Coole Insel

Wilhelm Busch

1832-1908

Wilhelm kam als ältestes von sieben Kindern in einer Krämerfamilie in Wiesensahl im niedersächsischen Schaumburgerland zur Welt. Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Sein Vater erkannte, dass der künstlerisch begabte Bub mit seinen erheblichen Anpassungsschwierigkeiten in der Dorfschule wenig gefördert werden konnte. Zudem wurde es eng im Haus.

Wilhelm_Busch

Die Eltern kamen auf die Lösung, den schwierigen neunjährigen Racker aus dem Haus zu drängen:
Sie gaben ihn in die Obhut seines Onkels Georg Kleine, der jung verheirateter Pastor in Ebergötzen bei Göttingen war. Wilhelm sah seine mit den sechs Kindern ans Haus gebundene Mutter erst nach drei Jahren wieder; der Vater besuchte ihn auf einer für ihn beschwerlichen Anreise wenigstens einmal im Jahr.

Wie von den Eltern erhofft und von Wilhelm zu Unrecht befürchtet, gab der Pastor dem Jungen eine strenge Erziehung – in einer wohltuenden familiären Umgebung, die ihm Angenommensein, Zuneigung und Verlässlichkeit schenkte. Wilhelm erlebte in der Pastorenfamilie eine gute und stärkende Kinderzeit in einer ertragbar überwachten dörflichen Freiheit, die er mit der Dorfjugend auslebte, besonders mit Erich Bachmann, dem gleichaltrigen Sohn des Müllers, der ihm ein lebenslanger Freund wurde, den er jahrelang oft besuchte.

Fünf Jahre lebte Wilhelm Busch hier. „Kein Ort ist mir vertrauter als Ebergötzen“, die meiste Zeit seiner Schulzeit, die der Pastor für ihn und seinen Freund privat wirkungsvoll ergänzte – und mit ihn zeitlebens prägenden Erlebnissen.
Der spätere MalerDichter hat dieses Dorf zwischen Göttingen und Duderstadt weltbekannt gemacht. Die von ihm verewigte Getreidemühle heißt heute Wilhelm-Busch-Mühle und ist eine vielbesuchte Erinnerungsstätte, von der die Besucher Verse und Bilder und ein erzähltes Lebensbild von Wilhelm Busch mitnehmen können.

Als Pastor Kleine später in die Gemeinde Lüthorst im Sölling versetzt wurde, zog Wilhelm mit der Familie dorthin. 1848 konfirmierte ihn Pastor Kleine dort. Für Wilhelm blieb es seine Ersatzfamilie, der er verbunden blieb und deren Nähe er oft suchte.
Der Pastor war ein begeisterter Imker. Wilhelm lernte auch in dieser Kunst viel und wie seine Bienengeschichten beweisen, nachhaltig von ihm. Seine ersten humorvollen Bildgeschichten ließ Wilhelm Busch auch in einer Zeitschrift für Bienenfreunde erscheinen.

Wilhelm ertrotzte sich nach einem baldigen Abgang vom Technikum in Hannover eine vertiefende Ausbildung seiner malerischen Begabung. Wichtige Stationen seines künstlerischen Lernens und Wirkens wurden Düsseldorf, Antwerpen und München. Er malte hunderte Ölbilder, viele
vernichtete er – einige hängen heute in bedeutenden Museen und Galerien. Der Eigenbrötler war schmerzhaft selbstkritisch und bewertete seine Arbeiten abfällig. Er teilte mit vielen Kollegen ein ärmliches Malerleben – bis er in seinen Dreißigern darauf kam, Bildergeschichten zu erfinden und diesen leichthin gefertigten Zeichnungen lustige und satirische Texte beigab. Die Abdrucke nutzten ein aufwändiges Druckverfahren. In seiner Lyrik war Heinrich Heine sein Vorbild und der Philosoph Schopenhauer beeinflusste sein Denken. Später bekannten Schriftsteller und Humoristen und Cartoonisten wie Erich Kästner, Christian Morgenstern, Eugen Roth, Heinz Ehrhardt und Robert Gernhardt stolz, bei ihm und von ihm gelernt zu haben. Busch brauchte nie lange Abhandlungen; ihm gelangen mit wenigen Worten philosophische Gedanken, die alle verstehen konnten.

Das Gute – dieser Satz steht fest,
Ist stets das Böse; was man lässt.

