Elementor #15071


                   Die Julian Higgings Stories

 

   Alle lieben das Mörderspiel

Habe ich euch schon von Marlitt Moore erzählt? Die erfolgsarme Romanschreiberin lebt in der Küstenstadt Portree auf der nebligen Isle of Skye in einem moosbedeckten Steinhaus, das innen bis auf Küche und Keller mit rostfarbenen Kunstteppichen bezogen ist. Marlitt Moore ist eine lebenserfahrene, warmherzige Frau. Ich lebe bei ihr und ihren Töchtern wie in einer Familie; sie schaffen ein Stück Heimat für mich.

DieEinundfünfzigjährigenimmtsich viel Zeit für mich; sieist eine mitfühlendeZuhörerin und ich vertraue ihr Geheimnisse an, die kein anderer kennt. Sieverwahrt in einer Wäscheschublade eine Schachtel, die manbesser nicht in meinen Sachen finden sollte. Marlitt Moore ist für mich einewunderbareFrau;„mütterlich“fändeichuntertriebenbeschrieben.

Ihre Töchter Marble  und Margret wollten wissen, was ich in den drei Moore-Frauen suche. Ich bin ein Suchender, das stimmt, aber ich erlebe es mehr wie Pablo Picasso, der staunend feststellte: „Ich suche nicht, ich finde“. Ich finde lang Ersehntes in jeder Frau, in wechselnder Tiefe…

Natürlich habe ich einen Grund, mich hier ziemlich weit oben eine Weile abseits zu halten. Danach fragte mich übrigens noch niemand. Ich hatte Marlitt Moore über eine Anzeige gefunden und wurde ihr Hausgast. Ich erneuerte freiwillig ihren Garten und ermutigte sie erfolgreich, ihre Schreibblockade zu überwinden.

Beim Geschirrwaschen und Abtrocknen sind wir uns nähergekommen, zuerst triebhaft: ich entdeckte, dass erfreulich vieles in ihr jung geblieben und auffrischbar war. Marlitt lebte seit drei Jahren „getrennt“; ich fand sie zu aufgestaut und zu lebensbejahend, um ganz ohne Mann zu leben.

Marlitt machte ihren Töchtern und mir ein fantastisches Küstenfrühstück, das mich bis zum Mittag sättigte und so  reichhaltig gar nicht nötig war, denn bevor ich mich nach den langen      Spaziergängen gegen halb elf an die Gartenarbeit machte, bekam ich einen Happen locker frittierten Schellfisch zum Bier.

Nach dem Frühstück und der Zeitungslektüre hatte ich Marlitt mit Ronnie  zum Fischmarkt und in Annie`s Shop begleitet –egal,welchesWetterwar.

Wir kauften nicht jeden Tag etwas, Zeitungen von den Vortagen natürlich, aber die Gespräche der Frauen waren  für alle Frauen lebenswichtig.

Mit den Fischern konnte ich mich nicht unterhalten, weil mir ihr gälischer Slang fremd war – ich lernte einiges normale Gälisch dazu, weil Marlitt mit ihren Töchtern gälisch sprach.

Ich sah den Fischern gerne zu, wenn sie ihre Netze leerten und ihre Frauen die Fische sortierten und ausnahmen; Ronnie zog mich immer bald weiter.

Die 19-jährige arbeitslose Verkaufsgehilfin Margret ging meist mit uns; sie war unermüdlich darin, mit mir Geheimnisse der Insel aufzuspüren und mich auch       auf ihre eigenen neugierig zu machen. Ronnie störte uns dabei nicht.

Ich war etwas über sieben Wochen in Portree und wir waren bis auf die Sonntage jeden Tag unterwegs gewesen. Bis vor kurzem, als Margret beim Chor-Abend Ben kennenlernte. Seitdem steckte seine Zahnbürste oft in Margrets Becher. Manche Regennächte schlief er im Haus. Marlitt mochte ihn, weil er richtig nett und höflich war und manches im Haus reparierte.

Die leuchtend rothaarige Margret ist lustiger als ihre Schwester; in ihrer sommersprossigen schottischen Eigenart ist sie halt anders als die ernstere Marble, die auf mich wie eine geheimnisvolle mediterrane Frau wirkt,                    völlig unbritisch jedenfalls; Marble hat eine betörende dunkle Stimme und ein  melodisches Lachen, das ich immerzu hören mochte.

Die zarte Margret muss sich – positiv betrachtet – keine Sorgen machen, einmal unter Hängebrüsten zu leiden; die Brüste ihrer Schwester sind mundfest und stark. Beide haben mir vieles gern geschenkt. Sie verloren alle Scheu, mir auch ihre geheimen Wünsche zu nennen. Die machten mich staunen.

Margret hat mich gedrängt, uns vorzustellen, wie Paare in Frankreich, Spanien, Deutschland, Italien, Ungarn, Polen und Schweden „Liebe machen“,  dann auch wie in Ägypten, Indien, China und Japan. Wir hielten das für eine nachahmenswerte Kulturtat. Marble half uns bei den Exoten aus und regte manche  Besonderheit mit einem sadistischen Touch an. Nach Bens Erscheinen war das  alles vorbei.

An ungeraden Tagen hatte Margret mit mir geduscht. Mit der sechs Jahre älteren Marble, die meist vier Tage in der Woche bei ihrem Freund und Geschäftspartner in einem entlegenen Autohaus blieb, half ich an den restlichen Tagen Warmwasser zu sparen.

Wir hatten das nicht abgesprochen, es hatte sich spielerisch ergeben; um die jeweilige Paarung wurde trotzdem mal gestritten – wie Frauen so sind.

Margret fand, dass enge Hautkontakte uns dafür stark machen, in der auch in Schottland bereits spürbaren Erderwärmung eine bessere Anpassung zu erreichen. Vielleicht stimmt das und wir können hier in 10, 15 Jahren  ohne zu erfrieren die Füße kurz ins fischreiche Meerwasser halten.

Die mit einer mich ansprechenden Figur gesegnete Marble glich eine kleine Benachteiligung in ihrem Gesicht mit kosmetischer Hilfe wirkungsvoll aus. Ich verdanke ihr die Erfahrung, dass wir uns besser kennenlernen, wenn wir im Dunkeln duschen und Licht sparen.

Die reife Marlitt sah ohne Eifersucht, was zwischen ihren Töchtern und mir lief. Wenn Margret bei Ben im Zelt war und Marble bei ihrem Autofritzen, hatten wir Zeit für einander und genossen sie fantasievoll – so glättete sich vieles von selbst.

In Portree werden sich einige zu meinem Status gefragt haben – ein zahlender Gast, der im Garten arbeitet? Lasst sie doch raten! Schwieriger war den Frauen und mir ein drängenderes Alltagsproblem: Wo besorgen wir uns für uns drei unauffällig Kondome?

In Annie`s Laden einen Karton voll zu kaufen, hätte die Gerüchteküche angeheizt. Meine Frauen hatten den Einfall, im Laden beiläufig zu äußern, dass ich hoffnungslos schwul sei – und eine normale Packung zu kaufen.

Die Behauptung half wenig und brachte manche Frau erst auf die Idee, es auf einen Verführungsversuch ankommen zu lassen. Die Chor-Abende boten dafür viele Möglichkeiten. Margret fotografierte belustigt einige Bemühungen und meine Reaktionen. Wir hatten viel zu lachen.

Marble war mit ihrer schönen Altstimme ein Ass im Kirchenchor, in dem    Frauen und ausgewählte Männer aus der Umgebung sangen; viele waren Fischersleute. Der Chor probte wochenweise abwechselnd dienstags und freitags ab 08:00 PM. Ich hatte neben der Umgestaltung des Gartens wenig Abwechslung und freute mich, dass alle drei Frauen darauf bestanden, mich  zu den Proben mitzunehmen –  trotz meiner Stimme.

Wenn wir in den Gemeindesaal kamen, schlug uns eine betäubende Wolke  des billigen Parfüms entgegen, mit dem einige Männer ihren bleibenden Fischgeruch  überdeckten.

Unser Singen dauerte eineinhalb Stunden; gegen 09:30 PM zogen die Wirtin aus dem Pub und ihre Tochter Tony (mit der ich später ziemlich aufgedreht getanzt habe) ein Wägelchen mit einem Curry-Garnelen-Reissalat und dunklem Brot mit salziger Butter in den Saal.

In dem Kasten unter den herzhaften Leckerbissen stand das dazugehörige Bier, das bald aufgebraucht war. Der Wirt hielt übers Handy Kontakt und lieferte rechtzeitig nach.

Als alle bei ihm ihren Gemeinschaftsbeitrag bezahlt hatten, öffnete der Küster  John pikante Düfte ausströmende Wandschränke; Patty und Joyce legten CD`s auf, riefen auffordernd die Titel und gaben die Tanz-Kommandos –      im Nu umgab uns eine entspannte Atmosphäre von vertrauter Kleinstadtgeselligkeit mit einem hohen Geräuschpegel.

Nicht nur die Jüngeren kommen wegen der vielen jungen Frauen her – und weil es keine besseren Tanzgelegenheiten in der Nähe gibt.

Die Männer sind bei solchen Gelegenheiten anfangs muffelig und lassen sich schwer zum Tanzen bewegen. Dabei hilft die angesagte Damenwahl. Patty und Joyce erfinden einige wirksame Varianten.

Die meisten Sängerinnen und Sänger haben nur kurze Wege; einige müssen  mehr Meilen herradeln oder die Busse nutzen.

Ben kam  von der Nachbarinsel Raasay – und weil er immer eine Fähre oder ein Boot brauchte, musste er bald näher an Portree ein Zelt aufschlagen.

Ich tanze für mein Leben gern und das schätzten Marlitt, ihre Töchter und die  anderen Sängerinnen und ihre mitgebrachten Freundinnen. Marble hatte sich aufregend herausgemacht – noch auffallender als die anderen Frauen. Sie zeigen sich halt gern und riskieren es, unsere Fantasie anzuregen.

Ich war hier seit meiner dritten Woche dabei und genoss es. Ich hatte zwischen vielen Tanzpartnerinnen intensiver mit der ungemein reizvollen Deborah  geflirtet, der Schwägerin des Reverends, die auf Besuch hier war.

Als wir in einem späteren Meeting einige Male tanzten, auch mal enger, haben wir uns Worte zugeflüstert, die der Reverend besser nicht gehört hätte.  

Hat er aber – oder nur Wortfetzen und sich den Rest selbst ergänzt. Der auf  einmal strenge Hirte gab den Spielverderber: er stellte die Musik ab und setzte zu einer Rede an. Marlitt schubste mich an: „S-O-E“, (das heißt übersetzt): „Rette unsern Abend“.

Ich rief: „Hört mal her, Leute! Wir könnten jetzt ein superspannendes Spiel spielen.“

Ich ließ sie wählen zwischen dem „Mitternachtsspiel“, dem „Meeresungeheuer-Spiel“ und dem „Mörderspiel“.

Also, wie so oft: das dritte. Ich erkläre es euch mal erst:

Dies ist von allen Spielen, die ich auf Partys vorschlage, das beliebteste, besonders bei Frauen. Es lohnt erst zu spielen, wenn mindestens fünf Frauen da sind. Aber habt ihr schon mal Partys erlebt, auf denen weniger Frauen sind?

Besser, wir warten bis zum späten Abend, wenn genug getanzt und getrunkenwordenistundwennaufkommendeLangeweilezubefürchtenist.

Eleganter ist es, Zettel ziehen zu lassen, aber praktischer finde ich Streichhölzer: ganze für alle, nur die Mörderin oder der Mörder zieht ein halbes Hölzchen.

DasgibterstmalStimmung.Waskeinerahnt:EsgibtzweiMörder-Hölzchen.

Und ihr haltet es nicht für möglich: ich erlebe es häufig, dass es ungeplant noch mehr Mörder gibt, meist Mörderinnen, weiß der Teufel, warum – könnte was mit der weiblichen Psyche zu tun haben.

Also, der Chor zog Streichhölzchen. Wir waren schön spät dran  und in den Wandschränken standen außer Wasserflaschen die landesüblichen Ergänzungen zum Bier.

Ich befahl Ruhe und bestimmte: „Alle Frauen auf die linke Stuhlreihe, auch unsere neue Pfarrerin; alle Männer mit unserem Reverend auf die rechte. Ich     als Spielleiter spiele nicht mit.

Der 1. Mann fängt an, die Frauen nacheinander zu fragen: „Bist du eine Mörderin, Darling?“

„Forderung an alle Männer: Wiederholt diesen Satz!“

Zur Übung auch die Frauen: „Bist du ein Mörder, Liebling?“

„Haltet euch genau an diese Fragen und an dies: Die beiden müssen sich       tief in die Augen sehen und sich dann ganz leicht auf eine Wange küssen.                             Horcht dabei tief in sie hinein.

Nur die Mörderin gibt es zu, indem sie den Frager richtig küsst.

Und wenn sie es mit dem halbierten Hölzchen beweist, darf sie zu der anderen Stuhlreihe gehen und die Befragung bei den Männern fortsetzen: „Bist du ein Mörder, Liebling?“

Alles klar? Dann los!“

Natürlich ergeben sich viele unvorhersehbare Situationen. Die Stimmung und der Lärm steigen; kaum eine wartet, bis sie dran wäre und es ergibt sich ein schönes und lautes Durcheinander.

Wir spielten ohne erkennbares Ende. Viele lagen sich länger in den Armen.

Lange nach Mitternacht und nach dem gemeinsamen Aufräumen gingen Marlitt, Marble, Margret und Ben mit mir heim. Wir haben den ganzen Weg gesungen.

Zu Hause haben wir nur noch Wasser getrunken. Ben blieb bei Margret. Ich musste in dieser Nacht nicht allein schlafen; Marlitt und Marble auch nicht. Wir veränderten mein Bett in eine größere Liegefläche und spielten dann ein  ganz anderes Spiel.

Drei oder vier Treffen später haben wir das Mörderspiel mit großem Erfolgwiederholt.

Die folgenden Treffen waren nach dem Singen fast reine Tanzabende, an denen nicht nur ich Freude hatte. Ich sah einige neugierige Gesichter, als ich gegen die Regeln drei Songs lang eng mit Marlitt tanzte.

Bei diesem Treffen machte ich in der Raucherpause wieder einen Spaziergang mit Deborah. Marlitt hat mir zugezwinkert, als wir mit vielen anderen Paaren in den dunklen Kirchgarten hinausgingen.

Deborah hat draußen meine Hand genommen und ist mit mir zum Haus des Reverends gerannt, wo sie das Gästezimmer hatte.

Wir machten kein Licht und ließen uns Aufgestauten nicht viel Zeit, nicht einmal zum Ausziehen – gegen meine Vorstellung von einem langen und lustvollen Vorspiel, mit dem  ich sie und letztlich mich beschenken wollte; das wollten wir bald nachholen.

Ich musste mich nach unseren kostbaren stürmischen Minuten vorsichtig umschauend in den Kirchgarten schleichen – Deborah kam später nach.

Als ich mir eine Zigarette anzündete, hat mich die aus dem Garten kommende Joyce erkannt. Die von allen Männern begehrte Tanzpartnerin lockte mich improvisiert tiefer in den Kirchgarten.

Obwohl ich solche Initiativen von Frauen mag, war mir ihr schönes Angebot gerade nicht willkommen; Ihr ahnt, warum.

Ich konnte es mit einer heftigen Umarmung und allerdings überirdischen Küssen abmildern und als John zur Rückkehr mahnend leicht an die kleine Glocke schlug, schreckten auch wir auf und stolperten im Dunkeln über einen Ast oder eine dicke Baumwurzel. Ich rappelte mich hoch, konnte aber Joyce nicht genug festhalten. Sie schlug flach auf den Boden und blieb reglos liegen.

Noch als ich mich über Joyce beugte, kam Deborah näher. Ich machte mit meinem Feuerzeug Licht: Der Anblick der da auf dem Bauch Liegenden verhinderte Vorwürfe oder ironische Fragen.

„Was kann das sein?“, rief Deborah, „ich dachte erst, sie wäre betrunken oder sie will uns einen Schreck einjagen, aber das sieht schlimmer aus; sie  braucht eine Wiederbelebung, aber schnell!“

Sie rief den Küster; wir trugen Joyce zu dritt in den Saal, legten sie auf einige  Mäntel und Liz versuchte eine Herzmassage.

Alle waren entsetzt und standen hilf- und ratlos herum. Der Reverend rief: „Wer läuft mal schnell zum Arzt? Dr. Stonewell wohnt ganz nahe. Ja, George, lauf  du mit Liz hin und fleht ihn an, schnell zu kommen. Ich mache hier weiter.“

Die Pfarrerin rief die Teilnehmer ablenkend zu einer Andacht in die Kirche.

Dr. Stonewell kam bald und setzte die Wiederbelebungsversuche fachmännisch fort. Es war vergeblich.

Seine Diagnose entsetzte uns – am meisten mich: „Herzstillstand, keine sichtbaren Verletzungen; Fremdverschulden ist nicht auszuschließen, Obduktion ist dringend angezeigt.“

Der Detective Inspector wurde von uns mitten in der Nacht gerufen. Er befahl die Überführung am nächsten Morgen mit dem Hubschrauber zur Obduktion nach Inverness.

Keiner hatte mehr Lust zu bleiben, wir mussten aber. Der Officer bat einen aus unserem Chor, die Namen, Anschriften und Telefonnummern aller Anwesenden aufzuschreiben – „und lesbar bitte!“.

Das dauerte gut eine Stunde. Der Officer ordnete an: „Bis zum Abschluss der     Untersuchungen darf keiner ohne triftigen und mir vorher mitzuteilendem Grund die Insel verlassen.“

Ich bin mit Marlitt und Marble im Regen heimgegangen. Wir haben leise Gospels gesungen. Und verschmerzt, dass Margret fehlte.

Marble sagte: „Sie wird sich bei Ben den Hintern abfrieren, wenn sein Schlafsack nass wird. Hoffentlich kommen die beiden doch bald ins Haus.“

Wir überlegten, wie wir das Nachtproblem vorsorgend lösen konnten. Margret  und Marble hatten seit Jahren gemeinsame Liegepolster.

Wir überließen Margret und Ben diesen Platz und rückten dafür näher zusammen. Das  ging gut.

                                                          *

Eine ähnliche Aufregung hatte es in Portree und in den Fischerdörfern noch  nicht gegeben. Der Detective Inspector hatte seine Meldung aufgebauscht und sich selbst herausgestellt. Noch am Wochenende rückten die Cops mit einer stattlichen Truppe an. Sie waren vom Stützpunkt  Stromeferry mit einem Schnellboot herübergekommen, sieben Cops, zwei uniformierte Frauen, ein Polizeihund und viele Gerätschaften.

Sie haben fast alle aus dem Chor, die wieder zuhause waren, verhört und waren bis Sonntagabend mit den umliegenden Dörfern in einer ersten Runde fertig. Sie wollten Montag bei uns weitermachen und dann noch mal ein gründliches Verhör von allen Männern, die dabei waren.

Wir hörten im Inselradio einen Polizeisprecher sagen: „Wir haben noch einen        jungen Burschen aufgestöbert, der mit seiner Freundin zeltete, unerlaubt natürlich. Die junge Frau war sein Alibi. Aber Frauen sind das unsicherste Alibi. Wir haben ihn vorsichtshalber festgenommen.“

„Wegen Fluchtgefahr sicher?“, fragte der Reporter. „Haben Sie denn hier ein  Gefängnis?“

„Nein, haben wir nicht, nur Ruinen aus dem Mittelalter. Wir haben Räume für die Ausnüchterung der Gewalttätigen unter den Besoffenen. Da ist er uns sicher.“

Es war wie üblich: Ich hatte überhaupt keinen Grund, mich davonzumachen:    Mir war nichts nachzuweisen, nichts belastete mich mehr als alle anderen. Aber hat nicht jeder eine Macke? Margret mag keinen Brokkoli, Marble keine Innereien – ich kriege feuchte Hände, wenn ein Polizist mit mir spricht.

Ein Polizeischnellboot voll mit Kriminalisten und einem Spürhund waren einfach zu viel für mich. Ich habe keine Nerven wie Drahtseile!

Es drängte mich unwiderstehlich, abzutauchen, so herzschwer es mir fiel.

In meiner letzten langen Nacht hat sich Marlitt besonders lieb von mir verabschiedet. Sie hat sich zu uns gelegt: „Nun rück mal ein Stück, Marble, wenn`s   dir nichts ausmacht.“

Ich wollte den Frühbus nehmen, der morgens kurz nach Fünf am Friedhof hält, aber Marble nahm mich nach dem Abschiedsfrühstück auf ihrem Motorrad bis zum Hafen Drynoch mit. Es war ein Umweg für sie, einige Umarmungen und verschmierte Regengesichter wert.

Ich hätte leichter den Fernbus nach Inverness nehmen können – aber dann hätten mich Leute gesehen. Es war zu früh, den Polizei-Officer zu verständigen; das würde Marlitt für mich klären. Und zugegeben: ich war doch etwas neben der Spur.

„Schade, dass ich Margret nicht mehr küssen konnte. Sagt ihr: Ich komme sicher bald wieder.“ 

Sicher?

Unterwegs habe ich doch einen Bus genommen – und bereut. Nach einer Pinkelpause in den Highlands haben sie mich aus dem Bus  geholt und gründlich verhört. Ich hatte vorzeigbar Unterhosen für zwei Tage bei mir, ein Ersatzhemd, meinen kleinen Kulturbeutel, eine große, leere Falttasche, die Adresse eines Zahnarztes in Inverness mit meiner e-Mail-Anmeldung und die Einkaufsliste für Sachen, die in Annie´s  Shop nicht zu haben und im Internetversand zu teuer waren; auch zwei Großpackungen Kondome standen darauf.

„Sie kommen in zwei Tagen zurück nach Portree?“

„Ja, ich brauche nicht lange. Außer, ich treffe meine Traumfrau oder der Zahn-Doc bastelt länger an mir herum.“

„Dann müssten Sie sich neue Unterhosen kaufen oder die vorhandenen nach Gebrauch wenden. Wir haben noch eine Formsache, Sir, eine Speichelprobe und Ihre Fingerabdrücke – die brauchen wir von allen, die dabei waren.“

„Sah es denn nicht nach einem Unfall aus?“

„Kann sein, muss aber nicht. Mein Kollege hat übrigens mit Frau Moore telefoniert. Sie bestätigte, dass Sie mit ihrer Credit Card einkaufen können. Vor allem, dass Sie der Michael J. Bellingham in Ihrem Führerschein sind. War uns wichtig.

Auch, dass Sie aus Glasgow kommen und bald Ihren 31. feiern können –    warum nicht in Portree! Der Chief Inspector dort wird Sie noch zu einem Gespräch einladen. Halten Sie sich dafür Dienstag und Mittwoch frei. Guten Aufenthalt, Sir!“

                   „Danke.“

Inverness fand ich jetzt noch weniger anregend. Ich ließ den Zahnarzttermin sausen und fuhr am nächsten Morgen als Anhalter Richtung Glasgow.

 

         In der alten Königsstadt

 

Das Leben wollte es, dass ich in Perth landete, ein schönes Stück vor meinem Ziel. Warum landete ich in der Stadt, die vor Edinburgh unsere Königsstadt war? Hat man Großes mit mir vor?

Ich kannte  die Stadt vom Besuch eines Volleyballturniers her und ich wusste, dass hier neben Lisa Evans die Klassespielerinnen Lana, Joanna und Gemma aufgestiegen sind.

Von hier schickte ich Marlitt die Credit Card zurück. Ich fragte mich etwas durch und fand heraus, welcher Großbetrieb Hilfskräfte  brauchte.

Der zweite Versuch sicherte meine versuchsweise Anstellung als Allround-Mann einer Metzgerei, die zwei Filialen hatte und zu der ein Stadt- und ein Landhotel gehörte: Bediener der Koksheizungen, Lieferwagenfahrer, Putz-mann, Markteinkäufer, Gemüseputzer, Fischausnehmer (ich hatte den flinken Fischerfrauen in Portree aufmerksam zugesehen und wusste, worauf es ankam), abends Hilfskellner und Geschirrspüler – also ein 16-Stunden-Job, der vielleicht noch zwei andere Jobs einsparte, ohne freie Sonntage.

„Und wie bleibt mir Zeit, am Wochenende Frauenfußball live zu gucken und sonntags in die Kirche zu gehen?“, fragte ich die mich einstellende Chefin.

Ich hatte keine Alternative und nahm mir vor, nach ein paar Wochen Probe bessere Bedingungen herauszuschlagen – bei ihr. Ich schätzte sie auf Ende Fünfzig und fand sie ganz okay. Sie hatte mich gefragt, ob mein Blond echt sei. Ich hatte ihr amüsiertes Lächeln bemerkt, als sie sagte: „Wir müssen Sie ja erst mal kennen lernen, Mike, dann sehen wir weiter.“

Meine freilich dürftige Unterkunft und meine Verpflegung waren bestens gesichert – Wurst, Braten und Mahlzeitenreste konnte ich mir reichlich holen. Knast ist verdammt härter, wusste ich.

Die Rückkehr nach Portree stellte ich mir in drei, vier Monaten vor.

Mich erreichten übers Internet interessante Neuigkeiten von Marble. Sie machte mir ein verblüffendes Angebot, bat mich um meine Mitplanung an ihrem Projekt für Fischvermarktung und brachte mich auf ganz neue, branchenfremde Ideen.

Ich grübelte lange über ihre Pläne und wollte ihr gern zuarbeiten – ihr lieber als jemand anderem. Eines Abends gründete ich auf gut Glück im Internet-Café das Start-Up „Scotish Island Products Ltd.“

Das war der Beginn von etwas Größerem…

Von wegen Zufall…

Ich bekam die wie eine Mönchszelle ausgestattete Kammer unter dem Dach: Pritsche, Schemel, Kleiderhaken. Auf einem Ablagebrett stand ein verstaubtes Wasserglas und ein spielkartengroßer Spiegel, in dem nicht mehr viel zu erkennen war und ein drei Finger hoher Kerzenstummel auf einem Bierdeckel. Licht gab es nicht, nur die aufklappbare  Dachluke. Klo und Waschbecken ein Stockwerk tiefer.

Wie gestöhnt: Knast ist schlimmer.

Risikomutig habe ich mich gewehrt – mit Hinweis auf die von mir nur vermuteten nationalen Hygiene-Vorschriften:

 „Ist es ok, wenn ein dreckiger Kohlenschipper in seiner einzigen Hose und dem Tage alten Hemd Fische ausnimmt, Pilze und Zwiebeln schneidet, Markteinkäufe sortiert und zum Teil offene Lebensmittel transportiert?“

Der Chefkoch hat es eingesehen und mir einen Packen Arbeitskleidung geben lassen, später auch Unterwäsche und Socken. Vor allem aber bekam  ich ein Zimmer mit Licht und einer Dusche gleich um die Flur-Ecke.

Es hatte den kleinen Nachteil, über mächtig lauten Ventilatoren zu liegen. Ich  musste mir Kugeln aus Klopapier in die Ohren stecken, spätabends, wenn ich mich ins Bett haute, aber nicht ganz, weil ich den Handywecker um 04:15 AM hören und dann bald in der ersten meiner zwei Heizungen sein musste.

Ich weiß nicht, warum ich spätabends noch mal grundlos zu den drei Mansarden hinaufgegangen bin, noch dazu im Dunkeln, immerhin schon gewaschen.

Wohl um den Mond und den Sternenhimmel zu sehen. Ich fasste spielerisch an die Türklinken. Die Türe der 3. Mansarde gab zögernd nach, weil von innen ein Stuhl vor die Klinke gestellt war, er rutschte aber zurück.

Die Bude war dunkel, ich hörte und sah niemanden und wollte mich schnell davonmachen, dann schaute ich abdrehend zu dem schmalen Dachfenster hin – und sah die Beine auf dem Vordach.

Ich räumte mir den Weg frei und sah mir die Bescherung an: ein vermutlich junger Körper in der grau-blauen Uniform der Zimmermädchen lag bäuchlings auf dem Vordach; er schien an der Regenrinne vorm Abrutschen abgebremst worden zu sein.

Die in dünnen Socken steckenden Füße lagen knapp unter dem Fensterbrett, ihre Sandalen lagen innen vor dem Fenster. Sie wird tot sein; wer weiß, wie lange sie da schon liegt. Ob sie schon stinkt?

Was tun? Erst mal verhindern, dass sie weiter abrutscht. Mist, ob ich sie an der dünnen Uniform ziehen kann? 

Als ich meine Hand auf ihr eiskaltes Bein legte, grummelte sie: „Weg!  Ich will keinen hier haben. Das mache ich alleine.  Wenn nur nicht so viel rostiges Eisen da unten liegen würde…“

Thank heaven! Ich war heilfroh, dass sie noch lebte und ansprechbar war.  Ich musste improvisieren – während ich ihre Fußgelenke umklammerte.

„Ok, ich bin ja jetzt hier…“

„Wer bist du? Bloß kein Kerl!“

„Da hast du Glück: ich bin eine halbe Frau.“

Hat  sie ein bisschen gekichert?

„Gibt’s nicht bei Menschen. Du bist doch ein Mensch? Wie heißt du?“

„Ich bin Timor, dein Schutzengel, extra zu dir geschickt.“

„Kann nicht sein, fromm war ich nur als kleines Mädchen. Was willst du?“

„Ich will dich zurückholen. Das ginge auch, wenn du runterplumpst, aber ich mag das rostige Eisenzeug da unten auch nicht, erst recht nicht, wenn es dich in blutige Fetzen aufschlitzt. Besser, du versuchst dich ein bisschen zu drehen und dich hochziehen zu lassen. Mir wird´s auch langsam kalt. Wir haben dünne Häute. Ich drehe dich erst mal um, hilf mir dabei, dann kann ich dich besser an  deinen Füßen packen. Zum Glück bist du kein schwerer Brocken.“

Sie hat sich wirklich ein bisschen umgedreht: „Wie heißt du noch mal?          Tumor?“

„Nein, Timor, mit „i“. Und du?“

„Hayley. Mit zwei Ypsilon. Hab ich dich schon mal gesehen?“

„Möglich, ich bin neu hier. Seit Montag erst.“

Ich hatte ihre Beine bald heraufgezogen, der schwerere Körperteil war  noch draußen. Ich konnte jetzt fester zupacken und sie hereinziehen.

Geschafft. Sie war kaum kleiner als ich, hatte eine aufgeschürfte Schramme im Gesicht und schlotterte vor Kälte.

„Warte mal“, sagte sie und drückte mich etwas zurück. Und dann hat sie mir   links und rechts eine gescheuert.

Sie hatte wenig Kraft; es war wohl mehr symbolisch gedacht. Die Schläge galten vielleicht ihrem Leben oder einem anderen Menschen – wem wohl?

Sie schaute mich forschend an: „So sieht ein Schutzengel im Mondlicht aus. Sag mal, hast du blonde Haare?“

„Klar, haben alle Schutzengel.“

„Raus hier. Ich lasse keinen Mann in meine Butze.“

„Das hatten wir doch schon: Ich bin halb wie du. Und wer weiß: vielleicht brauchst du mich noch. Wir müssen jetzt deine Durchblutung sichern; ich klopfe  dich erst mal durch; es ist was Asiatisches…“

Sie protestierte nicht und hielt staunend still; ich klopfte sie mit beiden Fäusten rundherum, vom  Kopf bis zu den Knöcheln ganz dicht und wieder zurück, fünf Mal. Dann habe ich sie kräftig durchgewalkt und gemerkt, wie mager sie war und wie fest ihre Oberschenkel. Ich habe sie schnell ins Bett gesteckt und zugedeckt.

Während ich noch ihre Hände knetete und ihre Eisfüße massierte, fragte ich sie, was sie hier im Haus macht.

„House keeping: Gästezimmer, Wäscherei, Nähstube. Und du?“

„Heizer, Küchenhelfer, Fahrer, Hilfskellner. Wovon hast du so stramme      Beine? Zum Joggen wirst du doch keine Zeit haben…“

„Stimmt genau. Aber ich darf Fußball spielen – zusammen mit der Tochter der Chefin – zwei Stunden Training jede Woche und nachmittags, wenn wir spielen.“

„Als was spielst du?“

„Linksaußen. Bin ich aber leid. Ich will ins Mittelfeld. Halb hab ich`s durch- gesetzt beim Trainer. Er hat´s mir fest versprochen.  Hat mich allerdings meine Unschuld gekostet.“

„Wie jung bist du denn?“

„Sechzehn:“

„Manche Mädchen machen sich älter als sie sind.“

„Hast du richtig geraten; ich bin noch drei Monate jünger. Aber ich bin eine fertige Frau; kannst dich gerne davon überzeugen.

Mit sechzehn dürfen wir in diesem Land heiraten, wenn`s eilt, hilft Gretna Green. Vorehelicher Sex muss dazugehören; der soll ja hundertmal besser sein als der bald langweilig gewordene abgesegnete. Einen Blonden  hatte ich übrigens noch nicht.“

„Kam dann dein Sexualleben in Schwung?“

„Kann man sagen. Es war ja auch eine Befreiung. Meine Mitspielerinnen waren weiter als ich; das wurmte mich. Ich stachelte sie auf, nach dem Spiel in das Männer-Klo zu rennen und uns die Jungen der Jugend-Mannschaft zu schnappen. Manchmal kriegte jede von uns nur einen, aber manchmal standen sie Schlange vor meiner Klapptüre.

So viel Sport vor dem Duschen war ganz schön heiß – und  eine Spur besser als der Wettstreit von uns Zimmermädchen um die sieben Männer inderKüche.

Die jungen Spieler waren total überfordert; wir mussten sie erst auf Touren bringen;  zwei von uns wussten, wie das geht. Wir haben schnell gelernt und sind jetzt fit für ein anspruchsvolles Liebesleben – also für das, was Ihr Männer       nie kapieren und ausprobieren wollt.

Ich habe irgendwann gemerkt, dass diese schnellen Geilheiten nur Übungen       und noch nicht das sein konnten, wovon alle Mädchen träumen.“

Ok, jetzt weiß auch ich das. Ich musste bald schlafen gehen und sagte ihr: „Gute Nacht, heiße Hayley, wir treffen wir uns sicher hier irgendwo…“

Sie rief: „Komm noch mal her. Du kriegst was als Dankeschön.“

Ihr vermutet sicher – einen Kuss auf die Backe. Es wurde verdammt viel mehr.

Die Natur hat viele Lebewesen mit Abwehrmöglichkeiten gegen Angreifer ausgerüstet oder nachgerüstet. Bei den Fortpflanzungsorganen hat sie auf Stacheln, Giftblasen oder Biss-Möglichkeiten verzichtet. Oder wollten es die Beteiligten nicht? Fest steht: ich wollte es nicht, so ein Abwehrorgan. Hayley ganz bestimmt auch nicht.

Habe ich jetzt so ein junges Ding am Hals? Will ich das? Ich muss zugeben: Nicht nur vom Küssen versteht sie was. Sie weiß, wie frau einen Mann an sich fesselt. Und wie die alte Maggie Smith sieht sie auch nicht aus.

Mit einer Fußballspielerin hatte ich noch nie was, ehrlich. Wurde  eigentlich auch Zeit für einen langjährigen Fan.

                        Ende einer Dienstfahrt

Ich wusste immer noch nicht, warum sie mit ihrem jungen Leben Schluss machen wollte – nach Versuchen am Unterarm schon zum zweiten Mal.

Ich erfuhr nur Bruchstücke: Der Übergriff ihres Trainers war es wohl nicht, den nahm sie viel zu leicht. Es muss einen anderen Mann geben. Auf ihrem linken Arm stehen einige Männernamen, eingerahmt in Herzchen und Sternchen.

Ihre Regel war vorletzte Woche überfällig gewesen und der Kerl, der daran schuld war, hatte sich als richtig fies gezeigt. Dazu kam, dass ihre Etagen-Managerin sie dabei erwischt hat, als sie einen Gast beklaute.

Hayley hat es bestritten. Vielleicht hat die Chefin sich geirrt. Hayley musste mit einer Anzeige rechnen und mit dem Rausschmiss – dicke Hunde, aber doch kein Grund, von der Klippe zu springen.

Ein neues Problem – nach drei Wochen: Sie ist eifersüchtig auf die Chefin.

Sie wusste natürlich, dass Milena und ich uns Sonntagnachmittags im     Zimmer 335 trafen, dass Milena sich dabei bessere Arbeitsbedingungen         und mehr Ruhepausen für das Personal abringen ließ und mir Geld für Zigaretten, Bier, Klamotten und für Hundewetten gab.

Das nahm Hayley hin, weil es uns letztlich half; sie verwaltete unsere gemeinsame Kasse.

Neulich abends wartete sie durch ihre günstigere Arbeitszeit schon länger in  meinem Bett. Es war ein wohltuendes Gefühl von Nachhausekommen für mich.

Ich hatte ihr nach dem längst zwischen uns zeitraubend Eingespielten  erzählt, dass die Chefin mich als Fahrer für eine Reise nach Edinburgh braucht. Sie will dort Einkäufe machen und ins Casino,  mit Geld spielen.

Hätte ich Hayley besser nicht gesagt, dass Milena meine Begleitung auch ins   Casino wollte und schon einen Kostümverleiher ausfindig gemacht hatte – weil ich ja schlecht im blauen Overall da rein gehen könnte?

„Ist ja klar, dass sie dich noch gründlicher als hier vernaschen will. Dir     wird es gefallen, logisch, obwohl ich dich ja nun wirklich nicht verhungern lasse.

Bei der wichtigsten Sache der Welt bin ich todsicher unschlagbar besser als sie – mit der Liebeserfahrung von höchstens zwei, drei Männern und einem sicher großen Nachholbedarf.

Schön, sie hat nun mal mehr in der Bluse – darauf fallt ihr Kerle immer wieder  rein. Dir gönne ich es ja, aber ihr nicht. Hoffentlich lässt sie ein sattes Trinkgeld  springen. Mir gefällt die Geschichte nicht – du und eine doppelt so alte Frau, da geht mir  unnötig Kraft ab. Ich bin stinksauer.“

Was ich dagegen hielt, machte es lange Zeit nicht besser.

„Fährt sonst wer mit, ihre Tochter, meine Sportfreundin Cissy, zum Beispiel? Klar, sie will dich allein. Du musst mir alles haarklein erzählen, dann mache ich meinen Racheplan. Das sag ich dir schon mal: Gut wird sie dabei nicht wegkommen…!“

„Auf jeden Fall wirst du das Wochenende mitgestalten, Linksaußen. Es wird ganz bestimmt ihre letzte Reise mit mir sein und das letzte gemeinsame Hotelbett. Ich habe einen Plan A und einen Plan B.

Mitfahren wirst du nicht können, Herzblatt, aber vorausfahren. Ich brauche dich unbedingt in Edinburgh. Ich treffe dich im Hotel „Ibis Centre South Bridge“ und dann beginnt unser neues Leben.

Ich werde Milena überreden, extra viel Bargeld mitzunehmen. Ich werde ihr nach einigen Glas Wein und Rumgemache die Geldscheine und ihre Visa Card aus der  Taschenehmen.

Du wirst damit später zwei Flugtickets nach Madeira kaufen und so viel Bargeld wie möglich abheben,  am nächsten Tag noch mal.

Unsere ausgeklügelt mehrfach gestückelte Reiseroute schreibe ich dir auf. Ich werde Milena in der bewährten Kombination betrunken machen und du wirst die Schwankende auf die Damentoilette begleiten und dort auf mich warten. Ich mache den Rest.

Ich lasse das Auto innen reinigen und verschlossen auf dem Parkplatz  stehen. Es soll so aussehen, dass die Zeitungen schreiben können:

„61-jährige Geschäftsfrau erlitt auf der Restaurant-Toilette einen Herzanfall und starb. Ihre Handtasche mit Papieren, Bargeld, Credit Cards und einem Schlüsselbund stand neben der WC-Schüssel. Das spricht, findet die Polizei, gegen ein Fremdverschulden.

Auf dem Parkplatz stand ihr Auto, mit dem sie von Perth hergefahren war. Ihre Motorhaube war noch warm. Ihr wohl mitgereister Ehemann gab sich ahnungslos. Er wurde lange verhört.“

„Auf was freust du dich mehr, Hottie, auf den perfekten Mord oder auf unser Bett unter Palmen in Madeira?“

„Hey Lover, ich brauche unbedingt eine Einstimmung. Ich mache den Anfang bei dir, Schutzengel, pass auf deine Flügel auf und stell dich auf Anstrengendes ein…“

War es meine Schuld, dass wir uns in London verloren haben?

Hayley hatte die Buchungsbestätigung des Hotels in ihrer Jackentasche; der Hotelname wollte mir absolut nicht mehr einfallen.

Sie war schneller im Bus als ich mit dem Gepäck. Drei Leute eilten  hinter ihr in den Bus-Eingang und verhinderten ihr Zurückkommen. Der Bus fuhr ohne  mich ab. Ich ließ alles fallen und rannte gestikulierend hinter ihm her. Der Verkehr ließ keine Verfolgung zu.

Ich bin mit einem Taxi ein paar Meilen hinter dem Bus hergefahren, wahrscheinlich hinter einem falschen.

Was konnte ich tun: In den unzähligen Hotels nachfragen? Ausgerechnet die  Polizei um Hilfe bitten? Ich musste es eingestehen: Unser Märchen war aus – auf die blödeste Art.

Hayley konnte wohl auch nichts unternehmen – ohne sich in Gefahr zu bringen. Sie wird schnellstens nach Perth zurückgefahren sein und ihre einzige Rettungsmöglichkeit versucht haben. Sie hatte mir gesagt: „Ich muss den beklauten Mann für mich gewinnen und für mich einstehen lassen. Ich werde ihm die Beine massieren und von mir aus mehr. Ich brauche den Job unbedingt.“

So schlimm es für mich nach stundenlangem Warten und verzweifeltem Nichtstun war: am nächsten Morgen musste ich allein nach Heathrow und über Amsterdam, Bremen und Mailand zum Funchal Airport fliegen.

Meinen Pass und die beiden Flugtickets hatte ich glücklicherweise, auch unsere Reisekasse und Milenas Visa Card, die ich noch im alten Königreich         entsorgen musste.

                                                             *

In Madeira habe ich mir ein Auto gemietet.

Ich nehme an, dass die beiden Damen in meinem Hotel auch nicht gern kilometerweit zu Fuß über die paradiesische Insel laufen und kraxeln wollen und lieber bei mir mitfahren möchten. Wir haben beim Frühstücken über die Schönheiten und Schwierigkeiten der Insel geplaudert, ich bot es ihnen an  und ich sah ihr Nachdenken und ihre Abwägungen.

Ichbinungernlangeallein.

Vielleicht lenkt mich das ab. Ich schwanke noch – soll ich die vermutlich betuchte Ältere mitnehmen oder die etwas pummelige Jüngere? Hübsch sind beide nicht besonders; erfahrene Herzensbrecher schwören ja auf die „zweite Wahl“.

Ich bin augenblicklich kein bisschen abenteuerlustig, aber soll ich diese aufregende Welt ganz ohne Frauen aushalten?

Ich kann mir natürlich auch Zeit lassen und abwarten, was das Leben mit mir      vorhat.

Was ratet Ihr mir?

                                           Café Cleopatra

Damals in Portree wollte ich das absehbare Ende meines Geldvorrats nicht erleben und besann mich auf meine erlernten Künste und angeborenen Begabungen. Ich sagte eines Morgens beim Frühstück: „Meine Lieben, bitte helft mir, einen Schönheitssalon zu eröffnen.“

Ich hatte richtig spekuliert: Es ist gar nicht schwer, Frauen für eine solche Sache zu interessieren. Wir diskutierten die Anfangsschwierigkeiten – also erst mal „wo“.

Ich dachte an einen Nebenraum der Apotheke. Marbles Freundin arbeitete dort, aber die hiesige Apotheke gehörte einer Kette, die gerade an eine andere Kette verkauft wurde. Es gab keinen Verhandlungspartner.

Zweite Idee: Einen Raum des Gemeindezentrums: Fehlanzeige. Man hatte uns zu selten in der Kirche gesehen.

Die dritte Idee hatte Marlitt. Sie kannte die nicht mehr praktizierende Ärztin Dr. Milo Philipov.

Wir tranken bei ihr Tee und wurden uns über die Nutzung von zwei leeren Praxisräumen einig und über dieses wichtige Detail: Dr. Philipov wurde Mitinhaberin.

Sie empfing die Kundinnen, prüfte ihren Puls und den Blutdruck, hörte sie auf Wunsch auch ab und führte die Kasse. Sie brachte die Frauen dann zu mir: Ich bewunderte fachmännisch ihre Figur und ihr Aussehen und stellte eine leider spürbare Verspannung fest, die wir beheben könnten.

Sie wählten eine belebende Rückenmassage mit Finger- und Fußmassage oder eine verjüngende Ganzkörpermassage mit kosmetischer Beratung – billig war das natürlich nicht, aber für ihre vermeintlich kaufbare Schönheit würden Frauen nach meiner Erfahrung ihr letztes Hemd hergeben.

Margret war meine lächelnde Sprechstundenhilfe; sie übernahm nach  einer Internet-Anleitung die Finger- und die Fußmassage und nahm den Frauen auch die Sorge, mit mir allein im Raum zu sein. Das war einigen ihrer Partner offenbar wichtig.

Margret hat zusätzlich einen Shop für gehobene und teure Kosmetika und Luxus-Zusatzartikel eingerichtet und betrieb im Wohnzimmer der Ärztin ein gemütliches Café. Es war schnell ein angesagter Treff und er wurde sogar von Männern besucht. Den Kuchen lieferte uns Marlitt.

Wir vermieden aus rechtlichen Gründen das Wort „Massagen“ und nannten uns Beauty-Wellness, seit dem 15. d. M. nur Café Cleopatra. Das schloss alles ein.

Übrigens, die Sondergenehmigung zum Betrieb des Ganzen hat uns Susan, eine vertraute Mitsängerin und Mittänzerin, erteilt, die inzwischen unsere Bürgermeisterin geworden war.

Weil ich sie ziemlich häufig mit Wangenküsschen traf, musste ich ein Grinsen verkneifen und in ein freundliches Lächeln umwandeln, denn wir nannten sie heimlich „Susan mit den spitzen Brüsten“ – weil sie noch vor meiner Zeit einmal zum Tanzen mit einer ziemlich durchsichtigen Bluse ohne Zubehör gekommen war und damit wochenlang Gesprächsstoff geliefert hatte. Attraktiv war sie immer noch.

Eine örtliche Bank hatte uns für Umbauten und Einrichtungen einen guten Kredit eingeräumt. Der Bank-Boss war ein alter Verehrer von Marlitt. Sie hat die Verbindung wieder aufleben lassen.

Alles lief bestens, mein Vermögen wuchs erfreulich. Alle Beteiligten waren zufrieden bis glücklich. Wir planten eine Zweigstelle und einen Internet- Shop und erwogen eine Vergrößerung des Cafés.

BisdasmitJoycepassierteundallesveränderte.

Vor allem mich.

                             Finanzstrateginnen

 

Das konnte man doch mal: Gedankenverloren dahinschlendern. Ich weiß jetzt, dass ich mir das nicht mehr unbesorgt leisten kann.

Es traf mich an einem Freitagmittag. Ich spazierte friedlich rauchend durch den Schlosspark. Für das Treffen mit einem Bekannten blieb mir noch Zeit. Meine Gedanken kreisten um die Grundfrage: Bescheiden oder richtig lecker essen gehen.

Ich achtete nicht auf die Menschen um mich herum, auch nicht auf hinter mir     heranrasende Radfahrer. Das war mein Fehler, meinte ein Augenzeuge.

Der seitliche Zusammenprall ließ mich nach links taumeln, ich stolperte und  drückte einen arglosen älteren Mann zu Boden. Dieser Henrik schien an ein  Erdbeben zu denken; ich half ihm auf und entschuldigte mich für meine Reaktion auf den Domino-Effekt des Fahrradunfalls.

Jetzt sah ich das rot-weiß lackierte Herrenfahrrad. Es lag da wie unbeschädigt. Schön, mir ist ja auch bis auf die Schmerzen nichts Schlimmes  passiert.

Ein anderer Augenzeuge beschimpfte den Radfahrer und hielt ihm vor, in einem Park zu rasen, nicht aufzupassen und sich jetzt noch nicht um die beiden Verletzten zu kümmern.

Ich staunte, als der Radfahrer aus den Büschen kam und sich um uns sorgte; es war eine hübsche, verschwitzte Studentin, der ich spontan noch viel mehr  verziehen hätte.

Die Geschichte kam voran, ich verkürze sie stark: Wir drei, Marion Li Ming, Henrik und ich gingen in ein nahes Café, futterten leckere Torten und verabredeten uns für später: Henrik und ich für den Abend in ihrer WG.

Vorher stand ihr Rad am Nachmittag vor meinem „Unterschlupf“, der wirklich  so heißt und Frau Baltruschek gehört. Deren Neugier wurde strapaziert, als meine Besucherin meinen Rücken und den rechten Arm mit einem Gel einrieb, mir den Nacken massierte und dabei drauflos plauderte: „Gemütlich hast du`s hier. Warum muss es auch immer ein Hotel sein. Bleibst du länger in der Stadt? Dann können wir uns näher kennen lernen. Ich sammle Liebesgeschichten von anderen und natürlich auch von mir. Was war dein schönstes und was dein peinlichstes Liebeserlebnis?

Hattest du schon mal eine Anwältin im Bett oder eine vom Finanzamt? Du wirst bei uns einige Frauen kennenlernen und Puck, unseren Sklaven, der auf Pastor studiert und eine scharfe japanische Freundin hat…“

Kurz nach Sieben klingelte ich bei ihnen, Puck nahm mir den Bierkarton ab und warnte mich vor Babette, „die wird Tierärztin und kocht fantastisch für uns – aber kein Mann war noch vor ihr sicher. Komm rein. Henrik ist auch schon da!“

Oben war die Bude voll, laute Musik lief, alle sprachen überlaut, die Stimmung war fortgeschritten, wenige wirkten nüchtern.

Meine Radfahrerin Marion Li Ming machte mich mit einigen bekannt: „Erst mal mit meiner Busenfreundin Judith Yoshiko, die darin bewährt ist, meine Männerbekanntschaften auszuprobieren; Puck kennst du schon, seine japanische Freundin Amaya kommt gleich noch – Babette wirst du noch gründlich kennenlernen, alle anderen sind unsere Freundinnen und Freunde…

Judith Yoshiko und ich streben langfristig höhere Jobs in Finanzbehörden an  und lassen uns von mehreren Stellen unser Studium finanzieren. Wir spezialisieren uns auf Japan und China und haben unsere zweiten Vornamen und unsere Zimmer schon mal auf die asiatischen Großmärkte eingestimmt.

Du hattest ja wohl noch nichts mit einer Frau von einem Finanzamt. Ohne dieses prickelnde Bett-Erlebnis sollst du nicht sterben, obwohl es umgekehrt passieren könnte …“

Es gab Risotto mit Bratwürstchen und einen fantastischen Salat mit Meeresfrüchten; sie hatten drei Flaschen Rotwein, mussten ihn aber unserer Zahl zuliebe verdünnen. Gegen Zehn waren wir alle trotzdem ziemlich high – eine friedliebende Menschengruppe, die normalen Stuss von sich gab und leicht mit einer interfraktionellen Arbeitsgruppe im Parlament verwechselt werden konnte. Henrik schien sich extrem wohlzufühlen, ich mich auch.

Babette zeigte mir im Dachgeschoss die „Zauberkammer“: Es war nur ein einsamer Stuhl auf dem Trockenboden – aber was kann man nicht alles mit und auf einem Stuhl machen! Babette ist nicht nur eine Kochkünstlerin!

Wir gingen gegen Elf schräg gegenüber in einen Keller unter dem italienischen Restaurant. Puck spielte Klarinette in der Band. Auf meine von  Amaya unterstützte Bitte spielten sie auch was zum Tanzen.

Babette wurde mir dabei noch vertrauter, auch Judith Yoshiko und Amaya. Wie wichtig sind nicht fünf oder sechs glückliche Stunden in unserem Leben!

Irgendwann machte einer das grelle Licht aus, es umgab uns nur sanftes Blau. Das warme aufküssbare Bündel, das schon länger auf mir lag, war Amaya, die, wie wir alle ziemlich betrunken und verschwitzt war, aber das gefiel meinen Sinnesorganen.

Als ich das Bündel zum Leben erweckte, grüßten mich herrlich verschwommen die Firnnebel um den heiligen Berg.

Stunden später waren wir die ersten Gäste beim Italiener. Es gab ein belebendes Frühstück und die Verabredung, mich nachmittags zu besuchen.

Frau Baltruschek wird nichts dagegen haben – und ich nicht, dass Amaya    anschließend Puck traf – warum auch nicht, die Erde gehört uns allen…

Marion Li Ming wird sich heute nach Absprache mit einem leitenden Bankmenschen vernetzen und Judith Yoshiko trifft den Pressesprecher des Finanzministeriums zum zweiten Mal. Er spendiert ein Abendessen in einem  Spitzen-Restaurant. Vermutlich auf Spesenrechnung. Ob er seiner Frau am nächsten Tag erzählen wird, wie es ausging? Ich erfuhr     es schon früher bei unserem nächsten Treffen, das Judith Yoshiko ganz mir gewidmet hatte…

Wir hatten eine wichtige Vereinbarung: Finanzwissenschaftliches lassen wir  total aus und suchen klassische Umwege zu dem immergrünen Motto „Geld stinkt nicht“.

Mitarbeiterinnen

Zu Mitarbeiterinnen muss man nett sein, dann spuren sie – dachte und     beherzigte ich lange.

Samantha war im Herbst fünf Monate bei mir in Glasgow. Mir war von Anfang      an klar, dass es eine rein sachliche Beziehung sein würde. Sie war durchaus  vorzeigbar, das hatte ja auch ihre Einstellung mitbestimmt, aber ihr abschreckender Mundgeruch hätte sowieso alles andere verhindert.

Samantha sollte mir bei meiner Arbeit helfen; das hat sie kapiert und „kein Problem“ gesagt.

Dreimal hat sie mir in ihrer Probezeit ordentlich beigestanden: bei der Joggerin, bei der Marktbekanntschaft und bei der Frau im Fahrstuhl.

Ich war wohl zu großzügig: sie durfte behalten, was ihr gefiel – die Handtaschen, die Ringe, Halsketten, Uhren und die Schuhe. Auch schon mal was   zum Anziehen. Was hätte ich damit machen sollen! Nur die Geldtäschchen habe ich mitgenommen. Wir Menschen sind nun mal auf Beute scharf – ist ein Naturgesetz.

Dann ist ihr der Erfolg zu Kopf gestiegen; sie wollte ein festes Gehalt oder eine Ablösesumme. War  dumm von ihr. War aber ihre letzte Dummheit.

Ich stand wieder vor der Frage, ob ich eine Neue anlerne, das ganze Zeug auf mich nehme: lange Gespräche über ethisches Handeln, das Praktische, Rechtsfragen und danach die verantwortungsvolle Aufsicht über die Probe-Arbeiten.

Und als ich so grübelte und grübelte, sah ich Emily. Sie turtelte gerade mit einem Wutbürger, sah aber mein Winken. Als sie den Kerl losgeworden war, kam sie zu mir rüber, hielt aber einige Fuß Abstand.

„Wozu werde ich hergelockt?“ rief sie.

„Gibt es einen Job, den du nie machen würdest, Honey?“

Sie kapierte schnell: „Bestimmt mehrere. Schornsteinfegerin zum Beispiel, wegen Höhenangst. Auch Taucherin nicht, Fahrlehrerin, Chirurgin, Kartoffelschälerin, Bürgermeisterin, Bestatterin…“

„Halt“, rief ich. „Was hast du gegen Bestatterin? Wird doch prima bezahlt.“

„Mich stört der Leichengeruch, glaub ich.“

„Ich könnte dir garantieren, dass sie noch nicht stinken.“

„Wer?

„Unsere Dahingeschiedenen. Sind alles Frauen, am liebsten solche, die ich mag. Und nur eine überschaubare Zahl.“

„Hört sich etwas zu schön an. Was bringt es mir – außer einen sicheren Platz  im Frauengefängnis? Sollten wir nicht erst ein paar Gin darauf trinken?“

Mit Emily war es einfach; sie war auf ihre Art lebenserfahren. Wir haben für das Geschäftliche nicht lange gebraucht.

Für die Probearbeit haben wir uns auf nicht zu Schweres geeinigt: eine Verkäuferin bei Marks & Spencer, Wäscheabteilung, aber: „keine ganz junge, keine mit schwarzen Strümpfen“.

Das hat sie dann ziemlich gut gemacht. Danach auf der Rolltreppe haben wir aus Sicherheitsgründen ein Paar gespielt; hatten wir vorher geübt. Sie hatte keinen Mundgeruch und unsere Küsse waren so wenig harmlos wie unser Job.

Weil sie nichts mitnehmen konnte, hat sie „Cash“ verlangt. Wieso von mir? War doch ihr Fehler. Aber ich bin ja nicht so: ich habe ihr in unserer intimen Nachfeier als Glücksbringer die Brosche mit dem Glitzer-Klunker geschenkt.

Ich hätte mich  an sie gewöhnt. Doch beim nächsten Einsatz war sie entschieden  zu langsam beim Einsammeln der Sachen. Zwei Kugeln der Security-Frau haben sie vor weiteren Aktionen bewahrt.

Wie ich oft sage: Es kann auch schief gehen. Und man kann nicht alles haben.

Ich grüble wieder, ob ich noch mal eine Helferin suchen soll.  

 

Der Holländer

Ich hab euch doch von dem Holländer Lutz erzählt, der Frauen und Männer in Benelux abmurkst; keine Ahnung, ob er ein Motiv hat. Über so was sprechen wir nicht, wohl schon mal über unsere Vorlieben: Haarfarbe, Körbchengröße, Schuhe, Sternzeichen…

Er ist verrückt nach Stiefelträgerinnen, davon gibt’s ja Massen – seit die Frauen sich mit den weite Strecken marschierenden Kriegern solidarisieren, für die das feste Schuhwerk vor Jahrtausenden erfunden worden ist.

Ich hatte, sagen wir mal, „geschäftlich“, in Arnheim zu tun. In einem Café habe ich Lutz wiedergetroffen; er hatte zwei angenehm auffallende Frauen dabei; Ihr könnt euch ja denken, was die an den Füßen hatten. Es lohnte aber sehr, sich noch mehr von ihnen anzusehen.

Ich habe sie kurz begrüßt: „Schön, Dich mal wieder zu treffen. Hallo, lasst Euch nicht stören, vielleicht können wir später kurz…“

Als er nach einer Weile Hände waschen ging, hat er mir ein Zeichen  gemacht; ich bin ihm unauffällig gefolgt.

Komisch: Eine der Damen, die in dem raffinierten blauen Kleid, ist anscheinend mir nachgegangen, ich musste verlegen abbiegen und hab mir et was aus dem Automaten gezogen, bis sie wieder ging. Wir haben uns wie Vielbeschäftigte lächelnd mit dem kleinen Handzeichen getrennt.

Ich halte Lutz für einen intellektuellen Typ – die sind ja alle nur mit Vorsicht auszuhalten; er hat schnell gesprochen: „Du, ich habe bei den Unabhängigen Karriere gemacht. Jahrelang war ich Schatzmeister und Schriftführer und nebenher bin ich ehrenamtlicher Schöffe im Landgericht.

