Ersehnte Jahreszeiten


Sonne
Schall o Trommel. Maulana Dschalal Du-Din Rumi
Schall, o Trommel, hall, o Flöte! Allah hu!
Wall im Tanze, Morgenröte! Allah hu!
Lichtseel im Planetenwirbel, Sonne, vom
Herrn im Mittelpunkt erhöhte! Allah hu!
Herzen! Welten! Eure Tänze stockten, wenn
Lieb im Zentrum nicht geböte, Allah hu!
Unsres Liebesreigens Leiter reicht hinauf
Über Sonn und Morgenröte, Allah hu!
Rausch, Meer, am Fels im Sturme, Gottes Preis!
Nachtigall, um Rosen flöte, Allah hu!
Seele, willst, ein Stern, dich schwingen um dich selbst,
Wirf von dir des Lebens Nöte, Allah hu!
Wer die Kraft des Reigens kennet, lebt in Gott,
Denn er weiß, wie Liebe töte, Allah hu!
Ü.: Friedrich Rücker

Der Sonnengesang des Franziskus von Assisi

Herr, ich juble mit allen Deinen Geschöpfen,
mit Schwester Sonne,
die uns den Tag schenkt und erhellt
und prachtvoll auf Dich weist, Du Höchster.
Herr, ich juble mit allen Deinen Geschöpfen
und mit Bruder Mond und den Sternen am Himmel,
sie sind so rein und kostbar und schön.
Herr, ich juble mit allen Deinen Geschöpfen
und mit Bruder Wind
und den Lüften und allen Gezeiten,
die Deine Geschöpfe leben lassen.
Herr, ich juble mit der so wichtigen, demütigen,
kostbaren und reinen Schwester Wasser.
Herr, ich juble mit Bruder Feuer,
der das Dunkel erhellt
und schön und stark und so frei ist.
Herr, ich juble mit unserer Schwester Erde,
die uns mit vielen Pflanzen und mit Früchten
und Blumen beschenkt.
Herr, ich juble mit allen,
die Deine Liebe weiterschenken
und alles aufgeben und ertragen.
Die Frieden bewahren, haben alles
und werden von Dir belohnt.
Herr, ich juble auch mit Bruder Tod.
Wer Deinen Willen geschehen lässt,
fürchtet ihn nicht, diesen Letzten.
Herr, ich juble Dir zu!
Ü.: Helmut W. Brinks

Pablo Picasso:

Manche Maler verwandeln die
Sonne in einen gelben Fleck. Andere Maler
können einen gelben Fleck in die Sonne verwandeln.

An einem Wintermorgen vor Sonnenaufgang

O flaumenleichte Zeit der dunkeln Frühe!
welch neue Welt bewegest du in mir?
Was ist’s, dass ich auf einmal nun in dir
von sanfter Wollust meines Daseins glühe?
Einem Kristall gleicht meine Seele nun,
den noch kein falscher Strahl des Lichts getroffen;
zu fluten scheint mein Geist, er scheint zu ruhn,
dem Eindruck naher Wunderkräfte offen,
die aus dem klaren Gürtel blauer Luft
zuletzt ein Zauberwort vor meine Sinne ruft.
Bei hellen Augen glaub‘ ich doch zu schwanken;
ich schließe sie, dass nicht der Traum entweiche.
Seh‘ ich hinab in lichte Feenreiche?
Wer hat den bunten Schwarm von Bildern und Gedanken
zur Pforte meines Herzens hergeladen,
die glänzend sich in diesem Busen baden,
goldfarb’gen Fischlein gleich im Gartenteiche?
Ich höre bald der Hirtenflöten Klänge,
wie um die Krippe jener Wundernacht,
bald weinbekränzter Jugend Lustgesänge;
wer hat das friedenselige Gedränge
in meine traurigen Wände hergebracht?
Und welch Gefühl entzückter Stärke,
indem mein Sinn sich frisch zur Ferne lenkt!
Vom ersten Mark des heut’gen Tags getränkt,
fühl‘ ich mir Mut zu jedem frommen Werke.
Die Seele fliegt, soweit der Himmel reicht,
der Genius jauchzt in mir! Doch sage,
warum wird jetzt der Blick von Wehmut feucht?
Ist’s ein verloren Glück, was mich erweicht?
Ist es ein werdendes, was ich im Herzen trage?
Hinweg, mein Geist! hier gilt kein Stillestehn:
Es ist ein Augenblick, und alles wird verwehn!
Dort, sieh! am Horizont lüpft sich der Vorhang schon!
Es träumt der Tag, nun sei die Nacht entflohn;
die Purpurlippe, die geschlossen lag,
haucht, halb geöffnet, süße Atemzüge:
Auf einmal blitzt das Aug‘, und, wie ein Gott der Tag
beginnt im Sprung die königlichen Flügel.