Ein Misserfolg: 81 Gedichte veröffentlichte er als „Kritik des Herzens“ – sie fanden kein Publikum und viel hämische und niederschmetternde Kritik. Der MalerDichter musste verarbeiten, dass seine Geschichten und Kommentare in einflussreichen sittenstrengen Kreisen als unmoralisch abgelehnt wurden. Er hatte spürbar Lust, freier und unzeitgemäßer zu schreiben – aber das durfte er sich nicht leisten.(Sonst hätte ihm der Kaiser sicher nicht zu seinem 70. Geburtstag ein Glückwunsch-Telegramm geschickt.)

Richtig wohl und als Kreativer und kritischer Hinterfrager angenommen fühlte er sich über einige Jahre in Johannas Frankfurter Haus, einer Kunstfreundin, die mit einem Banausen verheiratet war und sieben Kinder hatte. Diese warmherzige Muse hatte ein offenes Haus für Autoren und Maler.
Sie, ihr Mann und manche Bekannte wurden in Wilhelms Bildergeschichten ungefragt verewigt.
Angaben zu seinem Leben hat er in seinen Geschichten und Versen oft versteckt, vielleicht sogar unbewusst.

Man ist ja von Natur kein Engel,
Vielmehr ein Welt- und Menschenkind,
Und ringsherum ist ein Gedrängel
Von solchen, die dasselbe sind.
Die Selbstkritik hat viel für sich.
Gesetzt den Fall, ich tadle mich:
So hab ich erstens den Gewinn,
Dass ich so hübsch bescheiden bin.
Zum zweiten sagen sich die Leut,
Der Mann ist lauter Redlichkeit;
Auch schnapp ich redlich diesen Bissen
Vorweg den andern Kritiküssen.
Und viertens hoff ich außerdem
Auf Widerspruch, der mir genehm.
So kommt es denn zuletzt heraus,
Dass ich ein ganz famoses Haus.

Ihm flossen die Reime leicht aus der Feder. Er musste nicht Verse drechseln und Reim-Bücher wälzen, wie seine zahllosen Nachahmer, die sich abmühen, Belanglosigkeiten gereimt zu schildern – weil dieses Reimen, wie Marcel Reich-Ranicki feststellte, inzwischen „eine deutsche Krankheit“ geworden ist. Busch hat das vorausgesehen:

O wie beglückt ist doch der Mann,
wenn er Gedichte machen kann.
Oft ist das Denken schwer, indes
Das Schreiben geht auch ohne es.

In Zeitschriften erschienen Geschichten von der frommen Helene, von Fips, dem Affen, Hans Huckebein, dem Unglücksraben, den Versuchungen des Hl. Antonius von Padua, dem Maler Kopp und vielen, vielen anderen Karikaturen und Abbildern von Zeitgenossen.
Seine Figuren atmen pralles Leben; Frauen und Männer konnten wiedererkannt werden – leichter bei anderen.
Den größten Erfolg hatte er mit dem bissigen Kinderbuch über die derb übertreibenden Streiche von Max und Moritz, in dem er seine Kindheitserlebnisse mit seinem Freund aus der Mühle in Ebergötzen verarbeitete. Das vielgelesene und nicht nur von Kindern auswendig gelernte Buch wurde ein unerwarteter fantastischer Welterfolg, der außer seinen Verleger auch ihn nach jahrelangen Anfangsschwierigkeiten wohlhabend machte. Jahre später wurde er Millionär und lebte in schwer verständlicher provinzieller Abgeschiedenheit bei seinen Angehörigen, zufällig Pastoren, als eigenwilliger, scheuer Künstler. Freunde traf er lieber außerhalb, in Hannover und Kassel.
Und dann lebte er wieder einige Jahre in München, richtete sich ein kleines Atelier ein und genoss das Künstlerleben an der Isar.

Wenn er sich bei seinen häufigen Besuchen nach Ebergötzen oder zu seiner Ersatzfamilie in den Sölling fahren ließ, verweilte er für Stunden in Göttingen; der leidenschaftliche Raucher kaufte sich hier einen Vorrat an Zigarren, stärkte sich in einem Gasthaus und gönnte sich Köstlichkeiten einer Konditorei. Auf den Rückwegen traf er interessante Weinfreunde im Ratskeller. Er gab gern den raubeinigen Zecher und nahm nicht selten einen lautstarken Abschied. Seine Freude am Wein war eine schwer zu verheimlichende Alkoholsucht geworden.
Gab es Beziehungen, die über die vielen Künstlerfeste auch im Alltag standhalten konnten? Nicht dauerhaft. Mal lag es an ihm, mal, wie bei der geliebten Anna an dem verhindernden Vater der jungen Frau.