Genau das war mein Glückstreffer; sie brauchten auf die Schnelle einen noch nicht Vorbestraften im Ministerium für Wohnungsbau als Referent. 12.600 Euro plus Zulagen. Klar, hab ich zugesagt; ich hatte schon immer  ein Faible für Wohnungen…“

„Glückwunsch! Und jetzt fehlen plötzlich einige im Amt?“, fragte ich. Er verstand mich nicht sofort, lachte dann aber: „Nein, kommt nicht in Frage, nicht in meinem Ministerium, nicht mal nebenan im Gesundheitsministerium…“

„Lass mich raten“, sagte ich, „aber im etwas  weiter entfernten  Finanzministerium gibt es unglaublich viele Frauen, die Stiefel tragen – oder trugen…“

„Ja, das ist ein hübsches Hobby, aber ich habe ein privates Problem.“

„Raus damit, da kommt jemand.“

„Dann muss ich flüstern: Ich bin Referent. Meine Chefin ist ein unerträg liches Ekel…“

„Aber sie trägt dauernd Stiefel“, sagte ich.

„Genau. Außer, wenn wir zuhause sind. In ihrem Fall sind es Stinkstiefel.

Sie futtert Unmengen Pralinen, der Fernseher läuft stundenlang und sie will immer knutschen und was extrem Verrücktes im Bett. Ist alles nichts für mich. Jetzt will sie mich wegen meiner Weigerungen strafversetzen, ist wild entschlossen.

Könntest du mir einen Gefallen tun? Für dich ist das doch ein Klacks.“

„Ist sie blond? Und uralt?“

„Nee, eher braun, glaub ich. Du kannst ja noch einigen Spaß mit ihr haben. Sie sieht klasse aus für eine Sechsundvierzigjährige. Machst du es für fünf Riesen?“

„Hm, das muss ich ausrechnen; da kämen allerhand Spesen dazu. Und wenn, dann zu meinen Bedingungen: Ein Wochenende im Hotel und du musst  weit weg sein, am besten im Ausland. Stell mich ihr doch erst mal vor, warum nicht gleich Montag oder Dienstag bei euch im Chefzimmer?“

„Schöne Idee. Was soll ich dann sagen: Gib deinem Mörder die Hand, Liebling?“

„Quatsch. Sag, dass ich ein paar Hunderttausend Wohnungen kaufen oder verkaufen will. Das wird sie aufputschen. Jetzt erst mal zu deinen Begleiterinnen. Mich interessiert die in Blau. Die kannst du doch entbehren. Wärme mich bei ihr an, bitte…“

                                                             *

Sonja fragte mich zuerst, welches Sternbild ich hätte.“

„Schütze.“

„Und welcher Aszendent?“

„Ich glaube, Waage“.

„Himmel, wenn das mal gut geht!“

 

Corinnas Parfüm

Die blaubemützte Respektperson mit dem Stadtwappen hatte wohl nicht darauf geachtet, dass ich keine sechs Minuten geparkt hatte. Ich war nur mal eben Fish `n´ Chips holen gegangen und hatte unterwegs schon etwas von den leckeren Sachen gefuttert; deshalb konnte ich ihr mit herzlichem Bedauern meine Tüte nicht mehr anbieten.

Über meine Angebotsverhinderung hat sie immerhin gelacht. Das war schon  nicht mehr der dienstliche und leicht erweiterbare Teil unseres Anfangs.

Man soll ja Frauen nie zu wenig versprechen: „Also, mit Ihnen würde ich heute  Abend zu gern ein kleines Interview über Ihre schönsten oder aufregendsten Erlebnisse als Polizistin machen – für eine Vormittagsendung der BBC –  natürlich nach einem wunderbaren Essen auf Senderkosten, so fantastisch, wie Sie es seit Weihnachten nicht mehr hatten. Und Ihren Freund dürfen Sie  gern mitbringen.“

Ich sah, wie sie nachdachte: „Kommt nicht infrage“; sagte sie, „der würde nur  immer dazwischen quatschen. Vielleicht macht mein Kollege vom PR-Referat das besser.“

„Können wir überlegen“, war meine zurückhaltende Antwort, „aber ob es nicht aufregender und vielleicht sogar für Ihre Karriere günstiger wäre, wenn  nächsten Montag alle Kolleginnen und Ihr Chef auf Sie zustürmen und wissen wollen, wie Sie ein so tolles Interview hingekriegt haben?“

Also, das hat geklappt. Ich sollte sie am nächsten Abend ab Sieben abholen; sie bringt einen Spickzettel mit den Punkten, über die sie mir etwas  erzählen will.

Wir tranken erst mal gleich gegenüber einen Kaffee Cuba; ich sah mehr     von ihr: mittelblond, nur das nötigste Make-up, eine Figur fast wie Madonna,  hübsche Wölbungen in der Uniformbluse, keck und ganz schön schlagfertig.

Als ich sie zum Abschied auf die gepuderte Wange küsste, spürte ich einen  Hauch ihres Parfüms, erdig, Veilchen, mit Moschus natürlich, wehend stark.

Sagte ich ihr auch. „Also bis Sieben, Love, 188 Wardour Street. Ich hupe nicht.“

In Zivil war sie nicht wiederzuerkennen. Corinna strahlte und fragte: „Wo haben Sie denn Ihr Aufnahmegerät und die Scheinwerfer?“

Ich küsste sie sekundenlang auf den schön gemalten Mund – ich nehme gern die direttissima, das haben manche Frauen nicht ungern – und zeigte ihr meinen Recorder: „Siehst du, der ist kleiner als eine Zigarettenschachtel.          Mehr brauchen wir nicht; aber ich bin ganz weg: du   siehst umwerfend aus.“

Das war nicht nur so dahingesagt und ich habe es ihr an diesem Abend noch     drei oder vier Mal gesagt und bin später ohne Schmus darauf zurückgekommen, übrigens vor dem Interview und auch noch in meinem Wagen. Der so schön gemalte Mund hatte einiges auszuhalten.

Ihr Kleid hatte einen mutigen Ausschnitt; ich beneidete den Granat-Anhänger, der darüber baumelte; sagte ich ihr auch: „Wetten, dass er mir heute noch den Weg ins Val du Roi zeigt – und dass du dasselbe willst wie ich?“

Sie hat mich nicht ganz verstanden, aber etwas gegluckst. Das Essen war große Klasse. 

Wir haben viel gelacht und nicht wenig getrunken – Wein vom Kontinent.

Corinna hat mir von einem süßen Rider Moke vorgeschwärmt; das könnte ein Rapper sein, und wohl einer, der wenig für Frauen übrig hat.

Der Abstand zwischen uns wurde noch unwesentlicher, als sie Jessica Brunsbary zu ihrer Lieblingsautorin in Fortsetzungsserien erklärte und die Graphic Novels unheimlich spannend nannte, die in der Polizeikantine herumliegen. Das fand ich großartig und wir wurden uns in vielem einig. 

Herrlich beschwipst haben wir auf dem Parkplatz mein erst nicht mehr sichtbares  Auto gesucht. Hat eine Weile gedauert, und die frische Luft hat uns gutgetan.   Wir hatten lauter Schönes zu tun. Ich hatte so vieles zu preisen und zu küssen! Sie konnte nicht genug kriegen, ich auch nicht.

Lange nach Mitternacht, das Kunstleder in meinem Wagen war schon schön angewärmt, wollte ich von Corinna wissen: „Du, sind alle Polizistinnen so ausgehungert nach Küssen?“

„Alle, die ich kenne, und alle freuen sich wahrscheinlich mehr auf das, was dazugehört. Nicht weitersagen: Das genießen wir Frauen noch mehr als Ihr. Mach weiter, Jul!“

Ich hab´s ihr und mir gegönnt, ehrlich. Wir fanden es beide super. So umwer- fend hatte ich mir das gar nicht vorgestellt.

Sie lächelte richtig glücklich, als sie – „länger geht’s absolut nicht, ich habe Morgendienst“, zurückwinkend ihre  Haustüre aufschloss.

Ich habe zwei Zigaretten geraucht. Sie hatte es nicht versprochen, aber ich musste einfach warten – Eingebung? Nach vielleicht zwanzig Minuten kam sie zurück. Corinna hatte wenig an unter dem Mantel. Sie hat mich unwahrscheinlich beschenkt. Unvergesslich!  Das lässt sich nicht wiederholen und nicht steigern…

Ich werde zu ihren ersten zwanzig Männern zählen, aber darüber lohnt nicht  mehr zu grübeln.…

Sogar aus dem Innenministerium war einer da und hat sie als „Heldin des Alltags“ gerühmt. Ihre Chefin hat geschluchzt, auch eine von der Mitarbeiter- vertretung. Einige Kolleginnen haben ein Lied angestimmt, mussten aber vor  Rührung aufhören. Eine Frau half reihum mit Taschentüchern aus.

Keine kannte sie so innig wie ich…

Wenn sie jetzt noch die Nationalhymne anstimmen, wird’s auch mir mulmig,  dachte ich.

Als ich die Unmengen Blumen sah, die man ihr auf den Sarg warf, sagte ich zu   dem Trauergast neben mir: „Warum schenkt man Frauen nicht ab und an Blumen, solange sie sich noch darüber freuen können?“

Ach, sorry, der war im Dienst.

„Hey, Sie jetzt, hören Sie mir überhaupt zu?“

                Achtzehn hoffnungsarme Frauen

Es war ein Versuch mit letzter Kraftanstrengung, die schneebeschlagene,     einen Spalt offene Balkontüre mit meinem Körpergewicht aufzustoßen und wer weiß wohin hineinzustürzen.

Ich war einige Sekunden lang benommen, wurde aber aufgeschreckt durch vielstimmige entsetzte Frauenschreie. Ich musste mich unter einem Fenstervorhang hervorarbeiten, bevor ich in viele erschreckte Frauengesichter blickte.

Eine Frau ergriff abwehrbereit ein langes Spitzmesser und hielt es vor sich. Ich blinzelte in das Halbdunkel des Raumes und begriff, dass meine unvollständige Kleidung ihre Augen beleidigt hatte. Ich wickelte mich in altrömischer Art in den Samt, ehe ich mich mehrfach verbeugte und den Damen eine kleine Rede auf Französisch hielt.          

Dafür, dass einige von ihnen mich nicht verstanden haben, verhielten sich die Damen standesgemäß, aber auch großmütig, denn nach wenigen Minuten fand ich mich nicht mehr als verdächtigen Eindringling hingenommen, sondern fühlte mich zunehmend ganz besonders willkommen.

Es war, wie ich nach einem liebevoll bereiteten heißen Bad in einem großen Bottich herausfand, eine Wohngemeinschaft nicht mehr heiratsfähiger Adelstöchter unterschiedlichen, aber überwiegend erstaunlich niedrigen Alters:  alles Frauen, die hier von ihren Familien abgeschoben und mit der Erwartung lebten, unter manchen anderen Entbehrungen auch für den Rest ihres Lebens nie mehr einen Mann aus der Nähe zu erleben.

In den aufregenden Wochen meines Aufenthaltes nahm ich staunend wahr, dass sich die Frauen allesamt wundersam veränderten: Sie lebten deutlich auf, brachten mehr Farbe in das Haus, in ihre Kleider und Haartrachten, richteten sich bis ins Leichtsinnige her und konkurrierten sichtlich miteinander – und das alles wegen mir?

In einem mehrsprachigen Gemisch schäkerten wir immer ausgelassener miteinander. Ich war darauf bedacht, keine von ihnen zu vernachlässigen und Streitereien um meine individuelle Gesellschaft durch ständige Beweise meines Gerechtigkeitssinns zu entschärfen.

Nie habe ich solch eine innige Gastfreundschaft für möglich gehalten, noch nie auch solchen hemmungslosen Hunger nach Zärtlichkeit und eine gierig werdende Lustbereitschaft; in dieser geballten Fülle war das für mich ungewohnt und noch lehrreich für mein weiteres Leben.

Mit Rücksicht auf den Ruf der Damen musste ich gleich nach dem Mittagessen geräuschvollen und für die Nachbarn sichtbaren Abschied nehmen; allerdings trug ich den Haustürschlüssel in der Tasche und eine vielstimmig ausgesprochene herzliche Einladung so gerührt im Herzen, dass ich mich einsichtig stundenlang in einem nahen Wald aufhielt; Brot, Fleisch und Wein hatten mir die Damen reichlich mitgegeben.

Ich blieb im Versteck, bis ich eine Glocke abends die zehnte Stunde schlagen hörte. Dann preschte ich im Schutz der Dunkelheit zum Schlösschen zurück, öffnete das Tor und schlich mich in die Halle.

Achtzehn Frauen erwarteten mich im Dunkeln und brachten mich lachend und mit fast jungmädchenhafter Freude ins Warme. Aus der Küche dufteten knusprige Köstlichkeiten; alle sahen mir beim Essen zu und leisteten mir beim Wein Gesellschaft. 

Ich tafelte mit großem Behagen, dann wischte ich mir den Mund ab und begann, die Frauen reihum innig zu küssen, so, als wäre das in meiner Heimat der Brauch. Ich musste nichts erklären, die Damen schmiegten sich so in meine Arme, als hätten wir das lange geübt. Und einen Austausch flüchtiger Höflichkeitsküsse hätte niemand dieses Geschehen nennen können.

Sie wagten nur ein kleines Windlicht zu entzünden und bedeuteten mir auch an den folgenden Tagen, mich von den Fenstern fernzuhalten, denn sie fürchteten um ihre Reputation. Als ich mich dann endlich aus ihren Armen lösen musste, schlich ich mich in der Nacht aus dem Haus, übrigens wieder bei heftigem Schneefall.

Vorher hatten wir aber eine fröhliche Zeit miteinander. Es bedrückte mich, dass die von ihnen offenbar früher gewählte Sprecherin mit einem rätselhaften Fieber im Bett liegen musste.

Vielleicht hatte sie sich vorsorglich in eine Krankheit geflüchtet, um nicht voll mitverantworten zu müssen, was sich als schier unerhörtes Spiel auszubreiten begann.

Alle Zurückhaltung schien zu schwinden, nachdem ich allen mit einer sie fesselnden Zeichnung klargemacht hatte, dass nach einer noch in Glasgow erledigten eindeutigen Operation an meinen Fortpflanzungsorganen keine Frau mehr Sorge vor einer Schwangerschaft haben müsste (ich hatte nämlich oft genug noch zuvor davor gezittert, ungewollt Vater zu werden).

Mir war bald klar, dass ich unmöglich allen Frauenwünschen gerecht werden konnte. Deshalb übte ich improvisiert mit den liebeshungrigen Frauen eine mir bis dahin viel zu wenig vertraute Form liebevoller Geselligkeit.

Weil wir aber erhebliche Verständigungsschwierigkeiten hatten, weil sich andererseits eine unbändige Spiel- und Improvisationsfreude ausbreitete, entwickelten sich Spielformen und Spielregeln, auf die ich allein nie gekommen wäre. Einige habe ich noch in Erinnerung, einiges habe ich später noch wiederholen und verbessern können, zum Beispiel das „Russische Roulett“, bei dem es darum ging, bei jeder Frau ein von ihr sorgsam verstecktes Goldstück zu finden. Wenn ich nicht fündig geworden war, bis die Frauen bis dreißig gezählt hatten, musste ich ein Pfand geben. Mir wurde die Goldsuche erheblich erschwert, weil sie mir die Augen verbunden hatten. Die Damen haben Tränen gelacht…Später haben sie mir auch die Hände auf den Rücken gebunden…                         

Das war nur eine Variation; die Frauen erfanden ständig neue und ich staunte über ihre Einfälle.

Diese Spiele haben auch den Zuschauenden großen Spaß bereitet. Nach einigen Gläschen Wein kam eine so ausgelassene Stimmung auf, dass wir zur Geräuschdämmung die Fenster und Türen mit Decken und Kissen abdichten mussten.

Inzwischen war mir eine Frau besonders ans Herz gewachsen, die schlanke, braunäugige Natascha, mit zarten, begeisterungsfähigen Brüsten, unglaublich lieb und zärtlich-verträumt: Sie nahm mich mit einer Inbrunst auf, die mich verzauberte und die ich unendlich dankbar genoss. Leider gönnten uns die anderen Frauen nur wenige Nachtstunden inniger Zweisamkeit.                                                                                                              

Eines Vormittags, als ich wie täglich der immer noch bettlägerigen Sprecherin Angelina meine Aufwartung machte, sagte sie lächelnd nach einem tiefen Seufzer auf Französisch: „Genug, mein Freund, mehr wäre jetzt von Übel. Reisen Sie heute Nacht weiter.“

Ich sah ein, dass sie für uns alle dachte und küsste andächtig ihre Fingerspitzen. Bei einer Armbewegung werden meine Lippen ihre Armbeuge gestreift haben.

Hätte ich ahnen können, dass ich bei ihr unkontrollierbare und unwiderstehliche Reize auslöste, gegen die wir uns beide nicht mehr wehren mochten?

Als wir viel später aufschauten, standen alle Frauen verzückt um unser Bett gedrängt, juchzten und jubelten dann, applaudierten begeistert und umarmten und küssten uns. Wir dankten verlegen, beide wohl mit guten Gefühlen.

Es gab ein umwerfendes Abschiedsessen, unterbrochen von herzzerreißenden Umarmungen; dabei zogen mich einige leidenschaftlich für ein paar Minuten in ein Nachbarzimmer und widmeten mir danach nicht voll verstehbare, aber uns alle rührende kleine Reden. Mein Mund war ausgeküsst und ähnlich ging es mir am ganzen Leibe.

Ich weiß nicht mehr, wo ich diese Villa, für mich war es ein Schloss, suchen müsste; vielleicht war es in den Bergen oder an der Küste, aber es hat einen festen Platz in meiner Erinnerung und Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie oft ich an diese Frauen gedacht habe und noch denke: an jede einzelne! Sie haben mich über die Jahre inspiriert.

Als ich in jener Nacht durch den Schnee zur Postschenke stapfte, dachte ich: Solche Erlebnisse werden unmöglich zu überbieten sein; warum bleibe ich hier nicht für immer?

Es trieb mich aber weiter und ich erfuhr, dass das Leben noch viel fantasiereicher ist als ich.

                              Verführung eines Serienmörders?

Natürlich war mir die Grünhaarige gleich aufgefallen. Mir stach nicht ihre schräge Aufmachung in die Augen, mir gefiel, was sie aus ihren Haaren gemacht hatte, das war sehenswert – obwohl ich gegen solche Äußerlichkeiten immun bin.

Als ich sie diskret musterte, bekam ich Appetit. Nein, nicht aufs Vernaschen, das gehört nicht zu meiner Art oder zu meiner Methode. Ich habe sie ja oft nachher, so lange ich sie habe. Wenn ich sie habe.

Irgendwas ist heute anders. Schnauze, sie kommt auf mich zu. Mädchen, du  ahnst nicht, in was du da reinläufst, mit deinem Baby im Kinderwagen. Hören wir mal, was sie will:

„Guten Nachmittag, Sir, verzeihen Sie meine Dreistigkeit, ich bin in großer Not: Ich warte hier auf meinen Verlobten, Beinahe-Verlobten eigentlich, aber     ich müsste mal superdringend drüben in dem Klo-Häuschen verschwinden, nur drei Minuten, ich kann´s  nicht mehr halten. Würden Sie auf das Baby aufpassen? Tausend Dank…“

Ich rief ihr nach: „Schon ok, Lady, geht klar, ich passe auf.“

Ich rauchte eine und noch eine. Sie ahnen es sicher schon: Das grüne Biest     kam nicht zurück. Ging ja auch schlecht.

Das verstörte die eben gekommene alte Dame auf der Nachbarbank. Nach zwanzig Minuten rief ich ihr zuliebe die Polizei an.

Scheiße, mit meinem Handy, hab nicht bedacht, dass die leicht rauskriegen, weil ich auf der     Fahndungsliste stehe, ziemlich weit oben…

Hab ich meinen Namen gesagt?         Was ich immer sage und was geschäftlich klingen soll?: „Hillary, Mark Hillary von Hillary & Sons, Maidenhead.“

„Vielleicht kommt es schon in den Abendnachrichten“, rief ich der Banknachbarin zu, „es muss was passiert sein…“

Die Dame wird sich um das Baby kümmern, wenn es schreit. Vielleicht liegt auch was anderes in dem Wägelchen.

Jetzt musste ich erst mal weg, nicht nur aus dem Park, besser aus der Stadt. Das Taxi fuhr mich zur Victoria. „Einmal einfach Economy nach Luton.“

Und dann, wie betrunken oder nach einer Droge, stützte ich mich auf den Ticketschalter: „Ach, hab´s mir anders überlegt, danke. Ich bleib hier. Wegen  Ihnen. Im Ernst. Haben Sie den Abend noch frei, schönäugige Prinzessin? Ich wüsste ein fantastisches Lokal. Mögen Sie raffiniert überbackenen Lammbraten aus dem Steinofen und dazu einen leckeren Chiraz?

Lieber um Neun? Kommt nicht auf `ne Viertelstunde an. Abgemacht. Ich  hol  e   Sie vor der Station Putney Bridge ab. Ich habe eine Zeitung unterm Arm. Nicht, dass ich die Falsche küsse!“

Es lief alles gut – oder normal. Abigail war bester Stimmung, trank ein bisschen   viel; danach zeigte sie mir ihre Zimmer. Ihre Freundin war noch aus, könnte  aber bald zurück sein. Zeit für Tanzmusik. Candlelight. Sehnsüchte, Ur-Instinkte…

Wir haben was getrunken und lange geschmust. Der Wein machte mir zu schaffen. Ich brauchte ein Nickerchen.

Peinlich: Erst Stunden später wachte ich auf – neben einer Fremden. Die hat gelacht, kriegte sich nicht mehr ein: „Wen hat mir Abigail denn heute auf die Matratze   gelegt? Hallo, Fremder!“

Ich murmelte verschlafen: „Hey, ich bin Greg; mit zu wenigen Wassern gewaschen und hungrig auf Frauen wie dich. Hast du noch einen letzten Wunsch, Sweetie?“

Sie hatte einen. Hat mich auf neue Gedanken gebracht. War richtig schön. Morgen ist ja auch noch ein Tag.

Am Morgen waren beide weg. Vielleicht Frühschicht. Kein Zettel, kein Frühstück; ich musste mir was draußen suchen.

In der Kaffeebar zwei Ecken weiter frühstückten zwei Bullen genussvoll üppig; ich war nicht auf sie gefasst und habe sie zu spät gesehen. Bestimmt habe ich nur neidisch geguckt, aber irgendwie hatten sie Witterung aufgenommen. Ich kann diese verdammt harten Alu-Handschellen nicht leiden…

Als sie mich zu dritt in den Streifenwagen drückten, rief der Dickere: „Vorsicht, Leute, das glaubt ihr nicht: der Kerl pisst durch die Hose ins Auto.“

Ihr hättet die drei sehen sollen, wie sie sich Sorgen um das Auto machten. Weil sie mir eine Schelle gelöst hatten, um mich innen anzuschließen, war es leicht, mich hinters Steuer zu zwängen und mit offenen Türen loszubrausen.

An der nächsten Ampel ließ ich sie rausspringen. Man ist ja kein Unmensch. Und ein Schelm, wer Schlechtes dabei denkt – steht angeblich auf unserm Hosenbandorden. Kann ich sogar auf Französisch sagen…

Ich versuch`s heute Abend noch mal; die Adresse weiß ich noch. Sollte man  nicht wenigstens „Cheerio“ sagen, wenn`s vorbei ist?

Und ihre coole Freundin, ich weiß ihren Namen nicht mehr; als ich ihr sagte,  dass ich ganz bestimmt grade nicht verheiratet bin, hat sie gelacht: „Hätte mich auch kein bisschen gestört, Greg, du bist eine Sünde wert und ich kann`s Sonntag schon beichten; come on, Sam, play it again!“

Könnte doch mein Glückstag sein, heute. Zwei leben ja noch.…

 

Marjorie. Die Kraft der Bilder

Dass manche mich verrückt finden, muss ich nicht als Beleidigung werten. Ihr erinnert Euch, was Pauschalisten schon immer über Frauen behaupten. Das gehässige Urteil eines politischen Gegners, auch Marjorie, eine leibhaftige Abgeordnete, wäre mit bleibenden Schäden heftig gegen einen Baum gerannt, kann ich noch nicht einsehen.      

Allerdings, als ich sie beim Doktorspiel abgehorcht habe, ich war damals fünf, sie noch nicht ganz, hat sie wild gehustet und mir ins Gesicht gespuckt. Diese Neigung könnte sich ausgeweitet haben.

Sie wohnte bei uns um die Ecke und wollte immer gern bei uns Jungens mitspielen. Kein anderes Mädchen traute sich das damals.

Ich sah sie dann nur alle paar Jahre, weil ihr Vater oft mit der Familie umzog und weil ich oft woanders unterwegs war. Komisch, wir trafen uns immer nur, wenn wir sehr kurz mal wieder in Glasgow waren. Ich habe in Erinnerung; dass mir ihre wachsende Attraktivität auffiel. Und dann las ich eines Tages, viele Jahre später, am Kiosk die Herald-Schlagzeile „Mit 29 nach Holyrood“.

Höher geht’s bei uns nicht. Das war Marjorie; sie hatte die Wahl als Grüne für den Bezirk Glasgow gewonnen und jetzt einen wichtigen Grund, drei- bis viermal die Woche mit dem Schnellzug nach Edinburgh zu fahren und für unsere Unabhängigkeit zu kämpfen.

Ich konnte den mir früh vertraut gewordenen Herald nur selten lesen, aber dies bekam ich mit: Jonathan Low, ihr ebenfalls siegreicher konservativer Gegner, fuhr meistens mit ihr im gleichen Zug, außer einem Grußnicken wortlos in der Edelklasse,

Die beiden stritten sich wie verabredet ständig im Parlament, außerhalb nie. Auf der Bühne, die ihm das Hohe Haus bot, war er nie fair zu Mar-orie, die sich stark für benachteiligte Gruppen einsetzte. Er machte sich darüber lustig. Sein bisher größter Treffer war die Journalisten hingeworfene Bemerkung „Marjorie hat `nen Sockenschuss“. Das blieb in vielen Köpfen hängen, nicht nur bei den Abgeordneten, auch beim Wahlvolk.

Marjorie hat unter diesem Schlag lange gelitten, bis ihr diese Rache gelang: Sie wusste, dass Low kommenden Freitag eine wichtige Rede halten würde, wie erwartbar mit viel Pathos, und sie vermutete, bei dem Thema „Wohnungen für Bedürftige“ würde er als geübter Heuchler richtig auf die Tränendrüsen drücken.

Und darüber hinwegtäuschen, dass seine Partei alle entsprechenden Vorhaben aus Rücksicht auf die Immobilienhaie blockierte.

Marjorie hatte auf ihrem Pult Papiere ausgebreitet, ihr Laptop aufgeklappt und sich aus einer Bonbontüte ab und zu etwas in den Mund gesteckt. An einem emotionalen Höhepunkt von Low`s Rede rief sie laut Unverstehbares und erbrach sich filmreif über ihr ganzes Pult, ein bisschen auch über den Nacken der vor ihr sitzenden Parteifreundin, die in Panik aufschrie und wie von Sinnen in die „Katakomben“ stürzte.

Mehrere Saalhilfen eilten zu ihr und zu Marjorie, wischten mit Tüchern und Wasser aus den Trinkbechern ihr Gesicht und ihre Kleidung notdürftig ab und führten sie in die erst kürzlich eingerichteten  Ladies-Räume, wo sie die Kollegin traf und umarmte. Die Sitzung wurde unterbrochen und die nächste Schlagzeile stand schon am Abend fest: „Low´s Rede war zum Kotzen“.

Das war ihr gelungener Treffer, der ihm lange zu schaffen und sie um über vier Tausend Pfund ärmer machte – sie ersetzte der Parteifreundin die Kleidung und schenkte ihr – etwas zu großmütig – einen Familienurlaub auf Kreta.

Wie immer blieb etwas hängen. Low galt vielen jetzt als übertreibender Moralist, dem  schwer zu trauen war. Marjorie nannte ihn danach einmal „Herr Hundertfünfundfünfzig Prozent“; dafür wurde sie von der Sprecherin gerügt, wiederholte es aber in Variationen später mit höherer Prozentzahl.

Ich war Mitte Juni gerade mal wieder im Land und in Edinburgh – die Queen übrigens auch, deshalb gab´s viel Trubel –  und ich ging wie oft nach einander in meine drei mir liebsten Pups Cask & Barrel, Hector`s und Brass Monkey.

In der letzten hörte ich ihre Stimme, mitten im üblichen Kneipenlärm. Sie hielt  wieder eine Bar-Rede, eine Kommunikationsform, die durch sie erst der Öffentlichkeit bekannt wurde, als sie mitgeschnitten und im Lokalfunk gesendet wurde.

Sie hat mich nicht erkannt, erst als getanzt wurde und ich mich zu ihr durchdrängen konnte. Es war voll und eng; unsere Pubs haben keinen Platz für Touristengruppen.

Sie wusste nicht mehr, wie ich heiße, erinnerte sich aber sofort an meinen Spitznamen, auf den ich nie stolz sein konnte, weil ich im Beisein der anderen nur eine tote Amsel würdig bestattet hatte: „Hallo, Totengräber“, schön, Dich mal wieder zu sehen. Tanzen wir?“

Wir haben getanzt. Wegen der Enge wundervoll nah. Wir lachten uns an, Marjorie hatte mehr getrunken als ich.

Danach: „Gehen wir ein Stück zusammen? Ich wohne in Holyrood, will aber kein Taxi. Das Laufen wird mir guttun. Läufst du ein Stück mit, Totengräber?“

Wir sind das kurze Stück zum Parlamentskomplex gejoggt. War nicht einfach für sie auf dem Kopfsteinpflaster, trotz ihrer flachen Schuhe.

Am Eingang des Nebengebäudes, den sie mit einer Card öffnete, fragte Frau Williamson, die wachhabende Concierge: „Wollen wir den Herrn jetzt zu seiner Familie heimschicken, Frau Abgeordnete? Kann ich ein Taxi rufen?“

Marjorie lachte: „Diesmal nicht, Gloria, er ist mein Redenschreiber, wir haben zu arbeiten. Geben Sie ihm den Schlüssel für ein Gästezimmer und melden Sie ihn bitte zum Frühstück an.“

„Mach ich gern, Frau Abgeordnete, gutes Gelingen. Von dem Herrn muss ich einen Ausweis ablichten. Gute Nacht.“

Wir fuhren in ihr Appartement hoch. Schöne Atmosphäre. Toller Blick auf die Stadt. Damit haben wir uns nicht lange aufgehalten. Gute zwei Minuten haben wir über das Thema ihrer fälligen Rede gesprochen, dann hat sich unsere Lust, daran zu arbeiten, irgendwie auf anderes verlagert. Aber vorher haben wir geduscht. Oder doch erst nachher?

Kurz vor vier Uhr morgens bin ich in das Gästezimmer gegangen und habe bis 8:45 AM geschlafen. Ich musste in einem riesigen Saal allein frühstücken, weil Marjorie mit allen anderen schon im Plenum saß. Lautsprecher übertrugen die Sitzung.

Als ich Frau Williamson den Schlüssel zurückbrachte, fing sie mich ab: „Guten Morgen, Herr Redenschreiber. Die Abgeordneten tagen schon wieder. Darf ich Sie was fragen, Sir?“

„Gern. Aber ich bin wirklich nicht verheiratet und ich schlafe sonst auf Parkbänken.“

„Sieht eine erfahrene Frau gleich, Sir. Aber Sie sehen aus wie ein Schotte und mir fiel auf, dass Marjorie, Verzeihung, die Abgeordnete, Ihnen vertraut, Ich mache mir Sorgen.“

„Um mich? Ich bin doch okay“.

„Marjorie aber nicht. Sie ist mein Liebling, nicht weil sie eine der Jüngsten ist. Sie ist wirklich unsere Volksvertreterin – was die meisten anderen nur behaupten.“

„Nun, ich freue mich sehr, dass sie hier angekommen ist, wir haben früher im Sandkasten gespielt und Wettkämpfe gemacht. Ich weiß nicht, ob sie sich hier gut behaupten kann.“

„Bitte kommen Sie doch ein paar Schritte näher in mein Office; trinken wir eine Bloody Mary. Sie wissen, wie sie sich mit Jonathan Low prügelt?“

„Hier wird es nur verfeinerte Arten geben, denke ich.“

„Ich will Ihnen was sagen, Sir. Obwohl ich Sie nicht kenne, wage ich das: Marjorie ist in Gefahr.“

„Mal haut der eine, mal der andere. Ist das nicht so,  Frau Williamson?“

„Ich muss es kurz machen, Sir. Er brütet schon lange was gegen sie aus. Diesmal war besonders Fieses.“

„Woher wissen Sie das?“

„Beziehungen unter Kollegen. Er will sie als Spionin hinstellen.“

„Für was und wen sollte sie denn spionieren?“

„Für England. Für Downing Street.“

Pause. „Sie haben nicht zufällig etwas Härteres als Tomatensaft in Ihrer Amtsstube, Frau Williamson?“

„Nur für Sie. Können Sie sich vorstellen, wie solch ein Verdacht im Volk wirkt? Er geht wirklich ein Riesenstück zu weit. Fällt Ihnen was ein, was man…“

„Muss ich drüber nachdenken, Frau Williamson; Ich sehe die Abgeordnete in der Mittagspause..:“

„Ist die Rede so dringend? Könnten Sie sich nicht einen Spaziergang gönnen?“

„Jetzt weiß ich, warum Marjorie Sie mag, Frau Williamson. Ich bleibe natürlich dicht in dieser Sache. Aber ich denke mir was aus…“

Marjorie wusste noch nicht, dass ich kein Schwätzer bin. Sie redete gern. Sie war bester Laune und fütterte mich mit spanischen Weintrauben. Am Abend feierten wir Abschied im Brass Monkey. Ich gab vor, morgen noch etwas in der Stadt klären zu müssen, Marjorie fragte nicht, was. Ich versprach, sie anzurufen, wenn ich wieder mal hier bin.

Sie hat mich vor allen Leuten geküsst. Als hätte sie mir einen Orden umgehängt.

Der nächste Tag war mit Recherchen gefüllt. Ich hatte mir einiges ausgedacht, was Marjorie vielleicht helfen könnte, ihr Ansehen zu stärken. Ich wollte mich nicht schonen – eine Idee war, dass Halunken mich zusammenschlagen, ins Wasser werfen und Marjorie meine Hilferufe hört und mich rettet. Nicht sehr toll.

Ich bekam heraus, dass Jonathan Low Apotheker in Glasgow war, Chemiker aus Leidenschaft, verheiratet mit einer Ärztin, zwei Jungen, einer studierte schon.

Ahnt Ihr was? Genau! Ein versessener Chemiker hat mindestens einen Arbeitsraum in seinem Keller. Ein Privat-Labor. Denkt mal eine Weile darüber nach.

Ich wollte ihm schaden, klar. Nicht gerade umbringen  – ich wüsste ja auch nicht, wie man das macht -, ja, wenn er eine Frau wäre… Ich wollte ihm etwas verpassen, was lange nachwirkt, sein Leben verändert und ihn jedenfalls von seinen Angriffsplänen auf Marjorie abhält.

Vor zwanzig Jahren hätte ich einen Hering unten in die Federung seines Fahrersitzes gesteckt, davon wäre er in wenigen Monaten gemütskrank geworden. Haus abfackeln? Ein paar Nummern zu groß.

Buttersäure vor seiner Apotheke und rund ums Grundstück ausleeren? Umweltfeindlich. Nächtliche Droh-Anrufe? Das kriegen sie raus.

Nein, ich fand Grausameres und musste mich entscheiden, was hänge ich ihm an: Kinderschänder?, Frauenvergewaltiger?, Bombenbastler?

Von meinen Eltern haben wir Higginskinder gelernt: Vor kleinen Entscheidungen wird tagelang gegrübelt, Größeres wird sekundenschnell entschieden. Ich wählte: alles. Die Hyänen werden sich was herausfischen.

Es gab meinen anonymen Anruf bei der Polizei, mit verstellter Stimme behauptete ich, zu einem Kinderporno-Ring zu gehören. Ich hörte, wie sie auf der Polizeistation ausflippten und nach einigen Kommandos und Flüchen alle anwesenden Cops mithören ließen. Dann sagte ich: Dieser verdammte Kerl hat von uns Fotos bekommen und auch welche geschickt. Er hat gefragt, ob wir an Kindern auch live interessiert wären, er könnte da was anbieten.

Ich kenne den Kerl schon länger, er ist in Glasgow Apotheker und fährt jede Woche öfter nach Edinburgh. Übrigens hat er mal erwähnt, dass er, der gelernte Chemiker, in seinem Keller an etwas bastelt, das Schottland verändern könnte…“

Hier beendete ich das Gespräch. An diesem Abend habe ich etwas mehr als sonst getrunken, vor Aufregung.

Eine Spezialeinheit in voller Kampfausrüstung und schwerem Gerät wird  im Morgengrauen in das Schlafzimmer des Abgeordneten gestürmt sein und etwas Aufregung verursacht haben. Kennt man ja aus Fernsehfilmen. Abgeordnete haben bei uns, glaube ich, keine Immunität mehr und dürfen sich in solchen Momenten mal als stinknormale Bürger fühlen.

Dabei hat es sechs Tage gedauert, bis es in den Zeitungen stand, ganz, wie ich es wollte: „Glasgower Politiker verhaftet. Widerlicher Verdacht.“

Tage später habe ich Frau Williamson angerufen. Sie hat mich gleich an der Stimme erkannt.

Als sie noch etwas sagen wollte, wurde sie von einer lärmenden Besuchergruppe unterbrochen. War auch gut so. Es sollte ja keiner danke sagen. Nicht dafür.

   

                        Kannten Sie die Staatsanwältin lebend?

In der wenig spannenden Verhandlung kam mir eine weiterführende Idee. Wohl, weil ich der Staatsanwältin während ihrer forschen Aktion lange auf den unwahrscheinlich schönen Mund und auf das nur unter dem Talar zu Ahnende gestarrt hatte…

Die rosig-mollige Mitarbeiterin der Staatsanwaltschaft hatte recht, was ich natürlich erregt bestritten habe: Mein Plan war von Anfang an, ihre Chefin umzubringen – wie die anderen Frauen.

Ich wollte mir diesmal Zeit lassen. Das liegt inzwischen länger zurück und alles kam anders: ich war hingerissen von Karinas Fähigkeit, sich vollkommen zu verändern, ja, wirklich, eine ganz andere zu werden, eine Frau, die mich täglich mehr bezauberte, die ich bewundern und lieben musste.

Sie hat tatsächlich am späten Nachmittag ihren Talar aufgehängt und mit ihrer ganzen zivilen Schönheit auf mich gewartet; ich habe sie in dem gruseligen Gericht abgeholt. Küssen durfte ich sie erst im Lift, wenn kein Fremder drin war. Und noch viele Male unterwegs zu ihrer Wohnung.

Schon nach wenigen Tagen habe ich sie unsinnig begehrt. Das ist untertrieben gesagt. Als sie noch keine sechs Mal mein Lager geteilt und mich mit ihrer naturbelassenen Liebeskraft immer stärker begeisterte, war ich ihr hörig. Jedenfalls muss sie das so empfunden haben.

Ich schäme mich zuzugeben, dass unsere Beziehung mit meinem blöden Stolpertrick begonnen hatte. Wollen Sie das hören?

Ich hatte sie ja schon eine Weile im Visier, dann in der gut besetzten Tube. Ich bin ihr über den Ausgang bis zur Kreuzung gefolgt, habe sie bei Rot überholt und es hat mich, improvisiert berechnet, genau am Ende des Zebrastreifens auf das Pflaster geknallt.

Es hat weh getan, weil es dort rutschig war. Karina wäre um ein Haar über mich gestolpert, sie konnte sich gerade noch bremsen, ihr Knie musste für Sekunden auf meinem Bauch notlanden. Ihre schöne Tasche mit dem Laptop flog ein Stück voraus und schrammte knirschend über den Bürgersteig.

Die Wirkung war zum Lachen, ich musste aber ernst bleiben und den Hilflosen spielen. Sie können sich das ausmalen:

Geschrei, Hupen, Kreischen, Hilferufe, Aufhelfversuche, während mindestens drei Autos ineinander krachten. Ein irrer Sound. Aber vor allem: Karina war bei mir.

Mit unwahrscheinlich vielen anderen Leuten. Sie versuchten, mich aufzuheben, das ging nicht, weil ich wieder zusammensackte. Ich mimte eine Herzschwäche; hatte ich mal vor dem Spiegel geübt.

Sie schleppten mich an den Häuserrand; schoben mir einen zusammengefalteten Mantel unter den Kopf; eine nach süßlichem Tabak riechende Jacke wurde über mich gebreitet. Das war nötig, denn es war kalt und es dauerte, bis der Krankenwagen kam.

Ich hatte mich in meine Rolle gesteigert und bekam erst bei ihrer Wiederholung mit, dass Karina, meine Wangen schlagend, fragte: „Hören Sie mich, Sir? Hallo, kommen Sie zu sich! Gleich kommt Hilfe. Ich muss Sie noch mal schlagen:

Hey, Sie, kommen Sie, nicht wegtauchen! Hallo, hier sind lauter Menschen, die sich Sorgen um Sie machen. Sind Sie verletzt? Wie bitte? Haben Sie etwas gesagt? Seid doch mal leise! Er hat etwas gesagt.

Wo bleibt denn der Krankenwagen! Oder ist jemand Arzt? Hallo, Sir, sollen wir eine Ihrer Frauen anrufen? Was, das erschreckt Sie? Aber Sie sind doch verheiratet? Einen Ehering sehe ich nicht, aber den tragen Männer ja auch selten, aber Sie…

Hören Sie…Da kommt der Krankenwagen – was denn, verdammt, warum fährt der denn vorbei?“

Während ich da ungemütlich lag und fror, war ich Karina nicht, wie es sich gehört hätte, gestenreich dankbar für ihre spontane Hilfe; ich stellte mir Stück für Stück vor, wie ich sie umbringen werde.

Ihr kennt das vielleicht: Filmemacher und manche Autoren machen sich noch bevor alles beginnt, ein Storyboard, in dem sie Szene für Szene locker gezeichnet festhalten, was passieren soll. Diese Arbeit mache ich mir oft vorher – es soll mir ja was bringen, damit ich erlebe, wenn ihre Seele wegfliegt.

Ich kenne einen Holländer, der das auch lustvoll genießt, wenn er einen abmurkst. Er killt Männer und Frauen; ich nur Frauen, grundsätzlich. Denn ich liebe Frauen. Und sie lieben mich – das wundert mich immer wieder. Sie ahnen natürlich nicht, dass meine zärtlichen Hände auch ganz anderes können. Aber so süß und lieb wie Karina war noch keine.

Tschuldigung, ich werde gerade in den Sani-Wagen geschoben. Könnten Sie sich für mich mal weiter was ausdenken? Die Richtung kennen Sie ja jetzt.

Aber nicht mit Karina. Die sitzt neben mir und hält bezaubernd lächelnd meine Hand. Sie hat mich eben gestreichelt und ganz leicht meine Wange berührt. Ihr Parfüm kämpft gegen das Desinfektionsmittel an. Ich finde sie umwerfend sexy und hab ihr das auch zugeflüstert.

Ich gebe zu: ich hatte ein Vorurteil gegen Staatsanwältinnen. Diese hier ist ganz anders.

Probieren Sie mal meinen Stolpertrick. Mir half er immer. Er wirkt sicher nicht nur bei Juristinnen. Der starke Einsatz lohnt besonders, wenn Sie eine Traumfrau gewinnen wollen…

              Alles ok mit Jugendschutz?

           

Mein Freund Maynard hat mich am Freitag übers Wochenende besucht. Wir haben uns ewig lange nicht mehr getroffen. In seinem Job muss er fast ständig unterwegs sein. Der Arme muss auch oft die Sprache wechseln, wenn auch nur in ein paar Textbausteinen: Französisch, Deutsch, Niederländisch, Russisch, Spanisch und Mandarin.

Meistens lebt er nur zwei Tage in den Städten; er hat die 5-Sterne-Hotels satt und mietet sich lieber bescheidener ein – obwohl die Reisekosten komplett auf Firmenkosten gehen.

Neben allerlei Unwichtigem sprachen wir auch über Frauen.

„Frauen“, sagte er, „lerne ich kaum richtig kennen – wenn sie mir nicht als  Verhandlungspartnerinnen zugeteilt werden.“

„Bei denen erwacht dann dein Jagdinstinkt?“

„Kannst du vergessen. Ist mir selten passiert; sie schicken mir durchweg knallharte und unattraktive Partnerinnen.

Bei denen gehört die Bett-Strategie  zwar auch zur Palette der Möglichkeiten, das ist aber so gut wie nie der Weg  zum Paradies.“

Ich sah es als Freundschaftsdienst an, ihn auf fröhlichere Gedanken zu bringen. Er ließ sich gern Neues bieten, hatte aber eine seltene Bedingung:

„Bitte auf keinen Fall irgendeinen Alkohol. Hat mich zu oft reingelegt.“

Ich kenne nun aber keine Milchstuben, in denen abenteuerlustige Arzthelferinnen und Aushilfsbriefträgerinnen herumstehen.

Wir gingen also in den „Midnight Moon“, einen angesagten teuren Tanzschuppen mit einigen Attraktionen, die nicht auf der Preisliste stehen. Hier wurde extrem gequalmt – und nicht nur das Übliche. Wir sahen uns suchend nach Traumfrauen um. Die Sicht war im Kunstnebel schlecht. Vielleicht waren wir auch zu wählerisch.

Ein verschwitzter Kahlkopf, der sich als Manager vorstellte, bat uns in sein Büro und servierte uns Selters und Tequila. Er machte sich Sorgen: „Ist doch  alles in Ordnung mit Jugendschutz, Gentlemen?“ fragte er lauernd.

Ich war sprachlos. Maynard reagierte gewandt und verzog sein Gesicht dramatisch: „Sie wissen doch, dass es hier zum Himmel stinkt und dass eine  größere Razzia fällig ist. Wir müssen Verstärkung anfordern.“

Der Manager sprang auf: „Um Gottes Willen, das können wir doch anders regeln. Ich hätte da einen exquisiten Vorschlag, Gentlemen, Ihnen werden die Augen übergehn…“

Jetzt fand ich es an der Zeit, nachzuhaken: „Machen Sie uns schnell mit den  Damen bekannt; wir haben nicht ewig Zeit.“

Heiliger Haifisch: Das hat sich gelohnt.

Wir zogen mit fünf aufgedrehten und uns herzlich anmachenden Jungfrauen  in zwei andere Lokale. Im ersten gefiel uns die Musik nicht, im nächsten auch  nicht, aber es wurde am Rande anregend getanzt.

Beim Tanzen wurden nur uralte Schmachtfetzen abgespielt, die Älteren      sangen sie mit; es wurde auf Teufel komm raus geschmust und man kam sich  menschlich erfreulich nahe. Eine unserer Damen ging uns an einen anderen  Interessenten verloren.

Wir wollten in die nächste Hütte umziehen, kamen aber nicht am Hotel „Ambassador“ vorbei, weil eine ziemlich fortgeschrittene größere Hochzeitsgesellschaft eine ausgelassene Polonäse auf der Straße drehte und Vorbeikommende in die lustige Kette einband. Wir ließen uns das gefallen.

Danach tanzten wir mit allen im Festsaal weiter.

Ich sah den stocknüchternen  Maynard und eine Begleiterin flüchtig vorbeischweben, konnte ihnen aber nichts zurufen, weil ich gerade die herrlich beschwipste Braut im Arm hielt und mich an ihrem Parfüm sättigte, besonders erregend an ihrem Hals, am Übergang in Berauschendes.

Sie umarmte mich und sagte „Willy“ zu mir, sie fände es umwerfend, dassich extra aus Toulouse rübergeflogen sei. Sie wüsste eine Belohnung fürmich.

Sie müsste sowieso mal eben nach oben in die Hochzeits-Suite, Schuhe wechseln. Ob ich sie netterweise kurz begleiten würde, barfuß fühle  sie sich unsicher.

Wir fuhren nach oben. Keiner kümmerte sich um uns und wie ich sie umarmt hielt. Ich sah keine Flurkameras.

„Habe ich dich immer Schneewittchen genannt?“, improvisierte ich, weil ich sie ja irgendwie anreden wollte.

„Weißt du das wirklich nicht mehr, Willy-Schatz? Hilf mir, das Spitzenkleid loszuwerden.“

Wir befreiten sie aus ihrem Brautgewand; sie streifte noch eine Kleinigkeit ab und ging duschen: „Bin gleich wieder da, Willy, warte so lange.“

Die Tür zum Bad ließ sie weit offen. Ich rauchte eine Zigarette und sah ihr gedankenverloren zu. Es rauschte und dampfte…

Ich ließ mich unwillkürlich stolpernd in einen Sessel fallen, als mit einem Ruck die Zimmertür aufgeschlossen wurde. Der festlich gewandete Bräutigam kam mit einer schwankenden Frau im Arm herein. Vorsicht: Drama!

Die Brautleute nahmen Witterung auf; die patschnasse Braut stürzte aus dem Bad heraus und schien anzunehmen, dass die beiden nicht zum  Schuhe-Wechseln hergekommen waren. Wir ja auch nicht. Das vermuteten    sie auch gleich.

Es entspann sich ein lautstarkes, bühnenreifes Geschrei, das in Handgreif lichkeiten überging und mir eine gute Gelegenheit gab, mich unbemerkt davonzumachen.

Ich hatte den Eindruck, dass die drei sich kannten. Das wird auch die Polizei   interessiert haben.

Ich habe draußen aus sicherer Distanz beobachtet, dass  sie in einer Dreiviertelstunde kamen; die Feuerwehr war etwas früher da, doch die Sanitäter kamen mit einer leeren Bahre zurück.

In der Wochenendzeitung erfuhr ich, dass die Kriminalpolizei alle Hochzeitsgäste stundenlang befragt hat.

War es eine ungewöhnliche Gesundheitsstörung oder mehr? Für eine Obduktion der Schwester der Ehefrau sah man  keinen Anlass; ihre Angehörigen waren auch dagegen.

Der völlig verstörte Ehemann kam erst mal in Untersuchungshaft; in seinen Armen war die Frau immerhin gestorben.

Ich überlegte: Nach einiger Zeit wird er sich an einen Mann in der Hochzeits- Suite erinnern, wenn auch nur schemenhaft. Die Ehefrau wird man mehrfach  nach „Willy“ ausfragen und eine Beschreibung aus ihr herauslocken.

Sie könnte sich an den starken Schnurrbart erinnern – „rötlich mit ein  bisschen Silber an den Zipfeln. Und sein Aftershave roch irgendwie nach Weihrauch.“ Ob man auch in Toulouse nachfragen sollte?

Die ersten Phantombilder könnten eher einen Bischof in Zivil oder einen Minister unserer Regierung zeigen. Aber auf Hochzeiten wird viel fotografiert. Auf meine Tarnung werden Profis nicht hereinfallen. Ich verschwinde     lieber.

                                                      *

Ich wollte schon lange meine Halbschwester June, ihren dritten Ehemann  und ihre Hundezucht in Queenstown besuchen.

Ich könnte mich da unten als „fast blinder“ Masseur durchschlagen, notfalls ohne Arbeitserlaubnis und durch Mundpropaganda empfohlen. In Neuseeland soll es jetzt verdammt heiß sein. Aber warum sollte mich ausgerechnet   die Hitze dort umbringen?

Wie komme ich jetzt an einen vorzeigbaren Reisepass und langt mein  Kontostand für das billigste Flugticket?

Ich trinke erst mal bei der Heilsarmee einen Tee und esse dazu eines   ihrer drögen Käse-Schnittchen… Mir wird schon was einfallen.

 Helden von Trafalgar

Wir waren noch keine sechs Wochen zusammen. Gwendolyn war zum ersten Mal etwas länger in London; ich kannte mich gut aus. Wir waren sehr verliebt und genossen diese fünf Tage. Wann habe ich mich zuletzt so dem Liebesspiel hingegeben und so viele herrliche Antworten bekommen!

Sie ließ mich das Programm machen. Ich spürte, dass sie mich dabei testete – für was auch immer, denn das habe ich längst begriffen: Frauen sind in ihren zweiten bis fünften Jahrzehnten aus einem nicht unterdrückbaren stammesgeschichtlichem Zwang ständig auf der Suche nach Männern für die Aufzucht, für Schutz,  für die Ernährung, für die finanzielle Absicherung, zum Vorzeigen, für die Lust und als Reserve. Ich sagte ständig – denn einer allein kann das nicht sein.

Ich genoss unsere Zeit. Zu zweit ist alles viel schöner – das Frühstück, der Bummel durch die Straßen und Parks, durch die Geschäfte…- alles wurde vergoldet durch unsere traumhaften Nächte,

Am Mittwoch waren wir in der „National Gallery“. Ich war ganz benommen durch mein Vertiefen in die herrlichen Gemälde von den frühen frommen Künstlern bis zu den Impressionisten, die mich sehr ansprechen. Gwendolyn war auch tief beeindruckt.

Wir hatten später im Bookshop außer Kunstkarten zum Behalten und Verschicken drei Bildbände gekauft. Sie haben uns eine mit einem Rembrandt-Bild bedruckte Leinentasche mitgegeben. Kann man immer gebrauchen.

Es war in fünfundzwanzig Minuten Ein Uhr PM. Ich wusste, dass um Eins in St. Martin in the Fields ein Lunchtime Concert zu erleben wäre; ich hatte starke Erinnerungen an ein früheres und hatte Gwendolyns Interesse dafür geweckt.

Wir gingen Hand in Hand die wenigen Schritte zur Kirche hinüber, standen ein paar Minuten auf einer Treppenstufe und sahen hinüber zu den Menschenmassen, die eine Attraktion auf dem Trafalgar Platz verfolgten.

So viele Menschen hatte Gwendolyn noch nie zusammen gesehen. Ich wunderte mich über ein massives Eisengitter hinter uns, das wohl die Touristenströme zu den Eingängen der Kirche leiten und zugleich das Kirchengelände vor Bettlern und Anpinklern schützen sollte.

Rechts neben uns parkte in einer Zufahrt neben der Kirche rückwärts ein Sanitätsauto. Gwendolyn fotografierte die Szene mit einem Rundum-Video. Die Sonne vergoldete sie für den Moment, in dem der bewölkte Himmel aufriss.

Ich sah zu den Kindern hinüber, die lautstark einen Wettlauf über die uns gegenüber von Autos dicht befahrene Straßenspur vorbereiteten und wegen eines heftig hupenden Autos noch einmal zurückliefen.

In diesem Augenblick schaltete der Fahrer des Sanitätsautos den Motor an und stellte das Blaulicht und den schrillen Warnton an.

Ich sah, dass die Kinder aufschreckten, aber einzeln wieder losstürmen wollten und nur noch ein Taxi abwarten mussten.

„Das ist doch zu riskant, jetzt loszufahren“, sagte ich zu Gwendolyn, gab ihr die Büchertasche und lief hinunter auf die Straße, um die Kinder und das Sanitätsauto zu warnen. Der Wagen fuhr ein Stück vor und stoppte. Wir sahen, dass der Beifahrer das Seitenfenster öffnete, den Lauf eines Sturmgewehrs herausschob und in die Richtung einer ankommenden Besuchergruppe vor der Kirche zielte.

Gwendolyn stürmte nach vorn und schleuderte dem Beifahrer die Büchertasche so heftig ins Gesicht, dass aus dem Auto laute Schmerzensschreie kamen. Ich rannte zur rechten Seite des Autos und riss die Fahrertüre auf. Der Fahrer stürzte sich auf mich; ich konnte mich so ducken, dass er über mich weg auf das Pflaster knallte. Ich rappelte mich auf und drehte ihm den linken Arm so auf den Rücken, dass er seinen Widerstand aufgeben musste. Jemand pfiff schrill mit einer Trillerpfeife.

Der verletzte Beifahrer wollte mit dem Gewehr herauskommen. Gwendolyn trat ihn mit ihren Hochhackigen so heftig in den Unterbauch, dass er sich vor Schmerz krümmte. Passanten hielten ihn fest. Auf unser Schreien eilten zwei Polizisten herbei und nahmen beide Männer fest.

Beim Hinunterducken war ich seitlich aufs Gesicht und auf meine rechte Hand gefallen und blutete ein bisschen.

Ich nahm die erschöpft weinende Gwendolyn in die Arme. Diesen Augenblick nutzten viele Passanten für ein Foto. Auch ein Reporter. Und von da an blieb für uns nichts mehr, wie es war.

Wir kamen nicht mehr in das Lunchtime Concert. Ein Polizeifahrzeug raste heran, wendete quietschend und nötigte uns, schnell einzusteigen. Sie fuhren uns offenbar aus dieser Gefahrenzone heraus, hielten irgendwo und kommunizierten über Funk – sicher, um sich Anweisungen zu holen.

Sie baten um unsere Ausweise. Ich zitterte, weil ich kurz überlegen musste, aus welcher Jacken- oder Hosentasche ich den hier besten Führerschein herausholen musste. Es gelang.

Die Polizisten reinigten meine Wunde im Gesicht und die Abschürfung an der Hand, klebten mir Pflaster auf und wickelten Gaze um die Hand.

„Haben Sie eine Vorstellung, wer dahinter stecken könnte?“

„Das wird der Staatsschutz herausfinden. Wir haben hier viele, die auf etwas Wut haben und sich Schuldige suchen. Bestimmt wird man Sie vernehmen. Und die Presse wird sich auf Sie stürzen.“

Der Staatsschutz meldete sich schnell und bat uns nicht übertrieben freundlich um eine ausführliche Darstellung und eine Rekonstruktion: Die soll um 7:30 PM. vor St. Martin in the Fields sein.

Gwendolyn sagte leise: „Jul, können wir nicht abhauen? Das müssen wir doch nicht durchstehen.“ Ich gab ihr Recht, aber ich sah keine Chance, uns unsichtbar und unauffindbar zu machen

Gwendolyn warnte: „Die machen hier noch einiges mit uns und ändern alle unsere Programme…was wird aus unseren Nächten?“

Für die Zeitungen und die Fernsehsender waren wir von da an „Die Helden von Trafalgar“. Jede Menge Einladungen. Die Innenministerin wollte uns eine Party geben; am Ende wollte uns der Premierminister auf seinem Landsitz sehen. Es war der Anfang einer unendlichen Kette von Interviews, Befragungen, Vorstellungen, Job-Angeboten als Bodyguards und Sicherheitsbegleiter…Und der Anfang von vielen Geschichten, die leider nur in England spielten.

Ihr werdet es nicht glauben, Gwendolyn glaubte es auch nicht: Der uns plötzlich zugefallene VIP-Status war mir überhaupt nicht willkommen. Ich wollte nicht tagelang mit Bild und Berichten in den Zeitungen stehen. Das konnte doch nicht gut ausgehen, nicht für mich.

Gwendolyn verstand mich nicht; sie genoss das Treiben als das, was es für sie war: eine Traum-Geschichte, die vielleicht nur einmal im Leben  passiert.

Ich hatte in Deutschland mal ein Sprichwort gehört: Wat den Eenen sin Uhl, is den Annern sin Nachtigall.

Ratet mal, wer die Uhl war.

       Erinnerung an eine Nonne

Im  Umland von Paris lebte ich eine Weile. Ich hatte auf der Suche nach einem sicheren Versteck ein Zubrot als Einkäufer, Kräutergärtner, Zwiebelschneider, Knoblauchhacker, Hilfskellner und Geschirrwäscher in einem Gasthaus gefunden – das sicherte mir vortreffliche Kost und die Zuneigung der Patronin und ihrer Tochter Germaine.

