Elementor #15111

Zur Erinnerung an den 10. Mai 1933

Verbrannte Bücher, verfolgte Autoren

Bertolt Brecht: Denn wovon lebt der Mensch?

Ihr Herrn, die ihr uns lehrt, wie man brav leben
und Sünd und Missetat vermeiden kann
zuerst müsst ihr uns was zu fressen geben
dann könnt ihr reden: damit fängt es an.

Ihr, die ihr euren Wanst – und unsre Bravheit liebt
das eine wisset ein für allemal:
Wie ihr es immer dreht und wie ihrs immer schiebt
erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.
Erst muss es möglich sein auch armen Leuten
vom großen Brotlaib sich ihr Teil zu schneiden.

Denn wovon lebt der Mensch? Indem er stündlich
den Menschen peinigt, auszieht, anfällt, abwürgt und frisst.
Nur dadurch lebt der Mensch, dass er so gründlich
vergessen kann, dass er ein Mensch doch ist.

Ihr Herren, bildet euch nur da nichts ein:
Der Mensch lebt nur von MISSETAT allein!

Ihr lehrt uns, wann ein Weib die Röcke heben
und ihre Augen einwärts drehen kann.
Zuerst müsst ihr uns was zu fressen geben
dann könnt ihr reden: damit fängt es an.

Ihr, die auf unsrer Scham und eurer Lust besteht –
das eine wisset ein für allemal:
Wie ihr es immer dreht und wie ihrs immer schiebt
erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.
Erst muss es möglich sein auch armen Leuten
vom großen Brotlaib sich ihr Teil zu schneiden.

Denn wovon lebt der Mensch? Indem er stündlich
den Menschen peinigt, auszieht, anfällt, abwürgt, frisst.
Nur dadurch lebt der Mensch, dass er so gründlich
vergessen kann, dass er ein Mensch doch ist.

Ihr Herren, bildet euch nur da nichts ein:
Der Mensch lebt nur von MISSETAT allein! (1929)

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Was wir endgültig loswerden wollen, zerstören wir, zum Beispiel durch Verbrennen. Das soll keiner sehen. Wenn wir etwas öffentlich verbrennen, soll es jeder sehen, dann soll es ein Spektakel sein, über das die Zuschauer nachdenken sollen. So wurden früher Hexen verbrannt, mitten in der Stadt und als öffentliches Spektakel.

Die Bibel erwähnt Verbrennungen von Büchern; im Islam war es oft ein religöses Ereignis –
besonders spektakulär in der Bücherhochburg Alexandria.

In mehreren Kulturen haben es Menschen so gehalten – mit Menschen und mit Dingen, mal aus Wut, mal mit Ehrfurcht – wie bei rituellen Totenverbrennungen.

Wir in Europa haben Erfahrungen mit Hexenverbrennungen, besonders in der Terrorherrschaft der Inquisition. Bei der Bundesfeier
am 2. 7. 1773, das war des verehrten Klopstocks Geburtstag, verbrannten die radikal-romantischen Studenten des „Göttinger Hainbundes“ feierlich das von ihnen für „unsittlich“ gehaltene Märchen „Idris und Zenide“ des zeitgenössischen Dichters und Philosophie-Professors Christoph Martin Wielands.

Auch beim Wartburgfest der deutschen Studenten im Oktober 1817 verbrannten die Teilnehmer von ihnen so gewertete „Schandschriften
des Vaterlandes“, u.a. das Hauptwerk des Schweizer antidemokratischen Staatsrechtlers Karl Ludwig von Haller „Die Restauration“ der Staatswissenschaft“ und von Kotzebues „Deutsche Geschichte“

(Goethe spottete damals „Dass du dein eigen Volk gescholten, / Die Jugend hat es dir vergolten“.
Ihm gingen erst die Augen auf, als Kotzebue bald darauf ermordet wurde…)

Heinrich Heine schrieb am 11.1.1825 an seinen Freund Moser: „…ich habe gestern Abend darin (in der Hist. Lit. reformationis, Fol. 2, von der Hardt)
die Reuchlin´sche Schrift gegen das Verbrennen der hebräischen Bücher mit großem Interesse gelesen. Er wusste von Bücherverbrennungen in chinesischen und in arabischen Kulturen. Die waren weit weg, als er eine seiner Theaterfiguren vor fast 190 Jahren dunkel ahnungsvoll sprechen ließ: „Das war ein Vorspiel nur; dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen“.

