Jüdische Friedhöfe

Kennst du einen jüdischen Friedhof? Gibt es einen in deiner Nähe? Meine ungeplanten
Entdeckungsbesuche auf zwei Judenfriedhöfen könnten dir zur Einstimmung helfen – und einiges an
Hintergrundwissen vermitteln, das dich zu ähnlichem Nachfragen anregt.
Vor einigen Jahren machten drei Schriftstellerinnen und vier Schriftsteller eine literarische Wanderung
von Northeim bis Delmenhorst. Ich schaffte manche gewaltige Tagesstrecke nicht ganz, deshalb fuhr
ich unser Gepäck und kam den Freunden oft vom nächsten Ziel an entgegen. Mir blieb Zeit für
Abschweifungen, bei denen ich ungeahnte Entdeckungen machte. Ich traf z.B. auf die
Lebensgeschichten von Wilhelm Busch, der Familie Steinweg-Steinway und mehreren Familien aus
Seesen und Bad Gandersheim.
Einige Male konnte ich am gemeinsamen Zielort noch etwas vorbereiten, auch schon mal noch etwas
nachbereiten oder vertiefen und ohne Zeitdruck mit zufälligen oder gesuchten Partnern reden. Und
noch eine Annehmlichkeit ergab sich: ich konnte meinen unbeschränkten Aktionsradius nutzen und
auf Entdeckungen gehen. Beim Wandern und Autofahren habe ich meine Eindrücke und Einfälle in
ein Diktiergerät gesprochen.
Einmal vormittags, zweimal nachmittags, sonst abends haben wir aus unseren Tagesaufzeichnungen
in Schulen und Bibliotheken, auf Bauernhöfen und einmal in einem Schwimmbad vorgelesen. Aus
meinen Berichten stammen diese Ausschnitte zu Besuchen auf den jüdischen Friedhöfen von Seesen
und Bad Gandersheim.
…. … Meine Wanderer haben das Ziel Bad Grund. Ich mache zunächst einen Umweg über ClausthalZellerfeld – einer Eingebung von heute früh folgend, und besuche das Archiv dort. Ich frage nach dem
Gästebuch des Bergwerks Caroline, in das Heinrich Heine auf seiner Harzreise eingefahren ist. Der
neue Archivar ist sehr hilfsbereit, aber die Kopien der Eintragungen des September 1824 muss ich
über die Fernleihe der Göttinger Universitätsbibliothek bestellen (sie enthalten ein Überraschung:
anders als von ihm geschildert, war Heine hier in Begleitung anderer Göttinger Jura-Studenten).

Ob viele Leute Seesen als Reiseziel haben? Es ist kaum zu vermuten, dass es hier etwas zu
entdecken gibt; aber wir wollen der Stadt eine Chance geben.
Nächster Tag, unterwegs: Ich frage nach Beschreibungen des Steinway-Parks; es ist keine vorrätig,
aber ich finde in einer der von mir durchgeblätterten Schriften einen mir wichtigen Hinweis auf den
Stifter, während ich festhalte (was ich zuhause mit Hilfe von Meyers Großem Konversationslexikon
von 1907 ergänzen und teilweise korrigieren musste):
Der 1797 in Seesen geborene Heinrich Engelhardt Steinweg, Jahrgangsgefährte von Heinrich Heine
und Anette von Droste-Hülshoff, muss ein Multi-Talent gewesen sein: Er hatte in Goslar die Tischlerei
und den Orgelbau erlernt und dann in Braunschweig zunächst Gitarren und Zithern und ab etwa 1835
Tafelklaviere, Pianinos und Konzert-Flügel gebaut. 1850 übergab er seinem Sohn Theodor das
Braunschweiger Geschäft und wanderte mit den Söhnen Heinrich, Karl, Albert und Wilhelm (Frau
Steinweg wird nicht erwähnt) nach New York aus und gründete dort drei Jahre später mit ihnen die
Firma Steinway & Sons. Schon nach zwei Produktionsjahren stellte die Firma ihre neuen kreuzsaitigen
Pianofortes bei der New Yorker Industrieausstellung aus und erhielt den 1. Preis. Danach gab es eine
stürmische Aufwärtsentwicklung, die durch mehrere Patente verstärkt wurde. In London und in
Hamburg entstanden große Filialen.
Nach dem fast gleichzeitigen Tod von Heinrich in New York und Karl in Braunschweig (waren es
Zwillinge oder ist einer dem anderen aus freien Stücken in den Tod gefolgt?) trat auch Sohn Theodor
in das New Yorker Unternehmen ein. Er führte es zuletzt gemeinsam mit Wilhelm. Die Brüder
vergaßen ihre deutsche Heimat nicht über ihrem großen Erfolg. Wilhelm / William überwies mehrfach
Geld für die Armenfürsorge in Seesen und für einige Vereine, besuchte wie seine Brüder noch einmal
die Heimatstadt und steuerte eine große Geldsumme zur Anlage eines Parks bei, der heute den
Übergang vom Osten der Stadt zum Wald bildet. William wurde zum Ehrenbürger von Seesen ernannt
und der von ihm bezuschusste Park wurde nachhaltig werbewirksam Steinway-Park genannt. William
Steinweg starb 60-jährig in New York als letzter der Firmeninhaber.
Ich erreiche endlich die gesuchte Dehnestraße, in der der Jüdische Friedhof auf meinem Stadtplan
eingezeichnet steht. Vor einem bergwärts ansteigenden Wäldchen leitet mich ein unauffälliges grünes
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Schild, zweizeilig: „Jüdischer Friedhof“ zu einem unverschlossenen Drahttor, das in einen Jägerzaun
eingelassen ist. Ein fast drei Meter breiter Weg führt nach oben in den Wald hinein.
Nach einer Biegung, kaum hundert Schritte hoch, sehe ich die ersten Gräber in dieser Waldlandschaft,
die wie schon länger nicht mehr gepflegt wirkt, denn dieses dunkelbraune Laub hier ringsherum wird
noch vom letzten Herbst stammen. Auf einem Höhenunterschied von vielleicht zwanzig Metern in den
Waldabhang hineingebettet, erkenne ich die Gräber und Grabstätten der früheren jüdischen Mitbürger, die, wie ich näherkommend von den Grabsteinen ablesen kann, Julius Hamm, Richard Simon,
Meta Strauß heißen, Meta Freudenberg, Hermann Hanauer und Georg Freudenthal.
Am Ende der aufsteigenden Reihe entzifferte ich: Frieda Stern, geb. Ascher, 1852 geboren und am

  1. März 1934 gestorben. Womöglich war sie die letzte hier Bestattete; ihr wie viele andere
    umgestürzter Grabstein liegt bergabwärts am höchsten. Mehrere Grabstättenwände sind von hier
    oben heruntergerutscht. Einige der langsam wachsenden Buchsbaumsträucher wachsen hier, doch
    wohl angepflanzt; wild aber reichlich Bärenlauch; auch wilde Himbeeren haben sich ausgebreitet und
    machen den Farnen das Gelände streitig.
    Einige Gräber und wohl alle Familiengräber sind mit Feinschotter bestreut; nirgends sehe ich etwas
    Blühendes, nichts was irgendwie pflegebedürftig wäre. Hier dominiert Efeu, auf den Gräbern und auf
    den Bäumen.
    Jetzt wundere ich mich noch, später lerne ich: Die Juden kennen keinen Blumenschmuck für die
    Gräber; auch bei den Begräbnissen bringt niemand Blumen mit – treue Erinnerung an das damals
    weithin blumenarme Heilige Land? Es sieht so aus, als wenn der Friedhof allenfalls einmal im Jahr
    grob gereingt würde, allerdings finde ich nirgendwo Abfall – nur den Plastikfetzen eines holländischen
    Tabakpäckchens und an einer anderen Stelle eine kleine braune Bierflasche neben einer Bierdose mit
    der Aufschrift des billigsten Aldi-Bieres.
    Von zuhause aus frage ich mich durch und höre: Der Landesverband der jüdischen Gemeinden
    betreut selbst alle 230 Friedhöfe im Land Niedersachsen. Zweimal im Jahr wird das Gras geschnitten,
    das Laub zusammengerecht und angefallener Müll fortgeschafft – mehr gibt der Etat des
    Landesverbandes hierfür nicht her. Einige Friedhöfe werden noch belegt; dort enden die Jahreszahlen
    aus dem letzten Jahrhundert nicht mit dem Fortzug der letzten Juden in größere Städte, ins Gelobte
    Land oder in die neue Welt und aus diesem Jahrhundert nicht mit Jahreszahlen aus den Dreißiger
    Jahren, denen ich immer zunächst misstraue, denn was war in den Dreißiger Jahren bei Juden ein
    natürlicher Tod!
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    „Salomon und Berta Nussbaum, 1928 und 1925 gestorben“ -, der erfolgreiche Seesener Kaufmann
    und seine 2. Frau. In der Juden-Chronik stehen 5 Kinder aus 1. und eins aus der 2. Ehe verzeichnet.
    Die kargen Angaben sind Stichworte zu Dramen: Julius: 1886 geboren, 1942 Selbstmord auf dem
    Transport nach Auschwitz, Moritz, geboren 1888, gestorben 1943 in Auschwitz, Henry, geboren 1890,
    emigriert, zurückgekehrt, gestorben in Seesen 1962 – aber wo ist sein Grab?
    Martha, als Säugling 1983 gestorben. Am meisten erfahre ich von Siegfried Nussbaum, 1896 geboren;
    er war der letzte Aufseher der Seesener Synagoge. 1937 hat er ein Grabstättenverzeichnis des
    Judenfriedhofs angefertigt. Als die Nazis und ihre willigen und aufgehetzten Helfer in der Nacht zum
  2. November 1938 im ganzen Reich die Synagogen niederbrannten, fanden sich auch in Seesen
    solche Brandstifter im Namen des Führers.
