Kennst du einen jüdischen Friedhof? Gibt es einen in deiner Nähe? Meine ungeplanten
Entdeckungsbesuche auf zwei Judenfriedhöfen könnten dir zur Einstimmung helfen – und einiges an
Hintergrundwissen vermitteln, das dich zu ähnlichem Nachfragen anregt.
Vor einigen Jahren machten drei Schriftstellerinnen und vier Schriftsteller eine literarische Wanderung
von Northeim bis Delmenhorst. Ich schaffte manche gewaltige Tagesstrecke nicht ganz, deshalb fuhr
ich unser Gepäck und kam den Freunden oft vom nächsten Ziel an entgegen. Mir blieb Zeit für
Abschweifungen, bei denen ich ungeahnte Entdeckungen machte. Ich traf z.B. auf die
Lebensgeschichten von Wilhelm Busch, der Familie Steinweg-Steinway und mehreren Familien aus
Seesen und Bad Gandersheim.
Einige Male konnte ich am gemeinsamen Zielort noch etwas vorbereiten, auch schon mal noch etwas
nachbereiten oder vertiefen und ohne Zeitdruck mit zufälligen oder gesuchten Partnern reden. Und
noch eine Annehmlichkeit ergab sich: ich konnte meinen unbeschränkten Aktionsradius nutzen und
auf Entdeckungen gehen. Beim Wandern und Autofahren habe ich meine Eindrücke und Einfälle in
ein Diktiergerät gesprochen.
Einmal vormittags, zweimal nachmittags, sonst abends haben wir aus unseren Tagesaufzeichnungen
in Schulen und Bibliotheken, auf Bauernhöfen und einmal in einem Schwimmbad vorgelesen. Aus
meinen Berichten stammen diese Ausschnitte zu Besuchen auf den jüdischen Friedhöfen von Seesen
und Bad Gandersheim.
…. … Meine Wanderer haben das Ziel Bad Grund. Ich mache zunächst einen Umweg über ClausthalZellerfeld – einer Eingebung von heute früh folgend, und besuche das Archiv dort. Ich frage nach dem
Gästebuch des Bergwerks Caroline, in das Heinrich Heine auf seiner Harzreise eingefahren ist. Der
neue Archivar ist sehr hilfsbereit, aber die Kopien der Eintragungen des September 1824 muss ich
über die Fernleihe der Göttinger Universitätsbibliothek bestellen (sie enthalten ein Überraschung:
anders als von ihm geschildert, war Heine hier in Begleitung anderer Göttinger Jura-Studenten).
…
Ob viele Leute Seesen als Reiseziel haben? Es ist kaum zu vermuten, dass es hier etwas zu
entdecken gibt; aber wir wollen der Stadt eine Chance geben.
Nächster Tag, unterwegs: Ich frage nach Beschreibungen des Steinway-Parks; es ist keine vorrätig,
aber ich finde in einer der von mir durchgeblätterten Schriften einen mir wichtigen Hinweis auf den
Stifter, während ich festhalte (was ich zuhause mit Hilfe von Meyers Großem Konversationslexikon
von 1907 ergänzen und teilweise korrigieren musste):
Der 1797 in Seesen geborene Heinrich Engelhardt Steinweg, Jahrgangsgefährte von Heinrich Heine
und Anette von Droste-Hülshoff, muss ein Multi-Talent gewesen sein: Er hatte in Goslar die Tischlerei
und den Orgelbau erlernt und dann in Braunschweig zunächst Gitarren und Zithern und ab etwa 1835
Tafelklaviere, Pianinos und Konzert-Flügel gebaut. 1850 übergab er seinem Sohn Theodor das
Braunschweiger Geschäft und wanderte mit den Söhnen Heinrich, Karl, Albert und Wilhelm (Frau
Steinweg wird nicht erwähnt) nach New York aus und gründete dort drei Jahre später mit ihnen die
Firma Steinway & Sons. Schon nach zwei Produktionsjahren stellte die Firma ihre neuen kreuzsaitigen
Pianofortes bei der New Yorker Industrieausstellung aus und erhielt den 1. Preis. Danach gab es eine
stürmische Aufwärtsentwicklung, die durch mehrere Patente verstärkt wurde. In London und in
Hamburg entstanden große Filialen.