Die Arbeit gefiel mir ausnehmend. Wir haben alle zusammen französische Lieder gesungen, auch der Patron. Wir lebten schließlich im weithin bekannten „Singenden Gasthaus“.

Knoblauch, Liebe, Lieder und Frankreich sind für mich eine schöne Einheit. Lukrativ wurde meine Idee, raffiniert gewürzte Knoblauchbutter in Gläsern auf den Wochenmärkten zu verkaufen; ich bekam 20 Prozent vom Erlös.

Zu Paris kann ich viel erzählen, aber bei dieser geografischen Gelegenheit muss ich der blassen Nonne Marie Magdalene eine Erinnerung widmen.

Ich traf sie bibbernd im verwilderten Gartenteil des Klosters in Marbille, wo ich, nur aus Interesse, die Frauennamen von alten Grabtafeln abschrieb. Weil das Kloster wie in den meisten Klöstern nur in der Kapelle Fenster hatte, froren die Nonnen fürchterlich in ihren Zellen.

Die naheliegende Möglichkeit, einander zu wärmen, wurde ihnen verwehrt. Vielleicht sollten sie auch nicht lange leben – es gab ja europaweit genug Töchter, die nicht zu verheiraten waren, als überzählige Mitesser galten und problemlos in die Klöster abgeschoben werden konnten.

Weil die Nachmittagssonne, die sie gesucht hatte, ausblieb, nahm ich die halberfrorene Nonne unter meinen Mantel und redete, um ihr Vertrauen werbend, wie einem beim Spiel verletzten Kind zu.

Sie wehrte sich gegen mich, brauchte aber die Wärme meines Mantels und, das spürte ich, auch die von mir. Sie stammte, das erriet ich mehr, aus Polen und konnte nur wenig Französisch, wir verstanden uns mühsam.

Sie musste bald zum nächsten Gebet, aber wir verabredeten uns mit Zeichen und Gesten für den nächsten Tag.

Nein, das sei unmöglich, also für den übernächsten Spätnachmittag, ungefähr zur selben Zeit. Zum Abschied streifte ihre eiskalte Hand meine Wange.

Ich nahm das als ermutigendes Zeichen. Zum vereinbarten Termin band ich wieder mein Pferd an das Gartengitter des Klosters und überraschte Marie Magdalene mit auf dem Ritt etwas weich gewordener Schokolade.

Sie schleckte diese nie gekannte oder lange entbehrte Süßigkeit mit solcher Inbrunst, dass ich, weil wir kein Abwischtuch hatten, lange zu lecken hatte, bis ihr liebes Gesicht wieder hell aussah.

Eine Woche später duldete sie wenige leichte Küsse und Tage darauf wurde ich daran schuldig, dass die zur Keuschheit verpflichtete Jungfrau schwankend wurde und zwei, drei unerhörte und offensichtlich nie erlebte Zärtlichkeiten an ihrem Hals und ihrer Schulter entzückend widerstrebend duldete.

Sie sprach viel zu mir; ich verstand oder wollte nur verstehen, dass sie mich inzwischen leiden konnte und dankbar für mein Interesse an ihr war. Sie zitterte in meiner Umarmung, nicht mehr wegen der Kälte und ich spürte, dass es in ihr brodelte.

Ich kann mich nur auf diesen einen Fall beziehen, doch mir schwant, dass gewaltige Liebesreserven unentdeckt in Nonnenklöstern schlummern.

Mein Glück war kurz. Wenige Tage später wurden wir von spielenden Nonnen im Garten entdeckt. Sie ließen Marie Magdalene keine Zeit, ihr verrutschtes Habit zu ordnen und nahmen sie erst streng ernst, dann lauter lachend mit ins Kloster. Mich straften ihre Blicke mit Verachtung.

Ich habe meine frierende Schöne nie wiedergesehen. Wir werden uns erst im Himmel wiedertreffen!

Abends zog mich Germaine – wir aßen immer stehend ein paar Happen während des Essens der Gäste – in eine Küchennische und fragte mich aus, ob ich Frauen getroffen hätte, wie sie gekleidet waren und ob und wie ich mit ihnen angebandelt hätte.

Ich war einmal so leichtsinnig gewesen, ihr eine stark übertriebene Geschichte zu erzählen – und sie ließ mir dann keine Ruhe, bis sie einige Szenen nacherleben konnte. Sie wusste auch von der Nonne und meinen Bemühungen um sie.

„Zeig mir genau, wie du sie berührt hast. Hast du sie geküsst? Zeig mir genau wie oft und wie weit.“

Als ich ihr die Sache mit der abgeleckten Schokolade zeigen musste, – sie  hatte ihre Bluse noch nicht wieder geschlossen, – überraschte uns die Patronin, schrie mich entsetzt an und warf mich auf der Stelle raus.

Ich schlich oft ums mr liebgewordene Gasthaus. Der Wirt hat mich nach fünf Tagen wieder zugelassen. Er wollte meine Stimme dabeihaben, wenn wir vor seinen Gästen und auf den Märkten Liebes-, Wein-, Ritter- und Soldatenlieder sangen.

Die Patronin war so großherzig, mich eines Abends nach einem fantastischen Essen und wunderbarem Wein, den der Patron nach dem siebten Glas auf das alte Sofa nebenan geworfen hatte, an ihre starke Brust zu ziehen. Sie hat mir erlaubt, ihr sehr nahe zu kommen.  

Á votre santé. Madame!.

 

Unser Achter mit Steuerfrau

Schon als Vierjähriger habe ich mich für Ruderinnen und ihre Besonderheiten interessiert.

Unsere Hubberton-Street in West-Glasgow war ein langegezogenes L. Ich lebte mehr auf der Gartenseite. Vier Häuser weiter wohnte mein Freund Stephen und zwei Häuser weiter war das Büro der Wohnungsgesellschaft, netterweise im Erdgeschoss.

Auf dem von mir erklettertem Fenstersims bei weit geöffneten Fenstern sah ich drei Frauen an ihren Schreibmaschinen: rechts vorne die vielleicht ältere  von ihnen, Julia, ihr schräg gegenüber die braunhaarige Milli und hinten an der Fensterseite zur Straße saß die rothaarige und mager aussehende Wilma.

Ich futterte aus ihren Blechschachteln Sandwiches, Apfelstücke und Weintrauben und sie erklärten mir viele Male die sechs Fotos an der Wand hinter Julia: Die zeigten ihre Erfolge als Ruderinnen, im Vierer und im Achter  mit Steuerfrau. Die Steuerfrau war die kleine Wilma.

Sechsundzwanzig Jahre später stand ich mit achtzehn Frauen und drei  Männern auf ihrem Anlegesteg. Wir warteten auf die Ankunft unseres wieder  einmal erfolgreichen „Achters mit Steuerfrau“, der von einer Vorentscheidung   zurückerwartet wurde.

Sie kamen aus Oslo mit dem Flieger und der Bahn, aber die letzten      zwanzig Meilen wollten sie rudern.

Die Leute neben mir schienen Angehörige und Freundinnen zu sein; sie hatten Blumen und Taschen mit Tee und duftendem Gebäck bei sich; ich hielt meine neun blassrosa Rosen aus dem Tesco hinter meinem Rücken.

Eine Reporterin der Tageszeitung brachte ihre Kamera in Stellung. Sie war aufgeregt und änderte mehrfach den Stützpunkt. Ich kannte inzwischen            die Fotos der Ruderinnen und einige Hintergrund-Stories über ihre Freunde und Hobbys.

Ich kannte aber auch die Geschichten aller Steuerfrauen der letzten zwölf Jahre. Das gehörte zu meiner Vorbereitung.

Wir kreischten zu ihrer Begrüßung, als wir sie in der Flussbiegung sahen – und noch lauter, als sie anlegten.

Sie stiegen aus, ließen sich umarmen, und als ein Regenschauer niederging, hoben sie ihr Boot hoch und trugen es über ihren Köpfen ins Bootshaus.

Ich hatte meinen Empfang verpasst, lief ihnen aber nach, bis sie ihr Boot eingestellt hatten und begann dann, meine Rosen zu verteilen.

Bei den ersten beiden Sportsfrauen hatte ich Glück, die anderen murrten und hatten Wichtigeres zu tun.

Die verschwitzte Martha rief den anderen zu: „Wartet doch mal, ihr kriegt noch was!“

Ich hatte mir ausgedacht, jeder ein oder zwei Küsschen auf die Wangen aufzudrücken; das gelang mir nicht.

Cassy und Jolly brauchten ihre Hände für Aufräumarbeiten; sie nahmen die Rosenstiele quer in den Mund, und Conny, die quirlige Steuerfrau, rief laut: „Der Rosenkavalier könnte doch auf unsere Party kommen.“

Genau darauf hatte ich gehofft. Wir sprachen noch über das Wann und Wo.

„Danke, Conny, ich freue mich wahnsinnig auf heute Abend.“

Bis Neun war es elend lang für mich, aber klar, die Frauen wollten sich für die Party herrichten. Das lange Warten hat gelohnt.

Sie waren sehr nett zu mir. So nett, dass ich wagte zu verraten, wie ich sie eigentlich begrüßen wollte.

Jana sagte: „Weißt du was? Ich hatte schwer damit gerechnet. Mich haben nur Frauen geküsst. Ich habe einen ganz trockenen Mund…“

Ich hatte dann einiges nachzuholen – über den Abend verteilt und in immer neuen Variationen. Leute, das wäre es wert gewesen, auf die Queen zu singen.

Ich habe mit allen getanzt; das wurde stellenweise gefährlich, denn die Sportlerinnen liebten nicht nur romantische Spielchen; sie nannten hemmungslos ihre Wünsche. Ich schwamm in seligen Wassern.

Als ich Conny wiedertraf, erzählte ich ihr, dass ich für alle Steuerfrauen geschwärmt hätte, „aber noch keine fand ich so hinreißend und aufregend wie dich.“

Frauen lassen sich solche Sätze auf der Zunge zergehen und zweimal sagen. Conny musste sich  hochrecken, als sie mich umarmte und küsste.

Mir war sie nicht zu klein. Wir tanzten wunderbar innig zusammen und wurden uns immerhin so vertraut, dass ich sie viel später, nach den Abschiedsküssen der acht und unter den missmutigen Blicken ihres Trainers, heimfahren durfte.

Sie hatte eine hübsche Dachwohnung. „Sorry, ich habe mein Bett nicht gemacht; ging alles so schnell heute Morgen. Dich stört es doch nicht, Mike?“

Wir tanzten und merkten gar nicht, dass unsere Kleidung bald von uns abgefallen war. Als Connys Herz später auf meinem Herzen lag und wir uns in süßen Variationen die immergrünen Beteuerungen in die Ohren raunten, schrillte ihr Handy.

Sie schob es unter ihr Kopfkissen. „Das kann warten.“

Nach Handy-Art wartete es nicht.

Ich beobachtete Conny genau. War sie blass geworden? Kam da eine erschreckende Nachricht?

Dann sagte sie erfreulich selbstbewusst: „Cassy, du kannst dir ja denken, wer mich heimgebracht hat. Wir verstehen uns herrlich. Seid ihr alle ok? Was, du weißt nicht, wo Jolly ist? Sie wird doch   nicht zu viel von dem Eiersalat gegessen haben? Ich habe ihr noch die superleckere warme Quiche empfohlen, aber natürlich nicht, so viel Pink Gin runterzukippen. Müssen wir uns Sorgen machen, Liebes?“

Ich fragte leichthin: „Schlechte Nachrichten, Schatz? Hat jemand einen Party- Kater?“

„Wird halb so wild sein. Die Norweger haben uns drei Tage lang schön eingestimmt. Hat vielleicht Nachwirkungen. Komm, Mike, zeig mir noch mal die „Ungarische Rutsche“. Ich bin neugierig auf fremde Liebesarten…“

Wunderbare Harmonie. Nur mir kribbelte es. Es ging auf sechs Uhr zu, als es   mich fortdrängte. Ihr ahnt warum, Conny aber nicht:

„Das kannst du mir nicht antun. Bleib wenigstens bis zum Frühstück. Was drängt dich fort, Mike? War ich dir zu wild?“

„Wegen dir möchte ich zwei Jahre am Stück bleiben, Liebling, aber ich muss    heute noch weit fahren.“

„Und wann habe ich dich wieder? Du könntest mir Glück bringen. Ja, ich brauche deine Vorbereitung – wie die eben unbedingt für die nächsten Siege.“

„Das müssen wir leider noch etwas verschieben, süßer Schatz – und so lange  virtuell kommunizieren und uns übers Handy anmachen, natürlich auch im Bett, weil wir es ja so lieben.

Schau, ich habe in Kanada zu tun – das kann vierzehn Tage brauchen oder einen Monat. Darf ich dich oft anrufen? Und von dir träumen und tagträumen? Denk dir schon mal was Heißes aus – ich bin verrückt danach…“

Ich habe ihr und dem Team tatsächlich Glück gebracht. Sie, also wir, sind Zweiter geworden.

Nach Kanada bin ich noch nicht geflogen, ich bin länger weggeblieben.

Sorry,  ich brauchte ein anderes Ziel.

  Rosalie                                                                                                                        Can you take me back?

Es wäre einfach, es auf das deutsche Bier zu schieben. Nüchtern kann ich nicht gewesen sein, als ich die App runtergeladen habe. Depressionsfrei auch nicht.

„Draufgänger“ – hier werden sich nur durchgeknallte Kerle melden. Aber mal sehen. Darauf, dass ich wieder mal zu etwas hingeschubst wurde, bin ich erst gekommen, als es vorbei war.

Nach den idiotischen Eingangsfragen, die sich wohl Psychologiestudenten ausgedacht haben, nach der Bezahlung der ersten Rate und fast drei Stunden Wartezeit kam das erste Jugendfoto einer schwergewichtigen Dame in einer Badewanne.

Dann eine magere, wüst tätowierte Anlockerin in lila Unterwäsche. Dann zwei exotisch aussehende und wohl absichtlich unscharf fotografierte Frauen, drei attraktive Afrikanerinnen, und dann kam Rosalie.

Sie hatte auf Oberbekleidung verzichtet und verließ sich ganz auf die Wirkung ihres Lächelns. Die soll mit keiner wegschnappen.

Ich wusste es: wer sich so weit aus dem Fenster lehnt, will von anderem ablenken. Aber sie hatte recht; ihre von der Natur extra für Männeraugen so schön geformten Brüste mit den großen Rosetten brachten auch bei mir eine volle Wirkung. Mein Verstand kapitulierte.

„Hallo, Rosalie; mir gefallen deine Ohrringe.“

„Was ist deine Lieblingszahl? Und welche Geschichten bringst du mir mit?“

„77. Alte Märchen und ein paar Liebesgeschichten.“

„Zuerst ein paar Fragen, auf die du spontan antworten sollst:“

„Etwa noch ein Test?“

„Ja, aber mein eigener. Was würdest du beim ersten Treffen nie tun?“

„Zögern.“

„Was sagst du zu amputierten Frauenbrüsten?“

„Es wird medizinische Gründe geben. Brüste sind nicht alles. Die Natur gibt uns Dutzende Möglichkeiten, Lust und Liebe weiter zu schenken.“

„Bist du einer, der es mag, wenn die Frau ihn alles machen lässt?“

„Ist Sex nicht zweiseitig? Ich wünsche mir eine aktive Partnerin.“

„Auf welchen Teil bei einer Frau möchtest du nie verzichten?“

„Auf den Mund natürlich.“

„Wie perfekt willst du eine Frau?“

„Auf einer Skala 1 bis 10 kommt Perfektion nicht vor.“

„Warum schlägst du Frauen?“

„Selten gehört es zur Lust. Nie ins Gesicht und sie müssen es gut finden..“

„Was ist dein Manko in der Liebe?“

„Ich merke selten, wenn mein Vorspiel zu lang wird.“

„Ich würde nicht meckern. Nur, wenn danach Schluss wäre,“

„Keine Sorge. Hast du mehr als einen Lover?“

„Geheimnis. Wenn eine Frau sagt, heute nicht, heute würde es                blutig…“

„Das schenkt uns die Natur. Wir müssen nichts verhüten.“

„Hast du mehr als zwölf Frauen näher kennengelernt?

„Danke: ja.“

„Bist du ein Draufgänger, ein Ladykiller?“

„Fragst du einen Schornsteinfeger, ob er ein Schornsteinfeger ist?“

„Bist du ein reicher Knochen? Wovon lebst du?“

„Das hat mich die App auch gefragt. Ich habe ein paar Mal bei Hunde-wetten gewonnen. Und mir meinen Anteil vom Erbe des Elternhauses auszahlen lassen und in Aktien angelegt. Ich hungere mich so durch…“

„Ist dir Sex schon mal zu viel geworden?“

„Vorgestern erst: als Anhalter haben mich drei Frauen in einem Cabrio mitgenommen. Die vernaschten mich als Vorspeise ihres Italienurlaubs.“

„Wer weiß, was du bei mir wirst.“

„Ich vertraue meinem Bauchgefühl und habe keine Erwartung, die du erfüllen musst.“

„Lebst du gern?“

„Ja, eindeutig.“

„Dein Motto?“

„Leben mit Lust und Liebe. Bist du katholisch?“

„Auf meine Art, ja. Bist du gschamig für Telefon-Sex?“

„Wie könnte ich sonst eine frauenlose Zeit aushalten?“

„Machst du dir was aus genialer Musik? Ich bin totaler Beatles-Fan.“

„Ich liebe diese Engländer, obwohl ich Schotte bin. Was bist du?“

„Kärntnerin. Von da, wo Österreich am schönsten ist.“

„Schade, ich dachte schon, es könnte was mit uns werden. Du lebst ja am Ende der Welt.“

„Was ist Ende und was ist Anfang? – Du warst nie in Kärnten. War immer eine Reise wert.“

„Wo wärst du da zu finden?“

„Nahe der italienischen Grenze. Wie weit bist du weg?“

„Ich bin gerade im Schwäbischen, im Schwarzwald.“

„Was hindert dich, übermorgen hier zu sein?“

„Ist mir zu früh. Überübermorgen ginge mit viel Glück. Dein Alter war doch gelogen?“

„Ja, ein bisschen, deins auch? Dein Foto war verschwommen. Vielleicht bist du ein hässlicher, alter Knacker. Stimmt das, dass du gerne tanzt?“

„Ja, machen wir beide das zusammen? Ich bleibe bei 31.“

„Beim Tanzen eroberst du die Frauen?“

„Am liebsten, stimmt. Lässt du dich erobern?“

„Muss nicht beim Tanzen sein.“

„Wieso nicht? Hast du ein Holzbein?“

„Was Ähnliches. Ich werde schnell müde.“

„Okay, dann bleibt uns mehr Zeit zum küssen und schmusen. Und für Handysex live,“

„Gehört das für dich dazu?“

„Küssen, Kuscheln, Schmusen, Petting und die Anmache.“

„Komm her und beweise es mir!“

Ich habe es ihr bewiesen, etwas über drei Tage später. War eine weite Tour ins Polenta-Gebiet. Sie hatte eineinhalb Zimmer im Efeu-überwucherten Schloss Waldegg im Dorf Würmlach im Gailtal, 696 Meter und gefühlte 90 Treppen über dem Meeresspiegel.

Rosalie war keine Prinzessin, nicht die Schlossherrin; sie war eine mit sechsunddreißig Jahren in die Frührente gedrängte Buchhalterin.

Ich hatte mich mit dem Handy von unterwegs dreimal bei ihr gemeldet; wir haben anregend geplaudert und dann sagte ich bei der Ankunft in ihre Sprechanlage: „Grüß Gott, Rosalie. Zieh dich aus, ich bin da.“

Peinlich: eine ältere Dame näherte sich grade und hat das wohl mitgehört. Ich glaube, sie lauschte interessiert dem Weiteren.

„Hast du mir was mitgebracht?“

„Ich hab meine kleine Schwester mitgebracht…. Schrei nicht so laut! Nein, keine Panik! War eine Lüge, verzeih mir. Don`t let me down.“

In der großen Halle des schnuckeligen Renaissance-Schlösschens standen eingerüstete Krieger, sie hielten verschlissene Fahnen.

Fahrstuhl zum 3. Stock des Anbaus. Die ältere Dame fuhr mit. Ich bin zu früh ausgestiegen. Mist, sie rechnen die Etagen hier anders, ich musste, als mich Rosalie von oben rief, die Treppe hinaufeilen.

Sie winkte mir an der Tür entgegen. I saw her standing there. Die Dame von vorhin ging freundlich grüßend in die nächste Wohnung weiter.

War sicher ergreifend, wie wir uns umarmt und dann vorsichtig geküsst haben, abschmeckend, gut schmeckend. Well, my heart went, Boom“  When I crossed that room And I held her hand in mine…

Rosalie trug einen japanischen Seidenmantel; ich spürte: wenig drunter.

Als ich meine Sachen abstellte, sah ich hinten im Zimmer die Geräte und kapierte, welche Überraschungen auf mich warteten. Ach ja, der Pferdefuß. Rosalie ging unsicher und wollte sich bald setzen.

Von der ersten Minute an bis spät in die Nacht lebten wir mit den Beatles. Ihre Songs blieben immer bei uns und verschönten uns die viel zu kurze Zeit – lachend und traurig machend. Sie sang mit ihrer schönen, nicht sehr starken Stimme das Lied, das Paul McCartney für Lennons kleinen Sohn Jules geschrieben hat, weil der unter der Trennung seiner Eltern litt; es hieß zuerst Hey Jules, also wie auch für mich gemacht; jetzt eben Hey Jude!

Betty fiel mir ein, meine an MS gestorbene Schwägerin, zu der ich ein vertrautes Verhältnis hatte. Von ihr wusste ich einiges über diese verdammte Krankheit. Ich war also auf einiges gefasst. Nein, stimmt nicht: diese Krankheit macht dauernd Überraschendes, mit dem du nicht rechnen konntest.

Wir waren mit dem Küssen nicht schnell fertig. In den Umarmungen mussten sich unsere Körper aneinander gewöhnen. Das gelang ihnen noch über unsere Kleidung. Ich habe sie auf die Arme genommen und aufs Bett gelegt, mich dazu. Sie blieb stocksteif, das gab sich aber, als ich es nicht wichtig nahm.

„Haben wir Zeit fürs Kuscheln, Rosalie? Hast du irgendwo ein geheimnisvolles Muttermal? Lass mich selbst nachsehen…“

Ein schönes Lächeln! In ihre Sprache musste ich mich erst hineinhören. Was solls! Wir reden sowieso viel zu viel.

Und was lachte mich unter ihrem japanischen Kirschblütenmantel an? Rosalie war nicht zu dünn, hatte kein Holzbein; ein neugierig machendes gekräuseltes dunkelbraunes Dreieck; sie gefiel mir sofort. Wir tasteten uns behutsam vor…

Das wird Euch nicht weiter interessieren. Nur so viel: Es geschah einiges mit uns und ich fühlte mich wie in einer Privatnische im Himmel, obwohl unser Sex anders war als gewohnt: unsere Hände und Münder bekamen Hauptrollen, auf die sie mächtig stolz waren.

Mein mir zugefallener Engel entschädigte mich mit gebremster, aber inniger Kraft für die weite Fahrt in sechs angehaltenen Autos. Und weil ich mich dafür dankbar zeigte, noch gleich mit für den eingestandenen Umstand, dass ich „viele Tage“ keine Frau im Arm hatte.

Jetzt halt eine mit dem nie erlebten Krampf, der ihre Muschi vorübergehend verschloss und meine Fantasie notgedrungen anstachelte: „Hab ich ein Stopp-Schild übersehen?“

„Du hast mich vorher zu wenig und nicht lange genug geküsst. Zwölf Mal sollte es schon sein. All I need is love.“ Ich liebte ihr Lachen.

Sex hat wirklich Dutzende Spielarten, die wir kaum oder nie nutzen. Ich wusste von Betty: Sex immer vor dem Essen. Keine Ahnung, warum. Und bei Aufregungen alle zehn Minuten zum Klo.

Na und? Mit innigen Umarmungen und forschungsoffenen Zungenküssen kann man`s gut aushalten – als von MS-Nichtbetroffener. Wie wehtuend muss das für Leute ohne einfühlsame Partner sein!

Wir entdeckten als neue Lustquelle das gemeinsame Duschen unter heißem Wasser. Zu zweit ist es unglaublich stärker als allein.

Dann gab`s eine Vesper mit Bier und warmen, süßen Nachtisch mit Likör – sie nippte nur daran.

„Vermisst du das Tanzen, Jul?“

„Ja. Ich will mit dir tanzen.“

„Ich möchte es so gerne, Jul, aber ich kann es nicht mehr durchhalten.“

„Die Beatles spielen für uns. Komm, versuchen wir es – tanzen wir.“

Rosalie sah mich unsicher an. Ich nahm sie Huckepack; wir tanzten gut zehn, Lieder lang. Rosalie sang die Songs mit; sie kannte sie alle, ich war nur in wenigen textsicher. Sie war begeistert.

Ich liebte ihren Duft und freute mich an ihren Haaren. Wir mussten schmusend eine Pinkel-Pause einlegen.

Danach hob ich sie über meinen Kopf und setzte sie auf meine Schultern. Die Deckenhöhe war okay.

Dann machten alles John Lennon, Paul McCartney, George Harrison, Ringo Starr und ihre Mitmusikanten.

Wir tanzten und tanzten, zuletzt hielten wir uns an ausgebreiteten Händen. Es war so schön, ihre Schenkel zu spüren und wie sie ganz eng mit mir verbunden sein wollte. I`m so happy when you dance with me.

Als ich müde wurde, ließ ich sie an mir herunterrutschen. Unsere  Umarmung hätte ich gern die Wohnungsnachbarin sehen lassen, die sich bestimmt ausmalte, was angrenzend geschah. Ihre Fantasie konnte nicht spüren, wie wir aneinander klebten – und es genossen.

Nach dem Umkleiden machten wir einen Abendspaziergang; sie ließ sich von mir schieben und erklärte mir ihr Dorf. Nach einigen Runden kehrten wir im „Kramsstübl“ ein und wurden lautstark begrüßt. Als alle mich neugierig anstarrten, sagte Rosalie „Das ist er, mein Neuer.“ Beifall und lautes Hallo!

Die Frauen und Männer machten Platz für ihren Rolli und mich. Sie riefen mir etwas zu, was wie „Batzi“ klang: „Prost Batzi, lass es dir gut gehen und gib`s der Rosalie ordentlich. Unsere Frauen brauchen das.“

Das Bier schmeckte mir; Rosalie trank das dunkle Frauenbier. Gegen Elf kehrten wir heim. Erst in der Kneipe ist mir aufgegangen, dass man ihren Namen auf der zweiten oder auf der dritten Silbe betonen kann; ich nahm von Anfang an die dritte.

Rosalie fand es passend, dass wir zusammen duschten – sie saß so auf mir, dass ich ihre Brüste küssen konnte, dann umgedreht, damit ich sie wonnig halten konnte. Das brachte uns auf neue Gedanken. Rosalie erfand ein neues Spiel – sehr verkürzte Abwandlungen altvertrauter Märchen. Sie gingen alle gut aus. Nur eines endete mit ihrem Tod. Sie wollte dann sehen, wie ich um Schneewittchen trauerte.

„Brech dir keinen ab, Jul, ich weiß doch, dass du dir sofort eine neue ins Bett holst.“

Als wir uns nach einigen Mühen und dem Wechseln ihres Shirts und Slips schlafen legten, erzählte ich ihr ein afrikanisches Märchen, in dem dauernd etwas zwischen den handelnden Personen geschah, das man nicht unbedingt mit Worten weitersagen muss.

Rosalie küsste mich, wie Engel halt küssen und wünschte sich „alles“ von mir. Sie bekam es, ich bekam es – in einer angepassten Form.

Sie sagte nach Stunden mit aufgesprungenen Lippen: „Danke, Batzi!“

Ich brachte sie in knapp sechs Stunden viermal aufs Klo. Einmal hörte ich sie weinen und schimpfen, als sie drin für Minuten allein sein wollte.

Dabei ging es nur um die für sie schwierige Benutzung von Klopapier – ein Krampf oder eine Störung der Feinmotorik links. Müssen wir trainieren und die rechte Hand anlernen.

Als ich uns die Hände wusch, hat sie meine Flanke geküsst, mir in die Hüfte gebissen und sich innig an mich Glückspilz geschmiegt.

Zwischendurch tauchte sie für zwei Zigarettenlängen ab. Eine Verunsichernde Zwangspause. Sie ließ sich unendlich langsam wachküssen. Ich staunte, wie sie die kranke Phase mit einer halb erträumten Wirklichkeit verbinden konnte und ein schiefes Lächeln schaffte.

Ich flüsterte mit Paul: „And I waited for your kiss Waited for the bliss – Like dreamers do”.

„Du musst die damischen Tränen nicht wegküssen. Drück mich nur so fest du kannst.“

Sie war ein so dankbarer Mensch; es wurde mir peinlich, denn alles hätte ich von ihr genauso selbstverständlich bekommen – und gejubelt, dass es eine so willkommene, schönbusige Helferin wie sie sein würde.

Ich wollte es ähnlich sagen, aber sie kam mir zuvor: „Du, wir sind doch gar kein Liebespaar; wir wollten nur ein Sextreffen und höchstens ein kleines Gschpusi…“

„Ja,“ sagte ich und verbiss mich zärtlich in ihren Brüsten, „jetzt haben wir den Salat.“

Es brannte uns. Wir mussten unbedingt wieder ins Bett – vorher natürlich ins Bad…„If you need somebody to love Just look into my eyes”.

Rosalie lag wie oft auf mir, ich fühlte sie innig an mehreren Stellen,   schaukelte sie ein bisschen, streichelte ihren Rücken und knetete den mit mir gut befreundeten Po; sie rieb ihr Gesicht an meines und weinte wieder. Wahrscheinlich nicht aus Traurigkeit…

Da packte es mich und es musste aus mir raus, weil sie dabei war, mir einen Heiligenschein zu verpassen: „Rosalie, verträgst du eine Enttäu-schung von mir?“

„Nur zu, Jul, du wirst ein Heiratsschwindler sein, der die falsche Adresse erwischt hat.“

„Schlimmer: ich bin seit Jahren auf der Flucht; mir werden Morde angehängt.“

„Dabei ist keiner so lieb wie du. Bleib eine Weile bei mir. Für mich scheint es eh die schönste Zeit meines Lebens zu werden.“

Mehr haben wir über dieses Thema nicht mehr gesprochen. War mir lange unheimlich. Wir hielten uns an Bettys Regel „Sex immer vor dem Essen“ – wir haben oft eine Kleinigkeit gegessen – und viel gelacht.

Nicht erkennbar erfolgreich waren meine Versuche, Rosalie einen Internet-Arbeitsplatz einzurichten und ihre Buchhaltungsdienste überörtlich anzubieten. Sie hatte noch keinen Mut dazu, versprach mir, weiter darüber nachzudenken und noch anderen Rat einzuholen. Sie machte immerhin schon die Buchhaltung für das Restaurant ihrer Schwester.

Rosalie freute sich ungläubig, dass es mir sichtlich Vergnügen machte, sie ganz langsam und auf lustvollen Umwegen auszuziehen und anzukleiden. Ihre Brüste bliesen sich jedes Mal auf, wenn mein Mund sie anmachte und ihre Rosetten mir „Hallo“ sagten oder „Grüß Gott“, mir entgegenstrebten und in meinem Mund fest wurden – auf den Festungstürmen, die ihre Herrin verrieten und ihre Eroberung hinnahmen.

Ich sonnte und mondete mich in ihrem krausen Wäldchen, das sie auch auf den stark behaarten Schenkeln nicht zurückgestutzt hatte. Es vertraute mir bald und streckte sich meiner Hand entgegen, wenn ihre Muschi grade nicht besetzt war, etwa von mir. Rosalie war ausgehungert oder unstillbar. Sie schien sich auch einen Vorrat anzulegen. Quatsch, gibt es doch nicht. Oder doch?

Gibt`s bei Frauen etwas, das es nicht gibt?

Wir machten einige ungewohnte und vielleicht riskante Sachen – und fanden nichts dabei. Wie alle Frauen hatte sie einige erotische Wünsche; nicht alle konnte ich erfüllen.

„Du bist eine geborene Verführerin, Rosalie; hältst du es ohne Männer aus?“

„Hat`s hier nicht genug Männer? Einige hast du in der Kneipe gesehen. Sie waren fast alle schon hier und die meisten haben sich getraut, mit mir Sex zu haben. Ich habe sie verführt und ihnen gesagt, dass ich sie brauche.

Und dann habe ich Hubert, meinen Schwager. Der holt mich oft ab und bringt mich heim vom Lokal meiner Schwester.

Er hält es für ein Dankeschön, wenn meine Hände in seiner Unterhose einladend suchen. Er hat mir etwas kolossal Wichtiges geschenkt, nicht nur seinen Saft im Kondom. Ich brauche Sex wie du Bier.

Übrigens nicht erst, seit ich diesen Pflegegrad habe. So ein verstehender Sexpartner wie du…“

„Komm, es ist Essenszeit. Come and get it.“

Am Dienstag fuhr Rosalie uns in ihrem kleinen Honda nach Villach. Ich schob sie gemächlich durch die Altstadtstraßen; sie kaufte sich eine gelbe bestickte Jacke und wir saßen lange im sonnigen Gastgarten der Latte Caffé Bar. Wir mochten beide den fantastischen Kaiserschmarrn.

Auf`s Klo konnte sie nur mit meiner kräftigen Unterstützung.

Sie hatte vorgesorgt und wir wechselten und entsorgten diskret und kichernd die Hilfsmittel. Wir rollten dann in ein großes Kino. Sie ließ mich ihren Rolli zusammenklappen und an den Rand stellen. Sie wollte neben mir sitzen – wie die anderen Paare. Und wie die anderen haben wir von dem Schmachtfetzen kaum was mitbekommen.

Ihre prächtige Laune hielt. Ich glaube, wir waren beide unverhofft glücklich – oder ganz nahe dran. Zurück fuhr ich, weil sie leise sang: „Drive my car“.

Das hatte den Vorteil, dass ich meiner Rechten einige Frechheiten erlauben konnte. Sie mochte das, spielte mit und wollte mehr, ohne lange Pausen.

Vor einem Vertrauen weckendem Gasthaus bereiteten wir uns auf der weiten Strecke noch mal exklusiv auf ein schönes Essen vor. Dabei musste uns keiner zusehen, denn wir hatten Lust aufeinander. Als ich ihr danach ihre Sachen wieder richtete, sang sie leise When I find myself in times of trouble, Mother Mary comes to me – Speaking words of wisdom, let it be.

Beim vorzüglichem Filettopf beschränkte ich mich auf zwei Bier; sie trank ein Schweppes und nahm einen Teil ihrer Tabletten. Als Nachtisch gab`s für mich und zwei Kuss-Happen für Rosalie Palatschinken. Leckeres Zeug.

Es wurde Zeit für die Heimfahrt; Rosalie bekam noch einen kleinen Anfall; wir legten uns draußen auf eine Decke und ich ließ sie in meinen Armen absacken. Sie hatte bald wieder schöne Gedanken, leider auch diese: „Wen hast du denn auf dem Gewissen?“

Do you know a secret? Sie halten mir einige Tötungen vor, alles Frauen.“

„Wusch, hab ich ein Glück!“

„Was denn? Schlotterst du nicht vor Angst? Das wäre jetzt doch normal.“

„Was ist denn an mir normal? Ich freue mich ganz ausverschämt. Du bist meine Rettung!“

„Erwarte nicht zu viel: Die toten Frauen haben es nie geahnt…“

„Hast du sie totgeliebt?“

„Weiß ich nicht. Sie und ich wussten es nie vorher…“

„Es kam über dich? Vertiefen wir es besser nicht. Oder nur auf die bessere Art. Ich habe oft davon geträumt, totgeliebt zu werden.“

„Danke, ist richtig lieb von dir. I want to hold your hand.“

Rosalie zeigte bei sich zuhause, wie sie sich von ihren Dildos hochjagen lässt. Wir ließen sie einige Male mitspielen. Sie hatte etliches Zubehör.

„Das ist oft dabei, wenn ich einen Mann hier habe. Welche Frau hätte nicht mal gern zwei Liebhaber zugleich oder fast? So können wir am besten ausgleichen, dass wohl kein Mann wie in Pornofilmen sieben Stellungen unendlich lange schaffen kann; w i r würden es durchhalten. Das ist dann für mich wie früher Weihnachten war.“

Ich wehrte mich gegen ihren Wunsch, uns bei der Liebe und mich  extra zu fotografieren. Sie verstand nicht, warum – Ihr werdet es wissen.

Rosalie hatte einige verrückte Wünsche, diesen habe ich gern erfüllt: Sie kochte sitzend und kurz stehend mehrere farbige Süßspeisen und ließ mich drei Gläser Früchte öffnen, dazu Nüsse, Gurkenscheiben, süße Paprika und Käse-Chips. Ihr ahnt nicht, wozu das alles.

„Jul, räum bitte den großen Tisch leer, leg eine Decke und ein Kissen drauf und dann mich, naturbelassen natürlich, dekoriere dann: Hierhin ein Häppchen Zitronencreme, dahin ein Löffelchen Schokopudding und den grünen Wackelpudding, acht Trüffelpralinen, die Erdbeeren, die Pfirsichstücke und das andere Zeug – darüber in schönen Schwüngen die dünne Schoko-Verzierung…. Wir verzehren alles gemeinsam mit den Fingern und mit dem Mund. Zum Schluss findest du eine Überraschung.“

Dieses paradiesische Bild durfte ich dann mit ihrem und meinem Handy fotografieren. Es wurde noch jahrelang angestaunt – und nachgeahmt.

Wir hatten noch vier gute Tage, in denen wir uns richtig schön aneinander gewöhnten.

Auf unserem Programm stand für die nächsten Tage ein Ausflug nach Italien – mit open end.

Wir machten vorher eine holprige Leiterwagenfahrt mit einem Zugpferd im für sie gepolsterten Sitz durch einen kleinen Teil des Gailtals.

Auf die Bundesstraße durften wir nicht, deshalb fuhren wir am nächsten Tag noch mal mit ihrem Auto durch die Dörfer in die nächstgrößere Stadt Hermagor. Dort war uns das Kopfsteinpflaster für den Rolli zu holprig und wir wollten bald heimfahren. Warum ich diese scheinbar belanglose Sache erwähne?

Die vielleicht noch zweistündige Entfernung von Würmlach hat mir den Arsch gerettet:

In den gewohnten Vorbereitungen unserer Rast erreichte Rosalie ein Anruf ihrer Schwester Elsbeth. Er warf in einer halben Minute unser Leben um: Kripo-Leute hatten sie nach Rosalie ausgefragt und nach dem  Besucher aus Deutschland. Sie warteten am Schloss in Würmlach.

Ich konnte Rosalie schwer beruhigen, löste ihre Arme von meinem Hals und zwang mich zu einer angestrengten Gefasstheit:

„Es bringt nichts, Rosalie; ich darf nicht länger bei dir bleiben. Fahre bitte ohne mich zurück und sage den Polizisten, ich wäre schon vor Tagen abgereist – wohl über den Plöcken-Pass. Ich warte auf ein anhaltendes Auto, das in die andere Richtung fährt.

Lebwohl, liebes Röschen…lösche unsere Mails…und danke für alles!“

                                                        *

Es war grausam, dass ich es nicht riskieren konnte, sie anzurufen. Sie wurde mit Sicherheit abgehört. Erst über zwei Wochen später wagte ich, von einem anderen Telefon aus Elsbeth anzurufen.

Sie war noch mitgenommen: „Wir mussten Rosalie vorgestern begraben. Sie hatte das lange vorbereitet. Du hast es aufgehalten. Ich wusste, wo sie das Gift versteckt hielt. Die von den Verhören genervte Nachbarin hat die Feuerwehr und uns angerufen.

Mit dir war sie noch mal richtig glücklich; war lieb von dir. Du bist jetzt auf der Flucht? Hättet ihr nicht zusammen sterben können?“

Ja, hätten wir. Das Leben wollte es nicht. Rosalie ist immer noch bei mir, besonders, wenn es mir dreckig geht.

Ich erinnere mich an ihre Tapferkeit, ihren Lebensmut, ihren Lebenshunger, ich schmecke noch ihre Haare in meinem Mund und ich höre immer noch ihre Beatles-Lieder.

Wir haben uns in vielen Songs wiedergefunden und sind Vertraute geworden, nicht nur Liebe-Suchende.

Ein einmaliges Gschpusi – wir haben nicht nur einmal Yesterday gesungen, eigene Worte dabei gedacht und uns in den Armen gehalten und uns angelächelt. Ich glaube, das bleibt mir.

Kampfkraft stärken

Auf eine Soldatin war ich nicht gefasst. Wir haben uns über die Dating-App „Not for ever“ einige abfragende Mails geschickt und dann wollte Eileen sofort ein Treffen – weil sie dienstlich in einen anderen Abschnitt abkommandiert würde, wäre nur noch der nächste Dienstag möglich. Ich sollte vorschlagen wo und wie.

Ich machte es möglich und übertrieb höflich: „Ich erwarte dich sehnsüchtig mittags im Restaurant „Moonshine“ hinter dem Alten Friedhof, Ecke Barnbury  Terraces. Das Hotel gehört dazu.

Der Tag und die Nacht werden nicht reichen, um uns alles zu sagen, was wir noch ausgelassen haben.

Komm mit einem Dienst-Jeep oder einem Taxi. Ich übernehme selbstverständlich auch die Kosten für die Rückfahrt. Von mir aus komm ruhig in Uniform. Ich weiß, wie wir deine Sachen am besten schonen. Bei der für mich ungewohnten Entwaffnung brauche ich vielleicht deine helfenden Kommandos.“

Eileen kam, wohl um mich zu erschrecken, tatsächlich im Kampfanzug. Wir änderten deshalb die von mir vorgesehene Reihenfolge Beschnuppern – Essen – Trinken – Nichtmilitärisches – Hautkontakte – Dessert – Bettgeplauder – Frühstück. Ich weiß nicht mehr, wie genau, aber den Anfang machten wir mit Beschnuppern und Trinken.

Eileen war bei der Luftaufklärung und hatte den Dienstrang OR 5, wenn ich mich richtig erinnere. Sie hat mir schon in der ersten Stunde mehrere  dienstliche und private Geheimnisse verraten, ich durfte immer raten, was „Top-Secret“ war oder „MeToo“.

Das Spiel hat mir gefallen. Besonders, als der Gin ihre Zunge noch mehrlöste.IchlöstedannbegeistertWeiteresbeiihr.

Gin war ihr Lieblingsgetränk.  Sie verdünnte ihn wenig. Mich hätten diese Mengen mit Sicherheit kampfunfähig gemacht, aber gesteuertes Training hilft offenbar, sich zu steigern.

Wir übten gewissenhaft Nahkampf und unfaire Taktiken, rücksichtsloses Erobern, genießen der Kriegsbeute, auch eine piesackende schnelle Folter, um Angriffspläne des Gegners herauszukriegen – und was eingefleischte Zivilisten sich unter starken Getränken so ausdenken.

Für längere Kampfpausen hatten wir jedenfalls keine Geduld. Zugegeben: Wir hatten eine fantastische Zeit.

„Und so was Wundervolles soll es nur einmal geben?“, fragte Eileen bei den  Abschieds-Umarmungen, die wir herrlich unterbrechen mussten, weil wir  noch etwas ausgelassen hatten.

„Wir haben uns doch extra „nicht für ewig“ getroffen …“

„Ja, aber jede anständige Regel braucht Ausnahmen, sogar bei der Royal Air Force. Ist es nicht deine verdammte Bürgerpflicht, die Kampfkraft der Truppe zu stärken?“

„Mach ich doch gern, Eileen; Kampfkraft stärken ist Ehrensache, macht sogar mächtig Spaß. Also ruf mich an, sobald du eine Nacht oder gar ein Wochenende frei hast.“

Meine aufgekratzte Stimmung wird daran schuld sein, dass ich Roberta fast vergessen hätte.

Roberta hatte uns das Frühstück ungewöhnlich liebevoll serviert, extra schöne Blumen auf unserem Tisch gestellt und lächelnd bemerkt: „Es ist ein  Geschenk, ein so glücklich aussehendes Paar zu sehen.“

Als Eileen abgefahren war, half mir Roberta uneigennützig, den Abschiedsschmerz zu überwinden.

„So killen wir Männer in meiner Heimat“, sagte sie mir nach einiger Vorbereitung und gab mir die Sporen.

„Dafür brauchen wir kein Hotelbett. Und keine Kampfausrüstung. Wir saugen sie einfach aus, bis sie um Gnade betteln. Wie weit bist du jetzt, Fan  der Flugabwehr?“

Also in mir war noch Leben. Als ich im Auto saß, schaute ich zum Hotelzimmer hoch. Ob auf ihrem schönen Gesicht das hinterhältige Lächeln  noch eine Weile zu sehen sein wird?

Keine zwei Straßen weiter hielt mich ein Motoradpolizist an. Hättet Ihr Euch nicht auch   zu Tode erschreckt?

Er nahm seinen Helm ab und sagte mit einem Pokerface: „Geben Sie bitte Acht, Sir, da vorne wendet ein Schwertransporter. Fahren Sie bitte ganz langsam.“

Der Cop hat zweimal „bitte“ gesagt; das reicht für die Woche.

„Schönen Tag auch Ihnen!“

Hütet Euch vor patriotischen Geschichten. Ging je eine gut aus? Unser Ende war so:

Als Eileen sich bei ihrer Einheit ordnungsgemäß zurückmeldete, wurde sie  zum Flight Sergeant OR 7 bestellt:

„Sie wissen, dass Sie alle privaten Kontakte angeben müssen. Mit wem und  warum waren Sie stundenlang unerreichbar zusammen?“

Eileen stotterte: „Es war eine Liebesbeziehung, Sir, vielleicht wird es was Ernstes.“

„Wir müssen ihn überprüfen. Es war doch ein Mann, OR 5? Schreiben Sie Namen und Anschrift auf…“

Ein Verhör hatten wir im Hotelbett durchgespielt, auch mit neuen Namen und erfundenen Adressen. Aber nur für eine Fahrzeug-Kontrolle der Verkehrspolizei. Die Königliche Luftabwehr war gnadenloser…

Nach Eileens Anruf packte ich sofort meine Sachen und fuhr die weite Strecke hinüber nach Holy Head. Ich nahm dort eben nicht die nächste Fähre nach Dublin, sondern fuhr auf einem Kohlefrachter rüber; ich hatte ja Zeit.

In Irland bleibe ich ein paar Monate, mit einem falschen Pass natürlich und unauffällig in gemieteten Zimmern.

Die in den wenigen Tagen erlebten irischen Frauen genieße ich als ziemlich   gewöhnungsbedürftig; sie sind unwahrscheinlich durstig und offenbar darin geübt, Männern …– aber wozu verrate ich Ihnen das?

Sie kommen ja doch nicht nach Irland.

Hieß sie Daisy?

Mein Bruder John hatte Appetit auf Studentinnen, ich nicht. Sind mir alle zu  jung. Diese Anfängerinnen in allen Lebensdingen sind mir zu anstrengend. Einige Jahre ältere Dozentinnen schon eher, aber die treffe ich auch nicht im Pulk. Also doch Barbekanntschaften?

John machte sein Ding und ich hörte mir die Scheidungsgeschichten von drei   Frauen an, die ich in der schummrigen Beleuchtung attraktiv fand. Sie boten mir als Belohnung für meine Geduld eine ausdauernde Sitzprobe in ihren Autos. Ich blieb bei der rothaarigen Janet, die eine schöne dunkle Stimme hatte. Der kann ich nun mal nicht widerstehen.

Draußen im Laternenlicht und erst recht in ihrer Wohnung war das Rot aus  ihren Haaren weg.

Aber, alles was recht ist: ich konnte nicht anders, ich bewunderte die Matratzen in ihrem Doppelbett, sie waren perfekt, nicht zu hart und nicht zu weich.

Es gelang mir nach einiger Zeit, Janet in ihrer unendlichen Geschichte aufzuhalten und sie auf zwei alte Zigeunerspiele neugierig zu machen.

Wir Jungen und Mädchen haben sie oft hinter den alten Bahngleisen von Glasgow-Ost mit Inbrunst gespielt.

„Das ist doch nicht mehr erlaubt, it`s against the law“, warf Janet ein. Doch bald   sah sie ein, dass es uns gerade deshalb so erregte und Spaß machte.

Viel später, ich hatte zwischendurch ein Nickerchen gemacht, fragte Janet, über was ich denn so lange mit Daisy geplaudert hätte.

„Das Übliche,“ sagte ich, „ihre Scheidungsgeschichte. Sie macht sich Vorwürfe. Armes Mädchen.“

„Ihr wart draußen rauchen, nehme ich an. Die Zeit hätte für mehr gereicht.“

„Kein Grund zur Eifersucht, Süße, solche Herrlichkeiten wie du hat sie nicht zu bieten. Sie schmeckte abschreckend nach einem fremden Gewürz. Zeig mir noch mal, wie du…“

Als Janet mir in der Dämmerung ein wundervolles Abendessen herbeizauberte, ein alle Tugenden vernichtender Wein uns berauschte und Janet mir die Arme zu einem nicht endenden Tanz hinstreckte, verließ mich die peinliche Sorge, dass ich keine Zahnbürste bei mir hatte.

In den Morgennachrichten kam es noch nicht.

Ich hörte sie noch mal später im Shuffle zum Flughafen über die Kopfhörer meines Handys; auch noch nichts. Die Aktienberichte und die Wasserstandsmeldungen können sie sich doch sparen.

Eigentlich gut und gerecht, dass mir so vieles wehtut.

Wählt uns – dann…

Mit Politik hatte ich noch nie was am Hut. Aber wie das Leben so spielt… Manchmal werden uns Menschen in den Weg gestellt, die unser Leben verändern.

Wer meiner Mutter prophezeit hätte, dass ich mal an einer Parteigründung beteiligt sein würde, dem hätte sie vermutlich Salz auf den Kopf gestreut – das war so ihre Art.

Das mit „in den Weg gelegt“, fing so märchenhaft an: Ich machte mit demFahrrad eine Wald-Tour; nichts Großes, ich wollte nur bis zum See und einbisschenabschalten.

Und da lag sie, halb neben dem Weg, lang hingestreckt.

Ich schmiss das Rad zur Seite und stürzte zu ihr hin. Eine Joggerin, nicht mehr die Jüngste. Sie atmete heftig und versuchte zu sprechen.

Was tun? Ich hatte kein Handy mit,  als ich ihr nicht besonders geschickt    aufhelfen wollte, sah ich, dass sie eins hinten stecken hatte. Ich lächelte sie an und überlegte…

Sie kam wieder zu sich. Eigentlich zu früh: Ich war drauf und dran, sie mit einer Mund-zu-Mund-Atemspende zu beleben.

„Was machst du, Schwester? Hast du schlapp gemacht? Hast du zu enge    Sachen an? Ich mach mal die Schlaufe deines Hoodys auf.“

Sie nickte und versuchte ein Lächeln: „Danke, du Engel, ich hatte solche  Angst.“

„Schsch“, machte ich, „warte noch mit dem Sprechen, das eilt nicht.“

Ich wiegte sie ein bisschen vor mir in den Armen und sah sie mir genauer an. Ich kannte sie nicht; sie war wohl in meinem Lieblingsjahrzehnt bei Frauen,  hatte ein liebes Gesicht und ihr Schweißgeruch war mir nicht unangenehm…

„Geht schon wieder“, sagte sie stockend, „mein Kreislauf war im Keller, wenn  du mich nicht aufgefangen hättest…“

Da muss ihr die Erinnerung eine andere Szene eingespielt haben, ich wollte sie nicht enttäuschen: „Sollen wir Hilfe rufen? – ich sehe, du hast ein Handy.“

Sie schüttelte leicht den Kopf. „Genügt, wenn du gleich ein Stück neben mir  gehst. Zur Sicherheit…“

Ich will unsere Geschichte verkürzen: Wir drei, Mary Lou, das Fahrrad und ich hatten es nicht eilig, wir haben uns alle paar Schritte geküsst und am Ende     des Weges hielt sie mich fest und sagte mit dunkler Stimme…

Hey, wozu soll ich euch den Mund wässrig machen? Das war schließlich eine Privatsache – so lange sowas auf unserer Insel privat bleiben kann. Jedenfalls musste ich mein Rad noch mal in die Büsche werfen.

Am Abend trafen wir uns im Pub wieder. Wir haben so innig getanzt, dass der lange Henry sich nicht zurückhalten konnte: „Jul, bist du wieder der Witwentröster?“

Obwohl das unverschämt war, blieb Mary Lou stehen und hielt Henry an der Jacke fest: „Ich bin nur Strohwitwe, Henry, und mein Mann sagte mir: ´Komm mir nicht aus der Übung, wenn ich lange unterwegs bin, Schatz! ` Hat noch jemand eine Frage?“

Alle außer mir wussten, dass ihr Mann als Orgelbauer oft in Kirchen von ganz Schottland alte Orgeln repariert und ein Sonderling ist, ein Künstler halt.

Der Wirt hatte ein starkes Winterbier im Ausschank. Das hat uns Auftrieb gegeben. Wir, das waren George, Hamilton, Laura, Ludmilla, Walther und ich, später auch Henry. Also, wir überzeugten Mary Lou davon, dass sie das Zeug  dazu hat, für den County-Bezirk zu kandidieren. „Wir helfen dir, zu siegen.“

Trusky, der Wirt, wurde Pate. Wir gründeten etliche Pints später die „Partei der Namenlosen“, wählten Mary Lou zur Präsidentin, Laura zur Vizepräsidentin (Ihr hättet sie strahlen sehen sollen – und wie sie mir außer sich vor Freude, dankte) -, Henry wurde Kassenwart und ich Wahlkampfmanager.

„Hört mal her, Freunde“, sagte ich, „Mary Lou ist anders als alle anderen und  unser Wahlkampf wird anders sein als alle anderen. Die anderen labern nur dummes Zeug und versprechen den Leuten das Blaue vom Himmel.“

„Aber wer gewählt werden will, muss doch was versprechen,“ warf die Präsidentin ein.

„Bingo, Darling“, rief ich, „aber wir versprechen nur, was absolut unerfüllbar ist, aber sich schön anhört.“

„Sag mal ein Beispiel“, rief Hamilton.

„Wählt uns und eure Autos fahren schneller.“

Das hat ihnen gefallen; sie lachten unbändig, wollten mehr hören und gaben  auch neue Stichworte. Trusky freute sich über unseren Durst.

„Wir müssen gleichzeitig die Männer ansprechen und die Frauen. Ich muss das mal mit Laura und Ludmilla vorbesprechen.“

Wir drei zogen uns ins Nebenzimmer zurück und konzentrierten uns auf Honigsaugen, eine altbewährte Inspirationstechnik, die uns alle anregte.

Nach der längst abgedunkelten Sperrstunde kamen wir mit diesen Slogans zurück:

An Männer: „Wählt uns und eure Frauen werden hübscher.“

An Frauen: „Wählt uns und eure Männer kennt ihr im Bett nicht wieder.“

An alle: „Eure Häuser werden größer.“

Männer: „Eure Frauen bewundern euch wieder.“

 Frauen: „So oft ihr wollt: Ladys Nights.“

Und: „Wählt uns und das Essen schmeckt euch besser.“

Und warum nicht: „Eure Küsse werden unwiderstehlich.“

„Jeder Mann kriegt für die Zweitfrau einen Steuernachlass.“

Mary Lou gewann haushoch und muss sich für das hohe Amt neu einkleiden. Im Treppenaufgang und in ihrem Amtszimmer hängen eingerahmt ihreerfolgreichstenVersprechen:

„Bier wird billiger“. „Überall frei parken“. „Wieder jung durch Seitensprung“.

Und, weil in ihrem Wahlbezirk viele asiatische Mitbürger leben und auch Wähler sind: „China Bier – und alle lächeln“.

Ihren Lieblingsspruch von mir, mit dem Mary Lou die Massen begeistert und   letztlich die Wahl gewonnen hat, hatte ich ihr bei einem unserer „Kreativen Wochenenden“ mit der Zunge auf den Rücken gemalt: „Ich liebe euch alle!“ Es scheint unschlagbar das stärkste Argument zu sein.                        

Wo viel Licht ist, ist auch großer Schatten, soll der Shakespeare aus Germany  gedichtethaben:WirmusstenLudmillazuGrabetragen,unserersterParteiverlust.EinrätselhafterTod.

„Du kanntest sie doch näher“, brummte Henry, der manchmal den Durchblick hat: „Ihr wart doch Jugendfreunde.“

„Ja“, sagte ich, „aber anders als du denkst; ähnlich wie Mary Lou hatte sie eine    Schwäche für junge Kerle wie mich.

Sei ruhig neidisch, das hätte dich genauso treffen können. Ätsch, hat es aber nicht, weil du nicht die Klappe halten kannst. Und weil du noch nie einer Frau was ins Ohr geflüstert hast, das sie rot werden lässt.“

Eh ich´s vergesse: Als Mary Lou weiter und schier unaufhaltsam Karriere machte, besann sie sich auf den alten britischen Vaterlandsstolz und rief den  belebenden Zauberspruch, den wir alle insgeheim im Herzen tragen:

„Wir sind wieder wer auf dem Land und im Meer. Wir sind wieder wer auf dem Land und im Meer. Wir sind wieder wer auf dem Land und im Meer“.

So leben wir. Good night, Ladies, Doswidanja, Rule, Britannia.

    Zwei Frauen gleichzeitig?

Auf manches kommt man erst, wenn man danach gefragt wird.

Monique war noch neu in meinem Leben, aber sie fragte mich an einer unpassenden Stelle unseres Beisammenseins: „Hast du öfter zwei Frauen gleichzeitig?“

Sie brachte mich tatsächlich zum Nachdenken. „Muss ein Zufall sein“, sagte     ich, um Zeit zu gewinnen, denn sie hatte es richtig erraten.

„Ist das nicht normal, wenn man einige Freunde hat?“

„Lenke nicht ab, es geht um Frauen. Und nicht nur um eine, der du ins Ohr flüsterst: Deine Augen, dein Gesicht, deine Brüste, dein Schoß, deine Beine, deine Füße, deine Leidenschaft – alles einmalig?“

„Darüber muss ich länger nachdenken; was dich betrifft: alles an dir ist einmalig.“

Ich hatte ein Haar von ihr im Mund, wir wurden auch auf natürliche Weise abgelenkt, aber nur kurz: „Wie ist sie?“

„Du meinst – Astrid?“

„Ja, erzähl mir von ihr. Wie sieht sie aus? Wie groß ist sie? Wie ist sie in der Liebe?“

Es wurde nun wirklich gefährlich, die beiden Frauen zu vergleichen. Sie hatten kaum etwas gemeinsam:

Monique hatte einen Hang zum Luxus; es musste immer etwas Ausgefallenes sein. Verständlich, denn ihr Mann war irgendwas Unbedeutendes bei der  Post; sie wohnten in einem Mehrfamilienhaus, wahrscheinlich ohne vorgezogenes Reetdach und sie tranken zu den Mahlzeiten Wasser und nicht, wie sie bei mir im Hotel, dauernd Schampus.

