Stollen mit der Belegschaft; am Bau mit den andern – nie ist er allein. Zu Hause nicht – nie ist er allein. Noch, wenn er stirbt, stirbt er entweder in so einem schmierigen Loch oder im Krankenhaus – und ist auch dann nicht allein. Man sage nicht, daß »die Leute dies gewöhnt seien« – das erinnert an den Ausspruch jenes Kellners, der da beim Austernservieren sagt: »Ja, die Austern sterben sofort, wenn man die Schale öffnet. Aber sie sind das gewöhnt!« An so ein Leben, in dem man nie allein ist, gewöhnt man sich nicht; man lebt es bitter zu Ende.
Das hat gar nichts mit einem falschen Bürger-Ideal zu tun; Kollektivität und Solidarität stehen auf einem andern Blatt. Die französischen Bauern umgeben ihre Besitzungen gern mit einer hohen Mauer; deutsche Kleinsiedler haben eine immense Vorliebe für den Zaun, weil er ihnen Symbol für das Eigentum ist … die neue Generation in Russland hat ein neues Lebensgefühl in die Welt gerufen und ist sich vielleicht weniger feind, als das sonst unter Menschen üblich ist. Klassengenossen sollen solidarisch sein und kollektiv arbeiten und leben, gewiss. Aber gibt es ein menschliches Wesen, das da mehr sein will, als nur Arbeitsmotor, Fortpflanzungsapparat und Verdauungsmaschine, und das nicht den Wunsch hätte, einmal, nur ein einziges Mal, allein zu sein?
Hier liegen nicht nur die Körper zusammen – hier dünsten auch die Seelen aus, und weil für keine Platz genug da ist, so ziehen sie sich zusammen und werden beengt, bedrängt, manchmal klein. Wieviel Mut, wieviel Energie gehört dazu, um unter so niedriger Decke noch zu hoffen, zu arbeiten, den Gedanken des Klassenkampfes nicht trübe verglimmen zu lassen!
Die Frau, die Kinder – auch sie nie allein.
Der Mensch von 1929 ist nicht mehr allein wie auf einer Ritterburg oder in einer Eremitenklause. Wie die Waben sitzen die Wohnungen in den Mietshäusern beieinander –
Ist der Proletarier nicht sehr stark, ist er nicht durchdrungen von dem Gedanken, für seine Klasse zu kämpfen, dann entsteht eben jene Welt: »Drittes Quergebäude, rechts, zweiter Hof« … In dem ewig dunkeln Gang hängen nicht nur die Eimer an den Wänden, an diesen Wänden klebt auch zäher Klatsch, Niedrigkeit, die aus der Not kommt, die Menschen knurren sich an, weil sie zu nah aneinanderwohnen – wie kümmerlich die Versuche, in solchen Ställen so etwas wie ein »Heim« aufzubauen. Das muß dem Nächsten abgerungen werden, und es wird ihm abgerungen, unter steten Kämpfen, unter Seelenqual und Bitternis. Nie sind diese
Leute allein. Lebt der deutsche Arbeiter so?
Ein großer Teil lebt so und tut seine Arbeit und hat Sehnsucht nach einem andern Leben und quält und schindet sich und ist nie allein.

Zur soziologischen Psychologie der Löcher
Dass die wichtigsten Dinge durch Röhren getan werden.
Beweise: erstlich die Zeugungsglieder, die Schreibfeder und schließlich unser Schießgewehr. (Lichtenberg)
Ein Loch ist da, wo etwas nicht ist.

Das Loch ist ein ewiger Kompagnon des Nichtlochs: Loch allein kommt nicht vor, so leid es mir tut. Wäre überall etwas, dann gäbe es kein Loch, aber auch keine Philosophie, und erst recht keine Religion, als welche aus dem Loch kommt. Die Maus könnte nicht leben ohne es, der Mensch auch nicht: Es ist beider letzte Rettung, wenn sie von der Materie bedrängt werden. Loch ist immer gut. Wenn der Mensch »Loch« hört, bekommt er Assoziationen: Manche denken an »Zündloch», manche an
»Knopfloch« und manche an Goebbels.