    Der Synagogenaufseher Siegfried Nussbaum, über dessen Bett seit gerade einem Jahr die
    Verleihungsurkunde des Führers für das mit großer Verspätung verliehene Erinnerungs-Ehrenkreuz
    für Frontkämpfer im 1. Weltkrieg hing, wurde aus seiner Wohnung geholt, niedergeschlagen und durch
    Schüsse so schwer verletzt, dass er nach vier Tagen starb.
    Gertrud, das 1904 geborene jüngste Kind der Nussbaums, ist nach Australien ausgewandert, hat dort
    geheiratet und ist dort im Frieden, aber sicher in quälender Sorge um ihre im judenfeindlichen
    Deutschland zurückgebliebenen Angehörigen gestorben.
    Zehn Jahre nach der barbarischen „Reichskristallnacht“, wurde in einem Prozeß in Braunschweig
    auch über die Beteiligten an der Misshandlung des Siegfried Nussbaum Recht gesprochen: Einer
    wurde wegen Mangels an Beweisen und weil der Tote keine Aussagen hinterlassen hatte, freigesprochen; einer erhielt wegen Körperverletzung im Amt sechs Monate Gefängnis, ein dritter bekam
    wegen schwerer Körperverletzung fünf Jahre Gefängnis, die er wahrscheinlich nicht voll verbüßen
    musste. Als Hauptschuldige wurden zwei auswärtige SS-Führer bezeichnet; aber die hatte niemand
    mehr kennen und behelligen wollen.
    Ich gehe weiter, lese, nach einem Schriftanfang in hebräisch: „Hier ruht Gott meine liebe, gute,
    unvergessliche Schwester, Schwägerin und Tochter, Frl. Betty Weinberg, geb. 1853, gest. 1916“.
    „Ruhestätte der geliebten Eltern Gotthold Cohn und Minna Cohn, geb. Weinberg,“ unten auf dem
    Stein, nachgetragen: „Zum Gedächtnis des Sohnes und Bruders Hermann Cohn, gefallen am
    23.11.1917“ – der in Pyrmont tätig gewesene Handlungsgehilfe starb als Gefreiter an der Somme in
    Frankreich den sogenannten Heldentod.
    Hier muss ich ein Erinnerungsschild ergänzen, das die Cohns nicht mehr anbringen konnten: Zur
    Erinnerung an die Tochter und Schwester Ilse, die in einem Konzentrationslager umgekommen ist.
    Eine Erinnerungstafel verdient hätte auch Elses Mann Fritz Bloch, Schlachter in Seesen, geb. am 2.
    Juli 1882, gestorben in Seesen am 12. Februar 1949. Die Juden-Chronik von Seesen hält fest: Er war
    mehrere Jahre im Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert und hat dort zahlreichen Häftlingen
    beistehen und manchem das Leben retten können. Erst als Fritz Bloch nach Seesen zurückkehren
    konnte, erfuhr er, dass seine Frau Else und die Tochter Ruth, die als 18jährige nach Holland (also ins
    falsche Fluchtland) geflohen war, in anderen KZ´s umgekommen waren. Fritz Bloch lebte noch vier
    Jahre in Seesen, aber die bitteren und einsamen Nachkriegsjahre machten dem an Leib und Seele
    Geschundenen wohl den Abschied vom Leben leicht.
    Ich steige weiter durch dichtes Efeu. „Hier ruht der Kaufmann Georg Freudenthal, geb. in Bodenfelde
    am 18.1.1832, gest. in Seesen am 17.4.1899“. „Hier ruht meine liebe Frau, unsere gute,
    unvergessliche Mutter Rosa Nussbaum, geb. Scheideberg, geb. 1856, gest. 1902.“ Auf einigen
    Gräbern ist das Moos so stark über die Steinplatten gewuchert, dass ich die Namen kaum entziffern
    kann: Chora Hamm, geb. Kuftermann, geb. 1828, 1865 gestorben“. Diesen Namen finde ich nicht in
    der Chronik; aber dort ist als Ehefrau des Tierarztes Wolf Hamm eine Charlotte Thekla Hamm, geb.
    Kohlberg angegeben, die das gleiche Geburtsjahr hatte und 87 Jahre alt wurde; die Hamms waren
    eine weitverzweigte Familie. Im angegebenen Todesjahr gab es, wie ich später herausfand, am 25.
    August einen Großbrand im Gebäudekomplex des Kaufmanns Julius Hamm.
    Mehr am Rand eines Gräberfeldes liegt eine kleine weiße Marmorplatte, deren schwarz eingelassene
    Schrift noch gut lesbar ist: „Hier ruht Frau Röschen Goldschmidt, geb. am 2. Mai 1812, gest. 6. Juli
    1875“. Etwas weiter: „Abraham Bremer, geb. 1778, gest. 1889“. Die Zahlen sind teilweise
    übergehauen; womöglich wurde der Stein zweimal benutzt, denn Abraham Bremer ist natürlich nicht
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    111 Jahre alt geworden, 1868, immerhin 90jährig, gestorben. „Unsere geliebte Mutter, Motel Ehrlich,
    geb. 1787, gest. 1868“ – auch an diesem Stein wurden die Zahlen übergemeißelt.
    Über eine Familie Ehrlich sagt die Chronik nichts – und sie lässt auch im Dunkeln, wem der folgende
    große Stein gewidmet war, der unüblicherweise sogar den Familiennamen der hier Bestatteten
    verschweigt: „Hier ruht Isabella, geb. in Jamaika am 24. Dezember 1833, gest. in Seesen am 24. April
    1867“. Ich fand bisher keine weiteren Angaben über diese Frau, die es in dieses abgelegene deutsche
    Städtchen verschlagen haben muss und die 33-jährig hier in Seesen gestorben ist; woran, unter
    welchen Umständen wohl? War sie eine Bedienerin oder Köchin oder Dienstmagd, die nur unter ihrem
    Vornamen bekannt war und deren Papiere verloren gegangen waren? Woher wusste man dann aber
    ihr Geburtsdatum – oder hat man das nach ihrer Altersangabe und der Kenntnis ihres Geburtstages
    zurückgerechnet? Ist sie auf der Durchreise, in der Postkutsche oder nach einem Reiseunfall
    gestorben? Und warum wurde sie auf dem Judenfriedhof bestattet und wer hat ihren großen Grabstein
    gestiftet? War das Jahr 1867 eines der Brandjahre?
    Im Seesener Heimatmuseum gibt es eine Brandchronik. Es hat sehr oft in Seesen gebrannt und es
    waren viele Großfeuer dabei, die in manchem Jahr ganze Stadtviertel vernichtet haben, auch noch im
  3. Jahrhundert, das mich in diesem Zusammenhang besonders interessiert.
    Eine Teilantwort fand ich auf die Frage nach Isabellas Todesursache; aber sie lässt mir noch keine
    Ruhe: Am 3. April 1867 hat es in Seesen gebrannt – und ein Brand in Seesen hat ja selten nur ein
    Haus vernichtet; drei Wochen nach dem Brand ist Isabella gestorben. Dieser geheimnisvollen Frau
    werde ich noch auf eine besondere Weise nachspüren…
    Ich will den Friedhof auch von rechts oben aus fotografieren, habe jetzt die höchste Stelle erreicht.
    Auch von hier aus sehe ich gut auf die gegenüberliegenden Häuser. Ich setze mich auf eine
    Grabmauer, sie ist kalt; ich nehme meine Mütze ab und setze mich darauf; ich verweile gern hier.
    Warum steht hier keine Bank? Würde das dann zusätzlich einen Abfallkorb mit Leerungsbedarf
    erforderlich machen? Will man nicht, dass hier jemand verweilt? Darf man nicht sitzen vor den
    liegenden Totengebeinen? (Ich erkundigte mich und erfuhr später: Nein, es gibt keine Bänke auf
    jüdischen Friedhöfen; man steht vor den Toten – ich hätte mich hier nicht niedersetzen dürfen. Ich
    wage gar nicht zu fragen, wie Juden das werten, wenn ein Nichtjude ihre Gräber besucht, aber ich
    habe ein gutes und gefestigtes Gewissen dabei.)
    Ich versuche mir vorzustellen, wie hier Angehörige verweilen, die vielleicht von weither kommen, die
    alt und gehbehindert und einfach müde sind? Ich stelle mir auch vor, dass sie Wehmut ankommt,
    wenn sie sehen, wie das hier verfällt. Oder kommen gar keine Angehörigen mehr? Seesen hatte eine
    besonders große jüdische Gemeinde; das erfahre ich aber erst später, von Göttingen aus, gibt es
    keinen jüdischen Ansprechpartner mehr in Seesen…
    Ich finde in diesem hochgelegenen Teil des Friedhofs noch einige Gräber aus der Zeit 1780 bis 1860.
    Am obersten Teil eines stattlichen Grabsteins hinter einer Familiengruft sehe ich, dass hier jemand mit
    ungeübter Hand und weißer Kreide versucht hat, die Umrisse zweier nach unten geöffneten Hände
    wieder sichtbar zu machen. Die dünn eingemeißelten, Segen spendenden Hände bedeuten, dass es
    sich um das Mitglied einer Cohen-Familie handelt; die Cohen waren die Priester, dieser hier war der
    Anschel Bremer. Seine Kinder haben in großer Schreibschrift verewigt: Hier ruhet unser geliebter
    Vater Anschel Bremer. Darüber die zwei und darunter die fünf hebräischen Abkürzungsbuchstaben.
    Das Sterbejahr 1861 weiß ich nur aus der Chronik. – Es hat noch einen Stein mit schön gemeißelten
    Priesterhänden gegeben, den von Meister Cohn, gestorben 1892, aber das konnte ich nicht mehr
    finden; es wird einer der nach vorn umgestürzten Steine sein, die man einfach liegen ließ.
    Die meisten Grabsteine beginnen mit zwei hebräischen Buchstaben: die Abkürzung für „Hier ruht“…
    Dann folgt eine manchmal ausführliche Formulierung wie „… der ehrenwerte Herr S…“. Es ist den
    Angehörigen auch wichtig, für die Nachwelt festzuhalten, dass der Verstorbene eifrig im Studium der
    heiligen Schriften und ein redlicher Mensch war.