Wahrscheinlich hieß sie Kitty oder Molli, aber der Name Monique machte mehr her. Sie trug raffinierte Unterwäsche – ich bekam sie auch tagsüber  oft zu sehen -, Spitzenfummel nachts – Astrid kam abends immer im Leinennachthemd aus dem Bad und legte es dann zusammengefaltet auf den Stuhl neben dem Bett, zur Schonung.

Obwohl Astrids Eltern betucht waren (Ärztin und Reisebüro-Chef) trug sie nie mega-feine Sachen, fuhr einen Kleinwagen, mochte kaum Schmuck und liebte einfache Speisen.

Es gab noch einen wichtigen Unterschied, aber den behalte ich für mich. Das würde ich nur einem Freund erzählen. Frauen sollen in diesen Dingen viel geschwätziger sein.

Also: ja, es kam öfter vor und ich bin mit der Zwei-Frauen-Praxis bis jetzt gut gefahren und kann sie empfehlen. Nur: Auf keinen Fall sollten wir Liebe und Geschäftliches vermischen.

Das Wort Liebe nehme ich zurück; wenn das Getue weggeblasen wird, bleibt  Sex – und der wird besser extra gesehen, auch in einer festen Beziehung.

Ich verstehe es, wenn z. B. in der Öffentlichkeit stehende Männer, die beruflich dauernd von beutehungrigen Frauen umgeben sind, nach vierzig Jahren die Frau im Bett nebenan nicht mehr aufregend finden und wenn aus  dem Sex zwischen ihnen, wenn überhaupt noch, eine Karikatur geworden ist.

Drüben in Frankreich sind viele Paare lebensklüger: Madame weiß, dass Monsieur noch ein anderes Bett kennt und nutzt – macht es sie ärmer?

Ich habe Monique einiges sorgfältig Erfundene von Astrid erzählt und selbst gestaunt; Diese andere Frau war jetzt ihrer Nebenbuhlerin in vielem voraus; sie war noch versessener auf Luxus und Premium-Angebote; sie spielte im Bett mehr als neun Rollen und sie war so leidenschaftlich, dass ich oft um   mein Leben bangen musste.

Monique fand den Sekt in der Minibar billig und bat mich, unten besseren zu  besorgen. Machte ich gern. Ich plauderte interessiert mit der reizvollen Barfrau Viola und blieb ein bisschen länger als nötig bei ihr unten. Viola stand auf altenglische Lieder und Gedichte – ich fand das bewundernswert und sie fand das wiederum süß von mir und streichelte meine Lippen, auch zuletzt, bevor sie das nach außen gerichtete Thekenlicht ausschaltete und mir die Tür zum Vorratsraum öffnete. Ich durfte mir den Sekt selbst aussuchen…

Nach wenigen Wochen erkaltete das  Feuer zwischen den beiden Frauen und  mir. Miriam war wenig daran schuld und Camilla auch nicht.

Das Hotel sah mich nicht wieder. Ich las, dass sie eine Barfrau suchten. Sie  schrieben nicht, warum und suchten auch Küchenpersonal.

Ich brauche endlich ein neues Auto. Camilla berät mich mit ihrem exquisiten Geschmack; Miriam ist die Marke egal; sie als Taxifahrerin schwört auf ihr Modell.

Camilla weiß nichts von ihr, obwohl Miriam uns schon einige Male gefahren hat. Und Miriam ahnt nicht, wieso wir uns auf einmal Abendessen leisten können, ohne auf die Preise zu achten.

Die Immobilienmaklerin Camilla achtet nie darauf, wie viele Pfundnoten sie in unsere Gemeinschaftskasse steckt.

Das Schicksal ist doch manches Mal staunenswert gerecht.

                                            Höhlenforschung

Was geht heute noch ohne Vitamin B? Das wird in allen Kulturkreisen ähnlich  sein. Meinen Sie, ich als totaler Laie hätte jemals die Chance bekommen, an  einem Top-Forschungsprojekt der Unesco teilzunehmen?

Es war auf dem letzten Drücker, als ich in Brindisi an Bord der Fähre kommen konnte. Alle anderen waren schon da und begrüßten mich herzlich, weil  mein vermittelnder Bekannter ihnen großartige Verdienste von mir vorgelogen hatte.

Louisa war die Projektleiterin, dann sagten Jason, Belen, Origon, Jeffrey, Santino und Merlin ihre Namen und schüttelten mir die Hand.

Louisa tat so, als würden wir uns lange kennen und umarmte mich. Ich habe sie sofort rechts, links, rechts, links geküsst und versehentlich ihre linke Brust über der  Steppjacke gedrückt. Sie hat für einen Moment die Augen aufgerissen und stockend leise gesagt: „Mit dir würde ich gleich gerne die Forschungsaufträge  durchsprechen. Ich brauche dein Urteil.“

Die anderen Forschungsteilnehmer saßen unten an der Theke und stimmten  sich mit dafür bewährten Getränken auf das Abenteuer ein.

Ich habe gezählt: fünf Frauen, mit mir neun Männer. Wer mag sich diese Mischung ausgedacht haben? Für das Forschungsvorhaben schien es mir unsicher zu sein.

Der Beginn sollte in drei Tagen sein; wir mussten am nächsten Tag ein Schiff  nach Scanmori nehmen, zwei Dörfer weiter wandern und dort in einem Kafeneon unser Standquartier aufschlagen.

Bis dahin war längst entschieden, welches Forscherpaar enger zusammenarbeiten wollte, auch die Stellvertreter.

Ich hatte mich zurückgehalten, in den lebhaften Diskussionsrunden nur ein kluges Gesicht gemacht, Louisas Knie zufällig zweimal gestreift und immer wieder die lockige Origon angelächelt, die als einzige Schwarze von allen gehätschelt wurde.

Sie hatte mir sehr lieb aufgeholfen, als ich auf dem schwierigen Weg zum Kafeneon über einen Felsbrocken gestolpert und kurz  stöhnend liegengeblieben war.

„Hoffentlich ist nichts gebrochen. Bewege mal das Bein. Wie heißt du, Partner, ich bin Origon.“

Sie glaubte mir erst, nachdem sie mein Bein abgetastet hatte. Louisa hat uns   beobachtet. Ich habe ihr Lächeln mehrdeutig gefunden. Den Gesichtsausdruck von Jason auch.

„Danke, Origon, du kannst morgen früh meinen Joghurt haben, oder mein Feuerzeug.“

Wir übten das Anseilen im Freien. Die Dorfkinder fanden das irre lustig. Ich habe mich mit Bedacht neben Belen gestellt und Origon nur zugezwinkert. Aber abends beim Essen und Trinken saß ich wieder neben ihr.

Das Feuerzeug habe ich ihr geschenkt. „Ich kann mir ja bei dir Feuer holen, wenn wir da unten überhaupt rauchen dürfen.“

„Das hoffe ich auch. Denn sonst könnte es langweilig werden.“

Wurde es nicht. Wir hatten über und unter uns und an den Seiten zu messen und die Daten an Santino im Kafeneon  durchzugeben; wir entnahmen Proben vom Höhlenwasser, von den Felswänden und den Stalagtiten, an denen wir uns dauernd die Köpfe anstießen. Und alles musste fotografiert werden.

Einmal rutschte mir die herrlich duftende Louisa in die Arme, dann stolperte ich über Belen, und endlich einmal musste Origon mich auffangen.

Als sie an ihrem Seesack mit dem Reißverschluss kämpfte, hatten mich Jason und Belen im Blick. Sie erwarteten, dass ich auf den allerüblichsten Trick hereinfalle und helfe. Tat ich aber nicht.

Stunden später gab es ein ernsteres Problem: Origon bekam plötzlich keine Luft mehr und torkelte mir entgegen.

An ihrem übertrieben forschungsmäßig aussehenden Overall hatte sich oben etwas verschoben; den Reißverschlusshebel konnte sie nicht mehr erreichen. Ich habe sie befreit und nichts  sonst getan – nicht, was längst fällig gewesen wäre. Origon verstand mich wortlos und drückte nur meine Hand.

Ihre eigentliche Belohnung bekam ich erst nach der sehr feuchten Abschieds feier in der nächsten Nacht im Großzelt. Wir hatten das Gelage schon etwas  vorher verlassen. Hat sich sehr gelohnt.

Louisa war aufgestanden und hat uns umarmt: „Ist es zu früh für einen Gute-Nacht-Kuss? – oder Julian, kannst du mir gleich kurz noch mal an meinem  Zelt helfen? Wahrscheinlich hat der Wind wieder…“

Nein, der Wind war es nicht, der mich auf ihre Pritsche geworfen hat.

Als wir am nächsten Tag aufbrechen mussten, waren wir alle niedergedrückt.                     Louisa war weg, die dokumentierten Forschungsergebnisse fehlten – warum hat sie uns das angetan? Wo können wir uns beschweren? Wer überweist uns den Anteil vom Projektgeld?

Einige Nachrichten erfuhren wir zwei Monate später aus den Zeitungen: es wardemnach keinHöhlenunfall. AberdievonderPolizeieingesetzteTaskForcestehenicht mehr voreinemRätsel, las ich. Denn Spuren wildernder Hunde waren am Fundort gefunden worden. Daswar`s dann.

Nach fünf Monaten kam das Geld.

Es gab dann noch zwei Video-Treffen der Forschungsteilnehmer. Für eine nochmalige Forschungsreise zur griechischen Höhle hat sich nur Jason gemeldet, er wurde aber nicht angenommen.

Jason und Belen waren in dem Jahr noch zusammen, wir wünschten ihnen Glück und Erfolg. Beim Abschied damals haben wir den elf Frauen und Männern auf der Fähre nachgewinkt. Wir blieben noch zwei Tage.

Origon hatte mir viel zu erzählen, so gut wie nichts Wissenschaftliches. Sie kommt bald nach London. Auch, weil ihr Bruder in einer Nachbarstadt lebt.

Origon bringt ihre Dreijährige mit. Ich freue mich auf Ruben (ich wunderte mich nur über den eigentlich Jungens vorbehaltenen Vornamen des Mädchens. Sie ist eine Ausnahme wert).

Im Nachbargarten hängt eine lange nicht mehr benutzte Schaukel; wir dürfen   rüberkommen. Und überhaupt: In London dreht sich niemand mehr nach einem farblich gemischten Paar um.

Ruben sagt zu meinen Fotoporträts, dass sie den weißen Mann kennt:

„Das Juju“.

Das Kind wird doch nicht noch mehr ausplaudern!

Im Süden Frankreichs

Diesmal hatte ich einen Pick-up, einen gut erhaltenen Peugeot, bei dem    nur der hintere Aufsatz fehlte. Dafür hatte er große Trittbretter, eine tolle Hupe und  er war frisch lackiert, einfach über den Rost.

Ich habe sechs Stangen und die nötigen Aufhängerringe montieren lassen und konnte eine Plane so festzurren, dass ich nachts bequem draußen schlafen konnte, sogar bei Regen. 

So fuhr ich in Nîmes ein, in die lange erträumte alte Stadt, in der ich einen stillen Ort zum Schreiben suchte.

Ich fuhr über eine Stunde in der schönen Stadt herum; der neben mir angeschnallte Pluto schien sich zu wundern, dass wir an manchen Gebäuden zum zweiten Mal vorbeifuhren.

Es stand dann fest: Pluto, sie geben uns hier nicht einmal einen Parkplatz. Also: weiter raus aufs Land, aber besser nicht Richtung Meer, denn da wird es noch schlimmer sein.

Ich entschied mich für die Straße nach Quissac. Dort inspirierte mich aber nichts, ich fuhr weiter nach Anduce und war schier am Ende meiner Geduld. Ich hielt hier vor einer Café-Bar und stärkte mich mit Espresso und einer Suppe des Tages, die durchaus essbar war.

Mein Lob erfreute die Serviererin – und es war für sie der Auftakt einer Frage-Serie. Weil sie zwei süße Wangengrübchen hatte und, soweit ich das durch den verglasten Tresen sehen konnte, auch nicht abstoßend konstruiert zu sein schien, erfand ich extra für sie eine haarsträubende Geschichte.

Sie lachte begeistert auf und schob mir noch einen Espresso und ein überpudertes Pudding-Gebäck über die Glasplatte.

„Wie heißen Sie, schönes Mädchen?“, fragte ich, „ich bin Tom.“

Sie hieß Nannette und sie fragte mich, ob ich nicht zufällig gern auf die Kirmes ins nahe Nachbarstädtchen wollte, sie jedenfalls wollte liebend gern dorthin – gegen sechs, wenn sie schließen dürfte, ach, vielleicht auch schon ein halbes Stündchen früher.

„Soll ich Ihnen noch schnell einen Croque Monsieur machen, Tom?“

„Gern, Nannette. Können Sie mir dazu auch einen schwarzen Tee mit Milch machen?“

Eine Dame mit einem Hut klopfte ans Fenster. Ich öffnete ihr die Türe.

„Parken Sie hier gegenüber, Monsieur? Warum lassen Sie den Hund in  der Hitze bei geschlossenen Scheiben schwitzen?“

„Danke, Madame, dass Sie mich ansprechen. Mein braver Hund ist schon drei Jahre tot. Ich habe ihn ausstopfen lassen. Er begleitet mich auf allen Fahrten…“

Die Dame schnappte nach Luft und ging sichtlich bewegt weiter.        Nannette fragte lachend: „Das hast du doch geschwindelt, Tom?“

„Nur halb. Ich habe ihn in einer Schießbude auf dem Jahrmarkt bekommen. Er passt gut auf mich auf.“

„Schläfst du etwa auch in dem Kasten?“

„Na klar, das ist mein Luxus-Hotel – meist allerdings ohne Zimmer-Service…“

Insgeheim dachte ich: Warte nur mit deiner Neugier, bis wir zurückkommen.

Sie hat sich noch schnell umgezogen. Ich sah nicht, dass sie ein festeres Kleidungsstück genommen hatte, eher… Na ja, wir führen los, Pluto zwischen uns, was ich bald störend fand.

„Nannette, nimm ihn bitte rechts neben dich ans Fenster, das mag er sehr.  Ich mag dich übrigens auch. Du bist ein verführerisch hübsches Mädchen – und du hättest es verdient, in einem großen Hotel zu arbeiten.“

Auch das wollte ich eigentlich erst auf der Rückfahrt sagen, aber sie schien         es nicht unpassend zu finden.

Nun, ihr kennt das ja: Sie plapperte von ihrer Kindheit auf dem Lande und was sie alles über Ziegenzucht und Ziegenkrankheiten weiß.

Ich hörte interessiert zu, meine Hände hörten überhaupt nicht zu und suchten sich eigene Beschäftigungen. Bald war Pluto der einzige, der die ganze Zeit aufrecht saß.

Und passend dazu, plauderte Nannette ohne Pause weiter – als wenn sie ein aufmerksames Publikum gehabt hätte und dieses Andere gar nicht wahrnehmen würde…

Irgendwo gab es dann eine Parkmöglichkeit, ein Stück Wiese, eine Decke – und die Entdeckung, dass Nannette nicht so unerfahren in der von der großzügigen Natur unbedingt gewollten Vermehrung der Menschheit war. Sie hatte wie alle klugen Jungfrauen sogar etwas bei sich, das den Kreislauf der Natur unterbrach. Ihre starke Silhouette vor dem dunkelgrünen Hügelhintergrund ließ mich aufjauchzen.

Hey, ich könnte doch bei ihr mein Buch weiterschreiben. Und zwischendurch inspiriert sie mich auf die verlässlichste Weise der Welt.

Die Muse ist immer eine Frau, aber nicht immer dieselbe, sagte ein kluger Franzose.

Die Kirmes war ein Witz: Keine Schießbude, nur ein Büchsenwurfspiel, eine Art „Hau den Lukas“ ohne Bedienung, keine Bratwurstbude, kein Eis.

„Und keine Achterbahn“, nörgelte Nannette. „Das müssen wir eben im Auto spielen.“

Das ging erstaunlich wunderbar im Fahrerhaus mit meiner braunen Decke.   Nannette liebte die stellenweise Dunkelheit. Sie gab mir Zunder, dass die Reifen quietschten…

Ja, und kaum fuhren Pluto und sie wieder mit mir im Auto zurück, rief sie: „Du, Tom, wollen wir die mitnehmen?“

Ich wäre glatt an der Anhalterin vorbeigefahren. Pluto musSste wieder auf die Fensterseite rücken.

„Wohin des Wegs, Wanderin?“, fragte ich.

„Ich muss morgen früh auf dem Flughafen in Nîmes sein.“

„Ist der denn wieder geöffnet?“ wunderte sich Nannette. Sie wusste, dass er in den letzten Monaten eine Weile geschlossen war.

Nannette machte uns ein Angebot: „Egal, Freunde, so jung kommen wir nicht mehr zusammen, wir feiern jetzt erst mal ein bisschen meinen Geburtstag, der ist nämlich bald. Ich habe im Café noch eine Flasche Mirabellen-Likör.

Tom bringt dich sicher bis zum Nachtbus in Ledignan, der fährt zweistündlich. Das hat aber noch gut vier Stunden Zeit.“

Die reich tätowierte Wanderin mit einem silbernen Nasenring drängte: „Könnten wir es nicht umgekehrt machen? Diesen Nachtbus möchte ich ungern verpassen…“

Wir einigten uns, dass ich Nannette vor ihrer Wohnung im Nachbar – haus der Café-Bar absetzte, schnelles Wiederkommen versprach – „Merke dir die oberste Klingel und besser zweimal drücken, Tom!“

Meine Mitfahrerin freute sich über die Vereinbarung: „Wirklich nett von dir, Tom, ich bin Jeanette und mache mir Gedanken, wie ich dich entschädige…“

„Nun, ich könnte dich fragen, ob du noch einen letzten Wunsch hast:“

 Sie hielt das für einen Witz: „Ja, Tom, da fällt mir grade einer ein…

Aber vorher hilf mir bitte herauszufinden, was mit uns geschieht, wenn dieses Leben zu Ende geht. Ich grüble darüber seit Monaten.“

Hätte ich ihr nicht zugetraut. Aber, na – war eben ihr letzter Wunsch.

„Du weißt mehr über mich?“

„Ich spüre, dass du vorhast, mich umzubringen. Ich finde das gut und passend. Hier versäume ich nichts und es kann drüben nur schöner sein, Ich freue mich, dass du es bist. Wir müssen auch mal spontan Ja sagen.

Aber vorher will ich noch etwas vom Leben, und weil wir zufällig Frau und Mann sind…“

Sie hatte recht. Ich fand es ergreifend, dass sie mich erkannt hatte. Warum nur? Natürlich habe auch ich mich viele Male gefragt, was uns erwartet.

Ich habe mal gelesen, dass eine Predigtbesucherin den berühmten Theologen gefragt hatte, ob sie ihre verstorbenen Lieben im Himmel wiedersehen würde. Der fromme Gelehrte soll gebrummt haben: „Ja, aber die anderen auch.“

Das Philosophieren wurde unwichtig, denn Jeanette zog sich ihr T-Shirt über den Kopf und befreite sich von der restlichen Kleidung.

Atemraubender Anblick, leicht ablenkend von ihren Tätowierungen. Ich gab mich geschlagen… Wieder so ein verträumtes Lächeln und sehnende Umarmungen – nicht von dieser Welt…

                                                          *

Tut mir wirklich leid, Nannette. Ich hatte mich schon so auf dich gefreut. Könnte ich dich doch bloß anrufen! Du hättest mir deine Handynummer auf den Arm schreiben sollen.

Schade, dass du über mich weinen und mich in die Reihe dergrausamen Männer einreihen musst, aber das Leben spielt uns manchmal solcheStreiche.

Denke lieb an mich. Und an Pluto. Ich suche nach einer Möglichkeit, dich in meinem Roman einzubauen, mit einer starken Rolle und natürlich einer durchschlagenden Liebesgeschichte. Unsere hatte so vielversprechend angefangen…

Ich hätte so gerne noch gespürt, wie du dich in unseren Küssen verlierst…

Der Roman soll dir gefallen.

Au revoir, Cherie!

 

Spürhund?

Ich schlafe gesund, habe meist schöne farbige Träume und wache nach etwa drei Stunden aus biologischen Gründen (Bier) auf, kann aber leicht weiterschlafen. Neulich nicht. Ein Erinnerungstraum schreckte mich auf; mein Herzschlag war beschleunigt.

Ich war wieder auf meiner Lieblingsinsel hoch im schottischen Norden, näher  an Grönland als an Griechenland, und lebte als Gast bei Marlitt Moore, ihren   verführerischen Töchtern und bei Ronnie, die mich auf langen Inselwanderungen begleitete.

Wir verstanden uns gut, obwohl sie einen gälischen Dialekt gewöhnt war –  – von Marlitt`s Mann, als er noch bei ihnen wohnte.

Die Hündin brauchte einen Mann, das spürte ich – und das spürte ich freilich     auch gern und einfühlsam bei Marlitt und bei Margret und Marble.

Es war mal ein Morgen mit dem üblichen Nebel, aber ohne Regen. Ich hatte  die Hundeleine über die Schultern gelegt und Ronnie tobte los.

Als ich sah, dass uns ein Jogger entgegenkam, befahl ich ihr „Komm, bei Fuß!“ Sie gehorchte und trabte rechts von mir; der Jogger wollte links an mir  vorbei.

Ronnie war dagegen; sie wetzte vor mir nach links und schnappte nach seiner Hüfte.

Bei dem Tempo des Geschehens hatte ich angenommen, sie hätte seine Hose nur gestreift, aber der Mann blieb schreiend stehen, zog seine Hose     runter und zeigte mir die bluttropfende Bisswunde.

Ich erspare euch den Trouble mit dem Mann, der Notfallversorgung durch eine nette Fischerfrau und einen Bericht von der eifrigen Suche nach einer Versicherungs- Police bei unserer Heimkehr.

„Marlitt, sag mir die Wahrheit: Wie oft ist so was schon passiert?“

„Dass sie zugeschnappt hat? Könnte das dritte Mal sein. Sah er komisch  aus?“

„Der junge Mann? Ein vorher sicher freundlicher Bursche, fand ich. Wieso fragst du das?“

„Ronnie kann Leute nicht leiden, die eine Macke haben. Oder irgendwie Auffällige. Albert wollte sie beim zweiten Mal erschießen. Das haben wir  Frauen verhindert. Aber jetzt weiß ich auch nicht weiter.“

Eine Woche später wollte ich – immer noch oder wieder im Traum – mit Ronnie zu einem  Tierarzt nach Inverness fliegen.

Mit einem Hund fliegen – ich glaube, es ist leichter, ein Klavier im Flieger zu   transportieren.

Wir sind dann mit dem Fernbus gefahren, vierdreiviertel Stunden lang durch die Highlands. Endlich gelandet, musste ich erst eine Herberge und am anderen Morgen den Tier-Doc suchen. Auf seinem Praxisschild stand, dass er auch  Professor an der hiesigen Universität ist.

Großes, volles Wartezimmer mit Hunden, Katzen, Meerschweinchen, Schildkröte und einem Papagei mit ihren Menschen. Es war auch ein Krokodil dabei, vielleicht aufgeblasen für die Kinder. Ronnie hat gezittert und sich eng  in meine Hosenbeine gedrückt.

Der Tier-Doc untersuchte Ronnie, hörte sie ab, tastete sie ab, prüfte ihre Beweglichkeit und sah in ihren Rachen. Dazwischen unterhielten wir uns:

„Sie hat in größeren Zeitabständen drei Mal ihr nicht zusagende Menschen gebissen – wie nach einem fremden Befehl. Warum tut sie das und was können wir dagegen tun?

„Sie ist sieben Jahre alt? Das ist zu spät für eine Ausbildung. Sie könnte unterfordert sein.“

„Wie Oppositionspolitiker?“

„Ja. Sie kann zu viel und wir nutzen das nicht aus. Wir melken das nicht ab. Diese Rasse gilt nicht als ideal dafür, aber vielleicht hat sie trotzdem das Zeug zu einem Spürhund, Drogenfahnder, Falschgeldsucher, Krankheiten-Aufspürer…“

„Sie kann so viel mehr als wir?

„Und ob! Wir haben nur fünf Sinne; manche haben manchmal für Momente sechs, aber alle Tiere sind uns weit überlegen. Sie haben Wahrnehmungsmöglichkeiten, von denen wir  nur träumen  können.   

 Ihre Riechorgane sind hunderte     Male stärker und feiner als unsere. Ihre Erfolge grenzen an Zauberei. Das kann zum Problem werden.

Ronnie witterte etwas bei den Menschen, die sie gebissen hat; wir ahnen nicht, was – eine Gesundheitsstörung – oder einen kommenden Leidensweg.                 Es gibt abgerichtete Hunde, die Krankheiten wie Krebsarten, Malaria und Infektionen erspüren können – sicherer als unsere herkömmlichen aufwändigen Diagnosen. Glauben Sie an Wahrsagerei?“

„Nein, kein Stück. Wieso haben wir Menschen diese Fähigkeit nicht?“

„Vielleicht haben wir sie verloren, weil wir Wichtigeres weiterbringen mussten. Ich bin froh, dass wir es nicht mehr haben.“

„Gibt es die Fähigkeit auch bei größeren Säugetieren?“

„Ich weiß nur von kleineren, Ratten zum Beispiel; sie sind fantastische  Minensucher. Bei größeren Lebewesen könnte sie sich zurückgebildet  haben.

Was glauben Sie, warum Wölfe, Schakale und Füchse Jagd auf schwache und kranke Beutetiere machen und den Jägern und Förstern viel   Arbeit abnehmen – als Polizei des Waldes. Ob da ein Geheimnis liegt?“

„Sehen die Raubviecher den Tieren ihre Schwäche an? Oder sehen sie durch sie hindurch?“

„Sie jagen gern nachts; es muss mehr sein als äußere Wahrnehmung.

Ihre Ronnie spürt ein noch weit entferntes Gewitter. Sie weiß, wenn sich ihre  Lieblingsmenschen von draußen nähern und noch nicht zu sehen und zu hören sind. Und wenn Sie sich einmal meilenweit verirren, zieht Ronnie Sie auf schnellstem Wege heim – so sicher wie ein Vogel, der zielsicher sein Nest in einer dichten Hecke ansteuert – wie Zugvögel und Schmetterlinge und Libellen, die Riesenstrecken überwinden, manche können im Flug sogar     schlafen und sich entspannen und Kraft sammeln.

Ronnie hat viele Geheimnisse. Werden wir klüger, wenn wir eins ein wenig entschlüsseln?

Nehmen Sie Ronnie an die Leine, wenn Sie Leuten begegnen!“

Warum ich den Traum erzähle? Ich muss selbst noch drüber grübeln.

                                 Portofino

Auf meiner Flugreise nach Istanbul gab es einen störenden Zwischenfall. Beim Umsteigen in Klagenfurt machte die Polizei ein Riesentheater, weil ein  Fluggast fehlte – eine Frau aus den Niederlanden. Wir sahen uns die Suchfotos aus den Überwachungsaufnahmen der Polizei an. Sie stand an einem Kaffee-Stand, ein Teil meiner weißen Sommermütze war in der Nähe zu sehen, mein Gesicht war verdeckt.

Wir anderen behaupteten Schlamperei am Desk und protestierten empört gegen den langen Zwangsaufenthalt und die verpassten Anschlüsse. Dabei  fiel mir Sulamith auf, die sich in ihrem Zorn großartig sexy steigerte. Ich applaudierte ihr und schenkte ihr spontan einen Schoko-Riegel.

Wir stärkten uns danach mit China-Food. Bei einem Ginger Ale wurde sie ruhiger: Die schwarzhaarige Sulamith aus St. Petersburg mit einem aparten,   frischen Gesicht. Sie wollte nach Sizilien. Der nächste Flug ginge erst morgen 13:25 Uhr.

Während wir stundenlang in einem Warteraum plauderten, mehr und mehr schäkerten, unsere Reisewünsche und auch unsere Sicht der Welt austauschten, sagte die Grünäugige, die kaum sichtbares Make-up trug,  weil sie das gar nicht nötig hatte, – das war vor unserer dritten Umarmung und bevor wir noch mal richtig lecker essen gehen wollten: „Und wenn wir was total anderes machen und auf die Tickets pfeifen würden?“

Ihr wisst, dass ich manchmal für Verrücktheiten zu haben bin.

Ihr kennt auch das sicher: man ist erst ein paar Stunden zusammen und spürt, dass man sich schon ewig kennt.

Ich war aus guten Gründen Kamera-scheu, aber es gab diesen Augenblick, wo wir ohne Verabredung Hand in Hand hinter eine Absperrung    für gestapelte Tische gingen und zueinander drängten, egal, ob uns die Decken-Kameras zusahen.

Ich hastete noch einmal zurück und holte unsere Sachen. Sulamith erwartete mich und öffnete sich für mich. Danach stand für uns fest, dass wir zusammenbleiben.

„Ich habe dich gerne neben mir, bald sicher auch unter und über mir. Liebe mich oft. Sag Suscha zu mir, bitte. Du bist mein Don.“

Nach einem guten Frühstück mieteten wir uns eine Vespa und zwei Helme, ließen fast alles bis auf die notwendigsten Kulturgüter zurück und fuhren südwärts – abwechselnd jeder eineinhalb Stunden am Steuer.

Abends waren wir in einem Vorort von Rijeka und fanden ein idyllisches kleines Hotel. Wir waren beide todmüde und blieben nur lange genug wach, um uns besser kennenzulernen.

Wir fuhren dann weiter nach Süden, verfehlten die Abzweigung nach Palermo und landeten schätzungsweise 1.700 km vorher in dem kroatischen Fischerdorf Bakar.

Ich erinnerte meine Gefährtin daran, dass die Bremer Stadtmusikanten ihr Ziel nicht mehr anstrebten, als sie unterwegs das üppig ausgestattete Räuberhaus bleibenswert fanden.

Die wenigen Häuser in Bakar sahen malerisch aus. Die Tankstelle war geschlossen und das Pappschild „Hotel Mamma Mia“ an einem Haus war ein Kinderstreich.

Wir wussten nicht weiter. Jacob rettete uns. Der vom Wein kommende frühere Lehrer beglückwünschte uns, in der Perle einer versteckten Adria-Bucht angehalten zu haben.

Er redete wie ein Fremdenführer und empfahl uns ein erstklassiges Privatquartier bei einer italienischen Familie, den Puccinis, im Haus direkt am Meer.

Die Familie nahm uns gern auf und machte ein schönes Zimmer für uns frei. Wir lernten alle kennen, Mama Annabella, die fantastische Köchin, Josip, ihren heiteren Mann, der im Winter Streicher im Orchester von Rijeka war, die unvorteilhaft rothaarig gewordene Lydia, während der Spielzeit Friseuse am Theater in Rijeka, Felicia, ihre arbeitslose Schwester, Petar, deren Sohn und den winzigen Luka, der gleich zutraulich in unseren Rucksäcken wühlte.

Sie hießen nicht Puccini, aber das begriffen wir schnell: das Grammophon spielte bis spät in die Nacht ohne Unterbrechung Puccini-Opern: Turandot, La Bohème, Toska, Madame Butterfly, La fanciulla del West…

Wir waren überhaupt nicht enttäuscht: Mama Annabella röstete Cevapcici, garnierte sie mit Paprika, Tomaten, Käse und Kräutern, Papa Josip öffnete einen gehaltvollen Roten – wir waren angekommen.

Meine wunderbar duftende Gefährtin war unkompliziert; Sulamith störte sich nicht an meinem wachsenden Bart und an meinen Bierkonsum neben dem Wein und sah als Nichtraucherin nur kritisch meinen Zigarettenverbrauch.

Sie erinnerte mich an das Bild einer keltischen Prinzessin, hatte mir entgegenkommende, schön geformte Brüste und einen begeisternden Schoß.

Ich liebte ihre Zunge und sorgte mich anfangs über ihre nicht unterdrückbare Art, mit hektischen kleinen Schreien unsere Lustspiele zu begleiten.

Wir haben uns mehrmals am Tag in unser Zimmer zurückgezogen. Dabei fand ich die unaufhörliche Puccini-Musik vorteilhaft.

Erst nach Tagen fiel mir auf, dass Sulamith wunderbar wenig redete. Und weil wir uns auch in jener anderen nicht unwichtigen Weise verblüffend gut verstanden, gaben wir uns als verliebtes Paar zu erkennen. Verheiratet? Wen interessiert das denn?

Sulamith war herrlich vieles: spontan, lässig, leidenschaftlich und Sex bejahend – eine ideale Gegenhälfte von mir. Ich mochte die Erkenntnis, dass sie mir zwölf wertvoll erlebte Frühlinge voraus war.

Es erschlug mich, als sie mir nach einem starken Liebestaumel wie nebenbei ins Ohr flüsterte: „Würdest du mich auch lieben, wenn ich eine Mörderin wäre?“

Ich war ordentlich benommen und sagte nach Sekunden: „Ja, meine wunderbare Geliebte, ja, und vielleicht noch mehr.“

Warum, sagte ich ihr nicht – noch nicht. Aber unsere Liebe wurde eher inniger. Erst Stunden später fragte ich: „Warum sind sie hinter dir her?“

„Interpol sucht mich. Es war eine lange fällige Rache. Hoffentlich bringe ich dich nicht in Gefahr…“

„Ich denke, hier sind wir ziemlich sicher. Aber Lydia sollte deine Haare verändern.“

Das hat Lydia sofort gemacht. Weniger überzeugend fand ich, dass sie übertrieben eifersüchtig auf Sulamith wurde.

Ich nährte ihre Begeisterung für meine Haare und meine Augen kein bisschen. Und rothaarige Frauen ließen mich seit Ronda kalt – und künstliches Rot fand ich oft kitschig.

Die Mahlzeiten waren schöne Erlebnisse für uns; es wurde dabei viel und laut durcheinander geredet, auf Italienisch. Uns fiel auf, dass alle ziemlich große Reste auf ihren Tellern zurückließen. Mama Annabella warf sie zielgenau über die Balkonbrüstung ins unten sanft plätschernde Meer.

Am späten Abend und morgens früh steckten die örtlichen Fischer große Karbid-Scheinwerfer vor ihre Boote und fingen die angelockten Oktopusse. Sie warfen sie auf die Ufermauern, wo die Frauen ihre Saugnäpfe am Morgen flach schlugen. Gebratene Oktopusse gab es jeden Tag.

Mama Annabella fand diese Adriabucht extrem schön. Über den Blick auf die Ölraffinerie und das Teerwerk ging sie mit großer Geste und der kühnen  Behauptung hinweg, dies sei ihr Portofino, eher schöner als das leider glamourös gewordene Symbol ihrer italienischen Heimat. Wir stimmten ihr zu.

Lydia übersetzte uns, dass die ganze Familie beschlossen hatte, mit uns     die Highlights der Umgebung zu genießen, in Papas Fiat, am Wochenende.

Lydia hatte es anders vor: wer sonst könnte daran schuld gewesen sein, dass Sulamith in der Nacht zum Samstag einen Blitzdurchfall erlitt.

Es gab einige peinliche Umstände – und Sulamith kam stundenlang nur für Minuten von der Klo-Schüssel herunter. Die Putzaktion wurde von der Familie lautstark mit Angeboten von bewährten Gegenmitteln kommentiert.

Am Ende war Sulamith erschöpft: „Bitte lasst mich hierbleiben. Ich brauche die Nähe zum Bad. Und der Gedanke, dass ich auf keinen Rücksicht zu nehmen brauche, ist sehr beruhigend.“

Ahnt Ihr, wie es ausging? Lydia umklammerte mich auf der Vespa, alle anderen fuhren in Papas Fiat hinter uns – aber, wie es der Zufall oder   Lydias Berechnung wollte, verlor das Auto irgendwo den Anschluss und Lydia hatte mich für sich.

Als wir auf einer Wiese rasteten, pflückte sie mir einige Butterblumen und sagte, das seien Flowers of Jealousy. Sie litt unter den Zärtlichkeiten, die Sulamith mir schenkte.

Gegen ihre Umarmungen und die saugenden Küsse konnte ich mich schwer wehren, sie stoppte aber meinen Versuch, mehr aus der Situation herauszuschlagen: „No, no, no – I am married and catholic. My husband is Second Officer on a big touristship. We both don´t have sex with other people.”

Ausnahmsweise verdross mich diese mittelalterliche Einstellung nicht. Ich stellte mir spaßeshalber ihren Seemann vor, der seinem bordeigenen Kaplan nach den Landgängen mit den Touristinnen nie etwas Nennenswertes beichten konnte.

Wir konzentrierten uns auf die fantastischen Sehenswürdigkeiten der Landschaft, auf Berge, Seen, Grotten und Höhlen – und als wir heimfahren wollten, sprang die Vespa nicht an. Daran war diesmal nicht Lydia schuld, nur meine Müdigkeit.

Weil es eine Knochenarbeit ist, einen Motorroller über lange unwegsame Strecken zu schieben, schaffte ich es mehrere Male, das brave Fahrzeug wenigstens immer mal wieder ein kleines Stück in Gang zu bringen – bis zu einigen Häusern.

Ein Bett hatten die Bauern dort nicht für uns, nur eine Heuscheune, in der wir völlig erschöpft schlafen konnten.

Ein Kaplan oder der Second Officer selbst hätte unserem keuschen Schlaf ruhig zusehen können.

Als wir mit einem Tag Verspätung in Bakar zurück waren, fielen alle Frauen mit Vorwürfen über uns her. Sulamith hielt die Hinweise auf verheiratet und katholisch für eine durchsichtige und nicht verlässliche Unschuldsmasche.

Mir sah sie alles nach: „Sieh zu, wie du aus den Schlangenarmen herauskommst. Sie soll mich nur in Ruhe lassen, sonst könnte noch mal ein  Unglück geschehen…“

Ich musste und konnte anderes hinnehmen: Sulamith war während meines Mittagschlafes mit Papa Puccini baden gefahren – weit hinter der von uns so gesehenen Teerfabrik wusste er eine schöne Badebucht. Mama Annabella sah ihn nach der Rückkehr fassungslos an: Die beiden  brachten nasse Handtücher mit, aber kein nasses Badezeug.

Hatte Sulamith ein Siegerinnenlächeln, als sie mich umarmte? Papa Puccini wechselte sorgfältig die Langspielplatten. Das nächste Essen haben anfangs nicht alle glücklich genießen können; erst nach dem Wein lachten alle wieder.

In der Nacht wachte Sulamith schweißgebadet und zitternd aus einem Alptraum auf. Ich trocknete sie ab und zog ihr mein T-Shirt an: „Hab keine Angst mehr, Suscha, ich beschütze dich!“

„Lieber, ich weiß, dass sie mich bald gefangen nehmen und in ein Stinkloch von Gefängnis werfen werden. Ich wollte, sie würden mich vorher töten – oder lass uns zusammen sterben – lieber vorher!“

Ich fand in der Küche eine angebrochene Flasche Wein, aber keine Gläser. Ich trank einen Mund voll und ließ ihn mit einem Kuss drei Mal in ihren Mund fließen. Sulamith lächelte. Ihre Hand kam zu mir, spielte eine herrliche Weile  und zog ihn fordernd zu sich: „You are very welcome, Lover!“

Ein schweres Gewitter drückte unsere Stimmung.  Wir nahmen bald Abschied von Portofino.

Wir überlegten, dass Interpol in Sizilien unter den Landesfremden besonders gründlich fischt und suchten eine kleine Hafenstadt, von der Frachtschiffe nach Griechenland fuhren.

Gilt sie dir oder gilt sie mir?

Wir fanden keinen geeigneten Ort und mussten bis Bari fahren. Beim Suchen und Verhandeln mit Schiffsführern gerieten wir in eine Uferbaustelle, in der mit gewaltigem Lärm Stahlpfeiler in den Boden gerammt wurden. Sulamith hielt sich lachend die Ohren zu, ich schützte meine Zigarette vor einem Regenguss, und da schlug sie zu:

Ein Bagger schwenkte mit kräftigem Schwung an einer dicken Kette eine gut meterdicke Abrissbirne gegen eine abzureißende Mauer: Die Birne verfing sich im Geäst eines Baumes, blieb ein paar Sekunden hängen und schlug dann unkontrolliert in eine nicht vorgesehene Richtung: Sie traf Sulamith mit voller Wucht und zerschmetterte sie.

„Sie lag zu meinen Füßen – als wär´s ein Stück von mir.“

Ich floh. Ich lief betäubt minutenlang das Ufer entlang und fiel schließlich auf einen Steinhaufen. Ein vorbeigehender Mann sah mich fassungslos heulen und fragte mich etwas. Ich machte nur eine abwehrende Armbewegung, die er respektierte.

Als ich sah, dass er sich noch zweimal nach mir umdrehte, stand ich langsam auf und ging in eine Osteria.

Kaffee. Danke. Sonst nichts.

Ich kümmerte mich nicht um die zerfetzte Leiche meiner Liebsten; ich ging nicht zur Polizei und tat nichts für eine jüdische Trauerfeier. Ich war gelähmt. Das dauerte einige Tage.

Dann fand ich die Vespa wieder. Die Helme fehlten, das Gepäckschloss   war aufgebrochen; vom Inhalt war ein verbogener Schraubenschlüssel geblieben. Den Vertrag hatte Sulamith bei sich, ach, unsere Reisekasse auch. Ich ließ die Vespa zurück.

                                                          *

Ein angehaltener Lieferwagen brachte mich am nächsten Tag nach Brindisi. Er gehörte einem  Restaurant.

„Braucht ihr vielleicht einen Helfer für die Küche, das Haus und den Garten?“

Einen englischen Koch wollten sie sicher nicht. Aber nach ein paar Tagen fand Luigi, der Chef, stark unterstützt von seiner Frau, die ich vorher dafür gewonnen hatte, meinen Gedanken nicht allzu riskant, für die vielen Touristen, die auf eine Fähre nach Griechenland warteten, einen Knüller anzubieten: „Harry´s Fish & Chips“.

Fisch war genug da – und die Chips ließen wir aus Belgien kommen. Es wurde ein Bombengeschäft, besonders durch die neuen Verkaufszeiten:

An den eisernen Zeiten für die Mittag- und Abendessen wurde nicht gerüttelt; aber den internationalen Touristen zuliebe wurden Fish & Chips vom Frühstück bis zehn Uhr abends angeboten – und das normale Geschäft litt nicht darunter. Wir brauchten nur mehr Sitzplätze im Garten. Zum Fisch schmeckt Bier am besten. Luigi orderte hunderte Flaschen mehr als sonst.

Das Personal, die Männer und Frauen im Gasthaus, auch Florentina, die Chefin, mochten mich; sie sahen mir meine ungewöhnliche melancholische Zurückgezogenheit nach, auch diese Marotte: An der Gartenwand stand auf einer Holztafel das alte deutsche und inzwischen internationale Soldatenlied vom guten Kameraden:

Ich hatt’ einen Kameraden,
Einen bessern findst du nit.
Die Trommel schlug zum Streite,
Er ging an meiner Seite
Im gleichen Schritt und Tritt.

Eine Kugel kam geflogen,
Gilt sie mir oder gilt sie dir?
Ihn hat sie weggerissen,
Er liegt zu meinen Füßen,
Als wär’s ein Stück von mir.

Will mir die Hand noch reichen,
Derweil ich eben lad.
Kann dir die Hand nicht geben,
Bleib du im ew’gen Leben
Mein guter Kamerad!

Ludwig Uhland (1787-1862)

Ich sah viele Gäste, die den Text lasen und zu verstehen versuchten. Wir  druckten eine italienische und eine englische Fassung auf einem Flyer.

Einmal traf ich eine japanische Familie, deren Zwillinge das Lied in der  Schule gelernt hatten, auf Deutsch.

Danke, liebe Suscha!

Wieder an Frauen gewöhnen?

 

Meine Kolleginnen hatten Mitleid mit mir. Sie fürchteten eine tiefe Depression und hielten es für bedenklich und geradezu unheimlich, dass ich mich überhaupt nicht für Frauen interessierte. Sie hatten sich verabredet, mich auf andere Gedanken zu bringen und mir zu beweisen, dass eine Frau einen Mann mit vielen Möglichkeiten aufheitern kann. Offensichtlich hatten sie ihre Vorgehensweise gut geübt, alle acht.

Eines Abends schlüpfte die erste, betörend duftend in einem aufreizenden Nachtgewand, das eher ein Nichtgewand war, in mein Bett. Sie schmiegte sich verführerisch an mich und ließ sich dankbar von mir überall streicheln. Ihre Küsse erfrischten mich; wie gewohnt musste ich überspielen, dass meine Raucher-Geschmacksnerven längst abgestumpft waren.

Wir kuschelten lange, sie wurde entspannter und sie ließ meinen Mund und meine Hände gewagte Abenteuer erleben. Danach küsste sie langsam meine Augen und meinen Hals und glitt mit ihrem Mund immer tiefer – fragt mich nicht, wo sie anhielt, von wegen aufhörte – sie hatte es auf etwas abgesehen, das sie minutenlang mit ihren Händen und ihrem     Mund festigte, aufreizte, verführte und mich in einen Taumel versetzte, den ich mit jungen italienischen Frauen nie für denkbar gehalten hatte.

Ich habe unsere Süßspeisenköchin Fabiola an ihrem Vanilleduft erkannt; heute schmeckten ihre Küsse nach Orangenlikör. Am Ende unserer wunderbaren Nacht sagte sie bei unserer Abschiedsumarmung: „Lieber trauriger Harry, wir zeigen dir, wie eine Frau dich glücklich    machen kann. Morgen kommt eine andere von uns zu dir – und übermorgen wieder eine andere. Das machen wir zweimal.

Danach sollst du zwei Nächte ohne uns schlafen und wir werden dich fragen,  ob du lieber ohne uns weiterleben möchtest. Wenn du, wie wir, auf den Geschmack gekommen bist, wird die Natur sich freuen…“

Ihr werdet es kaum glauben: Fabiola, Laura, Mariella, Beatrice, Raffaela, Angelica, Nicoletta und Paola hatten recht.

Sie haben es tatsächlich geschafft, dass ich mich wieder für Frauen interessierte, vielleicht mehr, als sie sich das vorgestellt hatten.

Bei Fabiola war ich noch unsicher. Als Mariella, Nicoletta, Paola und die anderen Frauen morgens von mir Abschied nahmen, war ihnen eine leuchtende Veränderung anzusehen: sie wussten jetzt, dass ihr Körper eine nicht für möglich gehaltene Anziehungskraft auf einen Mann hat; sie waren noch ganz benommen von den vielen aufmunternden Zurufen bei ihren Zärtlichkeiten. Es war ein lustvolles Geben und Nehmen.

Sie waren fortan selbstbewusste, lustbetonte Frauen, die den Mann schier zum Ausflippen gebracht hatten. Das würde bleiben, das würden sie weiterentwickeln…

Nach der sechsten sehr langen und erlebnisreichen Nacht verpasste Angelica, die mir in der Nacht sehr lieb geworden war, ihren Dienstantritt in der Küche     und schlüpfte noch einmal in mein Bett. Sie legte sich Haut an Haut zu mir und ich machte es ihr leicht, mich zu verführen, wozu ja jede Frau von Natur aus begabt zu sein scheint  – als entzückendes Gegenmodell zu der Anmache der Männer.  Wir küssten uns lange und sie zeigte mir, dass Mann und Frau sehr ähnliche Liebkosungen tauschen können.

Sie ging wie ihre Kolleginnen davon aus, dass ich eine männliche  Jungfrau war, der sie noch alles erklären und mit deren Lernbereitschaft sie Geduld haben müssten.

Ich merkte bald, dass diese lieben Frauen gar nicht viel von der Liebe und der Lust verstanden – so, als hätten sie nur die Hinweise eines lustfeindlichen altenglischen Missionars im 18. Jahrhundert bekommen und selbst nur sträflich fantasiearme Liebhaber erlebt, denen einfach die Basics fehlten.

Es war mir eine Ehre und ein Vergnügen, die jungen Frauen behutsam dahin zu führen, nicht nur auf dem Rücken und auf dem Bauch liegen zu bleiben, sondern selbstbewusst nach oben zu streben, auf ihrem Liebesobjekt zu sitzen, zu hocken, zu knieen, vor oder hinter ihm zu stehen und dabei eine ganz neue Lust zu spüren und weiterzugeben.

Es machte besondere Freude, das für sie Neue gemeinsam zu entdecken. Sie lernten schnell und machten mich neben allem Herrlichen anderen stolz.

Die acht Frauen hatten ihre schönen Absichten vor ihrer Chefin Florentina verheimlicht, das fand ich nicht günstig und ungerecht. Ich habe Florentina für die Mitplanung interessiert:

Sie richtete es ein, dass die vorgesehenen Frauen und ich uns mit einer Dienstunterbrechung schon beim gemeinsamen frühen Abendessen nahekommen konnten. 

In meinem Zimmer gab es jetzt – Anordnung der Chefin – außer dem Bett eine Kuschel-Ecke mit Kissen, CD-Musik, Wein, Oliven und Pistazien.

Das Kuscheln wurde uns in der Auftaktstunde unentbehrlich und half den Frauen, ihre Aufgeregtheit abklingen zu lassen und sich zu entspannen. Florentina riet den nächsten Frauen, mir schon tagsüber „zufällig“ zu begegnen und mich lächelnd und mit heimlichen Küssen auf den gemeinsamen Spätabend neugierig zu machen.

Diese Anregung nahmen die Frauen und ich gern auf; wir bauten sie aus und besannen uns auf vertraute Kinderspiele wie „Fang mich doch“ und „Wo bin ich?“

Das wurden keine leisen Spiele; wir mussten ja auch nicht heimlich spielen.

Florentina war nicht uneigennützig. Sie bestand darauf, zwischen den vorgesehenen Abendterminen ein Extra-Treffen mit mir einzuschieben. Wir haben es nicht bereut.

Der achte Abend wurde ein grandioses Lustfest für alle Beteiligten und Florentina mit einem Festessen, nicht mehr gedämpfter Musik und nicht endendem Tanz.

Gegen Ende bat ich die Frauen und Florentina, noch mal alle acht Abende folgen zu lassen; ich hätte manches doch nicht richtig verstanden.

Mein Wunsch wurde erfüllt. Und, als wären die vergangenen Abende erst die Generalprobe gewesen, konnten wir alles lustvoll steigern. Zuletzt mit einigen Rollenspielen, bei denen wir die Begabungen der Frauen entdecken und bei vorherigen Proben aller neun mit Vorschlägen und Kritiken fördern konnten.

Die dreieinhalb Monate, die ich noch in Brindisi blieb, waren wirklich nicht die  langweiligsten in meinem Leben und ich habe mich in späteren Jahren oft an meine Liebhaberinnen und das mit ihnen Erlebte erinnert.

Eines Morgens gellten entsetzte Schreie durchs Haus. Florentina wurde tot  im Bett gefunden. Es war nicht ihr Bett; das brachte Luigi schnell vorzeigbar in Ordnung: „Sie wollte unsere Wohnung nicht mit ihrem Tod belasten.“

Die Mädchen sagten, die krebskranke Florentina hätte längst gewusst, dass Luigi keine Aufmunterung durch Frauen wie ich brauchte. Es gab mehrere Vorerfahrungen…

Vieles änderte sich für uns alle, als uns Florentinas Vermittlung fehlte: Luigi wurde strenger, kleinlicher; er suchte und fand einen Anlass, Beatrice und Laura zu feuern. Unser spontaner Streik hat ihn zu noch Härterem genötigt: Er wollte das Restaurant verkaufen und uns allen kündigen.

Ich verwaltete inzwischen die Lieferungen und beeindruckte ihn mit dem Hinweis, dass er ohne erhebliche Zahlungen nicht aus den Lieferverträgen herauskommen würde. Das hat ihn unsicher gemacht, aber richtig gerettet hat uns erst Fabiola, die eines Abends an seine Wohnung klopfte und nach dem Einlass die Türe von innen zugeschlossen hat. Eine Kollegin bekam noch mit, dass der laute Fernseher sofort abgeschaltet wurde.

Fabiola kam erst morgens aus der Wohnung; Luigi begleitete sie. Das Weitere war auch ohne Worte zu verstehen: Trotz der dreißig Jahre Altersunterschied ließ sie in Luigi die Hoffnung wachsen, eine gemeinsame Zukunft aufzubauen und, wer weiß, vielleicht einen Stammhalter zu zeugen. Fabiola wuchs schnell in ihre Rolle hinein.

                                                       *

Alle wussten, dass die verstorbene Florentina in diesem Jahr unbedingt wieder einmal nach Venedig reisen wollte.

Ihr zu Ehren fuhr ich zwei Wochen nach der Beerdigung mit Laura und Raffaela in die von Touristen überlaufene Traumstadt, zu einem Abstecher auch ins gegenüberliegende Triest – rein dienstlich und auf Geschäftskosten. Wir mussten neue Weinsorten kosten und bestellen.

Luigi war dankbar, dass ich ihm diese Arbeit abnahm; er gewährte meinen Begleiterinnen großzügig Urlaub.

Das blieb keine trockene Angelegenheit; die beiden Frauen harmonierten prächtig; sie waren fünfzehn Jahre auseinander, ich war dafür ein wenig älter als Laura. Die beiden jubelten und machten  mir mit tollen Einfällen die Reise in beide  Städte zum himmlischen Vergnügen.

Laura und Raffaela waren lebenslustige Begleiterinnen bei allen üblichen Gelegenheiten. Wir feierten viel und tanzten oft auf den Straßen und Plätzen – der unglaublichen Menschenmassen wegen erst in den unbelebteren frühen Morgenstunden und ließen uns nachts singend in den Gondeln schaukeln.

Auch in Triest haben wir ausgelassen gefeiert. Wir hatten ein schönes Hotel und ließen uns jeden Tag mit Kutschen herumfahren.

Nach einer erlebnisreichen, etwas verlängerten Woche mussten die Frauen ohne mich mit einem Schiff zurückreisen.  Die beiden hatten gesehen, wie ich wortlos einen Brief an Luigi und einen an Fabiola in ihre Reisetasche geschoben habe.

Ihr hättet unseren Abschied sehen sollen! Er hat einiges Aufsehen erregt .

„Wir dürfen doch bald auf dich warten, Harry?“, fragte Raffaela mit tränennassem Gesicht. Beide ahnten wohl schon meine Antwort. Ich musste mich schniefend abwenden und zum Pier zurückgehen. Unter den Zuschauern sah ich zwei Carabinieri. Sie lachten über irgendetwas.

Hätte ich ihnen die Hände hinstrecken sollen?

         Für Venus. Oder für den Weltfrieden

Es geschah in den grün flimmernden Weiten des Luxembourg-Parks. Zu dieser frühen Zeit sah ich nur einzelne Spaziergänger, eine Schulklasse, drei Joggerinnen, vier Jogger und zwei Paare. Als ich vom Besuch einiger der hundertsechzehn Marmorfiguren auf den Hauptweg bog, ging sie keine zwanzig Meter vor mir. Anfangs.

Es war wunderbarerweise wieder warm geworden; die Mäntel blieben im Schrank; die Frauen trugen wieder hellere Kleider. Die vor mir ein knielanges gelbes mit kleinen bunten Blüten. Sie schritt anmutig und ich freute mich an ihren Hüften.

Ein kleines braunes Täschchen hing quer über ihre Schulter; der Riemen hielt auch ein blaues Strickjäckchen. In dem Täschchen hatte kaum mehr als eine Scheckkarte Platz – also eine Edel-Touristin.

Bei der Schätzung ihrer Kleidergröße – 38 oder 40 – geriet ich in eine Träume-rei. Sie wurde jäh von der Wirklichkeit unterbrochen: Die Frau knickte ein; ich hörte einen verhaltenen Schmerzenslaut und stürzte zu ihr hin. Sie stand wie ein allein gelassener Flamingo auf einem Bein und zog das andere etwas an.

Soll keiner sagen, ich wäre zu langsam gewesen: ich griff links unter ihre Kniekehlen und ließ ihren Rücken in meinen Arm fallen.

Eine Weile konnte ich sie gut halten; es werden um die siebzig anregend duftende Kilo gewesen sein, vielleicht etwas mehr.  Du merkst gleich, ob Verunglückte sich wehren oder ob das Urvertrauen in den Retter durchbricht.

Französisch ist nicht meine Sprache, doch unsere unvergessene schottische Königin hat Frankreich und diese Sprache geliebt. Auch ihr zuliebe war mein zweisprachiges Stottern: „Un problème  avec votre pied, Madame? Alors, let me see…“

Ich hatte eine Bank angesteuert, hielt sie auf meinem Schoß und streifte ihre linke Sandale ab, ein Schmuckstück übrigens – wie so manches an ihr. Kein Strumpf. Ein kleiner spitzer Stein fiel zu Boden. Sie erschauerte leicht oder bildete ich mir das ein, als ich versehentlich ihre Taille gestreift hatte. Oh Pardon, Madame, excusez-moi!

Von da an wurde ich zuversichtlicher, wie unsere Geschichte weitergehen würde.

Ihr folgt mir sicher in der Annahme, dass auf diesem herrlichen Parkgelände seit Jahrhunderten alle spitzen Steine mit dem unzählige Male aufgeschütteten Feinkies längst fest in den Boden getreten wurden.

Es könnte demnach ein Bröckchen Mondgestein gewesen sein, dem ich diese unerwartbare Bekanntschaft mit Mechthild verdankte. Ich hatte das Gestein in mein Taschentuch gewickelt, als sie mich lächelnd fragte: „Sie sind Engländer, Monsieur?“

Ähnliche Dialoge lallen wir Schotten oft spätabends in den Pups. Ich taumelte deshalb geübt wie von einem Dart-Pfeil getroffen und flehte sie an: „Bitte wühlen Sie nicht tiefer in der Wunde, schöne Dame; in mir ist nichts Englisches – ich bin Schotte.“

Wir gingen lachend zum Ausgang Gay-Lussac und bogen rechts ab – sie sagte mir, dass ihr Hotel Le Six links hinter dem Jardin lag. „Mein Zimmer wird gerade vom Zimmerservice aufbereitet“.

Wir sahen uns an, sie lächelte, ich freute mich über die Berührung unserer kleinen Finger. Können Gedanken sich treffen?

Unterwegs den Boulevard Saint-Michel entlang und beim zur Mittagsrast einladenden kleinen Thailänder erfuhr ich mehr von dieser brünetten Schönheit – sie war wohl nicht mehr ganz in den Dreißigern – und damit in meinem Frauen-Lieblingsalter.

Mechthild aus Deutschland begleitete betont distanziert ihren Mann zu einem Urologen-Kongress, den sie interpiss nannte. Hatte sie einen Sinn für gewagte Worte? Ich legte mir einige zurecht.

Natürlich war ich neugierig auf ihre Gestalt ohne Hemd und stellte mir die Frage aller Fragen: Wie wird sie im Bett sein? Sie wird nachher sagen: „Du hattest mich ja längst ausgezogen – mit den Augen.“

„Und das wolltest du nicht? Du hast kein bisschen die Verführerin gespielt?“

„Gemerkt hast du es erst, als dich mein Fuß unter dem Bambustisch erreichte. Kennst du diese Melodie? Sie summte leise einen alten französischen Schlager. Ich war nicht sicher, ob ich ihr Staccato erriet: „Voulez-vous coucher avec moi ce soir?“

Ich antwortete schnell: „Darauf gibt es nur eine begeisterte Antwort: C`est ci bon. Aber muss ich bis zum Abend warten?“

„Eh bien, Sir.“

Während wir heiter speisten, rief ihr Mann sie an. „Hallo, Lothar, hast du es bald geschafft? Sie wollen dir noch ein Stück Blech an den Hals hängen? Das ist dein Berufsrisiko und nur gerecht. Stell dir vor, ich habe beim Spaziergang Stefanie aus München wiedergetroffen.