Es gab über Jahre Brieffreundinnen, nur: bei der persönlichen Bekanntschaft zerfielen die beiderseits zu hohen und alltagsfernen Erwartungen. Er blieb ein alternder Junggeselle, der sich übertrieben und wenig lebensklug fürchtete, ein auf sein Vermögen zielendes weibliches Interesse rechtzeitig zu erkennen. Mit seiner zeitweiligen Armut hatte er besser leben können als mit seinem Reichtum.
Wilhelm Busch starb mit fünfundsiebzig Jahren in seiner Wohnung in einem Pfarrhaus in Mechtshausen; auf dem Dorffriedhof liegt sein schön geschmücktes Grab.

Als letzten Gruß an seine Leser hatte er diesen Vers gedacht:

Hass, als Minus und vergebens,
Wird vom Leben abgeschrieben,
Positiv im Buch des Lebens
Steht verzeichnet nur das Lieben.
Ob ein Minus oder Plus
Uns verblieben, zeigt der Schluss.

Einige Gedichte von Wilhelm Busch sollen auf sein reiches Schaffen neugierig machen:

Wenn alles sitzen bliebe,
Was wir in Hass und Liebe
So voneinander schwatzen:
Wenn Lügen Haare wären,
Wir wären rau wie Bären
Und hätten keine Glatzen.

Wo sich Ewigkeiten dehnen,
Hören die Gedanken auf.
Nur des Herzens frommes Sehnen
Ahnt, was ohne Zeitenlauf.

Wo wir waren, wo wir bleiben,
Sagt kein kluges Menschenwort;
Doch die Grübelgeister schreiben:
Bist du weg, so bleibe fort.

Lass dich nicht aufs neu gelüsten.
Was geschah, es wird geschehn.
Ewig an des Lebens Küsten
Wirst du scheiternd untergehn.

Die Liebe war nicht geringen.
Sie wurden ordentlich blass;
Sie sagten sich tausend Dinge
Und wusste noch immer was.

Sie mussten sich lange quälen,
Doch schließlich kam`s dazu,
Dass sie sich konnten vermählen.
Jetzt haben die Seelen Ruh.

Bei eines Strumpfes Bereitung
Sitzt sie im Morgenhabit.
Er liest in der Kölnischen Zeitung
Und teilt ihr das Nötige mit.

Sie stritten sich beim Wein herum,
Was das nun wieder wäre,
Das mit dem Darwin wär gar zu dumm
Und wider die menschliche Ehre.

Sie tranken manchen Humpen aus,
Sie stolperten aus den Türen.
Sie grunzten vernehmlich und kamen zu Haus
Gekrochen auf allen vieren.

Wozu das ewge Flüstern und Gemunkel?
Das scheinen die besten ehelichen Pflichten.
Von allem Tun die schönste Tätigkeit,
In Tempeln von des Priesters Hand geweiht,
Ihr hüllt sie in ein schuldbewusstes Dunkel.
Wer möchte diesen Erdenball
Noch fernerhin betreten,
Wenn wir Bewohner überall
Die Wahrheit sagen täten.

Ihr hießet uns, wir hießen euch
Spitzbuben und Halunken,
Wir sagten uns fatales Zeug
Noch eh wir uns betrunken.
Und überall im weiten Land,
Als langbewährtes Mittel,
Entsprosste aus der Menschenhand
Der treue Knotenknittel.

Da lob ich mir die Höflichkeit,
Das zierliche Betrügen.
Du weißt Bescheid, ich weiß Bescheid
Und allen macht`s Vergnügen.
Sage nie: Dann solls geschehn.
Öffne dir ein Hinterpförtchen
Durch „Vielleicht“, das nette Wörtchen,
Oder sag „ich will mal sehn.“

Es saß in meiner Knabenzeit
Ein Fräulein jung und frisch
Im ausgeschnittnen grünen Kleid
Mir vis-a-vis bei Tisch.

Und wie`s denn so mit Kindern geht,
Sehr frömmig sind sie nie,
Ach, dacht ich oft beim Tischgebet,
Wie schön ist doch Marie!

Denkst du dieses alte Spiel
Immer wieder aufzuführen?
Willst du denn mein Mitgefühl
Stets durch Tränen ausprobieren?

Oder möchtest du vielleicht
Mir des Tanzes Lust versalzen?
Früher hast du`s oft erreicht;
Heute würd` ich weiterwalzen.
Was bin ich alter Bösewicht
So wackelig von Sinne.
Ein leeres Glas gefällt mir nicht,
Ich will, dass was darinne.

Das ist mir so ein dürr Geklirr;
He, Kellnerin, erscheine!
Lass dieses öde Trinkgeschirr
Befeuchtet sein vom Weine.