    Auch Hinweise auf die Nachkommenschaft sind üblich. Die meisten Steine haben kürzere hebräische
    Inschriften, aber die fünf Abkürzungsbuchstaben für den Segenswunsch dürfen nicht fehlen: „Ihre oder
    seine Seele sei eingebunden in den Bund des ewigen Lebens.“ Diese Schlussformel ist nicht nur ein
    frommer Wunsch, sondern der Anspruch auf das ewige Verbleiben der Gebeine.
    Hier fällt mir noch eine kleine gebogene Steinplatte auf, die so aussieht, wie die Gesetzestafeln, mit
    denen Moses abgebildet wurde; nach hebräischer Einleitung steht: Hier ruht in Gott unser geliebtes
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    Enkelkind Moritz Bauer, geboren 1869, gestorben 1879. Dieses Kind ist zehn Jahre alt geworden. Die
    jüdischen Familien hatten aus heutiger Sicht viele Kinder, aber viele starben auch schon als
    Kleinkinder, wurden in ein Leinentuch gehüllt und in einem unterschiedslos schmucklosen Brettersarg
    (auf den alle Juden stolz sind und ich beneide sie um diesen bei Christen entarteten Brauch) der Erde,
    den dort gesammelten Glaubensgenossen und Gott anvertraut.
    „Der Herr hats gegeben, der Herr hats genommen.“ Und wieso Tränen? In wessen Hände fallen wir
    denn?
    Der nächste Stein spricht mich merkwürdig an. Die einfachen Worte lösen unerwartete Gedankenketten aus: „Hier ruht unser geliebter Vater Herschel Bremer“.
    H. B., das sind auch meine Initialen. Vielleicht würde ich, wenn ich, wie Jesus, Heinrich Heine und
    dieser Herschel hier in eine jüdische Familie hereingeboren worden wäre, auch Herschel Bremer
    heißen statt Helmut Brinks.
    Wieder einmal fällt mir die Behauptung des jungen israelischen Kollegen David Grossmann ein:
    „Schriftsteller zu sein, bedeutet irgendwie Jude zu sein – auch wenn man Japaner ist“. Bei mir kommt
    nun aber etwas hinzu und dies ist wohl eine passende Stelle, es einmal anzusprechen und in mir
    selbst hochzuholen.
    Wenn man sich bewusst im letzten Lebensdrittel befindet, rechnet man wohl unwillkürlich einiges
    zusammen und sucht Zusammenhänge zu erkennen. Es gab einige besonders merkwürdige Zufälle in
    meinem Leben und ich finde es immer wieder einmal lohnend, über bestimmte Konstellationen und
    über auch denkbare Alternativen nachzudenken. Zu mehreren Abschnitten meines Lebens stelle ich
    jetzt wie ein Kleinkind Warum-Fragen.
    Es gibt da eine sehr persönliche Warumfrage zum Warschauer Ghetto, die ein Foto auslöste: Das
    wohl bekannteste Foto aus dem Warschauer Ghetto zeigt eine Gruppe von Frauen und Kindern, die
    mit erhobenen Händen aus einem Torgang kommen; einige sind mit Taschen und Säcken beladen,
    einige blicken sich um nach den deutschen Soldaten, die ihre Maschinenpistolen im Anschlag halten
    und die Judengruppe offensichtlich vorantreiben. Im Vordergrund stolpert mit erhobenen Händen,
    sichtlich ängstlich und weinend ein 8-10-jähriger schmächtiger Junge mit einer ihm viel zu großen
    Schirmmütze.
    Dieser Junge nämlich könnte ich sein. Könnte. Und das ist keine weit hergeholte Möglichkeitsform,
    denn auch ich stand in etwa gleichem Alter, an einem Tor zum Warschauer Ghetto – nur: ich stand auf
    der Sonnenseite; ich, für zwei Jahre Schüler des deutschen Gymnasiums in Warschau, holte
    manchmal am Spätnachmittag zusammen mit meiner Mutter meinen Vater ab, der als Abteilungsleiter
    im Straßenverkehrsamt der zivilen deutschen Stadtverwaltung oft auch mit den Verantwortlichen an
    den Ghettotoren zu verhandeln hatte – ich weiß nicht was, denn nach dem Krieg habe ich meinen
    Vater nur noch wenige Wochen als an Gefangenschaftsentbehrungen Sterbenden erlebt. (Mein Vater,
    Waisenkind, gelernter Bergmann, war jahrelang arbeitslos gewesen, wurde begeisterter Nationalsozialist, qualifizierte sich in einer kaufmännischen Privatschule und bekam eine neue Berufs-Chance,
    als in Polen das deutsche Generalgouvernement und darin auch Zivilverwaltungsbehörden errichtet
    wurden. Im heimatlichen Oberhausen waren wir ausgebombt; meine Schulklasse war nach Rügen
    evakuiert und meine Mutter richtete uns in Warschau ein neues Heim ein. Uns war eine edel
    ausgestattete Wohnung in der Hafenstraße zugewiesen worden, die, wie wir wegen eines im
    Kleiderschrank zurückgebliebenen Kartons mit Zahnarztbestecken vermuteten, zuvor einem Zahnarzt
    gehört hatte – vielleicht einem Juden, der ins Ghetto umziehen musste. Als ich auf Rügen
    krankgeworden war, holten mich meine Eltern im Frühsommer 1942 nach Warschau.)
    Jetzt frage ich mich: Welchem Zufall verdanke ich, dass ich nicht jener Junge mit der großen Mütze
    war? Ich weiß inzwischen, dass er Zvi Nussbaum hieß und Bergen-Belsen überlebt hat. Mein
    unbehagliches Gedankenspiel: Was wäre aus mir und meinem Leben an seiner Stelle geworden,
    wenn ich nicht nur Zeuge der Szene gewesen wäre und wenn uns etwa bei einer allgemeinen
    Aufmerksamkeitsablenkung jemand gezielt in verschiedene Richtungen gedrängt hätte – mich zu der
    Gruppe der abgeführten Juden – Zvi zu meiner Mutter, die an einem Mauerstück stand, auf der mein
    Mantel mit dem HJ-Abzeichen am Kragen lag?
    Den Herschel Bremer finde ich nicht in der Juden-Chronik; vielleicht wurde auch er zu einem
    Namenwechsel gezwungen. In der Rückseite eines anderen Grabsteines steht: Hier ruht die Ehefrau
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    des Abraham Bremer; die hebräisch beschriftete Vorderseite wirkt sorgfältiger, liebevoller gemeißelt.
    Ob der Stein für beide Eheleute gilt? Die ältesten Steine haben nur hebräische Inschriften. Um 1820
    hatten sich die auch die auf eine weitgehende Eindeutschung zielenden Reformen des Isaak
    Jacobson in Seesen durchgesetzt, deshalb gab es seit dieser Zeit noch früher als auf anderen
    jüdischen Friedhöfen zuerst zweisprachige Inschriften, später nur noch deutsche.
    Mit einigen Namen aus der Chronik der Juden in Seesen kann ich die Grabschrift der Bremers
    ergänzen: hier liegen der Schlachter Abrahams Bremer, geb. am 16. Juni 1778 in Seesen, 90-jährig,
    am 22. November 1868, hier gestorben, und seine 12 Jahre jüngere Luise, eine geborene Brinkmann,
    die zehn Kinder zur Welt gebracht hat; drei sind schon als Kleinkinder gestorben, der Bub Meyer und
    seine zwei Jahre jüngere Schwester Lea starben am selben Tag, dem 30. April 1827. Noch etwas
    Bemerkenswertes erfahre ich aus der Chronik: Die Kinder der Familie Bremer haben meist zwei
    Namen: Edel heißt zugleich Elise, Esther heißt Emma, Isaak heißt auch Eduard und Bella wird auch
    Bertha genannt – die gewaltsam eingedeutschten Vornamen sollten einerseits ein vorsorglicher
    Schutz sein, aber viele mussten auch auf Geheiß der Obrigkeit, die auch bis nach Seesen hin wirksam
    war, ihre Familiennamen ändern, manchmal nicht nur einmal: zur angeblich besseren Einordnung und
    Datenverarbeitung, der man sich hierzulande schon zu Federkiel-Zeiten mit großem Eifer widmete.
    Was tu ich euch an, ihr vom Waldboden aufgenommen Alt-Seesener? Findet ihr es schlimm, dass ich
    euch so nahetrete und eure Namen entziffern will? Störe ich damit euer Einssein mit dem Ewigen? Ich
    bitte euch, seht es mir nach, aber lasst mich wissen: Was wollt ihr uns sagen, was müssen wir wissen,
    was soll verborgen bleiben?
    Einige Gräber gehen hier über in den Waldboden, einige, vermute ich, wurden schon mit Walderde
    überschwemmt. Efeu hat sich ausgebreitet und kleine Himbeerpflanzen. Auf einem kleinen Stein
    erkenne ich mühsam: Herschel Stern oder Stein. Beide Namen kamen in Seesen vor. Überall steige
    ich hier über zunächst nicht sichtbare Platten unter dem Farn und Efeu, offenbar hat sich das Gelände
    auch mehrfach verschoben und verzogen – und die Gräber mit ihren Steinen und Ummauerungen
    sind mitgerutscht, zum Teil auch übereinander.
    Als der Wissenschaftler und Schriftsteller Gerschom Scholem als über Siebzigjähriger in seine
    Geburtsstadt Berlin zurückkehrte, um das Grab seiner Eltern zu suchen, geriet er wohl in eine
    ähnliche Situation und soll gesagt haben: „Man braucht ein Hackmesser, um sich über dem Grab
    seiner Vorfahren einen Weg durch die angewachsene Zeit zu schlagen.“
    Der Friedhof wird im hinteren Halbrund von hohen Akazienbäumen umgeben; ich nenne diese auch
    bei uns beliebten Friedhofsbäume Akazien, aber es werden die ihnen sehr ähnlichen Rubinien sein.