Ich bin mit ihr und ihrem Mann viel zusammen; er ist Musiker und kennt Jan und Jupp in der Szene. Das tut mir richtig gut. Was? Du nennst mich Schwindlerin? Moment, ich frag ihn: „Mein Mann will wissen, wie Sie heißen.“

„Sagen Sie Garry.“

„Der Engländer heißt Gary, teurer Gatte. Ich soll zu Eurem stocksteifen Festabend? Das tue ich mir nicht an. Nimm Doreen mit, die macht das glücklich; besonders, wenn sie vorher noch zum Hotel-Coiffeur gehen kann…“

Ich war also halb Stefanie, halb Garry für unsere restliche Zeit.

Der Professor wollte am nächsten Nachmittag zurückfliegen; Mechthild mochte noch zwei Tage bleiben – bei anhaltend schönem Wetter auch drei.

Wir fuhren an unserem ersten Nachmittag mit dem Taxi in mein Lieblingsmuseum Jeu de Paume, das seinen Namen einem sportlichen Spiel mit den Handinnenflächen verdankt.

Wir gingen inzwischen Hand in Hand durch die gemalten Herrlichkeiten und ich ließ sie übertrieben spielerisch drei Kunstwerke aussuchen und nach Hause schicken: „Mehr nicht, Liebling! Die Versicherung wird Euch zu teuer“.

Eine kleine Replik erstanden wir im Shop – das war nur eine strategische Ausgabe, denn wir mussten das kostbare Stück schnell ins Hotel bringen. Es brannte uns.

„Ich bin natürlich auch neugierig auf dein Zimmer.“

Es übertraf meine Erwartungen: groß, schöne Möbel. Marmorbad, Blumen, Grünpflanzen, tolle Minibar, Gebäck, Früchte…

Der Professor hatte ein eigenes Zimmer, links neben ihm wohnte Doreen, rechts Mechthild. Es gab keine Durchgangstür, jedenfalls nicht zu ihrem Zimmer.

Es war gar nicht mehr nötig, mir zu sagen. „Er kommt schon lange nicht mehr an mein Bett. Wir brauchen einander nicht – nicht dafür…“

Ich hatte derweil den Reißverschluss ihres Kleides gefunden und sie andächtig ausgezogen.  Sie tat dasselbe, wir staunten uns an und küssten uns und küssten uns und küssten uns. Das große Bett mit den prallen Kissen und kuscheligen Decken nahm uns wie eine rosa Wolke auf.

Ich war auf einiges gefasst, nicht auf nur normales. Wohl auf eine erträumte Wildheit. Nicht darauf, dass mich eine Wildkatze anspringen und sich festkrallen würde.

Zum Kampf gehörte, dass ich zerkratzt mit Bisswunden an Hals, Schultern, Brust und an einer weicheren Stelle blutete. Wir teilten uns erschöpft einen Joint – in diesem Nichtraucher-Hotel. Wir brauchten keine Worte mehr und sahen uns glücklich lächelnd an; sie leckte meine Wunden.

Hätte ich mich auf sie eingelassen, wenn ich das Raubtier hinter ihrer harmlos schönen Hülle rechtzeitig erkannt hätte? Ich wusste nicht, dass es in Deutschland freilaufende Berglöwinnen gibt.

Mechthild ritt – innig verbunden – auf mir, als sie mich so beschenkte: „Durch mich bist du Mann. Durch dich bin ich Frau.

Das hat eine mystisch und ohne Mann lebende Nonne vor Jahrhunderten herausgefunden:  Hildegard von Bingen. Wir müssen gleich auf ihr Wohl trinken.“

Mit Sekt aus der Mini-Bar: „Cheers, Hildegard! À votre santé!“    

                                                           *

Im Bett sind Frauen total anders; das ist mit das schönste Naturgeheimnis.  Natürlich wollen alle, dass wir in ihre Brüste verliebt sind, nicht müde werden, jede Stelle ihres Körpers zu liebkosen und unsere Zungen mit unseren Händen darum streiten lassen, wer größere Lust bereiten kann.

Frau ist Frau? Für mich nicht. Jede Frau, die ich in meinen Armen hielt, war einmalig und anders als alle anderen vor ihr, auch die wenigen Ausnahmen.

Alle waren kunstvolle, äußerst gelungene und manchmal sogar etwas hochgezüchtet wirkende Säugetiere mit unterschiedlichen Temperamenten.

Die Raubkatze Mechthild fiel aus der Art. Ich hatte das unverschämte Glück, kämpfend herauszufinden, dass diese Raubkatze kein Kater war. Ohne meine Erfahrungen mit Meerjungfrauen hätte das noch länger gedauert.

Die brutale und unwahrscheinlich lange anhaltende Paarungswut der Puma-katzen erstaunt die Tierpflegerinnen und ihre Kollegen in den Zoos; sie fürchten den lebensbedrohenden, unzähmbaren Zwang und müssen das unbändige Weibchen von den fordernden Bissen in die Zeugungsorgane des Partners oft mit viel rohem Fleisch kurz ablenken. Er hat keine Chance, sich davonzumachen.

Ich sorge mich, wie es die Zoo-Leute schaffen, diese Erlebnisse in ihrem Privatleben harmonisch zu verarbeiten.

Ich habe oft den „kleinen Tod“ in einem heftigen Liebesspiel erlebt und unendlich genossen. Bei Mechthild war es unglaublich mehr. Wollte sie mich liebend töten? Ahnten wir die Grenzen?

Mal schlief ich ermattet ein; sie lag mit ihren weichen Brüsten auf mir; der Venus gewidmete Hügel lag auf meiner geöffneten Hand. Ihre Hand spielte mit ihrem neuen Liebling. Ich spürte ihre wilde Zärtlichkeit noch lange…

Ich wurde bald wieder wach; sie sah mich forschend an. „Vom Leben verstehst du was, Garry; verstehst du auch den Tod?“

„Ich habe ein gutes Verhältnis zum Tod. Er ist manchmal Freund, manchmal  Schiedsrichter, ein anderes Mal mein Bruder. Hast du von Hypnos gehört?“

„Wer ist das? Ein Grieche?“

„Ja, der griechische Gott des Schlafes und der Träume. Er hat Schwingen und fliegt abends über uns Menschen und schließt uns sanft die Augen. Neben ihm fliegt sein Bruder Thanatos, der schließt einigen Menschen die Augen für immer. Die Brüder wohnen in einer Höhle am Fluss des Vergessens in der Unterwelt.

Die Griechen lebten mit ihren Göttern; das haben sie irgendwann aufgegeben, leider. Die Götter sind seither heimatlos und verteilen sich in der Welt. Hypnos erleben wir täglich; Thanatos vielleicht erst in unserer zweiten Lebenshälfte.“

„Fürchtest du ihn?“

„Nur, wenn ich ihn nicht verstehe. Und wenn er mich zu seinem Helfer machen will.“

„Das verstehe ich nicht. Musst du ihm denn gehorchen?“

„Er ist ein Gott.“

„Und wenn er mir die Lider schließen will?“

„Er ist Gott. Seine Hand ist zärtlich.“

„Wann hat er dich als Helfer gebraucht? Darfst du es mir sagen?“

„Wenn wir vertrauter miteinander sind.“

Wieder einmal wollte ich Zeit gewinnen.

In der dicht gedrängten Zeit haben wir einander viel aus unserem Leben erzählt; ich vorsichtshalber weniger Wahres.

Mechthild brachte mir auch Lothars Erfolgsgeschichte: Er hat als Psychologiestudent Sozialdienst in einem Kinderheim geleistet. Zwei Jungen waren viel gehänselte Bettnässer. Lothar analysierte ihre Besonderheiten, entwickelte ein Frühwarnsystem für den Harndrang der Jungen und baute es später aus.

Es wurde Grundlage für sein Diplom, die Dissertation und wenig verändert die Habilitation. Mit dem Oberarzt seiner Kinderklinik gründete er eine Vertriebsfirma für seinen Pipi-Alarm, fügte ein psychologisches Anleitungsprogramm hinzu und verdiente unglaublich viel in Europa und in den USA, Japan, Australien und Neuseeland.

Er schrieb Fachbücher und konnte in der Welt Vorträge halten und für sein Produkt werben – bei einem Professor war das ein Selbstläufer.

Er ließ sich eine Villa mit Innen-Pool bauen und fuhr mit einem Freund Jahr für Jahr zum Lachsfischen nach Kanada. Seine Kinder ekelten sich bald vor seinem Reichtum und zogen früh aus. Er hatte nur acht Wochenstunden Vorlesungsverpflichtung und viel Zeit, Geld auszugeben, besonders für seine Förderung von Studentinnen.

Mechthild hat in den ersten Jahren Päckchen mit dem Erfolgsprodukt verschickt, die Buchhaltung gemacht und lange seinen unerhörten Erfolg gepusht. Sie mied zunehmend seine Nähe und lebte ihr eigenes Leben. Die studierenden Kinder brachten ihr weiter ihre Wäsche und heulten sich bei ihr aus.

Zwischendurch hat mich Mechthild mit einem Wunsch überrascht: „Bitte fahre mit mir in der Rush Hour Metro. Ich hatte da im dichten Gedränge ein fieses Erlebnis, das ich aufarbeiten will.“

„Ich bin gerne dein Bodyguard, Mechthild. Wenn dich wieder einer am Po befummelt, wird er danach keine Teetasse mehr halten können. Ich habe Nahkampf gelernt. Von mir aus können wir stundenlang fahren und die Kerle herausfordern…“

„Das hast du sicher bei der Army gelernt. Was hat die Army dir noch beigebracht, Garry?“

„Strammstehen, gehorchen, Befehle gutheißen. Dann aber Biertrinken und jeden dienstfreien Abend mit drei Kondomen losziehen. Wehe, wenn ich alle heil und ohne Story zurückbrachte – die Kameradinnen und Kameraden warteten in der Kantine und waren gnadenlos; ich musste dann viel Bier bezahlen. Nahkampf lernte ich schon im Kindergarten und in den ersten Schulklassen…!“

„Brauchen schottische Frauen die Army als Herzensbrecher?“

„Ja, ganz sicher. Und auch als Ausrede, wenn ein Soldat ihr Erster oder einer zwischendurch war. In Friedenszeiten gibt es andere Aufgaben: Stabilisierung, Verteidigung, Abwehrbereitschaft, Angriffsvorbereitung – so was in der Art. Dafür waren wir im weiten Umkreis immer im Dienst…“

„Ihr habt Eure Frauenbekanntschaften dienstlich flachgelegt? Nicht etwa in Feindesland, sondern in Eurer Nachbarschaft? Haben die Frauen denn mitgespielt? Musstet Ihr lange auf sie einreden?“

„Ich konnte es lange nicht glauben, aber ich habe es Nacht für Nacht erlebt, diesen magischen Zwang bei allen Frauen, egal, welchen Alters und ob sie zuhause mit einem Mann lebten – als hätten sie nur auf eine Begründung und eine Gelegenheit gewartet…“

„Wie muss ich mir das konkret vorstellen?“

„Wenn wir eine Frau ermutigen, uns die Hose zu öffnen, sagen wir: „Mach es für Schottland, Baby!“ Dann machen sie es, alle, alle. Ich habe nie von einer Ablehnung gehört. Wenn wir danach zur Sache kommen, sagen wir noch mal: „Wir tun das für Schottland, Darling. Du bist eine Heldin!“

„Unfassbar. Und das habt Ihr Kerle Euch in den Kasernen ausgedacht?“

„Nein, nein, das ist eine uralte Überlieferung;  Römische Soldaten sollen sie an der Heimatfront erfunden haben. Sie haben diese lustvolle Sache gedanklich überhöht und wahrscheinlich gesagt: „Mach es Venus zuliebe, Schatz“.  Mit zunehmender Reife kam später das Patriotische dazu. Gewirkt hat es immer.“

„Sag mal, in Eurer Army gibt es viele Frauen. Ziehen die auch an dienstfreien Abenden mit drei Kondomen los?“

„Selbstverständlich. Die Soldatinnen bestehen auf völlige Gleichberechtigung. Ich bin sicher, dass sie ähnlich feierliche Worte sagen. Kennst du ein schöneres Nationalbewusstsein?“

„Schade, dass ich keine Schottin bin. Lass mich das doch heute Nacht mal nacherleben. Nimm mich mit in eine Disco oder tanze mit mir im Freien und richte es ein, dass ich danach auf der Wiese oder auf einer Bank keine Jungfrau mehr bin. Und eine schottische Heldin!“

                                                         *

Normalerweise ist es wie eine unverdiente Strafe, in der eingezwängten Menge der Metro zehn, zwölf Stationen mitzufahren. Ich genoss es diesmal und hielt Mechthild erfolgreich ihren schönen langen Rücken frei.

Dann erlebte ich erschauernd, dass sie eine ganz andere Rache an den Unbekannten von neulich und an seine Nachahmer plante:

Wir waren uns sehr nahe; ihre Zunge lockte meine Zunge und ich spürte ihre Hand überdeutlich vorne am Verschluss meiner Hose.

Sie hat nicht nur mein kleines Schlüsselbund ertastet. Sie hat herzhaft zugegriffen – egal, ob das andere mitkriegten. Pardon: ich konnte den Aufschrei nicht unterdrücken.

„Das wollte ich schon lange, Garry“, flüsterte die Verführerin in meiner Umarmung. „Vielleicht hätte ich mich auch bei einem Fremden getraut, aber du bist ja ein Verlässlicher…“

Es dauerte noch Tage, bis Mechtild diese Einschätzung widerrufen konnte, aber sie hat dabei herzlich gelacht und mir liebevoll in den Bauch geboxt: „War extrem schön mit dir, Garry: ich suche uns ein schönes Hotel in Wiesbaden.“

Wenn ich meinen Tee entsorge, denke ich manchmal an den Urologen, dem ich viele seelenstärkende Treffen verdanke.

Die in Wiesbaden wohnende Mechthild ist mit einem Lady-Commander auf der US-Air-Base Wiesbaden befreundet; sie treffen sich oft. Als Gegenleistung für bis ins Kleinste ausführliche Berichte über unsere Liebestreffen vermittelte diese Audrey mir offizielle Kurier-Aufträge von Schottland nach Wiesbaden und zurück – meist gelang der Wechsel von der Royal zur US-Air-Force in Frankfurt am Main.

Viermal trafen wir uns in Wiesbaden, einmal kam Mechtild zu mir nach Edinburgh, einmal nach London. Next Meeting: Ramstein.

Ihr wisst, dass meine Zeitplanung schwierig ist, oft halsbrecherisch, aber mit der Zeit lernt man einige Tricks und Umwege, nicht zuletzt, weil ich zwei, drei einflussreiche Freunde habe.

Wenn wir uns wiederhaben, lebt unser Paarungswillen sofort auf. Unsere Zuneigung hält. Das ist erfreulich anders als bei den Pumas im Zoo.

Als Glücksbringer bleibt der spitze Stein aus dem Jardin. Mechthild tastet ihn in meiner Hosentasche ab, wenn wir uns treffen. Dann erinnert sie mich ohne Rücksicht auf Mithörende an die altüberlieferte Schneiderfrage beim Anprobieren einer Krachledernen – long ago – in den Alpen: „Tragen der Herr links oder rechts?“  

Ich konnte mich nie festlegen; Lebendiges wechselt halt. Die gründliche Mechthild findet den aktuellen Stand lieber selbst heraus. Das wurde unser Standard-Gag, der uns jedes Mal zum Lachen brachte.

Wenn Ihr wissen wollt, was ich noch für Mechthild tun würde: um ihre eine Freude zu machen, habe ich das Rauchen aufgegeben, einfach so – na ja, einfach war das nicht.

Es gab einen ernsten Hintergrund, über den wir noch nicht gesprochen haben. Wir waren einige Male nahe dran gewesen, es uns zu offenbaren. Ich meinte zu spüren, dass auch Mechthild ein quälendes Geheimnis hütete.

Hoffentlich ist es beim nächsten Mal noch nicht zu spät, es zu befreien. Ich ahne, dass es auch bei ihr um Thanatos geht. Sie wird doch nicht…

 

Zeigt eure britischen Besonderheiten

Ich rühme mich selten, aber wenn es um Frauenrücken geht, bin ich schwer schlagbarer Experte. Vor einigen Jahren hatte mein Bruder seinen Job verloren und ich meine Winterliebe und die Ersatzfreundin.

Diese Verluste brachten uns auf die Idee, ein paar Wochen lang Frauenrücken zu studieren.

Wir hospitierten eine Woche bei einem Masseur, der uns nach einigen Tagen auch selbst   massieren ließ, vertieften seine Anleitungen mit Fachbüchern und eröffneten im sommerlichen Eastbourne den „Flying Back´s Bus“ als Rücken-Massagesalon.

Mit sechs handgemalten Werbetafeln und auffallenden Tiefpreisen in dem teuren Seebad  lockten wir Urlauberinnen an. Wir hatten guten Zulauf, erfreulicherweise fast nur von Frauen. Viele Kundinnen waren starke und bleibende Erlebnisse für uns.

Nun, in diesem Jahr sahen wir die Chance, ein neues Geschäftsmodell mit einer Kulturtat  zu verbinden. Wir planten einen Fotowettbewerb von britischen Frauenrücken.

Wir wollen beweisen, dass britische Frauen im europäischen Vergleich besondere Rücken  haben; das wird in der Fachliteratur oft übergangen – wir halten diese Nichtbeachtung für   frauenunwürdig und korrekturbedürftig.

Natürlich geht es John und mir auch um neue, prickelnde Bekanntschaften. Erotik und Kunst leben nun mal seit Urzeiten voneinander.

Es war nicht schwierig, der Sache einen höheren Anspruch zu geben und den „Britischen   Frauenrücken Wettbewerb“ auf die Beine zu stellen, für diese patriotische Kulturtat zu werben und dafür Jury-Mitglieder zu finden.

Professoren und Richter im Ruhestand, frühere Politiker, auch Leute aus dem normalen und wenig herausragenden Leben, u.a. ein Bezirksschornsteinfeger, zwei Bademeister, ein Rathausmitarbeiter und eine frühere Schauspielerin von einem Stadttheater waren uns dankbar dafür, dass wir in ihnen weitere Experten für britische Frauenrücken vermuteten; wir erhielten keine Absage.

Es war viel Arbeit, landesweit einen Wettbewerb auszurufen; ohne Unterstützung der Presse und der Fernsehsender wäre das undenkbar gewesen.

Habt Ihr bemerkt, dass wir keine „schöngeformte“, „lustvolle“, „sinnliche“ oder „verführerische“Rückensuchenundauszeichnenwollen?–

diese auf dem Kontinent strapazierten Begriffe fanden wir für britische Frauen nicht zumutbar, schottische Frauen selbstverständlich ausgenommen. Die Vertreter der Kirchen unterstützten auf Anfrage unsere Sichtweise.

Das geschürte Interesse unter den Frauen – wir sprachen alle Altersgruppen ab 18 an, war unfassbar groß. Natürlich hielten sich nicht alle an diese Vorgabe: Hunderte Teenager machten mit und brachten uns in Verlegenheit. Wir mussten auch erleben, dass unglaublich viele Frauen die Vorgabe „Rücken“ einfach umdeuteten und uns andere Partien präsentierten.

Freilich hatten wir außer vier- und fünfstelligen Geldpreisen, gesponsorten Mini Cars und zwei Turnierpferden, fünfzehn Urlaubsreisen nach Spanien, dreihundert Freikarten für ein Pop-Concert und als Sonderpreis „drei Tage in einer königlichen Familie“ zu bieten, alternativ eine Woche Hospitation in einer BBC- Redaktion, bei Scotland Yard oder in einem besonderen Frauenhaus.

Wir wollten die Bewerbungen auf Großbritannien und unsere Inseln beschränken, wurden aber belehrt, dass auch die nicht dauernd im Ausland lebenden Britinnen teilnehmen können.

Wir bekommen Kredite und Zuschüsse von Banken und Kulturförderern. Die Jury und ihr  Beirat erhalten Unterkünfte und Gala-Essen in Premium-Hotels.

John und ich kriegen angemessene fünfstellige Monatssaläre, Hotel-Suiten und Dienstwagen mit Fahrer. Das alles bis sechs Monate nach Abschluss der Aktion und auch während einer möglichen längeren Abwesen-heit von mir.

Wir folgten dem Rat erfahrener Großveranstalter und stecken eine Unsumme in die Werbung.

Die möglichst, aber nicht zwingend, eingerollt in der Größe DIN A 3 eingesandten Fotos werden nach der Prämiierung von mehreren Museen aufgekauft und ausgestellt. Einsendeschluss ist das nächste Ende der Herbstferien. Anschrift: c/o British Museum, Sp.Obj.6000, Great Russell Str., London WC1B3 DG, UK.; eine Fünfpfund-Note und ein Lebenslauf sind beizulegen.

Ausscheidungstermine in London, Edinburgh und Belfast werden in der warmen Jahreszeit sein, die Endausscheidung der Siegerinnen ist an einem Jubiläumstag der Queen.

Welche üblicherweise fällige nationale Auszeichnung würdet Ihr uns für diese nationale Aktion gönnen?

Schlagt Eure Meinung Euren Abgeordneten vor und schreibt Leserbriefe. Unter diesen uns wertvollen PR-Hilfen losen wir Teilnehme-Freikarten für die Ausscheidungen aus.

PS: Der Prime Minister wird kein Jury-Mitglied sein.

Killer Update

Unsere früheren Schulungstreffen fand ich rein äußerlich interessanter: Einmal tagten wir in einem gemieteten Schulungsraum der Polizei-Akademie Rotterdam, einmal in einem Hausboot auf der Rhone, zu dem wir nur mit Fahrrädern kommen durften, einmal in einem Absteigehotel in Catania und einmal mit Zelten auf einer verwaisten Alm in Tirol; dorthin durfte ich ausnahmsweise meine damalige Lieblingsfreundin Sheyla mitbringen, ohne die ich ganz schlecht einschlafen konnte.

Diese Fachmeetings gehen jetzt nur über Video-Konferenzen. Wir essen nicht mehr gemeinsam, unternehmen nichts mehr zusammen, berichten nur stur und ermüdend über Verfeinerungen unserer Methoden.

Wir schotten uns streng ab gegen Berufskiller, das kann ich nicht oft   genugbetonen.

Wir kriegen alle diskrete Angebote aus Asien und Südamerika, aber auch mal aus einem europäischen Land, das Sie nie erraten werden.

Nichts da: das übernehmen wir nicht. Wir sind Hobby-Künstler, die seit Jahren unblutig arbeiten, als Bio-Killer sozusagen, und sehen die höchste Kunstfertigkeit darin, keine Spuren zu hinterlassen.

Ich durfte diesmal gegen ein anständiges Honorar von meiner verfeinerten McKinsay-Vanderbilt-Methode berichten. Die wichtigsten Inhalte habe ich nur angedeutet, denn solche Geheimnisse dürfen nicht in falsche Hände geraten.

Ich habe mit Bildfolgen aus einem Beamer einige Fälle von hinreißenden Frauen geschildert, bei denen kein Verdacht auf mich fallen konnte, weil ich das Zielereignis (Ihr versteht, was ich damit meine) manchmal erst zwanzig Minuten, öfter auch Stunden später, oder, das aber nur extrem selten, erst am nächsten Tag auslösen oder jedenfalls  erwarten konnte.

Die Kolleginnen und Kollegen haben mich gelöchert, ob ganz bestimmt kein Gift im Spiel wäre, oder eine Erstickungs-Art, ein grober Schock oder grausames Erschrecken – damit waren sie manchmal aufregend nahe dran, aber immer meilenweit vom Kern entfernt.

Ein Künstler aus Sri Lanka schien mir unheimlich ähnlich zu arbeiten; er zeigte einige schöne Ergebnisse; über seine und meine wurde stundenlang  gerätselt und diskutiert.

Ein dunkler Typ aus Kolumbien hat mich für eine lukrative Aktion nach Medellin eingeladen; ich will ihn nächsten Monat lieber in Irland treffen.

Bei der verlockenden Schlussaufgabe musste ich passen, weil sie auf einen sehr bekannten Mann zielte. Ihr wisst ja, dass mich Männer vollkommen kalt lassen.

Ruben hat mich in der letzten Stunde schon zweimal gemahnt: „Papa, du hast es doch fest versprochen.“

Nun ratet mal, mit welchem Ball meine Tochter auf mich wartet und welche Sportart  mir liegen könnte.

                           Toska und Paula

Zur Einstimmung wiederhole ich den Schluss von „Ende einer Dienstfahrt“ in einer der vorigen Geschichten:                                                          

In Madeira habe ich mir ein Auto gemietet

Ich nehme an, dass die beiden Damen in meinem Hotel auch nicht gern kilometerweit zu Fuß über die paradiesische Insel laufen und kraxeln wollen und lieber bei mir mitfahren möchten. Wir haben beim Frühstücken über die Schönheiten und Schwierigkeiten der Insel geplaudert, ich bot es ihnen an  und ich sah ihr Nachdenken und ihre Abwägungen.

Ich bin ungern lange allein.

Vielleicht lenkt mich das ab. Ich schwanke noch – soll ich die vermutlich betuchte Ältere mitnehmen oder die etwas pummelige Jüngere?

Hübsch sind beide nicht besonders. Erfahrene Herzensbrecher schwören ja auf die „zweite Wahl“.

Ich bin augenblicklich kein bisschen abenteuerlustig, aber soll ich diese aufregende Welt ganz ohne Frauen aushalten?

Mir war klar geworden, dass die beiden Molligen zusammengehören – nicht wie normale Lesben, eher mit einer Mutter-Tochter-Beziehung. Ich sah beim Frühstücksbuffet ihre Zimmernummern auf den Plastikschildchen:  3-22 und 4-12. Warum hielten sie nachts Abstand? Spielten hier noch andere Leute mit?

Ich drängte nach unserer netten Plauderei, dem gewachsenen Gefühl, dass wir harmonieren, gleich nach unserem späten Frühstück zu einer Entscheidung: „Können wir um Elfdreißig starten, Ladies? Wird Zeit für eine erste Rundfahrt an der Westküste.“

„Brauchen wir Badesachen?“, fragte Paula.

„Die können wir immer im Auto lassen. Um die Mittagszeit wäre es verrückt, an den Strand zu gehen. Nehmen Sie Sonnenschutz mit. Ich heiße übrigens Hannibal.“

„Und wir Toska und Paula. Auf ein gutes Miteinander. Wir sind zur Erholung hier – Toska braucht sie mehr als ich. Gestern haben wir nur im Park im Schatten der Palmen in einem Blumenbeet gelegen und die Ruhe genossen. Hat uns  gutgetan.“

Als die beiden in den Lift gingen, machte es bei mir Zack. Nach meiner jahrelangen Aufmerksamkeits-Gewohnheit fiel mir der Mann auf, der den Frauen nachsah und mit abschirmender Hand in sein Handy sprach. Also gibt es mindestens zwei, die sich für die Frauen interessieren – ich war für sie vielleicht nur eine Nebenfigur.

Warum interessieren sich andere für diese Frauen? Normale Männer scheinen nicht dahinter zu stehen, jedenfalls nicht als Eifersüchtige.

Ich legte diskret zehn Euro auf den Desk, als ich mich erkundigte: „Wann sind die beiden Damen in 3-22 und 4-12 angekommen – und wo wohnt der Begleiter?“ Die zögernde Antwort kam erst nach dem zweiten Schein: „Frau Dr. Hammerschmidt und Frau Schubarth sind vorgestern eingetroffen. Der gebuchte PC-Spezialist hat im Nachbargebäude einen Raum eingerichtet.“

Also doch. Es kann nicht ihr Spanischlehrer sein. Lover auch nicht. Aufpasser? Spion? Geheim-Sekretär? Mit wem ist er verbunden?

Ich tippe auf die Ältere. Braucht sie einen Verbindungsmann? Hat sie einen wichtigen Job? Ich muss vorsichtig fragen… Paula scheint leichter auszufragen zu sein.

Doch sie waren neugieriger als ich. „Wo kommen Sie her, Hannibal? Aus Afrika – schwer zu glauben…“

Ich ging darauf ein: „Mein Vater war ein zählebiger Berberhäuptling und …“

Toska ergänzte für mich: „Der Klassiker also: Ihre Mutter war eine ungarische Sängerin. Wenn ihr Kamel eines Abends eine Wasserstelle nahe einer Oase aufspürte…“

„Stimmt, der ganze männliche Stamm hat sie als Oase gesehen und lustvoll ausgeschöpft…“

„Hatten Sie eine schwere, frauenlose Kindheit, Hannibal?“

„Nicht wirklich. Ich bin in einem ägyptischen Frauenkloster aufgewachsen und war dort das Lieblingspüppchen…“

…ohne das mehrere Nonnen sicher nicht einschlafen konnten. Es gab dauernd Streit…“

„Sie haben ständig an mir gezerrt. Wollen Sie die Narben sehen…?“

Wir haben herzlich gelacht. Über Flachsereien kommt man sich auch gut näher.

Die beiden Frauen hatten sich mit ihrer Kleidung der heißen Madeira-Temperatur angepasst und vorsorglich auch Regenjacken mitgebracht, auch einen Packen Handtücher und einen Standschirm. Die Sonne schien ihnen gefährlich zu sein. Das fand ich gut, denn ich kann Touristinnen nicht leiden, die immerzu ihre Haut von der Sonne anbraten lassen.

Toska setzte sich neben mich. Ihre dunkelblonden Haare sahen nicht mehr bestens frisiert aus. Ich freute mich, dass sie die Perlenkette im Zimmer gelassen hatte, die meisten Ringe auch.

Ich kann Perlenketten nicht leiden. Auch Paula hatte abgerüstet. Als sie hinten einstieg, habe ich ihr braunes Haar gestreift und ihr Parfüm hat mich angeweht, herb und verhalten. Als ich ihr unnötigerweise beim Anschnallen half, konnte ich unmöglich übersehen, was ihr BH andeutend festzuhalten hatte. Wie lange wird er sie darin einzwängen?

Toska war doch nicht so schweigsam, wie ich befürchtet hatte: „Wir sind es nicht gewohnt, uns ein Programm überstülpen zu lassen. Für heute ist es willkommen, denn wir müssen erst unsere Form finden. Es ist auch gar nicht sicher, dass wir morgen noch mit Ihnen fahren wollen.“

Sie hat mich aus der Reserve gelockt: „Es ist auch gar nicht sicher, ob wir morgen noch leben…“

„Sind Sie ein so miserabler Fahrer, Hannibal?“

„Ich bin einer der sichersten ausländischen Fahrer in ganz Portugal. Aber ich habe den Kerl gesehen, der Sie beschattet.“

„Finden Sie es nicht normal, dass uns Frauenjäger auflauern?“

So viel Selbstironie fand ich toll.

Wir waren inzwischen die hübsch verschlungenen Straßen durch Camara de Lobos, Ribeira Brava und Ponta do Sol gefahren. Es war anstrengender, als ich es erwartet hatte – aber auch schöner durch die allgegenwärtige Blumenpracht. Ich machte Stimmung für eine Mittagsrast im farbenprächtigen Madalena do Mar.

Sucht mal in Madeira eine ansprechende Futterstation, die noch nicht von Touristen überquillt!

Wir hatten Glück und fanden im schattigen Garten eines Gasthauses drei nicht ganz zueinander passende Plätze an einem großen Tisch mit außerordentlich lustigen Skandinaviern.

Wir drei teilten uns die Große Fischplatte für zwei und einen leckeren Salat. Salzgebäck, gefüllte Weinblätter, Peperoni und Oliven als Vorspeise. Dazu tranken wir Orangensaft und Kaffee.

Die Nordländer prosteten uns zu und forderten Paula zum Tanz auf. Ich bewunderte ihre Entschlossenheit, den Männern mit Worten und Gesten klarzumachen, dass sie nur mit Frauen tanzen möchte.

Tatsächlich hat sich eine Frau aus der Gruppe getraut, zu Paula zu gehen und sie zu umarmen. Nüchtern war sie nicht mehr, das machte es ihr leicht; Paula musste sich anstrengen. Der langsame Song ging bald zu Ende, der folgende regte die Frauen zu einem offenen Tanz an.

Alle Norweger standen im Kreis um die Tänzerinnen herum und klatschten den Takt oder was sie dafür hielten. Nach dem Ende des Schlagers umarmte Paula ihre Tanzpartnerin, küsste sie links-rechts-links und kam lachend zu uns. Die nordischen Frauen und Männer applaudierten ihr.

Weil Toska neben mir saß, habe ich den Taschendieb nicht bemerkt, nicht bevor er fassungslos neben der vom Stuhl gerissenen Toska kniete. Der Mann mit einer umgebundenen Kellnerschürze konnte nicht damit rechnen, dass die von ihm Beklaute ihr rotes Täschchen mit einem dünnen Drahtseil um ihre Hüften gesichert hatte. Das rote Ding hatte zudem einen schrillen Alarm ausgelöst.

Ich hatte Zeit, dem Mann einen kräftigen Schlag in den Magen zu hauen und ihm mit dem schottischen Polizeigriff die Arme umzudrehen.

Die aufgeschreckten Nordländer halfen mir, den Mann an einem Palmen-stamm festzubinden, bis die Polizei ihn abholen konnte.

Die Polizei staunte über Toskas ungewöhnliche Wertsicherung. Sie fischte aus ihrer Tasche zwei Dokumente heraus: ihren Personalausweis und einen von mir noch nie gesehenen rot-gelben Bildausweis in englischer Sprache. Dieses kleine Ding hat die Polizei beeindruckt und ihr Protokoll und meine Vernehmung unwahrscheinlich verkürzt.

Ich saß auf heißen Kohlen. Ihr wisst ja – mein Verhältnis zu Polizisten ist etwas gestört.

Die ausgelassene Stimmung war dahin. Toska ließ mich mit zwei Geldscheinen aufgerundet bezahlen, nahm sich den Schlüssel und musste zum Auto; unsere Mahlzeit war schön teuer.

Paula, die mir vorher schräg gegenüber gesessen hatte, kam jetzt auf den Stuhl neben mir – und hatte offenbar die Eingebung, den anderen Gästen etwas erklären zu müssen: Sie umarmte mich halb und küsste mich auf die Backe – und weil das bei mir starke Reflexe auslöste, küsste ich sie, wie es sich gehört. Das blieb, wegen ihrer Lesben-Scheu, lange einmalig.

Nach dem Bezahlen sorgte ich dafür, dass Paula auf dem holprigen Weg zum Auto nicht aus dem Gleichgewicht kam – obwohl sie noch nüchtern war. Ich sorgte diskret dafür, dass sie trotzdem stolperte – in meine Arme. Wenn das Schicksal es unbedingt wollte: Ich habe eine Frau geküsst, bei der Männer keine Chance haben. War auch eine nützliche Erfahrung. Und sagt selbst: wenn wir schon so weit waren, wie konnte das mit uns weitergehen?

Toska saß im Auto und telefonierte laut und aufgeregt. Wir störten sie nicht und konnten die Zeit für uns nutzen:

„Es war ein schönes Bild, Paula, Sie tanzen zu sehen. Ich kann mir denken, dass ich bei Ihnen weniger Chancen habe als die Norwegerin…“

„Das denken Sie richtig, Hannibal, und es hält Sie hoffentlich davon ab, mir anderes vorzuschlagen. Den unverschämten Übergriff eben schreibe ich in mein Tagebuch. Das brauche ich für meine Anzeige in Deutschland. Sieht nicht gut aus, für Sie, Hannibal.“

„Paula, ich freue mich, wenn Sie sich freuen. Nur…“

„Nur was, Hannibal? Leidet Ihre Männlichkeit?“

„Ich glaube nicht. Aber mein bisheriges Leben war voller Ausnahmen. Deshalb respektiere ich feste Überzeugungen und Gegebenheiten – und vertraue darauf, dass es weiter das Zauberwort „ausnahmsweise“ gibt.“

„Warum sollte das Schicksal Sie so verwöhnen – und zu wessen Nachteil?“

„Ich habe seherische Fähigkeiten, Paula. Sie werden sich heute Abend unvernünftig betrinken und gar nicht auf die Idee kommen, sich zu wehren, wenn wir beide in mein Zimmer torkeln…“

 

„Könnte heute ein bisschen spät werden, Hannibal, denn ich fahre lange nach dem Abendessen in die Stadt. Vor Mitternacht soll ja dort nichts los sein. Ich weiß, wo es gute Discos gibt. Geben Sie sich keine Mühe. Ich fahre alleine.“

„Worüber habt Ihr so auffallend verschieden gelacht?“, fragte Toska uns. Paula gab ihr eine Kurzfassung, über die ich mich nicht freuen konnte.

Toska wurde ernst: „Das Leben macht uns wieder einen Strich durch unsere Urlaubserwartungen. Paula, wir müssen heute Nachmittag arbeiten und eine Video-Schalte machen, vielleicht morgen früh noch einmal. Hannibal, wollen Sie nicht lieber bei den Norwegern bleiben?“

„Lieber nicht. Ich hatte mich darauf eingestellt, dass wir nach einem hier unüblich frühen Abendessen ein kleines Gesundheitsprogramm für Sie, Toska, einlegen: ich gebe Ihnen eine professionelle Nacken-Schulter-Massage; Paula wird natürlich dabei sein.“

Ihr werdet es schwer glauben: Ziemlich ähnlich geschah es. Ich erfuhr, als Toska wieder mal telefonierte, ohne zu fragen mehr von Paula: Dr. Toska Hammerschmidt war eine leitende Beamtin im halbierten Bundesverteidigungsministerium in Bonn.

Paula arbeitete als Referentin im Bundesamt für Militärausrüstung in Koblenz. Die Damen hatten vor Jahren ein engeres Liebesverhältnis und arbeiteten seither ungewöhnlich kooperativ – nehmen wir mal an, zum Nutzen der Wehrbereitschaft.

Seit einiger Zeit standen unwahrscheinlich teure militärische Anschaffun-gen an, die von zwei Ministerien mitverhandelt wurden.

Mit diesen gab es Schwierigkeiten der Abstimmung, kritische, nicht immer sachliche Fragen und Gegengutachten – kurz Ärger zwischen Berlin, Bonn und Koblenz. Dann kam aktuell dazu: Ein irrsinnig kostspieliges Objekt war aus Bundesmitteln bezahlt worden, aber seit Tagen spurlos verschwunden.

Ich habe nicht herausbekommen, ob es ein U-Boot, ein Tarnkappenbomber oder eine neue Software war.

Die Video-Konferenz mit Gesprächspartnern in Berlin, Bonn und Koblenz war mir schwer vorstellbar in Toskas Zimmer. Dafür hatte der gebuchte PC-Kundige aus Madeira im Nebengebäude einen Computer eingerichtet und den Hintergrund gestaltet.

Mir wurde das alles zu viel. Könnte ich jetzt noch in anderen Trouble hineingezogen werden? Wenn die beiden Frauen wenigstens attraktiver wären! Spielt das Schicksal mal eben einen kleinen Rachefeldzug gegen mich? Soll das jetzt ein Ersatz für Hayley und das erträumte Paradies sein?

Beim Abendessen war unsere Stimmung gestört. Immerhin wurden wir drei vertrauter miteinander. Und Toska hatte tatsächlich Nackenschmerzen. Oben in ihrem Zimmer riet ich ihr, sich rittlings auf einen Stuhl zu setzen. Weil sie ein Kleid trug, half ihr Paula, es auszuziehen und sich in eine Decke zu wickeln – in blauer Unterwäsche.

Während ich sanften Druck übte, anfangs über die vier Träger hinweg, versuchte Paula zu lesen; dazu hatte sie ein Buch und ihre Brille mitgebracht, aber das Licht war zu schwach. Sie sah mir lächelnd und wahrscheinlich neidisch zu. Als das Handy klingelte, nahm Toska es von Paula an.

Ich wandte mich diskret ab und verarbeitete mein Entsetzen: denn ich hatte auf Toskas Schulter ein Ungeheuer gesehen.

Ich winkte Paula zu mir und flüsterte meine Entdeckung: „Du, Toska hat unter der Schulter ein unnormales Muttermal; es könnte ein Melanom sein.“

Sie nahm es protestlos hin, dass ich zum Du übergegangen war (ich überließ es meiner Übersetzerin, bei Paula ab jetzt „you“ mit „du“ zu übertragen): „Sie weiß das.“

„Es könnte schwarzer Hautkrebs sein, lebensgefährlich. Wir müssen etwas tun. Aber keine Panik. Ihr habt noch ein paar Tage Urlaub, sowieso schon bezahlt, die sollten wir Toska gönnen und es ihr schön machen. Wer weiß…“

„Ich sagte doch: Sie weiß es.“

Toska hatte ein offenbar aufregendes Gespräch, wir achteten nicht darauf, sie hoffentlich auch nicht auf uns. Ich überredete Paula: „Versuche, die Stelle näher anzusehen; sie hat keinen festen Rand und Brauntöne und ein bisschen schwarz… aber sage ja noch nichts zu ihr. Ich muss mal kurz raus…“

Kurz war das nicht, denn was ich über das Melanom googelte, war alarmierend. Nach zwanzig Minuten klopfte ich an Toskas Türe.

Paula öffnete mir. Toska war wieder angekleidet. Sie hatten nicht darüber gesprochen. Ich begriff zu spät, dass Toska nicht nur Bescheid wusste, sondern sich gegen eine Operation wehrte.

Die Karre war verfahren. Wir brauchten eine andere Stimmung.

„Ladies, wir sollten uns unten in der Bar einen guten Schluck Rotwein zu gönnen. Darf ich draußen auf Sie warten?“

Der Rotwein und die Barmusik beruhigten uns. Paula hat sich spätabends verabschiedet und ein Taxi genommen. Sie ließ mich mit Toska allein, die Paulas Vorhaben nicht gut zu finden schien. Toska war weniger zugeknöpft als vorher und wenn ich mich nicht sehr täuschte, versuchte sie einen kleinen Flirt mit mir. Ich überlegte: Soll ich`s versuchen?

Toska war schneller: „Hannibal, Sie wollten Paula betrunken machen und in Ihr Zimmer abschleppen. Ich finde, ich sollte Paula vertreten. Nur anders.“

Wir blieben noch lange in der Bar, plauderten, lachten, tranken unbeachtete Mengen Rotwein zu dem Knabberzeug und den salzigen Oliven. Toska war weinhaltige Gelegenheiten gewohnt.

Ihr fürchtet, dass ich gequält mit einer welken Frau rummachte? Total falsch. Sie tanzte gut, körpernah wie bei mir bevorzugt und summte   einige Songs mit. Sie trank mehr als ich. Offensichtlich war, dass sie so schnell nichts aus der Bahn werfen konnte.

Es wird wenig geben, das sie nicht schon mal erlebt und überlebt hat, Schönes und Bitteres. Schrecken der Menopause? Männerfeindlichkeit von Lesben? Toska war anders.

Sie war es gewohnt, Richtungen anzugeben, auch nach Stunden: „Es wird Zeit, Hannibal, bringen Sie mich nach oben.“

Ihr liegt falsch. Was Ihr denkt, blieb aus. Ich blieb angekleidet neben ihrem Bett. Toska wünschte sich ein lustiges Spiel. Endlich auch per Du.

„Ok, du bist ein Mensch, der einiges zu beichten hat. Werde es los…“

„Das geht hier nicht, Hannibal. Du wärst nur der unerlaubte Zuhörer, nicht der Abnehmer der Beichte. Wenn ich beichte, will ich auch freigesprochen werden.“

„Ok. dann musst du mehrere Rollen spielen. Die Frau, die mit diesen fünf Männern in einer Berghütte eingeschneit ist: Putin ist dabei, ein fetter bayrischer Kardinal, The Sexiest Man Alive, Wolodymyr Selenskyj und Richard Gere. Nicht nur ich schaue zu; das Video wird über die Medien abrufbar.“

Die Umsetzung des improvisierten Drehbuchs wurde lustig, aber anstrengend. Ohne Wein hätten wir das nicht durchgestanden.

Das blieb nicht die einzige Überraschung für mich. Wahrscheinlich habe ich sie direkt nach ihren schlimmen Erfahrungen mit Männern gefragt. Aber meine Erinnerung täuschte mich etwas: Denn Paula war in dieser Szene dabei:

„Wie kannst du dich bei sicher oft brutalen Kerlen durchsetzen?“

„Auf Reden einer Frau hören sie so gut wie nie. Manchmal hilft ein Nachgeben in einer erbitterten Streitfrage, manchmal ein saftiges Geldgeschenk und manchmal hilft nur die altbewährte Bettdiplomatie. Ich habe es darauf anlegen müssen, mich von Vizepräsidenten und Ministern ins Bett ziehen zu lassen; das war übel genug, aber dazu musste ich auch mit Warlords, Wirtschaftsbossen und Stammesführern schlafen: der älteste war sechsundneunzig und nicht alle hatten sich vorher gewaschen.

Alle wollten Waffen und meinten, die Zahl und die Preise im Bett drücken zu können. Jetzt weißt du, warum man für diesen Job eine Frau wie mich brauchte.

Ich kam nach Jahren darauf, dass ich mich auch von jüngeren Schönheiten im Staatsdienst vertreten lassen kann. Die Jobs sind wegen des hohen Gehaltes begehrt, auch der Job des für ihre Auswahl zuständigen Referenten.

Nebenbei, die Kerle konnte ich schnell vergessen, das waren für mich gut geschützte Minutengefechte, bei denen ich mich als Frau verleugnen, verklemmen und verstellen musste, aber dass ich noch lebe und mein Leben freudig bejahe, das ist schon ein Wunder.“

„Die Bundesrepublik wird es dir danken, Toska. Ahnst du, wohin Paula gefahren ist?“ Jetzt war sie also nicht mehr neben uns.

„Ich glaube, sie ist in eine Disco gefahren, die für viele Lesben bekannt ist; sie wird die Adressen in ihrem Notizbuch stehen haben.“

„Wenn sie nur dieses Ziel hätte, würde ich mir weniger Sorgen machen. Unser Verhältnis ist locker geworden, „befreiter“ sagt Paula, „ärmer“ sage ich. Wir haben uns geliebt.

Mir fällt gerade ein, dass ich Paula zu einer Dozentur an der Bundeswehrhochschule in München verholfen habe. Würde dich das auch interessieren?“

„Aber ja. Für welche Themen müsste ich bereit sein?“

„Gut wäre, wenn du dich auf Abwehrsysteme einstellen würdest, speziell auf Panzerhaubitzen. Kennst du dich damit aus?“

„Ich habe den Rat von Roosevelt in Erinnerung: Wenn du gefragt wirst, ob du einer Sache gewachsen bist, sag ja und finde heraus, wie es gemacht wird. Hat mir schon mal geholfen. Panzerhaubitzen kenne ich nicht, aber ich bin auf einer gezeugt worden.“

„Das kann ja schlecht sein. Wäre aber eine gute Story. Schreib mir mal deine Daten auf.“

„Oh, das ist ein wunder Punkt bei mir. Ich lebe seit langem mit falschen Pässen…Ich müsste meine Identität erneuern…

Meine Mutter hat meinen Vater in einer Gefechtspause der Artillerie besuchen dürfen. Sie werden auf den heißen Metallflächen der Ausrüstung einiges ausprobiert haben…“

„Deine Identität lässt sich ändern, wäre sogar von Vorteil. Dein Verfügungsfonds würde für Erkundungsreisen zu den Rüstungsherstellern in aller Welt reichen. Du machst Anschaffungsvorschläge, die dann auf meinem Tisch landen.“

Wir frühstückten entspannt zusammen und ließen uns Zeit. Sie verdünnte den Orangensaft stark mit Sekt. Ich half, die Flasche zu leeren. Toska schaute öfter auf ihre Uhr; Paula ließ sich Zeit mit der Rückfahrt.

Als sie uns im Frühstücksraum mit Wangenküssen begrüßte, hatte sie schon geduscht. Sie war bestens gelaunt. Mir schoss ein Gedanke durch`s Hirn: Würde sie so strahlend lächeln, wenn es einen Mann weniger auf dieser Insel gäbe? Wie sieht ein Killerlächeln bei Frauen aus?

Das war nur so dahingedacht, aber es könnte auch die sensible heimliche Kommunikation sein, die unter Mördern vorkommen soll. Nur wenig später bekam ich die unerwartete Antwort: Es stimmte. Das raunte sie mir erst zu, als sie mit ihrer ganzen duftenden Molligkeit auf mir lag.

Paula wirkte jetzt erst mal aufgekratzt; es tat uns allen gut. „Welche Ziele schlägst du uns als Nächstes vor, Hannibal? Bloß kein stinklangweiliges Touristenprogramm; wir wollen was Ungewöhnliches erleben.“

„Also, wir fahren etwas auf der Nord- oder Ostseite der Insel entlang und bei jedem Stopp erzählen wir uns Geschichten.

Für Toska hätte ich noch diese Aufgabe: stell dir vor, du seist als eine zum Feuertod verurteilte Hexe oder Königsmörderin auf dem von einer stattlichen Menschenmenge umgebendem Schafott der Gewalt des Henkers ausgeliefert.

Dein mit Quälereien erreichtes Schuldeingeständnis erntet großen Beifall. – unter dem Johlen der Menge, viele Frauen sind mit ihren Kindern dabei; alle wollen die letzten Bilder von dir miterleben.

Dann schneidet der Henker Stück für Stück deine schönen Haare ab – und die Delikatesse: er rasiert deine Schamhaare. Der Bürgermeister teilt sich vor Aufregung zitternd die Arbeit mit ihm. Die Frau des Henkers wird sie später auf einen sehr gut verkaufbaren, glückbringenden Geldbeutel kleben. Alte Säcke sollen viel dafür zahlen.

Du schaust dich um und sprichst mit beschwörender Stimme deinen letzten, hier auf der Bühne leistbaren Wunsch aus. Egal, wie schwierig er ist…

Danach könnt Ihr mich, wenn`s Euch interessiert, nach Abenteuern mit meinen Frauen fragen. Für Paula hätte ich für heute Nacht noch ein Mega-Abenteuer – ein riskantes Spiel in Funchai…“

Es kam anders: Toska hat meine Schafottgeschichte so aufgewühlt, dass sie mich ohne Vorwarnung auf sich gezogen hat.

„Und wenn es mein letztes Mal sein sollte, Hannibal, ich will es jetzt; komm, zieh mich aus!“

Viele, wenn nicht die meisten meiner Liebesaffären gingen stärker von Frauen aus. Von denen gab es nur sehr wenige, über die ich mich nicht nachhaltig freuen konnte. Diese war so eine.

Nicht, weil Toska so tat, als wenn nichts passiert wäre – sie war auffallend freundlich zu mir und hatte mich vor allen Frühstücksgästen auf die Backe geküsst. Aber ich spürte, dass sie vor großer Anspannung bebte. Sicher dienstlich. Paula schien es auch zu merken.

Ich schloss das aus ihren Blicken zu Toska und mir. Als wüsste sie schon, was zwischen Toska und mir geschehen war. Sie hatte ein Gespür dafür – das eine früheren Geliebten.

In dem malerischen Ort, den wir nach einer schönen Fahrt erreichten, sahen Paula und ich, dass es Toska sehr angestrengt hatte.

Sie war sehr blass und hielt die Augen geschlossen, Wir sahen uns angstvoll an – und ahnten wohl, dass uns Schlimmes bevorstand. Wir hielten vor einem Hotel.  Drei Sterne nur – egal. Ich lief zum Desk und sprach mit den Angestellten. Als sie mit mir und einer Flasche Wasser zum Auto kamen, war Toska schon tot.

Die Hotelleute machten abwehrende Gesten und beschworen uns, mit der Toten bloß schnell weiterzufahren. Eine Leiche vor einem Hotel – Unglück pur.

Was tun? Momente der Ratlosigkeit. Paula klammerte sich weinend an mich.

„Wir müssen ins nächste Krankenhaus. Ich frage Passanten nach einem Hospital.“ Wir wurden Richtung Funchai gewinkt.

Es wurde ein Leidensweg: Das Hospital stoppte den sofort eingeleiteten Wiederbelebungsversuch. Immerhin nahmen sie uns Toska ab.

Sie ließen uns warten, bis die Polizei kam und uns in einem Nebenzimmer vernahm: in gebrochenem Englisch. Sie hielten sich verständnislos auf mit der Frage, wie Paula und ich zusammengehören – Freundschaft? Mit zwei Frauen?

War ich nur der Fahrer? Sie sahen, dass Paula fest meine Hand hielt und dicht an mich gerückt war. Als sie Toskas Ausweise ansahen, telefonierten sie lange, wahrscheinlich mit ihren Vorgesetzten, dann mit dem Hotel, dann mit den Polizisten in Toskas Zimmer, dann sprachen sie noch einmal mit einem leitenden Arzt.

Nach über vier Stunden kamen wir erschöpft in unser Hotel. Ich überredete Paula, etwas zu essen. Sie wirkte überfordert. Ich aber auch. Paula klammerte sich an mich: „Bitte, Hannibal, bleib bei mir. Ich kann jetzt nicht allein sein…“

Auf einmal passten wir wie lange schon zusammen. Es gehörte dazu, dass wir uns umarmten, küssten, stumm auszogen und einander suchten und fanden.

In meinem Zimmer lag einiges wie immer bei mir herum. Paula achtete nicht darauf und kroch in mein Bett: „Lass mich bei dir bleiben,  Hannibal, Lieber!“

Noch am Nachmittag rief Paula in mehreren deutschen Dienststellen an, erreichte nur die Notdienste und endlich einen Referenten im Ministerium der Staatssekretärin. Er verwies Paula an das deutsche Honorarkonsulat in Funchai und gab ihr auch die Kontaktdaten der Botschaft in Lissabon durch. Er sei sicher, dass die mit Toska gut vertraute     Staatssekretärin morgen mit den deutschen Vertretungen und mit ihr Verbindung aufnehmen würde.

Er fragte noch nach dem Verhalten der örtlichen Polizei – und nach allen Zeugen des Ablebens von Frau Dr. Hammerschmdit.

Ihr könnt Euch denken, dass meine Ruhe dahin war und meine Lust auf die Schönheiten der Insel – es überwog die Angst vor den bereits angekündigten Befragungen der Polizei.

Paula war aufgewühlt. Die Nächte haben uns richtig zusammengebracht. Ich erkannte sie nicht wieder – sie suchte oft meine Nähe, drängte  mir ihren Schoß auf.

Ihr unerwartetes Verhalten erinnerte mich an Hannah, mit der ich bei der Abschiedsfeier für einen Freund getanzt hatte. Es war der Vorabend ihrer Verlobung und sie wollte sich unbedingt noch einmal zum Abschied von ihrem Single-Leben verschenken. Paula nahm Abschied von ihrem bisherigen Leben als Männer wegdrängende Frau…

Für die Hotel Crew und für einige uns öfter grüßende Gäste waren wir ein Paar. Eins, das landesübliche strenge Trauer zeigen musste, für unser Empfinden übertreibend. Wir blieben lieber lange in ihrem und meinem Zimmer.

Zu Paulas Aufgeschlossenheit gehörte auch ihr Geständnis an meinem Halse: „Ich habe mich von dem von mir ausgesuchten Mann ins Hotel abschleppen und ihn Unmengen Wein trinken lassen – bevor ich dafür sorgte, dass er an Erbrochenem erstickte.“

Für eine Ungeübte war das und ihr unbemerktes Entkommen eine reife Leistung. Sie hatte noch mehr Ähnliches vorgehabt – ich konnte nur rätseln, warum. Jetzt zitterte sie vor der Auswertung der Aufnahmen in der Disco und in jenem Hotel.

Zum Schluss war es schwer auszuhalten:  Paulas Anhänglichkeit hörte auf, mir zu gefallen – das merkte sie natürlich. Unsere Gespräche wurden quälender.

Toska wurde nach Deutschland überführt, Paula wollte noch bleiben.  Wir wurden uns über meinen Abschied einig. Paula kaufte mir ein Ticket nach London über Oslo; brachte mich zum Flughafen und winkte mir lange nach, als ich durch die Sperren zum Zoll ging. Da warteten zwei Polizisten auf mich, einer mit geöffneten Handschellen.

Als sie mich in ein Auto geschubst hatten, leckte ich etwas Blut aus meinem Mundwinkel.  Paulas  Küsse waren in den letzten Tagen und Nächten und eben beim Abschied keine sanften Schmatzer gewesen…

Paula hatte in der Umarmung gesagt: „Ich komme überall hin zu dir, wenn du willst – und wenn sie mich nicht vorher fangen…“ 

Ach Paula, wir können es uns nicht oft aussuchen. Aber, wer weiß…

 

       Eine neue Herausforderung

 

Hoffentlich ist Origon noch lange darüber stolz, jetzt Frau Higgins zu sein.

Unsere hastige Hochzeit musste sein; wir mussten uns eilen, denn sie hätte sonst keine Aufenthaltsgenehmigung bekommen und Ruben    keinen Platz in der Vorschule.

Das hat sich also erst mal gelohnt. Die Kuschelzelle bekamen wir nur für lumpige vier Stunden, wir waren gerade erst angewärmt. Es gab größere Freude darüber, dass Origon bei einem Bekannten von mir einen Job als Haushälterin bekam und Ruben nach der Vorschule spätnachmittags für ein paar Stunden mit ins Haus bringen durfte. Die kleinem Hunde warteten immer schon hechelnd auf sie; auch die fast gleichaltrige Miriam freute sich auf  ihre Gesellschaft.

Mit mir ist alles in Ordnung, danke. Die anderen Knackis sind nicht übertrieben höflich zu mir und nach der ersten gründlichen Abreibung sind außer dem Gips-Arm nur ein paar farbige Spuren geblieben.

Bei einigen meiner Kumpels habe ich mit einer sozialpsychologischen Beratung begonnen; „Coaching“ nenne ich das auf einem Pappschild; es wird ausbaufähig sein. Sie haben genug Probleme mit ihren Frauen, die sie schlecht schlafen lassen und bezahlen mich mit Zigaretten.

Ich habe jetzt Zeit, Leute, unwahrscheinlich viel Zeit, die will ich sinnvoll nutzen. Sobald sie mir eine Dreier- oder sogar eine Zweier-Zelle geben, werde ich meine Anträge erneuern, mein jetzt eingeschlossenes Notebook   zu bekommen und schreiben zu dürfen. Ich habe nämlich als Beruf angegeben: Schriftsteller und Journalist.

Sie werden ja wohl  Presse- und Meinungsfreiheit respektieren.

Ihr kennt ein paar Geschichten von mir. Ich bin voll von solchen Stories und plane ein Buch von allen, erst mal. Den Durchbruch wird vielleicht eine Fernseh-Serie bringen. So was aus der Sicht eines Betroffenen gibt es noch nicht; es ist, scheint`s, noch keiner draufgekommen.

Origon darf mich nur alle paar Wochen besuchen. Nur mit gemalten Bildern und einer Tonaufnahme von Ruben. Es geht natürlich alles durch die Zensur.

Meine Frau hat Antragsformulare für ein Fernstudium besorgt und meine Unterschrift für die Anmeldung nachempfunden, auch darin ist sie ein Schatz.  

Es geht mir um Wirtschaftsrecht; ich will hier mindestens eine Firma   gründen und leiten. Dafür sehe ich gute Chancen – ich muss ja auch etwas      Vermögen aufbauen.

Meiner Origon habe ich gesagt: „Herztausendschatz, warte nicht auf mich, das ist absolut aussichtslos wegen der anschließenden Sicherheitsverwahrung.

Besser, du wirst unabhängig, findest einen annehmbaren Vater für Ruben und hältst dich nicht mit rührseligen Erinnerungen auf.