Das Loch ist der Grundpfeiler dieser Gesellschaftsordnung, und so ist sie auch. Die Arbeiter wohnen in einem finstern, stecken immer eins zurück, und wenn sie aufmucken, zeigt man ihnen wo der Zimmermann es gelassen hat, sie werden hineingesteckt, und zum Schluß überblicken sie die Reihe dieser Löcher, und pfeifen auf dem letzten. In der Ackerstraße ist Geburt Fluch; warum sind diese Kinder auch gerade aus diesem gekommen? Ein paar Löcher weiter, und das Assessorexamen wäre ihnen sicher gewesen.
Das Merkwürdigste an einem Loch ist der Rand. Er gehört noch zum Etwas, sieht aber beständig in das Nichts, eine Grenzwache der Materie. Das Nichts hat keine Grenzwache: während den Molekülen am Rande eines Lochs schwindlig wird, weil sie in das Loch sehen, wird den Molekülen des Lochs … festlig? Dafür gibt es kein Wort. Denn unsre Sprache ist von den Etwas-Leuten gemacht; die Loch-Leute sprechen ihre eigne.
Das Loch ist statisch; Löcher auf Reisen gibt es nicht. Fast nicht.
Löcher, die sich vermählen, werden ein Eines, einer der sonderbarsten Vorgänge unter denen, die sich nicht denken lassen. Trenne die Scheidewand zwischen zwei Löchern: Gehört dann der rechte Rand zum linken Loch? oder der linke zum rechten? oder jeder zu sich? oder beide zu beiden? Meine Sorgen möcht ich haben.
Wenn ein Loch zugestopft wird: wo bleibt es dann? Drückt es sich seitwärts in die Materie? oder läuft es zu einem anderen Loch, um ihm sein Leid zu klagen – wo bleibt das zugestopfte Loch? Niemand weiß das: unser Wissen hat hier eines.
Wo ein Ding ist, kann kein anderes sein. Wo schon ein Loch ist: kann da noch ein anderes sein?
Und warum gibt es keine halben Löcher –?
Manche Gegenstände werden durch ein einziges Löchlein entwertet; weil an einer Stelle von ihnen etwas nicht ist, gilt nun das ganze übrige nichts mehr. Beispiele: ein Fahrschein, eine Jungfrau und ein Luftballon.
Das Ding an sich muß noch gesucht werden; das Loch ist schon an sich. Wer mit einem Bein im Loch stäke und mit dem andern bei uns: der allein wäre wahrhaft weise. Doch soll dies noch keinem gelungen sein. Größenwahnsinnige behaupten, das Loch sei etwas Negatives. Das ist nicht richtig: der Mensch ist ein Nicht-Loch, und das Loch ist das primäre. Lochen sie nicht; das Loch ist die einzige Vorahnung des Paradieses, die es hienieden gibt. Wenn sie tot sind, werden sie erst merken, was Leben ist. Verzeihen sie diesen Abschnitt; ich hatte nur zwischen dem vorigen Stück und dem nächsten ein Loch ausfüllen wollen.

Peter Panther

Befürchtung
Weltbühne 28.9.1929
Werde ich sterben können –? Manchmal fürchte ich, ich werde es nicht können.
Da denke ich so: wie wirst du dich dabei aufführen? Ah, nicht die Haltung – nicht das an der Mauer, der Ruf »Es lebe …« nun irgend etwas, während man selber stirbt; nicht die
Minute vor dem Gasangriff, die Hosen voller Mut und das heldenhaft verzerrte Ange-
sicht dem Feinde zugewandt … nicht so. Nein, einfach der sinnlose Vorgang im Bett.
Müdigkeit, Schmerzen und nun eben das. Wirst du es können?
Zum Beispiel, ich habe jahrelang nicht richtig niesen können. Ich habe geniest wie ein kleiner Hund, der den Schluckauf hat. Und, verzeihen Sie, bis zu meinem achtundzwanzigsten Jahre konnte ich nicht aufstoßen – da lernte ich Karlchen kennen, einen alten Korpsstudenten, und der hat es mir beigebracht. Wer aber wird mir das mit dem Sterben beibringen?
