Abschiede von anderen

Abschiede von anderen

buttercup, flower, bud

Uns werden Menschen und Tiere in den Weg gestellt, die unser Leben mitgestalten, oft machen sie es reicher. Und irgendwann, meist unvorhersehbar, trennt uns der Tod und lässt uns allein. Haben wir gelernt, Abschied zu nehmen? Können wir das lernen?

Vielleicht hilft es dir, auf dieser Insel Abschied zu nehmen von einem liebgewonnenen Wesen. Auf andere als Trauer-Gedanken bringen könnten einige Abschiedsworte eines alten Schriftstellers, der einige Jahre (ehrenamtlich) einen verunglückten Dorfpastor vertreten hat: Abschiede von uns Vorangegangenen. Diese Minuten umreißen Lebensgeschichten von Frauen und Männern, wie sie sonst nirgendwo zu lesen und zu hören sind:

Abschied vom Sicherheitsmann Eckhard M.
Abschied vom Landwirt Günther K.
Abschied vom Biker Jörg B.
Abschied vom Konstrukteur Fritz Werner H.
Abschied von der Landfrau Gerda B.
Abschied vom Hausmann Michael U.
Abschied von der Reinigungsfrau Helga R.
Abschied vom Schulhausmeister Rolf P.
Abschied von der Sekretärin Waltraut St.
Abschied von vielen am Volkstrauertag
Abschied von Elke, der Frau meines Freundes
Abschied von der Ping-Pong Oma
Abschied vom Aushilfsmetzger Tomas T.

Abschied von Eckhard M. : Tod eines Sicherheitsfachmanns

Ach, es ist so dunkel in des Todes Kammer,
tönt so traurig, wenn er sich bewegt
und nun aufhebt seinen schweren Hammer
und die Stunde schlägt.

Ich begrüße Sie mit diesem Gedicht von Matthias Claudius.
Dunkel war es in des Todes Kammer, als er, der Tod, nachts, in den ganz frühen Morgen-stunden ausgerechnet des unheimlichen 11. Septembers zu dem Wachmann und Sicherheitsspezialisten Eckhard M. in den Überwachungsraum des Berliner Kasernen-Komplexes kam, wo Eckhard in dieser 12-stündigen Nachtschicht die sechs Überwachungs-Monitore pflichtgemäß im Auge hatte – bis ihm, keiner weiß, wann genau, der Tod die Augen zuhielt.
Die Bildschirme flackerten weiter. Weil nur ein Wachmann in dem Überwachungsraum dort Dienst hatte, merkte niemand vor dem frühen Morgen, dass E. M. nicht mehr wachen konnte, auch nicht mehr aufwachen. Eine Sicherheitslücke aus Einspargründen? Aber das ist nicht unser Problem.
Den Angehörigen macht die Ursache dieses Todes noch zu schaffen, denn die Behörden machen noch ein Geheimnis daraus – ganz so, als wenn noch andere Probleme mitbetroffen wären, vielleicht Sicherheitsfragen.
Es war jedenfalls plötzlich und unerwartet; er war ja immerhin erst siebenundvierzig. Vor vier Monaten war er noch hier in H. gewesen, zur Konfirmation seiner Nichte. Er war gut dabei gewesen – ja gut, eine Herztablette hat er jeden Tag genommen, aber was ist das schon! Er hat sich fit gefühlt, das hat er seiner Mutter noch wenige Tage vor seinem Tod am Telefon gesagt.
Es war mitten im Frieden, aber trotzdem war es, als wäre eine Kugel geflogen gekommen und hätte ihn weggerissen – wie im Lied von dem guten Kameraden. Viele Kollegen und die vertrau-ten Kameraden und Mitarbeiter in der großen Kaserne und in der Kantine haben es tief berührt und geradezu geschockt so empfunden, auch die Nachbarn seiner Wohnung, der Friseur und die Verkäufe-rinnen in dem Geschäft um die Ecke und die Leute in der kleinen Kneipe – sie waren alle fassungslos.
„Der große Blonde“ – so nannten viele Kameraden in der Kaserne den 1,88-cm-Mann und für die Nachbarn im Haus und die Leute in der Wohn-Umgebung war er einfach und selbstverständlich der nette Eckhard, der immer ein gutes Wort für sie hatte und dessen geduldige Hilfsbereitschaft viele erlebt hatten.
Der 47-Jährige war doch noch lange nicht dran gewesen, dachten sie alle und das denken wir, aber es geht uns wieder einmal auf, dass der Tod seine eigenwillige Reihenfolge wählt und wenn wir uns – wie das bei Trauerfeiern üblich ist, wenn wir uns fragen, wer wird wohl der oder die Nächste sein – wir kommen ja nicht darauf, weil das nicht nach Alter geht, nicht einmal nach Krankheit – wir müssen es hinnehmen, wenn wir es auch nicht begreifen. Nur dies: Er macht uns Angst, der Tod. Rainer Maria Rilke hat unser Ausgeliefertsein in diese Worte gefasst – er nannte den Vers „Schlussstück“:

Der Tod ist groß.
Wir sind die Seinen
lachenden Munds.
Wenn wir uns mitten im Leben meinen,
wagt er zu weinen
mitten in uns.

Es ist ja üblich, dass Kinder hinter dem Sarg oder der Urne von Vater oder Mutter hergehen müssen, das ist auch hier so für seine erwachsene Tochter Maren aus Berlin, aber wie bitter ist es, wenn Eltern auf dem Friedhof hinter dem Sohn hergehen müssen. Und so viele meist ältere Verwandte begleiten hier die Eltern und die Schwester Sabine und den Bruder Bruno.
Blicken wir ein paar Minuten lang zurück auf dieses Leben: Am …19… ist er als 1. Sohn der Eheleute M. geboren, es folgten noch die Tochter Sabine und der 2. Sohn Bruno. Die Familie wohnte erst in Gl, dann in G. und jetzt schon viele Jahre in H.
Nach der Lehre als Elektroinstallateur leistete Eckhard seinen Bundeswehrdienst. Er kam beim Militär zu einer zweiten Ausbildung als Pionier. Handwerker werden überall gebraucht. Seine Stationen waren Köln und Hannoversch Münden. Wieder in der Zivilwelt zurück, arbeitete er für eine Göttinger Elektrofirma, zuletzt in Berlin. Als die Firma Konkurs anmelden musste, wurde er arbeitslos, aber auf den Tipp eines Freundes hin meldete er sich bei der GSU, einer Sicherheitsfirma, die der Britischen Rheinarmee unterstellt war. E. musste, das fand er in Ordnung, eine englische Uniform tragen. Das ging zwölf Jahre lang, dann zogen die Engländer in Berlin ab. Fast nahtlos war der Übergang zu einem Sicherheitsdienst, der mit der Bundeswehr eng zusammenarbeitet.
Wir wissen nicht, wie sich der strenge Dienst mit den Wechselschichten und den regelmäßigen Sport- und Schießübungen auf sein Privatleben ausgewirkt hat, wahrscheinlich nicht günstig, denn seine Ehe ging bald in die Brüche. Aber diese Ehe hatte ein Gutes: Ihr ist M. zu verdanken, die als selbständige junge Frau in Berlin lebt und die ihre Zukunft noch hoffnungsvoll vor sich hat.
Eckhard M. war ein in vielen Jahren erfahrener Sicherheitsspezialist, auf den man sich verlassen konnte. Sein Bild in der Sicherheitsdienstuniform sehen Sie hier, es ist ein paar Jahre alt, zuletzt kam noch ein stattlicher Schnurrbart hinzu.
In unseren Gottesdiensten wird aus frommen, aber auch aus anderen guten Gründen immer wieder mal gesungen. Es tut einfach gut. Lassen Sie uns bitte das hoffnungsvolle Lied „Stern, auf den ich schaue“, singen – und wer keine Stimme mehr hat, kann leise mitbrummen.-
Wir wissen das zwar, dass der Tod zum Leben gehört, aber wir drängen dieses Wissen weit weg. Vielleicht ist das auch für viele von uns so etwas wie ein Selbstschutz, an das Ende des Lebens zu denken. Bei einigen Menschen war und ist das anders. Manche behaupteten, der junge Mozart zum Beispiel, die würden täglich an den Tod denken. Ich kann mir das nicht gut vorstellen für Menschen, die Freude am Leben haben. Aber gut wäre es sicher, öfter an den Tod, auch an unseren Tod und daran zu denken, dass wir nicht ewig leben und dass nach aller Erfahrung keiner weiß, wie nahe ihr oder ihm das Lebensende ist, mit großer Sicherheit jedenfalls ist es durchweg früher als man denkt.
Nun geht unser Leben weiter und wir dürfen, müssen, können weiterleben, mit Trauer in uns, mit Schmerz. Aber da gibt es ein wunderbares Lebensgeheimnis – eines, das wir zum Glück noch Geheimnis bleiben lassen müssen: Der uns ja nur vorausgegangene liebe Mensch ist körperlich weit fort, aber nur körperlich – innerlich überhaupt nicht. Wenn wir das zulassen, manchmal auch nur, wenn unser Unterbewusstsein das will, muss der Fortgegangene gar nicht fort sein.
Manchmal ist das spürbar und erlebbar, dass einer, der sich von uns entfernt hat oder entfernt wurde, uns innerlich ganz nahekommt, vielleicht näher als je zuvor. Und das Wunderbare ist noch zu steigern: Das kann lange so bleiben. Wir können miteinander sprechen, er wird uns zuhören und einfach spürbar bei uns sein. Das kann sehr schön sein, sehr helfend, sehr intensiv – aber viele, die das erleben und erlebt haben, müssen sich irgendwann lösen, freimachen, selbständig weiterleben.
Denn das Leben geht weiter. Und nach Jahren, nach langem Abstand sieht vieles ganz anders aus. Ich glaube, dass der Tod nicht nur das natürliche Ende unseres Lebens ist, sondern dass der Tod eines Menschen für andere immer auch eine Herausforderung ist, ein Zeichen, ein Hinweis. Sollen wir etwas ändern?
Was ändern wir schon freiwillig? Muss nicht immer irgendetwas geschehen, dass wir etwas an unseren Gewohnheiten, an unserer Lebensweise ändern?
Wir wissen viel zu wenig vom Sinn unseres Lebens und noch viel weniger vom Sinn des Sterbens. Wir wissen aber, dass das Sterben zum Leben gehört und wir ahnen mehr, dass die ganze Lebensmühe kaum gelohnt hätte für siebenundvierzig Jahre. Ob wir am Ende gar nicht am Ende sind? Ob es danach irgendwie weitergeht in irgendeiner anderen Lebensform? Ich zum Beispiel glaube fest daran, dass wir von Gott, dem Schöpfer, kommen und zu ihm wieder unterwegs sind. Und dass wir immer nur in seine Hände fallen können und dass er barmherzig und alles verzeihend seine Arme ausstreckt, um uns liebevoll in Empfang zu nehmen. Wenn ich mir dies vorstelle, wird es nicht mehr so wichtig, ob unser Leben hier auf der Erde – so aufwendig es sich geformt hat – nach unserem Eindruck kurz oder lang war.
Die Bibel zeigt uns viele Gestalten, die sich sehr wunderten, dass Gott ausgerechnet sie ausgesucht hatte, um etwas zu vermitteln. So ganz verrückt finde ich den Gedanken gar nicht, dass der Sicherheitsspezialist Eckhard M. auch in einer ganz anderen Welt gebraucht wird.

Bitte lassen Sie uns jetzt das zweite Lied singen. Es ist kein Beerdigungslied, mehr ein Lebenslied:…

Abschied von Günther K.

Der Mensch lebt und bestehet
nur eine kurze Zeit;
und alle Welt vergehet
mit ihrer Herrlichkeit.
Es ist nur einer ewig und an allen Enden
und wir in seinen Händen

Mit diesen Worten von Matthias Claudius begrüße ich Sie im Namen der Familie K. und danke Ihnen dafür, dass Sie mit uns Abschied nehmen von Ihrem Mitbürger Günther K., der sechsundfünfzig Jahre hier in E. gelebt hat. Dieses Dorf ist ihm als neue Heimat geschenkt worden und er war hier glücklich mit seiner wachsenden Familie und mit Ihnen allen.
Ich habe die Familie K. im Mai 2004 kennengelernt, als ich in Ihren Pastor vertreten habe und als ich Lucas taufen durfte, das Enkelkind von Olinde und Günther K., an dem sie so viel Freude hatten. Und drei Wochen später, es war immer noch Vertretungszeit, habe ich ein wenig miterlebt, wie die beiden Goldene Hochzeit gefeiert haben. Zur Vorbereitung meiner Predigt in der Kirche am 5. Juni 2004 habe ich dann vieles aus der Lebensgeschichte vor allem von Günther K. erfragt – ich konnte damals nicht erwarten, dass ich diese Fakten noch einmal mitteilen muss.
Aber vorher will ich diese Abschiedsstunde unter ein Wort stellen, das schon unzähligen Menschen Trost und Kraft gegeben hat, Sterbenden und Weiterlebenden und das die meisten von uns Älteren noch auswendig kennen. Es ist der 23. Psalm, diese 98 Worte zähle ich zu den kostbarsten Kapiteln aus der uralten Bibel: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkst mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.“
Olinde K. hat zwei Lieder für uns ausgesucht; das Singen oder das Mitlesen wird uns innen und außen guttun. Das erste Lied ist „Ach bleib mit deiner Gnade…“
Günther K.s Geburtstag war der 26. Juni 1929; seine Eltern hatten einen kleinen Bauernhof in Glausche im schlesischen Kreis Namslau. Die Landwirtschaft war nur Nebenerwerb des Zimmermanns, immerhin brauchte die fünfköpfige Familie in den damaligen Notjahren kein Gemüse, keine Kartoffeln und keine Eier zu kaufen. Der Bruder Herbert ist vor fünf Jahren gestorben, die in Gelsenkirchen lebende Schwester Lotte kann durch die Hilfe ihrer Kinder heute noch einmal dabei sein.
Günther hat Schlosser gelernt, diese handwerklichen Kenntnisse und Fähigkeiten konnte er sein Leben lang gebrauchen. Als er fünfzehn war, musste die Familie vor der heranrückenden russischen Armee fliehen, aber es war wohl schon zu spät und die Dorfbewohner mussten nach einigen Wochen noch einmal zurück und erlebten, dass die Häuser inzwischen von umgesiedelten Polen besetzt worden waren und dass sie zwei Jahre lang Knechte und Mägde der neuen Herren sein mussten.
Endlich konnte die Familie weiterziehen, in die relative Sicherheit der DDR im Städtchen Köthen. Dort vollendete Günther seine Schlosserlehre und wagte den Sprung nach Westdeutschland. Weil er eine Tante und einen Onkel in E. wusste, zog er hierhin, das war
1950, vor sechsundfünfzig Jahren, er war einundzwanzig, und das Glück war mit ihm und er erlebte mit Begeisterung und Tatkraft eine ganz neue Welt in Freiheit.
Im Schlesierlied heißt es: „Wer die Welt im Stab durchmessen, wenn der Weg in Blüte stand, nimmer konnt` er doch vergessen glückberauscht sein Heimatland.“
Die neue Umgebung nahm ihn sofort gefangen; er wollte hier bleiben. Die englischen Besatzer konnten einen Schlosser gebrauchen, er bekam bei ihnen Arbeit – und weil er jeden Tag nach Göttingen und zurückmusste, besorgte er sich als einer der ersten Jüngeren im Dorf ein Motorrad. Abends traf er in den E… Wirtshäusern die wenigen jungen Männer im Dorf, und ab und zu kamen auch einige junge Frauen dazu, wenn etwas Besonderes anstand, zum Beispiel ein Tanzabend.
In einem Wirtshaus schenkte abends Olinde aus, die tagsüber den Eltern in der Landwirtschaft geholfen hatte. Man sah sich oft und für Olinde stand fest: einen Bauern wollte sie nicht. Und Günther war kein Bauer und wollte auch keiner werden. Aber es kam anders.
Als Olinde siebzehn und er vierundzwanzig waren, das war 1953, verlobten sie sich – und dachten, sie hätten noch viel Zeit. Es kam anders. Olindes Vater starb unerwartet früh und die Landwirtschaft und die Wirtschaft waren zu viel für die Hinterbliebenen.
Günther sah, dass er gebraucht wurde: Er änderte Olinde zuliebe seine eigenen Zukunftspläne und nahm die Herausforderung an: Er wurde, was er vorher nicht werden wollte: ein Bauer. Und er erlebte, was wir Männer zu unserem Glück oft erleben: manche Frauen bringen uns auf neue Wege.
1954 haben Olinde und Günther geheiratet und bald nach der Gründung seines eigen Hausstandes schaffte es Günther, seine Eltern aus der DDR herüber zu holen und mit ihnen hier zusammen zu leben. Sie starben hier und wurden hier begraben – Günther kommt ihnen jetzt wieder ganz nahe – ist das nicht auch ein schöner Gedanke?
Es ist ein erkennbar wichtiger Zug in der Familie über die Jahrzehnte: Die durchgestandenen Notzeiten – und die gab es nicht nur ganz früher – haben gefestigt und selbstverständlich werden lassen: „Wir halten ganz fest zusammen und helfen uns durch dick und dünn…“
Günther hatte es anders vorgehabt, er wurde zwangsweise Bauer.
Ist er für einige Dörfler nicht nur der lustige Kerl aus den Wirthausabenden gewesen? Jetzt, wo er als Flüchtling hier eingeheiratet hatte, bekam er auch einige Nadelstiche zu spüren. Ein gesunder, tatkräftiger junger Kerl zerbricht daran nicht, es spornt ihn an. Günther hat hart arbeitend bäurische Fachkenntnisse erworben und dazu eine landwirtschaftliche Prüfung abgelegt. Ihm wurde nichts geschenkt: er hat sich alles erarbeitet – mit enormer Anstrengung und Leistung.
Denn: das waren ja noch die mageren Jahre der Landwirtschaft. Pferde ersetzten noch die Motorkraft und alle Arbeiten waren ungleich schwerer und dauerten länger und als heute beim Standard der Vollautomatik. Alles war unvergleichbar anstrengender, Kräfte verschleißender und die Gesundheit schädigender als heute. Das sitzt in den Knochen, das baut sich nicht ab, das verfliegt nicht – bei beiden nicht.
Haben sie sich je geschont? Haben sie es sich wenigstens gegönnt, ihre Quellen wieder zu nachzufüllen, auszuspannen, sich zu erholen und wieder aufzutanken? Nein, dazu war keine Zeit. Urlaub, Ferien – ja, wer sich das leisten kann – wir nicht.
1957 bekamen die beiden einen Sohn, Heinz-Günther, auf dem heute die ganze Landwirtschaft lastet, der auch einfach übernehmen und bearbeiten musste: die großen Felder, die bei ihnen betreuten Pferde, die Günther aber nicht mehr lange versorgen konnte, nachdem ihn vor fünfzehn Jahren ein Schlaganfall getroffen hatte. Diesen Schicksalsschlag hat er mit seiner starken Energie und seinem unbändigen Lebenswillen sehr erfreulich gemeistert und viele Kräfte wiederbelebt – war es nicht grausam, dass er Ostern 2004 das alles noch einmal erleben musste: den Blitzschlag in seinem Kopf, das lähmende Gefühl des Ausgeliefertsein, die erbärmliche Hilflosigkeit?
Wieder einmal wurde es deutlich, dass die Frau die bessere Hälfte des Mannes ist. Olinde hat seine Schwäche aufgefangen; sie und ihre Kinder haben es geschafft, Günther zuhause zu umsorgen. Es hat ihm an nichts gefehlt und er wurde weiter an allem, was möglich zu machen war, beteiligt. Er musste sich nur damit abfinden, dass er überall hingefahren wurde.
Ich wurde an den tiefsinnigen und von Krankheiten gepeinigten Dichter Christian Morgenstern erinnert: „Wenn man zum Leben ja sagt und das Leben selber sagt zu einem nein, so muss man auch zu diesem ja sagen.“
Ich weiß aus meiner Arbeit mit Behinderten, dass viele Helfer sich schwertun, Hilfe anzunehmen und in allen Lebensbereichen und bis ins Kleinste auf andere angewiesen zu sein. Dieser immer so aktive Mann hat das aber geschafft. Er hat seine Rolle angenommen und wirkte immer zufrieden. Ich habe ihn immer lächeln gesehen und er hat interessiert am Leben in der Familie und bei Freunden und Bekannten Anteil genommen.
Und sein Enkel Lucas hat den Opa nicht als behindert genommen und ihn herumgeschubst und mit und auf ihm gespielt. Vor kurzem hat Günther noch erlebt, dass Lucas ein Schwesterchen bekommen hat, die Sophie. Die beiden Kleinen haben ganz sicher mitgeholfen, seinen Lebenswillen zu stärken und auf eine Besserung seiner Krankheiten zu hoffen. Olinde und seine Kinder sind davon überzeugt, dass Günther nicht lebensmüde war und gerne noch bei ihnen geblieben wäre – aber dann kamen starke Krankheitsprobleme, die sich steigerten und seine letzten acht Wochen zu einer Leidenszeit machten.
Das war zuletzt zu viel für seinen Körper. Er hat seine Lieben aber bis zuletzt erkannt, sie waren ständig an seinen Krankenbetten und hielten seine Hand. Von den Schmerzen abgesehen, kann keiner von uns schöner aus dieser Welt scheiden.
Natürlich kommt der Abschied immer zu früh. Siebenundsiebzig Jahre sind heute kein sehr hohes Alter – auch wenn Günther schon viele ihm liebe Menschen überlebt hat.
Der amerikanische Dichter Thornton Wilder hat uns diese Erkenntnis hinterlassen: „Dies ist ein Land der Lebenden und da ist ein Land der Toten. Die Brücke zwischen ihnen ist die Liebe, – das Ewig-Bleibende, der einzige Sinn.“
Die Familie würde sich freuen, wenn die Nachbarn und Freunde gleich noch im Gasthaus Z…. bei einem Kaffee etwas zusammenbleiben würden.