Es war wunderschön mit uns beiden, aber das Leben hat anderes mit  mir vor – das müssen wir zulassen.

Lass Ruben was Gutes lernen, ruhig was Anspruchsvolles. Sie hat das Zeug dafür. Die Einnahmen aus meiner Schriftstellerei kriegt sie nach der alten Regel „halbe – halbe“. Pass auf, dass ihr das nicht in den Kopf steigt.“

Und Ihr, Leute, hört auf, Eingaben für mich zu schreiben. Die sind ohne eine Justizreform und bis ganz andere an die Macht kommen, total hoffnungslos.

Aber danke für Eure Freundschaft. Wartet auf mein Buch und auf die TV- Geschichten. Und hört auf, mich „Warum“ zu fragen. An einer vorzeigbaren Antwort arbeite ich schon jahrelang.

Director`s Cut

Ein Zellennachbar wusste es als erster. Dann merkte ich, dass die Aufsichtsbeamten nervös waren. Gleich nach der Mittagsschüssel holten sie mich zu Dr. Bullingmale. Ein Wächter konnte sich nicht bremsen: „Was, zum Teufel, hast du angestellt, dass dich die Chefin holen lässt?“

Ich machte ein ernstes Gesicht, vorsichtshalber, hatte aber wirklich keine Ahnung. So etwas war seit Menschengedenken nicht passiert. Nun ja – ich  binjanochneuhier.

Ich versuche, unsere Unterhaltung wiederzugeben:

„Hallo, Mr. Higgins“, überraschte sie mich und lud mich ein, ihr gegenüber zu sitzen. Sie entließ die beiden Beamten, nachdem sie meine Handfesseln geprüft hatten. Eine Haarsträhne hatte sich gelöst und sie hat sie hängen lassen. Ihre Bluse war nicht bis zum Hals zugeknöpft – richtig zivil.

„Tässchen Tee, Mr. Higgins?“

„Sehr gern, Frau Direktor *), die Sonne strahlt hinter Ihren Locken wie ein Heiligenschein. Als wenn heute Weihnachten wäre.“

„Trinken Sie, macht nichts, wenn Sie schlabbern, das ist gefesselt auch  schwer, denke ich. Sie sind jetzt über zwei Wochen bei uns, Mr. Higgins…“

„Ja, Frau Direktor, neunzehn Tage, und meine Frau durfte mich noch nicht besuchen. Ich verschmachte.“

„Das gibt sich. Sie wissen doch: Die ersten Nächte am Galgen sind immer die schlimmsten,  danach ist es auszuhalten.

Mit wem hatten Sie Kontakt in diesen Tagen; ich meine, außer mit dem Personal und den Mitbewohnern?“

„Ich hatte den Anruf eines Anwalts, den ich nicht Vertrauen erweckend fand.  Ich habe ja  viel Zeit, einen guten zu finden…“

„Ja, Zeit haben Sie. Und wie erklären Sie sich, dass Sie in der „Sun“ stehen?“

„In der „Sun“? Keine Ahnung; Die werden noch mal alles aufwärmen – das bisschen, was sie aus dem Prozess erfuhren. Vielleicht gibt es einen  neuen Fall..:“

„Nein, das muss etwas anderes sein. Wen kennen Sie denn in Österreich?“

„Verzeihen Sie meine Aufgeregtheit, ich bräuchte dringend…“

„Eine Zigarette? Mögen Sie diese?“

„Ich segne Sie, Madam. Ja, sicher kenne ich ein paar Leute in Salzburg    und Wien, in Klagenfurt und in Innsbruck, aber ob ich die Namen und Adressen noch erinnere…“

„Frauen werden es ja nicht gewesen sein, Mr. Higgins?“

„Müsste ich länger drüber nachdenken, Frau Direktor.“

„Wie kam die „Sun“ an diesen Hintergrund? Lesen Sie gründlich.“

Endlich gab sie mir die Seite mit der knalligen Überschrift, bei der mein Herz still zu stehen schien: „Inhaftierter Mörder soll Wiener Taskforce helfen.“

Ich war zu aufgeregt, um den langen Artikel gleich durchzulesen. Klar, das war ich; sie schrieben, ein im Königlichen Gefängnis Birmingham einsitzender, mehrfacher Mörder…

„Erklären Sie mir, Mr. Higgins, wie wollen Sie der Polizei in Wien helfen, Frauenmorde aufzuklären?“

Ich hatte die Ahnung: Dies könnte was Größeres sein. Ruhig werden und kühl bleiben:

„Frau Direktor, ich weiß nicht, wer dahinter steckt…“

„Könnte es Mrs. Higgins sein?“

„Völlig undenkbar. Sie ist ja noch ganz neu im Königreich…“

„Ich werde mit ihr sprechen, heute noch.“

„Oh, heaven! Noch eine Überraschung. Grüßen Sie sie bitte und sagen   Sie ihr, dass sie meine große Liebe bleibt, für immer. Auf jeden Fall bitte ich Sie, mir zu helfen, wenn ich von Wien angefordert werden sollte. Sie sind doch für mich verantwortlich…“

„Das findet meine Ministerin auch. Sie hat Wien Amtshilfe zugesagt. Wir reisen Dienstagmorgen. Es wird eine kleine Reisegruppe in einem großen Justizwagen. Mit einem Militärflugzeug. Bereiten Sie sich vor. Auch auf das, was die Wiener vermutlich hören wollen. Nehmen Sie die Zigaretten mit.“

Ich habe das Ungeheure mit meinen Kumpeln besprochen. Auf einmal war ich bei ihnen der King. Ein Knacki meinte: „Wenn die Zeitungsfritzen dich geortet haben, werden sie am Ball bleiben und dich bis Wien verfolgen. Die  brauchen dich für weitere Stories. Du musst Geld rausschlagen und ja nichts zu schnell ausplaudern.“

Hatte ich auch nicht vor. Klar, dass ich mein Notebook bekam; es gab viel zu notieren. Die Chefin wollte alles sehen und erklärt haben.

Ich brauchte Ruhe zum Nachdenken, das ging nur in einer Einzelzelle,ausnahmsweiseundnurvorübergehend.

Sie wird dabei sein, klar, dass  sie auch was für sich herausschinden will. Gönn ich ihr. Ihre Zigaretten schmecken mir wunderbar. Überhaupt…

*) In GB gibt es keine weibliche Anredeform für von Männern beherrschte  Berufe.

Nancy Garrick berichtet aus Wien:                                                                     Mörder macht Kasse

Erinnert euch, Folks, an unsere Serie „Der blonde Frauenjäger aus Glasgow“. Dem  Kerl werden sieben Frauenmorde angehängt; womöglich sind es mehr. Zu schade, dass er nicht öffentlich aufgehängt oder geköpft werden kann. Würde eine hübsche Frauenprozession anlocken. Wie geklagt, das wird uns nicht mehr gegönnt. Oder noch nicht.

Soll er wenigstens endlich was Gutes tun, ehe sie Seife aus ihm machen.

In Wien hat die Kriminalpolizei eine Sondereinheit beauftragt, den Frauenmördern auf den Pelz zu rücken – in vier Wochen waren es wieder sechsMordeinganzÖsterreich-undsiehabennichtmalgeschätztzweiMillionenFrauenimfürMörderoffenbarattraktivenAlter.

Natürlich gibt es für jeden Scheiß Spezialisten; bei den hiesigen Hitler-Verwandten sicher mindestens so viele wie bei uns. Immerhin ist die   Seelenklempnerei hier erfunden worden. Aber: Die neue österreichische Justizministerin von den Grünen hatte die blendende Idee: Holt einen Frauenmörder in die Taskforce, lockt ihn mit Versprechungen, damit er uns sagt und zeigt, wie Frauen-Killer das machen, und vor allem: warum.

Nun, wir haben so einen Goldjungen, den gerade 30-jährigen J. H., der in dem netten königlichen, uralten Gefängnis in Birmingham (wir berichteten mehrfach über die zum Himmel schreienden Missstände dort) seinen Lebensabend verbringen darf.

Ich habe ihn bis jetzt nur von weitem gesehen. Als Kerl: Geschmacksache.   Mich hätte er nicht so schnell gekriegt, wahrscheinlich jedenfalls.

Ich habe überlegt und im Archiv gestöbert: Sind die Hunnen nicht mal in Westschottland gelandet und haben jede Menge blonde Kinder dagelassen?

War ja auch nicht freiwillig, aber die Frauen konnten wenigstens weiterleben. Obwohl – es blieb immerhin Schottland…

Also, der grüne Truck ist mit einer Militärmaschine gestern Abend hier in Schwechat gelandet, wie ich erfuhr, mit sieben Sicherheitsleuten und dem stinkenden Ehrengast.

Seine Gefängnisdirektorin, sie heißt mit Vornamen Helen, war vorausgeflogen und hat die Gruppe in Empfang genommen. Dann ging es ab in ein geheim gehaltenes Hotel.

Ich versuche, mich dort einzumieten. Ein Taxifahrer hilft mir für eine zusätzliche Gefälligkeit.

Mal sehen, wie Julian Higgins beim Frühstück in der Nähe aussieht. Ich trage morgen Vormittag eine Service-Schürze – mit einer Mini-Kamera in der Schürzentasche oder im Strumpfband.

Ich will sehen, wie auf ihn aufgepasst wird. Es sind für meinen Verstand zu wenige in Wechselschicht.

Der Vogel fliegt ihnen bestimmt nicht weg; der wird hier noch was aufreißen wollen. Und was ist für den Frauenjäger Higgins verlockender als Frauen?

Ich und mein Team setzen alles daran, Sie auf dem Laufenden zu halten.

Flaschenpost aus Wien

bitte weitergeben an Mrs. Origon Higgins, c/o Portobello Mini Hire, 317 Westbourne, Park Road, W 11 London UK.

Liebe Freunde und meine liebe Frau:

Das steht für mich fest: ich mache keinen Schritt ohne Helen. Sage auch  keinen Satz, den sie und mein Agent nicht für angemessen gehalten haben.

Denn, Leute, das wird hier eine heiße Sache. Nicht nur, weil es eine wunderbare Alternative zu meiner armseligen Behausung in Birmingham ist.   Mein wichtigstes Kapital: Sie brauchen mich.

Meine einfühlenden Erkenntnisse hatte ich schon am dritten Tag, als ich die   Fotos der Kollegen sah, die sie geschnappt und in zwei Fällen leider erschossen haben: Ich sage Ihnen das Geheime erst ganz langsam, stückweise und vielleicht am Schluss; vorher nur Alternativen, Strohmännerzeug sozusagen.

Die Schlawiener sind fantasiearm, aber das ist für mich Geld wert. Ich lasse sie zappeln, ohne das Interesse an mir zu gefährden. Sie sollen spüren, dass ich viel mehr weiß als ich sage.

Helen glaubt mir bald, dass ich ihr Fan bin. Erstaunlich, auf was sie alles reinfällt. Könnte an ihren Wechseljahren liegen und daran, dass sie nach ihrer zweiten  Scheidung nur Wächter und Knackis gesehen hat. Und zuhause wartete ein leeres Sofa auf sie, denn ihren kleinen Köter brachte sie immer mit ins Knast-Büro.

Sie haben mir eine superhübsche Psychologin geschickt. Die will „eine Vertrauensbasis“ zu mir „aufbauen“ und todsicher einiges aus mir rauslocken, was ich offiziell nicht rauslasse. Musste sie so weit gehen, den BH wegzulassen? Was wird sie als Nächstes aufgeben? Spannende Sache

Ach so, mein Agent. Diese Burschen halten sich hier die meisten Künstler.

Er hat Erfahrungen damit, Honorare für alles Mögliche herauszuschlagen und   Versprechungen vertraglich festzumachen. Kleines Problem: Ich bin, sagen die Kommissare, kein einwandfreier Vertragspartner.

Aber dafür habe ich ja Helen. Die ist eine promovierte Juristin, muss man  einfach gern haben.

Meint Ihr, ich laufe hier in Zuchthauskleidung rum? Die Gefängnisdirektorin   und ein Wachmann sind für mich einkaufen gegangen:

Prima Anzug, hellblaue Hemden, Unterwäsche, Schuhe und eine originale schwarze Basken mütze, Größe 60.

Ich will mein Image verbessern – nicht nur für die Fotografen. Ich habe die   Psycho-TussieMurielgebeten,mireinHerrenparfümzubesorgen.Wusste garnicht,dassessowasinsolchenMengengibt.

Sie als studierte Männerversteherin (so nannte sie sich) hat das gern gemacht. Ratet, was auf der Verpackung steht: Vor Folgen und Nebenwirkungen wird gewarnt.

Du brauchst keine Angst um mich zu haben, Herzallerliebste mein: die fremden Frauen sind für mich nur leblose Schaufensterpuppen und können  dich nie ersetzen. Sollen sie auch nicht.

Wegen der auf mich herabgestürzten Weltwunder kann ich dir sagen: Bitte   warte noch damit, meinen Nachfolger zu suchen. Ganz unmöglich ist es nämlich nicht, dass wir uns hier in Wien treffen. Das ist mein höchstes Ziel. Und das kann ich wohl nur über Helen erreichen.

Sie kämpft um eine längere Freistellung, ist aber darauf gefasst, dass wir beide wieder schnell zurück nach Birmingham müssen. Kann am Geld liegen, wir kosten ja ungeplant was, aber auch, weil ihr Stellvertreter Mist baut. Vielleicht darf ich danach auch allein wieder nach Wien kommen. Ich glaube, dass ich noch einen Trumpf in der feinen Anzugtasche habe…

Sie muss die Hintergründe von uns beiden nicht wissen. Und nicht, warum  später in meinem Hotelzimmer auf einmal ein kleines Mädchen lacht. Küsse  Ruben von mir!

Vielleicht könnte ich, um hierzubleiben und den ratlosen Aufklärern was Größeres anzubieten, mit Muriel ein Lockvogel-Spiel inszenieren. Das würden die Zeitungen und die Sender sicher begeistert verfolgen. Mein Agent wird das ausbaldowern; es würde eine verdammt teure Produktion.

                                

 

 

                                     Nancy Garrick

Unser Serienmörder

Inzwischen berichten wir auch für die Lieblingszeitungen in Österreich, Frankreich, Belgien, Holland, Deutschland, Italien, Dänemark und Skandinavien. Das ist erfreulich für uns, aber es setzt Higgins auch unter mehr Druck.

Die gespielte Love Story mit der vorher so kühlen Muriel wird das weniger beeinflussen; der Killer macht so was mit links. Mir tut die von ihrem wissenschaftlichen Ehrgeiz und totsicher noch von etwas Unwissenschaftlichem getriebene Frau inzwischen leid.

Denkt mal mit, Leute: selbst wenn es ihr gelingt, den Hartgesottenen dahin   zu bringen, sein Geheimnis in ihrer letzten Lebensminute vor der Kamera zu zeigen – was bringt es ihr, dass nur andere darüber schreiben werden? Will sie so ein verrücktes Pionier-Opfer bringen?

Er selbst spielt das gekonnt herunter: „Weißt du, Larissa“, sagte er mir gestern (er kann Frauennamen schlecht behalten), „die TV-Zuschauerinnen wollen noch einige Staffeln lang unterhalten werden. Wir werden viele Komplikationen einbauen, Eifersuchtsszenen, Nahkämpfe, heftigste Verführungsszenen und eine Menge Beinahe-Handlungen, die scheinbar, aber noch lange nicht die erhoffte Auflösung bringen. Die Produzenten versprechen sich Millionen-Einnahmen und ich will davon für Origon und Ruben eine hübsche Menge abhaben.

Kannst du übrigens was auf Eis legen? Ruben will unbedingt ein Brüderchen haben. Die Aussichten sind gut.“

„Danke für dein Vertrauen, ich lege es für etwas später zurück, Jul. Aber mir kannst du es doch schon mal sagen, wie du wahrscheinlich vorgehen wirst, mit deinen Händen, das ist ja allen klar…“

„Geht nicht, Veronica. Vorher müsstest du mich verführen und ich dich deutlicher lieben, beides lässt die Justiz nicht zu und eine Steigerung geht nun mal schlecht übers  Handy. Sag mir inzwischen, wie die Wettbüros mit der Geschichte umgehen.“

Er staunte, die Ergebnisse lesen Sie auf unserer Zahlenseite; diese Summen hätte er nicht so schnell erwartet.

Ich rufe meine Leserinnen in unseren Verbreitungsländern auf: Schreibt mir, wer auch ein Kind von dieser Berühmtheit haben möchte. Ich wette mit  meinem Team, welches Land ganz oben stehen wird – nach Great Britain.

Sie können mir und der Taskforce hier übrigens stark helfen, wenn Sie uns   möglichst viele Motive nennen, die Ihrer Meinung nach zu einem Frauenmord führen können, möglichst viele, bitte. Die nächste Frage folgt dann.

Nach Redaktionsschluss erreichte uns die Nachricht, dass Deutschland doch lieber ein eigenes Team schicken will. Das dauert aber wegen der Verträge einige Zeit.

Liebesbrief in den Knast

 

Mein über alles geliebter Jul,

ich nutze eine sicher nicht legale Möglichkeit, dir zu sagen, dass du dich auf mich verlassen kannst.

Ich habe mein Leben an dein Leben gebunden und da spielt es keine Rolle, was du getan hast und  tun wirst: Ruben und                                         

ich, wir sind deine Familie. Wenn es nicht anders geht, sollten wir gemeinsam aus dem Leben scheiden – aber das eilt nun wirklich nicht.

Ich verfolge im Radio, in den Sendern und in den Zeitungen, was sie über dich sagen und schreiben.

Ich bin die stolze Frau eines Gefangenen, die treu zu dir hält und alles wegdrängt, was sich zwischen  uns schiebt.

Helen, deine Gefängnisdirektorin, hat schon zweimal bei uns Tee getrunken.

Wir sprechen über deine und unsere Zukunft   in Birmingham. Sie mag dich. Und sie ist doch eine Menschenkennerin. Sie hatte Tränen in den Augen, als Ruben ihr das Medaillon  mit deinem Bild zeigte und stolz sagte: „Papa Scheel“.

Sie zeigt dein Bild allen, auch der    Wurstverkäuferin bei Tesco. Ein deutscher Tourist, der das hörte, sagte: „Dat Blaach   kann kölsch; komm, krisse en Taler.“

 

 

Ruben kann JAIL  noch nicht richtig aussprechen, aber wenn sie sich damit ein Zubrot verdient, ist es ok.

Jul, Liebster, du musst keine Angst haben, dass ich einen Nachfolger für dich suche. Wen auch? Da müsste Prinz Harry       oder ein Fußball-Millionär kommen, sonst bleibe ich bei dem, was ich habe.

Es wäre traumhaft, wenn wir uns in Wien treffen könnten. Es  ist normalerweise unmöglich, aber nicht für dich.

Wenn Ruben  in unserm Zimmer eingeschlafen ist, werden die Engel singen,  denn ich bin ausgehungert und würde meilenweit mit Eisenfesseln laufen und dir endlich mit den Füßen um den Hals fallen.

Rubin schickt dir dreißig Küsse – mehr kann sie sich noch nicht vorstellen. Von mir kriegst du 300, die ersten 30 unter der Dusche.                                   

Deine Origon

Die Flucht des Mörders                                                                                Von Nancy Garrick

Ich habe immer damit gerechnet, die Polizei offenbar nicht: Higgins ist ausgebrochen. Wir konnten diese Aktion zurückverfolgen: Mit dem ihm von     uns überlassenen Handy hat er oft seine Frau in London angerufen, aber auch, wie die Polizei nachträglich feststellte, Dutzende Leute in drei Ländern, darunter eine Frau in Ungarn. Ebenso wichtig waren ihm wohl sechs Anrufe in Schottland, bei einer Frau Marlitt Moore, bei der er einmal Hausgast war.

Die örtliche Polizei hat Frau Moore befragt und dieses erfahren: „Mr. Higgins, der uns ein lieber und willkommener Hausgast war, bat mich, meiner Tochter Marble, die mit einem Autohändler liiert ist, aber die meisten Tage noch bei mir wohnt, eine Nachricht aufzuschreiben.

Sie lautete: „Marble, Traumkönigin, halte im Mietauto unbedingt am 25. September, 17:40 MET (!) vor der Polizeiinspektion Laurenzerberg 2, 1010 Wien. Küsse, Jul. Bring Badezeug mit.“

Frau Moore war sehr aufgeregt. Sie hat ihre Tochter sofort verständigt; die  hätte gleich einen Koffer gepackt.

Schwer verstehbar ist: Marble Moore (das spricht, denke ich, dafür, dass sie mit dem Mörder ein Verhältnis hatte und nicht nur ein nebensächliches!)   ist tatsächlich mit einem teuren Flug nach Wien gekommen und hat es geschafft, zur von Higgins gewünschten Zeit gegenüber der Polizeistation zu halten.

Ich frage mich und meine Leserinnen, hatte sie genug Zeit, Fahren auf der   rechten Straßenseite zu üben? Sie ist auf den Beifahrersitz gerutscht und hat die Fahrertür einen Spalt geöffnet.

Als Higgins aus dem Haus herauskam und sich in Begleitung von drei Seminaristen“ eine Zigarette in den Mund steckte und sich von einem Polizisten Feuer geben ließ *), schaffte sie es, den Motor anzulassen. Higgins lief über die Straße, stieg ein und brauste  davon.

Die drei aus dem Seminar starrten fassungslos dem Auto nach. Einer schrie: „Er ist weg!“ Das Kennzeichen hatte sich keiner der Profis merken können.

Nach 24 Minuten wurde Großalarm gegeben.

Alle Streifenwagen wurden aufgefordert, einen mit zwei Personen besetzten dunkelblauen Audi A6 aufzuspüren, vordringlich auf den Straßen nach dem nahen Bratislava, nach Passau und nach Bruck an der Mur. Nach 35 Minuten konnten drei Polizeihubschrauber die möglichen Fluchtwege absuchen. Sie suchten falsch.

Nach über einer Stunde rief Higgins mich übers Handy an: „Gloria, bitte  beruhige die Leute. Wir machen nur einen Ausflug.“

„Verdammt, Jul, habt ihr beiden was Größeres miteinander? Warum  riskierst du das? Willst du erschossen werden?“

„Wir mögen uns, und du räts nie, was sie Besonderes hat.“

„Sie ist scharf auf dich. Und sie glaubt an das Gute in dir – wie tausende verblendete Frauen bei ihren Ganoven.“

„Gönn mir das, Minka, wir gehen ja nur ein paar Tage baden. Marble ist Rettungsschwimmerin, die brauche ich, denn Segeln kann ich nicht gut. Ich erzähl dir unser Märchen später. Halte zwei Spalten frei.“

Ich hielt es für meine staatsbürgerliche Pflicht, diese Gesprächsinhalte auch der Polizei weiterzugeben.

Sie suchen jetzt alle Seen ab. Kann sein, dass sie was übersehen: Hat er nicht mit einer Ungarin telefoniert? Gibt es nicht einen See, der in Ungarn übergeht?

Wir sind schon mal unterwegs nach Rust und Mörbisch. Wir suchen alles ab. Ich hab so was im Urin…

*) Achtet mal drauf, wenn die Geschichte noch weitergehen sollte: er hat kein Feuerzeug benutzt. Er hatte aber eins.

 

Flaschenpost 2

 

Bitte schnell weitergeben an Mrs. Origon Higgins,                                                                           c/o. Mrs. George Th. Harrison, 32 Lincoln`s Inn Fields, London WC2. UK

Lieber, lieber schöner Liebling und meine süße Tochter Ruben,

tausend Dank für deinen wunderschönen Brief, der mir viel Mut macht. Millionen Knackis werden mich um so eine umwerfend hinreißende, kluge,  treue und mutige Frau beneiden.

Hier geht alles entnervend langsam. Ich bin aus dem furchtbaren Stinkloch,   das sie Gemeinschaftszelle nennen, zurück und darf wieder meine neuen Unterhosen tragen. Meine Vorträge darf ich wieder (nach Zensur) halten, nur meine Entschädigungssumme wurde kleiner. Geld für Zigaretten und Bier habe ich.

Muriel hilft mir oft aus. Das ist ihre gute Seite. Ich muss dir das noch einmal erklären: Sie ist ein Cop und sie ist darauf aus, für eine Doktorarbeit Material über mich und ihre Erkenntnisse zu sammeln.

Ja, es gibt diese Fernsehserie „Lockvögelein“, die uns viel Arbeit, aber ein  bisschen auch Spaß macht. Wir strengen uns an, ein Liebespaar zu spielen, streng nach dem Drehbuch und den Regie-Anweisungen.

Wenn sie mir in die Arme fliegt und von jeder Konversation abhält, schließe  ich innerlich die Augen und stelle mir vor, das wärst du, die ich gespielt verliebt küssen und in den dunklen Nebenraum drängen muss.

Es ist schwer zu leisten. Aber ich denke immer, es ist ja nicht nur gesund für mich,  es bringt uns auch Schulgeld für Ruben.

Ich freue mich, dass du dich gut mit Helen verstehst.

Die Polizei wird meine Wohnung einige Male auf den Kopf gestellt haben. Da wird kein Manuskript von mir mehr zu finden sein, wenn doch, wird Helen, die ich als Herausgeberin vorgesehen habe, einen Verlag für einen   Vorabdruck finden und ein schönes Voraushonorar für den Rest herausschlagen.

Achte bitte darauf, dass alle Regelungen mein schriftliches ok brauchen.

Setze dich in meinen Schreibtischstuhl und denke an mich. Erinnere dich, wie dieser Stuhl uns erlebt hat, wie ich dich darin geliebt habe, nicht immer sitzend, und wie du dann weniger auf den Bildschirm geachtet hast. Ich sehe dich noch, wie du dich abgestützt hast. Ich bin dann manchmal mit dem Kopf unter deinem Arm in Richtung eines bestimmten herrlichen Teils von dir…

Siehst du links unten eine zugeklebte Stelle mit einem Etwas drunter, das du erspürst, wenn du drauf drückst? Es hat einige Geschichten in sich. Das meinte ich, wenn ich eine Zusammenarbeit mit Helen ansprach.

Wenn du die Psychopolizistin und mich im TV siehst, denke bitte immer wie  ich daran, dass sie, was sie vielleicht auch könnte, mich eben nicht von meinem nur literarisch ergiebigen Problem befreien will, sondern nur Material für die Justiz und für sich sucht.

Eine Reinigungsfrau sprach mich auf die Sendung an und  meinte: „Schade, ist ja nur Kino:“

   Mein schwarzer Tag                                                                           Von Nancy Garrick

Mein Team verschnauft ein paar Stunden an diesem schönen See und in den sich ungarisch gebenden Restaurants am Ufer. Wir haben alles abgesucht und abgefragt – die Polizei mit etwas Verspätung auch. Den Film  seiner Flucht kann ich so beschreiben:

Die Luftaufklärung und die Streifenwagen meldeten nach sechs Stunden: Keine Spur von Higgins. Nach fast sieben Stunden rief ein Dorfpolizist an: „Hier soll eben ein                  verstaubter blauer Audi mit einem Affenzahn durchgesaust sein, Richtung Mörbisch.“

Ein bedrohter Ameisenhaufen ist ein Klacks gegen die Hectivity, die dann losbrach. Die Streifenwagen kämpften sich durch die bald verstopften Straßen, zwei Hubschrauber kreisten über das vermutete Zielgebiet; ihre Piloten fluchten über die Strom- und Telefonmasten an der Straße – und das alles für nichts und wieder nichts.

In den Nachrichten brachten sie, dass ein italienisches TV-Team die flotte Abfahrt eines blauen Audi vom Polizeistandort nachgestellt hatte – die Fahrerin trug ein buntwehendes Kopftuch und ein Mann mit blonder Kurzhaarperücke, der dem flüchtigen Mörder gleichen sollte, stürzte ins Auto.

Das Team war clever, aber zu flüchtig: das Lenkrad ihres Audi war links, nicht wie das in dem für Linksfahrer reservierten Wagen. Shit happens.

Wir vier hatten den verdreckten blauen Audi längst gefunden.

Er gehört einem Landarzt, der auf der Rückfahrt von Eisenstadt dringend zu einer Hochschwangeren gerufen wurde. Deshalb das Tempo.

Als wir mit seiner Frau sprachen, war er schon zu der Patientin unterwegs. „Nicht mal mehr als einen Happen hat er gegessen, der Oberdepp.“

„Warum nennen Sie den pflichtbewussten Arzt so; seine Eile war eine gute Absicht.“

„Sie haben gut reden, junge Frau, aber ich muss damit leben, dass er sich  kaputt macht mit dieser Hetze. Die Kinder sind noch so klein, und er hat schon einen Schrittmacher…“

Unser Fotograf war mit Mulligan draußen geblieben, Susan und ich bekamen noch je ein Glas Wasser. Die zwei draußen kriegten auch eine Kühlung. Susan fragte die Arztfrau scheinbar beiläufig: „Ihr Mann muss sicher oft nach Wien fahren…“  War auch ein Flop:

„Nach Wien? Da fährt man doch nicht freiwillig hin. Wir sind beide keine Stadtmenschen. Und Konzerte und Theater haben wir hier. Er schläft ja doch meistens dabei ein.“

Und dann interessierte sich die gute Frau doch für uns und was wir hier machten. Ob wir noch zum See wollten? Wie lange wir bleiben könnten und den „Goldenen Anker“ in Mörbisch dürften wir nicht auslassen. „Da gehen wir auch manchmal essen.“

Mein Handy schellte. Ich ahnte es schon, es war Higgins: „Hallo, Mira, ich habe vor Stunden schon bei dir angerufen…“

„Wo bist du. Jul, wir suchen dich überall.“

„Aber du kennst doch unser Hotel. Muriel und ich machen uns ein schönes   Wochenende – du weißt, dass ich jede Menge nachzuholen habe und dafür   ist diese Amtsperson erstaunlich gut geeignet. Seltsamerweise hat sie Spaß an der Sache und kann mich immer wieder scharf machen…“

„Wart ihr im Wasser, Jul?“

„Woher weißt du das? Wir waren tatsächlich baden. Etwas außerhalb, das  ist es aber wert, das schöne Freibad im Schönbrunner Park. Hat uns gutgetan – ja, wir hätten uns abmelden müssen. Aber wenn wir um Erlaubnis gebeten hätten, du kannst dir ja denken, was sie gesagt hätten. Muriel hat es auf ihre Kappe genommen. Sie ist wirklich eine erstaunliche Frau. Wir machen fantastische Experimente…“

„Wird die Frau dir gefährlich, Jul?

„Du weißt, dass Gefahren mich nicht bange machen. Sie blutet übrigens grade“.

„Jul, was hast du gemacht! Muss man dich in Ketten legen?“

„Das werden sie noch ein bisschen aufschieben müssen. Muriel lächelt schon wieder. Sie hat sich an meinem Schneidezahn geritzt; muss ich mal abschleifen lassen, ist schließlich schon anderen Frauen passiert.

„Jul, wir brauchen wieder ein Bild von dir; geht es Montag wieder los mit dem Seminar?“

„Ja, wir starten um halb neun mit einem Armeehubschrauber, ich weiß noch  nicht, wohin. Nur, dass sie einen Polizeihund mitnehmen, der soll vielleicht auf mich aufpassen.

Ich werde mir ein paar Scheiben Schinken vom Frühstück einstecken, dann   wird er mich mögen. Bis später mal. Bye.“

*

Das Seminar mit Higgins wurde verschoben. Sie haben ihn stundenlang verhört. Daran war sicher auch die Story mit dem Leihwagen schuld.

Die Polizei hat den Verleiher aufgespürt. Ein englisches Paar hat ihn für 16 Tage gemietet und alle Papiere willig kopieren lassen. Der Mann sei  gefahren. Welche Haarfarbe er hatte? „Gar keine: er war kahl rasiert.“

„Und was für einen Wagen hat er genommen?“

„Den silbergrauen Ford Galaxy; brauchen Sie das Kennzeichen?“

Julian bat mich zu fragen, wohin die beiden gefahren sind. Ich habe den Verleiher nach zwei Stunden gefunden, es gab ja nur gefühlt sechzig. Der Mann sagte mir: „Die Engländer wollten an den Neusiedler See. Zum Baden. Ich habe ihnen eine Fahrtroute nach Mörbisch  ausgedruckt.“

Haben Sie die Geschichte begriffen? Ich nicht. Mein Liebster sagte mir spät abends am Telefon: „Schatz, wir müssen doch nicht alles verstehen. Manches bleibt vielleicht besser im Dunkeln.“

Ob das noch lange gut geht mit uns beiden? Marc kann so was allen möglichen Frauen sagen, aber doch keiner Journalistin, die sich noch eine  unbegrenzte Menge vorgenommen hat…

                                     Dieses Lied wurde in deutschsprachigen Ländern viel gesungen:

                Üb immer Treu und Redlichkeit

Text: Ludwig Christoph Heinrich Hölty (1775)                                               

Melodie: Wolfgang Amadeus Mozart (1791)

Melodie zum Lied Üb immer Treu und Redlichkeit

Dann wirst du, wie auf grünen Au’n,  durchs Pilgerleben gehn;

dann kannst du, sonder Furcht und Graun, dem Tod ins Auge sehn.

Dann wird die Sichel und der Pflug  in deiner Hand so leicht;

dann singest du beim Wasserkrug,  als wär dir Wein gereicht.

Dem Bösewicht wird alles schwer, er tue was er tu;

der Teufel treibt ihn hin und her und lässt ihm keine Ruh.

…. ….  … …

Muriel L. Crameri MA., Kriminalpsychologin

derzeit versetzt in die Justizvollzuganstalt Schwarzau

 Bundesministerin für Justiz                                                                                 Museumstraße 7, 1070 Wien

Auf dem Dienstweg

 

Sehr geehrte Frau Ministerin,

Sie kennen mich seit meiner Ernennung zur Polizeipsychologin und seit Ihrem mir persönlich erteilten Sonderauftrag betreffend den in Großbritannien inhaftierten und kurzzeitig nach Wien überstellten Higgins, Julian.

Zu den in den Medien verbreiteten jüngsten Darstellungen, meinen rein dienstlichen Kontakt im freiwilligen Selbstversuch als „Lockvogel“ für den verurteilten Mörder Higgins, darf ich Ihnen folgende Richtigstellung geben:

Ich war als Profilerin dem Objekt an stundenweisen Tagen und mehreren Nachtstunden über alle Erwartungen erfolgreich nahegekommen und habe  jede Phase dokumentiert. Er hat sein Misstrauen gegen mich noch nicht ganz aufgegeben. Ich sah mich gezwungen, ihm einige körperliche Zugeständnisse zu machen und musste es dabei hinnehmen, dass er sich  mir auch gegen meinen Willen „auf die harte Tour“ genähert hat.

Ich werte das als Berufsrisiko und ich hoffe sehr, dass ich mein Engagement am Ende nicht bereuen und allein verantworten muss.

Ich stehe in ständiger Konsultation mit den Amtsärzten. Zu größeren Beeinträchtigungen ist es bisher nicht gekommen, aber am vorletzten  Freitagabend, wir haben nach dem Konsum von zugeteiltem Wachauer Wein kulturell hochstehend geplaudert, schien er mir plötzlich an den Hals  zu gehen. Er hatte es allerdings auf anderes abgesehen; ich spürte trotzdem deutlich, dass er überlegt hatte, wie er mich zu Tode bringen könnte.

Als ich ihn dann nach Stunden von seinen Obsessionen abbringen und fast  normal beruhigen konnte, verlangte er als, wie er sagte, „Treuebeweis“, eine sofort überzeugende Tat von mir. Mehrere seiner teils extremen Vorschläge musste ich ablehnen, aber einen Gegenvorschlag musste ich liefern.

„Schönbrunn“, sagte ich, „eine Stunde im Park – und dann schnell wieder  zurück.“

Er war nach weiteren körperlichen Zugeständnissen dazu bereit; verhinderte es aber mit drastischem Zwang, bei unserer Aufsicht um einen kurzen Ausgang zu bitten und später, uns ordnungsgemäß abzumelden.

Wir fuhren in meinem Privatwagen in den Schönbrunner Park, wo wir gegen  zwei Uhr dreißig nachts ankamen.

Nach den gewohnten intimen Kontaktversuchen verlangte Higgins von mir, ihn ins geschlossene dortige Schwimmbad zu begleiten.

Er zwang mich, mit ihm die Zäune zu überwinden und ins menschenleere Bassin zu springen.

Weil  dieser Badebesuch nicht geplant war und kein Publikum vorhanden war, fiel das Fehlen unserer  Badekleidung nicht ordnungsstörend auf.

Higgins verlangte noch weitere Vertrauensbeweise von mir, gegen die ich mich bis zur Erschöpfung wehren konnte.

Ich konnte ihn dann mit erheblicher Anstrengung zur baldigen Rückkehr bewegen.

Wir wurden gleich in Gewahrsam genommen. Ich wurde am übernächsten  TagindieFrauenstrafanstaltSchwarzaustrafversetzt.

Higgins kam meines  Wissens in Sträflingskleidung in eine größere Zelle.

Meine Zwischenergebnisse sind jetzt stark gefährdet und verlangen unbedingt eine Weiterführung, Und, wie man in meiner Heimat sagt: Nüzt`s nüt, so schadt`s nüt.

Ich bin weiterhin sicher, dass Higgins mich bald ermorden und sein Geheimnis damit zeigen will. Dann könnten wir womöglich unzähligen Frauen das Leben retten.

Bitte ordnen Sie an, dass wir alsbald rückverlegt und das für die Justizprophylaxe besonders wichtige Experiment fortsetzen können.

Ich bin bereit, Ihnen, Frau Ministerin, weiterhin auf dem Dienstweg oder persönlich ausführlich zu berichten, bevor es die Medien verwenden können.

Mit ergebenen Grüßen

Ihre

Muriel L. Crameri

Nancy & Muriel:                                                                                      Interview mit der Mörder-Vertrauten

        

Nancy: „Frau Crameri, darf ich Sie mit Ihrem schönen Vornamen anreden? Meine Mutter heißt auch Muriel.“

Muriel: „Ok, Nancy, aber wir müssen keine Freundinnen werden.“

Nancy: „Nein, unser Gespräch hat ja auch eine geschäftliche Basis: Sie nehmen ein Honorar.“

Muriel: „Ja, ich muss meinen Studienkredit noch abstottern.“

Nancy: „Sie sind Polizeipsychologin. Dieser Ausbildung verdanken Sie einen   einmaligen Job.“

Muriel: „Ja, ich lasse mich auf ein lebensgefährliches Experiment mit einem Serienmörder ein.“

Nancy: „Kommen Sie mir nicht mit Experimentierfreude. Es geht immerhin um  einen Kerl, den unwahrscheinlich viele Frauen anziehend fanden und finden. Lässt er Sie kalt?“

Muriel: „Nach ein paar Tagen Bekanntschaft hat er mich für sich eingenommen; dazu stehe ich; das macht meine Arbeit leichter.“

Nancy: „Sie wollen herausfinden, wie er Frauen umbringt. Opfern Sie sich?“

Muriel: „Notfalls, aber ich will diese Geschichte unbedingt überleben und ein      Buch darüber schreiben.“

Nancy: „Ist es zwischen Ihnen beiden inzwischen ein Liebesverhältnis geworden?“

Muriel: „Das hoffe ich. Anders finde ich keinen Zugang zu diesem ungewöhnlichen Mann.“

Nancy: „Ist er das wert?“

Muriel: „Fragen Sie sich das, Nancy, wenn Sie sich auf einen Mann einlassen?“

Nancy: „Stimmt; das ist immer ein Risiko. Aber lassen Sie uns nicht länger um Nebensächliches herumreden. Sie haben etwas Besonderes vor.“

Muriel: „Nicht ich allein – wie käme ich dazu! Wir haben in einem Team von Wissenschaftlern und Künstlern den Gedanken entwickelt, Julian Higgins eine künstliche Freundin schmackhaft zu machen, die mich ersetzen soll, wenn ich dienstlich verhindert bin. Das werden wir nämlich arrangieren.

Er soll mit ihr  Tag und Nacht leben und, das hoffen wir, sie nach einiger Zeit umbringen.“

Nancy: „Halten Sie sich für so leicht ersetzbar – und das von einer Plastikpuppe?“

Muriel: „Sie haben recht: Ich gehe wieder ein Risiko ein. Es ist ziemlich  gut vorbereitet. Unser Team hat mich umfänglich analysiert, meine Art, mit ihm umzugehen – bis in intime Situationen. Die Figur wurde an meiner ausgeformt.“

Nancy: „Ich staune, was Sie alles investieren. Wird er überhaupt auf diese Puppe fliegen?“

Muriel: „Sie lockt ihn an, bietet ihm Sex, wie er ihn liebt; er riecht mein Parfüm  und den Duft meiner Haut, sie kennt seine Vorlieben und meine.“

Nancy: „Und Kameras beobachten die beiden in jeder Minute, nur in der Hoffnung, dass er sie abmurkst und dabei seine Killer-Methode verrät.“

Muriel: „Nicht nur. Wir setzen stark auf nächtliche Umarmungen und geflüsterte Gespräche, in denen er arglos etwas ausplaudert, was er sonst nie zugeben würde.“

Nancy: „Wird sie ihn dazu verführen?“

Muriel: „Sie wird ihn in jeder bewährten Weise verführen, immer und immer wieder. Sie stellt behutsam Fragen und gibt ihm die Sporen.“

Nancy: „Das hat Ihr Team alles vorbereitet? Haben daran einige Frauen mitgewirkt?“

Muriel: „Am Inhalt: Nicht. Das habe ich aus meinen Tiefen hervorgeholt. Denn:   Die Figur ist ja etwas wie meine mit uns lebende Zwillingsschwester; übrigens  ist sie in ihn verliebt und begehrt ihn. Das ist uns sehr wichtig.“

Nancy: „Das Ganze wird ein abendfüllender TV-Film, der Ihnen ohne jede Vorbereitung eine Hauptrolle beschert…“

Muriel: „Ich spiele mich nur selbst, ungeschönt.“

Nancy: „Na, Ihr Aussehen und die Kleider werden sicher von anderen bestimmt. Ist die Produktion eigentlich gesichert?“

Muriel: „Ja, doppelt sogar: Finanziell und juristisch…“

Nancy: „Sie meinen, die Bullen sind immer dabei?“

Muriel: „Daran werde ich mich nie gewöhnen: Dass Kerle neben unserem Bett  stehen und glotzen…“

Nancy: „So ist es nun mal am Set. Das Drehbuch und der Regisseur geben  Ihnen alle Einstellungen vor…“

Muriel: „Wenn es nur einmal wäre… Was meinen Sie, wie oft wir Küsse und  Intimitäten wiederholen müssen?“

Nancy: „Muss schrecklich sein – immerhin mit einem verwöhnten Frauenschwarm, den viele Frauen vorher umwerfend gefunden haben.“

Muriel: „Es ist sehr gewöhnungsbedürftig, glauben Sie mir.“

Nancy: „Sie werden Ihr Leben lang davon zehren und Ihrer Enkelin noch ergriffen etwas von diesen Erlebnissen erzählen. Wird übrigens Frau Higgins den Film sehen?“

Muriel: „Ja. Sie kennt das Drehbuch und wir haben ihr viele Fragen beantwortet. Sie hat nach langem Zögern zugesagt, dass wir nach der Premiere über den Film reden, öffentlich natürlich – für ein wirklich schönes Honorar. Sicher Ruben zuliebe.“

Nancy: „Darf ich bei den Dreharbeiten mal zusehen? Als Vertreterin  der Öffentlichkeit?“

Muriel: „Wenn Sie so viel Mut haben, können Sie bei den Proben auch mal mitspielen – von mir aus als mein Double. Ja, etwa am Donnerstagnachmittag würde es gut passen, ich bin da in der Physiotherapie. Sie müssten darauf gefasst sein, dass Julian nicht lange fackelt. Als Journalistin werden Sie nicht  überempfindlich sein. Aber ob Ihr Freund das aushält? Ihr Risiko…

Übrigens: Einen Gedanken sollten Sie mal in Ihrem wenig verwöhnten Hinterkopf behalten: Julian Higgins hat jetzt schon einige Wochen keine Frau mehr  ermordet. Ob da nicht bald mal wieder eine Schlagzeile fällig wäre…?“

                   Panische Ängste. Es liegt was in der Luft

     

Tonaufzeichnung 2307 vom 17.06. MFJ:
 

Männliche Stimme: „Higgins, sind Sie da, Higgins?“

 Higgins: „Falsch verbunden.“

Männliche Stimme: „Hier Ministerialrat Dr. Wandelhuber, ich will den Häftling Higgins sprechen, aber jetzt mal mit Tempo.“

Higgins: „Falsch verbunden.“

Männliche Stimme: „Verdammt noch mal, Mann, Sie kriegen acht Wochen Einzelhaft, wenn Sie jetzt nicht kooperieren.“

Higgins: „Sie sind irgendein Kalfaktor am Ballhausplatz?“

Andere männliche Stimme: „Higgins, ich warne Sie. Hier ruft Sie ein ranghoher Beamter aus dem Justizministerium an. Das geplante Videogespräch ist leider nicht gelungen. Aber: Ihre Hilfe wird angefordert, Higgins.“

Higgins: „Die Verständigung ist unter aller Sau. Sie werden doch einen britischen Staatsbürger, der ein gefragter Gast in Ihrem Land ist, nicht so anreden, wie ich es verstanden habe.“

Männliche Stimme, wie am Anfang: „Higgins, ich bin es wieder, Dr.  Wandelhuber. Ich befehle Ihnen, sofort in mein Büro…“

Higgins: „Ich verstehe Sie leider nicht. Wer hat sich im Dienst unflätig   benommen?“

Männliche Stimme: „Meine Geduld ist erschöpft. Ich lasse Sie herbringen…“

Fremde weibliche Stimme: „Herr Higgins erlitt soeben einen Schwächeanfall. Er wird gerade in die Krankenabteilung verlegt.“

Sprachaufzeichnung am 20.06. 2530 MFJ:

Weibliche Stimme: „Guten Tag, Herr Higgins, ich darf der Schwester diese Blumen für Sie übergeben; sie sind von der Ministerin.“

Higgins mit schwacher Stimme: „Wie heißt sie?“

Weibliche Stimme: „Verena Schuckert. Sie lernen sie noch kennen. Im Augenblick wird sie von einer Kabinettskollegin vertreten. Haben Sie die Zeitungen der letzten Tage lesen können? Ich sehe, dass die Schwester den Kopf schüttelt. Aber fernsehen konnten Sie doch? Also, die Nation ist in Panik: Sie haben von der  Ermordung einer 7-Jährigen gehört?“

Higgins: „Das war keiner von hier. Ging gegen jede Ehre. Wie heißen Sie?“ 

Weibliche Stimme: „Theresa. Ich bin…“

Higgins: „Sie gefallen mir. Diese Stimme…und Ihre Anmut!“

Theresa: „Ja, geschenkt, ich kenne Ihre Tricks, Herr Higgins, meine Reize auch. Wissen Sie, warum wir Ihre Hilfe brauchen?“

Higgins: „Ist ja klar: Die Bevölkerung sitzt jetzt der Regierung im Nacken; die Medien fordern Unmögliches, die Parteien flippen aus und überbieten sich mit Forderungen. Die Regierung steht unter Druck.“

Theresa: „Genauso ist es. Nur schlimmer. Die Regierungsparteien geraten in  Panik. Und das können wir uns auch international nicht leisten. Es geht gerade immerhin um einen Sitz im UN-Gremium.“

Higgins: „Wieso wir? Ich gerate nicht in Panik.“

Theresa: „Herr Higgins, Julian, ich bin ein Fan von Ihnen. Ich, wir – brauchen Ihren Rat.“

Higgins: „Ich brauche neue Abmachungen. Die bisherigen kündige ich. Es geht um präzise Forderungen.“

Theresa: „Sie wissen, dass ich nicht befugt bin…“

Higgins: „Theresa, ich habe einen Zettel voll mit Besprechungspunkten. Aber das will ich nicht am Telefon verhandeln; wir besprechen das bei einem gepflegten Abendessen,    bei Toni oder Philippou. Toni finde ich gemütlicher. Zu Philippou gehen wir oft spätabends nach den Dreharbeiten. Der Nachtkoch wartet schon auf Muriel, den Regisseur und mich und holt uns in die Küche…

Nein, wo anders gibt’s kein Wort von mir. Lassen Sie bei Toni einen Tisch in  einer Nische für 20:30 Uhr reservieren. Das Mikro soll dezent im Blumenarrangement stecken.

Bei Toni gibt’s keine Nische? Aber, liebwerte Frau, ein Paravent schafft das auch. Und der Wandelhuber darf ja nicht in der Nähe sein.

Die Köche sollen einen Fasan vorbereiten und einen edlen trockenen französischen Roten öffnen. Brauche ich ein Dinner-Jacket?“

Tonaufzeichnung vom 20.06., 20.16 Uhr MFJ 2532:

Higgins küsst die Frau: „Hallo Theresa, keine Sorge, das hält Ihr Lippenstift aus. So  schöne Frauen versauern in Ministerbüros?“

Theresa: „Es gibt ja nicht nur Ärger. Wir feiern auch öfter was; es ist auszuhalten.“

Higgins: „Was können wir an meinen Lebensbedingungen verbessern? „

Theresa: „Wir haben zunächst einiges richtig zu stellen…“

Higgins: „Sie können auch wieder gehen, Theresa, ich kann den Wein   gut allein trinken.“

Theresa: „Also: Sie kriegen ein anderes Hotel, kein billiges am Bahnhof…“

Higgins: „Nur mit einer Suite im obersten Stock.“

Theresa: „Das passt nicht in unser Budget, leider.“

Higgins: „Dann machen Sie es passend, Süße, rufen Sie sofort an und  klären Sie das.“

Theresa: „Ist ok. Ich habe Vollmacht.“

Higgins: „Wie ich. Bestellen wir uns was Schönes zur Vorspeise. Sie  zuerst.   Muss nichts  Billiges sein, Theresa!“

Theresa: „Julian, Sie sagten: Gegen jede Ehre. Ist das so?“

Higgins: „Wir haben wie das Kingdom keine Verfassung. Aber es gibt Ungeschriebenes, das oft noch sicherer ist. Zum Beispiel…“

Theresa: „Sag es mir, Julian. Was gilt genau als Grenze?“

Higgins: „Kinder. Die Grenze sehe ich bei 16 Jahren; in südeuropäischen Ländern sind die Frauen früher reif, da gilt schon mal 15. Aber noch früher ist unmöglich.“

Theresa: „Ist Unmögliches für alle unmöglich?“

Higgins: „Es gibt Ausnahmen, klar. Aber nicht, oder sagen wir, weniger bei Killern…“

Theresa: „Sag`s mir, Julian.“

Higgins: „Du hast doch auch Geschichtsunterricht gehabt, du Hübsche! Es war gang und gäbe, dass die untere Grenze für Fürsten nicht galt. Es gab Heiraten mit Kindern, Verlobungen sowieso.

Einige Künstler und Wissenschaftler haben diese Ausnahmeregeln auch  für sich beansprucht – ohne groß irgendeine Instanz zu fragen.“

Theresa: „Wie alt war deine Jüngste?“

Higgins: „Kein Kommentar: Datenschutz.“

Theresa: „Gegen Verführungen warst du, seid Ihr, so gut wie machtlos. Die 7-Jährige soll ihren Peinigern freiwillig in eine Wohnung gefolgt sein.“

Higgins: „Sagte ich doch: Die waren nicht von hier; es waren keine Europäer. Nicht mal Eskimos. Die hatten nicht „unsere Werte“, wie eure Politiker immer sagen.“

Theresa: „Sie lebten als widerwillig geduldete Gäste unter uns.“

Higgins: „Wie Tiere manchmal. Für die Verstümmelungen habe ich keine    Erklärung.“

Theresa: „Du hältst sie für Tiere. Aber sind wir das nicht manchmal alle – in   Augenblicken vielleicht und sogar in der Liebe…? Wie fein, da kommt unsere Vorspeise. Sieht lecker aus.“

Higgins: „Theresa, du siehst auch sehr lecker aus. Ich schwärme für Leckeres und beiße immer gern rein. Entschuldige mich, ich muss mir noch schnell  Zigaretten besorgen…“

 
                    Theresa, nach einem Luftholen, laut: „Los, hinterher…, der üblichste Trick!“
Sprachaufzeichnung 2532 v. 20.06. 20:52 h (Forts.) MFJ

Theresa: „Schön, dass du wieder da bist, Julian, war das wieder eine  Ausbruchübung?“

Higgins: „Entschuldige, ich weiß gern, wer ein echter Gast ist und wer ein  lauernder Cop.“

Theresa: „Und was war dein Trick – ähnlich umständlich wie der Scheinaus- flug zum Neusiedler See?“

Higgins: „Es war eine Übung, aber harmloser ging es nicht: Ich war nebenan  auf dem Damen-Klo. Ist edel ausgestattet und es gibt dort wunderbare Seifen und Duftwasser.

Nebenbei: Die aufgeschreckten Aufpasser haben an dem Fenstergitter bei den Männern gerüttelt, nicht begriffen, dass das gebogene Eisen so dicht ist, dass sogar eine dünne Katze Mühe gehabt hätte, durchzuschlüpfen. Trotzdem haben die Narren draußen lange gesucht, bevor sie hier drinnen unter die Tische der Gäste geschaut und die Leute sehr erschreckt haben. Tüchtige Leute habt ihr; lohnt, sie zu Politikern umzuschulen…“

Theresa: „Laben wir uns an diesen schönen Vorspeisen. Magst du das gebackene Röllchen?“

Higgins: „Trinken wir dazu einen Schluck Sekt; er soll gut sein. Ich habe mit     dem Kellner gesprochen, er war sich sicher, dass ich unmöglich vor dem Fasan und dem edlen Wein aufgebrochen sein könnte. Hat er richtig  erkannt.

Den Wein habe ich gewechselt, grad weil ihn der Bundeskanzler hier öfter trinkt. Der Kellner konnte mir einen anderen Chateauneuf empfehlen, der ist halt ein bisserl teurer, aber das zahlt der Staat gern. Wir sprechen ja über Wichtiges.“

Theresa: „Du bringst mich in Schwierigkeiten. Ich müsste einige Erfolge mitbringen. Das Mädchen ging freiwillig in eine ihr fremde Wohnung mit. Was meinst du: Warum?“

Higgins: „Wir haben das auch in unserem Seminar erörtert. Was vermutest du denn?“

Theresa: „Sie haben ihr etwas Begehrenswertes versprochen – Schmuck, ein Kätzchen oder einen Welpen… Vielleicht wurde sie wie eine Erwachsene behandelt.“

Higgins: „Gut möglich. Die Männer werden doch einen Plan gehabt haben?“

Theresa: „Natürlich, sie haben sich lange vorher überlegt, wie sie das Mädchen überreden und in die Wohnung locken. Sie müssen ihr was versprochen haben.“

Higgins: „Also mit Worten…“

Theresa: „Wenn es Ausländer waren… „

Higgins: „…dann haben sie…“

Theresa: „…ihre Sprache gesprochen. Könnte der Schlüssel sein. Angenommen: Russisch. Das Mädchen hört ihre Heimatsprache, vertraut den Kerlen…“

Higgins: „Es waren keine Russen. Einer hatte eine Wohnung. Wer eine Wohnung hat, hat eine Umgebung; wenn er sprachlich isoliert ist, sucht er Landsleute.“

Theresa: „Daistmanjaauchschonfündiggeworden.

Ist der Plan doch erst in  Minutenschnelle entstanden?“

Higgins: „Mädchen in dem Alter haben Freundinnen, die einige Geheimnisse  wissen. Hat sie eine Ältere gespielt, mit Lippenstift und Aufmachung? Oder war es ihnen egal, dass sie ein Kind war? Da hatten sie keine Hemmungen. Sie haben Drogen eingesetzt, vielleicht auch Alkohol.“

Theresa: „Das Kind wurde wehrlos. Das brauchten sie.“

Higgins: „Vielleicht ist etwas schief gelaufen. Oder wollten sie genau diese Wehrlosigkeit?“

Theresa: „Wir haben die Haupttäter gefasst. Wir können sie einsperren, teuer unterbringen, irgendwann vielleicht abschieben… Sie werden, solange sie hier sind, keine ähnliche Tat begehen können…“

Higgins: „Das ist nicht garantiert. Es wird andere geben, die sich die Lippen lecken.“

Theresa: „Du meinst: Trittbrettfahrer?“

Higgins: „Gibt es erstaunlich oft.

Theresa: „Sind wir gegen sie wehrlos?“

Higgins: „Könnte eine Frage unserer Fantasie werden.“

Theresa: „Wir können nicht alle kleinen Mädchen schützen – so wenig wie die größeren…“

Higgins: „Erst recht keine ausländischen. Aber müssen wir es nicht  versuchen?“

Theresa: „Aufrufe an die Eltern, die Öffentlichkeit? Handzettel, Zeitungen,   Fernsehen, Politiker… ?

Higgins: „Es wird wenig bringen, wenn die Ministerin, der Kanzler, der Wichtigtuer Wadenbeißer sich an die Menschen wenden; man sollte nicht noch mehr Panik machen.“

Theresa: „Mir kommt da eine Idee, ich muss schnell meine Chefin anrufen;  beende die schönen Vorspeisen, bis der Fasan kommt, bin ich wieder zurück.“

 
Unterbrechung bis 21:43. Forts.
Die Dame Theresa war offenbar in einem Nebenraum und kam zurück.

Higgins: „Ohne dich schmeckt`s mir nicht. Ich habe Schönes verspeist und einen Plan entwickelt.“

Theresa: „Vielleicht ähnelt er meinem, hoffentlich: Du solltest als Mann vom Fach zusammen mit der Ministerin im Fernsehen agieren.

Aber meine Chefin will und kann das nicht allein entscheiden.“

Higgins:  „Sie muss erst Dr. Wadenbeißer fragen. „

Theresa:  „Vermutlich den Bundeskanzler.“

Higgins: „Die Abstimmung wird Wochen dauern, die Textformulierung braucht noch mal einige Zeit…“

                   Theresa:  „Dann könnte es zu spät sein.“

                   Higgins:  „Und wenn wir die Politik da raushalten?“

                   Theresa:  „Das kann ich mir nicht vorstellen.“

Higgins: „Warte mal: Gibt es nicht eine bekannte Frau, Bischöfin, Sportlerin, eine Wissenschaftsgröße – mit  einem bekannten Gesicht, dazu eine Mutter und ihr kleines Mädchen, mit ihrer Lehrerin – und dann mich?“

Theresa: „Hört sich gut an. Aber wer kann das anstoßen? Wem könnte man das zutrauen?“

                  Higgins: „Ich denke an eine versierte Journalistin: Nancy Garrick. Die kann das schnell   und besser als eure PR-Leute. Ich rufe sie gleich an, aber da kommt endlich unser Fasan,  Theresa. Darauf trinken wir und dann habe ich eine Umarmung verdient.

Du hast wirklich neben den andren vier Besonderheiten  ein wunderschönes Gesicht, selbst ein Halbblinder würde das staunend…“

Nancy Garrick: Selbstversuch mit dem Mörder

Nur für meine Leserinnen:

Versprochen – geliefert. Ich gebe es gerne zu: Es war nicht nur journalistisches Interesse, als ich die Chance wahrnahm, die mir Muriel, die Hauptdarstellerin in diesem Krimi, für einen Nachmittag überlassen hatte: Mich reizte der Kerl, der schon so viele Frauen auf dem Gewissen hat, unheimlich – ich wollte unbedingt mit ihm schlafen.