Nach dem fast gleichzeitigen Tod von Heinrich in New York und Karl in Braunschweig (waren es
Zwillinge oder ist einer dem anderen aus freien Stücken in den Tod gefolgt?) trat auch Sohn Theodor
in das New Yorker Unternehmen ein. Er führte es zuletzt gemeinsam mit Wilhelm. Die Brüder
vergaßen ihre deutsche Heimat nicht über ihrem großen Erfolg. Wilhelm / William überwies mehrfach
Geld für die Armenfürsorge in Seesen und für einige Vereine, besuchte wie seine Brüder noch einmal
die Heimatstadt und steuerte eine große Geldsumme zur Anlage eines Parks bei, der heute den
Übergang vom Osten der Stadt zum Wald bildet. William wurde zum Ehrenbürger von Seesen ernannt
und der von ihm bezuschusste Park wurde nachhaltig werbewirksam Steinway-Park genannt. William
Steinweg starb 60-jährig in New York als letzter der Firmeninhaber.
Ich erreiche endlich die gesuchte Dehnestraße, in der der Jüdische Friedhof auf meinem Stadtplan
eingezeichnet steht. Vor einem bergwärts ansteigenden Wäldchen leitet mich ein unauffälliges grünes
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Schild, zweizeilig: „Jüdischer Friedhof“ zu einem unverschlossenen Drahttor, das in einen Jägerzaun
eingelassen ist. Ein fast drei Meter breiter Weg führt nach oben in den Wald hinein.
Nach einer Biegung, kaum hundert Schritte hoch, sehe ich die ersten Gräber in dieser Waldlandschaft,
die wie schon länger nicht mehr gepflegt wirkt, denn dieses dunkelbraune Laub hier ringsherum wird
noch vom letzten Herbst stammen. Auf einem Höhenunterschied von vielleicht zwanzig Metern in den
Waldabhang hineingebettet, erkenne ich die Gräber und Grabstätten der früheren jüdischen Mitbürger, die, wie ich näherkommend von den Grabsteinen ablesen kann, Julius Hamm, Richard Simon,
Meta Strauß heißen, Meta Freudenberg, Hermann Hanauer und Georg Freudenthal.
Am Ende der aufsteigenden Reihe entzifferte ich: Frieda Stern, geb. Ascher, 1852 geboren und am
s umgekommen, drei wurden deportiert und kamen nie wieder, fünf wurden von irgendwoher zwischen 1933 und 1937 als verstorben nach Seesen gemeldet, und neun haben die Vernichtungsanstrengungen ihrer rassenfanatischen deutschen Mitbürger, die sich damals abgrenzend „Volksgenossen“ nannten und nennen ließen, wunderbarerweise überlebt, aber nur kurz – die ersten Nachkriegshungerjahre haben den Ausgemergelten keine Chance zum Überleben gegeben. Und nach Seesen kam nur einer zurück. An einem Ort wie diesen könnte Else Lasker-Schüler ihr Gebet gesprochen haben, das sie „An Gott“ überschrieb: Du wehrst den guten und den bösen Sternen nicht; All ihre Launen strömen. In meiner Stirne schmerzt die Furche, Die tiefe Krone mit dem düsteren Licht. Und meine Welt ist still – Du wehrtest meiner Laune nicht. Gott, wo bist du? Ich möchte nah an deinem Herzen lauschen, Mit deiner fernsten Nähe mich vertauschen, Wenn goldverklärt in deinem Reich 10 Aus tausendseligem Licht Alle die guten und die bösen Brunnen rauschen. Licht durchflutet die Blätter, denen wohl auch ihre letzten Herbsttage bevorstehen; die Stille wird nur durch Hundegebell in den Gärten gestört, durch eine Baumaschine drüben am Neubau in der Dehnestraße und durch die Baufahrzeuge, die aber nicht unmittelbar hier vorbeifahren. Der Friedhof verfällt, aber auch die christlichen Gräber verfallen in doppelter Hinsicht. Wie trost- und lieblos sehen die alten Göttinger Friedhöfe aus, der Albani-Friedhof und der Batholomäus-Friedhof mit den Gräbern von Lichtenberg und Bürger. Aber ich weiß, dass die Juden ihre Gräber erhalten müssen, dass sie sich zu ihren Vorfahren versammeln, das heißt wohl, ihre Gebeine aufeinander bestatten, in familiärer und vor allem in Glaubensgemeinschaft, das