Am Grab
Ein Teil von dir wird in uns weiterleben, und ein Teil von uns wird immer bei Dir sein.
Vater unser im Himmel…

Abschied vom Biker Jörg B.

Vielen hier wird es wie mir gehen: Wir können es gar nicht glauben, dass Jörg nicht mehr unter uns ist. Er ist den Tod eines Motorradfahrers gestorben, und das eben nicht auf der unwahrscheinlich gefährlichen Wüstenroute in Australien, nicht bei der höchst abenteuerlichen Umrundung des Schwarzen Meeres, nicht auf den natürlich längst nicht immer glatten Pisten in Nordamerika und auf südamerikanischen Gebirgspisten und auch nicht bei den enormen Risiken in Afrika.
Er ist viel offroad gefahren, neben den ausgefahrenen Spuren. Tausendmal war er näher dran am Ende des höchsten Risikos. Aber Jörg B. starb in dem neuen Engelberg-Tunnel bei Leonberg und Stuttgart nach einer Fahrbahnverengung und nach einem plötzlichen Bremsen der Fahrer vor ihm, also in einer alltäglichen Fahrsituation. Jörg kam von einem hochinteressanten und alle Teilnehmer begeisternden Motorradfahrertreffen im Schwarzwald zurück.
War die Zeit zurückgespult? Vor fünf Jahren in der australischen Wüste hat er eine irgendwie ähnliche Situation so beschrieben: „Hohe Düne bedeutet viel Gas. Ich nehme also hundert Meter Anlauf und beschleunige bis in den 3. Gang. Vollgas. Wenn sich mir jetzt eine Rille, ein großer Stein oder ein Loch vors Vorderrad wirft, dann gute Nacht. Zum Ausweichen bleibt bei diesem Tempo keine Zeit mehr. Aber wer bremst, verliert …“ —
Das von ihm beschriebene Manöver scheiterte damals, aber nur im 1. Anlauf des erfahrenen Weltenbummlers. Diesmal scheiterte er gründlicher — und endgültig.
Ich begrüße hier seine langjährigen Feuerwehr-Kollegen und viele seiner sehr, sehr weit herangereisten Traveller-Freunde unter den Menschen, die ihm besonders nahe standen: seine Mutter, sein Vater und Sigrid, seine Schwester Annette, seine Heike, seine Großtante, seine Tante und seinen Onkel und viele Freunde, Nachbarn und Bekannte, die es nicht begreifen, dass er nicht mehr sehr lebendig unter uns ist, mit seinem ansteckenden Lachen, seiner positiven Lebensart, seiner unbändigen Bereitschaft, anderen zu helfen.
Es entsprach seiner Natur, auf Menschen zuzugehen und das war seine Besonderheit dabei: Er suchte Kontakte und hat sie gehalten. Einige seiner Freunde, die er auf seinen Touren rund um die Welt getroffen hat und die ihn liebgewonnen haben, werden sein Fehlen schwer glauben können. Das wird auch für seine Segelfreunde gelten und besonders für das heranwachsende Mädchen in Kenia, das er als Pate gefördert und zu einem neuen Leben ermutigt hat.
Vielleicht hätten ihn einige von Ihnen am letzten Wochenende anrufen wollen, denn Freitag war Jörgs Geburtstag. Allerdings hatte er diesen Tag, das war für ihn ungewöhnlich, nicht feiern wollen, denn gerade diesen vierzigsten wollte er ohne Aufsehen hinter sich bringen. War es Zufall, dass er an diesem Tag Dienst gehabt hätte? „Die Hälfte ist jetzt um“, hatte er nachdenklich gesagt. Wir können grübeln, was er damit alles gemeint haben könnte.
Und jetzt ist es plötzlich nicht nur das Ende der ersten Hälfte gewesen; die erwartete zweite Hälfte wurde weggestrichen – durch so einen Blitzschlag, nach dessen Sinn wir keinen fragen können. Klar, Motorradfahrer leben gefährlich, besonders gefährlich sogar, das wissen alle Motorradfahrer und das wissen alle Eltern und Lebensgefährten, die nach jedem Aufbruch mit ihren Angstgefühlen leben und warten müssen. Aber, das sagen ihnen die schnellen Zweiradfahrer immer: „Die meisten Stürze überleben wir irgendwie.“
Eine Motoradfahrerin, die am Meeting teilgenommen hatte, hinter Jörg fuhr und gleichfalls verunglückte, kam mit dem Leben davon. Auch ihn hatte der Rettungsarzt wieder reanimiert, aber nur für Minuten. Jörgs Lebenszeit war um. Die Mini-Strecke in der Heimat wurde das Ende aller Reisen, das Ende aller Bilder und Erlebnisse.
„Wir freuen uns auf weitere Abenteuer“ hatte er auf der Webseite geschrieben, die so vielen anderen Mut gemacht hat. Es steht auch in seiner eigenen Schilderung einer heiklen Fahrsituation: „Im Licht der Scheinwerfer fahren wir weiter. Tun damit genau das, was wir nie tun wollten: Auf einer unbekannten, nicht einsehbaren und schwierigen Piste im Dunkeln zu fahren. Das kann lebensgefährlich sein.“
Einen Sturz seines treuen Kumpels Andreas Hülsmann beschreibt er im Zentrum einer gewaltigen roten Staubwolke in der australischen Wüste so: „… eine blaue BMW, die sich gerade samt Fahrer in die Waagerechte begibt. Aha – ein Abflug. Das kennen wir ja schon. Ist mittlerweile nichts neues mehr. Wird also auch diesmal glimpflich abgegangen sein.“
Ja, das stimmte bei seinem Reisekameraden. Bei ihm selbst am Nachmittag des 10. Mai 2009 nicht. Nicht bei seinem, wie er es einmal nannte, „kapitablen Abflug“.
Ihr gemeinsames Buch über die von ihnen als erste europäische Motorradfahrer im Alleingang bewältigte Canning Stock Route, die Königin der Pisten, nannten sie „Spurensuche“. Sie folgten damals den Spuren der legendären australischen „Stockmen“, aber es war, wie sie zugaben, für sie nicht nur ein unwahrscheinlich gefährliches Abenteuer, es war auch eine Zeitreise, aus der sie, so steht das im Buch: „gestärkt am Körper und gereift im Geist wieder zurückkamen“. Ähnliches berichten andere Motorradfahrer, die unglaubliche Strecken mit dem Motorrad geschafft haben, der Illuminati-Darsteller Ewan McGregor zum Beispiel hilft dieses Meile-für-Meile-fressen, seinen Lebensalltag zu bewältigen, dem „Sinn von allem“ näher zu kommen.
Einmal berichtete Jörg aus Australien: „Vor der Nachtruhe packt Andreas das Satellitentelefon aus. Wir müssen uns mal wieder bei den Jungs von Touratech melden. Herbert Schwarz (einer der Geschäftsführer) ist dran. In regelmäßigen Abständen geben wir einen kurzen Bericht über unsere Verfassung, unsere Stimmung und mögliche Vorkommnisse durch. Zusätzlich wird per Antenne, die an meiner Maschine befestigt ist, unsere Position direkt auf einer Landkarte auf der Touratech-Homepage angezeigt … Nicht nur Herbert ist beruhigt, wenn er uns ab und zu am Hörer hat. Auch uns gefällt es, dass sich zu Hause jemand Gedanken über unser Wohlergehen macht. Ist irgendwie menschlich. …“
Unter denen, die damals im Internet diese halsbrecherische Pionier-Tour verfolgten, als sie sich von Brunnen zu Brunnen durchschlugen, war sein Vater, der täglich bangen musste, ob sie es bis zum nächsten Wasserschöpfen schaffen würden. Wasser ist nun mal lebenswichtiger als Benzin.
Würde Jörg sich doch jetzt wieder über irgendein Satellitentelefon melden! Ja, das sagt sich so leicht. Ob wir das verkraften würden? Denn was würden wir hören? Nach allem, was wir von den wenigen Menschen hörten, die auf irgendeine Weise jene geheimnisvolle Lebensgrenze überschritten oder überfahren haben, aber doch wunderbarerweise zurückkommen durften oder mussten, von ihnen hörten wir übereinstimmend: Davor muss keiner Angst haben. Ich kam ins Licht und fühlte mich liebevoll aufgehoben. Und erwartet…
An einem 15. Mai 1969 ist Jörg geboren; es war der Himmelfahrtstag. Ich denke unwillkürlich an das Wort „Himmelfahrtskommando für einen lebensgefährlichen Einsatz – und seine Eltern werden bei seinen Unternehmungen auch oft daran gedacht haben. Ein nach Meinung vieler schier unmögliches Unternehmen hat Jörg oft gereizt, es hat ihn stimuliert; er liebte Herausforderungen, alles zu geben, bei seinen großen Motorradreisen bis an seine körperlichen und seelischen Grenzen zu gehen und diese Grenzen, wenn irgend möglich, zu erkennen und sie aber auch zu überwinden. Grenzen überwinden, das war ein Lebensbedürfnis für ihn. Herausforderungen dieser Art nennen wir heute Challenge.
Am 2. Mai-Wochenende war Jörg im Schwarzwald. Den Leuten von Touratech war er dankbar verbunden, sie hatten zur BMW Motorrad GS Challenge 2009 eingeladen. Weil das sein letztes miterlebtes Motorradfahrer-Event war, seine allerletzte Aktivität überhaupt, zitiere ich aus der Touratech-Webseite:
„Diese 2. Challenge am Rand des Schwarzwalds war ein überwältigender Erfolg. Streckenführung und Sonderprüfungen entsprachen voll und ganz der Philosophie dieser Veranstaltung und trafen den Geschmack der 85 Teilnehmer. Die Mischung aus Offroad-Spaß und der Möglichkeit, sich im Kreis Gleichgesinnter in den unterschiedlichsten Disziplinen zu messen, eine der landschaftlich schönsten Regionen Deutschlands zu erleben und den Geist der GS-Familie zu spüren, ließen diese Challenge zu einer Veranstaltung werden, bei der jeder auf seine Kosten kam.
Neben fahrerischem Können, das die BMW-Enduristen bei diversen Geländeprüfungen in einem 60 Hektar großen Steinbruch sowie auf Cross- und Endurostrecken beweisen konnten, waren Navigation und Orientierungsvermögen, Teamfähigkeit und Fitness-Eigenschaften gefragt. Vom Bogenschießen über Holzsägen bis hin zur Aufgabe, in schwindelnder Höhe zwischen Baumgipfeln eine Ölablass-Schraube zu wechseln, deckten die Sonderprüfungen ein wirklich breites Spektrum ab. Selbst eine Wasserdurchfahrt fehlte nicht.“
Es ist bewegend, sich das Geschehen auf den Videos noch einmal anzusehen. Mit seinem Freund Ralph hat Jörg jährlich das beliebte Motorrad-Reisetreffen in Gieboldehausen organisiert; die beiden haben auch vieles andere zusammen unternommen – bis zum gemeinsamem Segeln. Das Internet war Jörg’s Medium.
Auf der Webseite motorrad-reise-treffen.de, auf der er durch viele Beiträge bekannt war, steht seit seinem Tod ein starker Nachruf mit seinem Bild. Die traurige Nachricht muss sich in Lichtgeschwindigkeit um die Welt verbreitet haben. In kürzester Zeit haben sich über hundert Traveller-Freunde von ihm mit ergreifenden Worten verabschiedet und den Angehörigen Trostworte geschrieben. Ich zitiere einige, weil sie mehr über Jörg sagen:
… … …
Vor knapp drei Jahren habe ich Jörg hier in Beienrode kennengelernt, bei der Beerdigung seines Großvaters. Ich hatte damals beim anschließenden Beisammensein im Dorfgemeinschaftshaus – ich darf Sie übrigens alle im Namen der Familie einladen, gleich nebenan ja noch eine Weile zusammen zu bleiben, also damals hatte ich erwähnt, dass ich nur selten eine Abschiedsrede übernehme und ein Schriftsteller bin, der gerne einer Lebensgeschichte nachspürt.
Jörg kam zu mir und sagte, er sei nur ein Motorradfahrer und ein Rettungssanitäter, aber zusammen mit seinem Kumpel hätte er gerade ein Buch veröffentlicht, das würde ihre Cross-Tour in Australien beschreiben. Er hat mir das Buch geschickt. Es ist ein starkes Buch und es heißt „Spurensuche“.
Ich blicke auf seine vermeintlich ersten vierzig Jahre zurück. Wie er irren wir uns ja alle in der Abschätzung der Lebenszeit, die uns noch bleibt und in der wir endlich die Menschen werden könnten, die wir doch wohl einmal werden sollten.
„What will you do in the rest of your time?” fragt uns ein amerikanischer Liedersänger. Vielleicht lohnt es für jeden von uns, diese Frage von diesem Tag mit heim zu nehmen. Nicht als Grund zum Resignieren, sondern ganz im Sinne des engagierten Rettungssanitäters Jörg, als wenigstens Teilstück einer Lebensaufgabe.
Denn, das ist meine Erkenntnis von meinem Nachdenken über den Tod: Wir Zurückbleibenden sollen aus jedem Tod eines Mitmenschen etwas für unser Weiterleben Wichtiges lernen.
Jörg war kein angepasster, bequemer Schüler. Hier in der Schule in Kerstlingerode wohl noch, schon nicht mehr als Schulsprecher in der Voigtschule in Göttingen und im Abendgymnasium. Sein Vater hat ihn einige Male mahnen müssen: Wenn du dich weiter so für andere einsetzt, lassen dich die Lehrer das an ihren Zensuren spüren.- Das ist nun mal die Wirklichkeit in unseren Lernsystemen.
Wenn einer, der aus den Grenzen von Beienrode ausbrechen will oder muss, dann beginnt das natürlicherweise im Elternhaus. Er ist als junger Bursche ausgebrochen, ausgezogen, kam immer wieder zurück — aber er hat es geübt, wie ein Vogel, der seine Flügel ausprobiert.
Seine Eltern haben diese nun einmal wichtige Zeit des heranwachsenden Nestzerstörers sorgenvoll durchgestanden. Aber dann kam das Ereignis, das alle so wenig begreifen konnten, wie diesen Abflug jetzt: Jörgs damals 18-jährige Schwester verunglückte tödlich auf einem Wander-Urlaub in Schweden.
Jörg war zu Ulrike unterwegs gewesen, um sie dort oben zu besuchen. Seine Mitfahrer wollten damals nicht weiter mit ihm nach Norden fahren, deshalb ist er schließlich umgekehrt. Auf der Rückfahrt erlitt er einen Unfall; die Heilung des Beinbruches zog sich lange hin. Ein unbegründetes Schuldgefühl blieb bis zuletzt: Er, der Rettungssanitäter, hat sich mit der Frage gequält, ob er rechtzeitig hätte helfen können.
Besonders und womöglich umso inniger fühlte er sich mit seiner Schwester Annette verbunden. Das geheimnisvolle Seelenband zwischen diesen beiden kann auch dieser blöde, dieser so absolut vermeidbare Tod nicht durchtrennen.
Das muss ja auch nicht sein: Jörg bleibt für jede und für jeden von uns, für die oder den er bleiben soll: Dieser aus unserer Sicht dumme, absolut vermeidbare Tod im schwäbischen Tunnel kann uns doch nicht auseinanderbringen!
Sein erstes Motor-Zweirad hatte er sich besorgt und zusammengebastelt, bevor er damit auf den öffentlichen Straßen fahren durfte. Aber seine Faszination für das Fortfliegen auf Rädern hatte schon als Kleinkind begonnen, auf einem Dreirad. Alle seine Motorräder hat er auseinandergenommen und zusammengesetzt und innen und außen erweitert; er hat ihre Funktionen von innen heraus verstanden. Lange Zeit brauchte ihm niemand eine Maschine zu erklären. Das machte er auch mit seinen Computern so und mit dem Fotografieren und mit seinen Reiseberichten: Er hat sich den sicheren Umgang mit der Materie selbst beigebracht. Learning by doing war für ihn immer der beste Weg.
Was kostet die Welt? Ich habe mich gefragt, wie hat er das ermöglicht, um die Welt zu fahren? Er war einige Zeit arbeitslos gewesen. Und er hat nach mehreren Ausbildungsgängen und Qualifizierungen erlebt, was in unserer Arbeitswelt nicht selten vorkommt: Einige Betriebe fanden ihn überqualifiziert und befürchteten bald höhere Vergütungsansprüche. Es hat ihn nicht kleingekriegt, er hat Überlebensstrategien erdacht. Sie erwiesen sich als tragbar, als halbwegs hinnehmbar. Er hat einfach ein Trotzdem dagegen gesetzt. Aussichtslos eigentlich, aber nicht bei ihm. Seine leichteste Übung hieß: Grenzen sind doch nur Hindernisse, die fürs Überwinden erfunden wurden.
Bei der Feuerwehr hat er sich heimisch und angenommen gefühlt. Zwölf Jahre lang war er dabei, hat sich weitergebildet, war im mittleren Dienst bereits Oberbrandmeister geworden und das wäre wohl nicht die letzte Laufbahnstation gewesen, denn er war immer ehrgeizig und fortbildungsbereit. Im Rettungsdienst fühlte er sich richtig eingesetzt. Hier wäre er gerne auch noch Ausbilder geworden.
Seine Vorgesetzten haben ihm geholfen, seinen Freizeitanspruch und seinen Urlaub zusammenzulegen; damit waren ihm längere Touren möglich. In seinem nächsten Urlaub im Juni wollte er mit Freunden zu einem Segeltörn aufbrechen. Segeln war ein zweites Freizeit-vergnügen für ihn geworden, eines, an dem Heike noch lieber mitmachte. Typisch für Jörg: Er hat das Segeln systematisch erlernt, mit den notwendigen Prüfungen, die ihm die Ostsee und die Adria erschlossen haben.
Er war ja unwahrscheinlich anspruchslos. Das Einfachste hat ihm oft gereicht. Im Kopf hatte er immer Größeres. Vielleicht hat er nicht genau gewusst, was, aber er könnte es irgendwie geahnt haben – vielleicht hat er ein Rufen gehört?
Jörg hat sicher so manches Vorhaben auf seine vermeintlich zweite Lebenshälfte verschoben – privat und beruflich. Ein unvollendetes Leben? Aber wann ist unser Leben vollendet? Wir Europäer verstehen davon zu wenig.
Wer nie fortgeht, kommt nie heim. Aber was hat ihn immer wieder hinausgetrieben? Mancher fährt bis zum Mond, um sich selbst zu finden. Das ist ja auch das eigentliche und lange verborgene Ziel des Jakobsweges.
Der jüdische Philosoph Martin Buber hat uns den rätselhaften Satz hinterlassen: „Alle Reisen haben eine heimliche Bestimmung, die der Reisende nicht kennt .“
Darüber sprechen wir kaum mit anderen, weil wir meinen, erst noch eine Antwort finden zu müssen; wir meinen ja immer, noch viel Zeit zu haben. Was bringt uns Menschen weiter? Wir wissen von Goethe: „Stolpern fördert.“ Ich habe das in vielen Lebensläufen gefunden: Wer aus der gewohnten und für ihn vorgezeichneten Bahn geworfen wurde oder herausgesprungen ist, findet oft ganz andere Möglichkeiten, auf die er normalerweise nie gekommen wäre. Etwas sehe ich davon auch in Jörgs Leben.
Zum Schluss will ich Sie auf einen großen alten Mann weisen, einen Wahrheitssucher, der katholischer Theologie-Professor war, dem nach Jahrzehnten die Lehrbefugnis entzogen wurde, weil er seine Kirche scharf kritisiert hat. Hans Küng hat sich neue Ziele gesetzt: Er spürte in den so sehr verschiedenen Hochreligionen nach, was ihre Kernbotschaft ist – und was es erstaunlich viel Gemeinsames in ihnen zu entdecken gibt. Wir wissen so wenig voneinander. Hans Küng hat vieles gefunden, darunter etwas Verbindendes, das er Welt-Ethos nennt, ein Lebensziel ohne Religionszwänge, etwas, das uns allen helfen könnte, herauszufinden, woher wir kommen, warum wir hier sind; warum und wie unter anderen Menschen und wohin wir einmal gehen.
Wenn es Zufälle gibt, ist dies einer: Seinem ihm wichtigsten Buch hat Hans Küng in einem Buch den gleichen Namen gegeben wie Andreas H. und Jörg B. ihrem Motorrad-Buch: Spurensuche.
Vielleicht wollen Freunde und Fahrtbegleiter von Jörg noch Abschiedsworte sagen. … Danach hören wir eine Melodie, die Jörg gern gehört hat, wenn er zuhause war und Feierabend hatte. Die CD heißt „Keep my fires burning“.
Schließlich begleiten wir den Sarg zum Grab hier auf seinem Heimatfriedhof.
Ich danke Ihnen im Namen aller Angehörigen für Ihr Kommen. Sie sind ein willkommener Trost
Am Grab: Ich sage das für viele Menschen: Ade Jörg — und danke für alles, was du uns warst und was du uns gegeben hast. Vielen warst du ein guter Freund und einigen warst du mehr. Ein Teil von dir wird in uns weiterleben. Und ein Teil von uns wird immer bei dir sein.