Nun will mir aber dieses auch
Nur kurze Zeit gefallen;
Hinunter muss es durch den Schlauch
Zur dunklen Tiefe wallen.

So schwank` ich ohne Unterlass
Hinwieder zwischen beiden
Ein volles Glas, ein leeres Glas
Mag ich nicht lange leiden.

Ich bin gerade so als wie
Der Erzbischof von Köllen,
Er leert sein Gläschen wuppheidi
Und lässt es wieder völlen.

Ach, ich fühl` es! Keine Tugend
Ist so recht nach meinem Sinn;
Stets befind ich mich am wohlsten,
Wenn ich damit fertig bin.
Dahingegen so ein Laster,
Ja, das macht mir viel Pläsier;
Und ich hab` die hübschen Sachen
Lieber vor als hinter mir.

Ich sah dich gern im Sonnenschein,
Wenn laut die Vöglein sangen,
Wenn durch die Wangen und Lippen dein
Rosig die Strahlen drangen.
Ich sah dich auch gern im Mondenlicht
Beim Dufte der Jasminen.
Wenn mir dein freundlich Angesicht
So silberbleich erschienen.

Doch, Mädchen, gern hätt` ich dich auch
Wenn ich dich gar nicht sähe,
Und fühlte nur deine Mundes Hauch
In himmlisch warmer Nähe.
Selig sind die Auserwählten,
Die sich liebten und vermählten;
Denn sie tragen hübsche Früchte,

Und so wuchert die Geschichte
Sichtbarlich von Ort zu Ort.
Doch die braven Junggesellen,
Jungfern ohne Ehestellen,
Welche ohne Leibeserben
So als Blattgewächse sterben,
Pflanzen sich durch Knollen fort.

Du willst sie nie und nie mehr wiedersehen?
Besinne dich, mein Herz, noch ist es Zeit.
Sie war so lieb. Verzeih, was auch geschehen.
Sonst nimmt dich wohl beim Wort die Ewigkeit.
Und zwingt dich mit Gewalt zum Weitergehen
Ins öde Reich der Allvergesssenheit.

Du rufst und rufst; vergebens sind die Worte;
Ins feste Schloss dumpfdröhnend schlägt die Pforte.
Was soll ich nur von eurer Liebe glauben?
Was kriecht ihr immer so in dunkle Lauben?
Es wohnen die hohen Gedanken
In einem hohen Haus.

Ich klopfte, doch immer hieß es:
Die Herrschaft fuhr eben aus!
Nun klopf ich ganz bescheiden
Bei kleinen Leuten an.
Ein Stückel Brot, ein Groschen
Ernähren auch ihren Mann.
Er war ein grundgescheiter Mann,
Sehr weise und hocherfahren;
Er trug ein graumeliertes Haar,
Derweil er schon ziemlich bei Jahren.

Er war ein abgesagter Feind
Des Lachens und des Scherzens
Und war doch der größte Narr am Hof
Der Königin seines Herzens.
Hoch verehr` ich ohne Frage
Dieses gute Frauenzimmer.
Seit dem segensreichen Tage,
Da ich sie zuerst erblickt`,
Hat mich immer hoch entzückt
Ihre rosenfrische Tugend
Und die herrlichen Talente.
Aber dennoch denk` ich immer,
Dass es auch nicht schaden könnte,
Wäre sie ein bissel schlimmer.

Wärst du ein Bächlein, ich ein Bach,
So eilt` ich dir geschwinde nach.
Und wenn ich dich gefunden hätt`
In deinem Blumenuferbett,
Wie wollt ich mich in dich ergießen
Und ganz mit dir zusammenfließen,
Du vielgeliebtes Mädchen du!
Dann strömten wir bei Nacht und Tage
Vereint im süßen Wellenschlage
Dem Meere zu.

Gerne wollt ihr Gutes gönnen
Unserm Goethe, unserm Schiller,
Nur nicht Meier oder Müller,
Die noch selber lieben können.
Denn durch eure Männerleiber
Geht ein Konkurrenzgetriebe;
Sei es Ehre, sei es Liebe –
Doch dahinter stecken Weiber.
O du, die mir die Liebste war,
Du schläfst nun schon so manches Jahr.

So manches Jahr, da ich allein,
Du gutes Herz; gedenk ich dein.
Gedenk ich dein, von Nacht umhüllt,
So tritt zu mir dein treues Bild.
Dein treues Bild, was ich auch tu`,
Es winkt mir ab, es winkt mir zu.
Und scheint mein Wort dir gar zu kühn,
Nicht gut mein Tun,
Du hast mir einst so oft verziehn,
Verzeih auch nun.

Consent-Management-Plattform von Real Cookie Banner