ist ihnen lebenswichtig. Dies hier sind besondere Gräber, von Bürgern, die im Abseits lebten und im Abseits starben und dort bestattet wurden. Sie erwarten hier ihre Auferstehung; deshalb ist es wichtig, weiter ihre Gräber zu erhalten. Ich freue mich darüber, dass hier einige Vogelkästen aufgehängt wurden, wohl von örtlichen Vogelfreunden oder vom Förster. Ich finde es auch gut, dass dieser Friedhof immer geöffnet ist, mit vollem Risiko – aber ich hätte es auch gern, dass unsere Kirchen immer geöffnet wären, weiß aber, dass wir uns dies gegen Ende des 20. Jahrhunderts nicht mehr leisten können. Vielleicht schützt diesen Friedhof nur, dass er so weit abliegt. An den Gräbern sehe ich keine Spur von Frevel, nur Verfall, schade genug. Aber unsere christlichen Friedhöfe, deren Gräber nach amtlichem Sprachgebrauch und nach gezahlter Gebühr oder nach Tarifjahren verfallen, werden abends abgeschlossen; wieso diese ewigen Friedhöfe nicht? Beim jüdischen Landesverband erfahre ich: Verschließen ist nur möglich, wo es organisiert werden und wo auf einen Schlüsselverwalter verwiesen werden kann. Und das soll in Seesen nicht möglich sein? Der letzte Satz des inzwischen gestorbenen Autors der Seesener Judenchronik beschäftigt mich, und ich werde nachfragen, wie diese Frage von Seesener Verantwortlichen heute beantwortet wird: “In einigen der Verträge, die zur Übertragung von Stiftungsvermögen an verschiedene Institutionen führten, wurde von diesen Verpflichtungen zur Pflege von Gräbern und eines Gedenksteines übernommen. Diesen Vertragsverpflichtungen kommt niemand mehr nach. Die Frage bleibt deshalb offen, wer heute dafür zuständig ist.“ Wenn ich hier wohnen würde, würde ich dafür eintreten, dass dieser Friedhof von Bürgern oder auf Rechnung der Stadt erhalten wird, und dass seine Gräber auch durch die friedhofsübliche Besuchszeit geschützt werden. (In Göttingen muss man den Schlüssel zum jüdischen Friedhofsteil in einem Blumengeschäft abholen.) Ich fände es auch wichtig, im Seesener Heimatmuseum in Schautafeln und Vitrinen auf die Geschichte der jüdischen Gemeinde einzugehen. Dort sollten auch die erneuerte Übersicht über die Grabinschriften und die Fotos der Gräber zu sehen sein; ich will mein Material gern zur Verfügung stellen. Hans Sahl, der über 90-jährige Rückkehrer aus der Emigration, hat ein Abschiedsgedicht geschrieben, mit dem er sich zugleich in sterbende Glaubensgeschwister hineinversetzt. Diese gelassenen und getrösteten Worte begleiten mich beim Abschied vom Seesener Friedhof bis zum Jüdischen Friedhof in der Nachbarstadt, von dem ich erst beiläufig erfuhr, als ich schon in Bad Gandersheim war und den ich jetzt auch kennenlernen will: Ich gehe langsam aus der Welt heraus in eine Landschaft jenseits aller Ferne und was ich war und bin und was ich bleibe geht mit mir ohne Geduld und Eile ich bin ein bisher noch nicht betretnes Land. Ich gehe langsam aus der Zeit heraus in eine Zukunft jenseits aller Sterne und was ich war und immer bleiben werde geht mit mir ohne Ungeduld und Eile als wär ich nie gewesen oder kaum. Als ich aus dem Friedhofsgelände kam, bin ich die Straße noch ein Stück in die andere Richtung entlanggegangen und habe am Ende der weitflächigen Einzäunung eine große Freitreppe, derzeit 11 abgesperrt, entdeckt, daneben eine steile Auffahrt; sie führt zu einer alten, sehr hoch gelegenen Villa. Ich vermute, dass dieses an den Friedhof angrenzende Grundstück dem Blechdosenfabrikanten Zü. gehört. Wenn meine Vermutung stimmt, werden sich die jüdischen Friedhofsverwalter mit dessen Nachfolgern über die Zulassung einer wenigstens zeitweiligen Zufahrt zu den Gräbern einigen müssen – hoffentlich