Abschied von der „Ping-Pong-Oma“

Trauerfeier für Erna K.

Liebe Trauergemeinde, ich grüße Sie mit der Tageslosung für diesen Tag; sie stammt aus dem Psalm 36: „Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist, und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen“. Für diese von uns gegangene Frau waren Worte der Bibel liebgewordene Herzensstärkungen. Wir begleiten Frau Erna K. gleich auf ihrem letzten Weg. Ein Heimgang tut immer weh, aber hier dürfen wir mit großer Dankbarkeit auf ein erfülltes Leben zurückblicken, auf dreiundachtzig Jahre, in der ihr kein Tag langweilig war und immer auf Aktivitäten drängte.
Und ganze einundzwanzig Jahre ist es her, dass ihr sehr geliebter Mann Heinz den Platz neben sich auf dem Friedhof hier freigehalten hat. Fast bis zuletzt hat sie ihn jeden Tag besucht hier auf dem Friedhof, weit über siebentausendmal. Gleich kann sie ihrem geliebten Heinz endlich nachkommen. Und wir werden das letzte Stück mit ihr gehen.
Erna K. trug Gott und Christus im Herzen. Sie wusste, dass sie in zum Willkommen ausgebreitete Arme sinken darf. Ich bitte Sie, der Gestorbenen zuliebe das Lied 407 zu singen: „Stern, auf den ich schaue“.
Wenn wir von Erna K. sprechen, müssen wir in Masuren beginnen. Dort, im Land der dreitausend Seen, keine 2 km vom großen Roschsee entfernt, wurde sie am 6. Januar 1921 in Rhuden im Kreis Johannisburg geboren.
In dieser herrlichen Naturschönheit, die auch heute wieder viele Deutsche zum Urlauben anzieht, war sie zuhause und diese Heimat aufgeben zu müssen, war besonders wehtuend. In Masuren haben die russischen Soldaten und später die Polen viele Dörfer und Städte zerstört, zerschossen und abgebrannt, die Menschen vertrieben und die erschossen, die sich nicht vertreiben lassen wollten. Heute ist das Gebiet polnisch – und sehr an deutschen Touristen interessiert.
Erna B., so hieß sie, bis sie den Heinz K. heiratete, wurde Postbeamtin im nur 8 km entfernten Städtchen Gehlenburg. Hier führte sie die Kasse des Postamtes, hier war sie Buchhalterin, was ihr später sehr nützlich war. Als der Krieg ausbrach, war sie achtzehn, als sie alle vertrieben wurden, war sie vierundzwanzig.
Sie hat alles verloren, aber ihr blieb der Heinz, ein Tischlermeister, der, wie sich zeigte, überall arbeiten konnte. Im sich wiederaufbauenden Deutschland konnte der tüchtige Handwerker schnell Arbeit finden, und als es die beiden am Ende nach E. verschlug, gab es hier bald eine Schreinerei mehr.
Heinz K. konnte nicht nur schreinern, er hat seiner Frau ein Haus gebaut, die Werkstatt dazu, mit großen Fenstern und einem schönen Blick auf die gegenüber-liegenden Wiesen und noch heute kann man durch die Häuserlücken weit ins Land sehen – das war wichtig für Erna und für den sehr naturverbundenen und auch musisch begabten Heinz.
Hier wurde die Tochter Ursel geboren, die das Musische vom Vater geerbt und vermehrt hat und die es weitergeben konnte an ihre Tochter Sabine, die inzwischen als Malerin in Berlin lebt.
Eine Krebskrankheit ließ Heinz K. nur dreiundfünfzig Jahre alt werden. Er war sehr beliebt im Dorf und besonders, weil die beiden sich so liebten, konnte Erna sein Vorausgehen sehr schwer verkraften. Sie litt seelisch und körperlich und vermisste den liebvertrauten Mann sehr.
Aber das Leben ging weiter, dafür sorgte die Tochter und später deren Tochter Sabine, und viel später auch das Enkelkind Anja. Die immer kinderliebe Erna hatte sehr viel Freude an der Entwicklung der Tochter und der Enkelkinder und die lebendige Anteilnahme an ihren Lieben hat ihr oft die aufkommenden trüben Gedanken vertrieben. Und wie das Leben so spielt, in ihrer letzten Zeit wechselten sich Ursel und Sabine wochenweise in der Pflege der hinfälliger werdenden Mutter und Oma ab. Und telefonisch waren die Kinder ohnehin jeden Tag mit ihr verbunden.
Aber davor bekamen viele zu spüren, dass eine kernige Ostpreußin vieles konnte. Sie hatte ihrem Mann, der wie viele Handwerker keinen Sinn fürs Abrechnen hatte, jahrelang die Buchhaltung gemacht.
Und als es die Werkstatt nicht mehr gab, wurde sie Buchhalterin in der Göttinger Johannis-gemeinde. Die Entfernungen waren kein Hindernis; sie war motorisiert, sie fuhr anfangs Motorrad. Hunde und Katzen gehörten natürlich seit ihrem Elternhaus immer zu ihrer Umgebung.
Und raten Sie, warum Göttinger Studenten die bereits Mitte Siebzigjährige „Ping-Pong-Oma“ nannten? Im von ihr geliebten Tischtennis war sie nach jahrzehntelanger Spielübung kaum zu schlagen.
Ein Ereignis war für sie außerordentlich wichtig und wirkte lange nach. Ihr Schwiegersohn, den sie sehr schätzte, ermöglichte ihr, als sie erst „Ende Sechzig“ war, eine Familienfahrt in die Heimat, nach Masuren. Wir können nur ahnen, wie aufwühlend diese Erlebnisse waren. Und wie in einem alles ermöglichenden Traum traf Erna in einem masurischen Städtchen plötzlich drei Schulfreundinnen, die „zufällig“ genau in dieser Nachmittagsstunde vom über 1000 km entfernten Deutschland aus in die so veränderte Heimat hergereist waren und sich zu viert dort getroffen haben – das soll dann noch einer Zufall nennen. Die Drei besuchten damals gemeinsam eine Schulfreundin, die dort geblieben war, sicher nicht zu ihrem Glück und gutem Leben. Nebenbei: Es gibt schriftliche Bitten an ihre Tochter, weiterhin Liebespäckchen an einige Anschriften in Masuren zu schicken.
Aber ihr Elternhaus fand sie damals nicht mehr; alles war dem Boden gleichgemacht. Aber nach langem Suchen entdeckte Erna plötzlich in einem waldig gewordenen Gebiet einen Teil der Fliederbüsche, die ihr Elternhaus dicht umstanden hatten. Diese Erinnerung war schmerzlich, aber letztlich sicher wertvoller als ein womöglich inzwischen heruntergewirtschaftetes Haus.
In Gehrenburg war in der natürlich von ihr gesuchten Post die Zeit wie stehengeblieben: Sie erkannte Regale, Tische und Stühle wieder. Die vertiefte Erinnerung von Masuren blieb ihr bis zuletzt im Herzen.
Dass sie sportlich war, habe ich schon erwähnt. Sie musste immer in Bewegung sein, und die tägliche Morgengymnastik war auch für die Achtzigjährige selbstverständlich.
Und dass Singen befreit und die Seele weitet, hat sie ihr Leben lang erfahren. Es war ihr lebenswichtig und tat ihr gut, täglich und lange zu singen, Volks- und Kirchenlieder, viele kannte sie auswendig. Früher, in ihrer Kindheit und Jugend, ist ja viel mehr gesungen worden als wir uns das heute noch vorstellen können. Wir meinen heute immer, man müsste zum Singen eine besonders schöne Stimme haben und bleiben lieber stumm oder lassen uns vorsingen.
Lassen Sie uns, auch für Erna K., noch ein Lied singen; sie wird sich auch freuen, dass ihr Schwiegersohn mitsingt – „Ach bleib mit deiner Gnade“, Nr. 347.
* * *
Ich lese aus dem 73. Psalm den Schluss, der ein unangemessenes Verhalten des so betenden Dichters vorausschickte, aber dann so fortfährt: „Dennoch bleibe ich stets an dir, denn du hältst mich bei meiner rechten Hand, du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende mit Ehren an. Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde.
Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens
Trost und mein Teil.“
Für Erna K. komme ich mit dieser Bibelstelle zu spät, sie wusste sie auswendig. Der Text ist für uns Weiterlebende bestimmt. Es sind uralte Sätze und sie haben unzählige Menschen getröstet und gestärkt.
Die uns Vorausgegangene wusste, dass sie liebevoll aufgefangen wird. Wir alle können von ihrem Leben vieles lernen und behalten. Vielleicht erleben wir auch, dass sie uns gar nicht verlässt, sondern irgendwie nahe bleibt. Wir dürfen dankbar sein, dass wir sie erlebt haben und dass wir sie so lange bei uns hatten.
Ihre Liebe jedenfalls hört nicht auf, nur weil sie jetzt nicht mehr unter uns leben darf. So eine wie diese einmalige Powerfrau bleibt allen, denen sie wichtig war, weiterhin erhalten.
Vor dem Schlussgebet, einem Gebet in der Stille, dem Vaterunser und dem Segen, lassen Sie uns bitte das Lied 171 singen: „Bewahre uns Gott“
Danke, du guter und barmherziger Gott, dass du uns Erna K. geschenkt hast, die in ihrem Leben viel Liebe weitergegeben hat. Wir sind sicher, dass die hier auf Erden heimatlos Gewordene bei dir die ewige Heimat von uns allen gefunden hat. Lass uns von ihrem Leben und ihrem Lieben lernen – und hilf uns zu bedenken, dass wir alle von dir kommen und wieder zu dir unterwegs sind – und keiner weiß, wann unsere Lebenszeit zu Ende geht. Hilf uns, einander öfter zu fragen, wie wir nach deinem Entwurf endlich Menschen werden und wie wir unser Leben weiter gestalten wollen. Was uns heute besonders bewegt, nennen wir dir, Gott, in der Stille.

Abschied von Fritz Werner H.

Ich begrüße Sie zu einem Abschied von Fritz Werner H. Es ist nur ein äußerer Abschied und es muss kein sehr trauriger sein. Denn sein Leben war reich und erfüllt und eine lange Leidenszeit ist ihm erspart geblieben.
An einem 15. November 1925 wurde Werner H. in Frankfurt am Main geboren. Mit ihm hatte das Leben anderes vor als mit dem israelischem Pianisten und Dirigenten Daniel Barenboim, der als Musiker schier unüberwindliche Grenzen überschreitet, oder mit Claus Graf von Staufen-berg, der Hitler töten wollte, oder mit dem Generalfeldmarschall Erwin Rommel, oder mit dem deutschen Dramatiker und Literatur-Nobelpreisträger Gerhart Hauptmann, oder mit dem noch lebendem widerborstigen Lyriker Wolf Biermann – erstaunlich viele Maler, Schriftsteller, Theologen, Spitzensportler und Politiker, darunter ein Papst und mehrere Könige hatten am gleichen Tag wie er Geburtstag und haben Weltgeschichte mitgeschrieben .
Das müssen wir über Werner Heerlein nicht feststellen, aber er teilte mit den bedeutenderen Menschen einige Charaktereigenschaften, die es ihm im Zusammenleben mit seinen Mitmen-schen oft schwer machten.
Er kam nicht mit einem goldenen Löffel im Mund in die hessische Welt. Seine Eltern, der Frankfurter Straßenbahnschaffner Nikolaus H. und seine Frau Maria Katharina konnten ihm keine besonderen Startbedingungen bieten. Sie hielten aus ihrer Großstadt-Übersicht den Beruf eines Friseurs für zukunftssicher. Mehr haben seine an der Armutsgrenze lebenden Eltern nicht angestrebt. Aber er.
Seine Eltern waren Unterstützer der Arbeiterpartei, die die ersten vierzig Jahre in Hessen führend war, auch Werner blieb dieser Partei verbunden und hat noch zustimmend erlebt, dass sie auch in Niedersachsen wieder an die Regierung kam.
Sein Vater arbeitete in einer „Elektrischen“. Werner hat sich sehr dafür interessiert, wie der Strom als Antrieb genutzt wird. Er hatte lebenslang Freude am Tüfteln; er entwickelte eine Vorliebe dafür, Geräten ins Innere zu sehen, herauszufinden und zu verstehen, wie sie funktio-nieren, was dazu nötig ist und wie man sie betriebssicher machen kann. Dazu hat ihn sein auch gelegentlich an Elektrischem bastelnder Vater angeregt und ermutigt.
Mit vierzehn Jahren begann er eine Lehre als Elektromechaniker bei Telefonbau & Normalzeit. Im gleichen Jahr begann Hitler seine Kriege. Nur ein Dreivierteljahr später begannen die gegnerischen Bombenangriffe auf die Großstadt Frankfurt und hielten seine Bewohner in Lebensangst.
Stundenlang hat Werner, oft übermüdet, in Bunkern gehockt und vor Bombeneinschlägen gezittert – diese Schreckenserlebnisse dauerten fünf Jahre lang. Sein Zuhause war bald zerstört worden. Man kam am Rande der Stadt behelfsmäßig unter.
Radios faszinierten ihn früh, weniger fertige. Er baute die lieber zusammen und reparierte er sie, machte scheinbar Kaputtes wieder brauchbar. Zu der Wohnung eines Freundes hat er über viele Dächer und eine Straßenkreuzung hinweg heimlich nachts eine private Telefonleitung errichtet.
Obwohl er in einem „kriegswichtigen Betrieb“ arbeitete, wurde er in den letzten Kriegsmonaten als 19-Jähriger noch eingezogen, aber seine technische Begabung wurde sein Glück. Weil er längst morsen konnte, wurde er Funker, geriet aber bald in französische Gefangenschaft und überlebte hier knapp Hunger und Winterkälte.
Als er sich nach dem Krieg in einem Frankfurter Radiogeschäft umsah, interessierte ihn ein angeblich nicht mehr reparierbares Radio. Er reparierte es und bekam gleich seine erste Stelle. Später wechselte er in einen größeren Betrieb. Für ein Jahr wurde er Filmvorführer bei der amerikanischen Besatzung, die den besiegten Deutschen demokratisches Leben und amerika-nische Verhältnisse mit Filmen und Diskussionen nahebringen wollte.
Seine nächste Station war die Überseefunkstelle der Post in Eschborn. Nach Feierabend reparierte er weiter Radios und bald auch Fernsehgeräte. Er konnte sich ein Motorrad anschaf-fen. Bei Ausflügen saß Lieselotte Maurer hinter ihm; die beiden heirateten im Frühling 1949.
Werner hat einen Lehrgang in Radiotechnik gemacht, aber dabei konnte er kaum Neues lernen. Er wurde Kurzwellen-Amateur und bekam nach einigen Prüfungen 1950 die Kurzwellen-Amateur-Lizenz. Das Funken wurde über Jahre sein liebstes Hobby. Die Geräte wurden kreativ zusammengesetzt; sein bei den Amerikanern beschäftigter Bruder (er ist inzwischen verstorben) hat ihm wichtige Einzelteile aus US-Beständen besorgt.
1953 wurde Karin geboren. Die Wohnung wurde eng, aber auch sein 3. Motorrad mit einem Beiwagen reichte nicht für drei. Sein erstes Auto war ein Goggo 600. Die Familie gönnte sich Camping-Urlaube an nahen Seen, später auch und dann öfter, in Italien.
Bei einem Dienst-Aufenthalt in Köln, er leitete dort den Aufbau einer großen Sprachver-schlüsselungs-Anlage, geriet er in erotische Abenteuer. Nach einer kurzen Bekanntschaft mit einer sehr jungen Marlene lernte er bei einer Tanzgelegenheit Lotte S. kennen.
Werner und Lotte wollten beisammen bleiben. 1962 kam es zur Trennung von Lieselotte und zur Heirat mit der neun Jahre jüngeren Fernmeldeassistentin Lotte. Werner war damals siebenunddreißig, Lotte achtundzwanzig. Die Tochter Karin blieb bei der Mutter – und wurde viel später noch einmal staunenswert wichtig für ihn: als Mutter seiner Enkel und eines Urenkels.
Der Sohn Rolf kam 1963 mit einigen Gesundheitsproblemen auf die Welt, drei Jahre später folgte Klaus, der die Begeisterung für alles Elektrische ganz offensichtlich geerbt hat und beruflich voll in die Fußstapfen des Vaters tritt.
Werner kehrte, als er von neuen Transistor-Installationen und einem Entwicklungs-labor erfuhr, zu seiner alten Fa. T&N zurück. Hier arbeitete er an kompakten Telefonanlagen und an abhörsicheren Richtfunkverbindungen; das war ein großer Regierungsauftrag.
Er hörte wieder von interessanten elektrotechnischen Vorhaben, die ihn reizten, zu einem anderen großen Unternehmen zu wechseln, der „VDO Luftfahrt-Geräte“, die dank mehrerer Bundes-Aufträge, auch im militärischen Bereich, finanziell gesicherte neue Konstruktionen machen konnte.
Werner reiste dienstlich zu mehreren, auch ausländischen Standorten. Er musste dabei auch ungeliebte Flugreisen in Kauf nehmen. Ein Projekt war sein Schwerpunkt: Sicherheits-instrumente für einen Hubschrauber, ein anderes die Flugdaten-Aufzeichnung in einem Flieger. Bei dieser Firma blieb er wie bei T&N jeweils sechs Jahre. In dieser Zeit erhielt er ein ihm sehr wichtiges und vieles gut machendes Dokument: die staatliche Anerkennung als Ingenieur.
Und dann zog es ihn 1972 nach Lindau. Obwohl er als bereits erfahrener Gruppenleiter eine Einstellungszusage für sich und sein Team in der Tasche hatte, folgte er zusammen mit seinem Freund und Kollegen Becker einer Einladung ins Max-Planck-Institut in Lindau. Beide waren sehr angetan von den dortigen Arbeitsbedingungen und von den Ausstattungen des Instituts. Beide zogen, anfangs unter schwierigen persönlichen Umständen, nach Lindau und Göttingen. Schon bald konnte Werner ein Haus planen und ausbauen; er fand sich angenommen in der Kollegenschaft, passte sich an die örtlichen Gewohnheiten an, auch an die vielen Feste, die hier gefeiert wurden und an die vielen Familienpartys, die auch seiner Frau gefielen.
Achtzehn Jahre hat er in Lindau und für Lindau gearbeitet und ist in dieser Landschaft heimisch geworden. Die Arbeit hat ihn vor große und sehr vielseitige Aufgaben gestellt, er musste zuerst einen großen Sender bauen – dem Chef hatte schon bei seiner Vorstellung imponiert, dass er ein Amateurfunker war, – später hat er an der Haley Multicolor Kamera mitgearbeitet, die dann erste Bilder eines Kometen aus einem Satelliten aufnahm, an einem Mehr-Spuren-Forschungs-Tonband und an einem über mehrere Jahre laufendem Sounding-Projekt.
Werner H. hat seinen Kindern den Versuch einer Biografie als ausdruckbares Tondokument hinter-lassen. Daraus habe ich viele Angaben entnehmen können. Nach vielen Berichten über seine beruflichen Anfänge schreibt er über die Anfangszeit in Lindau auch dies: „Wir hatten ein Abo im Theater in Duderstadt – Lotte wollte es gerne und ich tat es ihr zuliebe, obwohl ich dafür nicht sehr viel übrighatte.“ Und nur zwei Sätze später steht da: „Ich bin ganz sicher, dass unsere Ehe schon einige Jahre früher in die Brüche gegangen wäre, hätten wir nicht diese Veränderung vorgenommen. So hatte es doch wenigstens so lange gehalten, dass die Kinder nicht mehr zu klein waren.“
Er überbrückte hierbei vierzehn Jahre; die Scheidung war 1986 und die Wahrheit war: Lotte trennte sich von ihm. Sie zog mit Rolf nach Göttingen. Werner ging vier Jahre später in Rente, schon länger nicht mehr als gesunder Mann. Er hatte bereits in seinen besten Jahren Kreislauf-probleme. Drei Herzinfarkte lassen vorangegangenen Stress vermuten, vielleicht nicht nur beruflichen.
Werner H. war ein idealer Einzelkämpfer, ein ideenreicher, improvisationsstarker Konstrukteur mit Durchblick, Einfühlungskraft und Übersicht – und das auf erstaunlich vielen Gebieten. Für ihn gab es nichts Unbrauchbares und Unlösbares. Leider galt das bei ihm nur für technische Zusammenhänge. In zwischenmenschlichen Bereichen bemerkte er und litt darunter, dass manche Vorgesetzte rücksichtslos und verletzend mit ihm umgegangen waren. Er selbst bewies unbeabsichtigt, dass er ein typischer „Skorpion“ war, der trotz seiner mehrfach bewiesenen „sozialen Ader“, seiner Bereitschaft zu solidarischem Handeln und seinem starken Gerechtig-keitsgefühl oft wenig Geduld und Einsicht hatte, auf seine Mitmenschen einzugehen, sie mit ihren eigenen Vorstellungen und auch mit ihren Schwächen zu akzeptieren.
Klaus blieb da lange eine Ausnahme. Er hat überwiegend gute Erinnerungen an den Vater und seine vielen Anregungen und an die Freiheiten, die ihm gelassen wurden – an eine durchweg gute Kindheit.
Viele andere taten sich im längeren Umgang mit ihm schwer, denn Werner H. war eben kein König und kein Feldmarschall und keine herausgehobene Koryphäe, der man es immer wieder nachgesehen hätte, dass er allein wusste, was für andere richtig ist und wie sie ihr Leben und ihr Tun gestalten sollten. Heute kann man, guten Willen vorausgesetzt, lernen, wie man ein guter und auf andere bezogener Team-Arbeiter wird; er hatte auf diesem Gebiet keine Anleitung – er hätte sie auch schwer zugelassen.
Mehrere seiner menschlichen Beziehungen sind problematisch geworden, haben abgeschreckt und ihn in die Einsamkeit und Verbitterung getrieben. Auch im Rückblick auf diese zwischen-menschlichen Schwierigkeiten und Versäumnisse könnten wir für unser Leben etwas lernen. Aus Werner Heerleins Lebensende, seinem Tod sowieso.
Das Rentnerleben ließ ihm Zeit für Fotografieren und Filmen, für eine eigene verspielte Homepage und viele fantasievolle Basteleien, etwa ein aufgehängtes drehbares Rad mit Vogelfutterbechern. Übrigens ist er, anfangs zwangsläufig, ein ganz guter Koch geworden. Seine Söhne konnten für seine Speisenfolge Zensuren rufen.
In seinem Hausgarten auf dem Kapellenberg in Katlenburg, hier in der Nachbarschaft des Friedhofs, zog er Blumen und andere Pflanzen und lebte dort mit fünf Katzen. Eine weitere Partnerin hat er sich offensichtlich nicht gewünscht. Er kam gut allein zurecht. Seine Kinder Karin und Rolf sind übrigens beide gerade krank und können jetzt nur in Gedanken bei uns sein.
Werners Ende war wie von einem Drehbuchautor erfunden: Ihn hatte die Neugier getrieben, sich ein Hochwassergebiet anzusehen; er fuhr mit seinem E-Bike viel zu nahe ans Wasser heran, musste absteigen, stolperte, schwankte und geriet in Panik. Auf seinen Handy-Ruf holte ihn die Feuerwehr heraus, aber er hatte sich wohl zu sehr aufgeregt und sackte noch im Rettungswagen zusammen: Herzstillstand.
Ein Geschichtsende wie von einem Autor erfunden, dachte ich, bis ich das Gedicht des hochgeehrten Dichters Heinz Piontek fand, der auch am selben 15. November 1925 Geburtstag hatte, aber 10 Jahre früher als er sterben musste. Das Gedicht heißt „Die Furt“. Ich finde es auffällig, wie er ungewollt auch Werners Ende beschreibt:

Die Furt.

Heinz Piontek (15.11.1925-26.10.2003)

Schlinggewächs legt sich um Wade und Knie,
Dort ist die seichteste Stelle.
Wolken im Wasser, wie nahe sind sie!
Zögernder lispelt die Welle.
Waten und spähen – die Strömung bespült
Höher hinauf mir den Schenkel.
Nie hab ich so meinen Herzschlag gefühlt.
Sirrendes Mückengeplänkel.
Kaulquappenrudel zerstieben erschreckt,
Grundgeröll unter den Zehen.
Wie hier die Luft nach Verwesendem schmeckt!
Flutlichter kommen und gehen.
Endlose Furt, durch die Fährnis gelegt –
Werd ich das Ufer gewinnen?
Strauchelnd und zaudernd, vom Springfisch erregt,
Such ich der Angst zu entrinnen.

Werner H. ist siebenundachtzig Jahre alt geworden; er hatte damit gerechnet, noch älter zu werden, aber er hat nach immerhin drei Herzinfarkten doch einiges vorbereitet und sogar ausdrücklich gewünscht, in einem Sarg bestattet zu werden. Mit der Institution Kirche hatte er
sich überworfen, aber wie er tief innerlich dachte und fühlte, wissen wir nicht, wohl aber, dass er eine höhere, ordnende und Leben spendende Macht für vorstellbar hielt.
Wir dürfen ihn mit seinen vielen guten Eigenschaften und Taten in dankbarer Erinnerung halten. Mit das wichtigste ist, dass er das Leben weitergegeben hat an seine Kinder und über sie an die Enkelkinder Kim und Julian, und an seinen in diesem Frühjahr geborenen Urenkel Nils, den er wenigstens noch auf Fotos gesehen und dessen Geburtsgewicht und Körpergröße er stolz auf seiner Webseite mit der Frage verkündet hat: „Wie man das schafft, Urgroßvater zu werden? Früh anfangen.“ (Dabei war er achtundzwanzig, als er Vater wurde.)
Ähnlich wichtig: Es hat doch noch eine sachte Wiederannäherung an Karin, an Rolf und Klaus und Susanne gegeben, über die alle erleichtert waren.
Wir müssen uns um ihn keine Sorgen mehr machen. Von ihm ist alles Schwere und Schwierige abgefallen, er ist von allen Sorgen befreit und wird sich darüber freuen, dass sein langjähriger Freund Schiller gleich für ihn ein paar Lieder auf der Drehorgel spielt. Klaus und Susanne hoffen, dass alle Trauergäste gleich im Gasthaus „Zur Krone“ noch zusammen bleiben.
Wir wissen von Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen, die ihre Lebensgrenze schon über-schritten hatten, aber irgendwie wieder ins Hier und Heute zurückgeholt wurden, dass sie auf ein starkes Licht zugegangen sind und sich losgelöst und willkommen geheißen fühlten – in einem tiefen Frieden. Den dürfen wir dem Ingenieur Werner H. auch gönnen. Ganz undenkbar finde ich es nicht, dass in der ganz anderen Welt auch einer gebraucht und geschätzt wird, der scheinbar Kaputtes wieder heil machen kann. Und dass dort Kräfte sind, die auch ihn heil machen.
Antoine de Saint-Exupéry hat uns in seinem „Kleinen Prinzen“ viel Lebenswichtiges hinterlassen, etwa diese Sätze: „Hast Du Angst vor dem Tod?“ fragte der kleine Prinz die Rose.
„Aber nein! Ich habe doch gelebt, ich habe geblüht und meine Kräfte eingesetzt, so viel ich konnte.“
Wir haben zu Beginn ein Musikstück gehört, das sich Werner H. auf den PC geladen hatte, eine der „Arabesken“ von Claude Debussy, vielleicht war das für ihn eine Einschlafhilfe. Bevor wir den Sarg zum Grab geleiten, hören wir noch Mary Anderson mit dem Rain Song. Und draußen spielt dann Herr Schiller seinem Freund zuliebe einiges auf seiner Drehorgel.

Abschied von Frau Gerda B.

(Die Tochter der Verstorbenen hatte mich ungewöhnlicherweise um eine kurze Abschiedsrede gebeten – wie um abzukürzen, dass ich immer vieles für ein Lebensbild erfrage?)

Wir wollen heute Abschied nehmen, es ist ja nur der äußere Abschied, von einer Frau, die in dieser Umgebung zuhause war, seit sie hier vor neunundachtzig Jahren als Gerda Klinge geboren wurde.

Hier hat die attraktive und selbstbewusste Landfrau fast ihr ganzes Leben lang gelebt und gearbeitet, die meiste Lebenszeit an der Seite von Hermann B., der auf einem Nachbarhof aufgewachsen war.
Die beiden haben es fast fünfundsechzig Jahre miteinander und einander tragend ausgehalten, die Zeitentwicklungen durchgestanden und zukunftsgerichtet zwei Töchtern und einem Sohn das Leben geschenkt und somit das Leben an sie weitergegeben.

Hermann B., der sechs Jahre älter war als sie, ist nach Kriegsverwundungen und mehreren späteren Krankheiten vor vier Jahren gestorben; er ist einundneunzig Jahre alt geworden. Gerda B. hat ihren Mann mit enormem Einsatz liebevoll gepflegt.
Nach seinem Tod hatte sie keine Freude mehr am Leben und fühlte sich einsam und schmerzlich zurückgelassen. Auch die meisten ihrer Nachbarn, Freundinnen und Bekannten hat die 89-Jährige überlebt.
Mit ihrem starken Herzen wäre sie noch älter geworden, wenn der Mai nicht ihr Schicksalsmonat geworden wäre: im vorigen Mai stürzte sie unglücklich und sehr folgenreich eine Treppe herunter. Sie musste sich noch ein Jahr lang durch ein immer schwerer werdendes Leben quälen, ehe sie an diesem 7. Mai nicht mehr zu fragen brauchte: „Warum holt mich der liebe Gott noch nicht zu sich?“
Diese Frage hat ihre Kinder überrascht, weil diese Worte gar nicht zum Wortschatz ihrer Mutter zu gehören schienen.

Was hat das Leben aus ihr gemacht, wie hat sie das Leben bewältigt? Sie hat es sich und oft auch ihren Mitmenschen nie leicht gemacht. Können wir sicher sein, dass wir sie immer richtig verstanden haben?
Wir haben der Frau, die für ihre Familie Lebensgefährtin, Mutter, Großmutter und Urgroßmutter war, zu danken für die langen gemeinsamen Jahre, für viel Gutes und Kostbares, das sie ihren Lieben geschenkt hat – und für manches, das sie erst jetzt und vielleicht anders sehen und verstehen lernen.
Gerda B. hinterlässt uns unausgesprochen die Frage, was wir aus unserem Leben, aus unseren Fähigkeiten und Möglichkeiten gemacht haben und machen.
Sie ist jetzt eine ganz andere, frei und unbelastet. Der Tod trennt uns nicht wirklich von uns wichtigen Menschen. Wir können mit der uns nur Vorausgegangenen in Verbindung bleiben und vielleicht einen neuen Zugang zu ihr finden. Es ist nicht zu spät, ihr zuzuhören und mit ihr zu reden – es gibt nichts Trennendes mehr.
Wir müssen dem Schöpfer unseres Lebens dankbar dafür sein, dass Gerda Büschen eine noch längere und sicher qualvolle Leidenszeit erspart blieb.
Lassen Sie uns jetzt ihre Urne zu dem Grab bringen, in dem ihr Hermann seit vier Jahren auf sie wartet.
Am Grab: Bei diesem Abschiednehmen dürfen wir uns an ein herausragendes Ereignis im Leben von Gerda B. erinnern. Es liegt ein Vierteljahrhundert zurück, aber es wird ihr Leben lang in ihren Gedanken geblieben sein.

Sie hat damals schon einmal den Tod geschmeckt. Eine ganz normale Rheuma-Spritze hatte unglücklich zu einem plötzlichen Herzstillstand geführt. Ihr Arzt hatte besonnen und richtig reagiert und sie mit einer Belebungsspritze ins Herz wieder ins Leben zurückgeholt.
Diese erlebten Sekunden über die Lebensgrenze hinaus hat sie ihrer Tochter als wunderschön beschrieben; sie habe sich ganz leicht gefühlt, ein helles Licht habe sie gerufen und sie sei sehnsüchtig darauf zugestrebt.
Sehr ähnlich haben es viele Menschen geschildert, die für Augenblicke die Grenze ihres Lebens überschritten hatten und zurückgeholt wurden.
Gerda B. wusste, dass der Tod für sie der Übergang in ein ganz anderes Dasein sein würde, in ein helles und losgelöstes, auf das sie sich freuen konnte. Ihre Erinnerung bleibt ein Geschenk und eine starke Botschaft an uns.
Sollten wir uns nicht statt zu trauern darüber mitfreuen, dass sie uns in das helle Jenseits so gern vorausgegangen und heimgekehrt ist zum Ursprung des Lebens und des Lebenskreislaufs?

Wir können über diesem Urnengrab von Hermann und Gerda B. in Dankbarkeit das viele Anliegen einschließende „Vaterunser“ sprechen…

Abschied von Michael U.

Liebe Trauergemeinde, ich begrüße Sie im Namen von Michael U., der sich hier von Ihnen verabschieden muss. Er hätte Sie sehr gern zu seinem fünfzigsten Geburtstag als Gäste gehabt. Das wäre in drei Jahren gewesen und es wäre ein schönes Fest geworden, aber so viel Zeit ist ihm nicht geblieben.

Ich will einige Dichterworte in meine Abschiedsrede einfließen lassen, so die von Theodor Fontane, der unser Fragen nach dem Warum in diesen Tagen zu verstehen scheint: Die Frage bleibt – heißt sein Gedicht:

Halte dich still, halte dich stumm,
nur nicht forschen, warum? Warum?
Nur nicht bittre Fragen tauschen,
Antwort ist doch nur wie Meeresrauschen,
Wie`s dich auch aufzuhorchen treibt,
das Dunkel, das Rätsel, die Frage bleibt.
Wir wissen, wie man zum Mond und zum Mars kommt; wir wissen, wie man das Leben eines Herzkranken sehr verlängern kann, oft auch das von Krebskranken; wir wissen, wie man in vielen Situationen überleben kann – aber vom Leben wissen wir viel zu wenig.

Zu wenig oder so gut wie nichts? Mich hat der Tübinger Philosoph Ernst Bloch – ich habe ihn noch erlebt – sehr nachhaltig beeindruckt mit dem Anfang seines Buches „Das Prinzip Hoffnung“, das er in wunderbarem Deutsch geschrieben hat, das jeder verstehen kann und doch sehr in die Tiefe führt:
Ganz am Anfang beginnt Ernst Bloch mit fünf Fragen. Es sind die Fragen, auf die wir alle Antworten suchen, unser Leben lang und erst recht, wenn wir ein plötzliches Lebensende erleben mussten. „Wer sind wir? Wo kommen wir her? Wohin gehen wir? Was erwarten wir? Was erwartet uns?“
Wusste Michael U. eine Antwort? Hat er solche Fragen gestellt? Auch das wissen wir nicht. Denn darüber spricht man ja nicht. Wir wissen nur, dass Michael U. die Fragen und die Unsicherheiten des Lebens nicht mehr bewältigen konnte. Er hat Strategien gegen das auf ihn Einstürmende entwickelt, Hilfswege, die ihm eine Zeitlang geholfen und die ihn dann beherrscht haben. So gründlich, dass sie sein Leben zerstört haben.
Die mit ihm lebten und die ihn kannten, ahnten es früher als er: es wurde ihm alles zu viel, wuchs ihm über den Kopf und trieb auf ein ungutes Ende zu. Er hat versucht, sich eine Schutzdecke über den Kopf zu ziehen, das half aber nicht.
Er war im Dorf beliebt, viele mochten seine herzliche Art. Einige haben traurig mitangesehen, dass es auch körperlich mit ihm bergab ging. Ein 47-Jähriger steht doch noch in der Mitte des Lebens; er nicht, er wirkte zuletzt früh gealtert.
Hat er mit dem Teufel gekämpft?, fragen wir uns heute. Dem Namen nach ja. Denn der Erzengel Michael hat mit dem Teufel gekämpft, aber auch er hat ihn nicht besiegt. Der Name Michael ist merkwürdigerweise eine Frage: „Wer ist wie Gott?“ Die Antwort hat Gott in der Schöpfungsgeschichte gegeben als er über seine Geschöpfe, die Menschen, sagte: „Jetzt sind sie wie wir.“ Er meinte wahrscheinlich: äußerlich.
Michael ist ein beliebter Name seit alters her. Unsere Nachrichtensendungen sind voll von ungewöhnlich bekannten Michaels 2004: Der Autorennfahrer, der Popsänger, der erfolgreiche Filmgegner des amerikanischen Präsidenten – unser Michael ist nicht hoch aufgestiegen.
Warum aber nicht? Er hatte das Zeug dazu. Er war intelligent, hatte es leicht beim Lernen, hatte sehr gute Zeugnisse, das Studium der Betriebswirtschaft war keine Mühe für ihn – aber das Schicksal hat ihm ein Bein gestellt. Er wollte nicht mehr aus sich und aus seinen Möglichkeiten machen; der Getränkehandel vom Vater her war ihm genug und als das nicht mehr gut lief, folgte er dem Rat, das Unternehmen Hausverwaltung zu gründen. Das tat er gern.
Er tat alles gern und viele mochten diesen sympathischen Mann, der mit allen gut auskam. Hätte er mehr aus sich machen sollen? Wer von uns kann aber sagen, dass er seinem Lebensentwurf gerecht wird! Er war ein Schaffer, ein Umtriebiger – bis es ihn umtrieb. Er ging voll in seiner Arbeit auf, sein selbst gebautes Haus, seine Grundstücke waren sein alles. Er kannte seine Marlies seit über einem Vierteljahrhundert; mein Freund, der Pastor R., hat die beiden hier getraut. Marlies war ihrem Michael eine liebe und tüchtige Frau, durch dick und dünn, die auch dafür sorgte, dass wirtschaftlich immer etwas Verlässliches da war.
Am Anfang ihres gemeinsamen Lebens war es ungewöhnlicherweise so, dass er die Kinder umsorgte, als Hausmann, während Marlies in der Klinik die feste Stelle beibehielt. Das war für ihn eine gute Zeit – und für die Kinder auch.
Es gibt jetzt zwei gesunde und lebensfrohe Kinder: Marina und Marius, und der ihm eng verbundene Bruder Bernd – und seine Frau und sie alle stehen heute nach einer langen Leidenszeit, die sie mit ihm und seinetwegen durchlitten haben, mit ihren Fragen da, stehen vor einem scharfen Einschnitt in ihrem Leben, und vor der Aufgabe, ohne Michael U. weiterzuleben.
Er hat den Seinen nichts Schriftliches hinterlassen, keinen Brief, keine Botschaft – er wusste ja auch nicht, wann seine Uhr abgelaufen war. Oder doch? Er hat seine innere Krankheit immer heruntergespielt, es wird schon werden, war seine Parole, aber da zehrte etwas in ihm und an ihm und er musste darauf reagieren. Auf falsche Art? Sind wir klüger? Er hat etwas in sich hineingefressen – erst nach seinem Tod entdeckte seine Frau, dass er auf eine Organspende wartete. Und vielleicht wartete er auf mehr, auf einen umfassenderen Austausch als nur eines wichtigen Teils von ihm? Er wollte die Seinen damit nicht belasten.
Er hat seine Familie geliebt, er hat H. geliebt, Das war hier seine Welt, die er gegen keine andere eintauschen mochte. Er las viel und er wusste viel. Aber hat über manche Dinge nicht gesprochen. Oder hat er uns doch eine Botschaft hinterlassen, eine, die wir erst entdecken müssen? Jeder Tod ist ja eine Botschaft an uns, von der wir lernen sollen.
Vielleicht trifft die Dichterin Marie Luise Kaschnitz, bei der ich mal in Frankfurt zu Besuch war, ungefähr den richtigen Ton in einem auf sich selbst bezogenem Gedicht – anstelle des von uns Gegangenen:

Nicht gesagt
was von der Sonne zu sagen gewesen wäre
und vom Blitz nicht das einzig Richtige
geschweige denn von der Liebe.
Versuche. Gesuche. Misslungen
Ungenaue Beschreibung
Weggelassen das Morgenrot
Nicht gesprochen vom Sämann
Und nur am Rande vermerkt
den Hahnenfuß und das Veilchen.
Euch nicht den Rücken gestärkt
mit ewiger Seligkeit
Den Fall nicht geleugnet
und nicht die Verzweiflung
Den Teufel nicht an die Wand
Weil ich nicht an ihn glaube
Gott nicht gelobt
Aber wer bin ich, dass …