Hat der im Ausland heute noch beliebteste deutsche Dichter jüdischer Herkunft vorausgeahnt, dass wir Deutsche einmal alles bisher Erlebte
nur 113 Jahre später millionenfach übertreffen würden? In Deutschland wurden längst nicht nur Bücher verbrannt: die grausamste Nazi-Variation von Verbrennungen war die Kremation von Juden, Roma, Homosexuellen, Behinderten und Staatskritikern wie Sozialdemokraten und Kommunisten.
Ende Januar 1933 waren die Nationalsozialisten an die Macht gekommen. Es hätte keine Überraschung mehr sein dürfen, dass sie eine abstruse Auffassung von Rassenreinhaltung, von sogenannter „undeutscher Art“ und von einer gleichgeschalteten Kultur hatten. Und dass sie brutal mit ihren Gegnern umgehen würden. Es durfte keine Opposition geben; alle Kritiker sollten „ausgemerzt“ werden.

Nur dreieinhalb Monate nach der Machtergreifung Hitlers brannten in den meisten Groß- und Universitätsstädten auf zentralen Plätzen Scheiterhaufen, auf denen Bücher von unliebsamen, die Nazidiktatur angeblich gefährdenden Autoren, die Studenten in Tag-und Nachtarbeit vorher auf „Schwarzen Listen“ zusammengestellt hatten, von „Feuersprüchen“ begleitet, öffentlich verbrannt wurden.

Mit dem Reichstagsbrand wenige Tage vor der Reichstagwahl im März 1933 hatte es begonnen, bald darauf verbrannten die als „undeutsch“ bezeichneten Bücher, darauf folgte 5 Jahre später der Brand der Synagogen, darauf folgte die Aussonderung und Ermordung der Juden, der Roma, all der für den Staat unbequem und unerwünscht gewordenen Menschen; schließlich wurde es der Kampf gegen die ganze Welt mit unzähligen Opfern auf allen Seiten.

Daneben kamen rücksichtslose Berufsverbote für Komponisten, Sänger, Schriftsteller, Schauspieler, Filmleute, Maler, Bildhauer, Wissenschaftler, Techniker… Zehntausende, die unsere Kultur, Denken und Wissen mitgeprägt haben, wurden aus dem Land vertrieben, nicht selten in den Tod getrieben oder systematisch erfasst und ermordet. Es war eine gigantische, idiotische und selbstmörderische Ausblutung der deutschen Kunst und Wissenschaft, von derwir uns schwer erholten und unter der wir immer noch leiden.

Wir denken heute an den Tag der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933,
zugleich an die Autorinnen und Autoren, die ermordet oder mundtot gemacht wurden.

Unser Abend heißt „Verboten, verfolgt, verbrannt – nur deutscher Bierernst war erlaubt“. Deshalb werden Sie – vielleicht unerwartet – besonders Heiteres hören, Leichtsinniges, Riskantes, Ironisches, Satirisches – von Autorinnen und Autoren, die auf der Abschussliste der Nazis standen.

Wir rufen nur einige der heute noch bekanntesten Schriftstellernamen in Erinnerung:

Ernst Barlach, Bertolt Brecht, Max Brod, Elias Canetti, Alfred Döblin, Kasimir Edschmid, Hans Fallada, Lion Feuchtwanger, Marie Luise Fleisser, Sigmund Freud, Hans Habe, Heinrich Heine, Reinhard: Stefan Heym, Else Lasker-Schüler, Franz Kafka, Mascha Kaléko, Erich Kästner, Alfred Kerr, Hermann Kesten, Irmgard Keun, Egon Erwin Kisch, Annette Kolb, Gertrud Kolmar, Erika Mann, Heinrich Mann, Klaus Mann, Thomas Mann, Karl Marx, Carl von Ossietzky, Theodor Plievier, Erich Maria Remarque, Alexander Roda-Roda. Arthur Schnitzler, Anna Seghers, Upton Sinclair, Hilde Spiel Friedrich Torberg, B. Traven, Kurt Tucholsky, Franz Werfel, Arnold und Stefan Zweig, Carl Zuckmayer.