    Ich wundere mich über diese Baumart, schlage zuhause nach und lerne: In der Nähe des Toten
    Meeres und im Jordantal wachsen Akazienarten: die Stiftshütte wurde mit Akazienholz gebaut, auch
    die heiligen Geräte wurden aus dem schön gemaserten Holz gedrechselt; es ist härter als Eichenholz,
    sehr haltbar und wird von holzfressenden Insekten gemieden. Offensichtlich aber nicht vom Efeu:
    Mehrere der sehr hochgewachsenen Bäume sind von mächtigen Efeusträngen eingeschnürt, die sich
    beinahe bis in die Krone hochgehangelt haben. Die gewaltigen Efeumassen haben aber erstaunlicherweise die Bäume nicht erstickt; nur die unteren Äste sind abgestorben, die Kronen sind über
    alles Efeu erhaben…
    „Hier ruht der gute, geliebte Vater Salomon Kusel, geb. 1788, gestorben 1858“. Sein Sohn Joseph
    wird den Stein errichtet haben; nur er hat seine sehr früh gestorbenen drei Geschwister überlebt, hat
    die Jacobsonschule besucht und ist später Hamburger Bürger geworden.
    In diesem Waldstück, betont am Rande der Stadt, wollten die jüdischen Mitbürger ihre Toten
    bestatten. Von Moses heißt es in der Bibel: Da begrub Er (Gott) ihn im Tal im Lande Moab. Moses
    wurde also von Gott selbst und befremdlicherweise in Feindesland begraben; niemand weiß aber
    mehr, wo. Deshalb begruben die Israeliten ihre Toten gern in abgelegenen, stillen Tälern, die
    Jerusalemer in Kidrontal.
    Vielleicht war das hier das Kidrontal der Seesener Israeliten, die hier die Auferstehung erwarteten.- Ich
    erfahre später aus Gerhard Ballins Chronik, dass Israel Jacobson, der große jüdische Wohltäter der
    Stadt und der hiesigen jüdischen Gemeinde, 1805 ein großes Waldwiesenstück am Nordhang des
    Hesseberges, der auch heute noch aus mir nicht ganz geheuren Gründen von den Seesenern
    Lauseberg genannt wird, für die jüdische Gemeinde zur Bestattung ihrer toten erworben hat. Die
    jüdische Gemeinde musste aber eine Zufahrtsstraße erwerben.
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    Der Friedhof liegt heute etwa 100 Meter oberhalb der jetzigen Dehnestraße; früher wird dies ein sehr
    entlegener Ort gewesen sein. Gehörte auch der untere Steilhang zur Straße hin früher zum Friedhof;
    waren auch dort Gräber? Die Stadt hat sich ausgebreitet, ist hierhin gewachsen. Heute ist die
    Dehnestraße ein anspruchsvolles Wohngebiet mit freistehenden, größeren Häusern mit sehr viel Platz
    um die Grundstücke herum. Teilweise sind es parkartige Gärten; in einem dieser gehobenen Art sind
    mehrere Gärtner dabei, den Weg vom Haus bis zur aufwendigen Gartenlaube neu zu gestalten.
    Dieses Haus, erfahre ich später, gehört dem früheren Generaldirektor der Züchnerwerke.
    Der Friedhof hat zur Straße hin einen Jägerzaun, der in einen älteren Wildgitterzaun übergeht.
    Vielleicht soll er Rehe abhalten, zu den Blumenbeeten der Bürgergärten hinüberzuwechseln…
    1837 konnte durch die Zuwendung einer alleinstehenden adligen Dame ein angrenzendes
    Gartenstück dazugekauft werden. Genau hundert Jahre nach der Erweiterung, mitten im tausendjährigen Reich der Nazis, (zu dem ich auch einmal gehört habe und in das ich mitverantwortlich
    hineingewachsen wäre: ich war als 10-jähriger Schüler in Warschau auch schon für die Ausbildung in
    einer Nazi-Kader-Schule ausgewählt worden; wenn der russische Vormarsch diesen mich damals
    begeisternden Weg nicht verbaut hätte…), 1937 also erwarb der im ganzen Reich bekannte Seesener
    Konservendosenfabrikant Fritz Züchner, dessen stattliches Anwesen unmittelbar an den Judenfriedhof
    grenzte, das gesamte Gelände und ließ es einzäunen. Ich erfahre später, dass Züchner mit jüdischen
    Kaufleuten in Gandersheim und Seesen gut zusammengearbeitet und sogar gemeinsame Stiftungen
    errichtet hat.
    Die Einzäunung hat die Seesener Judengräber weitgehend geschützt, denn nur wenige Metallplatten
    sind von den Familiengräbern gestohlen und anders als in Gandersheim sind nur wenige Grabsteine
    in der Nazi-Zeit umgestoßen worden.
    Die Kehrseite erleben nun aber die heutigen Friedhofsverwalter vom Landesverband der jüdischen
    Gemeinden Niedersachsens: Wenn ich sie richtig verstanden habe, wollen sie die ständig weiter
    abrutschenden Grabstätten abstützen, die abbröckelnden Kunststeineinfassungen einiger Gruften
    erneuern und wohl auch die tonnenschweren umgestürzten Grabsteine wieder aufrichten und
    verankern. Es gibt aber keine befahrbare Zufahrt mehr zum Friedhof – die ist bei der besonders
    aufwendigen Neugestaltung der Dehnestraße wohl vergessen worden – und die Verhandlungen mit
    der Stadt und der Stadt mit dem jetzigen Zauneigentümer über eine Öffnung des Zaunes und die
    Überbrückung des kleinen Straßengrabens scheinen sich schon lange hinzuziehen.
    Der Friedhof verfällt eh, mögen die Straßenbauer überlegt haben; neue Bestattungen sind nicht zu
    erwarten, weil keine Juden mehr in der Stadt leben, also wird der neuangeschüttete steile Fußweg
    ausreichen. Aber inzwischen haben die Verantwortlichen in Seesen ebenso wie ich gelernt, dass
    jüdische Friedhöfe nicht aufgegeben werden. Und sie hätten folgern müssen, dass an einem für ewige
    Zeiten gedachten Friedhof auch gelegentlich Bauarbeiten vorzunehmen sind – wozu man
    landesüblicherweise das Baumaterial und die nötigen Geräte bis an die Baustelle heranfährt.
    Aus der ersten Zeit sind keine Grabsteine erhalten. Ich vermute, dass sie nach hinten in eine sehr tiefe
    Senke abgerutscht sind. Vom höchsten Punkt des Friedhofs aus fällt es auf, dass es hier unmittelbar
    und ohne Abgrenzung in die Tiefe geht. Es will mir nicht einleuchten, dass die Friedhofsplaner diese
    riskante Stelle nicht abgesichert hätten, wenn sie damals schon vorhanden gewesen wäre.
    Vielleicht hat es oben rechts einen größeren Erdrutsch gegeben, der auch einen Teil des Friedhofs
    weggerissen hat. Wie sich das Gelände heute darstellt, scheint mir dies noch wahrscheinlicher zu sein
    als die von Ballin genannte Möglichkeit, dass zunächst hölzerne Grabschilder verwendet worden sein
    könnten, die nach ihrer Vermoderung die frühen Gräber nicht mehr erkennbar machten. Ich nehme an,
    dass im gebührenden zeitlichen Abstand auch Bestattungen übereinander üblich waren.
    „Hier ruht der gute, geliebte Vater Salomon Kusel, geb. 1788, gestorben 1858“. Sein Sohn Joseph
    wird den Stein errichtet haben; nur er hat seine sehr früh gestorbenen drei Geschwister überlebt, hat
    die Jacobsonschule besucht und ist später Hamburger Bürger geworden.
    Die hier verbliebenen vier breiten Steinstufen deuten an, dass dies einmal eine gepflegte Anlage war.
    Aber wieso sehe ich nur noch vier Stufen? Das Gelände verlangte viele Stufen. Zwischen den
    dichtesten Gräberreihen gehe ich über Erdstufen, bei denen bereits brüchige, schmale Bretter, mit
    8
    gedrehten, rostigen Eisenstäben befestigt, mühsam das Erdreich halten – wie auf Waldwanderwegen,
    nur weniger solide.
    Hier finde ich einige dreieckige Platten, eine Art Kunststein, jetzt moosbedeckt; der grobporige
    Betonguss lockt das Moos geradezu an, die Schriften sind durchweg unlesbar, efeuüberwuchert; das
    waren wohl die bescheidensten Gräber. Auch die Familiengräber haben keine protzigen Grabsteine;
    am meisten wurde dieses einheitliche Gusssteinmaterial verwendet, das wohl preisgünstig war – oder
    war das neuartige Material als besonders beständig angepriesen worden? Die größeren Teile sind
    gerissen, abgebröckelt; in diesem abschüssigen Gelände dringend renovierungsbedürftig, wenn der
    Friedhof Bestand haben soll. Und das soll er.
    „Unsere Friedhöfe sind ewige Friedhöfe“, erfahre ich von einer freundlichen Mitarbeiterin beim
    jüdischen Landesverband in Hannover, die mir sogar am Telefon gern Auskunft gab, als ich ihr meine
    Absichten und meine Wissenslücken schilderte.
    Nur vier schwarze Granitsteine sehe ich noch, dicht beieinander, auf dem relativ ebenen Mittelstück
    mit den größeren Gräbern, das sind die nach dem Krieg errichteten Gedenksteine, die etwas fremd
    wirken, freilich dazugehören, weil sie an verschleppte und fernab ermordete Gemeindemitglieder
    erinnern.