Singen wir Michal U. zuliebe das Lied „Stern, auf den ich schaue“ (Nr. 407).Er hätte es sehr wahrscheinlich mitgesungen, wenn er hier bei der Trauerfeier eines guten Bekannten gewesen wäre. Ich habe hier vor knapp zwei Wochen für einen anderen 47-Jährigen eine Trauerfeier gehalten. Sein Elternhaus ist das Nachbarhaus dieser Trauerfamilie – beide siebenundvierzig, sie müssen sich gekannt haben, obwohl der eine oft fort war; für beide ein plötzlicher Tod, ein merkwürdiger Zufall.
Dieser Erzengel-Nachfolger hat wie erstaunlich viele in diesem Dorf keinem anderen einen Platz in der Kirchenbank wegnehmen wollen. Hätten wir Kirchenleute ihn trösten können? Hätten wir warten sollen, bis er zu uns kommt oder wäre uns möglich gewesen, zu ihm zu kommen? Hätte er Zeit für uns gehabt – hätten wir Zeit für ihn gehabt? Wie ich hörte, hatte Pastor R. einen guten Kontakt zu ihm, das ist ja kein Wunder, denn für beide war dieses Dorf die Welt, in der sie leben wollten, fast jeden kannten und sich wohl fühlten.
Jetzt ist es für vieles zu spät und es ist für Michael U. auch zu spät, diese starke und stärkende Stelle aus dem alttestamentlichen Buch „Prediger“ (Kap. 3) vorzulesen, aber ich spreche sie deshalb für uns und besonders für seine Frau und seine Kinder und für seinen Bruder und für die Schwägerin und für uns alle vor seiner Urne:
Alles, was auf der Erde geschieht, hat seine
von Gott bestimmte Zeit:
Geboren werden und sterben,
einpflanzen und ausreißen,
töten und Leben retten,
niederreißen und aufbauen,
weinen und lachen,
wehklagen und tanzen.
Steine werfen und Steine aufsammeln,
sich umarmen
und sich aus der Umarmung lösen,
finden und verlieren,
aufbewahren und wegwerfen,
zerreißen und zusammennähen,
schweigen und reden.
Das Lieben hat seine Zeit
Und auch das Hassen,
der Krieg und der Frieden.
Kein Leben ist umsonst – wenn es die Herren dieser Welt auch oft so sehen. Für sie ist ein Menschenleben viel zu oft nur eine Zahl – das sehen Staatsführer und Wirtschaftsführer, solange man sie gewähren lässt, immer ganz anders. Gott denkt und fühlt anders.
Kein Leben war umsonst, auch wenn es uns manchmal so scheint. Michael U. hat zum Beispiel dafür gelebt, dass zwei Kindern das Leben geschenkt wurde. Sie hatten ihren Vater länger, als er das erlebt hatte: Seine Eltern sind auch viel zu früh gestorben und haben ihn und Bernd allein zurücklassen müssen. Welchen Riss der Verlust von Mutter und Vater für die Kinder bedeutet, das kann man nicht sehen, nur ahnen. Ob man das je verkraftet, das Alleingelassen-Werden?
Kein Leben ist wertlos gewesen. Und ob ein Sterben wertlos war, wird sich an uns zeigen. Vielleicht werden Sie das geheimnisvolle Wunder erleben, dass der Mann und der Vater, jetzt, wo er weg von Ihnen ist, wieder viel näherkommt. Und dann ohne Ballast, ohne die vielen Probleme, die ihm das Leben schwer gemacht und immer mehr verdorben haben.
Vielleicht kommt ein neuer Michael U, auf Sie zu, redet mit Ihnen und hört Ihnen zu und ist einfach in der Nähe und eben gar nicht für immer fort. Nicht, wenn Sie das wollen und zulassen.
Er hat nicht wie der Erzengel für Gott gestritten und er war keiner, der als fromm galt. Was heißt das schon! Ich kann mir leicht vorstellen, dass der Teufel sich mehr für viele Fromme und Frommtuende interessiert als das von Gott angenommen wird. Aber was wissen wir schon von Gott und von Jesus?
Wir berufen uns auf Gottes Sohn Jesus Christus, nach dem wir uns Christen nennen. Ob er gutheißen kann, was wir aus dem Christentum gemacht haben und machen, ist mehr als zweifelhaft. Aber für mich ist unzweifelhaft, dass er von seinem Vater weitergesagt hat: Unser Gott ist ein Gott der Liebe und der Barmherzigkeit und des Vergebens – und die schwierigen Kinder hat er wie die meisten Eltern am liebsten, keiner weiß, warum. Jesus macht sich für uns stark, und das haben wir alle nötig.
Ob wir das so sehen oder uns dagegen sperren, für mich steht fest, dass wir aus Gottes Schöpferhand kommen, dass er uns mit unendlicher Liebe und Fürsorge geschaffen hat – und dass wir irgendwann wieder zu ihm kommen dürfen, aber auch müssen. Und vielleicht ist es aus höherer Sicht gar nicht so wichtig, wie lange unser Leben dauert.
Wir fallen immer nur in seine Hände. Mir ist jedenfalls sehr wohl dabei. Und ich bin zuversicht-lich, dass Michael U. auch in Gottes Hände fallen wird – und nicht ins Bodenlose, wie er vielleicht selbst befürchtet hat.
Früher hat man unser Leben gern mit einer Wanderschaft verglichen, man ging ja auch viel mehr zu Fuß und erlebte die Natur viel intensiver. Johann Wolfgang Goethe schrieb ein Gedicht, das er „Wandrers Nachtlied“ nannte:

Der du von dem Himmel bist,
alles Leid und Schmerzen stillest,
den, der doppelt elend ist,
doppelt mit Erquickung füllest,
ach, ich bin des Treibens müde!
Was soll all der Schmerz und Lust?
Süßer Friede,
komm, ach komm in meine Brust!

Lassen Sie uns zum Schluss dieser Trauerfeier, vor Gebet und Segen und bevor wir die Urne hinaus auf den Friedhof begleiten, gemeinsam das Lied 347 singen oder wenigstens mitlesen – es ist ein altes, zuversichtliches Trostlied: 347 – „Ach bleib mit deiner Gnade“

Abschied von Helga R.

Ich begrüße Sie zu dieser Abschiedsfeier für Frau Helga R., die, wie Sie hier sehen, sehr viele Freunde hatte. Sie hat gern gelebt, und sie ist gefasst gestorben. Sie hat nicht lange leiden müssen und wir haben viele Gründe, dafür dankbar zu sein – vor allem aber, dass wir sie so lange bei uns haben durften.
So lange? Sie war sechsundsechzig und viele von uns durften dieses Alter schon erleben. Udo Jürgens hat es ja so schmissig und stimmig besungen: „Mit 66 fängt das Leben erst an!“ Ja, aber nicht für alle. Für diese Frau hier war das Leben früher erfüllt; sie hat es ausgekostet und genossen und sie hätte natürlich noch gerne 20, 30 Jahre drangehängt, aber sie hat es gespürt, dass für sie eine andere Zeitrechnung gilt. Ihr blieb die Luft weg, buchstäblich. Ihre Lunge hatte schon viel zu viel ausgehalten.
Manchen von uns würde es nicht wundern, wenn dieses Allround-Talent noch anderswo dringend gebraucht werden würde. Ohne Arbeit war ihr Leben nicht vorstellbar! Sie hat gut für drei oder vier gearbeitet – ihr Tag war länger als für viele andere.
Sie ist hier in Göttingen als Helga Weidele auf die Welt gekommen, am 29. April 1940, im 2. Kriegsjahr, als ihr Vater und die Männer ringsum in der Nachbarschaft eingezogen wurden. Der Vater kam aus dem Krieg nicht mehr zurück. Helga, ihre drei Schwestern und die beiden Brüder wuchsen im Krieg und in der Nachkriegszeit auf – viele können sich heute nicht mehr vorstellen, was das an Entbehrungen bedeutete, an was es alles fehlte und wie man improvisieren musste – erst recht in einer kinderreichen Familie.
Das prägte sicher alle Kinder der Familie Weidele. Helga war die Zweitjüngste und sie hat nach dem Krieg, als englische Soldaten hier die Stadt besetzten, staunend mit angesehen, dass ihre Schwestern einige junge Engländer sympathisch fanden und es in den damaligen armen Lebensumständen genossen, von ihnen umschwärmt und ein bisschen verwöhnt zu werden.
Die drei Schwestern sind heute in England verheiratet, sie haben auch Helga auf die Insel gelockt und fast wäre Helga auch eine Untertanin der Queen geworden, aber sie kam nach einem Jahr nach Göttingen zurück – zum Glück für einige, etwas später auch für Dieter, mit dem sie dann fünfunddreißig Jahre glücklich zusammenleben konnte. Ihr selbst waren Kinder versagt, aber Dieter hatte den kleinen Lutz mitgebracht und Helga und der Junge waren sofort ein Herz und einer Seele und sind es bis zuletzt in einer innigen Verbindung geblieben.
Familiensinn war Helga angeboren. Es war schon eine besondere Lebenskunst, zwischen ihren unwahrscheinlich vielen Beschäftigungen noch regelmäßig und zuverlässig Zeit für die Enkelkinder zu finden und natürlich auch für Dieter. Das Wort „Leerlauf“ gab es für sie nicht, sie hat sich ihre Zeit unnachahmbar eingeteilt.
Wo hat sie nicht alles gearbeitet: bei Schneeweiß, bei Bosch, Bono, Zeiss (dort hat Dieter sie entdeckt und für sich gewonnen), bei Isco, Herkules, Hertie, Axel Schein, Hotel Ropeter, Refak – und zwischendurch fand sie jahrelang immer noch Zeit für die Zweigstellen der Sparkasse, wo sie wie überall sehr beliebt war und „eine Perle“ genannt wurde.
Für keine Arbeit war sie sich zu schade, sie erwies sich allen Aufgaben gewachsen: Raumpflege, Zimmer-Service, Verkauf, Schichtdienst, Montage, Hauswirtschaft, Kantine – Helga R. konnte alles und alles in herausragender Qualität und Zuverlässigkeit.
Für andere wäre das leicht zu viel gewesen, für Helga nicht: Zwischendurch hatte sie noch einige Putzstellen und abends und am Wochenende fand sie immer noch Zeit für das Klubhaus vom FC, das Pressezimmer vom SVG, für den SCW, dessen Klubkeller sie renoviert und bewirtschaftet hat. Und sie kannte bald alle Göttinger und sie hatte für jeden ein gutes Wort und war immer bereit, einzuspringen und zu helfen.
Sie war eine im Sternzeichen Stier Geborene – und es war nicht ratsam zu versuchen, sie von einer einmal gefassten Meinung abzubringen. Sie hatte ein enormes Durchsetzungsvermögen und eine unwahrscheinliche Selbstdisziplin. Ohne diese Fähigkeiten hätte sie nicht so tapfer durchgehalten, alle ihre gesundheitlichen Probleme heruntergespielt und nicht wichtig genommen – vielleicht zu wenig.
Sie hatte Anlagen zu einer Lebenskünstlerin; sie lachte gern, sie war gern in geselliger Umgebung, sie sang gern mit; früher hat sie z.B. bei Betriebs- und Vereinsfesten ohne weiteres in Modeschauen und Schönheitswettbewerben und bei allen Späßen mitgemacht. Und getanzt hat sie überall, besonders gern mit ihrem Dieter. Man konnte mit ihr Pferde stehlen.
Leider konnte sie niemand davon abbringen, so viel zu arbeiten. So ganz viel haben Helga und Dieter sich nicht gegönnt. Ein paar Mal Urlaub in Spanien, zuletzt zweimal auch in der Türkei – in diesem Jahr wollten sie wieder mal nach Spanien reisen. Wahrscheinlich haben sie vieles „für später“ aufgespart – und diese Zeitplanung können wir nicht immer durchhalten.
Große Pläne hatte Helga immer noch. Und sie hätte sicher auch noch viel erlebt und geschafft in dieser Welt – wenn ihre Lunge mitgemacht hätte. Zuletzt ging es stark bergab mit ihr. Sie wollte es natürlich nicht wahrhaben, wollte auch noch, als die Ärzte kaum noch Zuversicht hatten, unbedingt wieder gesund werden. Aber zuletzt half ihr eiserner Wille nicht mehr. Und ein bisschen hat sie es wohl auch eingesehen – wenigstens als die andere uns bleibende Möglichkeit. Sie hat mit ihrem Dieter offen über ihr Lebensende gesprochen und was mit ihren Überresten geschehen soll. Das war ihr dann nicht mehr wichtig.
Sie wird sich Sorgen machen, wie Dieter ohne sie auskommt, wie er sich ohne sie vernünftig ernährt und ob er ihr zuliebe sein Leben gut weiterlebt. Sie wird sich Gedanken machen, wie ihr Lutz und seine Frau und wie Laura und Jonas und der kleine Felix ohne ihre morgendliche Hilfe zurechtkommen.
Ich bin sicher, dass alle, die gern mit ihr zusammengearbeitet und zusammengelebt haben, sie nicht so bald vergessen werden. Und ihren Lieben kann ich als Trost weitersagen, was ich von vielen Menschen in ähnlicher Lage erfahren habe: Sie ist ja gar nicht unerreichbar weg; wenn Sie es wollen und wenn Sie es zulassen, wird sie weiter für Sie da sein, sie wird sogar viel mehr Zeit für Sie haben, Ihnen zuhören, Ihnen zulächeln, Ihnen Mut machen und so manche Hilfe geben können. Das ist ein bleibendes Geheimnis zwischen Menschen, die sich lieben: Es ist längst nicht zu Ende!
Um Helga R. muss sich keiner mehr Sorgen machen. Sie hat jetzt ihre Ruhe, ihren Frieden und kann jetzt mit Abstand und Gelassenheit auf uns herabsehen. Ich bin sicher, dass Sie Ihnen allen zuwinken möchte und einige würde sie sicher ganz fest umarmen.
Wir nehmen dankbaren Abschied von dieser starken Persönlichkeit. Die Erinnerung an sie müssen wir nicht auf einen Grabstein schreiben: Ihr ist es lieber, wenn wir die Erinnerung an sie im Herzen behalten. Wir dürfen hier vor ihrem Sarg sagen: Ade, Helga, und danke für alles!
Ihnen allen darf für Ihre hier bewiesene treue Teilnahme herzlich danken. Manche ihr liebe Menschen sind zu schwach gewesen, heute herzukommen. Die werden in Gedanken hier sein
und von Helga Abschied nehmen. Ich darf Ihnen noch sagen, dass die Familie sich freuen würde, wenn wenigstens die engeren Freunde und Nachbarn noch auf eine Tasse Kaffee in das Vereinsheim des FC Grone hier ganz in der Nähe im Siekweg 26 mitkommen würden.
Wir hören jetzt noch zum Abschied das Lied, das Elvis Presley am Ende seiner Dienstzeit in Heidelberg gesungen hat: „Muss i denn…“
*
Zum Schluss dieser Abschiedsstunde von Helga R. bitte ich Sie, zu Ehren der uns Vorausgegangenen aufzustehen. Ich bete das Vaterunser und lade ohne jeden Zwang ein, mitzusprechen:
(Während der spanische Gitarist Narciso Ypes sein Erinnerungslied „Recuerdos de la Alhambra“ spielt, wird der Sarg herausgetragen.)

Abschied von Rolf P.

im Friedwald auf der Plesse

Liebe Trauernde, ich darf Sie im Namen der Familie und der engsten Freunde begrüßen, sicher auch im Namen von Rolf P. selbst.
Vorige Woche wollte er sich mit alten Freunden treffen; der Termin des Jahrestreffens stand schon länger fest. Ursula P. musste absagen und mitteilen: Rolf kann nicht mehr dabei sein — und der Ort des Treffens muss ein anderer sein; wir treffen uns zum Abschiednehmen im Friedwald auf der Plesse.
Warum so urplötzlich? Warum schon mit fast einundsiebzig Jahren? Ob Rolf P. mit seinen vielen Begabungen anderswo dringender gebraucht wird als hier bei seinen Kindern und Enkeln und bei seiner Frau, mit der er seit achtundvierzig Jahren glücklich und — das war für ihn selbstverständlich — treu zusammen lebte?
Undenkbar ist das nicht bei einem vielseitig Begabtem, der vorgestern seinen 71. Geburtstag hatte — am selben Tag wie u.a. der römische Kaiser Tiberius, der Komponist Paul Hindemith und die Politiker Julius Leber und Lothar Späth.
Rolf hatte schwere Startbedingungen, als er am 16. November 1939 in Bochum zur Welt kam. Hitlerdeutschland hatte seit wenigen Wochen einen verhängnisvollen Krieg gegen die halbe Welt verursacht; die Wehrmacht hatte den ersten Blitzkrieg gewonnen und das Volk ließ sich trotz der Drohungen der Alliierten anstecken vom Siegestaumel der Machthaber. Aber die Familie lebte in Deutschlands Waffenschmiede Ruhrgebiet; auf das konzentrierten sich bald die Massenabwürfe der englischen Bomber. Die Menschen flüchteten in Luftschutzbunker, besonders die Kinder hatten Todesangst im alles vernichtenden Bombenhagel.
Die Wohnung der Familie P. wurde im Sommer 1942 durch Bomben zerstört. Das muss ein furchtbares Erlebnis für den kleinen Rolf gewesen sein. Der Vater, Max P., Postbeamter, wurde als Soldat eingezogen und die Mutter wurde mit Rolf und dem Brüderchen über eine Zwischenstation in das von Deutschen besetzte Metz in Lothringen evakuiert — in eine auch sprachlich fremde Umgebung, in der Reichsdeutsche, weil Deutsche jetzt Besatzer waren, nicht sehr willkommen waren.
Man musste sich anpassen und durchsetzen. Nur zwei Jahre später, Rolf war gerade fünf, hatten die herangerückten amerikanischen Truppen Metz besetzt und die deutsche Verwaltung aufgelöst. Metz war wieder französisch; alle Deutschen wurden ausgewiesen.
Die Heimatbehörden kamen auf Ausweichmöglichkeiten in Niedersachsen: Die P.s wurden in dem Dorf Elliehausen bei Göttingen sesshaft. Die 700 Einwohner waren meist Arbeiterbauern.
Rolfs Eltern integrierten sich vorbildlich im Dorf; Max P. wurde hier später Ortsbürgermeister. Die Kinder gingen hier zur Schule, Rolf spielte später Fußball bei Gelb-Weiß. Immer mehr Männer kamen aus dem Krieg zurück, sehr viele blieben aber aus; man suchte Arbeitskräfte.
Er verließ sich auf seine Kraft, auf seine Gesundheit; er glaubte an eine bessere Zukunft und wagte es, Ursula an sich zu binden und mit ihr eine Familie zu gründen. Die Liebe hielt fast fünfzig Jahre, sein Leben lang. Es waren gute und glückliche Jahre. In zwei Jahren hätten sie ihre Goldene Hochzeit gefeiert.
Ursula lebte in Grone. Dort gab es bald eine Wohnung; dort kamen ihre beiden Kinder Thomas und Martina auf die Welt und wurden dort heimisch; sie erinnern sich gern an diese Zeit und an den Ort.
Rolf und Ursula wurden als Schulhausmeister-Paar in der Göttinger Albani-Schule angestellt. Sie waren es 25 Jahre lang und blieben vielen Schülern und vielen Lehrern in guter Erinnerung. Rolf und Ursula waren im Wechsel der Lehrer ruhende Pole; alle erlebten ihren Hausmeister immer lustig, unverkrampft, vielseitig begabt, improvisationsfreudig, absolut verlässlich und nicht zuletzt: die beiden P.s waren immer da. Das war auch der Vor- und Nachteil der Dienstwohnung im Schulgebäude. Martina und Thomas mussten früh lernen, dass jeder lernen muss.
Die Kinder liebten Rolf P. und die Lehrer vertrauten ihm. Er wurde in den Personalrat des Schuldezernats gewählt und vertrat die Kolleginnen und Kollegen umsichtig, energisch und diskret; diese Aufgabe nahm er sehr wichtig und er war auch allgemein sehr beliebt.
Die Dienstwohnung lag angenehm zentral im Stadtzentrum, nur: ein richtiger Garten fehlte dort. Am Wochenende zog es die beiden in die Natur. Sie fanden einen halbfesten Standort auf dem Campingplatz in Löwenhagen. Sie waren dort 26 Jahre lang Stammgäste und sie fanden viele Freunde unter den anderen Campern.
Die Samstage und Sonntage verbrachten sie meist wandernd und Pilze suchend in den Wäldern, aber ihre Urlaubsreisen — natürlich mit den Kindern — gingen weiter in die Ferne, vor allem in den wärmebeständigeren Süden, nach Italien und einige Male in türkische Ferienorte.
Vor 10 Jahren ließ Rolf sich in die Frührente entlassen; eine neue Rektorin hatte ihm den Abschied ungewollt leicht gemacht.
Inzwischen gab es Enkelkinder, die Ursula und er im Kinderwagen spazieren fahren durften. Das war seine und Ursulas größte Altersfreude: zu sehen, wie sich die Kleinen gesund und fröhlich und sportbegeistert entwickelten. Florian ist jetzt fünfzehn, Elisabeth, seine Prinzessin, zehn und Philipp neun Jahre alt.
Für die drei war er der beste Opa der Welt; er hatte immer Zeit für sie, förderte ihre Interessen; viel Schwimmen war dabei, Fußball und Basketball; er holte die Kinder bei Bedarf von der Schule ab und fuhr sie zu vielen Sportereignissen. Rolf und Ursula sind Großeltern, wie sie viele Familien entbehren müssen; sie verwöhnten die Enkelkinder gern.
Vertretungen waren wichtige Ereignisse für Rolf geworden. In der Schule hatte er nicht nur mehrere Handwerker ersetzt, auch schon mal einen krank gewordenen Lehrer. Die Schüler hatten sicher mehr Spaß mit ihm als mit ihrem Mathelehrer.
Rolf P. war stolz auf seinen Sohn und seine Tochter. Natürlich hat er umsichtig für seine Tochter Martina eine Lehrstelle gefunden und sie motiviert, aus ihrer Arbeit etwas Gutes zu machen.
Wir müssen nicht raten, wer den Thomas motiviert hat, sich hochzuarbeiten, immer mehr dazu-zulernen und sich zu qualifizieren, am Ende einen Betrieb zu gründen und sich als Handwerks-meister zu behaupten. Mit so einem Vater im Rücken und in der Nachbarschaft war alles leichter.
Die Kundenkontakte sind ohne Rolf P. gar nicht denkbar. Er kam in viele Haushalte und Betriebe, er hatte immer Zeit für ein Gespräch, und Thomas musste ihn nie lange bitten, wenn eine festliche Einladung gekommen war: Vater Rolf vertrat ihn gern. Ihm machte es Freude, er erweiterte gern seinen Bekanntenkreis und Feste und Feiern waren immer nach seinem Herzen. Wenn dabei
noch getanzt wurde, staunten alle über den offensichtlich Junggebliebenen, der anders als die allermeisten Männer nie tanzmüde wurde.
Und wenn Thomas Urlaub machte und in die Ferne strebte, übernahm sein Vater die Urlaubsvertretung im Betrieb. Wer hat schon eine so ideale Möglichkeit!
Rolf P. fand rückblickend und dankbar, dass sich sein Leben gelohnt hatte. Er hat gerne gelebt und er wollte lange leben. Auch als er erfuhr, dass ihn der Krebs längst überfallen hatte, als er zurückstecken musste und zum Beispiel den Sport meistens nur noch am Fernseher miterleben konnte. Seinen Vater hatte Rolf mit zweiundsechzig Jahren an Krebs sterben sehen; er durfte neun Jahre länger leben.
Rolf hatte Diabetes und er musste erleben, dass Ärzte ihm nicht immer die für ihn richtigen Medikamente verordneten. Am schwerwiegendsten war, dass man sein Blut jahrelang regel-mäßig auf die klassischen Blutzuckerwerte hin untersucht hatte, aber nicht auf Krebs. Das tat endlich eine neue Hausärztin. Und da war es schon zu spät. Bei einem erst vor Monaten ent-decktem Leberkrebs ist es vermutbar, dass der sich schon länger im Körper ausgebreitet hatte.
Rolf hat sich nicht hängen lassen; er war bereit zu kämpfen und er hatte noch viel mit Ursula, mit Thomas und Martina und mit den geliebten Enkelkindern vorgehabt.
Unvergesslich blieb vor wenigen Wochen das gemeinsame Wochenende in Hamburg mit einem großen Besuchsprogramm, fröhlich und harmonisch; es hatte allen gut getan und weitere Wünsche geweckt. Und ausgerechnet am Tag danach erlitt er einen Schlaganfall. In der Klinik verschlechterte sich sein Zustand sichtlich.
Sein Leben war erfüllt, obwohl man heute mit einundsiebzig noch nicht sterben muss und sich die meisten auch von einem Schlaganfall mit professioneller Hilfe erholen können. Bei ihm war es ernster und endgültiger; er war wohl doch länger kränker, als er es wusste oder wahrhaben wollte.
Er musste den Abschied vom so gern gelebten Leben hinnehmen und seine Lieben mussten das verkraften. Der Tod stand wohl schon eine Weile wartend. Am 16. Oktober nahm er Rolf mit.
Er hat keine längere Leidenszeit erdulden müssen. Ein Trost ist das nicht und das macht es den Weiterlebenden nicht leichter. Aber etwas bleibt und das kann der Tod nicht nehmen: Rolf P. lebt
in den Herzen und in der Erinnerung aller weiter, die ihn liebten und mochten, denen er ein treuer Lebenspartner, ein liebender Vater und Opa und Freund war.
Diese Verbindung bleibt und sie kann sogar noch verstärkt werden. Wenn wir es wollen, können wir mit ihm in Verbindung bleiben; er wird das gut und normal finden und uns wird es guttun. Er wird nicht wollen, dass lange um ihn getrauert wird; ihm wird es wichtiger sein, dass alle, die er
Er bleibt jetzt im Wald, den er immer liebte. Seine Familie hat diesen Platz für ihn ausgesucht. Rolf würde dafür dankbar sein, denn hier ist wirklich gut ruhn und sehr einleuchtend, hier wieder zu Erde zu werden. Deine Lieben und deine Freunde danken dir, dass sie dich so lange erleben
*
Im Namen der Familie, die Ihnen für Ihr Kommen dankt, darf ich Sie einladen, gleich noch mit in das Ristorante Fellini in Göttingen zu kommen; Rolf war gerne da und er würde sich sicher freuen, wenn Sie sich dort mit Erinnerungen an ihn austauschen.
Von einem Lebensweisen aus dem Vorderen Orient sind uns Gedanken überliefert, die auch für Rolf P. und für uns geschrieben sein könnten (sie stehen im Buch „Prediger“ der Bibel, Kap. 3):