Erich Kästner: Kleines Solo

Einsam bist du sehr alleine.
Aus der Wanduhr tropft die Zeit.
Stehst am Fenster. Starrst auf Steine.
Träumst von Liebe. Glaubst an keine:

Kennst das Leben. Weißt Bescheid.
Einsam bist du sehr alleine –
und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.

Wünsche gehen auf die Freite.
Glück ist ein verhexter Ort.
Kommt dir nahe. Weicht zur Seite.
Sucht vor Suchenden das Weite.
Ist nie hier. Ist immer dort.

Stehst am Fenster. Starrst auf Steine.
Einsam bist du sehr alleine –
und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.

Schenkst dich hin. Mit Haut und Haaren.
Magst nicht bleiben, wer du bist.
Liebe treibt die Welt zu Paaren.
Wirst getrieben. Musst erfahren,
dass es nicht die Liebe ist…

Bist sogar im Kuss alleine.
Aus der Wanduhr tropft die Zeit.
Gehst ans Fenster. Starrst auf Steine.
Brauchtest Liebe. Findest keine.

Träumst vom Glück. Und lebst im Leid.
Einsam bist du sehr alleine –
und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.

Yvan Goll: Schlaf ohne Furcht

Schlaf ohne Furcht:
Ich führe deine Träumeweiden
auf der mondenen Wiese,
die mit Apfelbäumen bestickt ist.
Lass grasen dort die Hoffnungszicklein
am Sternbusch überm Abgrund,
der ins Leben hin abstürzt,
wo Räuber und Wölfe lauern
…Ahoi! Ein Ruf von mir:
Und unsere Liebe findet
zur sicheren Lichtung zurück,
mondumrauscht
hinter dem Dickicht des Schicksals.

Heinrich Heine

Leise zieht durch mein Gemüt liebliches Geläute.
Klinge, kleines Frühlingslied, kling hinaus ins Weite.
Kling hinaus, bis an das Haus, wo die Blumen sprießen. Wenn du eine Rose schaust, sag, ich lass sie grüßen.

Edith Södergran

Du suchtest eine Blume und fandst eine Frucht.
Du suchtest eine Quelle und fandst ein Meer.
Du suchtest eine Frau und fandst eine Seele –
du bist enttäuscht (Ü.: Nelly Sachs)

Joachim Ringelnatz: Schiff

Wir haben keinen günstigen Wind.
Indem wir die Richtung verlieren,
Wissen wir doch, wo wir sind.
Aber wir frieren.

Und die darüber erhaben sind,
Die sollten nicht allzuviel lachen.
Denn sie werden nicht lachen,
Wenn sie blind Eines Morgens erwachen.

Das Schiff, auf dem ich heute bin,
Treibt jetzt in die uferlose,In die offene See. –
Fragt ihr: „Wohin?“
Ich bin nur ein Matrose. (1931)

Else Lasker-Schüler: Mein blaues Klavier

Ich habe zu Hause ein blaues Klavier
Und kenne doch keine Note.
Es steht im Dunkel der Kellertür,
Seitdem die Welt verrohte.

Es spielen Sternenhände vier
Die Mondfrau sang im Boote –
Nun tanzen die Ratten im Geklirr.
Zerbrochen ist die Klaviatür…

Ich beweine die blaue Tote.
Ach liebe Engel öffnet mir
Ich aß vom bitteren Brote
Mir lebend schon die Himmelstür
Auch wider dem Verbote.

Stefan Zweig: Die Zärtlichkeiten

Ich liebe jene ersten bangen Zärtlichkeiten,
die halb noch Fragen sind und halb schon Anvertraun,
weil hinter ihnen schon die andern Stunden schreiten,
die sich wie Pfeiler wuchtend in das Leben baun.

Ein Duft sind sie; des Blutes flüchtigste Berührung,
ein rascher Blick, ein Lächeln, eine leise Hand
sie knistern schon wie rote Funken der Verführung
und stürzen Feuergarben in der Nächte Brand.

Und sind doch seltsam süß, weil sie im Spiel gegeben
noch sanft und absichtslos und leise nur verwirrt,
wie Bäume, die dem Frühlingswind entgegenbeben,
der sie in seiner harten Faust zerbrechen wird.