Ja, ich habe es gesehn. Ich habe eine Hinrichtung gesehn, und ich habe Kranke sterben sehn – es schien, dass sie sich sehr damit plagten, es zu tun. Wie aber, wenn ich mich nun dabei so dumm anstelle, dass es nichts wird? Es wäre doch immerhin denkbar.
»Keine Sorge, guter Mann. Es wird sich auf Sie herabsenken, das Schwere – Sie haben eine falsche Vorstellung vom Tode. Es wird …« Spricht da jemand aus Erfahrung?
Dies ist die wahrste aller Demokratien, die Demokratie des Todes. Daher die ungeheure Überlegenheit der Priester, die so tun, als seien sie alle schon hundertmal gestorben, als hätten sie ihre Nachrichten von drüben – und nun spielen sie unter den Lebenden Botschafter des Todes.
Vielleicht wird es nicht so schwer sein. Ein Arzt wird mir helfen, zu sterben. Und wenn
ich nicht gar zu große Schmerzen habe, werde ich verlegen und bescheiden lächeln:
»Bitte, entschuldigen Sie … es ist das erste Mal …«

Berlin! Berlin!
Ignaz Wrobel, Berliner Tageblatt 332, 21. 7. 1919
Quanquam ridentem dicere verum. Quid vetat?

Über dieser Stadt ist kein Himmel. Ob überhaupt die Sonne scheint, ist fraglich; man sieht sie jedenfalls nur, wenn sie einen blendet, will man über den Damm gehen. Über das Wetter wird zwar geschimpft, aber es ist kein Wetter in Berlin. Der Berliner hat keine Zeit. Der Berliner ist meist aus Posen oder Breslau und hat keine Zeit. Er hat immer etwas vor, er telefoniert und verabredet sich, kommt abgehetzt zu einer Verabredung und etwas zu spät – und hat sehr viel zu tun.
In dieser Stadt wird nicht gearbeitet –, hier wird geschuftet. (Auch das Vergnügen ist hier eine Arbeit, zu der man sich vorher in die Hände spuckt, und von dem man etwas haben will.) Der Berliner ist nicht fleißig, er ist immer aufgezogen. Er hat leider ganz vergessen, wozu wir eigentlich auf der Welt sind. Er würde auch noch im Himmel – vorausgesetzt, daß der Berliner in den Himmel kommt – um viere was vorhaben. Manchmal sieht man Berlinerinnen auf ihren Balkons sitzen. Die sind an die steinernen Schachteln geklebt, die sie hier Häuser nennen, und da sitzen die Berlinerinnen und haben Pause.
Sie sind gerade zwischen zwei Telefongesprächen oder warten auf eine Verabredung oder haben sich – was selten vorkommt – mit irgend etwas verfrüht – da sitzen sie und warten. Und schießen dann plötzlich, wie der Pfeil von der Sehne – zum Telefon – zurnächsten Verabredung.
Diese Stadt zieht mit gefurchter Stirne – sit venia verbo! – ihren Karren im ewig selben Gleis. Und merkt nicht, dass sie ihn im Kreise herumzieht und nicht vom Fleck kommt.
Der Berliner kann sich nicht unterhalten. Manchmal sieht man zwei Leute miteinander sprechen, aber sie unterhalten sich nicht, sondern sie sprechen nur ihre Monologe gegeneinander.
Die Berliner können auch nicht zuhören. Sie warten nur ganz gespannt, bis der andere
aufgehört hat, zu reden, und dann haken sie ein. Auf diese Weise werden viele berliner
Konversationen geführt.
Die Berlinerin ist sachlich und klar. Auch in der Liebe. Geheimnisse hat sie nicht. Sie ist
ein braves, liebes Mädel, das der galante Ortsliederdichter gern und viel feiert.
Der Berliner hat vom Leben nicht viel, es sei denn, er verdiente Geld. Geselligkeit pflegt
er nicht, weil das zu viel Umstände macht – er kommt mit seinen Bekannten zusammen,
beklatscht sich ein bißchen und wird um zehn Uhr schläfrig.