vermittelt und helfen Verantwortliche der Stadt Seesen dabei. Vielleicht kann auch ich einige Menschen für diese Anliegen interessieren. Bei meinem 2. Besuch im Seesener Judenfriedhof ist einiges verändert: Inzwischen wurde Laub gerecht und etwas talwärts gelagert, auf einem Grab lagen zwei Sprudelflaschen und ich finde die weiße Marmortafel nicht wieder, die ich vor 14 Tagen beschrieben hatte. Draußen auf der Straße kommt mir eine alte Dame entgegen, die mühsam am Stock geht. Hat sie gespürt, dass ich sie gern etwas fragen möchte? Sie spricht mich an: „Was gibt’s denn da zu sehen? Was haben Sie fotografiert?“ Währenddessen geht ein anderer Spaziergänger vorbei, er grüßt die Dame und ich merke, dass er langsamer weitergeht, weil er auch meine Antwort hören will. Ich berichte von dem Friedhof, dass er mich anspricht und dass ich mir seinetwegen Sorgen mache. Sie weiß natürlich, weil sie offensichtlich hier in der Nähe wohnt, dass dies ein Jüdischer Friedhof ist, sie erinnert sich auch an die Männer, die hier unlängst gearbeitet haben, aber sie war noch nie oben, weil sie zu unsicher geht und weil der Aufweg so steil aussieht. „Schade, dass der Weg heute feucht und etwas rutschig ist“, sage ich, „ich hätte Sie gern hinaufbegleitet.“ Sie hat keine Erinnerungen, weil sie als Flüchtling hierherkam. „Die alten Lehrer müssen Sie fragen“, rät sie mir, „die wissen noch viel. Wir kennen einige, meine Tochter ist Lehrerin“. Ich frage sie nach dem Weg zum Heimatmuseum und erläutere ihr, dass es dort ein Verzeichnis der Grabinschriften geben soll, das der letzte Vorsteher der Judengemeinde, ein Siegfried Nussbaum, angelegt hat. „Ach“, sagt sie, „ein Nussbaum wohnt da oben, ich weiß aber nicht, ob der…“ „Es soll doch keine Juden mehr in Gandersheim geben“, sage ich. „So, das weiß ich nicht“. Sie weiß aber, wem das anschließende Grundstück gehört, nämlich den Nachfolgern der Zuckerfabrik, die jetzt in französischer Hand sei, aber das könne ich alles viel besser von der Familie in dem gegenüberliegenden Haus erfahren, das sei der frühere Generaldirektor der Züchnerwerke. Die Züchners hätten zwei Schlösser gebaut, vor einem stehe die berühmte Quadriga, die der Berliner nachgebildet sei. Ich frage, ob ich die Schlösser besichtigen könne. „Nein“, sagt sie „da wohnt ja noch eine alte Dame drin“. Als ich abfahren will, kommt sie noch einmal zurück und fragt: „Wenn Sie darüber etwas schreiben, steht das dann in der Zeitung?“ Der Leiter des Heimatmuseums hatte schon von mir und meinen Wünschen gehört, hat auch schon nach dem Grabverzeichnis ergebnislos gefahndet. Er ist erst kurz im Amt und hat seine Archivalien noch nicht vollständig gesichtet und vor allem noch nicht katalogisiert. Er bringt mir einen Karton zur Stadtgeschichte des 19. Jahrhunderts und Unterlagen der Familie Steinweg/Steinway. Ich fand nicht, was ich suchte, aber anderes, das ich sehr interessant fand. Einen Tag nach meinem ersten Besuch in Seesen erfahre ich vom Leiter des Gefängnisses in Bad Gandersheim, (den ich kennenlernte, als ich seinen mit Blumen stilvoll geschmückten Gefängnishof fotografierte - seither gestalte ich hier zusammen mit einigen literarisch interessierten Gefangenen ein „Literarisches Cafe“), dass es auch dort einen jüdischen Friedhof gibt. Am Abreisetag unsererAuf der Rückseite der Kunststeinzwillinge steht einmal „Dem Auge fern, dem Herzen ewig nah. Ruhe
sanft, liebe Mutter“. Auf dem Nachbarstein steht nur: „Du warst eine treue Seele. Wir gedenken dein in
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Liebe“. „Hier ruht unsere geliebte Mutter, Pauline Lichtenstein, geb. Illdau, geb., 21. Februar 1832,
gest. 31. März 1903“.