Alles, was auf der Erde geschieht,
hat seine von Gott bestimmte Zeit:
geboren werden und sterben,
einpflanzen und ausreißen,
töten und Leben retten,
niederreißen und aufbauen,
weinen und lachen,
wehklagen und tanzen,
Steine werfen und Steine aufsammeln,
sich umarmen und sich aus der Umarmung lösen,
finden und verlieren,
aufbewahren und wegwerfen,
zerreißen und zusammennähen,
schweigen und reden.
Das Lieben hat seine Zeit und auch das Hassen,
der Krieg und auch der Frieden.

Von den Wenigen, die unsere Lebensgrenze einmal fast erreicht hatten und wider Erwarten zurückkommen durften, erfuhren wir, dass sie eine starke Helle erlebt haben und das beglückende Gefühl, willkommen zu sein und sich geborgen zu wissen.

Alles hat seine Zeit. Rolf P., du bist jetzt geborgen und ohne Schmerzen in einem Land des Friedens

Abschied von Waldtraut St.

Ich grüße Sie mit einem Gedicht von Matthias Claudius, der unser aller Leben in diese Worte zusammenfasst:

Empfangen und genähret
Vom Weibe wunderbar,
Kömmt er und sieht und höret
Und nimmt des Trugs nicht wahr;
Gelüstet und begehret
Und bringt sein Tränlein dar;
Verachtet und verehret;
Hat Freude und Gefahr;
Glaubt, zweifelt, wähnt und lehret,
Hält nichts und alles wahr;
Erbauet und zerstöret
Und quält sich immerdar;
Schläft, wachet, wächst und zehret;
Trägt braun und graues Haar,
Und alles dieses währet,
Wenn`s hoch kommt. achtzig Jahr.
Dann legt er sich zu seinen Vätern nieder,
Und er kömmt nimmer wieder.

Wir nehmen heute Abschied von Waldtraut St., die endlich ihre Ruhe finden darf, für immer, und das neben ihrem Mann, der hier auf dem Friedhof Junkerberg schon seit achtzehn Jahren auf sie wartet.
Sie kam am Tag der hl. drei Könige zur Welt, aber diese Heiligen und ihr Abglanz sind nicht bis Schlesien gekommen. Waldtrauts Geburtstag war der 6. Januar 1924. Es mag wenig bedeuten, aber dies war zeitversetzt auch der Geburtstag einiger durchsetzungsstarker Berühmtheiten der Geschichte wie der Backpulver-Erfinder und -Vermarkter August Oetker, der Boxer Henry Maske, der Komiker „Mr. Bean“, die US-Schauspielerin Loretta Young, der Komponist Max Bruch, der Archäologe Heinrich Schliemann, der Physiker Josef Petzval, der Heißluftballon-Konstrukteur Montgolfier und die franz. Nationalheldin Jeanne d`Arc. Waldtraut Justinsky war ein weniger Aufsehen erregendes Leben beschert, aber voller Höhepunkte war es doch.
Ob ihre Eltern sich bei der Namensauswahl für sie bewusst waren, dass „Waldtraut“ sich herleitet von „die Starke“, die den im Kampf Gefallenen vertraut und ihnen glaubt“? Ich finde, der Name passte für sie.
Ihr Heimatdorf war Ruppersdorf, nahe bei Strehlen, 40 km südöstlich von Breslau – eine arme Gegend, die vor wenigen Jahrzehnten noch das Zentrum der Leinen-Hausweberei und der Strumpfstrickerei gewesen war, aber diese viele Familien ernährenden Hausgewerbe waren durch die Umstellung auf Web- und Strick-Maschinen überflüssig geworden; effektiver nannten das die Unternehmer; ungleich höhere Produktionszahlen vermehrten ihre Gewinne.
An den Hungeraufständen der Weber im Frühsommer 1844 waren auch Männer und Frauen aus den Dörfern südlich von Breslau beteiligt. Die vor verzweifelter Gewalt nicht zurück-schreckenden Aufständischen hatten keine Chance, das konnten sie auch voraussehen: sie wurden gefangen genommen, ausgepeitscht und inhaftiert. Das eingesetzte preußische Militär hat vom Schießbefehl tödlichen Gebrauch gemacht. Viele Familien vielen weiter ins Elend.
Wir können uns vorstellen, dass diese einschneidenden Ereignisse auch noch Jahrzehnte später ab und an in den Familien erörtert wurden. Es blieben harte und arme Zeiten für die Familie Justinsky mit ihren drei Mädchen.
Der Vater lebte von Gelegenheitsarbeiten, vielleicht in einer Ziegelei, denn es gab viele Tongruben in der Gegend, vielleicht in den sehr gefragten Basalt-Steinbrüchen um Strehlen, die Pflastersteine nicht nur für die Berliner Straßen lieferten und einige Unternehmer – aber eben nur sie – reich machten. Es gab keine festen Anstellungen, und die Arbeiter mussten bedingungslosen Gehorsam leisten, wenn sie vom Chef oder auch nur vom Vorarbeiter behalten werden wollten. Ersatzkräfte gab es mehr als genug.
Dicht beieinander lebten in Niederschlesien Deutsche, Polen und Tschechen, Katholiken, Evangelische, wenige Juden und geflüchtete Anhänger des vor 500 Jahren hingerichteten Reformators Jan Hus. Die Armut des ganzen Gebietes trieb viele, vor allem jüngere Deutsche in den Westen, in die Großstädte, ins Ruhrgebiet und nach Amerika.
Die Familien hatten bestenfalls kleine Gemüsegarten und einige Obstbäume. Alle Felder gehörten den Gutsherren. Zu den Erntezeiten wurden ganze Familien aus den Dörfern auf die Felder der Gutsbesitzer gefahren. Sicher waren auch die drei Mädchen dabei. Aber das gab nur Zubrot für wenige Wochen. Zeit und Gelegenheit zum Spielen hatten die Kinder selten.
Zuhause herrschte eine für uns unvorstellbare Armut und nicht selten wird die Mutter die „Schlesische Wossersupp“ aufgetischt haben. Waldtraut lernte von ihrer Mutter, dass alles, was zu nähen und zu flicken ist, selbst gemacht werden kann.
Waldtraut liebte ihr Dorf, die sanften Hügel, die weiten Felder (die aber nicht einer Anzahl Bauern, sondern nur Gutsbesitzern gehörten), den nahen Weinberg, der vielleicht nicht nur so hieß. Sie lernte gern und fleißig. Als sie mit der Schule beim Lehrer Weinhold fertig war, war Hitler, waren die Nationalsozialisten auf dem Sprung an die Macht. Die deutsche Bevölkerung sah gerade in den bitterarmen Regionen mit bald zunehmender und zuletzt kritikloser Begeisterung in Hitler den Retter aus der Arbeitslosigkeit und der Hungersnot, aus den unerträglichen gesellschaftlichen Zuständen; sie erhofften wohl nach vielen volksfernen Politikern auch einen endlich einmal Zupackenden, der ihrem Heimatland mit den durchlässigen Grenzen zu Polen und zur Tschechei festere Sicherheit verschaffen könnte. Die, mit denen es dann tatsächlich etwas aufwärts ging, folgten dem Führer und den Nazis durch dick und dünn bis zum bitteren Ende.
Waldtraut fand mit Glück und Ausdauer eine Ausbildungsstätte zur Kontoristin in einer Strehlener Möbelfabrik. Hier konnte ihre ihr angeborenen Tugenden ausbilden und beweisen: Unbedingte Loyalität, gewissenhafte Zuverlässigkeit, Genauigkeit, Pünktlichkeit, Korrektheit und sie erfüllte sicher auch die Firmen-Erwartung, dass das Wir-Gefühl der Mitarbeiter auch über die normale Arbeitszeit hinausreicht.
Die häusliche Armut, die Herausforderung, aus jeder Not eine Tugend und das Bestmögliche zu machen, immer zu improvisieren und nie zu verzagen, hat ihr Leben geprägt. Das weitverbreitete Streben von Eltern, „unsere Kinder sollen es einmal besser haben und ihr Leben auf eine solidere Berufsgrundlage stellen können“, das konnte nicht überzeugender gelebt und mit aller Kraft umgesetzt werden, als von Waldtraut und ihrem Mann.
Beide haben die grausame Massenvertreibung aus Schlesien erlebt und überlebt, irgendwie und nicht selten nur um Haaresbreite. Die beiden kannten sich schon früh von Familienfesten her – als weitläufig Verwandte. Die vertriebenen Volksgruppen haben in der Bundesrepublik sehr eng zusammengehalten und ihr Brauchtum, ihre Mundart gepflegt, die Lieder und Gedichte ihrer Dichter bewahrt und – sich, ihren politisch schwierigen Vordenkern folgend, lange gegen die Aussöhnung mit unseren östlichen Nachbarn gewehrt.
Eine Schwester hatte die Vertreibung nicht überlebt. Charlotte war in Dransfeld bei Göttingen gelandet, hatte Arbeit in der Bahnverwaltung gefunden und ihre Schwester Waldtraut bald nachgeholt und auch ihr im Göttinger Bundesbahnzentralamt Arbeit verschafft.
Die Schwestern wohnten in Dransfeld zusammen, später kam auch der Mann dazu, mit dem Waldtraut eine Familie zu gründen wagte: Sie haben am 1. Februar 1947 geheiratet, die Braut war dreiundzwanzig, der Bräutigam fünfundzwanzig Jahre alt.
Auch er hatte eine Arbeit gefunden, aber das passte nicht in die Sozialpolitik der Behörden: Zur Vermeidung eines „Doppelverdienstes“ wurde die Frau an ihren häuslichen Herd geschickt. Aber alles hat mehrere Seiten: Die bald das Paar bereichernden Söhne Wolfram, Harald und Ulrich hatten ihre Mutter den ganzen Tag für sich; das fanden sie mit den Jahren nicht immer nur vorteilhaft, denn ihre Mutter hatte den Ehrgeiz, ihre Söhne zu starken Persönlichkeiten werden zu lassen. Sie war anspruchsvoll; sie drängte sie streng, die Schule ernst zu nehmen und duldete keine schlechten Zensuren. Spielen hatte in ihren Augen wenig Wert und über Jungenstreiche konnte sie sich nicht nachsichtig mitfreuen.
Sie stand Gründlichkeit fordernd hinter der sorgfältigen Erledigung ihrer Schularbeiten, aber wenn sie die Leistungen ihrer Kinder einmal ungerecht beurteilt sah, kam sie in die Schule und stritt mit den Lehrern für ihre Jungs.
Die Eltern waren beide Schlesier, das war ihnen sehr wichtig gewesen, aber es gab wenig weitere Gemeinsamkeiten. Wenn die Jungen etwas ihnen Wichtige erreichen wollten, hatten sie mehr Chancen bei ihrem Vater. Die strategischen Bemühungen, dafür auch die Mutter zu gewinnen oder, wie das bei drei normal entwickelten Jungen nicht anders denkbar ist, eben manches Mal auch nachträglich ihre Reaktion hinzunehmen, sorgten für Leben im Haus.
Natürlich gab es viele schlesische Gerichte: Schläsches Himmelreich, Klöße, Kartoffelsuppe, Fleeschbruter und danach Streuselkuchen und Kreppel.
Mit ihrem Mann war Waldtraut sich einig, dass die Jungen etwas Gescheites werden sollten. In Göttingen eher mehr als anderswo war das Bildungsideal ein Studium. Wolfram studierte Chemie, Harald Physik und Ulrich wurde wie der Vater Diplomkaufmann. Sie hatten bald alle ihr Auskommen. Waldtraut war mächtig stolz auf sie; es war ja zu einem starken Teil auch ihr Erfolg, auf den hatte sie zielstrebig hingewirkt und nach vielen entbehrungsreichen Jahren recht behalten.
Waldtraut St. war eine von vielen Millionen Deutschen, die fassungslos enttäuscht waren, als sie erkennen mussten, dass sie auf einen satanischen Menschenfänger und seine faszinierenden Propaganda-Inszenierungen hereingefallen waren. Das konnte nicht einfach weggesteckt werden; sie blieb wachsam skeptisch gegen die aufkommenden Politiker und ihre Machtansprüche. Politische Fragen werden immer wieder heftige Debatten in der Familie bestimmt haben.
Zu diesem Familienleben gehörte aber auch die Krankheit des Vaters. Waldtraut hat ihn aufopfernd gepflegt; er starb 1994, nach siebenundvierzig gemeinsamen Jahren; die Söhne waren inzwischen erwachsen, Waldtraut war siebzig.
Auf ihre eigene Gesundheit hat Waldtraut wenig geachtet, obwohl sich schon seit dreißig Jahren einiges angehäuft und immer mehr verschlechtert hatte: Diabetes und Rückenprobleme waren dominierend, dann kamen Grauer Star dazu, Hüftgelenk-Arthrose, ein Herzinfarkt, Arteriosklerose und Osteoporose.
Das hat sie nicht anhaltend umgeworfen, aber als sie einundachtzig war, musste sie ihre schwindenden Kräfte zugeben. Sie fand es nötig, sich selbst pflegen zu lassen. Sie nahm ihre Schwester Magdalena mit in ein neues Heim in hügeliger Landschaft; beide bekamen Einzelzimmer in der „Paschenburg“ im Luftkurort Hardegsen; einige Lieblingsmöbel durften sie mitbringen.
„Wer nicht mehr heimgehen kann, muss ins Heim gehen, bis er heimgehen kann“. (Das war meine Erkenntnis aus meiner jahrzehntelangen Berufsarbeit mit alten und behinderten Menschen.) Auf wen lässt sich dieser Lebensabschnitt treffender zusammenfassen als auf einen Heimatvertriebenen, dessen Lebenskurve sehr abfällt
In Seniorenheimen verbringen Frauen und Männer ihren Lebensabend und warten auf ihre Lebensnacht. Sie sitzen stundenlang am Fenster und warten und warten – und gehen in Gedanken wieder zurück in ihre Heimat, in ihre Kindheit, in die Anfänge ihres bewegten Lebens.
Ein gut geführtes Heim beschäftigt seine Bewohner mit Abwechslungen im Alltag, regt sie zu vielen altersgerechten Aktivitäten an, bietet Ausflüge in die weite Umgebung und holt erfreuliche Überraschungen ins Haus. Waldtraut und Magdalena waren wie nur wenige Heimbewohner gut dran: Ihre Söhne und deren Familien mit den inzwischen drei Enkelkindern kamen oft zu Besuch und nahmen sie mit zu Ausfahrten zu Orten, die man früher besucht hatte oder die noch geplant waren.
Waldtraut hat ihre Enkel Laura, Linda und Arne aufwachsen sehen und wird sehr gewünscht haben, dass sie in eine friedlichere und erfreulichere Zukunft hineinwachsen und sie mitgestalten können.
Mit zwanzig, also kaum älter als Laura, die heute in Halle studiert, wurde sie, die auch für sich gerechtere Bildungschancen ersehnt hatte, nach dem Ende des furchtbaren Krieges mit Gewalt gezwungen, ihr Elternhaus, ihr Dorf, ihre Arbeit, ihre Heimat, aufzugeben und nur mit einem hastig gepackten Rucksack in eine höchst ungewisse Zukunft zu fliehen. Sie blieb immer am Zeitgeschehen interessiert und wird staunend und dankbar erlebt haben, dass wir viele ungelöste Probleme, aber immerhin einen gesicherten Frieden haben – und keine Politiker mehr, die uns gegen andere Völker aufhetzen.
Ihre Schwester Charlotte hatte sich schon länger in eine eigene Gedanken- und Gefühlswelt eingesponnen, und auch Waldtraut hatte in letzter Zeit eine Fähigkeit entwickelt, der Lebens-wirklichkeit immer mehr zu entfliehen.
Sie lebte jetzt wieder mehr in Schlesien, in Ruppersdorf, bei den Tongruben, beim Weinberg; sie sah sich wieder in ihrer Schulklasse, bei den Erntearbeiten und bei der heimlichen Kartoffelnachlese auf den Feldern.
Die Bilder aus den vielen Heimatbüchern, die Landkarten von Niederschlesien – sie hatte sie mitgenommen ins Heim, genau wie ihre gar nicht mehr gebrauchte Nähmaschine – diese Bilder scheinen sich zu Kulissen verdichtet zu haben, in der sich leben ließ.
Sie überdeckten wahrscheinlich auch die Fotos, die ihr Sohn Harald von Ruppersdorf gemacht hatte, als er ihr nach Jahrzehnten einen Besuch der Heimat mit den inzwischen aus anderen Ländern dorthin umgesiedelten Menschen ermöglicht hatte.
Wer nicht mehr aufmerksam auf seine nächste Umgebung achtet, stürzt leicht. Sie blieb vor dem häufigen Oberschenkelhalsbruch nicht verschont – und die folgende Unbeweglichkeit hat ihren bis dahin unverwüstlichen Lebensmut gebrochen. Eine Lungenentzündung hat ihr Leben beendet, am 26. Oktober 2012.
Sie ist achtundachtzig Jahre alt geworden; das war ein viel längeres Leben, als man bei ihren Krankheiten erwarten konnte. Es war aus ihrer Sicht gut und reichlich gewesen und wir haben wenig Grund, um sie zu trauern, denn es darf bei Ihnen allen die Freude und der Stolz darüber stärker sein, dass Sie eine so einmalige Persönlichkeit, eine so gute und treusorgende Mutter und liebe Großmutter und Schwester und Freundin so lange haben durften. Und dass ihre Leidenszeit doch gnädig zu Ende ging.
In dem schlichten Schlesierlied, das alle Schlesier gern und innig gesungen haben, ist einiges vorausgedacht, was die Gedankenrückkehr leicht macht. Vielleicht erkannte Waldtraut sich selbst in diesem Lied wieder – denn das ging vielen Schlesiern so:

Kehr ich einst zur Heimat wieder,
früh am Morgen, wenn die Sonn` aufgeht,
schau ich dann ins Tal hernieder,
wo vor einer Tür ein Mädchen steht.
Da seufzt sie still, ja still und flüstert leise
„mein Schlesierland, mein Heimatland,
so von Natur, Natur, in alter Weise!
Wir sehn uns wieder, mein Schlesierland,
wir sehn uns wieder am Oderstrand.“
… … …
Ich darf Ihnen im Namen der Angehörigen herzlich für Ihr Kommen zu diesem Abschied von Waldtraut St. danken und Sie einladen, nach der Beerdigung mit in das Café Valentin zu gehen,
in dem man sich auch schon vor Jahren nach der Trauerfeier für den Vater noch einmal getroffen hat.
Bevor wir Waldtrauts Urne neben Ihrem Mann bestatten hören wir zu ihrem Gedenken Grußworte von Freunden…….
Am Urnengrab: Die Eheleute sind jetzt nach achtzehn Jahren wieder zusammen, äußerlich, aber sie werden gerne daran gedacht haben. Es wird an uns liegen, ob sie in uns und bei uns weiterleben. Und ob wir uns von ihnen mahnen lassen, unsere Lebenszeit zu nutzen. …

Lästige Pflicht oder Auftrag der Opfer?