Der Berliner ist ein Sklave seines Apparats. Er ist Fahrgast, Theaterbesucher, Gast in
den Restaurants und Angestellter. Mensch weniger. Der Apparat zupft und zerrt an seinen Nervenenden, und er gibt hemmungslos nach. Er tut alles, was die Stadt von ihm verlangt nur leben … das leider nicht.
Der Berliner schnurrt seinen Tag herunter, und wenns fertig ist, dann ists Mühe und Arbeit gewesen. Weiter nichts. Man kann siebzig Jahre in dieser Stadt leben, ohne den geringsten Vorteil für seine unsterbliche Seele.
Früher war Berlin einmal ein gut funktionierender Apparat. Eine ausgezeichnet angefertigte Wachspuppe, die selbsttätig Arme und Beine bewegte, wenn man zehn Pfennig oben hineinwarf. Heute kann man viele Zehnpfennigstücke hineinwerfen, die Puppe bewegt sich kaum – der Apparat ist eingerostet und arbeitet nur noch träge und langsam.
Denn gar häufig wird in Berlin gestreikt. Warum –? So genau weiß man das nicht. Manche Leute sind dagegen, und manche Leute sind dafür. Warum –? So genau weiß man
das nicht.
Die Berliner sind einander spinnefremd. Wenn sie sich nicht irgendwo vorgestellt sind, knurren sie sich in der Straße und in den Bahnen an, denn sie haben miteinander nicht viel Gemeinsames. Sie wollen voneinander nichts wissen, und jeder lebt ganz für sich. Berlin vereint die Nachteile einer amerikanischen Großstadt mit denen einer deutschen Provinzstadt. Seine Vorzüge stehen im Baedeker.
In der Sommerfrische sieht der Berliner jedes Jahr, daß man auch auf der Erde leben kann. Er versuchte vier Wochen, es gelingt ihm nicht – denn er hat es nicht gelernt und weiß nicht, was das ist: leben – und wenn er dann wieder glücklich auf dem Anhalter Bahnhof landet, blinzelt er seiner Straßenbahnlinie zu und freut sich, daß er wieder in Berlin ist. Das Leben hat er vergessen.
Die Tage klappern, der Trott des täglichen Getues rollt sich ab und wenn wir nun hundert Jahre dabei würden, wir in Berlin, was dann –? Hätten wir irgend etwas geschafft? gewirkt? Etwas für unser Leben, für unser eigentliches, inneres, wahres Leben, gehabt?
Waren wir gewachsen, hätten wir uns aufgeschlossen, geblüht, hätten wir gelebt –?
Berlin! Berlin!
Als der Redakteur bis hierher gelesen hatte, runzelte er leicht die Stirn, lächelte freund-
lich und sagte wohlwollend zu dem vor ihm stehenden jungen Mann: »Na, na, na! Ganz
so schlimm ist es denn aber doch nicht! Sie vergessen, daß auch Berlin doch immerhin
seine Verdienste und Errungenschaften hat! Sachte, sachte! Sie sind noch jung, junger
Mann!»
Und weil der junge Mann ein wirklich höflicher junger Mann war, wegen seiner bescheidenen Artigkeit allgemein beliebt und hochgeachtet, im Besitze etwas eigenartiger Tanzstundenmanieren, die er im vertrauten Kreise für gute Formen ausgab, nahm er den Hut
ab (den er im Zimmer aufbehalten hatte), blickte gerührt gegen die Decke und sagte
fromm und fest: »Gott segne diese Stadt.»

Der Mensch
Kaspar Hauser, Weltbühne 24, 16. 6. 1931
Der Mensch hat zwei Beine und zwei Überzeugungen: eine, wenns ihm gut geht, und eine, wenns ihm schlecht geht. Die letztere heißt Religion. Der Mensch ist ein Wirbeltier und hat eine unsterbliche Seele, sowie auch ein Vaterland, damit er nicht zu übermütig wird.
Der Mensch wird auf natürlichem Wege hergestellt, doch empfindet er dies als unnatürlich und spricht nicht gern davon. Er wird gemacht, hingegen nicht gefragt, ob er auch gemacht werden wolle.