    An der höchsten Stelle auf dem rechts liegenden Hügel steht eine quadratische Säule mit einer antik
    wirkenden eingemeißelten Urne. An der Vorderseite ist eine gusseiserne Platte befestigt, die völlig
    verrostet ist und die vermutbar deutsche Schrift nicht mehr entziffern lässt. Vielleicht ist dies eine
    Widmungsplatte, aber sie verschließt sich mir. Ich fotografiere sie, vielleicht kann ich das Dia-Bild
    dann besser erkennen. Nein, auch dies gelang mir nicht, aber bei meinem zweiten Besuch errate ich
    nur einige Silben: Später erfahre ich, dass dies die Erinnerungstafel an Israel Jacobson sein könnte,
    den Großen Wohltäter, dem nicht nur die Juden in Seesen viel verdanken: auf ihn und auf die
    Steinwegs stoße ich oft bei meinen Erkundigungen. Diesem bedeutenden Menschenfreund muß ich
    meine private Gedenktafel errichten: Israel Jacobson, Philantrop, * 17.10.1768 Halberstadt, +
    13.09.1828 Berlin, braunschweigischer Hof- und Finanzrat, verwendete seine Kenntnisse, seinen
    Reichtum und Einfluss an deutschen Fürstenhöfen zur sozialen und geistigen Hebung seiner
    jüdischen Glaubensgenossen. Ihm war es zu danken, dass die Juden des Königreich Westfalen 1808
    eine der französischen nachgebildete Konsistorialverfassung erhielten, und dass in einzelnen Staaten,
    wie Braunschweig und Baden, die Leibzoll abgeschafft wurde.
    Als Präsident des jüdischen Konsistoriums in Kassel und später in Berlin schuf er einen zeitgemäßen
    Gottesdienst mit deutscher Predigt und Chorgesang. Schon vordem hatte er Schulen errichtet und
    1801 mit einem Grundkapital von 100 000 Talern die Juden-Schule, eine Realschule in Seesen am
    Harz gegründet.“ (Meyers Bd. 10. 1905)
    Der Name Jacobson kam mir bekannt vor. Ich fand ihn unter Heines Berliner Bekanntschaften wieder:
    Beide wirkten dort in einer Art jüdischer Volkshochschule. Und Heine erwähnt den Einfluß des Dr.
    Jacobson als Neugestalter des jüdischen Gottesdienstes bis nach Hamburg hin…
    Beim Propheten Habakuk steht eine verzweifelte Drohung aus den Zeiten der babylonischen
    Gefangenschaft, die auch für die Juden unseres Jahrhunderts noch gilt. Ich fand sie vor Jahren auch
    im Portalbereich der Alten Synagoge in Essen: „Sogar die Steine in der Mauer schreien dein Unrecht
    heraus, und die Sparren im Gebälk stimmen mit ein.“
    Während ich hier herumgehe und die Grabsteine betrachte, geht mir auf, dass hier auch Verszeilen
    aus den Psalmliedern stehen, die auch auf christlichen Grabsteinen stehen. Wir wählen meist andere
    Ausschnitte. „Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten“, das schreiben sie und wir als Trost in
    den Stein, aber der Anfang dieses Aufstiegsgesangs Nr. 126 kommt nun einmal überzeugender aus
    jüdischem Mund: „Die mit Tränen säen, werden mit Jubel ernten… mit Jubel kehrt man heim…“
    Ich denke auch an Worte aus dem schönen Heimweh-Psalmlied Nr. 137, dessen furchtbarer Schlussfluch in christlichen Predigten immer ausgespart wird; aber der Anfang ist halt so poetisch, dass wir
    ihn auch in manchen unserer Leidensphasen nachfühlen können: „An den Strömen Babels saßen wir
    und weinten, wenn wir Zions gedachten; an die Weiden im Lande hängten wir unsere Harfen. Denn
    dort hießen uns singen, die uns hinweggeführt, hießen uns fröhlich sein unsere Peiniger: Singt uns
    eines von den Zionsliedern.“
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    Mir kommt aber eine böse Aktualisierung in Erinnerung: Wie Überlebende und Beteiligte berichteten,
    mussten im Massenvernichtungslager Auschwitz die weit überwiegend jüdischen Todeskandidaten
    zuerst noch leistungsfähigere Brennöfen einbauen und sie danach rund um die Uhr im Akkord
    beschicken, um die Leichenmassen der vergasten Leidensgefährten so schnell wie möglich zu entsorgen. Gelegentlich soll ein Bewacher auf die Idee verfallen sein, den verzweifelt auch zur Verlängerung
    ihres eigenen Lebens schuftenden Leichenverbrennern das Singen zu befehlen. Welche Gemütsregung brachte die SS-Soldaten in dieser Situation wohl auf solche Gedanken? Und: Was konnten die
    Akkord-Arbeiter bei dieser mörderischen Zwangsarbeit singen – doch nicht „Auf der Heide blüht ein
    kleines Blümelein“ oder „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehn“?
    Andererseits ist es mir vorstellbar, dass man sogar solche läppischen Lieblingssoldatenlieder auf
    Befehl ausstoßen, unhörbar innen aber ein Gegenlied singen kann – wie eben den allen frommen
    Juden vertrauten grimmigen Liedschluß aus den Qualzeiten der babylonischen Gefangenschaft:
    „Babylon, auch du wirst bald verwüstet! Gott segne den, der deine Kinder packt und sie am Felsen
    zerschmettert!“
    Jedem Juden vertraut ist aber auch, dass ihre Märtyrer mit dem lang hingezogenen, uralten „ächad“
    starben – „der Herr ist Einer“ aus dem Anfang des Bekenntnisses „Höre Israel, der Herr ist unser Gott,
    der Herr ist Einer“, das jeder fromme Jude tausende Male hört, selbst betet und mit der Segensformel
    beantwortet: „Gelobt sei der Name seines herrlichen Reiches auf ewig und immerdar“. Das ist für mich
    immer wieder überraschend: Die jüdischen Gebete sind überwiegend Anbetung und nicht wie die
    meisten christlichen Gebete Aufreihungen von unseren Sorgen und Wünschen.

    Den Hang zur Straße hin hat man wohl erst nach dem Krieg mit Silber- oder Schwarzpappeln
    bepflanzt. Vielleicht geschah dies aus wirtschaftlichen Gründen, weil Pappeln billig sind und schnell
    ansehnlich werden, es könnte aber auch – gewollt oder ungewollt – darin ein Erinnerungssinn liegen:
    im Psalmlied hieß es, dass die sang- und musizierfreudigen Vorfahren ihre Lauten in die Weiden
    gehängt haben. In Martin Bubers Übersetzung dieser Stelle nennt er die Bäume Pappeln. Mein
    Bibellexikon bestätigt: Gemeint ist wahrscheinlich die Euphratpappel, die in Flusstälern wächst. Ihre
    niedrigen Zweige werden beim Laubhüttenfest verwendet.
    Diese Pappeln hier stammen aber wohl aus neuerer Zeit und sie haben auch schon eine sehr
    stattliche Höhe erreicht und schirmen den Friedhof im Sommer zur Straße hin weitgehend ab. Trotzdem werden die Bewohner der unmittelbar gegenüberliegenden Häuser vom Wohnzimmer aus diesen
    Friedhof im Blick haben; für den ständig unverschlossenen Friedhof ist das sicher auch ein Schutz.
    Hilde Domin schrieb in einer Variation ihres Gedichtes Graue Zeiten“: „Die Toten fürchten sich / Dies
    ist ein Land / in dem die Toten sich fürchten.“
    Ich gehe zwischen den zusammengeschobenen Gräbern nach oben über die provisorischen Stufen.