Volkstrauertag 2004

421* Verleih uns Frieden / 396 mit neuem Text: Jesu, meine Freude
420 Brich mit den Hungrigen / 407* Stern, auf dem ich schaue
428 Komm in unsre stolze Welt / 171* Bewahre uns, Gott

Liebe Gemeinde, wir haben uns oft an diesem Volkstrauertag in der Friedhofskappelle versammelt, an diesem Ort der Trauer und des Abschiednehmens von Menschen, die uns nahestanden. Heute Morgen sind wir hier zusammenkommen, weil es inzwischen Brauch im Dorf ist, auf dem Friedhof nicht nur an Menschen zu denken, mit denen wir zusammengelebt haben, sondern zusätzlich an Menschen, von denen wir nur wissen, dass sie zu Tode gekommen sind in den Kriegen und Verfolgungen der letzten 100 Jahre – und das waren fast unvorstellbar viele. (Ich will versuchen, den verkürzten Gottesdienst in der kalten Friedhofskapelle und in dieser anheimelnd warmen Kirche ähnlich zu sehen. Anschließend gehen wir ja hier wie dort wie hier zum Ehrenmal)
Vielleicht sind wir in unseren Dörfern nicht ganz aus freien Stücken bei diesem Gedenktaggottesdienst; wir folgen einer Aufforderung der Kirchen, des Staates, der Gemeinden und der Vereine – und das ist wohl auch nötig, denn es ist uns immer etwas mulmig bei solchen Anlässen und erst recht auf dem Friedhof. Und überhaupt kriecht die Frage an uns heran: warum nicht endlich mal Schwamm drüber über das, was so lange zurückliegt und uns kaum noch bekannt ist? Warum lassen wir nicht ein gnädiges Vergessen des längst Vergangenen zu und befassen uns mehr mit Gegenwart und Zukunft?
Ich habe darauf diese Antwort gefunden: Weil wir nichts oder kaum etwas gelernt haben aus den Schrecken der Vergangenheit und weil Kriege und Kampfhandlungen und Vertreibungen und Verfolgungen überhaupt unter uns immer noch aktuell sind. Alles ist noch da – nur etwas weiter weg von uns – aber nicht so weit weg, dass wir sagen könnten: Das geht uns nichts an. Ich glaube: Es geht uns viel an – und vielleicht sogar alles.
Der „Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge“ hat zusammen mit den großen christlichen Kirchen diesen Volkstrauertag initiiert und sich seit einigen Jahren dafür eingesetzt, dass nicht Jahr für Jahr dieselben Reden gehalten werden und dass nicht nur der deutschen Kriegsopfer der Weltkriege I und II gedacht wird. Der Tag soll mehrere Erinnerungsziele haben – manche Gedächtnisredner haben das immer noch nicht begriffen und machen nicht mit beim Hinüberholen in die Gegenwart.
Ich greife die auch im Internet stehenden aktuellen Erinnerungspunkte des „Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge“ für dieses Jahr auf und ergänze diese Anregungen mit meinen Erkenntnissen: Wir denken heute an die Opfer von Gewalt und Krieg – und dabei an Kinder, Frauen und Männer aller Völker.
Wir denken an die irregeführten Soldaten, die in den Weltkriegen vorgeblich für uns und für ihr Vaterland starben – und wie wir jetzt wissen, doch nur für den bedenkenlosen Ehrgeiz von Kaiser und Reichskanzler. Nur für diese Staatsoberhäupter ließen sie ihr Leben bei den
Feldzügen und später in den oft viel zu langen, entbehrungsreichen Gefangenschaften oder bald danach.
Viele auch aus dieser Gegend waren dabei, wie überall in Deutschland. Auch mein Vater wurde offenbar nur zum Sterben in der Heimat aus jugoslawischer Gefangenschaft entlassen.
In unser beklommenes Gedenken schließen wir die von uns Deutschen auf Führerbefehl ermordeten Juden, Roma und Sinti ein und auch die Behinderten und Dauerkranken und die anderen einfach für „lebensunwert“ erklärten Mitmenschen, von denen sich die vom Rassenwahn besessenen Nazis befreien wollten.
Wir denken weiter an die unschuldigen Opfer der Fliegerangriffe auf allen Seiten, und wir denken an die von den Siegermächten grausam aus ihrer Heimat Vertriebenen.
Und wir denken an die Menschen, die den Mut hatten, Widerstand zu leisten gegen die spürbare Zustimmung des Volkes zur Gewaltherrschaft der Nazis. Auch an die Vielen, die ermordet wurden, weil sie auch unter Ermordungsbedrohung an ihrer Glaubensüberzeugung festhielten.
Ich sage dieses alles so in dem inzwischen üblichem Gedenkton: „Wir denken an die vielen, vielen Toten“. Was heißt das aber? Denken wir denn wirklich an sie oder sagen wir das nur so, weil es von einigen erwartet wird? Was heißt das denn: Wir denken an sie? Haben die Toten etwas davon? Und: Wollen wir Überlebenden aus ihrem sinnlosen Sterben endlich etwas lernen?
Ich glaube, die Antwort ist zugleich die Antwort auf das, was der rührige und verdienstvolle „Volksbund“, der mit vielen freiwilligen Helfern in vielen Ländern vorbildliche Soldatenfriedhöfe angelegt hat, uns für dieses Jahr ans Herz legt:
Denkt auch an die Opfer heutiger Kriege. Denkt auch an die heutigen Vertreibungen ganzer Volksgruppen aus ihrer Heimat. Denkt auch an die irrsinnigen Glaubenskriege in Irland und in Indien und Pakistan und in Indonesien und in mehreren Ländern Afrikas und neuerdings bei unserm Nachbar Holland.
Lassen Sie uns auch an die Opfer denken, die noch in letzter Zeit durch Hass und Gewalt umgekommen und schwerverletzt worden sind, nur weil sie Fremde in unseren Ländern waren oder sind.
In asiatischen und afrikanischen Ländern werden Frauen wegen einer angeblichen Verletzung der Familienehre auch heute noch grausam getötet. Einige halten es vielleicht für unpassend, auch an sie an diesem Tag zu denken und auf eine Änderung hinzuarbeiten – aber wann sonst könnten wir das tun?
Wir müssen auch an die Frauen denken, die mit falschen Versprechungen in vermeintlich wohlhabendere Länder gelockt wurden und dann doch nur ausweglos zur Prostitution gezwungen wurden. Und an die vielen Opfer von gewissenlosen Schleusern, die bitterarme Menschen auf lebensgefährliche Weise nach Europa geschleust haben – und die wieder abgeschoben werden mussten oder müssen. Viele von ihnen sehen nur die Wahl zwischen einem verzweifelten Weiterleben unter unerträglichen Bedingungen und der Flucht in eine Selbsttötung.
Wir haben vielleicht mehr Grund zum Trauern und Gedenken, als wir verkraften können. Es wird uns zu viel. Wir müssen ja weiterleben und müssen uns fremdes Leid irgendwie fernhalten, als Selbstschutz. Wir wollen ja lebenstüchtig bleiben und voller Hoffnung nach vorn blicken; dazu müssen wir unbelastet sein von Früherem und von Entgleisungen, die es heute noch oder wieder gibt.
Sie kennen wahrscheinlich den tiefsinnigen Spontispruch: „Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin“. Das wäre ja wunderbar. Aber so mutig sind wir nicht. Und was, wie ich finde, viel,
viel schlimmer ist: wir sind anfällig, wir fallen immer wieder auf die falschen Verführer und Anführer herein.
Unsere Eltern und Großeltern sind auf Hitler und seine Männer hereingefallen; so mancher andere Diktator in der Welt fand seine ergebenen Bewunderer.
Wir haben gerade miterlebt, dass der mächtigste Mann der Welt sein Volk aus erlogenen Gründen und gegen das international anerkannte Völkerrecht in einen verhängnisvollen Krieg gedrängt hat.
Dieser längst nicht beendete Krieg kostet immer noch viele Menschenleben auf allen Seiten und verschlingt gar nicht mehr aufhaltbar unwahrscheinlich viel Geld. Und obwohl sich die zuvor gute Wirtschaftslage des eigenen Landes zum Nachteil von Millionen Menschen verschlechtert hat, wollte ihn die etwas überwiegende Hälfte seiner Bürger an der Macht halten – ihnen wird es egal sein, wie er sie nutzt.
So sind wir – und wir Deutschen haben überhaupt keinen Grund, uns für redlicher und für bessere Patrioten zu halten.
Ich rede von Politik, von Verantwortung, vom Mitgestalten unserer Welt in den letzten 100 Jahren und heute; ich rede von Misslungenem und von aktuellen Aufgaben. Ich kenne Menschen, die finden, dass solche Themen nicht in einen Gottesdienst gehören; denen sage ich nur: lest mal in den Evangelien nach, wie Jesus sich eingemischt hat und wie er seinen Zuhörern ins Gewissen geredet hat.
Hören Sie mal auf diese Sätze Jesu – ich lese sie aus dem 5. Kapitel des Matthäus-Evangeliums (in der Übersetzung der „Bibel in heutigem Deutsch“):
„Als Jesus die Menschenmenge sah, stieg er auf einen Berg und setzte sich. Seine Jünger traten zu ihm. Dann begann er zu reden und lehrte sie, was Gott jetzt von seinem Volk verlangt. Er sagte:
„Freuen dürfen sich alle, die nur noch von Gott etwas erwarten – mit Gott werden sie leben in seiner neuen Welt.
Freuen dürfen sich alle, die unter dieser heillosen Welt leiden – Gott wird ihrem Leid für immer ein Ende machen.
Freuen dürfen sich alle, die auf Gewalt verzichten – Gott wird ihnen die Erde zum Besitz geben.
Freuen dürfen sich alle, die danach hungern und dürsten, dass sich auf der Erde Gottes gerechter Wille durchsetzt – Gott wird ihren Hunger stillen.
Freuen dürfen sich alle, die barmherzig sind – Gott wird auch mit ihnen barmherzig sein.
Freuen dürfen sich alle, die im Herzen rein sind – sie werden Gott sehen.
Freuen dürfen sich alle, die Frieden stiften – Gott wird sie als seine Söhne und Töchter annehmen.
Freuen dürfen sich alle, die verfolgt werden, weil sie tun, was Gott will – mit Gott werden sie leben in seiner neuen Welt.
Freuen dürft ihr euch, wenn sie euch beschimpfen und verfolgen und verleumden, weil ihr zu mir gehört. Freut euch und jubelt, denn Gott wird euch reich belohnen. So haben sie die Propheten vor euch auch schon behandelt. …
Ihr seid das Salz der Welt. … Ihr seid das Licht für die Welt.“
Jesus sagte dieses und die danach folgenden, auf die überkommenen 10 Gebote verweisenden Sätze vor Leuten, die unter der brutalen Herrschaft der römischen Besatzung litten. Er wusste, dass unter seinen Zuhörern auch gewaltbereite Männer waren, die zu gern gesehen hätten, dass er die Macht im Land an sich reißen würde.
Jesus hat das damit unweigerlich verbundene Blutvergießen abgelehnt. Das enttäuschte Volk hat ihn zuletzt fallen gelassen; ein Leben war damals wenig wert – und Jesus hat sich diesen Grausamkeiten unterworfen.
Aus der tiefschürfenden Bergpredigt Jesu will ich noch einige Satzanfänge wieder-holen, denn ich will ja erreichen, dass wir sie mit uns nehmen in unseren Alltag:
Freuen dürfen sich alle, die unter dieser heillosen Welt leiden – Gott wird ihrem Leid für immer ein Ende machen.
Freuen dürfen sich alle, die auf Gewalt verzichten.
Freuen dürfen sich alle, die danach hungern und dürsten, dass sich auf der Erde Gottes gerechter Wille durchsetzt.
Freuen dürfen sich alle, die barmherzig sind.
(Und dieser, mein Lieblingssatz:) Freuen dürfen sich alle, die Frieden stiften.
Dies alles ist nicht nur rückwärtsgewandt, sondern auf das Heute verweisend. Die vielen, vielen Toten wollen nach meiner Überzeugung nicht, dass wir nur immer an das Unrecht, an die Unmenschlichkeit erinnern, die Ihnen das Recht beschnitten hat, weiterzuleben. Ich bin sicher, sie wollten und wollen, dass wir aus ihren Opfern lernen und Entscheidendes ändern.
Vielleicht würde sie das noch mehr freuen, als unsere bewusst ohnmächtige Geste, mit der wir Kränze niederlegen und dazu Gedenkreden halten.
Ich frage mich und Sie alle: Sind es routinierte Pflichtübungen oder ernsthafte Verpflichtungen, die uns viel abverlangen?
Ich habe mehr Fragen als Antworten. Aber ich halte eine Frage für wirklich weiterführend: Wie würde Jesus heute reden und handeln?
Und, ganz zum Schluss: Würden wir eher auf ihn hören und ihm folgen? – und: Hat er nicht schon alles gesagt? Ich meine ja – und es gilt wohl auch für Israel und für Afrika und für den Irak und für Holland. Denn auch dies ist ein Jesuswort: „Wer hören kann, der höre!“

Abschied von Elke P.

Annette von Droste-Hülshoff:

Geliebte, wenn mein Geist geschieden,
So weint mir keine Träne nach;
Denn, wo ich eile, dort ist Frieden,
Dort leuchtet mir ein ew´ger Tag!
Wo aller Erdengram verschwunden,
Soll euer Bild mir nicht vergehn,
Und Linderung für eure Wunden,
Für euren Schmerz will ich erflehn.
Weht nächtlich seine Seraphsflügel
Der Friede übers Weltenreich,
So denkt nicht mehr an meinen Hügel,
Denn von den Sternen grüß ich euch!

Liebe Kinder und Enkelkinder von Elke und Ernst, liebe Mittrauernde, ich grüße Sie mit diesem Abschiedsgedicht der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff.