Eduard Mörike

Die Blumen

Sieh die zarten Blüten keimen
Wie sie aus sich selbst erwachen,
Und wie Kinder aus den Träumen
Dir entgegen lieblich lachen.
Ihre Farbe ist im Spielen
Zugekehrt der goldnen Sonne,
Deren heißen Kuss zu fühlen,
Das ist ihre höchste Wonne:
An den Küssen zu verschmachten,
Zu vergehn in Lieb‘ und Wehmut;
Also stehn die eben lachten
Bald verwelkt in stiller Demut.
Das ist ihre höchste Freude,
Im Geliebten sich verzehren,
Sich im Tode zu verklären,
Zu vergehn in süßem Leide.
Dann ergießen sie die Düfte,
Ihre Geister, mit Entzücken,
Es berauschen sich die Lüfte
Im balsamischen Erquicken.
Liebe kommt zum Menschenherzen,
Regt die goldnen Saitenspiele,
Und die Seele spricht: ich fühle
Was das Schönste sei, wonach ich ziele,
Wehmut, Sehnsucht und der Liebe Schmerzen.

Ludwig Tieck

Die Rose, die Lilie, die Taube, die Sonne

Die Rose, die Lilie, die Taube, die Sonne,
Die liebt ich einst alle in Liebeswonne.
Ich lieb sie nicht mehr, ich liebe alleine
Die Kleine, die Feine, die Reine, die Eine;
Sie selber, aller Liebe Bronne,
Ist Rose und Lilie und Taube und Sonne.

Heinrich Heine

Der Philosoph und die Sonne

Der Philosoph: Du edler Stern am hohen Himmelszelt,
Du Herr und König deiner Brüder!
Du bist so gut gesinnt – du wärmest uns die Welt,
Und schmückst mit Blumen uns das Feld,
Und machst den Bäumen Laub, den Vögeln bunt Gefieder;
Du machst uns Gold, das Wunderding der Welt,
Und Diamant, und seine Brüder;
Kommst alle Morgen fröhlich wieder,
Und schüttest immer Strahlen nieder –
Sprich edler Stern am hohen Himmelszelt,
Wie wachsen dir die Strahlen wieder?
Wie wärmest du? Wie schmückst du Wald und Feld?
Wie machst du doch in aller Welt
Dem Diamant sein Licht, dem Pfau sein schön Gefieder?
Wie machst du Gold?
Sprich liebe Sonn‘, ich wüsst‘ es gern.
Die Sonne: Weiß ichs? Geh, frage meinen Herrn.

Matthias Claudius

Der Kirschbaum

Der Kirschbaum blüht, ich sitze da im Stillen,
Die Blüte sinkt und mag die Lippen füllen,
Auch sinkt der Mond schon in der Erde Schoß
Und schien so munter, schien so rot und groß;
Die Sterne blinken zweifelhaft im Blauen
und leiden’s nicht, sie weiter anzuschauen.