Der Mensch ist ein nützliches Lebewesen, weil er dazu dient, durch den Soldatentod Petroleumaktien in die Höhe zu treiben, durch Bergmannstod den Profit der Grubenherren zu erhöhen, sowie Kultur, Kunst und Wissenschaft. Der Mensch hat neben dem Trieb der Fortpflanzung und dem, zu essen und zu trinken, zwei Leidenschaften: Krach zu machen und nicht zuzuhören. Man könnte den Menschen geradezu als ein Wesen definieren, das nie zuhört. Wenn er weise ist, tut er damit recht: denn Gescheites bekommt er nur selten zu hören. Sehr gern hören Menschen: Versprechungen, Schmeicheleien, Anerkennungen und Komplimente.
Bei Schmeicheleien empfiehlt es sich, immer drei Nummern gröber zu verfahren als man es gerade noch für möglich hält. Der Mensch gönnt seiner Gattung nichts, daher hat er die Gesetze erfunden. Er darf nicht, also sollen die anderen auch nicht.
Um sich auf einen Menschen zu verlassen, tut man gut, sich auf ihn zu setzen; man ist dann wenigstens für diese Zeit sicher, dass er nicht davonläuft. Manche verlassen sich auch auf den Charakter.
Der Mensch zerfällt in zwei Teile: In einen männlichen, der nicht denken will, und in einen weiblichen, der nicht denken kann. Beide haben sogenannte Gefühle: man ruft diese am sichersten dadurch hervor, dass man gewisse Nervenpunkte des Organismus in Funktion setzt. In diesen Fällen sondern manche Menschen Lyrik ab. Der Mensch ist ein pflanzen-
und fleischfressendes Wesen; auf Nordpolfahrten frisst er hier und da auch Exemplare seiner eigenen Gattung; doch wird das durch den Faschismus wieder ausgeglichen. Der Mensch ist ein politisches Geschöpf, das am liebsten zu Klumpen geballt sein Leben verbringt. Jeder Klumpen hasst die anderen Klumpen, weil sie die anderen sind, und hasst die eigenen, weil sie die eigenen sind. Den letzteren Hass nennt man Patriotismus.
Jeder Mensch hat eine Leber, eine Milz, eine Lunge und eine Fahne; sämtliche vier Organe sind lebenswichtig. Es soll Menschen ohne Leber, ohne Milz und mit halber Lunge geben; Menschen ohne Fahne gibt es nicht. Schwache Fortpflanzungstätigkeit facht der Mensch gern an, und dazu hat er mancherlei Mittel: den Stierkampf, das Verbrechen, den Sport und die Gerichtspflege.
Menschen miteinander gibt es nicht. Es gibt nur Menschen, die herrschen, und solche, die beherrscht werden. Doch hat noch niemand sich selber beherrscht; weil der opponierende Sklave immer mächtiger ist als der regierungssüchtige Herr. Jeder Mensch ist sich selber unterlegen.
Wenn der Mensch fühlt, dass er nicht mehr hinten hoch kann, wird er fromm und weise; er verzichtet dann auf die sauren Trauben der Welt. Dieses nennt man innere Einkehr. Die verschiedenen Altersstufen des Menschen halten einander für verschiedene Rassen: Alte haben gewöhnlich vergessen, dass sie jung gewesen sind, oder sie vergessen, dass sie alt sind, und Junge begreifen nie, dass sie alt werden können.
Der Mensch möchte nicht gern sterben, weil er nicht weiß, was dann kommt. Bildet er sich ein, es zu wissen, dann möchte er es auch nicht gern; weil er das Alte noch ein wenig mitmachen will. Ein wenig heißt hier: ewig.
Im übrigen ist der Mensch ein Lebewesen, das klopft, schlechte Musik macht und seinen Hund bellen lässt.
Manchmal gibt er auch Ruhe, aber dann ist er tot.
Neben den Menschen gibt es noch Sachsen und Amerikaner, aber die haben wir noch nicht gehabt und bekommen Zoologie erst in der nächsten Klasse.

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