„Anna Ballin, geb. Ballin, geb. am 25. November 1853, gest. 6. September 1921“. Und daneben, auf
dem stattlichsten Granitstein, nahe beim Eingang: Hier ruht der Stadtrat Louis Ballin, geboren zu
Echte am 3. November 1834, gest. zu Gandersheim am 22. März 1818.“
Auf der linken Seite vom Weg: „Hier ruht in Gott die Ehefrau des Stro… Steueraufsehers J. Bremer,
Betti, geb. Friedberg, geb. am 15. Juni 1817 zu Gifhorn, gest. den 1. Juni 1858. Vater, früh hast du sie
uns entrissen, warum…“
Daneben: „Hier ruht in Gott Henriette Bremer, geb. am 20. April 1814, gest. am 13. April 1859, o
weh…“
„Hier ruht Fräulein Röschen Bremer, geb. am 12. Januar 1817, gest. am 10. März 1903“. Dieser Stein
ist sehr verwittert und schwer lesbar: „Hier ruht der Kaufmann Salomon…“, da hat, vermute ich, noch
eine Berufsbezeichnung, gestanden, „geb. in Anhalt am…, gest. 1896. Friede seiner Asche“. Auf der
Rückseite: eine hebräische Schrift.
Auf der Säule ist unter einem Rosenkranz, wirklich einem Kranz von offenen Rosen, eine quadratische
Schriftplatte in den Stein gehauen, darüber noch ein Symbol: ein geöffneter Zirkel, ein Winkel, eine
Axt; es sieht wie ein Freimaurerzeichen aus. Darunter steht: „Louis Bremer, geb. 3. März 1862, hier,
gestorben 14. Febr. 1915 in Braunschweig“. Bei „Fräulein Röschen“ steht auf der Rückseite: „treue
Seele“.
Eben hat mich Besuch unterbrochen; ein älteres Ehepaar, Kurgäste; sie entdeckten den Friedhof
zufällig auf einer Wanderung am Stadtrand, kamen schon zum zweiten Mal hierher – beim ersten
Besuch hatten sie sich noch nicht richtig hereingetraut, auch wohl das Törchen in der falschen
Richtung zu öffnen versucht, jetzt, als sie mich sahen, wagten sie, durch die Gräberreihen zu gehen.
Ich sprach sie an. Sie äußerten Verwunderung und Unverständnis darüber, dass dieser Judenfriedhof
auf städtischen Schriften und Gästeinformationen nicht erwähnt wird. Sie kommen aus Oldenburg, wo
es einen wesentlich größeren jüdischen Friedhof gibt, der auch noch „belegt“ wird.
Ich bin hier sehr nahe am Waldrand, der mit Eichen- und Ahornbäumen beginnt. Die Diakonie hat hier
eine Große Schneise in den Wald geschlagen und darin ihr auffällig gegliedertes Altenheim gebaut; es
sieht noch ganz neu aus.
In Gandersheim gibt es mehrere mit Hinweisschildern angekündigte Wohngebiete; dies wird ein
begehrtes sein. Die den St. Georg-Friedhof umgebende Stadtmauer ist in Sichtweite, daneben liegt
das nagelneue Sportgebiet jenseits des alten Stadtgrabens, dessen Uferwege die Abendsspaziergänger besonders zu schätzen scheinen. „Rudolf-Cahn von Seelen-Stadion“ steht auf den Wegweisern; der Vorsitzende des Südniedersachsen beliefernden Stromversorgers EAM trägt diesen nicht
alltäglichen Namen; hat er sich hier ein publikums- und werbe-wirksames Sport-Denkmal errichtet?
Diese Stadt regt mich an, mich immer wieder in frühere Zeiten zurückzudenken – und sie mit der
Gegenwart und der jüngsten Vergangenheit zu verbinden.
In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 hatten die Nationalsozialisten einen beispiellosen Schlag
gegen die Juden in Deutschland inszeniert: Zeitgleich legten sie im gesamten Reichsgebiet Feuer in
119 Synagogen; 76 jüdische Gebetsstätten wurden dabei vollständig zerstört. In den deutschen
Städten wurden zeitgleich 7.500 jüdische Geschäfte demoliert und geplündert; überall wurden Juden
zu Verhören geschleppt; zehntausende wurden in vorgebliche Schutzhaft genommen, mindestens
25.000 männliche Juden wurden deportiert, überwiegend in Vernichtungslager.
Auslöser dieser lange vorbereiteten Aktion war offenbar die Verzweiflungstat des 17-jährigen Herschel
Grynspan, der aus ohnmächtigem persönlichem Protest gegen die Massenausweisung polnischer
Juden aus dem deutschen Reich (seine Eltern waren mitbetroffen) einen deutschen Botschaftsangestellten in Paris zum Ziel eines Attentats gewählt hatte. Der Unglückliche konnte nicht ahnen,
welch eine teuflische Lawine er damit losgetreten hatte; ich kann mir vorstellen, dass er in der
Folgezeit seinen Tod herbeigesehnt hat. Er wurde 1942 ermordet.
