Prosecutor

Kannten Sie die Staatsanwältin lebend?

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Nach der Verhandlung kam mir eine weiterführende Idee.

Die rosig-mollige Mitarbeiterin der Staatsanwaltschaft hatte, was ich natürlich erregt bestritt, recht: Mein Plan war von Anfang an, ihre Chefin umzubringen – wie die anderen Frauen. Ich wollte mir diesmal Zeit lassen. Das liegt aber länger zurück und alles kam anders: ich war hingerissen von Karinas Fähigkeit, sich vollkommen zu verändern, ja, wirklich, eine ganz andere zu werden, eine Frau, die mich täglich mehr bezauberte, die ich bewundern und lieben musste. Und schon nach wenigen Tagen habe ich sie unsinnig begehrt. Das ist untertrieben gesagt. Als sie noch keine zehn Mal mein Lager geteilt hatte, war ich ihr hörig. Jedenfalls muss sie das so empfunden haben.
Ich schäme mich zuzugeben, dass unsere Beziehung mit meinem blöden Stolpertrick begonnen hatte. Wollen Sie das hören?
Ich hatte sie ja eine Weile im Visier, schon im gut besetzten U-Bahn-Waggon, bin ihr über den Metro-Ausgang bis zur Kreuzung gefolgt, habe sie dann bei Rot überholt und es hat mich, scharf berechnend, genau am Ende des Zebrastreifens auf das Pflaster geknallt. Es hat sogar weh getan, weil es dort rutschig war. Karina wäre um ein Haar über mich gestolpert. Ihre Tasche flog ein Stück voraus. Die Wirkung war zum Lachen, ich musste aber ernst bleiben und den Hilflosen spielen. Sie können sich das ausmalen: Geschrei, Hupen, Kreischen, Hilferufe, Aufhelfversuche, während mindestens drei Autos in einander krachten. Ein irrer Sound. Aber vor allem: Karina war bei mir.
Mit unwahrscheinlich vielen anderen Leuten. Sie versuchten, mich aufzuheben, das ging nicht, weil ich wieder zusammensackte. Ich mimte eine Herzschwäche, Sie schleppten mich an den Häuserrand des Bürgersteigs, jemand legte mir einen zusammengefalteten Mantel unter den Kopf, eine nach süßlichem Tabak riechende Jacke wurde über mich gebreitet. Das war nötig, denn es war kalt und es dauerte, bis der Krankenwagen kam.
Ich hatte mich in meine Rolle gesteigert und bekam erst bei ihrer Wiederholung mit, dass Karina, meine Wangen schlagend, fragte: „Hören Sie mich, Sir? Hallo, kommen Sie zu sich, gleich kommt Hilfe, ich muss Sie noch mal schlagen: Hey, Sie, kommen Sie, nicht wegtauchen, hallo,
hier sind lauter Menschen, die sich Sorgen um Sie machen. Sind Sie verletzt? Wie bitte? Haben Sie etwas gesagt? Seid doch mal leise! Er hat etwas gesagt. Wo bleibt denn der Krankenwagen. Oder ist jemand Arzt? Hallo, Sir, sollen wir eine Ihrer Ex-Frauen anrufen? Was, das erschreckt Sie? Aber Sie sind doch verheiratet? Einen Ehering sehe ich nicht, aber den tragen Männer ja auch selten, aber Sie… hören Sie…Da kommt der Krankenwagen, was denn, verdammt, warum fährt der denn vorbei?“
Während ich da ungemütlich lag und fror, war ich Karina nicht, wie es sich gehört hätte, gestenreich dankbar für ihre spontane Hilfe; ich stellte mir Stück für Stück vor, wie ich sie umbringen werde. Ihr kennt das vielleicht: Filmemacher und manche Autoren, machen sich ein Storyboard, in dem sie Szene für Szene festhalten, was passieren soll. Diese Arbeit mache ich mir meistens vorher – es soll mir ja was bringen, wenn ich erlebe, wenn ihre Seele wegfliegt.
Ich kenne einen Holländer, der das auch lustvoll genießt, wenn er einen abmurkst. Er killt Männer und Frauen; ich nur Frauen, grundsätzlich. Denn ich liebe Frauen. Und sie lieben mich – das wundert mich immer wieder. Sie ahnen natürlich nicht, dass meine zärtlichen Hände auch ganz anderes können. Aber so süß und lieb wie Karina war keine.
Also, wenn Sie mal überlegen, ob Sie…
Tschuldigung, ich werde gerade in den Sani-Wagen geschoben. Könnten Sie sich für mich mal weiter was ausdenken? Die Richtung kennen Sie ja jetzt.
Aber nicht mit Karina. Die sitzt neben mir und hält lächelnd meine Hand. Sie hat mich eben gestreichelt und ganz leicht geküsst. Ich gebe zu: ich hatte ein Vorurteil gegen Staatsanwältinnen. Diese hier ist ganz anders. Üben Sie mal vorbeugend meinen Stolpertrick. Hilft immer. Sicher nicht nur bei Juristinnen.

© Julian Higgins  Ü.: Knut Sommerfeld