Na ja, zum Schlafen bin ich nicht zu ihm gegangen und er hatte auch keine Ruhepause vor.

Er hat mich von allen Seiten genau betrachtet und gleich begonnen, mich langsam auszuziehen und mich an sich zu gewöhnen. Ich musste meine Fragen verschieben, bis ich wieder auf dem Rücken lag. Dann aber wollte ich ihm auch keine Ruhe gönnen, schwang mich auf ihn und ritt ihn mir scharf zurecht: „Los, Jul, bäum dich auf!“

Ich muss es zugeben: Er macht was aus uns Frauen. Und Sie glauben esnicht, meine treuen Leserinnen, er hat mir Sachen ins Ohr geraunt, nachdenenkeineruhigweiteratmenkann.

Ich glaube, es ist ziemlich wild zugegangen, jedenfalls sagte das der Regisseur. Sie haben alles mitgedreht; es wird natürlich herausgeschnitten oder nur ein Director`s Cut.

Ich habe meinem Freund vorsichtshalber nichts von der ganzen Sache erzählt – er ist schon eifersüchtig genug wegen der Kleinigkeiten, die zu meinem Berufsleben dazugehören.

Ich weiß jetzt übrigens exklusiv, dass Julian an seiner empfindlichsten oder interessantesten Stelle, die nebenbei nicht an einen kleinen Stalljungen erinnert, ein Code-Wort eintätowiert hat. Vielleicht sollen es die Kriminalisten einmal entziffern, wenn kein Leben mehr in ihm ist. Ich war mit der Entschlüsselung überfordert, denn er hat mich zu oft abgelenkt.

Nach knapp zwei Stunden kam Muriel leider pünktlich zurück an das Set. Ich habe noch eine Weile zugesehen, wie sie erstaunlich selbstsicher wieder in ihre Rolle gefunden hat.

Was, glaubt Ihr, war nun größer gewesen: Meine journalistische Ausbeute oder mein erschütterndes Erlebnis als Frau?

Was den Film oder die Serie angeht – hier sagt man „Schmarrn“ dazu. Ich habe in dem Drehbuch geblättert und war sehr enttäuscht.

Das hätte man doch von einem versierten Profi schreiben lassen können.      Es hat jetzt nur das Niveau eines billigen Heimatfilms.

Der Streifen lebt von der erotischen Aggressivität des Mörders. Und ich muss zugeben: Muriel macht ihren Job vorzeigbar. So wie sie auf Higgins eingeht, würden Frauen massenhaft mit ihr tauschen wollen.

Von dieser angeträumten Welt lebt alles. Es wird kein guter Film. Aber als schlechter Film wird er bestimmt ein Reißer und ein  Kassenschlager.

Vor allem, wenn mal wieder ein Frauenmord zu beklagen ist.

Higgins spricht: Töten und töten lassen

 

Guten Morgen, meine Damen und Herren,

ich bitte Sie um eine leichte Änderung unserer eingespielten Verfahrensweise: Bitte halten Sie Ihre Eingangsfragen noch einige Minuten zurück.

Wir haben uns bisher, das meint auch der Herr Polizei-Oberrat, schon ein ansehnliches Stück in der Materie der Morde und ihrer möglichen Ursachen  und Voraussetzungen vorgearbeitet.

Ich bin Ihnen dankbar für Ihre engagierte Mitarbeit und für das Zusammentragen der Daten. Sie wissen, dass unser Nebenziel die Veröffentlichung  eines Faktenbuches ist – neben einem Abschlussbericht an die Justizministerin. Sie wissen, dass sie mich als Sachverständigen vorgeschlagen hat.

Wir haben bisher eine zentrale Frage ausgelassen. Sagen Sie mir bitte Ihre Vermutung, welche.

Ja, danke, Bertha, die seelische Verfassung des Mörders; Harald, ja danke, die Umwelteinflüsse des Mörders; Kathinka, danke, das Unrechtsbewusstsein des Mörders; Paul, ja, die Folgen einer Reue des Mörders; und Malina,  ein krankhafter Trieb des Mörders. Vielen Dank, ich brauche dringend Ihre Einschätzungen als Polizisten und als Alltagsmenschen.

Mir fiel eben noch ein mögliches, seltenes Motiv ein: Töten aus Barmherzigkeit.

Einige von Ihnen haben wissenschaftliche Kriterien entwickelt, andere haben    sich in die Fachliteratur eingearbeitet – obwohl das ja immer nur das Verhältnis 1 : 100.000 sein kann oder ein Felsbröckchen zu den Alpen.

Sie sind Fachleute; ich bin nur ein einfacher Mörder, ja, Tilly, stimmt, ein mehrfacher Mörder – wenn die Gerichte recht hätten, aber ich frage Sie jetzt mal ganz direkt und persönlich: Haben auch Sie das Zeug zur Mörderin und   zum Mörder?

Sie reagieren empört und wütend. Es geht an Ihre Ehre und an Ihr Selbstverständnis, an das Bild, das Sie von sich haben.

Es ist ein schönes Bild – bitte fragen Sie sich mit mir, ob es ein geschöntes Bild ist, ein mühsam  zusammengesetztes Bild.

Was ist die Voraussetzung dafür, dass Sie einen Tafelspitz oder ein Schnitzel   oder Gulasch oder einen Burger essen? Ist es nicht eine Tötung?

Was ist die Voraussetzung für ein Hendl, für einen Grillabend, für einen Hotdog? Versuchen Sie bitte, diese Fragen ehrlich zu beantworten: Töten oder nur töten lassen?

Und gehen wir weiter: Was tun Sie mit den elf Fliegen an Ihrem Küchenfenster? Was mit den Ameisen, die aus dem Garten in Ihr Wohnzimmer krabbeln und Süßes wittern?

Müssen Sie sich nicht fragen, geschätzte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, was Sie von einer Mörderin und einem Mörder unterscheidet? Ihnen hilft der altbewährte Spruch: „Das muss man differenziert sehen.“

Und wenn das Selbstbetrug ist? Und Weglaufen vor der Erkenntnis: ich habe für mich töten lassen und selbst getötet, massenhaft, ohne Unrechtsbewusstsein.

Sogar lustvoll genießend. Ja, ich habe bewiesen, dass ich das Potential einer Mörderin und eines Mörders habe.

Es gibt schöne und befreiende Unterschiede: das Eine ist Gewohnheitsrecht – gesellschaftlich völlig in Ordnung – und im anderen, wenn´s um andere hochentwickelte Lebewesen geht, ist es strafbar und   gilt als asozial.

Mir geht es darum, dass Sie versuchen, sich in einen bestimmten Mörder hineinzudenken. Wie sieht er die Frauen, die er lieben und am Ende  töten will? Ist er so blöd wie die Fernsehmörder und arbeitet immer mit der gleichen Masche?

Gehört er zu der Sorte Menschen, die in ihrer DNA das Dagegensein gegen alles haben? Ist er einer, der grundsätzlich gegen Widerstand gebürstet ist? Zu welcher Minderheit gehört er? Etwa zu den jahrzehntelang Friedfertigen? Wie Sie selbst?

Wie schafft er es, davonzukommen? Was kann seine Tötungsmethode sein, wenn es keine bekannte Waffe ist?

Darüber sprechen wir gleich.

Gönnen wir uns vorher eine Zigarettenpause – genau 15 Minuten bitte. Rauchen  ist zwar auch tödlich, aber das sehen wir ebenfalls differenziert.

(Flüsternd, eine Frau zurückhaltend): Kathinka, Sie machen es mir schwer; ich kann nicht sehr lange an Ihrer Silhouette vorbeisehen. Lassen Sie uns heute Abend noch mal ein Detail durchgehen, bitte. Mir liegt viel an Ihrem Rat.

                   Wo fängt Teufelswerk an?

Sie haben recht, Uta und Dorian: Bei und für uns Menschen gelten andere Maßstäbe. Feinere oder gröbere? Zivilisten oder Militärs? Ich sehe, wie Sie sich schier aufbäumen. Das ist völlig normal, denn hier endet das Normale.

Sie kennen vielleicht die Feststellung eines Dichters: „Wenn du einen Menschen umbringst, bist du ein Mörder, wenn du drei oder mehrere auf dem Gewissen hast, bist du ein Serienkiller.

Aber wenn du Hunderttausende umkommen lässt, bevor sie zahllose Gegner umbringen, können sie dich noch als Volksheld feiern.“

Wir nehmen es achselzuckend hin, dass riesige Leichenberge aufgetürmt werden, nicht nur in der Vergangenheit, jeden Tag noch heute, wenn auch fern von hier – aber die Nation gerät schier aus den Fugen, wenn ein leichtgläubiges Mädchen in Klagenfurt umkommt.

Wie viele Maßstäbe haben wir? Annika, können Sie als hinreißende Schöne für uns urteilen, was wir auseinanderhalten müssen – und warum?

Sie haben kein schnelles Urteil, ok.

Aber sehen Sie es bitte so nüchtern wie möglich: Ich gelte justizamtlich als mehrfacher Mörder. Und Sie, als was gelten Sie vor Ihrer Frau oder Ihrem Freund und vor sich selbst? Als was gelte ich vor meiner Frau und als was vor ihrer Schwägerin?

Ja, es gibt die haarfeine Trennung von Totschlag und Mord. Und von Ermorden und den Heldentod sterben oder sterben lassen. Ob das den Toten nicht egal ist? Ob die Leichen darüber lachen können? Alle Tapferen, die von ihren Befehlshabern mit der alten Lüge besoffen gemacht wurden und darauf reingefallen sind: „Süß und ehrenvoll ist es, für das Vaterland zu sterben…“

Sie haben das Fernseh-Streitgespräch mit dem Bischof, dem Burg-Schau- spieler, der Journalistin Nancy Garrick und mir gesehen.

Ich habe den verdienten Diözesan-Bischof um seine Einschätzung gebeten.

Er hat uns belehrt, dass es seit Anbeginn der Welt Mord und Totschlag gegeben hat; klein beginnend mit den Brüdern Kain und Abel und noch lange nicht endend mit den Millionen Opfern in Kriegen, den Gräueltaten der Inquisition, der unvergleichbaren Vernichtung jedes von den Tätern behaupteten „unwerten Lebens“ und von „Untermenschen“ durch die Nazis; durch ihre millionenfache Judenausrottung und den früheren und den aktuellen Völkermorden in mehreren Ländern.

Die Eminenz hatte eine Erklärung: Das war und ist Teufelswerk. Gegen Gottes Willen.

Nancy fragte ihn: „Aber mit Gottes Duldung, Herr Bischof?“

Die Mutter eines jungen Mädchens fragte: „Wo fängt Teufelswerk an und wo ist die Grenze – etwa bei meiner Gabi und bei unserem Kaplan, der die Mädchen so gern in der Umkleide besucht und schon mal vertraulich tätschelt?“

Es ging dann weiter wie in den unsinnigen Wortklaubereien von Wahlkampfdebatten…

Es war deprimierend für mich, denn der fromme Mann erinnerte mich an meines Vaters Bericht über die Sonntagspredigt, die meine Mutter, weil sie das Mittagessen kochen musste, nicht miterleben konnte: „Ich glaube, er war dagegen.“ Gegen alles?

Gegen was denn nun: Gegen jede Tötung oder „differenziert“, nur Befreien  von Lästigem und von „Ungeziefer“ – und von Schlachten zu unserem Genuss…? Nützt es, nur dagegen zu sein?

Meine Damen und Herren, liebe Seminarteilnehmerinnen und ihre Kollegen,  ich kann Ihnen keine Hausaufgaben zumuten; ich bin hier nur als Quasi-Sachverständiger und als Gast tätig, aber Sie würden mir eine Freude machen, wenn Sie mir Ihre Gedanken zu diesem Komplex aufschreiben würden: Töten oder nur töten lassen.

Wiederholen Sie nicht die üblichen Entschuldigungen: War schon immer so, gehört eben dazu, anders geht es nicht, die Natur ist viel grausamer, wir müssen schließlich überleben…, „die Erde und alles Leben sollen uns untertan sein“… (heutige Theologen deuten Gottes „Freigabe“ übrigens anders – habe ich gelesen.).

Halten Sie das durch – auch wenn es laut wird und wenn es Ihnen zeitweise auf den Magen schlägt!

Das sage ich auch meinen Rundfunkhörern und Fernsehzuschauern. LassenSieunsdarübersprechen.Gerneauchbeten. DankeimVoraus.

Leben Sie wohl!

+++Eilmeldung+++Eilmeldung+++Eilmeldung+++Eilmdu

 

Das britische Justizministerium ruft den Serienmörder Higgins aus Wien zurück. Wie die Staatssekretärin Lucy Miller-Holms mitteilt, wird der vor sieben Monaten an Österreich „ausgeliehene“ Strafgefangene Julian Higgins mit sofortiger Wirkung nach Großbritannien zurückbeordert.

Higgins wird als „Sachverständiger“ in Frauenmord-Sachen dringend in seiner Heimat verlangt.

Hintergrund sind die besorgniserregend gestiegenen Frauenmorde im Vereinigten Königreich, die zuletzt auch das Parlament beschäftigten.

Bei dieser Gelegenheit wurde bekannt, dass die indische Regierung vor Wochen die britische Justizministerin gebeten hat, den als „internationalen Experten für Frauenmorde gerühmten“ Herrn Higgins zur Beratung zu Massenvergewaltigungen“ mittelfristig nach Indien zu überstellen.

Higgins habe jedoch erklärt, er habe zu diesem Komplex  hauptsächlich  Zeitungsleser-Wissen, sei aber bereit, über einen Beratervertrag nachzudenken…

    Schottenfisch für die Welt

Mein Schreibpult im Knast war eine Obstkiste mit einem Brett drauf. Hier entwarf ich meine Wirtschaftspläne.

Vorab – besonders für die neu eingestellten Mitarbeiter – etwas Grundsätzliches:

Großbritannien wäre ohne Schottland ein langweiliger Erdklumpen mit ebenso langweiligen, schwer ertragbaren Einwohnern, unter denen die wenig trinkfesten Männer fast alle mal im Gefängnis landen.

Wir Schotten geben ihren wenig Glanz, am wenigsten ihren schlimm gepuderten, klapperdürren Frauen.

Schottland hat riesige Rohstoffe im Land  und im uns umgebenden Meer. Neben Kohle, Öl, Gas und Bodenschätzen hat uns die Natur einen unerschöpfbaren Reichtum an Fischen geschenkt. Wir schürfen seltene Erden und kostbarstes Bohrgut aus unserem Boden: Lasst Euch die Namen auf der Zunge zergehen: Bauxit, Chrom, Eisenerz, Gold, Kupfer,  Nickel, Silber, Uran, Tantal, Titan, Zink und Zinn. Es fehlt nicht mehr viel, dann schlagen wir Massen von Diamanten und anderen Edelsteinen aus unseren Felsen.

Unsere Fischer fischen in unserem Westen in der Irischen See Rochen, Kabeljau, Heringshai, Schellfisch, Makrele und den räuberischen großen Leng, vor dessen Übertragungskraft sich viele Frauen fürchten, weil ein einziges Weibchen mit sechzig Millionen Eiern den Fischreichtum für Jahrzehnte garantieren kann. Die Nordsee beschenkt uns vor allem mit Dorsch, Heilbutt, Seelachs, Wolfsbarsch, Hai, Katzenhai, Rochen, Seezunge und mehr als hundert anderen Arten.

Manche Männer vom Festland stehen auf schottische Frauen. Wir leiden über den Abgang, verstehen es aber gut, weil sie eben noch aufregender sind als Adam sie sich erträumte. Wir rätseln, warum auffällig ostschottische Frauen bevorzugt gewählt werden. Ob das am Golfstrom liegt, in dem sie oft baden?

Bei den Fischen ist es sicher anders: Ob die Verbraucher west-, ost- oder nordschottischen Fisch bevorzugen, wird nicht vom Geschmack, wenig vom Wohnort und vom Preis, maßgeblich aber von der Werbung gesteuert.

Weltweit hat sich inzwischen die wissenschaftlich gestützte Erkenntnis durchgesetzt, dass tierisches Fleisch auf die Dauer schädlich – und Fisch die Rettung ist.

Welchen Fisch kaufen schottische und Frauen auf dem Festland? Die schottische Fahne steht auf allen Preisschildern. Wir haben nachgeforscht.

Der Atlantiklachs ist am teuersten,  unser Westfisch ist eine Spur teurer als der Nordseefisch – aber das könnte nächste Woche schon anders sein.

Die Werbung muss oft nachbessern: Der unwahrscheinlich leckere und selbst Greise belebende Atlantiklachs wird auf Plakaten von besonders muskulären, lachenden Fischern hochgehalten; den Nordseefisch preisen junge Fischer und ihre Frauen an, und der sagenumwobene Westfisch, besonders der Rochen, verspricht, ein Zauberfisch aus der Irish Sea zu sein.

Mein Vorschlag, Scotfish als gemeinsamen Namen zu nehmen, fiel bei den regionalen Mitstreitern durch. Erst, als Westscotfish und Eastscotfish empfohlen wurden, kamen wir auf Scotfish zurück. Es ist ein Gütezeichen.

Als unser Überzeugungskampf um den Namen Scotfish kurz vor dem Sieg stand, erfuhren wir, dass sich eine deutsche Fisch-Importfirma just diesen Namen vor Jahren gesichert hatte. Deutschland ist wichtiges Importland, damit müssen wir leben.

An die Engländer zu exportieren, wäre Verschwendung. Wir müssen lernen, global zu denken. Schottenfisch brauchen alle. Wer am meisten?

Wir tippen nach Konsumentenumfragen auf Deutschland und Österreich, Tschechien und die Schweiz. Schneller Transport ist alles. In Schottland sind das Helikopter. Zum Festland Transportflieger. Und die richtige Verpackung in Eiskisten. Nun ja, und die für jedes Land individuelle Werbung.

Wir lernten von den Großen. Branchenfremd. Ich wusste als starker Raucher, dass einige Hersteller sich mit verschiedenen Zigarettenmarken selbst Konkurrenz machen. Diese Schurken machen das nicht zum Spaß, sondern aus teuflischer Profitgier: „Wenn du einer Marke untreu wirst und eine andere wählst, krieg ich dich doch.“

In unserem abendlichen Brainstorming beim Bier entstand die Idee, die uns den Durchbruch brachte und alle Finanzierungssorgen löste: Konserven.

Wir verarbeiteten dauerhaft Nordschottischen Edellachs, Schottischen Edelhai, Schottische Kampffische und vor allem die beiden Erfolgsfischsuppen: Grandma Susan`s Power Soup und Old Joe´s Fishpot. Das Geheimnis war nicht nur der erlesen gute Fisch, auch der Preis: „Was so teuer ist, muss gut sein.“

Wir hatten Erfolg. Aber ich wollte mehr: Fisch statt Fleisch  – das haben wir schon unter die Leute gebracht. Aber ich träume davon, dass die Leute sich nicht nur was Gutes gönnen, sie sollen auch das berauschende Gefühl beim Fischessen haben, die Welt damit zu retten und vorm Untergang zu bewahren. Ein Think Tank muss daran noch arbeiten.

Alle unsere Mühen hätten nicht gelohnt, wenn wir den Vertrieb nicht dem Verbraucherverhalten angepasst hätten. Verkauf auf Märkten und in Fischgeschäften ist gut fürs Image, aber zu wenig für das Firmenkonto. Wir mussten in die Supermärkte kommen – und das nicht nur in die guten: Wir mussten alle beliefern – mit unterschiedlichen Einkaufspreisen. Das bewährte  Erfolgsrezept mussten wir erst einsehen lernen: Die Masse machts. Seither läuft es.

Marble hatte die gewagte Idee: Das Fischgeheimnis aus der irischen See könnten wir vertiefen: Eine Liebesstunde auf einer Matte aus drei bis vier ausgebreiteten Heringshaien oder für Empfindliche ein Gürtel aus Rochenfilets wird jede Ausgabe wert sein – wenn für sie geschickt mit erotischen Geschichten geworben wird. Die Angst vor Gräten? Einige werden sich davor gruseln, andere werden die piksenden Gräten antörnen.

Wenn Fakten fehlen, helfen immer Gerüchte: Wir ließen über vorgebliche Wistleblower in unseren Reihen gezielte Fakes verbreiten, die unsere Medien zu gern aufsaugen: Von europäischen Fürstenhäusern ist die Rede, von fast allen Stars in den Charts – sie alle brauchen unsere Unterstützung bei ihren Potenzproblemen. Der Erfolg hat uns überwältigt. Wir kommen mit der Produktion kaum nach und müssen Erweiterungen planen.

Es wäre nahe liegend gewesen, einige Möglichkeiten selbst zu testen, aber Marble konnte inzwischen keinen Fisch mehr riechen. Metzger sollen die eifrigsten Verbraucher von Schokolade und süßem Zeug sein.

Unsere um Lustbereitung kreisenden Gedanken führten Marble und mich zu schmerzhaften Liebesbeweisen. Meine geliebte Marble war die neugierigste Sucherin.

Neulich kam sie in den letzten Nachtstunden mit dem Motorrad. Marlitt und ich hörten sie kommen; Marlitt zog sich verständnisvoll zurück. Ich war richtig stolz darüber, dass Marble kein Wort sagen brauchte. Wir lagen uns stumm verstehend in den Armen und fraßen uns auf wie die Giftspinnen, nur liebevoller.

Margret war weniger empfindlich und half gern und geschickt bei den Forschungsexperimenten aus.

Ich wusste nie zu sagen, wer mich glücklicher machte, wenn sie oder Marble auf mir war und mit kundiger Hand unsere innige Verbindung sicherte. Ich sagte beiden: „Du bist eine der Frauen, mit denen ich irgendwo alt werden möchte.“

Als wir abends heavy drunken waren, entstand der weltbewegende Einfall: „Fisch stärkt die Liebe“. Der Slogan wurde in alle Weltsprachen übersetzt.

Wir kreisten immer stärker um den Gedanken, dass Fisch geil macht, unsere Nächte verlängert, uns Höhepunkte beschert und diese Erfahrung sichert: „Mit Fisch kriegst du nie genug“.

Das schließt natürlich ein, dass wir nie genug Fisch im Kühlschrank haben.

Das lief und läuft also gut und ist nicht schwer, weiterzuentwickeln.

Unsere Mitdenker stimmten zögernd, dann aber heftig meinem Vorschlag zu, eine vorgeblich Männer unmittelbar explosiv aufputschende Paste in einer handbreiten, schweren schwarzen Glasschale mit vergoldetem Deckel und auf ihm eingravierten Rochen herzustellen.

Den Rochen-Anteil wird niemand prüfen; der Sandelholzduft untermalt das unwahrscheinlich teure Luxus-Objekt. Das war der für viele neue Gedanke: Idiotisch aufwändige Dinge machen auch Leute glücklich, die sich das gar nicht leisten können – für einen selbst, mehr noch als Geschenk von Frauen.

Wir verlagerten die Produktion dieser Lotion nach Grönland; dieser weltwirtschaftliche Schachzug wurde international viel gelobt.

                                                      *

Mein Büro brauchte aus meiner Zelle heraus Anschluss an die Welt. Kooperation ist alles. Mein Bauchgefühl riet mir, meine Hoffnungen auf eine Frau zu setzen. Die sind im Knast an fünf Fingern abzuzählen.

Ich nutzte mein Orakel aus beschrifteten Papierstücken und einer leeren Flasche. Die Wahl fiel auf die Küche – ein für mich unerreichbarer Bereich. Ich musste herausfinden, welche Frauen dort arbeiteten. Das verriet mir gegen sechs kostbare Zigaretten unser Futterverteiler. Ich versuchte es dreimal mit einer hereingeschmuggelten Blütenpflanze an Olivia.

Was konnte ich ihr schenken, außer schönen Worten? Richtig: Versprechungen. Von denen lebt die Welt und ihnen glauben wir blind alles. Olivia hatte einen Freund, der einen kannte, der… Das war dann unser Mann, der mein Büro mit B- oder C-Ware ausstattete – mit Telefon, Ersatz-Handy, Laptop,  Drucker.

Marble hatte in vielen Anläufen versucht, eine Freigänger-Genehmigung für mich zu erwirken. Beim Justizministerium, das war ja klar: Keine Chance. Dann kann sie durch einen wunderbaren Zufall zu der Bekanntschaft eines Hilfsreferenten im Wirtschaftsministerium. Der hat die ganze Sache ganz anders gesehen: 

Bei einer eingehenden Besprechung in einem Hotelrestaurant erreichte Marble, dass ich „aus dringenden Gründen regionaler Wirtschaftsförderung“ für 12 Tage Freigang bekam – zur Koordinierung von Zentralstellen für Fischvermarktung in Portree, Inverness und Dundee.

Allerdings musste ich abends ab 07.00 PM im Gefängnis sein und dort schlafen. Erst bei einem nächsten Treffen erreichte Marble – fragt uns besser nicht, wie -, dass ein Wochenende von der harten Regelung ausgenommen wurde

Ich begann in Dundee und Inverness, Marlitt besuchte mich für zwei Tage in Dundee und Margret in Inverness.

Marble war sowieso die ganze Zeit bei mir. Wir hatten unendlich viel nachzuholen – ratet mal, was! Die Frauen staunten, wie ausgehungert ich war.

Es gab für uns herrliche Gründe, anderes auch Wichtige zu tun als nur Nachdenken über Fische und Fischprodukte.

Ausführungsreif war der Einfall von Marlitt, für die einzelnen Fischsorten Extra-Vertriebe zu arrangieren.   

Fisch für die Welt

So vieles in meinem Leben verdanke ich Zufällen. Ich glaube längst nicht mehr daran, dass es Zufälle sind.

Zufällig kam ich zu unserem Riesenerfolg.  Bei der Qualitätskontrolle in einem Fischgeschäft fiel mein Blick auf eine zerknüllte Zeitungsseite. Wir packen doch Fisch nicht mehr in Zeitungspapier ein! Der Hintergrund interessierte mich nicht mehr, als ich die Nachricht begriff: Die Weltgesundheitsbehörde schrieb ein Produkt als Welthungerhilfe aus – gesucht wurden besonders nahrhafte, haltbare, gesunde und stärkende Produkte in einem festen und stapelbaren Behälter.

Ich musste mich erst mal hinsetzen und einen Kaffee trinken. Dann kam mir diese Idee: „Wie viele seid Ihr hier?“

„Sieben Frauen und drei Männer, Sir“

„Gut, dreht das Türschild auf` geschlossen um, wir machen eine Pause. Kommt mal alle mit auf den Innenhof, bringt ein paar Klappstühle mit…“

Was denkt Ihr, Freunde, mit dieser ungeschulten Beratergruppe haben wir die Top-Idee entwickelt: Eine weiße Konservendose mit Fisch. In den nächsten 16 Monaten mussten wir das Vorhaben auf Wunsch der Behörde weiterentwickeln und arg verfremden. Am Ende präsentierten wir nach unzähligen Versuchen und Abstimmungen eine wasserhaltige Fischsuppe, nicht mehr als solche erkennbar, weil es eine mit Gemüse und Mineralien und Vitaminen angereicherte Pampe sein musste, die auch kalt erstaunlich lecker schmeckt.

Als wir nahe dran waren, kam jemand auf den Einfall, dass die 800 Millionen Hungernden südlich der Sahara und in Asien einen anderen Geschmack haben könnten als wir. Was wir lecker finden, könnte bei ihnen Brechreiz auslösen… An solchen Gegebenheiten sind schon unzählige Projekte gescheitert. Wir hatten Glück.

Das Innere der Dose war längst nicht so wichtig wie der Preis. Sie sollte 1 Dollar kosten. Wir lieferten sie für 99 Cent, verschuldeten uns furchtbar und sonnten uns erst nach drei Jahren im Erfolg.

Die Knastruine Birmingham bekam eine Mega-Musterküche, lieferte der angeschlossenen Firma täglich  den Inhalt für 3.000 Dosen, finanzierte aus dem Erlös nach der Schuldentilgung einen Neubau – und meine Justizreform. Es war gesichert, dass alles weiter laufen konnte, wenn ich mal für einige Zeit „abwesend“ war.

Sollte ich mich dagegen wehren, dass sie mein Profil auf eine Briefmarke drucken wollen?

                                                   *

Margret, die mich die ganze Zeit mit ihren süßen Brustspitzen inspirierte, brachte uns darauf, nicht nur in schottischen Städten edle und wirklich gehobene Fischrestaurants einzurichten und sie nach unserer schönen Queen Mary Stuart zu nennen. 

Das gefiel mir sehr. Ich stellte mir ihren eigenwillig so unterschriebenen Königsnamen als Werbung mit ihrer Standarte vor – es wird das Herz aller Schotten und aller Stuart-Fans höher schlagen lassen:

Bis jetzt hatte ich dichtgehalten, jetzt ließ ich es raus, dass ich heimlich und ungefragt das Wäsche-Label „Marlitt Moore“ eingerichtet hatte. Die Premium-Marke hieß „Our Scots Queen Mary“, auch nur ihre Königsflagge, beide waren schon  Renner in Vorbestellungen.

Wieder mal kam uns etwas dazwischen. Marbles früherer Geschäftspartner erlitt mit dreiundvierzig Jahren einen bösen Verkehrsunfall mit tödlichem Ausgang.

Gleich sahen alle Profis wieder auf mich…

Mein Alibi war Margret, vorsorglich bestätigt durch Marlitt. Ich hatte mit Marble abgesprochen,  bei den Vernehmungen ganz am Ende zu erwähnen: eifersüchtig könnten viele Männer auf den Verstorbenen gewesen sein. Sie hätte einen großen Freundeskreis, sehr geliebte Frauen und Männer darunter, nicht zuletzt Julian Higgins, für den sie durchs Feuer gehen würde – er sicher auch für sie.

Wenige Männer glauben Frauen alles. Sie erinnerten sich auch nicht, dass ich mit einigem Grund ein Frauenjäger genannt werde und in diesem Fall nicht direkt beteiligt sein könnte.

Ich hatte inzwischen so schöne Erfolge damit, Marlitts etwas blutarme Romane mit erlesenen Liebes- und Lustgeschichten, manchmal auch etwas Dramatischem aufzupeppen.

Das hatte mich nächtelang, wenn ich ohnehin wach lag und grübelte, lustvoll beschäftigt, aber jetzt musste ich überstürzt auch diese Branche wechseln. Ihr kommt nicht drauf – bis ich erwähne, dass schnelle Hunde mir Glück gebracht haben und ein Startkapital. Hunde, Freunde!

Ich habe das anrührende Gedicht der Dichterin Friederike Kempner im Kopf, das auch von mir mehr sagt, als ich je preisgegeben habe:

  In den Augen meines Hundes                                                                                                    liegt mein ganzes Glück                                          all mein Innres, Krankes, Wundes                                                                                              heilt in seinem Blick.

Komm Wally-Schatz, Gassi!

Auf bald, Freunde!

                                     Bei Meerjungfrauen

Ihren Ruf hatte ich nächtelang gehört, ich konnte ihn lange nicht orten. Sie hat ganz deutlich „Jul, komm doch endlich!“ gerufen – und das mit einer Sirenenstimme, der man als Mann nicht lange widerstehen kann.

Ihr wundert Euch sicher über ihre Rufe, denn dieser Traum spielt offenbar vor der Erfindung des Telefons. Ich saß nicht in einem zum Himmel stinkenden Knast, sondern in einem mit liebenswerten Menschen ausgestatteten Chalet am Zürich-See und ich war der Lieblingssohn eines wohlhabenden Geschäftsmannes.

Meine Halbschwestern spielten raffiniert mit mir Räuber und Gendarm und nach meinem Lieblingsessen gab es abwechselnd Stracciatella-Eis und Tiramesu. Ich hatte keinen Grund, mich wegzusehnen und fand mein Dasein so – wie mein amerikanischer Schriftstellerfreund John: „I`m pissing on ice“ – Eisbrocken lagen zu seiner Zeit in den Pinkelbecken der besseren Restaurants.

Es hat sich früh gelohnt, dass ich Frauen immer geschätzt habe. Meine süßen Schwestern Alina und Elena kannten mehr Geheimnisse als ich und als ich sie fragte, ob sie mir den Weg zu den Meerjungfrauen zeigen könnten, fragten sie nur: „Was gibst Du uns dafür?“

Ich versprach ihnen das Höchste: „Ich besorge Euch einen Welpen“. Ich dachte an einen kleinen braunen Kläffer, sie an einen schwarzen Berner Sennenhund mit weißer Blesse und Brust,  weißen Füßen und einer weißen Schwanzspitze . Die Bernis waren bei den Züchtern gerade nur mit über zwei Jahren Wartezeit zu bestellen.

Und der Weg zu der Insel mit den Meerjungfrauen? Sie führten mich kilometerweit an einen lausig kalten Bach und zeigten in die Nebelferne: „Du musst da durchschwimmen. Am Ende kommst Du links an eine Schilflücke; dort musst Du unter dem großen, flachen Stein durchtauchen und ins Helle schwimmen. Dann bist Du auf dem Weg,“

„Woher wisst Ihr das denn so genau? Wart Ihr schon mal da?“

„Frauen wissen nun mal mehr als Ihr Männer“, sagten die neun- und zwölfjährigen Naseweisen und gaben mir den Auftrag mit: „Kriege raus, woher sie kommen, ob sie alt werden und irgendwann sterben und ob und wie sie sich vermehren können. Und wann kriegen wir den Hund? Glaub nicht, dass wir Dein Versprechen vergessen.“

„Das mach ich zusammen mit Euch. Einen Hund kauft man nicht wie eine Tüte Pralinen. Den müssen wir auswählen und uns und die Eltern auf ihn vorbereiten. Das dauert eine Weile.“

Der Welpen-Kompromiss war eine wunderschöne Boxerhündin, die alle Katzen der Nachbarschaft vertrieben hat und als aller Liebling sehr verschmust war.

Die Mädchen brachten mich ein großes Stück zu dem Bach. Ich überlegte, wie ich es schaffen könnte, ohne zu erfrieren durch den Bach zu schwimmen. Ja, wenn es schon Neopren-Anzüge und aufblasbare Schlauchboote gegeben hätte! Aber so weit waren wir noch nicht mit der Zivilisation.

Ich hatte mir warme Strümpfe, eine mit einer Kordel zugebundene Leinenhose und mein dickstes Hemd angezogen und meine Wintermütze über die Ohren. Und dann gings los.

Natürlich bin ich zuerst an der Schilflücke vorbei geschwommen und fand sie erst nach einigem Suchen.

Unter dem Stein durchtauchen in eine schlauchartige Verengung und wieder hoch zu einem vorher nie gesehenen großen See.

Ich kann nicht kraulen, nur Brust- und Rückenschwimmen. Tauchen hatte ich immer höchstens bis zu zweiunddreißig Sekunden geschafft – noch bevor ich Raucher wurde.

Deshalb dauerte es halt etwas. Unter dem flachen Stein hielten mich dicht zugewachsene Äste, die mich schrammten und schlimmer: Sie verhakten sich in der Kordel, die meine Hose hielt.

Sie rutschte mir herunter und ich musste sie beim Weiterschwimmen aufgeben. Von weitem hörte ich sie schon – ihr Lachen und Rufen.

Und dann kamen mir schon die ersten Jungfrauen entgegen geschwommen. Donnerwetter, das sind ja gar nicht die ewig jungen              

Mädchen, die ich erwartet hatte; das waren Frauen unterschiedli-  chen Alters.

Ihre Gesichter gefielen mir; sie waren naturbelassen, kein bisschen Schminke, kein Lippenstift, keine künstlich umrandeten Augen und alle mit sehr kurzen, abgehackt wirkenden Haaren, mit kräftigen Brüsten – kein Wunder, sie sind ja Dauerbrustschwimmer mit unendlichen Trainingszeiten.

Ich bin fast untergegangen, als sie mich umarmten und abküssten, als wäre ich ein wasserfestes Honigkuchenpferd, was ganz Besonderes und lange Erwartetes. Es gefiel mir sehr.

Ich schwamm mit ihnen und hinter ihnen her; sie lachten über meine Langsamkeit. Wir erreichten ein verzweigtes, trockenes Astgestell, an dem sie sich mit einer Hand halten konnten; der See war nicht tief – ich konnte stehen, sie nicht.

Sie redeten durcheinander auf mich ein – in einer Sprache, die ich nie gehört hatte, die klangvoll war, mit vielen Vokalen – nur nicht verstehbar für mich. Sie merkten das und verstärkten ihre lächelnde Zuwendung mit vielen Gesten.

So ließ ich mich durch eine grabenartige Vertiefung des Ufers weiter ins Innere der Insel locken.

Sie forderten mich verstehbar auf, an Land zu klettern, mit meinem klatschnassen Hemd und meiner nassen Mütze.

Ihr gemeinsamer Erstaunensruf hat mich erschreckt. Sie starrten fasziniert an, was ihnen unterhalb meines Bauchnabels unvorstellbar war – oder was sie seit langer Zeit vergessen hatten.

Ihr ratet nicht, welches meiner Körperteile ihre größte Aufmerksamkeit und Bewunderung fand; es war auch für mich eine volle Überraschung: meine Füße!

Ich begriff, dass sie sich nur Menschenkörper vorstellen konnten, die vom Bauch an einen schuppigen Fischleib hatten. Das war bei mir gottlob anders.

Sie begeisterten sich über meinen Hintern, übersahen zunächst höflich mein sich schlafend stellendes Dreigestirn, streichelten bewundernd meine Oberschenkel, meine Waden und gerieten in helles Entzücken über meine zehn Zehen. Sie zählten sie laut ab und küssten sie einzeln wie Kostbarkeiten.

Das alles wird ihren Wunschträumen nahe gewesen sein – etwas ganz anderes als eine noch so schöne Fischhaut über einem wohlgeformten Fischleib.

Ich fühlte mich wie auf Besuch; war es nicht ungehörig, dass ich kein Geschenk mitgebracht hatte? Beim nächsten Mal werde ich etwas mitbringen, das sie freuen könnte.

Ich musste herausbekommen, was ihnen fehlt, doch wohl etwas Praktisches? Dazu muss ich ein paar Stunden mit ihnen leben, vielleicht über Nacht?

Sie wurden nicht müde, mich abzuküssen und die Körperpartien zu liebkosen, die ihnen anscheinend fremd waren.

Ich staunte, dass sich die meisten von ihnen ungezwungen an Land bewegen konnten; sie mussten nur nach ein bis zwei Stunden wieder kurz ins Wasser, wohl ihrer Fischhaut zuliebe.

Ich konnte mittlerweile einige von ihnen unterscheiden – an ihren merkwürdig blassen Gesichtern und an ihren Brüsten, die bei ihnen immer unter Wasser lagen und die ich erst mit der ganzen Meerfrau höher heben musste. Das war eine schöne Arbeit und – staunt mal bitte mit: Obwohl sie doch wohl keinen Mann und seine Umgangsart kannten, fanden sie es durchaus angemessen, dass ich ihre Brüste wichtig nahm, zärtlich streichelte und ein bisschen saugend küsste. Auf die Idee, dass sie sich auch gegenseitig küssen können, kam ich erst spät.

Ich küsste ihre Brüste bald lieber als ihren Mund; denn sie ernährten sich offenbar hauptsächlich von rohem Fisch – und das minderte meine mir angeborene Kussfreude.

Und wer von ihnen hatte mich gerufen? Wer hatte hier das Sagen?

Ich wiederholte laut „Jul, komm doch endlich her!“ Ich sah sie alle dreiundvierzig fragend an, und da löste sich aus der lachenden Gruppe tatsächlich eine mit einer Holzkette geschmückte Meerfrau, schwamm auf mich zu, wartete mein Entgegenschwimmen lächelnd ab und umarmte mich herzlich.

Und welch Wunder: sie hatte zwei, drei Brocken mehrerer Sprachen in Erinnerung, alle aber nur im Klang: „Hello, O rewoar, Drink coffi, Chocolet, Mañana, Salute, Shelati und Tag,Tag, No, no, Kiss, kiss.“

Ich applaudierte ihr hocherfreut und gab ihr mit einer ihr unbekannten Huldigung Rätsel auf: Ich nahm ihre Hände und küsste andächtig ihre Innenflächen.

Die anderen Meerfrauen wurden ganz still und tuschelten miteinander, dann auch mit der Sprachkünstlerin, die vielleicht eine Funktion bei ihnen hatte.

Diese Frau, ich musste ihr einfach einen Namen geben: Muskata, sie kam mir sehr nahe und küsste mich auf die Stirn. Jetzt fand ich ein Ende der Zeremonien sinnvoll, nahm Muskata in die Arme und küsste lange und mit vielsagender Zunge ihren anfangs arg kalten Mund. Der Fischgeschmack störte mich nicht mehr. Unwillkürlich …

Ich kam nicht mehr dazu, dies auch nur zu Ende zu denken, denn alle Meerfrauen sprangen auf und platschten ins Wasser. Sie umjubelten einen soeben aufgetauchten Riesenfisch. Ich staunte ihn an, er war blau mit lauter kleinen weißen Punkten.

Alle schmiegten sich schmusend an den großen Fisch und schlugen klatschend mit ihrer Schwanzflosse an seinen Leib. Als sie vor und neben mir im Sand gelegen hatten, dämmerte mir, dass sie in der Mitte dieser Flosse eine Ausscheidungsöffnung hatten, die sie mit einem Druck kurz öffnen konnten.

Waren das Lustschreie, mit denen sie ihr Schwanzschlagen begleitete?  Ich wollte nicht abwarten, zu sehen, wohin das  Schmusen und Rumgemache führen würde. 

Ich hatte das Empfinden, an etwas Intimen teilzunehmen,  für das mein Zuschauen nicht erwünscht sein könnte.

Ich fühlte mich abgemeldet und war sauer.  Muskata schien noch mitbekommen zu haben, dass ich zurückschwamm. Vielleicht habe ich mir eingebildet, dass sie winkte…

Zuhause haben mich meine Schwestern enttäuscht getadelt: „Du warst doch nur blöd beleidigt und hast die Chance verspielt, endlich mehr über die Meerjungfrauen zu erfahren.

Der Riesenfisch wird weiblich gewesen sein, denn männliche Fische interessieren sich überhaupt nicht für Meerjungfrauen, warum, kannst Du ja raten…Du hast es vermurkst.

Wir sind dafür, dass du sie gleich morgen wieder besuchst und diesmal ein paar Geschenke mitbringst.“

Das hatte ich auch vor. Die Mädchen halfen mir, in einen Rucksack eine kurze Säge zu packen, mehrere Messer verschiedener Größe, zwei Scheren,  drei Plastikschüsseln, acht Becher, ein Netz Apfelsinen und 43 einfache Taucherbrillen.

Seid ihr schon mal mit einem Rucksack getaucht und zwei Kilometer geschwommen?

Es war eine Plackerei, aber schlimmer und enttäuschender: ich hörte sie nicht lachen und rufen; mir kam keine entgegen geschwommen und die kleine Insel war leer. Ich rief minutenlang ohne Antwort.

Und sorgte mich am meisten darüber, was Alina und Elena zuhause klagen und mir in die Schuhe schieben würden…

Zu viele Rätsel bleiben ungelöst. Aber vielleicht muss ich meine Beobachtungen und Eindrücke demnächst endlich mit Fachleuten besprechen. Möglicherweise habe ich ja doch Wichtiges herausgefunden und könnte jetzt selbst als Fachspezialist für Meerjungfrauen gelten, als wahrscheinlich einziger, der sie tatsächlich gesehen, umarmt und geküsst hat!

Lohnt es nicht, forsch aufzutreten, Vorträge zu halten und eine Abhandlung zu schreiben, die als Dissertation angenommen werden könnte?

Denn wer kann schon einen Bericht so einleiten wie ich?: „Als die Meerjungfrauen lachend auf mich zu schwammen…“

Intershit

Scheiß ist grün, auch wenn er wie so manches anders aussieht. Scheiß ist Leben. So ist das eben.

Scheiß ist seit Jahrhunderten das Lieblingswort vieler Menschen. Sprachforscher behaupten, dass vor allem Männer mit einem Wortschatz von nur um die hundert Worten einen hohen Anteil davon mit dem Begriff Scheiße ausdrücken können. Das schafft kein anderes Wort. Unzählige Dissertationen und Habilitationsschriften werden über Scheiß geschrieben.

Ihr habt das sicher mitbekommen: In den letzten Jahren gab es einige Ausgrabungen von antiken Latrinen, deren Sitze etwa im Viereck so gestaltet waren, dass wir uns gelegentliche gemeinsame Sitzungen von Männern und Frauen vorstellen können.

Solche unbekümmerten Gemeinsamkeiten kenne ich nur aus meiner Zeit im Kindergarten, wo wir im Kreis auf den Töpfchen hockten, Mädchen und Jungen. Alle fanden das normal und sogar niedlich; heute ist das undenkbar – aber lohnt es nicht, über die Entwicklungen unserer öffentlichen Scham nachzudenken?

In manchen Museen sind noch Plums-Klos zu besichtigen, die bis vor etwa neunzig Jahren in einiger Entfernung zum Haus standen oder in einem provisorischen, meist hölzernen Anbau. Das einfache Volk hatte es mal besser als die Ritter und Mächtigen: Einige Burgen und Schlösser hatten nur ein Loch in der Außenwand. Bei größerem Andrang hockten sich die Schlossbewohner rücksichtslos überall hin und schlugen ihr Leibwasser ab und nicht nur das; der Entleerungsdrang war übermächtig und lebenserhaltend.

Es hat das Volk getröstet, dass dorthin zum Abtritt auch der Kaiser zu Fuß gehen musste.

Die Putzfrauen werden irgendwann Eimer in die Ecken gestellt haben. Gab es Eimer? Oder nur unhandliche kleine Fässer, die schwer zu handhaben, schwer zu leeren (und wohin?) und noch schwerer zu reinigen waren.

Für Fürsten und andere Herrschaften gab es auch Leibstühle – die Vorläufer der Chemieklos, die heute in Camping-Anhängern und in Gartenlauben benutzt werden. Chemikalien machen sie für viele Benutzungen brauchbar, das war früher anders.

Verzierte Leibstühle standen früher in den Gemächern der beliebten Hofdamen und Schauspielerinnen. Man gab den Orten einen verschönernden Namen.

Wir sagen heute nicht mehr Scheißhaus und Abort, sondern umschreiben (für) „Damen“ und „Herren“ oder kleben verstehbare Piktogramme auf die Türen.

Die internationale Kulturforschung rätselt immer noch, wie sich Napoleon, unsere großen Dichter und die zarten Königinnen den Hintern abwischten.

Engländer sollen die Wasserspülung der Klos erfunden haben; sie hießen dann nicht mehr Abtritt, sondern W.C. – Water Closet – eine Weltrevolution. Das Toilettenpapier war eine weitere revolutionäre Erfindung, die gesammelte zerknüllte Zeitungsabschnitte ablöste. Wie Menschen, die ohne Zeitungen lebten, sich in ihrer Not halfen, ahnen wir nur mitfühlend.

Japaner haben in neuerer Zeit WC`s mit einer Spülung erfunden, die den Gebrauch von Klopapier entbehrlich macht. In der islamischen Welt gibt es schon ewig Schlauchanschlüsse für diesen Reinigungszweck.

Als ich in meiner Zelle über Verkaufsmöglichkeiten grübelte, fiel mir die Weisheit eines Mönchs vom Bodensee ein: „Aus jedem Scheiß kann noch Mist werden.“

Das scheint zu stimmen. Nach meiner Vertiefung in die Materie weiß ich, dass Mist auf geeignete Zutaten angewiesen ist.

Das müssen auch Menschen lernen, die Scheiß in ihrem Leben überwinden wollen. Da ist immer auch anderes abzuräumen.

Grundlagenwissen hilft immer:

Für den normalen Mist eignen sich bewährter maßen Stroh, Heu, Häcksel, Sägespäne und Gülle.

Der Vermarktungsgedanke ist nicht neu; es gibt immer Dinge, die andere schon vor dir erfunden haben. Aber: Die Idee ist nicht erschöpft und es gibt viele Lücken.

Ein herausragender Einfall war es, für Baustellen, Märkte, öffentliche Versammlungen im Freien und Feste kleine, bewegliche Klo-Häuschen herzustellen und massenhaft anzubieten. Eine komfortablere Weiterentwicklung sind Toilettenwagen, getrennt für Damen und Herren, die von Reinigungskräften gegen eine Gebühr betrieben werden.

 Soldaten helfen sich im Feld mit einem Graben, über den sie, wenn sie länger verweilen müssen, starke Äste legen. Reiner Luxus sind Baumstämme, die sie Donnerbalken nennen.

Die Gegner machen sich einen Spaß daraus, die erhöht Hockenden abzuschießen. Die Unterhaltungen der Männer (über die Notlösungen des weiblichen Personals fehlen uns Berichte) sind oft pessimistische Latrinenparolen – Vorläufer der unsäglichen WC-Wandsprüche im zivilen Leben von heute.

Die Ingenieure der Weltraumfahrzeuge schlagen sich mit dem Problem herum, die Klos unter den Bedingungen der Schwerelosigkeit irgendwie festzuzurren und die Notdurft zu fixieren. Weltraumfahrer berichten, dass sie am innigsten von ihren Badezimmern zuhause geträumt haben.

Unser Etagen-Klo zuhause war winzig, aber hatte ein Handwaschbecken (gebadet wurde freitagabends in der Zinkbadewanne im Keller; nicht jeder bekam frisches Wasser).

In Architekturzeitschriften wird berichtet, dass Baukunden sich zunehmend großzügig ausgestattete Badezimmer wünschen. Die Kloschüssel wird nicht mehr erwähnt, es gibt dafür zusätzlich installierte Bidets, Urinale und Whirlpools.

Was es früher nur in Märchen gab, leisten sich erstaunlich viele Bewohner als Statussymbol, das vielleicht auch ihre Gäste beeindrucken soll: vergoldete Anschlüsse in den zunehmend wohnlich gestalteten Badezimmern.

Wo früher nur alte Zeitschriften auf dem Fenstersims lagen, steht heute eine Musikanlage oder ein Fernseher zwischen Grünpflanzen – denkt mal daran, dass unsere Vorfahren froh waren, wenn sie ein großes Blatt oder eine Handvoll Gras zum Abwischen fanden…

Auf dem Markt angeboten werden Fäkalien bisher als Dünger, als Baustoff und als Brennmaterial. Diese Verwendung ist Jahrtausende alt. Neu sind Anfänge der medizinischen Verwendung von aufbereitetem Menschen-Kot, etwa zur Heilung von Darmkrankheiten – hierbei folgt der Mensch tierischem Verhalten von Nagetieren und Hasen.

 

Die nächsten Forschungsschritte werden auf tierische Ausscheidungen zielen. Das Material könnte gesammelt und angeboten werden. Nur: Ohne Fördermittel lägen die Ausgaben voraussehbar weit über den erwartbaren Einnahmen.

Als Baumaterial wird dem Lehm eine Mischung aus Kalk und Pferde-Dung beigefügt, weil Pferdeäpfel mit ihrem hohen Anteil an unverrottbaren Faserstoffen den Lehmbau verbessern.

Als Dünger wird Mist in der Landwirtschaft seit Urzeiten verwendet. Als Brennstoff ist Holz regional oft zu wertvoll; Ersatz bietet – hauptsächlich in Asien und Afrika – getrockneter Kuhdung, Kamel- und Elefantendung.

Scheiße stinkt. Besonders die von Allesfressern, die Proteine verdauen und Schwefelwasserstoff ausscheiden. Das trifft auch auf die meisten von unserer menschlichen Sorte zu.

Das von anderen Lebewesen ausgeschiedene Material wird bisher unzureichend genutzt. Wir lassen viele Nutzungsmöglichkeiten unbeachtet. Meist wurden Menschen erst in drückender Not erfinderisch.

Die medizinische Forschung scheint besonders auf die massenhaft ausgeschiedenen und keinesfalls nur schädlichen Bakterien zu zielen.

Diese Forschung sollten wir unterstützen, aber nicht darauf bauen, dass sie  u n s  Geld bringt. Da sollten staatliche, ökonomische und private Förderstellen sich engagieren und das Risiko sichern.

Für mich und für uns in unfreiwilligen Sabbatjahren Einsitzende sehe ich hier andere nutzbare Möglichkeiten und ihre Schwierigkeiten: Die stoffliche Aufbereitung und die Einbindung in eine Produktionskette halte ich für außerordentlich aufwändig und unrentabel..

Ein Beispiel: Schildkrötendung kostet in Aufbereitung und Versand anfangs mehrere Tausend Euro. Holy Shit wäre für wenige Hundert Euro beschaffbar und versendbar.

Könnt Ihr Euch Holy Shit vorstellen? Nein, den Papst lassen wir besser aus; seine Kirchenbeamten würden Mondpreise verlangen. Ich denke an ehrwürdige Einsiedler. Die meisten soll es in wärmeren Gegenden geben – oder in beheizbaren Höhlen. Ihre Nahrung ist karg, doch ihre Exkremente sind kostbar.

Internationalen Pfadfindern wird es eine Ehre sein, das Zeugs einzusammeln und den Einsiedlern dafür ein veganes Fresspaket zu übergeben. Das ist mit einigem Einsatz hinzukriegen und in Werbevideos festzuhalten. Aber dann bleibt das Lagern, Aufbereiten, Werben und Verschicken – ich halte alles für viel zu aufwändig.

Wesentlich billiger ist ein anderer (!) Dung, den man nur heiligsprechen muss: zum Beispiel Mörderdung, der aus Frauengefängnissen, oder Spitzensportlerscheiß – alles von der Werbung in den Himmel zu heben und an das Kostbarste nahe heranzukommen: An das, was durch den Körper von umjubelten Stars aus den Charts gegangen ist.

Sehr begehrt sind auch der sehr teure Eisbärenscheiß und für Affenfreunde der Gibraltar Shit.

Unser absoluter Hit, besonders bei sehr jungen Kunden, ist international der Space Shit, der unter Kids eine Art Geheimwährung sein soll. Wir bieten ihn auch in Großpackungen an.

Ich halte mich an drei Grundsätze: Alles ist machbar. Jeder teure Stoff ist ersetzbar. Alles ist verkaufbar.

Ohne Scheiß – oder grade mit: Sieben hochwertige Produkte werden außer bei uns in belgischen, bulgarischen und isländischen Strafanstalten nach einheitlichem Standard produziert und neutral verschickt (wie andere intime Sendungen). 

Durch unseren Feuchtigkeitsentzug und die Trocknung an der frischen Luft ist keine besondere Verpackung notwendig:

001 Queens-Zauber, Brausetabs.  Hochadel-Mix mit Hanfblüten.

002 Marilyn Monroe Memory, Tampon-Imitat, prickelnde Zäpfchen; auch: versilberte Handschmeichler als Premium-Geschenk.

003 Marine Le Pen-Krümel, fettiges Zäpfchen, stark abführend.

004 Arsch-Putin-Scheiß, Granulat mit Knallkugeln, Klo-Einhänger.

005 Regierungsscheiß, duftende Knetmasse zum Entspannen.

006 Klugscheißer Mix, gegen Prüfungsangst, vor Dates u.a. Treffen

007 Space Shit, Krümel der Crews in Weltraumstationen, kandiertes Fruchtgummi; extra für Kinder.

Der Mönch vom Bodensee ist unser farbiges Logo.

Als CEO des Gesamtunternehmens bin ich für ein starkes Produktbild verantwortlich. Den Verkauf unserer Produkte habe ich so geregelt:

Gute Verkaufsgelegenheiten sind hohe Feiertage, Weihnachtsmärkte und Kurorte, Messen, Kongresse, Jahrmärkte.

Immer verkaufen je drei Häftlinge in gestreifter Sträflingskleidung mit den dazugehörigen Mützen (notfalls aus Theaterfundus) an Tischen mit der gut lesbaren Beschreibung der Ware.

Hinter ihnen steht ein grimmig dreinschauender  Bewacher mit einem Gewehr. Die Kasse ist überdimensional.

                     Die An- und Abfahrt der Leute ist wirkungsvoll zu inszenieren.

Für die Umsetzung meiner Ideen brauche ich mehr clevere und kreative Knackis, auch aus anderen weiblichen und männlichen Einrichtungen. Und das Okay ihrer Anstaltsleitungen.

Unsere Chefin hat unseren Anstaltsarzt gefragt, ob der Queens-Mix auch ihrem rheumatischen Vater helfen könnte. Er hat das für gut möglich gehalten.

Wir brauchen weiter medizinischen Sachverstand.

Siesta amore

In der Einsamkeit der Zellennächte entstehen unzählige Gedanken, blöde und total verrückte, erbärmliche und großartige. Die weitaus meisten haben mit unserer gottgewollten sexuellen Fantasie zu tun. Und aus manchen wäre auch geschäftlich etwas zu machen.

Wir in den Zellen sind zu einem hohen Prozentsatz so gut wie kastriert, zeitweise nur, hoffentlich. Wenn es gelänge, unsere gepresste Lust in abfüllbare Energie umzuwandeln, wäre die Menschheit gerettet, größtenteils jedenfalls.

So lange wir mit der Erforschung und Umwandlung dieses ungeheuren Potentials noch nicht weitergekommen sind, müssen wir uns mit diesem schönen Ersatz befriedigen: dem lustvollen Tagtraum.

Unser ungefragter Schirmherr ist der frühere US-Präsident, der öffentlich beteuert hat, er habe mit der unter seinem Schreibtisch an ihm lutschenden attraktiven Praktikantin keinen Sex gehabt. Geglaubt hat ihm keiner, aber Millionen hatten Verständnis für ihn – seine Angeheiratete und seine Tochter weniger.

Geliebte Spielarten dieses Traumes sind abermillionenfach verbreitet – bei Knackis aller Sorten und bei Berufskatholiken – auch den weiblichen. Er kostet nichts, braucht keine Vorbereitungen, niemand kann zusehen (außer, wir vereinbaren das) und er kann überall angeschaltet werden – auch von Andersgläubigen und von Leuten, die nichts glauben.

Ich nenne ihn liebevoll das Geschenk der Lustfee.

Ich will den Mund nicht zu voll nehmen, aber ein bisschen Luxus leiste ich mir und rate auch Euch auch dazu – schon, weil er nichts kostet.

Ihr habt alle schon mal eine Modeschau gesehen, wenn auch nur in wenigen Bildern. In dem Raum vor dem Laufsteg warten die Models, zupfen noch mal hier und an den Kleidungsstücken, in die man sie eingenäht hat und wippen mit den dafür geeigneten Körperpartien. Die Models müssen noch warten. Wie diese Frauen. Und umgekehrt die Männer.

Ich beginne mal mit dem Traum für Frauen:

Die Frauen-Version stelle ich mir nach der Abwandlung des männlichen Modells so vor: In den Vorzimmern warten die attraktiven Männer, die aus hunderten Bewerbungen von lebenserfahrenen Frauen aus vor allem, aber nicht nur der westlichen Welt ausgewählt wurden und in mehreren Filterverfahren von einer erfahrenen Frauenjury gesiebt wurden. Frauen, nach diesen Männern werdet Ihr Euch lange die Finger lecken.

Euren Status könnt Ihr je nach Laune und Tageszeit bestimmen: Prinzessin, Obstverkäuferin, Familienministerin, Äbtissin, Jägerin, Waldhexe, der schönste Filmstar oder Dornröschen…

Wollt Ihr nur einen Mann zulassen – für die erste Stunde? Ihr müsst nicht sparsam sein. Und es ist auf jeden Fall gut für das Weltklima. Fallt nicht auf Lippenbekenntnisse herein, ein großes Mundwerk schadet nichts, breite Hände schon. Bärte oder einen Schnorres je nach Wunsch, selbstverständlich auch das Gewicht und das Alter (Vorsicht mit großzügigem Entgegenkommen!).