    Es ist ein tiefer Friede über diesen sonnenüberglänzten Gräbern, ein Garten des Friedens, wie ich ihn
    gesucht habe. Aber wie viele Stürme sind über diesen stillen Ort hinweggebraust. Und wie viele
    Gräber fehlen hier. Mitte 1933 gab es 35 Juden in Seesen, vier oder fünf Familien und einige Alleinstehende, wie die Statistiker sagen; neun sind emigriert, zwei sind in KZs umgekommen, drei wurden deportiert und kamen nie wieder, fünf wurden von irgendwoher zwischen 1933 und 1937 als verstorben nach Seesen gemeldet, und neun haben die Vernichtungsanstrengungen ihrer rassenfanatischen deutschen Mitbürger, die sich damals abgrenzend „Volksgenossen“ nannten und nennen ließen, wunderbarerweise überlebt, aber nur kurz – die ersten Nachkriegshungerjahre haben den Ausgemergelten keine Chance zum Überleben gegeben. Und nach Seesen kam nur einer zurück. An einem Ort wie diesen könnte Else Lasker-Schüler ihr Gebet gesprochen haben, das sie „An Gott“ überschrieb: Du wehrst den guten und den bösen Sternen nicht; All ihre Launen strömen. In meiner Stirne schmerzt die Furche, Die tiefe Krone mit dem düsteren Licht. Und meine Welt ist still – Du wehrtest meiner Laune nicht. Gott, wo bist du? Ich möchte nah an deinem Herzen lauschen, Mit deiner fernsten Nähe mich vertauschen, Wenn goldverklärt in deinem Reich 10 Aus tausendseligem Licht Alle die guten und die bösen Brunnen rauschen. Licht durchflutet die Blätter, denen wohl auch ihre letzten Herbsttage bevorstehen; die Stille wird nur durch Hundegebell in den Gärten gestört, durch eine Baumaschine drüben am Neubau in der Dehnestraße und durch die Baufahrzeuge, die aber nicht unmittelbar hier vorbeifahren. Der Friedhof verfällt, aber auch die christlichen Gräber verfallen in doppelter Hinsicht. Wie trost- und lieblos sehen die alten Göttinger Friedhöfe aus, der Albani-Friedhof und der Batholomäus-Friedhof mit den Gräbern von Lichtenberg und Bürger. Aber ich weiß, dass die Juden ihre Gräber erhalten müssen, dass sie sich zu ihren Vorfahren versammeln, das heißt wohl, ihre Gebeine aufeinander bestatten, in familiärer und vor allem in Glaubensgemeinschaft, das ist ihnen lebenswichtig. Dies hier sind besondere Gräber, von Bürgern, die im Abseits lebten und im Abseits starben und dort bestattet wurden. Sie erwarten hier ihre Auferstehung; deshalb ist es wichtig, weiter ihre Gräber zu erhalten. Ich freue mich darüber, dass hier einige Vogelkästen aufgehängt wurden, wohl von örtlichen Vogelfreunden oder vom Förster. Ich finde es auch gut, dass dieser Friedhof immer geöffnet ist, mit vollem Risiko – aber ich hätte es auch gern, dass unsere Kirchen immer geöffnet wären, weiß aber, dass wir uns dies gegen Ende des 20. Jahrhunderts nicht mehr leisten können. Vielleicht schützt diesen Friedhof nur, dass er so weit abliegt. An den Gräbern sehe ich keine Spur von Frevel, nur Verfall, schade genug. Aber unsere christlichen Friedhöfe, deren Gräber nach amtlichem Sprachgebrauch und nach gezahlter Gebühr oder nach Tarifjahren verfallen, werden abends abgeschlossen; wieso diese ewigen Friedhöfe nicht? Beim jüdischen Landesverband erfahre ich: Verschließen ist nur möglich, wo es organisiert werden und wo auf einen Schlüsselverwalter verwiesen werden kann. Und das soll in Seesen nicht möglich sein? Der letzte Satz des inzwischen gestorbenen Autors der Seesener Judenchronik beschäftigt mich, und ich werde nachfragen, wie diese Frage von Seesener Verantwortlichen heute beantwortet wird: “In einigen der Verträge, die zur Übertragung von Stiftungsvermögen an verschiedene Institutionen führten, wurde von diesen Verpflichtungen zur Pflege von Gräbern und eines Gedenksteines übernommen. Diesen Vertragsverpflichtungen kommt niemand mehr nach. Die Frage bleibt deshalb offen, wer heute dafür zuständig ist.“ Wenn ich hier wohnen würde, würde ich dafür eintreten, dass dieser Friedhof von Bürgern oder auf Rechnung der Stadt erhalten wird, und dass seine Gräber auch durch die friedhofsübliche Besuchszeit geschützt werden. (In Göttingen muss man den Schlüssel zum jüdischen Friedhofsteil in einem Blumengeschäft abholen.) Ich fände es auch wichtig, im Seesener Heimatmuseum in Schautafeln und Vitrinen auf die Geschichte der jüdischen Gemeinde einzugehen. Dort sollten auch die erneuerte Übersicht über die Grabinschriften und die Fotos der Gräber zu sehen sein; ich will mein Material gern zur Verfügung stellen. Hans Sahl, der über 90-jährige Rückkehrer aus der Emigration, hat ein Abschiedsgedicht geschrieben, mit dem er sich zugleich in sterbende Glaubensgeschwister hineinversetzt. Diese gelassenen und getrösteten Worte begleiten mich beim Abschied vom Seesener Friedhof bis zum Jüdischen Friedhof in der Nachbarstadt, von dem ich erst beiläufig erfuhr, als ich schon in Bad Gandersheim war und den ich jetzt auch kennenlernen will: Ich gehe langsam aus der Welt heraus in eine Landschaft jenseits aller Ferne und was ich war und bin und was ich bleibe geht mit mir ohne Geduld und Eile ich bin ein bisher noch nicht betretnes Land. Ich gehe langsam aus der Zeit heraus in eine Zukunft jenseits aller Sterne und was ich war und immer bleiben werde geht mit mir ohne Ungeduld und Eile als wär ich nie gewesen oder kaum. Als ich aus dem Friedhofsgelände kam, bin ich die Straße noch ein Stück in die andere Richtung entlanggegangen und habe am Ende der weitflächigen Einzäunung eine große Freitreppe, derzeit 11 abgesperrt, entdeckt, daneben eine steile Auffahrt; sie führt zu einer alten, sehr hoch gelegenen Villa. Ich vermute, dass dieses an den Friedhof angrenzende Grundstück dem Blechdosenfabrikanten Zü. gehört. Wenn meine Vermutung stimmt, werden sich die jüdischen Friedhofsverwalter mit dessen Nachfolgern über die Zulassung einer wenigstens zeitweiligen Zufahrt zu den Gräbern einigen müssen – hoffentlich vermittelt und helfen Verantwortliche der Stadt Seesen dabei. Vielleicht kann auch ich einige Menschen für diese Anliegen interessieren. Bei meinem 2. Besuch im Seesener Judenfriedhof ist einiges verändert: Inzwischen wurde Laub gerecht und etwas talwärts gelagert, auf einem Grab lagen zwei Sprudelflaschen und ich finde die weiße Marmortafel nicht wieder, die ich vor 14 Tagen beschrieben hatte. Draußen auf der Straße kommt mir eine alte Dame entgegen, die mühsam am Stock geht. Hat sie gespürt, dass ich sie gern etwas fragen möchte? Sie spricht mich an: „Was gibt’s denn da zu sehen? Was haben Sie fotografiert?“ Währenddessen geht ein anderer Spaziergänger vorbei, er grüßt die Dame und ich merke, dass er langsamer weitergeht, weil er auch meine Antwort hören will. Ich berichte von dem Friedhof, dass er mich anspricht und dass ich mir seinetwegen Sorgen mache. Sie weiß natürlich, weil sie offensichtlich hier in der Nähe wohnt, dass dies ein Jüdischer Friedhof ist, sie erinnert sich auch an die Männer, die hier unlängst gearbeitet haben, aber sie war noch nie oben, weil sie zu unsicher geht und weil der Aufweg so steil aussieht. „Schade, dass der Weg heute feucht und etwas rutschig ist“, sage ich, „ich hätte Sie gern hinaufbegleitet.“ Sie hat keine Erinnerungen, weil sie als Flüchtling hierherkam. „Die alten Lehrer müssen Sie fragen“, rät sie mir, „die wissen noch viel. Wir kennen einige, meine Tochter ist Lehrerin“. Ich frage sie nach dem Weg zum Heimatmuseum und erläutere ihr, dass es dort ein Verzeichnis der Grabinschriften geben soll, das der letzte Vorsteher der Judengemeinde, ein Siegfried Nussbaum, angelegt hat. „Ach“, sagt sie, „ein Nussbaum wohnt da oben, ich weiß aber nicht, ob der…“ „Es soll doch keine Juden mehr in Gandersheim geben“, sage ich. „So, das weiß ich nicht“. Sie weiß aber, wem das anschließende Grundstück gehört, nämlich den Nachfolgern der Zuckerfabrik, die jetzt in französischer Hand sei, aber das könne ich alles viel besser von der Familie in dem gegenüberliegenden Haus erfahren, das sei der frühere Generaldirektor der Züchnerwerke. Die Züchners hätten zwei Schlösser gebaut, vor einem stehe die berühmte Quadriga, die der Berliner nachgebildet sei. Ich frage, ob ich die Schlösser besichtigen könne. „Nein“, sagt sie „da wohnt ja noch eine alte Dame drin“. Als ich abfahren will, kommt sie noch einmal zurück und fragt: „Wenn Sie darüber etwas schreiben, steht das dann in der Zeitung?“ Der Leiter des Heimatmuseums hatte schon von mir und meinen Wünschen gehört, hat auch schon nach dem Grabverzeichnis ergebnislos gefahndet. Er ist erst kurz im Amt und hat seine Archivalien noch nicht vollständig gesichtet und vor allem noch nicht katalogisiert. Er bringt mir einen Karton zur Stadtgeschichte des 19. Jahrhunderts und Unterlagen der Familie Steinweg/Steinway. Ich fand nicht, was ich suchte, aber anderes, das ich sehr interessant fand. Einen Tag nach meinem ersten Besuch in Seesen erfahre ich vom Leiter des Gefängnisses in Bad Gandersheim, (den ich kennenlernte, als ich seinen mit Blumen stilvoll geschmückten Gefängnishof fotografierte - seither gestalte ich hier zusammen mit einigen literarisch interessierten Gefangenen ein „Literarisches Cafe“), dass es auch dort einen jüdischen Friedhof gibt. Am Abreisetag unserer
    Wanderung besuchte ich ihn noch vor dem Frühstück; seither war ich fünfmal dort. Ich besuche zwar
    gern Gräber von Dichtern, aber ich bin wirklich kein Friedhofsgänger. Diese jüdischen Gräber aber
    sind für mich etwas Besonderes geworden…
    Bleiben in Bad Gandersheim
    In Bad Gandersheim hat Deutschlands erste bekannte Dichterin gelebt – Roswitha von Gandersheim.
    Die heutige Kurstadt Gandersheim vermarktet die dichtende Äbtissin wirkungsvoll. Roswitha lässt sich
    gut vermarkten; sie muss den Kurbetrieb fördern, ihren Namen für vielfältige Investitionsinteressen
    hergeben, einer Schauspielerin der Domfestspiele, die den Jury-Mitgliedern besonderen Eindruck
    macht, „ihren“ goldenen Ring schenken lassen und ihr zu Ehren vergibt die Stadt mit Hilfe einer
    anderen Jury einen Literaturpreis an eine heutige Schriftstellerin. Diese Schriftstellerin darf beiläufig
    auch älter sein als vierzig – in diesem Lebensalter hat Roswitha „nach heutigem Forschungsstand“
    aufgehört zu dichten. Ich wünsche mir die Auslobung eines Forschungspreises, um herauszufinden,
    wer oder was sie an der Fortsetzung ihrer Schreibfreude gehindert hat.
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    Roswithas so effektiv verwertbares Dichterinnen-Image – mehr kann man schwerlich an Abglanz vom
    Nachruhm einer lateinisch schreibenden deutschen Autorin herausschlagen -, muss wohl auch dafür
    herhalten, die dunkleren Seiten in der Gandesheimer Stadtgeschichte zu überdecken, jene Seiten, die
    in der offiziellen Geschichte der Stadt Gandersheim ebenso auffällig ausgespart sind wie in der
    offiziellen Geschichte der benachbarten 1000-jährigen Stadt Seesen: So sind unter uns Deutschen
    auch wir Niedersachsen; wir geben uns sturmfest und erdverwachsen und was unschön war, decken
    wir zu und übergehen wir.