Werner Finck: An Ruth

Mein Herz blüht auf. Ich bin direkt erschrocken!
Denn, unter uns, ich hielt´s für ziemlich abgebaut.
Doch scheint es sich noch einmal aufzustocken.
Und kurz und gut, ich habe wieder einmal eine Braut.

Braut ist zuviel. Geliebte auch nicht richtig;
wir machen´s mehr auf gute Kameraden.
(Das andre ist ja wirklich halb so wichtig,
und wird’s mal wichtig, kann´s ja auch nicht schaden.)

Ich tue das, was ein Verliebter meistens tut,
ich brumme Schlagertexte vor mich hin,
schreib Verse nieder, nenne sie „An Ruth!“
Und freu mich schrecklich, wenn ich einmal bei ihr bin.

Erich Fried : Was es ist

Es ist Unsinn, sagt die Vernunft.
Es ist, was es ist, sagt die Liebe.
Es ist Unglück, sagt die Berechnung,
Es ist nichts als Schmerz, sagt die Angst.
Es ist aussichtslos, sagt die Einsicht,
Es ist, was es ist, sagt die Liebe.
Es ist lächerlich, sagt der Stolz.
Es ist leichtsinnig, sagt die Vorsicht.
Es ist unmöglich, sagt die Erfahrung.
Es ist, was es ist, sagt die Liebe.

Mascha Kaléko: Für einen

Die andern sind das weite Meer,
du aber bist der Hafen.
So glaube mir: Kannst ruhig schlafen,
ich steure immer wieder her.

Denn all die Stürme, die mich trafen,
sie ließen meine Segel leer.
Die andern sind das weite Meer,
du aber bist der Hafen.

Du bist der Leuchtturm, letztes Ziel,
kannst, Liebster, ruhig schlafen.
Die andern -das ist Wellenspiel,
du aber bist der Hafen.

Paul Celan:

So bist du denn geworden
wie ich dich nie gekannt:
dein Herz schlägt allerorten
in einem Brunnenland,

wo kein Mund trinkt
und keine Gestalt die Schatten säumt,
wo Wasser quillt zum Scheine
und Schein wie Wasser schäumt.

Du steigst in alle Brunnen,
du schwebst durch jeden Schein.
Du hast ein Spiel ersonnen,
das will vergessen sein

Else Lasker-Schüler (1869-1945): Tibetteppich

Deine Seele, die die meine liebet,
ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet.
Strahl in Strahl, verliebte Farben,
Sterne, die sich himmellang umwarben.

Unsere Füße ruhen auf der Kostbarkeit,
maschenabertausendweit.
Süßer Lamasohn auf Moschuspflanzenthron,
wie lange küsst dein Mund den meinen wohl
und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon?

Hermann Hesse: Abends

Abends gehn die Liebespaare langsam durch das Feld.
Frauen lösen ihre Haare, Händler zählen Geld,
Bürger lesen bang das Neuste in dem Abendblatt,
Kinder ballen kleine Fäuste, schlafen tief und satt.

Jeder tut das einzig Wahre, folgt erhabner Pflicht,
Säugling, Bürger, Liebespaare – und ich selber nicht?
Doch! Auch meiner Abendtaten, deren Sklav ich bin,
kann der Weltgeist nicht entarten, sie auch haben Sinn.
 
Und so geh ich auf und nieder, tanze innerlich,
summe dumme Gassenlieder, lobe Gott und mich,
trinke Wein und phantasiere, dass ich Pascha wär,
fühle Sorgen an der Niere, lächle, trinke mehr,

sage ja zu meinem Herzen (morgens geht es nicht),
spinne aus vergangnen Schmerzen spielend ein Gedicht,
sehe Mond und Sterne kreisen, ahne ihren Sinn,
fühle mich mit ihnen reisen, einerlei wohin.

Mascha Kaléko: Kalendervers auf den Mai

Man ist nie wieder so verliebt,
wie grad in diesem Jahr,
Und scheint auch manches wunderbar,
es wird nichts, wie’s schon einmal war.
Man ist nie wieder so verliebt.
Das ist nun einmal wahr.