serienmörder

Our story

Verführung eines Serienmörders

Natürlich hab ich die Grünhaarige gleich gesehen. Mir stach nicht ihre schräge Aufmachung in die
Augen: Mir gefiel, was sie aus ihren Haaren gemacht hatte, war wirklich sehenswert – obwohl ich gegen
solche Äußerlichkeiten längst immun bin. Als ich sie diskret musterte, bekam ich Appetit. Nein, nicht
aufs Vernaschen, das gehört nicht zu meiner Art. Oder zu meiner Methode. Ich hab sie ja immer
nachher, so lange ich will. Wenn ich sie hab.

manhattan, bridge, landmark

Irgendwas ist heute anders. Schnauze, sie kommt auf mich zu. Mädchen, du ahnst nicht, in was du da
reinläufst, du mit deinem Baby im Kinderwagen. Hören wir mal, was sie will:
„Guten Nachmittag, Sir, verzeihen Sie meine Dreistigkeit: ich bin in großer Not: Ich warte hier auf meinen
Verlobten, Beinahe-Verlobten eigentlich, aber ich müsste mal super dringend drüben in dem KloHäuschen verschwinden, nur für drei Minuten, sonst kann ich`s nicht mehr halten. Würden Sie bitte auf
das Baby aufpassen? Tausend Dank…“
Ich rief ihr nach: „Schon ok, Lady, geht klar, ich passe auf.“
Sie ahnen es sicher schon: Das Biest kam nicht wieder. Ging ja auch schlecht. Das verstörte die eben
gekommene alte Dame auf der Nachbarbank. Nach zwanzig Minuten rief ich ihr zuliebe die Polizei an.
Scheiße, mit meinem Handy, hab nicht dran gedacht, dass die leicht herauskriegen, dass ich auf der
Fahndungsliste stehe, ziemlich weit oben…Hab ich überhaupt meinen Namen gesagt? Das, was ich
immer sage: „Hillary, Mark Hillary von Hillary & Sons, Maidenhead?”
„Vielleicht kommt es schon in den Abendnachrichten“, rief ich der Banknachbarin zu, „es muss was
passiert sein…“
Jetzt musste ich erst mal weg, nicht nur aus dem Park, besser aus der Stadt. Die Dame wird sich schon
um das Baby kümmern, wenn es schreit. Vielleicht liegt auch ganz was anderes in dem Wägelchen.
Das Taxi fuhr mich zur Victoria. „Einmal einfach Economy nach Liverpool.“ Und dann, wie betrunken
oder unter Drogen: „Ach, hab`s mir anders überlegt, danke. Ich bleib hier. Wegen Ihnen. Im Ernst. Haben
Sie den Abend noch frei, schönäugige Prinzessin? Ich wüsste ein fantastisches Lokal. Mögen Sie
raffiniert überbackenen Lammbraten aus dem Steinofen? Lieber um Neun? Kommt nicht auf ´ne
Viertelstunde an. Abgemacht. Ich hol Sie am Picadilly ab. Ich hab eine Zeitung unterm Arm. Nicht, dass
ich die Falsche küsse!“
Lief alles gut – oder normal. Abigail war bester Stimmung, trank ein bisschen viel, danach zeigte sie mir
ihr Zimmer. Ihre Freundin war noch aus, könnte aber bald zurücksein. Zeit für Tanzmusik. Candlelight.
Wir haben was getrunken und geschmust. Stunden später wachte ich auf, neben einer Fremden. Die
hat gelacht, kriegte sich nicht mehr ein: „Wen hat mir Abigail denn heute auf die Matratze gelegt? Hallo,
Fremder!“ Ich murmelte verschlafen: „Hey, ich bin Gregor, mit zu wenigen Wassern gewaschen und
hungrig auf Frauen wie dich. Hast du noch einen letzten Wunsch, Sweetie?“
Sie hatte einen. Hat mich auf ganz andere Gedanken gebracht. War richtig schön. Morgen ist ja auch
noch ein Tag.
Am Morgen waren beide weg. Vielleicht Frühschicht. Kein Zettel, kein Frühstück; ich musste mir was
draußen suchen. In der Kaffeebar zwei Ecken weiter frühstückten zwei Bullen genussvoll üppig, hab sie
zu spät gesehn. Ich habe bestimmt nur neidisch geguckt, aber irgendwie hatten sie Witterung
aufgenommen. Ich kann diese verdammten harten Handschellen nicht leiden…
Als sie mich zu dritt in den Streifenwagen drückten, rief der Dickere: „Vorsicht, Kumpel, der Kerl pisst durch die Hose ins Auto.“ Ihr hättet die drei sehen sollen, wie sie sich Sorgen um das Auto machten.
Es war kinderleicht, mich hinters Steuer zu zwängen und mit offenen Türen loszufahren. An der
nächsten Ampel ließ ich sie rausspringen. Man ist ja kein Unmensch. Und ein Schelm, wer Schlechtes
dabei denkt, steht angeblich auf dem Hosenbandorden. Kann ich sogar auf Französisch sagen…
Ich versuch`s heute Abend noch mal; die Adresse weiß ich noch. Sollte man nicht wenigstens Cheerio
sagen, wenn`s vorbei ist? Und ihre coole Freundin, weiß ihren Namen nicht mehr, als ich ihr sagte, dass
ich ganz bestimmt grade nicht verheiratet bin, hat sie gelacht: „Hätte mich auch kein bisschen gestört,
Gregor, come on, do it again!“ Könnte doch mein Glückstag sein, heute. Zwei leben ja noch.…

 

© Julian Higgins Ü.: Knut Sommerfeld