Es hat sich bewährt, die Kerle mit einem auf bloßem Zuruf steuerbaren Stahlseil an der gegenüberliegenden Wand anzubinden.

Ihr bestimmt die Arbeitszeit, legt die Anforderungen fest und vergebt am Ende die Gütemarken, die sie sich eintätowieren können. Lasst nur die Besten wiederkommen.

Und, ganz wichtig: seid nie völlig allein mit ihnen. Im Nebenraum sollte immer ein Feuerwehrmann mit frischen Brennnesseln warten. Wenn die Kerle nicht spuren oder zu frech werden, sollen sie brennen…

Eine biegsame, gedachte Pinselzunge erfüllt unterwegs alle kleinen Wünsche. Ihre Ausformung kann durch reine Gedankenkraft verändert werden – das schafft jede Frau.

Der einmalige Vorteil dieser Objekte bleibt: Ihr könnte das Spiel klammheimlich auch vor anderen spielen: im Bus, in einem Hörsaal, im Kloster, in jeder Versammlung, auch, wenn verdächtige Moralisten, Polizisten oder Sittenwächter an Euch vorbeigehen.

Dies ist eine Version für Männer, wie ich sie kenne – ein Beispiel von gestern:

Anastasia, meine Studioleiterin, beugt sich zu mir: Die Video-Schalte ist vorbereitet, Sir, Dürfen die ersten kommen?“

„Ja, aber immer nur zwei. Woher kommen sie?“

„Maria ist aus Bayern, ein rotbäckiges, hübsches Bauernmädchen. Dann Olga-Anna, eine besonders attraktive tchechische Wissenschaftlerin, die dritte ist die traumhaft schöne Luhan, eine liebeserfahrene Inderin, die hier BWL studiert.“

„Sind alle „hairy?“

„Aber ja, Sir, das Versehen von vorgestern wird nicht wieder vorkommen. Ich winke die Helferin mit der Seidendecke herbei. Auf die sicht-schützende Sperrholzplatte haben wir ein paar Fachbücher gelegt – für die optische Wirkung…“

„Welche Fachbücher?“

„Wirtschaftsrecht, Steuer aktuell, Import-Export…“

Ich prüfe meine Haltung am ungewohnten Stehpult und ziehe mir das mit trockenem Gewürztraminer gefüllte Glas näher heran.

Dann kommt die Erste, öffnet ihren gelben Bademantel, lässt mich ihre Schönheit sehen, sich zustimmend anfühlen und schlüpft unter die weiße Decke..

Wie es weitergeht, könnt Ihr Euch leicht selbst ausdenken, das soll hier keinen Platz verschwenden.

Seid lieb zu den Frauen; sie kommen von weither und haben sich gründlich auf diesen Job vorbereitet. Eigentlich musst du gar nicht auf ihr Aussehen achten, aber du bist ja nicht unerfahren im Umgang mit attraktiven Frauen. Sorge für eine angenehme Raumtemperatur und eine anständige Belohnung. Und dafür, dass sie gern wiederkommen, nicht nur zur Siesta…

Eine zweite Szene spielte bei mir neulich im Nachtzug von Amsterdam nach Basel. Einzelabteil.

Der Rotwein aus dem Speisewagen war mir nicht geheuer; mit Bier kann nicht viel schiefgehen. Ich nahm das deutsche. Der Schaffner wusste Bescheid: Wir wollten nicht gestört werden.

Der Tanzwagen war einen Waggon weiter. Sechs Frauen hatte ich bestellt; sie wussten, dass ich fast bis zum Umfallen tanze. Und fast umfallen muss ja nicht das Ende sein…

Die nächste Szenerie sollt Ihr Euch selbst ausdenken. Müssen die Millionen anderen ja auch. Seid großzügig in der Ausstattung.

Wenn Ihr zu den Leuten zählt, die leidenschaftlich gern Einkäufe zurückschicken: keine Hemmungen bei dieser menschlichen Bestellung – sie kommen immer wieder zu euch zurück – wenn Ihr wollt.

        Halbblinder Masseur wird Entertainer

Meine Halbschwester June hat mich sehr herzlich aufgenommen, Joe, ihr Mann, verhaltener. Ich sagte ihnen gleich, dass ich ihnen nicht auf der Tasche liegen und selbst durch irgendeine Arbeit zu einem Gewinn kommen wolle.

„Tolle Idee“, sagte Joe, „gut, dass du ein IT-Spezialist bist.“

„Scheiße“, sagte ich, „ich musste meine Zeugnisse und Empfehlungen alle zurücklassen. Wie wär`s mit was Neuem?“

„Was kannst du denn, außer Nachbarinnen schöne Augen machen?“

„Ich kann ganz gut massieren. Mit ein bisschen Reklame und einem Bericht in der Zeitung würde ich Zulauf kriegen.“

„Wenn du wenigstens blind wärst.“

„Das lässt sich machen. Täuschend ähnlich nämlich. Wäre nicht schlecht fürs Geschäft. Könnte ich in eurer Gartenlaube anfangen? Gegen vorgestreckter Miete natürlich,,,“

Ein kleines Inserat in der Zeitung, die Einladung eines Reporters, einer weiblichen Rückenmassage ablichtend zuzusehen, brachte in zwei Wochen fünf Kundinnen.

Sie kamen zu Junes Haus und ich ließ mich, weil ich so gut wie blind sein könnte, von ihnen vorsichtig in die Laube führen.

Auf dem Weg trat ich aus Unsicherheit leicht daneben. In der Laube kannte ich mich gut aus.

„Danke, bezaubernde Lady; ich bin Lennart. Ich mag Ihr Parfüm.“ Natürlich sagte sie auch gleich: „Ich bin Ruby“.

Ich zog das weiße Tuch glatt und lud sie ein: „Wo wollen wir anfangen, Ruby, Po oder Bauch?

Werden Sie die Ölflecken okay finden oder, was fast alle machen, alles ablegen? Ich sehe ja nichts und muss alles meinen Händen überlassen.“

„Was meinen Sie mit Po oder Bauch, Lennart?“

„Es geht in jedem Fall von den Schläfen bis zu den Fußsohlen. Entspannen Sie sich; wir beginnen mit einer Meditation. Schließen Sie die Augen und atmen Sie ganz entspannt….“

Ich habe sie eingelullt und dabei konservativ massiert, die Arme, den Bauch, die Beine – und dann den Wechsel auf den Rücken. Du spürst gleich, wie weit und wie tief sie deine Hände haben will.

Es gibt immer zufällige Berührungen, dann einen festen Griff und eine leichte Spielerei, der sie nicht lange widerstehen können. Aber alles streng methodistisch.

Es wird ihr gefallen haben, denn sie kam nach zwei Wochen wieder.

Vorher schickte sie ihre Freundin Rachel zu mir, zusammen mit Grace, die ich einlud, erst mal zuzusehen. Nach ein paar Minuten fiel mir eine Öltube aus der Hand und ich schaffte es nicht, sie zu finden. Grace hob sie auf und beide waren endgültig überzeugt, dass ich nichts sehen konnte.

Die Mundpropaganda funktionierte wunderbar; ich lernte eine Menge Frauenrücken kennen und kam fast in Versuchung, wieder einen nationalen Wettbewerb auszuschreiben. Aber Patricia hielt mich auf dem Teppich; ihr folgten Grace, Pasley und Rosemary und alle buchten bei mir 10er Karten und drängten auf schnell folgende Termine.

Ich hatte mich gut in die Rolle reingefunden. War nur schade, dass ich nicht Autofahren konnte, nicht im Hellen.

Mit Pasley wurde es nach zwölf Terminen schwierig; nicht mit ihr, sondern mit ihrem Mann, einem echten Kontrollfreak, der lizenzierter Jäger war und nur haarscharf an mir vorbeigeschossen und unschöne Löcher in Joe`s Auto geballert hat. Pasley und ich blieben unverletzt.

Rosemary war Souffleuse am District-Theater. Sie war Landesmeisterin im Dark-Kissing; fand ich angenehm.

Durch sie habe ich unglaublich viele Stücke gesehen und durch ihren Mann, mit dem ich ein paar Bier im Theaterkeller getrunken hatte, kam ich auf eine umwerfende Idee.

Sie spielt auch auf einer Bühne, auch mit aufregenden Schauspielerinnen und Sängerinnen –  aber ich bin der Mann fürs Ganze.

Und fürs Große, denn ich habe darauf spekuliert, dass das Publikum und nebenbei auch die Geldgeber es am liebsten in Mega-Ausstattung haben – unfassbar groß, sagenhaft teuer, kitschig bis zum Geht-nicht-mehr und natürlich mit vorzeigbaren Akteuren und Stars, umgeben von einem riesigen Chor und den beliebtesten Musikern des Landes.

Wir buchten die größten Säle in allen Städten und errichteten notfalls Zirkuszelte. Das Wichtigste wurde ein Name für diese Events. Wir einigten uns auf „Jenny`s Großes Welttheater“. Das kam bestens an. Nach Jenny fragte keiner.

Ratet mal, was die Leute zahlen mussten, die in der ersten Reihe saßen! Mehr als den dreifachen Preis? Falsch geraten.

Etwas Glanz fiel schließlich auch auf sie; dafür sorgten schon die Regisseure der Fernsehsender.

Unsere Nachbarin Nathalie wurde meine Finanzsachverständige und legte meine Gewinne vorteilhaft an.

Vielleicht habe ich sie nicht ganz angemessen behandelt, tagsüber. Irgendwann merkte ich, dass ich kein vermögender Mensch mehr war.

Aber das Leben ging weiter. Ich träumte schon länger von schattigeren Gegenden…

            Mit Hunden leben und verdienen

Ein Mensch mit Durchblick hat festgestellt, man könne auch ohne Hund leben, aber das wäre dann eben kein Leben.

Wir hatten zuhause immer einen Hund, ich später auch allein, wenn ich mir einen leisten konnte – leisten nicht wegen der Ausgaben für Futter, Steuer, Tierarzt und Haftpflicht, sondern wegen meiner knappen freien Zeit.

Im Knast dürfen wir aus blöden Überlegungen der juristischen Betonköpfe keine Haustiere außer Milben, Flöhen und Wanzen halten. Alle paar Monate huscht auch mal ein Mäuschen vorbei. Und im Keller sollen Ratten sein, aber dahin kam ich trotz einiger Androhungen nie.

Dass in meinem Kopf dutzende Hundenamen herumschwirren, liegt an den Namen auf den rosa Zetteln der Hunderennen, bei denen ich nicht regelmäßig Geld verloren habe.

Ich weiß einiges über Hunde. Ich habe mehrere psychologische Ratgeber für Hundehalter gelesen und vor allem den Bestseller            „Wie erziehe ich meinen Hund zum treuen Kameraden“. Diesem Buch verdanke ich meinen beispiellosen Erfolg mit Hunden.

Nicht alle Menschen haben einen Hund oder mehrere. Sollten sie aber haben. Nicht nur gegen Einsamkeit, als Ausgleich für schwer erträglich gewordene Lebenspartner, als ständige treue Begleiter und Beschützer, die nie über Euch meckern und über alles Mitgesehene das Maul halten. Dies alles sollte die selten billige Anschaffung wert sein. Ich will nachhelfen.

Wie clevere Geschäftsleute verschaffte ich mir erst mal einen Überblick über den Markt – und dann über die Möglichkeiten.

Was die Leute noch nicht kennen und nicht haben, kann man ihnen als Wunsch einbläuen. Was die Werbe-Heinis können, kann ich auch.

Bei uns in Schottland gibt es viele Schlösser und Burgen. Einige sind noch bewohnt, selten wohnlich. Menschen, die hier leben, wollen ungestört bleiben und sich gegen unerwünschten Besuch schützen.

Das machte man früher mit Mauern und Gittern, dann mit Elektro-Drähten und Kameras und Selbstschussanlagen.

Das Sicherste blieben Mauern und Gitter – in Verbindung mit angriffslustigen großen Hunden.

Projekt 001: Schloss-Hunde.

Sie werden in Schottland gezüchtet, erzogen, trainiert und eingewöhnt.

Welpen werden ab sieben bis neun Monate verkauft – nicht nur sündhaft teuer, sondern nur in von mir selbst geprüften Schlosshaushalten, in denen ich mit den Hunden gegen ein Honorar bei freier Kost und Logis einige Wochen verbrachte.

Am Ende fieberten die Schlossbewohner meiner (extra vergüteten) Abschlussprüfung entgegen.

Durch meine Anzeigen in großen internationalen Zeitungen warb ich Kunden in einigen europäischen und asiatischen Ländern. Es war ein lohnender Aufwand.

Projekt 002: Renn-Hunde

In Great Britain und ihren Ablegern in Übersee gehören Hunderennen zu den unentbehrlichen Kulturgütern, die manchen Männern wichtiger sind als eine Geliebte – vielleicht, weil sie zwar kostspieliger sind, aber manchmal auch Geld bringen.

Es gibt einige Hunde-Farmen, aber nicht genug und den Hunden fehlt etwas Wichtiges: der Nimbus. Ich habe auf schottischen Inseln Zucht- und Ausbildungs-Betriebe eingerichtet, die nur Siegertypen heranzüchten und verkaufbar machen.

Sie sind teurer als ein Mittelklassewagen, aber sie sind ja auch als Betriebsinvestition von der Steuer absetzbar. Und alle haben einen wertvollen Namen.

Projekt 003: herlock-Hounds

Diese individuell gezüchteten und ausgebildeten Hunde bedienen die Sparten

Detektivhund                                                                                                                                            Rauschgiftschnüffler                                                                                     Falschgeldsucher                                                                                Krankheiten-Erschnüffler                                                                                     Bodyguard                                                                                                            Trüffelscharrer                                                                                                     Taxifahrer-Schutzbegleiter

Weil die Ausbildung sehr langwierig ist und die Ausbilder gesuchte Spezialkräfte sind, ist jeder Hund einen hohen Preis wert. Jeder hat einen Namen, auf den er seinem Herrn oder seiner Frau gehorcht.

 

Projekt 004: Schoß-Hunde

Nicht nur für Hollywood-Stars sind diese süßen kleinen Hundeknäuel lebenswichtige Ergänzung oder Ersatz für alles Mögliche und endlich mal ein Wesen, das seinem Frauchen Tag und Nacht zuhört und zufrieden ist, wenn es sein Lieblingsfutter, mindestens achtzehn  Stunden Schlaf in Frauchens Bett oder Tragegurt und regelmäßigen Verdauungsauslauf hat – und die Erfahrung, nicht jede Woche baden zu müssen.

Wir geben uns außer mit der Grundausbildung nicht selbst mit diesen kleinen krankheitsanfälligen und kurzlebigen Scheißern ab, wir vermitteln sie individuell nach ausgiebigen Recherchen bei den künftigen Besitzern und bei besten Züchtern in aller Welt – außer China.

Mit der Vermittlung von umfassenden, idiotisch teuren Versicherungen von Zahnschmerzen bis zum vorzeitigen Ableben können wir gut leben.

Unser Extra-Service: Unsere charmanten Damen fragen die Besitzer alle zehn Tage, wie es ihrem Liebling geht.

 

 

 

 

Projekt 005: Charakterhunde

Es ist nun wirklich keine Neuigkeit, dass Hunde ihren sie gut behandelnden und fütternden Menschen bald Zuneigung entgegenbringen. Die Hundehalter empfinden das gerührt als Treue, Kameradschaft, Freundschaft, sogar Liebe.

Kritische Beobachter mögen das eine biologische Abhängigkeit nennen – aber die Frauchen und Herrchen leben emotional.

Menschen sind nun mal so: Wenn Hunde sich treffen, könnten sie von zwei Grundtypen der Besitzer erzählen: die einen sind für Hunde leicht zu nehmen und gut zu erziehen, die anderen erziehen ihren Hund und richten ihn zu merkwürdigen Verhaltensweisen ab. Manche sind auch ausgesprochen grausam zu ihnen – krumme Hunde sozusagen.

Hunde gewöhnen sich an beides. Sie sind ohnehin die Schlaueren, die Geduldigeren und sie wissen genau, wie sie Frauchen und Herrchen rumkriegen. Eins der Hauptprobleme: Wie kriegt der Hund genügend Schlaf? Und an wie viele Menschen in der Umgebung muss er sich gewöhnen?

Projekt 006: Show Dogs

Dies meint nicht die wuscheligen Primadonnen mit den blauen Zungen unter den Hunden. Aber sie sind repräsentativ, machen etwas her.

Wenn sie neben ihren Besitzern auf dem Sofa liegen oder zu ihren Füßen. – das ist das Lieblingsmotiv der Fotografen.

Wer sich mit diesen Hunden sehen oder abbilden lässt, zeigt Stil, Charakterstärke, Kompetenz, Größe.

Wir nehmen hierfür gern Collies, Hirtenhunde, Doggen, Königspudel – und natürlich Restbestände aus unseren anderen Rubriken.

Auf Wunsch vermitteln wir Sitz- und Stellproben mit versierten Filmregisseuren. Wer das unbedingt will und bezahlen kann, lädt mich zu einem halbstündigen Beisammensein ein.

Grüße aus dem Knast

Dies ist ein optimales TV-Format. Schon der Titel „Grüße aus dem Knast“ weckt Neugier und Interesse. Die Programmerläuterung ist die beste Werbung: 

Hier treten Stars auf, Prominente vieler Art und in einer überraschenden Mischung; auch Frauen und Mütter von Knackis, auch Kritiker des Strafvollzugs und bekannte Bla-bla-Redner.

Gezeigt werden Ausschnitte aus Frauen- und Männergefängnissen in mehreren Ländern, die am Sendeabend auf einer virtuellen Bühne als Mitveranstalter mitwirken.

Denkbar sind Jungen und Mädchen als Moderatoren, die etwa sagen: „Hey Leute, Ihr werdet vielleicht nicht so genau wissen, was ein Knast ist und wer hier alles drin ist. Mein Paps zum Beispiel sitzt hier ein paar Jahre ab. Meine Mom darf ihn alle paar Monate besuchen; ich nicht und meine Geschwister auch nicht. Ich darf ihm nur schreiben, was zeichnen und eine Tonaufnahme schicken. Das muss alles durch die Zensur und er kriegt es nach Wochen. Mein Paps sitzt seine Strafe ab. Wir zuhause sitzen seine Strafe mit ab, muss das sein? Ich zeig Ihnen mal meinen Vater…“

Mitmoderatoren waren bisher Mireille Fargos, Dany Portman, Allisson Buth, Don Boss Carlo, Meredith Monroe, die spanische Umweltministerin, die Nachbarin einer betroffenen Familie, eine Stammtischrunde….

In jeder Sendung spielt eine andere Band aus einem Knast. Wenn sich bei den Sendungen ein Publikumsliebling ergibt, wird er wieder präsentiert. Auch die „Gefangenen des Jahres.“

Daneben zeigen wir Szenen aus dem Gefangenenleben – Essenverteilung, Sport, Freizeit, Arbeit, Unterricht, Chor, Besuchstage…und auch das Starren aus dem Gitterfenster oder das verzweifelte Hauen mit dem Kopf gegen die Wand…

Die Schicksale einzelner Gefangene werden (von einer Sprecherin mit warmer Stimme) beschrieben; sie werden in Ausschnitten gezeigt. Paten werden für sie gesucht – aber auch für ihre Frauen und ihre Kinder.

Geld für Freizeitprojekte wird gesammelt. Arbeitsplätze für Entlassene werden gesucht.

Theater- und Slapstick-Gruppen aus den Knasts werden gezeigt. Ebenso auswärtige Gruppen, die sich für Gefangene einsetzen und Anwälte, die Knackis gratis vertreten. Sie werden ansprechend herausgestellt.

Spektakulärer Gag und totsicherer Publikumsliebling am Ende jeder Sendung: Alle Wärter (!) werden mit Gummiknüppeln (von der Titelmelodie untermalt) in Zellen eingesperrt, die Gefängnisdirektorin und die Justizministerin kriegen hinter Gittern ihre Mittagsschüssel hingeschoben und eine Menge Politiker zwängen sich in Gemeinschaftszellen und streiten sich um Zigaretten, ein Radio, eine Sportzeitung und über eine Minute auf der Kloschüssel.

Das Konzept wird gegen Aufführungs-Tantiemen auch an ausländische Produzenten verkauft.

Schirmherrinnen der Sendungen sind (jeweils im Bild gezeigt) die Gattinnen von VIP´s, Millionären und Landesoberhäuptern.

Von den Sendungen werden CDs und DVDs (und Weiterentwicklungen) hergestellt und verkauft.

Nein, ich will nicht in jeder Sendung auftreten, obwohl die Zuschauer mein Gesicht und meinen Charme (wie die Zuschriften und Anrufe beweisen) wiedersehen wollen. Ich werde nicht zehn Mal im Jahr Zeit haben…

Eine Sondersendung gibt es zu Weihnachten und zu den Weltgefängnis-Wochen. Wir werden ein Schweinegeld verdienen und nebenbei beweisen, dass es lohnt, Gutes zu tun.

                   In der Südsee gestrandet

Womöglich ist mir der nicht mehr frische Knast-Joghurt nicht bekommen, den ich abends mit drei Scheiben gelber Wurst und einem Apfel verzehrt hatte. Ich schlief unruhig und mein Traum warf mich um gut ein Jahrhundert zurück. Ich war Boss eines Lastseglers im aufgepeitschten südchinesischen Meer. Wir hatten ein Leck und sanken unaufhörlich. Meine Männer sprangen rechtzeitig über die Reling, ich schließlich auch.

Die restliche Mannschaft und mein mit wertvoller Fracht beladenes Schiff versanken. Weil ich mich an ein treibendes leeres Fass klammern konnte, blieb ich am Leben.

Tagelang wurde ich in den tobenden Wellen hin und her geworfen, hörte aber nicht auf zu beten und zu hoffen, dass der Spielleiter meines Lebens mehr mit mir vorhat.

Als ich wie in einer Fata Morgana Land sah, war der Anblick zu schön: Eine palmenumsäumte Inselbucht, auf der mir dunkelhäutige Frauen in Blumenkränzen mit ihren Lendentüchern winkten. Als ich auf sie zu schwamm und zu ihnen hin stolperte, umringten sie mich und berührten mich staunend. Vielleicht hatten sie noch keinen Weißen gesehen. Die Frauen lenkten mich ab, ich sah erst spät die Männer mit ihren Speeren und Giftpfeilen. Die Begrüßung der Frauen fand ich sympathischer.

Die nackten Männer trugen farbige Stirnbänder und Flechtschnüre um ihre Bäuche und einen Penis-Schutz aus Rohrstücken. Ich sah ihnen an, dass sie sich auf mein weißes Fleisch freuten. Was könnte sie von ihren unmoralischen Absichten abbringen? Ihr Sinn für kultische Tänze?

Ich mit begann mit schwungvollen Arm- und Beinbewegungen zu tanzen, hochzuspringen und Trommelgeräusche mit dem Mund zu machen und sang dazu krächzend „hauuuuju-haauu-hauuu“.

Die Männer starrten mich an. Kannten sie das Lied? Ich drehte mich einige Male schnell und wies wie hypnotisiert mit ausgestrecktem Arm auf einen, den ich für den Häuptling hielt. Der Mann hielt mir abwehrend seinen Speer entgegen. Ich bot ihm mit ausgebreiteten Armen meine  Brust hin. Wenn dies Kannibalen sind, soll er es leicht haben.

Er lächelte geschmeichelt. Ich umtanzte ihn, zog im Sand einen Kreis um ihn, ritzte ein größeres Viereck, verband beide Felder durch einen Graben und pinkelte hinein. Das Rinnsal lief auf den Häuptling zu und versiegte vor ihm. Ich nahm etwas Farbe von den bemalten Körpern der Männer ab und übertrug sie auf mein Gesicht und auf meine Brust.

Meine Rechnung ging auf. Sie lachten entspannt und bemalten mich mit ihren Körperfarben: weiß und gelb, blau, grün und schwarz.

Ich malte mir ein schwarzes Dreieck auf meine Brust. Rot war nirgendwo zu sehen. Deshalb verneigte ich mich vor dem Häuptling, ritzte meinen Zeigefinger an seinem Speer und malte das Dreieck mit meinem Blut aus.

Dann stellte ich mich ein bisschen seitlich hinter den Häuptling, verschränkte meine Arme über der Brust und senkte den Kopf.

Er gab das Zeichen zu einem Tanz. Fünf Musikanten schlugen auf dumpf klingende Baumstämme, die Männer begannen einen Schütteltanz, bei dem sie nach und nach in Ekstase gerieten.

Nach einigen Minuten wagte ich zu dem Häuptling hinzusehen. Er ließ mich eine Weile warten, ehe er auf meinen hypnotischen Blick reagierte. Ich machte eine Kopfbewegung, um ihn zum Weggehen anzuregen, das verstand er. Er lachte glucksend, schlug mir mit seiner Keule  auf den Rücken und machte mir Zeichen, ihm zu folgen. Das in einer üppigen Vegetation wohltuend schattig gelegene Dorf mit vielen offenen Hütten war nah.

Bei einem sättigendem, ungewohnten Essen in einer offenen Gemeinschaftshütte inmitten der fröhlichen Frauen und der jetzt viel freundlicher auf mich wirkenden Männer lernte ich, dass diese Insulaner ihre Lust in einer mir ungewohnten Selbstverständlichkeit auslebten. Die Männer und Frauen paarten sich lachend und plaudernd während sie aßen und sich gegenseitig Leckerbissen in den Mund steckten.

Mehrere Frauen boten sich mir als Lustpartnerinnen an. Als ich sie abwehrte, berieten sie sich und drängten dann eine auffällige junge Frau zu mir hin. Die lachte und schätzte ihre Wirkung auf mich richtig ein. Ihre  Brüste waren wie spitze Kegel seitlich  etwas nach außen gerichtet. Sie nannte mir, auf sich zeigend, ihren Namen: Tuka Tuka. 

Sie war eine zauberhafte Südsee-Schöne und dazu unwahrscheinlich lieb und zärtlich.

Ihr Mund war leuchtend rot gefärbt; die Spuren dieses Farbstoffs waren nach Stunden nicht nur in meinem Gesicht zu sehen, alle lachten darüber amüsiert. Leider liebten wir uns vor allem Volk…

Die Inselbewohner hatten mir eine Hütte errichtet und mich vier Frauen auswählen lassen, die mir halfen, mich einzugewöhnen, mir bekömmliche Speisen zu bereiten und kein Heimweh aufkommen zu lassen.

Sie halfen mir, mich gegen andere Inselfrauen zu wehren, die mir gefährliche Liebesfallen stellen wollten und es mit allerlei Listen darauf anlegten, mich zu verführen. Und das auf einer Insel, wo die meisten blutigen Händel aus Eifersucht bestimmt mit Hackmessern ausgetragen werden.

Nach einigen Tagen kam mir der Einfall, diese unverdorbenen Menschen mit den Abwechslungsfreuden der Mode bekannt zu machen, um mich abzusichern und wertvoll zu machen.

Es reizte mich, bei den Frauen zu beginnen, ich fand viele aufregend apart und nicht wenige zeigten mir, dass sie zu jeder Hingabe bereit waren.

Ich widmete mich also den Männern. Zuerst schmierte ich ihnen eine Art Maisbrei aufs Haar und formte daraus einen Helm. Auch aus meinem Blondschopf. Die Frauen applaudierten und verlangten, auch so geschmückt zu werden. Als ich das ablehnte, begann der Haarschmuck den Männern zu gefallen. Lästig war, dass er oft erneuert werden musste.

Dann entwarf ich ihnen eine neue Körperbemalung in Blau und Grün für den dritten Tag der Woche, Schwarz und Gelb mit grünen Streifen für den ersten und fünften Tag. Zu einem Ritual gehören auch feste Zeiten.

Bei allen Handlungen versäumte ich nie, den Häuptling um sein zustimmendes Nicken zu bitten. Nur die größten Verrücktheiten wollte ich ihm nicht zumuten, gerade die reizten ihn aber manchmal.

Die Frauen fühlten sich von mir verschmäht; sie versuchten oft, mich für eine neuartige Verzierung ihrer Brüste, Bäuche und Rücken zu gewinnen, ich blieb unbeugsam. Sie verstanden die Welt nicht mehr, aber den Männern tat mein Verhalten gut. Und siehe da, nach einigen Wochen (im Traum waren es nur Minuten) bewogen sie mich, meine Künste auch den Frauen zu widmen.

 

Ich führte kleine, perlenverzierte Zöpfe ein, auf den Rücken tätowierte Schmetterlinge oder nahe einer anderen interessanten Stelle einige zum Suchen anregende Käferchen, auch Fußkettchen aus weißen Muscheln, Dufttupfer aus Rosenöl und weiße, blaue und rote Blüten im Haar. Dies wurde alles erstaunlich schnell Mode – wie immer total entbehrlich, aber Abwechslung und vor allem: den „Seht-mal-alle-her-Effekt“ bringend.

Der Häuptling verstand sich auf unblutige Operationen mit einer geheimnisvollen Methode des Einfühlens über seine Fingerspitzen, bei der er an Wunder grenzende Erfolge hatte.  Ich hatte schöne Erfolge mit meditativen Massagen, die ich manchmal mit heißen Steinen verstärkte.

Ich hielt sie nicht oder nicht mehr für Kannibalen – aber es fiel ihnen auch kein Fremder in die Hände – und ich war wohl inzwischen tabu. Aber ich wurde verlost.

Die Frauen mit dem Hauptgewinn durften drei oder vier Trommelstücke lang mit mir allein sein. Meine Hoffnung, dass sich die alten Frauen an diesem Spaß nicht beteiligen würden, erfüllte sich nicht. Ich sah ein, dass ich meinen Freunden dieses Opfer bringen musste – wenn sie mich schon nicht am Spieß braten konnten.

Unter vielen Freuden und Genüssen vermisste ich meine Pfeife und den Tabak. Ich schnitzte mir mühsam eine Pfeife und fand Blätter, die sich trocknen und rauchen ließen. Die Insulaner verfolgten mein Tun und ahmten es nach. Am gierigsten rauchten die Frauen.

                             Dichtertreffen

Die Knastbibliothek im Königlichen Gefängnis Birmingham umfasste neben neun Bibeln siebzehn teils zerfledderte Bücher: Sechs Ritterromane, ein Rätselbuch, eins über Angeltechniken und eine russische Märchensammlung. Die anderen waren stinkfromme Abhandlungen über angeblich christliches Leben.

Beim Besuch der Gattin des Bürgermeisters mit ihrem Damenkränzchen durfte ich meinen Literaturhunger schildern. Tage darauf bekamen wir elf Kisten Bücher. Mein Herz lief über vor Freude. Selbstredend konnte ich die Gefängnisbibliothek einrichten. Und erst mal fast alles lesen.

Ich wurde vertraut mit Stevenson, Shakespeare, Dostojewskij und Schiller, Dante, Gandhi, Laotse, Charlotte Brontë, Mechthild von Magdeburg und Dschalal ad-Din Muhammad Rumi. Ich bekam nicht genug vom Lesen, vom Bekanntwerden mit den Größen und auch mit literarischen Wichtigtuern.

Zwei Jahre später galt ich als Vorzeigegefangener mit untadeliger Führung und erreichte durch die Gunst meiner Gefängnisdirektorin, dass ich als Freigänger ein Schriftstellertreffen in Weymouth besuchen durfte, angemeldet als Journalist und Autor.

Ich wollte mal hautnah mitbekommen, wie Dichter aus der Nähe zu erleben sind.

Die Dichter waren alle mit ihren Damen beschäftigt. Ich sah sofort, dass viele sich so um die Frauen bemühten, wie sie es nie mit ihren Angetrauten getan hätten. Einige kannte ich aus den Zeitungen.

Nüchtern schien hier keiner mehr zu sein. Ich stand zufällig neben einem Großen: „Sie könnten mir einen Gefallen tun, Herr Kollege!“  Unser schottischer Barde Robert Burns wies mit einer Kopfbewegung zu einer Gruppe, die an einem Kachelofen stand.

„Sehen Sie die Dame in dem gelben Kleid mit dem atemberaubenden Ausschnitt? Sie plaudert mit einigen anderen. Machen Sie uns bekannt, bitte!“

Der zeitlebens die ideale Frau suchende Dichter erriet meinen Gedanken. „Ja, sie ist einen Kopf größer als ich, aber das kann ich nicht ändern. Die einzige Dame in meiner Größe, Charlotte Brontë, die mit ihrer Schwester hergekommen war, ist nach wenigen Minuten empört über die von ihr so gesehene Zuchtlosigkeit der Literaten wieder umgekehrt. Ich konnte sie mit meinem ganzen Charme nicht umstimmen. Versuchen Sie bitte, die Dame in Gelb herzulocken!“

Ich holte mir eine Champagnerflasche vom Tisch und bot der Gruppe um die Dame in Gelb an, ihre Gläser nachzuschenken.

Voltaire nahm mir danach die Flasche aus der Hand: „Lassen Sie die gleich hier! Wir brauchen sie noch.“ Alle lachten, ich lächelte verunsichert.

Er fügte noch hinzu: „Nein, nicht Sie! Lassen Sie sich nicht aufhalten!“ Wieder lachten alle. Empfindlich darf man bei dem Franzosen nicht sein.

Es gelang mir, die gesuchte Dame  etwas zur Seite zu locken: „Es geht leider nicht um mich, meine Dame, weil ich eine Gefälligkeit versprochen habe: Der wunderbare Poet Robert Burns meint Sie irgendwoher zu kennen. Er würde Sie zu gerne diskret begrüßen.“

Sie sah mich erstaunt an, blickte zu Robert Burns hinüber und sagte dann: „Gern, aber wir kennen uns doch schon länger. Herr Burns war einige Abende Gast bei meinen Eltern. Vielleicht hat er nicht sehr auf mich geachtet. Kommen Sie…“

Burns kam uns ein paar Schritte entgegen und küsste der jungen Dame beide Hände. Er strahlte. Ich überließ die Dame seinen Zauberkünsten.

Shakespeare hielt eine Rede, wie immer. Nur die fünf oder sechs Leute in seiner unmittelbaren Umgebung wollten ihm zuhören. Mich wunderte das nicht, denn der Großmeister hatte gerade eine schlechte Presse, bei der es hauptsächlich um seine fragwürdig gewordene moralische Kompetenz ging.

Trotz meiner Bewunderung für sein beispielloses literarisches Schaffen fand ich ihn heute Nachmittag ziemlich abstoßend, das lag vielleicht an mir.

Die anderen Männer verzogen sich mit ihren augenblicklichen Begleiterinnen. Auf der Terrasse spielten die Musiker etwas Leidenschaftliches. Ich stolperte über einen versehentlich vorgeschnellten Damenfuß. Dieses Missgeschick hat mir danach drei hochinteressante Nachmittagsstunden beschert.

Jane Austen kannte fast alle hier im Saal und wusste viel Hintergründiges, was für mich spannend und aufschreibenswert war. Diese hübsche und hochintelligente Frau hat mich stark inspiriert.

Wir sind nach oben in eins der vielen Gastzimmer gegangen, weil es mir unten für ein intensives Gespräch zu laut war. Ihre Schultern waren schmerzhaft verspannt; sie hat meine Rückenmassage dankbar genossen und mich mit einer herzlichen Umarmung dafür belohnt. Ihre Berichte haben mich sehr gefesselt, diese Frau überhaupt.

Als wir wieder herunterkamen, wurde der unkonventionelle A. C. Swinburne auf uns aufmerksam; er hielt mich für einen heimlichen Staatsspion.  Für die süße Jane interessierte er sich nicht, selber schuld! Ohne den  umherschwankenden Dostojewskij wären wir ihn noch schwerer losgeworden.

Der penetrant hochmoralische H. G. Wells war sturzbesoffen, wurde in dieser Verfassung aber vielen immer sympathischer.

Die Russen lachten Tränen über die Europäer, die so wenig Wein vertragen, obwohl er bei ihnen so reichlich wächst.

Puschkin war in bester Stimmung; George Orwell und der deutsche Physiker und Autor Lichtenberg hatten Salman Rushdie und ihn als Förderer des ganzen Dichtertreffens gewonnen, diese Sponsoren-Rolle gefiel ihm sichtlich.

Der schwarzlockige Puschkin wurde von den Damen mehrmals geküsst, weil er an diesem 6. Juni gerade dreißig Jahre alt geworden war. Mehrere Frauen entführten ihn für einige Zeit nach oben; er war überglücklich und strahlte danach alle an. Edgar Allan Poe las ihm aus der Hand, log aber offensichtlich über das düster Vorausgesehene. Puschkin blieb dann lange bei Jane.

Alle wunderten sich, dass die als Ehrengast viel gefeierte Sappho, die sich die meisten attraktiver vorgestellt hatten, ausgerechnet Sir Ahmed Salman Rushdie favorisierte – bis ihr Mallarmés graue Augen über dem starken Schnurrbart doch größeren Eindruck machten. Ihre erotische Ausstrahlung und ihre Wirkung auf uns Männer waren enorm.

Von Sappho hörte ich die mir einleuchtende Frage: „Warum habt Ihr nur Eure Dichterinnen unterdrückt?“ Voltaire gab eine schnelle und erkennbar falsche Antwort: „Wir haben sie totgeliebt, Madame!“

Sappho sah meinem Gesicht meine Empfindung an und hörte mein missbilligendes Knurren. Sie küsste mich auf die Wange und sagte: „Lasst meine Frage noch in Euch nachwirken. Es ist an der Zeit…“

Darüber gab es dann einen wortgewaltigen Disput, der sich bis in das über zweistündige und weinreiche Abendessen hinzog. Lord Byron schlug für den späten Abend vor, dass einige ihre eigenen Liebesgedichte vortragen sollten.

Vierzehn Poeten meldeten ihr Interesse an, darunter Sappho und der irgendwie verstört wirkende Thomas Hardy, der mich beharrlich für sein überlanges neues Essay interessieren wollte.

Einige schlugen für die Lesung eine Zeitbegrenzung auf zehn Minuten vor, aber der erfahrene Dickens sagte voraus, dass einige sich  mehr Zeit nehmen würden –  dann hätten die letzten nur noch ein erschöpftes Publikum.

„Also gut, losen wir die Reihenfolge aus“, schlug Lope de Vega vor. Aber seinen Vorschlag fanden Goethe und Cervantes „unwürdig“, denn sie wollten auf alle Fälle zu den Ersten gehören. Ishiguro wollte vermitteln, wurde aber von Joanne K. Rowling unterbrochen, die zu einen Anfang mit Sappho riet.

Goethe nannte es jetzt „klüger“, wenn Sappho den Schluss bilden würde, dann würden alle bis zum Ende bleiben wollen. Die auf mich bis dahin etwas schwermütig wirkende junge Elizabeth Barrett sprang auf und protestierte gegen diese fadenscheinige Gemeinheit. Zadie Smith  sah ich in einem lebhaften Gespräch mit Puschkin, der deutlich Feuer gefangen hatte.

In diesem Augenblick wurde ein fantastisches Feuerwerk entzündet, das die Umgebung in ein unwirkliches Licht tauchte. Aus einer Parkecke flüchtete der halbnackte Hans Christian Andersen; eine auch nicht vollständig bekleidete Dame eilte ihm kreischend hinterher. Roald Dahl bemerkte bissig: „Hoffentlich ist der Märchenerzähler endlich entjungfert worden; das war überfällig.“

Alle applaudierten Lichtenberg, der das Feuerwerk vorbereitet hatte und sich diebisch über die gelungene Überraschung freute. Und dann kamen die Tänzerinnen aus dem Londoner Royal Ballett und tanzten nach der Musik von Jacques Offenbach einen ausgelassenen, frechen Tanz.

Sie mussten ihn zweimal wiederholen, dann versuchten ihn alle mitzutanzen.

Von einer Lesung mit Liebesgedichten sprach keiner mehr. Liebesszenen ereigneten sich weiter ohne Unterbrechung, zwanglos wechselnd und wie selbstverständlich verteilt im Park und im mehrstöckigen Haus, das Rushdie vorsorglich für drei Tage gemietet hatte. Ich erfuhr, dass Puschkin alles bezahlen wollte: die Miete, die angelieferte Verpflegung, die Musik, die Künstler, zwei Hausmägde und die Aufräumarbeiten.

Am nächsten Morgen habe ich mich gegen halb elf wieder dort eingefunden, rechtzeitig, um zu erleben, wie die literarischen Leuchten und ihre Damen verkatert zum Frühstück kamen. Der Lord klagte über die zu „kontinentalen“ Bestandteile  – „immer diesen Franzosen und Deutschen zuliebe!“

Goethe genehmigte sich ohne Rücksicht auf andere Interessenten eine Riesenmenge Rührei mit Schinken. Der bis in sein beneidenswert hohes Alter offensichtlich schürzenjägerisch aktive Dichterfürst versuchte vergeblich, die verschlafen aussehende Erika Mann zu becircen.

Eine Dame neben mir äußerte den Verdacht, dass er sich wohl jeden Morgen Pfeffer in die Unterhose streuen würde. „Streuen lässt“, meinte mein anderer Nachbar. Danach verlangte und verteilte Goethe Champagner und lud zu einer angeblichen „Erstlesung“ in den Park.

Als er an mir vorbeiging, sagte er, ohne mich anzublicken: „Wieso hat die Göttliche Sie geküsst? Was haben Sie ihr versprochen?“

„Womit beeindrucken Sie denn Ihre Frauen, Exzellenz?“ fragte ich zurück.  „Vielleicht hat die wunderbare Frau genug von eitlen Männern.“

Es waren nicht viele, die ihn hören wollten. Ich glaube mich zu erinnern, dass es Lessing war, der sagte: „Das Bisschen, das wir lesen, schreiben wir selber!“ Die Bemerkung traf viele, aber jeder hielt sie nach meinem Eindruck und nach einigen Nachfragen für andere zutreffender als für sich selbst.

Der England-skeptische Henry Heine bekam mehr Publikum bei seinem wohl als Gegenaktion gedachten improvisierten Vortrag, für den er gar nichts Gedrucktes brauchte: Er sprach seine Gedichte und Prosa-Proben auswendig und wurde einige Male durch freundliche Zurufe von Jan Morris unterbrochen, die als einzige Frau zuhörte. Heine schenkte seinen Zuhörerinnen Champagner ein.

„Diese Vorliebe haben der große Goethe und ich noch gemeinsam!“ sagte er mir später, als ich mit ihm über kulinarische Genüsse, über falschen Patriotismus und über die Bedeutung von Freudenhäusern für schöpferisch tätige Männer führte und mitschrieb – Letzteres hielt er übrigens für ein lohnendes Dissertationsthema; darüber hätte er viel lieber gearbeitet als weiland über staubtrocken Juristisches.

Shakespeare sah und hörte uns über die Schultern zu und steuerte seine Meinung über körperliche Liebe bei, die ich sehr berichtenswert fand, aber leider nicht zitieren darf, weil sein Verleger jedes Bonmot von ihm exklusiv behalten will.

„Früher waren wir nur von unseren Fürsten abhängig, das war lähmend genug; jetzt pressen uns die Verleger!“ Schiller hatte eine ihn anhimmelnde Dame im Arm und küsste sie ungeniert und vor allen Leuten. Die Dame fand es kein bisschen „shocking“, dass dieser bekennende poetische Busenforscher ihren eigenen vor allen rühmte: „Manche griechische Göttin wäre neidisch auf diese herrlichen Brüste!“

Das weckte die Neugier etlicher herzueilender Dichter, die ja immer auf der Suche nach Inspirationen sind.  François Villon rief „Und dieser Heuchler hat meine unsterblichen Liebesgedichte verrissen!“

Ich sah kein lohnendes Ergebnis des Zusammentreffens von schreibenden notorischen Einzelgängern mehr – außer, dass man sich einmal getroffen hatte und sich so bald nicht mehr wiedersehen wollte.

Nach meiner Einschätzung lässt sich auch über dieses Unternehmen kaum Tieferes resümieren, als dass die Krähen wieder einmal den Dohlen geschildert haben, für wie schwarz sie die Raben halten.

Ich war vorlaut und habe Robert Burns versucht anzustiften: „Sollen wir jetzt nicht Ihr Lied anstimmen, Sir?“

Er war schlecht gelaunt und antwortete: „Dies ist nicht die Stimmung dafür. Verschwendung.“

Charles Dickens kam dazu: „Sehe ich auch so. Und die Hunnen kennen den Text nicht. Trinken wir einen, wenn sie weg sind…“

Poetisches Nachspiel

Nach der Auflösung des wenigstens in amouröser Hinsicht halbwegs gelungenen Treffens, einem allgemeinen Seufzen über den Sinn dieser aufwendigen Zusammenkunft und der wohl nicht von allen ernst gemeinten Verabredung, in fünf Jahren alles noch besser vorzubereiten und dann auch von anderen Musen geküsste Künstler dazu einzuladen, ergab sich eine abenteuerliche Situation für mich: Die Dichterin Elizabeth Barrett, die nicht mit den anderen englischen Schiffspassagieren reisen wollte, ging mit mir zur Poststation.

Während ich den schwersten Teil ihres Gepäcks trug, konnte ich an ein scherzhaftes Geplänkel beim Warten vor dem gewissen Örtchen mit ihr anknüpfen und unsere Sympathien für einander erweitern. Entgegen einer an der Station aushängenden Mitteilung ging an diesem Tag kein Postwagen mehr nach London. Pannen passieren eben.

Wir mussten eine Herberge suchen, fanden die einzige am Ort, und weil dort nur eine Bettkammer verfügbar war, nahmen wir das nach gehörigem Zögern als vom Schicksal sehr zumutend, aber halt so gewollt. Nach einem langen Spaziergang waren wir hungrig und ließen uns, weil unten gezimmert wurde, die wenigen nahrhaften Angebote des Hauses nach oben bringen.

Als ich hinter ihr nach oben stieg, verließ mich meine höfliche Reserviertheit. Meine Hände machten sich selbständig. Elizabeth stieß mich abwehrend die steile Treppe hinab; ich stürzte mit Gepolter nach unten und blieb regungslos liegen.

Sie eilte zu mir, tätschelte in höchster Sorge mein Gesicht – und weil ich mich immer noch nicht rührte, versuchte sie eine Wiederbelebung mit zärtlich-verzweifelten Küssen, die ihr nach einer langen Weile den wohl gar nicht mehr erhofften Erfolg brachten.

Ich bewies ihr in den nächsten Stunden, dass nur ihre Küsse mich dem Leben zurückgeben und meine vorgetäuschten furchtbaren Schmerzen lindern konnten. Es kam mir so vor, als ob ihr dieser Liebesdienst auch guttat – für eine spröde junge Engländerin war das nicht zu erwarten gewesen.

Zu drögem Brot mit Spiegeleiern und lauem Bier ließ ich Elizabeth einiges aus ihrem Leben und Schaffen erzählen.

Nicht wahr, Ihr denkt auch, dass Engländerinnen kühl und fantasielos und erotisch ungewöhnlich uninteressiert sind? Gut, bleibt nur bei diesem Vorurteil; ich weiß es besser.

Abgesehen von der wundervollen Vertrautheit, die eine Liebesstunde schafft, mochten wir uns. Ich merkte das daran, dass mich ihr Zigarrenkonsum nicht mehr störte. Männer, habt ihr jemals eine Zigarrenraucherin geküsst? Und das einmal „danach“?

Bis spät in die Nacht hörte ich ihre Sonette. In unseren Liebespausen fror sie und unsere Wirtin musste uns zwei Federbetten zum Zudecken und Rum in heißem Tee bringen. Beim zweiten Mal haben wir ihr Klopfen nicht gehört und als sie uns in einem nicht für Zuschauer geeigneten Augenblick gesehen hatte, ließ sie das Tablett rappelnd vor unserer Türe fallen. Ob sie ihrem Mann später beschrieben hat, was sie so zum fassungslosen Staunen gebracht hatte, dass sie wie betrunken die Treppe hinunter stolperte – ich glaube, es war die „Balinesische Schaukel“ gewesen, die in der altbewährten englischen Liebes-Praxis als bedenkliche Seltenheit gelten wird.

Kein Leser wird erfahren, dass dieses lyrische Talent danach Haut an Haut auf meinem Herzen lag und dass sie mein Gesicht mit ihren herrlichen kastanienbraunen Locken zudeckte; sie dufteten nach wilden Rosen.

Wir brauchten keine Lampe; sie konnte ihre Gedichte auswendig, einiges bald auch ich: „Unlike are we“, „If thou must love me“ und den ergreifenden Vers „The silver answer rang – not death, but love“ haben wir uns im Duett zugesungen und uns dabei geliebt, wie es schöner nie sein wird auf dieser Erde.

Elizabeth erzählte mir viel aus ihrem Leben; ich gab mich wortkarger, zeigte aber eine unstillbare Lust, ihre Brüste zu liebkosen und Verse mit der Zunge auf ihren Rücken zu schreiben – sie hat sie alle verstanden und mich großherzig belohnt.

Unsere Liebesgeschichte haben wir nach dieser seligen Woche noch lange brieflich fortgesetzt.  Als wir uns siebzehn Jahre später in Florenz wiedertrafen, war sie mit einem Dichterkollegen verheiratet, den es nicht störte, dass wir uns herzlich umarmt und den ganzen nächsten Tag zusammen in den Kunstschätzen der Stadt verbracht haben. Und wenn Ihr annehmt, dass sie mich nicht in meinem Hotel besucht hat, liegt Ihr wieder einmal falsch.

Ehe sich einige Poeten über meine Berichte beschweren wollen, gebe ich zu: Es kann sein, dass ich gar kein Freigänger war, nur ein unverbesserlicher Träumer. Aber sind unsere Träume nicht Gold wert?

Meine Justizreform

Normalerweise machen sich über Gefängnisse und über darin einsitzende Menschen nur Männer Gedanken, die nie eins von innen gesehen haben, Sesselfurzer in Ministerien und geistlichen Amtszimmern.

Ich bin Außenseiter, weil ich mehrere Knasts kenne und weiß, wie man dort vegetiert.

Im Knast kriege ich keine aktuellen Justizdaten, das ist auch nicht nötig für Beispiele. In Großbritannien gibt es, vereinfacht beschrieben, 500 Gefängnisse für  700.000 Gefangene. Sie sind mit 900.000 Gefangenen belegt.

Ganze vier Anstalten wurden im 20. Jahrhundert gebaut und gelten als modern. Die 496 anderen sind sehr viel älter, baufälliger und stinken länger zum Himmel.

Alle sind also hoffnungslos überbelegt, haben keinen Renovierungs-Etat und zu wenig miserabel bezahltes Personal.

Die Tendenz der Verurteilungen ist im Königreich rasant steigend, auch, weil britische Richter immer mehr zu Haftstrafen verurteilen – auf Deubel komm raus.

Meutereien halfen nicht, Ausbrüche, Vorschläge und halbherzige Gesetze nicht – es bleibt ein Sumpf, den alle fürchten.

Um sich eine endlich wirksame und doch menschenwürdige Reform auszudenken, müsstet Ihr die unverdorbene Fantasie haben, Euch sämtliche Mitwirkenden des Spektakels Trooping the Colour statt in überbordender Uniformpracht mit verschlissener und nicht immer vollständiger Unterwäsche vorzustellen, einschließlich der auf dem Hohen Balkon Winkenden. Undenkbar? Sage ich doch!

Jeder Knacki weiß, dass einer mit Samtpfötchen in der Scheiße sitzen  bleibt. Unnachgiebige Härte wird gebraucht. Verschwendet keine Zeit mit Besserungsversuchen; die Zielgruppe lacht sich schief.

Dies ist meine Forderung für eine anständige Justizreform:

Alle Gefängnisse bis auf die zwei ältesten und verrufendsten in England werden zum  1. Juni  und zum 1. Dezember geschlossen, die Wärter entlassen und umgeschult, die Knackis mit einer vierstelligen Starthilfe freigelassen und so auf das Neue vorbereitet: Alle Straftäter bekommen rechtzeitig vorher einen Chintob, einen Chip into Butt, hinten rein.

Aus den vorhandenen Knackis und Wärtern wird eine funktionsfähige staatliche Überwachungseinrichtung gebildet, die alle Straftäter registriert und mit Satelliten minutengenau überwacht.

Wer sich den staatlichen Chip operativ wieder entfernen lässt, wird gesucht, geschnappt und in eins der verbliebenen furchtbaren Zuchthäuser geworfen und sich dort weitgehend selbst überlassen.

Die Chintobs werden in mehreren Farben eingepflanzt. Die Farbchips sichern die Überwachung in Einheiten, die in jedem größeren Polizeiauto abrufbar sind.

Aus humanitären Gründen können die überlebenden Entferner der Chips und die Betroffenen selbst nach fünf Jahren entlassen werden, diesmal mit zusätzlichen Fuß- und Handfesseln.

Die Reform sichert den humanen Strafvollzug und die Lebensqualität der von der Norm abweichenden Mitmenschen, dazu die weitere Vollbeschäftigung der Überwacher.

Der Sinn der Strafe wird neu definiert: Straftäter werden nicht mehr bestraft; zu bessern sind sie ohnehin nicht. Ihr Fehlverhalten wird veröffentlicht: Sie werden in zweijährlich massenhaft verbreiteten telefondicken Listen mit den gesicherten Gründen aufgeführt – eine mildere Form von öffentlich aufgehängt,

Ihr jeweiliger Verdienst wird jahrelang prozentual einbehalten – um die Reform mitzufinanzieren.

Straftäterinnen und Straftäter an Menschen und Tieren werden nach juristischem Urteilsspruch wie Wiederholungstäter der medizinischen Forschung und der Organverpflanzung verfügbar gemacht.

Mörderinnen und Mörder werden kahlgeschoren und teilamputiert. Prothesen müssten sie selbst bezahlen.

Kinderschänder und Vergewaltiger werden sofort kastriert, mit der in der englischen Justiz bewährten neunschwänzigen Katze in mehrtägigen Abständen je achtzig bis hundertmal gepeitscht und wie Frauen dieser Vergehen zeitlebens kahlgeschoren. Sie dürfen keine Haarersatzteile tragen.

Die ersten Versuche werden nach fünf Jahren Praxis wissenschaftlich geprüft und beurteilt.

Kinderschänder, Vergewaltiger, Mehrfachmörder, Unverbesserliche und alle „Grenzfälle“ werden nach der medizinischen Auswertung auf einer unbewohnten kahlen Insel im südchinesischen Meer ausgesetzt.

Ist Euch dies alles zu einfach? Denkt daran, dass alles Schwierige einfach war.

Bloß kein Denkmal für mich. Die Neuerung wird Higgins-Reform heißen. Das reicht.

Tässchen Tee, Muriel?

Justizministerin: So sieht man sich wieder, Muriel, Frau Crameri,,,

Muriel:  Das hatte ich mir auch anders vorgestellt.

Ministerin: Wir mussten die Sache ja irgendwie vorzeigbar zu Ende bringen. Sie haben uns dabei sehr geholfen. Ich muss Ihnen dafür dankbar sein.

Muriel: Das sind billige Worte, Frau Minister…

Ministerin: Erwarten Sie einen Orden oder, dass eine Schule nach Ihnen benannt wird?

Muriel: Ich habe einen einfacheren Wunsch…

Ministerin; Probieren Sie diese Kekse. Haben Mitgefangene gebacken. Schaffen Sie das Knabbern mit Handfesseln? Was hätten Sie noch gern?

Muriel: Mein Buch. Dass Sie es freigeben.

Ministerin: Darüber können wir uns verständigen. Vorher will ich nur wissen, was Sie uns verschweigen.

Muriel: Ich bin offen für ein Tauschgeschäft.

Ministerin: Als weiblicher Häftling werden Sie einem Justizminister kein Tauschgeschäft vorschlagen wollen.

Muriel: Verzeihung, ich meinte einen Deal.

Ministerin: Sie sagen mir, mit welcher Methode er gemordet hat und ich sage Ihnen, wer ihn zu Tode gebracht hat.

Muriel: Sie verdächtigen mich, Frau Minister?

Ministerin: Sie würden in ganz Österreich keinen Menschen finden, der etwas anderes glaubt…

Muriel: Higgins ist nicht tot, Frau Minister.

Ministerin. Helfen Sie mir, das zu glauben.

Muriel: Nach den Schüssen lag er tot am Boden.

Ministerin: Das Foto ging um die Welt.

Muriel: Die Leiche wurde wie üblich abtransportiert.

Ministerin: Eben: wie üblich.

Muriel: Das war eine Schwachstelle, Frau Minister.

Ministerin: Sie wollen sagen, er war gar nicht tot?

Muriel: Und ich bin keine Mörderin, Frau Minister.

Ministerin drückt einen Signalknopf. Eine Mitarbeiterin erscheint.

Mitarbeiterin: Was kann ich tun, Frau Minister?

Ministerin: Lasen Sie überprüfen, was mit der Higgins-Leiche geschehen ist. Ob sie noch da ist. Und ob es auch Higgins ist.

Ministerin: Geben Sie es zu, Frau Crameri: Sie waren ihm verfallen.

Muriel: Ich bin ihm verfallen, Frau Minister. Das steht auch übrigens in dem Buch, in dem ich nicht nur seine Liebschaften analysiere und kommentriere, desgleichen seine Mordmethoden…

Ministerin: Wo ist das Manuskript?

Muriel: Für Sie unerreichbar, Frau Minister. Ein ausländischer Verlag druckt es gerade. Kann ich jetzt endlich ohne Handschellen die Kekse probieren?

Ministerien: Sagen Sie mir nur das eine Wort, Frau Crameri.

Muriel: Das Feuerzeug. Es war kein richtiges. Aber ein sehr wirksames. Es half ihm zu töten.

Ministerin: Und warum, Muriel? Warum hat er die Frauen umgebracht?

Muriel: Das bleibt sein Geheimnis. Ich habe es nicht herausbekommen. Sorry.

Ministerin: Aber Sie werden doch eine Vermutung haben…

Muriel: Ja, aber die verschenke ich nicht…

Die Mitarbeiterin klopft an, stürzt herein: Higgins ist verschwunden!

Ministerin: Veranlassen sie eine Großfahndung und die verschärften Grenzkontrollen, auch an den Landestellen des Sees. Hubschrauber und Suchflugzeuge sollen starten. Frau Crameri, wir halten Sie einstweilen fest.

Muriel: Als Geisel? Welches Gesetz erlaubt Ihnen das? Sie haben den Beweis gehört, dass ich an seinem Tod nicht schuldig sein kann. Ich verlange, sofort freigelassen zu werden…

Ministerin: Das hat die Justizbehörde zu entscheiden. Sie wissen, die arbeitet in unserm Land nicht sehr hektisch…

Mitarbeiterin kommt noch einmal: Er ist mit einer voll besetzten Straßenbahn geflohen, Frau Minister, mit der Linie 1, und dann umgestiegen in einen gerade haltenden Pkw…Die Fahrgäste haben Beifall geklatscht.

Muriel: Das ist mein Julian. Sie sollten ihn kennenlernen, Frau Minister…

Ministerin: Sie meinen, noch bevor ich mein Ministerium an ihn übergeben muss?

Auf unserer ersten literarischen Webseite könnte Sie einiges interessieren. etwa der gerade renovierte  Buchladen für unsere Buch- und eBooK-Veröffentlichungen:                                      www.literarischegesellschaft.de

(während des Umbaus erreichen Sie uns über                                     goevag@gmail.com und: 01522 8901803)