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Diese Seite aus unserer Geschichte ist Teil der unversehens umfangreich und tief werdenden
Nachbereitung meiner Besuche auf den Judenfriedhöfen in Seesen und Gandersheim.
Drei Wochen nach meinem ersten Besuch fuhr ich zum zweiten Mal nach Gandersheim, zum
Parkplatz des Diakonie-Altenheimes, der dem jüdischen Friedhof gegenüber liegt. Ich öffne das in
neuere Bachsteinsäulen eingelassene Holztor; man muss es nach außen öffnen. Das kleine
Holzschild „Jüdischer Friedhof, 1777“ hängt an einem schiefen Standbalken und wirkt verloren neben
dem stattlichen Wegweiser zum Altenheim. Am linken Rand des Geländes steht noch ein dicker, alter
Sandsteinpfosten mit einer Torangel.
Das schmale, trapezförmige Hanggelände auf dem Eckgrundstück dieses gepflegten Wohngebietes
ist von Sträuchern und einigen stattlichen alten Bäumen umgeben: ich bewundere eine riesige
Hainbuche in der linken Ecke; sie hängt übervoll mit gelblichen Fruchtkaskaden, wie ich sie noch nie
gesehen habe: drei- oder vierstöckig unter den Samendrehflügeln.
Eine alte Eiche und eine große Robinie beanspruchen weiteren Platz – schon wieder begegne ich
diesem Baum; der schönste, auch der älteste, steht im Garten des Pfarrhauses in Mechtshausen.
Wilhelm Busch hatte diesen gewaltigen Baum von seinen beiden Zimmern aus immer im Blick; ich
habe ihn durch sein Fenster fotografiert, nur so als Erinnerung. Ein sehr schmaler Weg in der Mitte
führt vielleicht vierzig, fünfzig Meter hoch und ist oben, an der breitesten Stelle, die an den Garten
eines Einfamilienhauses angrenzt, etwa 20 Meter breit.
Links geht das Gelände steil hoch und wird von der Mauer eines Garagengebäudes abgeschnitten,
das wohl zu dem neuen Altenheim gehört. Ja, so wirkt dieser anheimelnde, kleine Friedhof auf mich:
irgendwie zusammengestutzt auf ein Mindestmaß, das man gerade noch hinnehmen kann in diesem
wertvollen Neubaugebiet, vielleicht auch hinnehmen muß wegen der drei alten Bäume, die mit der
wenige Schritte weiter stehenden, mit einem Extra-Schild ausgewiesenen „Luther-Eiche“ in einem
Schönheitswettbewerb stehen.
Auf der linken Seite sind Dutzende kleine Eichen aus dem Boden gekommen. Diese unbändige
Grünkraft, die das Efeu noch verstärkt, sind ein irgendwie tröstender Gegensatz zu dem verfallenen
„Haus des Lebens“ – so nennen die Juden solche Gräberfelder.
In der Mitte des Friedhofs stehen zwei Akazien, die etwas verkrüppelt wirken, vielleicht nicht nur der
Efeulast wegen, die sie tragen müssen, sondern weil die Bäume hier zu eng stehen und sich
gegenseitig das Licht streitig machen. Mehrere abgefallene Äste finde ich bei jedem Besuch herumliegen. Ich weiß, dass viele Gräber fehlen. Dieser Friedhof ist in oder nach der mit der „Reichskristallnacht“ eingeleiteten Anstiftung zur Judenausrottung von Gandersheimern Bürgern plattgemacht
worden. Nach dem Krieg wurden einige lokale Nazigrößen gezwungen, die Grabsteine wieder
aufzurichten. Alles ließ sich nicht mehr zurechtrücken, rekonstruieren; es fehlten Grabsteine,
Metallplatten, Verzierungen.
Ich bin unzufrieden mit meiner unzureichenden Entzifferung der Steininschriften und nehme mir vor,
beim nächsten Mal gründlicher vorzugehen, vorher auch nach Material zu forschen, das die Arbeit
erleichtert. Das hat Monate gebraucht, aber jetzt sehe ich klarer und kann die Gräberliste des um die
Heimatgeschichte sehr verdienten früheren Pfarrers Kurt Kronenberg um einige Angaben zu den
Begrabenen aktualisieren und ergänzen…