Achim von Arnim

Willkommen, o silberner Mond. Die frühen Gräber

Willkommen, o silberner Mond,
Schöner, stiller Gefährt der Nacht!
Du entfliehst? Eile nicht, bleib, Gedankenfreund!
Sehet, er bleibt, das Gewölk wallte nur hin.
Des Maies Erwachen ist nur
Schöner noch, wie die Sommernacht,
Wenn ihm Tau, hell wie Licht, aus der Locke träuft,
Und zu dem Hügel herauf rötlich er kömmt.
Ihr Edleren, ach es bewächst
Eure Male schon ernstes Moos!
O wie war glücklich ich, als ich noch mit euch
Sahe sich röten den Tag, schimmern die Nacht

Friedrich Gottlieb Klopstock

Wolken

Am nächtigen Himmel
Ein Drängen und Dehnen,
Wolkengewimmel
In hastigem Sehnen,
In lautloser Hast
— Von welchem Zug
Gebietend erfasst? —
Gleitet ihr Flug,
Es schwankt gigantisch
Im Mondesglanz
Auf meiner Seele
Ihr Schattentanz,
Wogende Bilder,
Kaum noch begonnen,
Wachsen sie wilder,
Sind sie zerronnen,
Ein loses Schweifen …
Ein Halb-Verstehn …
Ein Flüchtig-Ergreifen …
Ein Weiterwehn …
Ein lautloses Gleiten,
Ledig der Schwere,
Durch aller Weiten
Blauende Leere

Hugo von Hofmannsthal

Nachtblume

Nacht ist wie ein stilles Meer,
Lust und Leid und Liebesklagen
Kommen so verworren her
In dem linden Wellenschlagen.
Wünsche wie die Wolken sind,
Schiffen durch die stillen Räume,
Wer erkennt im lauen Wind,
Ob’s Gedanken oder Träume? –
Schließ‘ ich nun auch Herz und Mund,
Die so gern den Sternen klagen:
Leise doch im Herzensgrund
Bleibt das linde Wellenschlagen.

Joseph von Eichendorff

Die Schönheit der Natur

Freuet euch der schönen Erde,
Denn sie ist wohl wert der Freud`:
O was hat für Herrlichkeiten
Unser Gott da ausgestreut!
Und doch ist sie seiner Füße
Reich geschmückter Schemel nur,
Ist nur eine schönbegabte
Wunderreiche Kreatur.
Freuet euch an Mond und Sonne
Und den Sternen allzumal,
Wie sie wandeln, wie sie leuchten
Über unserm Erdental.
Und doch sind sie nur Geschöpfe
Von des höchsten Gottes Hand,
Hingesät auf seines Thrones
Weites, glänzendes Gewand.
Wenn am Schemel seiner Füße
Und am Thron schon solcher Schein,
O was muss an seinem Herzen
Erst für Glanz und Wonne sein!
Philipp Spitta

An den Fuji

Seit der Teilung von Himmel und Erde
ragt göttlich und groß in Sugara
der gewaltige Fuji.
Seht, um ihn drehen sich Sonne und Mond
und die Wolken schweben andächtig
um seinen schneeweißen Gipfel
Freut euch demütig und ewig über den Fuji.

Yakamoshi Ü.: Helmut W. Brinks

Vorfrühling

Pralle Wolken jagen sich in Pfützen
Aus frischen Leibesbrüchen schreien Halme Ströme
Die Schatten stehn erschöpft.
Auf kreischt die Luft
Im Kreisen, weht und heult und wälzt sich
Und Risse schlitzen jählings sich
Und Narbe
Am grauen Leib.
Das Schweigen tappet schwer herab
Und lastet!
Da rollt das Licht sich auf
Jäh gelb und springt
Und Flecken spritzen —
Verbleicht Und
Pralle Wolken tummeln sich in Pfützen.

August Stramm

Der Einsiedler

Komm, Trost der Welt, du stille Nacht!
Wie steigst du von den Bergen sacht,
Die Lüfte alle schlafen.
Ein Schiffer nur noch, wandermüd,
Singt übers Meer sein Abendlied
Zu Gottes Lob im Hafen.
Die Jahre wie die Wolken gehn
Und lassen mich hier einsam stehn,
Die Welt hat mich vergessen.
Da trat’st du wunderbar zu mir,
Wenn ich beim Waldesrauschen hier
Gedankenvoll gesessen.
O Trost der Welt, du stille Nacht!
Der Tag hat mich so müd gemacht,
Das weite Meer schon dunkelt.
lass ausruhn mich von Lust und Not,
Bis dass das ewge Morgenrot
Den stillen Wald durchfunkelt.

Joseph von Eichendorff