    Ich bin durch einige bedenkenswerte Zufälle auf jene andere Seite in der Stadtge-schichte gestoßen,
    die mancher wohl gern überblättern möchte. Einmal darauf gestoßen, begann ich mich umzuschauen,
    zu sichten und mich festzulesen: Eine örtliche Buchhändlerin brachte mir auf meine Frage nach
    Literatur zur neueren Stadtgeschichte das dtv-Taschenbuch von Robert Antelme: „Das Menschengeschlecht. Als Deportierter in Deutschland“.
    Antelme war der Lebensgefährte der Autorin Maguerite Duras; sie hat in ihrem Buch „Der Schmerz“
    über ihn geschrieben. Der größte Teil des Antelme-Buches handelt von Gandersheim, dessen
    kulturträchtiger klösterlicher Ortsteil Brunshausen im letzten Jahr der Nazi-Herrschaft eine Zweigstelle
    des KZ Buchenwald war. In den benachbarten Bruns-Apparatebau-Werken wurden Flugzeugteile für
    Heinkel montiert; einheimische Arbeitskräfte waren im letzten Kriegsjahr nicht mehr in ausreichender
    Menge verfügbar, deshalb mussten KZ-Häftlinge und Fremdarbeiter für den Endsieg arbeiten.
    Bei der Auflösung des Lagers wurden die nicht mehr transportfähigen Gefangenen oben im Wald
    erschossen und verscharrt. (Ein alliierter Offizier hatte 1945 den gleichfalls menschenverachtenden
    Einfall, die völlig unschuldigen Gandersheimer Bürgerinnen zu zwingen, die verwesenden Leichname
    dieser Ermordeten mit den bloßen Händen auszugraben und auf den städtischen Friedhof umzubetten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Frauen diese Grausamkeit ohne tiefgreifende Folgen
    bewältigt haben.)
    Antelme kam nach Dachau; dort hat ihn unter Toten und Halbtoten auf einem Leichenhaufen – wieder
    zufällig – ein Freund gefunden, der uns heute bekannter ist: Francois Mitterand.
    Über die KZ-Zweigstelle informierten mich in Gandersheim eine Wandtafel im Heimatmuseum und ein
    paar in Metall gegossene Sätze in der Bronzetafel mit der Klostergeschichte am früheren Klosterkirchenportal in Brunshausen. Weitere Kenntnis verschaffte mir ein zufällig beim Stöbern in der
    regionalgeschichtlichen Lesesaal-Abteilung der Göttinger Universitätsbibliothek entdecktes englisches
    Verzeichnis der deutschen Lager und Gefängnisse in den Jahren 1939-1945. Nach mehreren
    Ausleiheanträgen bekam ich auch einige sich einigermaßen ergänzende Bücher über die Geschichte
    der Juden in der Region zusammen.
    In Brunshausen haben die Nazis noch im Sommer 1944 eine andere böse Zweigstelle eingerichtet:
    die verdächtig harmlos so genannte „Kinderpflegestätte“. Dort sollten schwanger gewordene Zwangsarbeiterinnen abtreiben, entbinden und erleben, wie der Nazi-Staat mit Menschenleben umging, die er
    für „rassisch minderwertig“ ansah. Zufällig fand und schenkte mir eine Mitarbeiterin im Stadtmuseum
    ein Exemplar des mutigen und behutsam aufrüttelnden Forschungsberichtes von Anne-Katrin Race,
    Museumspädagogin in Gandersheim, die sich in ihrem Resümee an die Gandersheimer Bürger mit
    der Anregung wendet, auch die Zeit von 1933 bis 1945 als Teil der Stadtgeschichte zu sehen und
    darüber in Familien, Schulen und Verbänden zu reden und nachzuforschen.
    An der Klosterkirche in Brunshausen, in deren Empore einige von uns hier tagenden Schriftstellern
    kurz vor unseren Lesungen die Eröffnung einer Grafikausstellung mit Buchstabenbildern erlebt haben,
    hängt eine Bronzetafel, die alle Besucher ansprechen soll: „Wer die Vergangenheit vergisst, ist
    verdammt, sie zu wiederholen.“ Drei Tage vor dem Erinnerungstag an die Reichskristallnacht bange
    ich davor, dass immer mehr Verblendete und auf Neo-Nazi-Gedröhn Hereingefallene unter uns auf
    irgendeine Form von Wiederholung Lust haben könnten – und dass die meisten von uns hilflos und
    unschlüssig (bestenfalls noch diskutierend) zusehen und die Entwicklung erst einmal abwarten wollen.
    Der Friedhof der Juden in Gandersheim
    Die Straße, zu der der Friedhofshang seitlich abfällt, führt von der St.-Georgskirche zur St.-
    Georgshöhe. Dieses unauffällig in den Hang gebettete grüne Geviert war sicher einmal ein schön
    gestalteter Friedhof. Jetzt sehe ich nur noch einen Abglanz. Links sind nur noch wenige Gräber
    auszumachen; 13 Grabsteine zähle ich, vielleicht sind es die ältesten; einige sind buchstäblich in die
    Erde gesunken. Die meisten Steine stehen rechts vom Weg; insgesamt kann ich etwa vierzig
    Grabsteine zählen, die fast alle individuelle Unterschiede zeigen: viel roter Sandstein, vor allem nach
    oben hin, eine graue und eine schwarze Säule; ein hellgrauer Grabstein ist schräg abgebrochen, nach
    unten hin stehen mehrere größere Steinquader mit Inschriften auf beiden Seiten, ganz vorn auch
    wertvolle Basaltsteine. Und alles efeuüberwuchert, moosbedeckt, – in der Spätnachmittagssonne eine
    fast wildromantische und gar nicht melancholisch wirkende Gräberlandschaft.
    Draußen vor den Toren der Stadt, im damals wertlosen Randgebiet, aber noch erkennbar liebevoll in
    den Berg geschmiegt… Das beschäftigt mich, und ich versuche, zurückzudenken.
    Im Wallfahrts-Psalmlied 125 sangen sie: „Ewig sicher steht Jerusalem, rings von Bergen umhegt; so
    umhegt der Herr rings sein Volk, jetzt und immerdar.“ Ich kann mir vorstellen, dass diese tröstlichen
    Gedanken mit dazu geführt haben, dass die Friedhöfe in Seesen und Gandersheim in Berghänge
    gebettet wurden. Ich singe ja nicht wie die frommen Juden täglich die uralten Lieder, aber auch mir
    fällt manches Wort aus den heiligen Schriften ein, während ich hier langsam herumgehe,
    bruchstückhaft nur, ich schlage es später nach, so den Beginn des Mose zugeschriebenen 90.
    Psalmlieds: „O Herr, du warst unsere Zuflucht von Geschlecht zu Geschlecht. Ehe die Berge geboren
    waren und die Erde und die Welt geschaffen, bist du Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Du lässest die
    Menschen zum Staube zurückkehren, sprichst zu ihnen: ´Kehret zurück, ihr Menschenkinder!` Denn
    tausend Jahre sind vor deinen Augen wie der gestrige Tag…“
    Und ich entdecke, dass diese Worte sich füllen; zum ersten Mal erlebe ich, dass ich sie nicht nur
    abstrakt „evangelisch“ empfinde; mich berührt ein Hauch ihres originalen jüdischen Ursprungs, von
    dem ich viel wenig weiß.
    Ich stehe jetzt ganz oben im Efeudickicht und fotografiere die Steine, die meisten von beiden Seiten.
    Von der grauen Säule muss ich ganze Efeurankenbüschel wegbiegen und mit Mühe für eine Minute
    an einem Baumast befestigen, bevor ich die Beschriftung freilegen und fotografieren kann.
    Beim obersten Grabstein ist die Schrift aus dem roten Sandstein herausgebröckelt; in einer schönen
    Schreibschrift erkenne ich nur noch „Hier… Gott…“. Erst zuhause kann ich nach meinen Unterlagen
    rekonstruieren: „Hier ruht in Gott Buhne Bremer, geb. 2. Mai 1806, gest. 17. Januar 1868“. Etwas
    tiefer auf einem aus Kunststein geformten Grabmal lese ich: „Hier ruht Levy Sander, geb. in
    Sudheim…“, auf der Rückseite, die aber wohl die Vorderseite war, steht ein längerer hebräischer Text.
    Die nächste Schrift ist auch moosüberwuchert und kann erst später von mir ergänzt werden, als ich
    das Grabstättenverzeichnis vom Heimatmuseum zugeschickt bekam: „Hier ruht Wilhelm Cramer, geb.
    zu Braunschweig, geb. 1798…“
    „Hier ruht Sophie Lichtenthal, geb. Oppenheim, geb. am 6. Aug. 1802, gest. am 28. Nov. 1880,“
    „Samson Blumenthal, geb. 2. Juni 1802 in Moritzburg, gest. 9. März 1873“.
    Es ist sehr mühsam, hier zwischen den nicht mehr auszumachenden Gräbern im kniehohen Efeu
    herumzugehen; der Untergrund ist oft glitschig, weil sich hier Feuchtigkeit ansammelt. In schöner und
    besonders großer Schreibschrift sind zwei benachbarte rote Sandsteine beschriftet: „Hier ruht Werner
    Fels, geb. am 22. Juni 1848, gest. den 22. Nov. 1875. Ruhe seiner Asche.“
    Auf dem Stein daneben, wieder in sehr schwungvoller Schreibschrift: „Hier ruht der Tierarzt J. Fels,
    geb. 7. März 1803, gest. 10. April 1878“. „Hier ruht in Gott die Ehefrau des weiland Notars Simon
    Rosenthal, Buhne“, – der Stein wirkt überschrieben – „geb. Bremer, geb. am 21. Dez. 1783, gest. den
  4. Nov. 1864“.
    „Hier ruht Meta Ballin, geb. in Echte, den 12. August 1819, gest. den 20. Mai 1869“.
    Die meisten Steine auf der linken Seite sind unleserlich; fast alle sind auf einer Seite hebräisch, auf
    der anderen deutsch beschriftet. „Hier ruht mein geliebter Mann, der Kaufmann Franz Lichtenthal,
    geb. am 28. November 1841, gest. am 24. November 19… Ruhe in Frieden.“

Auf der Rückseite der Kunststeinzwillinge steht einmal „Dem Auge fern, dem Herzen ewig nah. Ruhe
sanft, liebe Mutter“. Auf dem Nachbarstein steht nur: „Du warst eine treue Seele. Wir gedenken dein in
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Liebe“. „Hier ruht unsere geliebte Mutter, Pauline Lichtenstein, geb. Illdau, geb., 21. Februar 1832,
gest. 31. März 1903“.
„Anna Ballin, geb. Ballin, geb. am 25. November 1853, gest. 6. September 1921“. Und daneben, auf
dem stattlichsten Granitstein, nahe beim Eingang: Hier ruht der Stadtrat Louis Ballin, geboren zu
Echte am 3. November 1834, gest. zu Gandersheim am 22. März 1818.“
Auf der linken Seite vom Weg: „Hier ruht in Gott die Ehefrau des Stro… Steueraufsehers J. Bremer,
Betti, geb. Friedberg, geb. am 15. Juni 1817 zu Gifhorn, gest. den 1. Juni 1858. Vater, früh hast du sie
uns entrissen, warum…“
Daneben: „Hier ruht in Gott Henriette Bremer, geb. am 20. April 1814, gest. am 13. April 1859, o
weh…“
„Hier ruht Fräulein Röschen Bremer, geb. am 12. Januar 1817, gest. am 10. März 1903“. Dieser Stein
ist sehr verwittert und schwer lesbar: „Hier ruht der Kaufmann Salomon…“, da hat, vermute ich, noch
eine Berufsbezeichnung, gestanden, „geb. in Anhalt am…, gest. 1896. Friede seiner Asche“. Auf der
Rückseite: eine hebräische Schrift.
Auf der Säule ist unter einem Rosenkranz, wirklich einem Kranz von offenen Rosen, eine quadratische
Schriftplatte in den Stein gehauen, darüber noch ein Symbol: ein geöffneter Zirkel, ein Winkel, eine
Axt; es sieht wie ein Freimaurerzeichen aus. Darunter steht: „Louis Bremer, geb. 3. März 1862, hier,
gestorben 14. Febr. 1915 in Braunschweig“. Bei „Fräulein Röschen“ steht auf der Rückseite: „treue
Seele“.
Eben hat mich Besuch unterbrochen; ein älteres Ehepaar, Kurgäste; sie entdeckten den Friedhof
zufällig auf einer Wanderung am Stadtrand, kamen schon zum zweiten Mal hierher – beim ersten
Besuch hatten sie sich noch nicht richtig hereingetraut, auch wohl das Törchen in der falschen
Richtung zu öffnen versucht, jetzt, als sie mich sahen, wagten sie, durch die Gräberreihen zu gehen.
Ich sprach sie an. Sie äußerten Verwunderung und Unverständnis darüber, dass dieser Judenfriedhof
auf städtischen Schriften und Gästeinformationen nicht erwähnt wird. Sie kommen aus Oldenburg, wo
es einen wesentlich größeren jüdischen Friedhof gibt, der auch noch „belegt“ wird.
Ich bin hier sehr nahe am Waldrand, der mit Eichen- und Ahornbäumen beginnt. Die Diakonie hat hier
eine Große Schneise in den Wald geschlagen und darin ihr auffällig gegliedertes Altenheim gebaut; es
sieht noch ganz neu aus.
In Gandersheim gibt es mehrere mit Hinweisschildern angekündigte Wohngebiete; dies wird ein
begehrtes sein. Die den St. Georg-Friedhof umgebende Stadtmauer ist in Sichtweite, daneben liegt
das nagelneue Sportgebiet jenseits des alten Stadtgrabens, dessen Uferwege die Abendsspaziergänger besonders zu schätzen scheinen. „Rudolf-Cahn von Seelen-Stadion“ steht auf den Wegweisern; der Vorsitzende des Südniedersachsen beliefernden Stromversorgers EAM trägt diesen nicht
alltäglichen Namen; hat er sich hier ein publikums- und werbe-wirksames Sport-Denkmal errichtet?
Diese Stadt regt mich an, mich immer wieder in frühere Zeiten zurückzudenken – und sie mit der
Gegenwart und der jüngsten Vergangenheit zu verbinden.
In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 hatten die Nationalsozialisten einen beispiellosen Schlag
gegen die Juden in Deutschland inszeniert: Zeitgleich legten sie im gesamten Reichsgebiet Feuer in
119 Synagogen; 76 jüdische Gebetsstätten wurden dabei vollständig zerstört. In den deutschen
Städten wurden zeitgleich 7.500 jüdische Geschäfte demoliert und geplündert; überall wurden Juden
zu Verhören geschleppt; zehntausende wurden in vorgebliche Schutzhaft genommen, mindestens
25.000 männliche Juden wurden deportiert, überwiegend in Vernichtungslager.
Auslöser dieser lange vorbereiteten Aktion war offenbar die Verzweiflungstat des 17-jährigen Herschel
Grynspan, der aus ohnmächtigem persönlichem Protest gegen die Massenausweisung polnischer
Juden aus dem deutschen Reich (seine Eltern waren mitbetroffen) einen deutschen Botschaftsangestellten in Paris zum Ziel eines Attentats gewählt hatte. Der Unglückliche konnte nicht ahnen,
welch eine teuflische Lawine er damit losgetreten hatte; ich kann mir vorstellen, dass er in der
Folgezeit seinen Tod herbeigesehnt hat. Er wurde 1942 ermordet.
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Diese Seite aus unserer Geschichte ist Teil der unversehens umfangreich und tief werdenden
Nachbereitung meiner Besuche auf den Judenfriedhöfen in Seesen und Gandersheim.
Drei Wochen nach meinem ersten Besuch fuhr ich zum zweiten Mal nach Gandersheim, zum
Parkplatz des Diakonie-Altenheimes, der dem jüdischen Friedhof gegenüber liegt. Ich öffne das in
neuere Bachsteinsäulen eingelassene Holztor; man muss es nach außen öffnen. Das kleine
Holzschild „Jüdischer Friedhof, 1777“ hängt an einem schiefen Standbalken und wirkt verloren neben
dem stattlichen Wegweiser zum Altenheim. Am linken Rand des Geländes steht noch ein dicker, alter
Sandsteinpfosten mit einer Torangel.
Das schmale, trapezförmige Hanggelände auf dem Eckgrundstück dieses gepflegten Wohngebietes
ist von Sträuchern und einigen stattlichen alten Bäumen umgeben: ich bewundere eine riesige
Hainbuche in der linken Ecke; sie hängt übervoll mit gelblichen Fruchtkaskaden, wie ich sie noch nie
gesehen habe: drei- oder vierstöckig unter den Samendrehflügeln.
Eine alte Eiche und eine große Robinie beanspruchen weiteren Platz – schon wieder begegne ich
diesem Baum; der schönste, auch der älteste, steht im Garten des Pfarrhauses in Mechtshausen.
Wilhelm Busch hatte diesen gewaltigen Baum von seinen beiden Zimmern aus immer im Blick; ich
habe ihn durch sein Fenster fotografiert, nur so als Erinnerung. Ein sehr schmaler Weg in der Mitte
führt vielleicht vierzig, fünfzig Meter hoch und ist oben, an der breitesten Stelle, die an den Garten
eines Einfamilienhauses angrenzt, etwa 20 Meter breit.
Links geht das Gelände steil hoch und wird von der Mauer eines Garagengebäudes abgeschnitten,
das wohl zu dem neuen Altenheim gehört. Ja, so wirkt dieser anheimelnde, kleine Friedhof auf mich:
irgendwie zusammengestutzt auf ein Mindestmaß, das man gerade noch hinnehmen kann in diesem
wertvollen Neubaugebiet, vielleicht auch hinnehmen muß wegen der drei alten Bäume, die mit der
wenige Schritte weiter stehenden, mit einem Extra-Schild ausgewiesenen „Luther-Eiche“ in einem
Schönheitswettbewerb stehen.
Auf der linken Seite sind Dutzende kleine Eichen aus dem Boden gekommen. Diese unbändige
Grünkraft, die das Efeu noch verstärkt, sind ein irgendwie tröstender Gegensatz zu dem verfallenen
„Haus des Lebens“ – so nennen die Juden solche Gräberfelder.
In der Mitte des Friedhofs stehen zwei Akazien, die etwas verkrüppelt wirken, vielleicht nicht nur der
Efeulast wegen, die sie tragen müssen, sondern weil die Bäume hier zu eng stehen und sich
gegenseitig das Licht streitig machen. Mehrere abgefallene Äste finde ich bei jedem Besuch herumliegen. Ich weiß, dass viele Gräber fehlen. Dieser Friedhof ist in oder nach der mit der „Reichskristallnacht“ eingeleiteten Anstiftung zur Judenausrottung von Gandersheimern Bürgern plattgemacht
worden. Nach dem Krieg wurden einige lokale Nazigrößen gezwungen, die Grabsteine wieder
aufzurichten. Alles ließ sich nicht mehr zurechtrücken, rekonstruieren; es fehlten Grabsteine,
Metallplatten, Verzierungen.
Ich bin unzufrieden mit meiner unzureichenden Entzifferung der Steininschriften und nehme mir vor,
beim nächsten Mal gründlicher vorzugehen, vorher auch nach Material zu forschen, das die Arbeit
erleichtert. Das hat Monate gebraucht, aber jetzt sehe ich klarer und kann die Gräberliste des um die
Heimatgeschichte sehr verdienten früheren Pfarrers Kurt Kronenberg um einige Angaben zu den
Begrabenen aktualisieren und ergänzen…