Am 6. Dezember vorigen Jahres haben wir uns hier in dieser Abschiedshalle getroffen, um Ernst P. anschließend auf diesem Friedhof zu begraben, der vielleicht nicht nur zufällig in Sichtweite
seiner und Elkes Wohnung lag. Heute nehmen wir Abschied von seiner Elke und bestatten sie neben ihm.
Ich erinnere mich daran, dass der weithin bekannte schwäbische Landarzt und Dichter Justinus Kerner einem Steinmetz den Auftrag gegeben hatte: „Zwischen meiner Frau und mir soll ein Stein gelegt werden mit der Inschrift: Friederike Kerner und ihr Justinus.“ Ich komme darauf zurück.
Im Dezember 2010 habe ich einen langen Rückblick auf unsere sechs Jahrzehnte lange Freundschaft gehalten. Elke hat sich diesen Freundschaftsdienst auch für sich gewünscht. Was ich hier ausspreche, widme ich aber nicht nur unserer Freundin Elke, mehr noch den Lebenden, denn das wird sie von mir erwarten.
Elke war acht Jahre jünger als ihr Ernst, aber sie ist ihm mit zweiundsiebzig Jahren schon nach elf Monaten gefolgt, viel schneller, als wir es uns vorstellen konnten – außer in den letzten Wochen, wo ihr geschwächter und geschädigter Körper immer größere und hoffnungslosere Ausfallserscheinungen zeigte. Wollte sie denn noch weiterleben, nachdem ihr Lebensmittel-punkt Ernst ihr vorausgegangen war und alle Lebensaufgaben erfüllt waren? Es schien auch für mich so zu sein. Da war doch noch manches, auf das sie sich in ihrem plötzlichen Alleinsein freuen konnte, vor allem auf das Wachsen ihrer jüngsten Enkelkinder, bei denen sichtbar das bejahende Leben war.
Aber sie spürte auch, dass ihr die Kräfte fehlten, dass ihr Körper ihr nicht mehr gehorchte, dass sie sehr unsicher auf den Beinen geworden war und eine Stütze, am liebsten eine menschliche Stütze brauchte. Die hatte sie nicht nur an ihren Kindern und Enkelkindern, auch, wie sie mir mehrfach erzählte, an ihren immer hilfsbereiten Hausnachbarinnen Frau Th. und Frau R. und an ihrer langjährigen Haushaltshilfe Eva D.. Ihr Herz hatte sie schon viel früher enttäuscht. Sie musste einen Herzinfarkt durchstehen, hat dabei viel Kraft verloren und sich davon nicht mehr erholen können. Nicht zuletzt war ihre eigene Lebensbedrohung in der schwierigsten Situation geschehen: Ernst war immer hinfälliger geworden, sie musste Tag und Nacht bei ihm und um ihn sein, fand keine eigenen Erholungspausen mehr und hat anhaltend keine Nacht mehr durchschlafen können. Das blieb auch nach dem Tod von Ernst so. In unserem letzten Telefongespräch habe ich sie gefragt, ob sie jetzt besseren Schlaf findet. „Ach, nicht so richtig“, hat sie geantwortet. Und ich war bei ihr nicht sicher, ob ich ihr mein Lieblingsrezept hätte sagen sollen: abends mit einer befriedigenden Arbeit länger aufbleiben und guten Rotwein trinken.
Wir können uns kaum vorstellen, wie ihre Abende waren, in der Wohnung, in der alles an Ernst und an die über fünfzig Jahre gelebte Gemeinsamkeit erinnert, welche Gedanken auf sie eingeströmt sind, was sie überhaupt noch wahrnehmen wollte und gegen was sie sich nicht mehr wehren konnte.
Ganz bestimmt wird Elke nicht wollen, dass wir in dieser Abschiedsstunde die Trauer überwiegen lassen, wohl aber die Dankbarkeit dafür, dass wir sie so viele Jahre als Mutter und Oma und Freundin erleben durften – und – das ist ein lebenswichtiger Grund: dass ihr eine noch längere Leidenszeit erspart geblieben ist, denn an einem grausamen Siechtum war sie sehr nahe dran.
Schwierig war ihr Leben von Anfang an: Elke ist in Braunschweig am 9. Januar 1939 geboren. Ihr Vater wurde bald zum Militär eingezogen; Elke und ihr Bruder Dietmar erlebten ihn nur noch im seltenen Urlaub. Als Elke vier war und die Fliegerangriffe auf Braunschweig zunahmen, wich ihre Mutter mit den Kindern nach Nürnberg aus, auch, weil der Vater in der Nähe stationiert war. Die Kinder sahen ihn jetzt sogar häufiger. Aber der Kriegsverlauf machte einen weiteren Umzug notwendig; der Vater besorgte eine Bleibe in der Umgebung von Heidenheim. Elke und Ernst
haben später entdeckt, dass sie schon damals ziemlich nahe beieinander gewohnt haben, denn Ernst war mit seinen Eltern und der ganzen Schule vom oft bombardierten Dortmund aus in die Gegend von Bad Wurzach verschickt worden. Beide haben diese Orte ihrer Kindheit in späteren Jahren zusammen besucht.
Elkes Vater ist im letzten Kriegsjahr in Ungarn gefallen. Sechsundzwanzig Jahre danach besuchten Elke und Ernst eine frühere zeitweilige Wirkungsstätte von Ernst in Wien und in Budapest suchten sie das Grab von Elkes Vater. –
Elkes Mutter war mit den Kindern zu ihren Eltern nach Dortmund-Wambel gezogen. Ihre Schulzeit musste das schmächtige Mädchen mit mehreren Krankheitsphasen unterbrechen; sie wurde sogar, was damals selten war, in eine Erholungskur geschickt.
Mit fünfzehn begann sie eine Ausbildung bei der Stadt Dortmund, als Stenotypistin und Büroangestellte mit Arbeitsfeldern im Großmarkt, im Sozialamt und schließlich im Jugendamt. Elkes Mutter war im Vorjahr an Lungenentzündung gestorben. Ihr blieben nur noch ihr Bruder und die Großeltern. Und dann kam Ernst in ihr Leben. Er war Zwischenpraktikant im Jugendamt.
Ich habe die Anfänge der romantischen Annäherungszeit gegen Ende unserer zweiten gemeinsamen Ausbildung in Dortmund miterlebt. Die beiden wurden ein Liebespaar; als sie heiraten, 1958, war Elke neunzehn und bald schwanger: Tochter Sabine drängte auf die Welt. Begann damit das Familienglück? Von außen sah es so aus: Ernst hatte seine erste Anstellung, ging mit Feuereifer und vielen unkonventionellen Ideen in seiner Arbeit auf und es konnte mit den dreien nur noch aufwärts gehen, – dachte auch ich damals.
Wir hatten fast gleichzeitig geheiratet; meine Ehe blieb auf Wunsch meiner damaligen Partnerin kinderlos. Ich beneidete Ernst; Elke womöglich uns. Das lebenslustige Mädchen war eine begeisterte Tänzerin gewesen und hatte sich sogar an Turniertänzen beteiligt. Das war für sie vorbei und manches andere auch, denn sie war ja erst sehr kurz eine fast selbständige Frau gewesen.
Elke ist, wie ich erst aus großem Abstand raten kann, viel zu früh Mutter geworden und war noch gar nicht bereit, als noch sehr junge Frau alle Erfordernisse und die notwendigen Einschränkungen einer Mutterrolle auf sich zu nehmen.
Aber schon ein Jahr später kam sie mit Michael nieder. Der Junge hatte etliche Gesundheitsprobleme zu bewältigen, mehr als die Schwester und der spätere Bruder. Ob die körperlichen Störungen, die ihm zu schaffen machten, auch seine späteren Lebensprobleme nicht auch tiefergehendere Gründe hatten, an denen aber keiner wissentlich schuld war?
Als Elke drei Jahre später Tomas zur Welt brachte, war sie glücklicher und hat sich auf dieses Kind gefreut. Tomas blieb ihr lebenslang innig verbunden. Und in seiner wachsenden Familie hat sie das erkannt, was ihr und Ernst nicht ausreichend gelungen war: ein harmonisches, liebevolles Miteinander.
Elke war dem Ernst mit der geheimnisvollen Sicherheit gefolgt: „Wir sollten zu einander finden.“ Sie hat sich auf eine Zukunft mit ihm eingelassen, war glücklich mit ihm, hat mit ihm Sabine, Michael und Tomas das Leben geschenkt, und ist mit ihm durch gute und weniger leichte Zeiten gegangen, über fünfzig Jahre lang.
Noch über dreißig Jahre später hat mir Ernst stolz erzählt: wir sind immer noch ein richtiges Liebespaar. Waren sie hierin auch für ihre Kinder ein prägendes Vorbild? Sabine und Michael werden das aus ihrem Blickwinkel beurteilen.
Das gemeinsame Leben lag bei P.s nicht durchgehend auf der Sonnenseite. Ich habe Ernst als besonders ernsthaft und zielstrebig erlebt; er hatte eine solide Ausbildung, hat sich aus eigenem Antrieb weiterqualifiziert und seiner Lieblingsstadt Schwerte Jahrzehnte im Jugendamt gedient.
Weil die zu seiner Zeit alle Positionen besetzende Rathauspartei ihn nicht zu ihren Anhängern zählen konnte, hat man ihn nie befördert und seine Leistungen und seine Eignung für wichtigere Funktionen absichtlich übersehen. Ernst hat sich in seinen Überzeugungen nicht verbogen, aber das hat er büßen müssen. War es ein zu später Trost, dass sich die politischen Verhältnisse in Schwerte nach seiner Frührente völlig anders gestaltet haben?
Der mangelnde berufliche Erfolg wird für beide eine Belastung gewesen sein. Ernst ging völlig in seiner Arbeit auf, die Kindererziehung blieb an Elke hängen – wie bei den meisten Müttern. Und wie alle Mütter musste sie im Umgang mit den Kindern erst noch lernen, musste herausfinden, was sie für ihre Entwicklung brauchten und wie sie miteinander und anderen Kindern umgehen mussten. War Elke den wachsenden Anforderungen gewachsen? Konnte sie immer gerecht, immer liebevoll, verständnisvoll, ausgeglichen und für ihre drei Kinder im gleichen Maße eine gute, in allen Verhaltensweisen sichere Mutter sein?
Wie fast alle Familienväter wird Ernst davon ausgegangen sein: Die Frau schafft das schon. Genauso, wie sie sich in dem sehr großen und für alle wichtigen Garten unermüdlich abrackert, wird sie die wachsende Hausarbeit, die Versorgung der Kinder, das Umsorgen ihrer Gesundheit und der Krankheiten, die Hilfe bei ihren Schularbeiten und die einfühlsame Behandlung ihrer individuellen Probleme schon schaffen. Und notfalls kann Vater ja helfen, vor allem abends und am Wochenende. Dann aber war das alltäglich Erforderliche meist schon irgendwie zu Entscheidungen gedrängt worden, oft zu schnell. Elke wird manches Mal überfordert und an ihren Anforderungen verzweifelt gewesen sein. Aber wenn das so war: Konnte sie das Ernst gegenüber zugeben?
Sabine, Michel und Tomas werden gute und herzwärmende Erinnerungen bleiben. Aber es ist auch sehr Wehtuendes passiert. Bei Sabine ist Elke in eine ungute Mutter-Situation hineingeraten, in der und nach der sie nicht die Kraft und die Seelengröße hatte, zuzugeben, was schiefgelaufen war und sich immer mehr verhärtete. Sabine hat schon als 16-Jährige tief enttäuscht und verletzt das Elternhaus verlassen; freiwillig war das wohl nicht. Die Beziehung zu den Eltern war lange, schmerzende Jahre lang, abgeschnitten. Sabine hat zum Glück trotzdem ihren Weg gemacht und ist selbständig und Kinderkrankenschwester geworden.
Unter der bösen Entwicklung haben alle gelitten; Elke und Ernst haben den Ausweg nicht gefunden. Es gehörte zur Berufsarbeit von Ernst, Familien in ähnlichen Schwierigkeiten zu helfen und Ratschläge für eine Verbesserung zu geben. Ein typisches Helfer-Problem: Viele von uns können anderen leicht helfen, aber schlecht oder gar nicht uns selbst. Ich und wahrscheinlich auch andere Freunde konnten in diesen Tiefpunkten nicht vermitteln, weil darüber nicht gesprochen wurde, erst recht nicht mit anderen. Das hätte ich gerne versucht, und eben noch, als beide noch bei Kräften gewesen sind und als es noch eine Chance gegeben hätte, die alle beschädigende verfahrene Situation ernsthaft aufzuarbeiten.
Nicht immer heilt die Zeit, manches verfestigt sich und wir bleiben oft uneinsichtig und ungerecht in einer Entwicklung gefangen. Wie viel Kraft braucht man oder frau für eine überfällige Wende? Kann uns eine Schuld über den Kopf wachsen? Ich glaube: ja. Und ich glaube, dass ein
ungelöstes Problem nach dem Ausfall des einen auch einseitig bereinigt werden kann und werden muss.
Ernst war ein sehr disziplinierter Mann und Elke stand ihm in ihren Ansprüchen an Akkuratesse, an Aufgeräumtheit und Vorzeigbarkeit nicht nach; vielleicht hat sie ihn in manchem sogar mal übertroffen. Kinder finden so viel Ordnungsstreben selten gut, müssen sich aber anpassen und gehorchen. Hat es ihnen genützt oder geschadet? Tomas z.B. hat ganz andere Erziehungsansprüche und -ziele, aber dafür werden seine eigenen Erfahrungen auch wichtig gewesen sein.
Im letzten Jahr hat Sabine es geschafft, wieder auf ihre Eltern zuzugehen, als es mit Ernst zu Ende ging und als sie Elke als gebrochene Witwe erlebt hat und als sie spürte, dass Ernst und Elke sie, ihre so lange entbehrte Nähe, lebenswichtig brauchten. Die beiden Frauen hätten sich noch vieles zu sagen gehabt, aber ich vermute, dass sie dabei einen neutralen Moderator gebraucht hätten. Elke ist nicht mehr die Zeit und die Kraft geblieben, uns noch zu sagen, was auf ihr lastete und was sie gerne noch ausgesprochen und bereinigt hätte. Wir müssen uns selbst Gedanken machen und aus dem Geschehenen lernen. Unsere körperlichen Krankheiten haben sehr oft eine seelische Ursache. Diese uralte Erkenntnis verdrängen wir immer wieder. Es gibt tragische Entwicklungen, in den wir uns gegenseitig krank machen – auch ohne Absicht.
Vor vierzig Jahren hat die wunderbare Sängerin Joan Baez, die wie Elke am 9. Januar Geburtstag hatte, das Lied „When time is stolen“ geschrieben. Einen Vers daraus könnte sie für Elke gesungen haben:
Nie zurückschauen, heißt es.
Doch was ist mit den Schatten,
die du zurücklässt?
Ein uraltes Psalmlied, das Ernst zusammen mit mir in unserer Diakonenausbildung auswendig gelernt hat und an das wir bei jedem miterlebtem Sterben erinnert werden, sagt diese zeitlosen schönen und tiefen Einsichten – darf ich Ihnen aus diesem Gebet, dem 90. Psalm, einen Ausschnitt vorlesen?

Herr, seit Menschengedenken warst du unser Schutz. Du, Gott, warst schon, bevor die Berge geboren wurden und die Erde unter Wehen entstand, und du bleibst in alle Ewigkeit. Du sagst zum Menschen: „Werde wieder Staub!“ So bringst du ihn dorthin zurück, woher er gekommen ist. Für dich sind tausend Jahre wie ein Tag, so wie gestern – im Nu vergangen, so kurz wie ein paar Nachtstunden. Du scheuchst die Menschen fort, sie verschwinden wie ein Traum. Sie sind vergänglich wie das Gras: Morgens noch grünt und blüht es, am Abend schon ist es verwelkt.
Weil du zornig bist und dich gegen uns stellst, sind wir verloren und müssen vergehen. Denn du siehst die geheimsten Fehler; alle unsere Vergehen deckst du auf. Dein Zorn liegt schwer auf unserem Leben, darum ist es so flüchtig wie ein Seufzer. Siebzig Jahre sind uns zugemessen, wenn es hoch kommt, achtzig, doch selbst die besten davon sind Mühe und Last! Wie schnell ist alles vorbei, und wir sind nicht mehr! … … Lass uns erkennen, wie kurz unser Leben ist, damit wir zur Einsicht kommen!
Siebzig Jahre, wenn es hoch kommt, achtzig, und selbst die besten davon waren Mühe und Last. Das trifft auch auf Elke zu.
Hier muss ich die unschätzbaren Liebesdienste von Tomas und seiner Frau Anne hervorheben und ihnen dafür danken, weil sie das zugleich für andere mitgetan haben: Wir können uns kaum ausmalen, was Tomas alles aufgeboten und möglich gemacht hat, um seiner Mutter beizu-stehen. Er musste seine Frau und Lale und Ida und den Säugling Jascha eine ganze Weile allein lassen und den Kindern erklären, dass die Oma den Vater gerade noch nötiger braucht.
Das musste er aber mehrere Male zu den Kindern sagen, denn mit der Oma ging es weiter bergab: Elke hatte im August einen Niereninfarkt, lag zwei Wochen lang auf der Intensivstation und ihr Leben hing am seidenen Faden. Ohne Tomas und seine Einfälle konnte ich mir eine Zukunft für Elke nicht vorstellen. Schon in den letzten Wochen von Ernst war ein Wohnungswechsel in die Nähe von Bremen im Gespräch. Ich habe den beiden auch dazu geraten. Tomas hat später eine Kurzzeitpflege für Elke organisiert, sie war acht Wochen lang in einem Pflegeheim nahe bei Tomas und Anne. Sie hat sich dort sehr wohl gefühlt, fühlte sich aufgepäppelt und verwöhnt wie nie zuvor. Es hat sie sehr bewegt, ihre Enkel Ida und Jascha öfter zu sehen.
Sie ist etwas zu Kräften gekommen, aber die Krankheiten zehrten weiter an in ihr. Anfang November zog sie wieder in ihre Wohnung in H. ein, nur um ihren Umzug nach Norden im Frühjahr vorzubereiten – sie hatte sich dort schon eine bald fertige Einrichtung für Betreutes Wohnen angesehen und überlegt, (das fällt ja immer am schwersten), welche Möbel sie dorthin mitnehmen könnte.
Nach einer Woche kam sie mit einer Lungenentzündung ins Krankenhaus. Dort versagten ihre Nieren ganz. Eine Dialyse, die vielleicht kurzfristig ihr Leben verlängert hätte, lehnte sie ab. Die Alternative war sterben. Elke hat ihren Tod kommen sehen und ihn klar erwartet. Wie ein letztes Geschenk kamen Michael und sein Freund Friedrich in ihre letzten Stunden und sie durfte in den Armen von Tomas sterben. Ihr Leben war erfüllt. Und es war letztlich auf keinen Fall vergebens gewesen.
Der alte chinesischen Weise Laotse sagt uns in seinem 16. Spruch im Tao te king:
Vollkommen leer sollen wir werden und zur Ruhe kommen.
Seht, wohin alles Lebende geht: es kehrt wieder um.
Ewigen Gesetzen folgend, geht alles heim zum Ursprung,
zur Heimat der Stille.
Erleuchtete wissen, dass wir in die Ewigkeit zurückgehen.
Wer vom Ewigen nichts wissen will, schließt sich selber aus.
Wer vom Ewigen weiß, wird langmütig, lauter und gütig
und handelt im Einklang mit dem Ewigen und dem Weg.
Der Weg ist die Ewigkeit. Sterben ist nicht das Ende.
Ich danke allen, denen es wichtig war, Elke P- die letzte Ehre auf Erden zu erweisen und sie gleich zum Grab zu begleiten, zum Grab, von dem wir dann sagen können: Hier liegen Elke P. und ihr Ernst. Es gilt nun Abschied zu nehmen von Elke, um die wir uns keine Sorgen mehr machen müssen. Unter normaleren Umständen wäre sie gerne noch eine Weile bei uns geblieben, sie hätte uns noch vieles sagen wollen und sie hätte zu gern auch wieder lachen gelernt – ich erinnere mich an ihr Lachen aus viel früheren Jahren.
Ihre Zuwendung wird Elke uns jetzt auf eine andere Weise zeigen. Denn wer uns wirklich ans Herz gewachsen war, bleibt uns über den Tod hinaus, sicher in ganz anderer Art, gelöster, heiterer und dann zu unserer Verwunderung nur noch reine Liebe weitergebend, viel stärker und freier, als wir das einander im Leben schenken konnten. Vielleicht muss man dafür schon hinüber sein.
Ich bin sicher, dass viele mit mir sagen können: Danke, liebe Elke, für alles! Ganz wenige, hoffentlich, können mit mir hinzufügen: Auf bald, Elke!
Am Grab: Elke hat diese Gräber über die Jahre von ihrer Wohnung aus gesehen. Sie wird wie Ernst gewusst haben, dass sie einmal hier ruhen werden. Wir freuen uns mit euch über diesen Frieden. Elke, bis wir uns wiedersehen, wird ein Teil von Dir in uns weiterleben – und ein Teil
von uns wird immer bei Dir sein. Das wird auch für einige Menschen gelten, die heute nicht hier sein können.
Ich lade ein, an Elkes Grab das Vaterunser mitzubeten: Unser Vater im Himmel: Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme, dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden…
Elke, Dich Vorausgehende und uns Weiterlebende segne der allmächtige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

Ines und Oskar und Tomas zuliebe.

Ich wende mich an euch und an Sie als die Angehörigen und Freunde von Tomas T.: ich will versuchen, dieses an sich traurige Beisammensein so zu gestalten, dass Tomas sich über uns freuen würde und es vielleicht sogar eine Weile bei uns aushalten würde.

Ich heiße H. B. und ich komme mit meiner Frau aus Göttingen. Ines und Tomas und die damals noch kleinen Mädchen Carolin und Ulrike kamen vor genau fünfzehn Jahren in unser Haus – wie Tausende aus den gerade geöffneten Grenzen der DDR zu westdeutschen Familien auf Besuch kamen. Soll das etwa ein Zufall gewesen sein? Wir mochten uns auf Anhieb.
Ines hat mich vor ein paar Tagen gefragt, ob ich Tomas zuliebe kommen und die Trauerfeier mitgestalten würde. Sie weiß, dass ich das manchmal in einem anderen Rahmen tue. Umgekehrt hätte ich es aber eher für wahrscheinlich gehalten und der redegewandte Tomas, immerhin fast dreißig Jahre jünger als ich, hätte auf bei meiner Trauerfeier sicher ohne Anstrengung eine kleine Rede gehalten. Es ist nun anders gekommen, aber trotzdem habe ich den Mut, auch dieses Wegstück mit ihm zu gehen. Ich finde es schön, dass Sie sich das auch vorgenommen haben.
Sie haben es gleich am Eingangslied der irischen Sängerin Enya und ihrer Band gehört, dass dies ein besonderes Abschiednehmen werden wird. Das Lied heißt „Erinnerung der Bäume“ und von der Sängerin und Komponistin Enya werden wir später noch ein Lied hören; dazu werde ich Ihnen dann vorher eine deutsche Übersetzung geben.
Versuchen Sie sich bitte Tomas zuliebe vorzustellen, dass Sie zu seinem Geburtstag gekommen wären. Tomas wäre gestern nämlich vierundvierzig geworden und er hätte es sicher glücklicher gefunden, dass wir uns irgendwo anders treffen würden als an diesem Ort, der daran gewöhnt ist, dass hier Menschen Abschied nehmen.
Es würde ihm sehr unbehaglich sein, wenn wir hier wie Trauergäste sitzen und die Taschentücher vollheulen würden. Wozu denn bloß – würde er sagen, ich bin doch jetzt fein raus, ihr könnt mich höchstens beneiden, versucht das mal!
Ihr kennt mich alle, möchte er sagen. Aber das stimmt nicht so ganz, denn, würde er sagen, ich kenne mich ja selbst nicht voll und es gibt wohl keinen, der mich wirklich kennt.
Was ist überhaupt unsere – jetzt muss ich ja sagen: Was ist denn eure Wirklichkeit? Vor vielen hundert Jahren hat ein japanischer Mönch und Dichter geschrieben: „Seit ich weiß, dass die Wirklichkeit nicht wirklich ist, glaube ich auch nicht mehr, dass meine Träume nur Träume sind.“
Ich hatte so viele Träume – würde er wohl sagen. Gute und Schlimme. In den guten war ich „der große Tomas T.“, der alles konnte, dem alles gelang. Der nur Freunde hatte und den alle mochten.
Ganz so war es aber nicht. Jedenfalls nicht in dieser verdammten Wirklichkeit, in die ich immer hinein musste, als Kind meiner Eltern, als Schüler, als Student, als Volksarmist, als Lehrer, als Mann, als halber Vater und als ganzer Vater – nein, ganz war ich es nie. Aber nicht, weil ich es nicht sein wollte. Ich wollte immer, ich wollte so vieles, vieles konnte ich ja auch – ihr kennt vielleicht meine Behauptung: „Wenn es sein muss, kann ich ein Kellerloch zuschweißen.“ Hätte ich auch gekonnt. Ich konnte ja viel und hab es oft bewiesen.
Wer bei einem Holzhandwerker aufwächst, lernt eine Menge: das Material verstehen, richtig behandeln, die Lehrbücher dazu studieren, einen Plan machen, einen Entwurf und dann solide und verbissen arbeiten, bis es passt und sozusagen Hand und Fuß hat. Denn alles muss passen und die Leute nach uns sollen spüren, dass wir es anständig und solide gemacht haben.
Viele von euch haben mich gemocht, wohl, weil ich ehrlich war, weil ich lustig und gesellig war und immer Witzchen draufhatte und oft zu einer guten Stimmung beigetragen habe, auch mit dem Akkordeon.
Ich wollte nie einsehen, dass ich das nicht auf Dauer durchhalten konnte, immer den starken Mann zu spielen, immer zu sagen, wo es lang geht, immer alles nach meinem Willen durch-setzen…Tief innen war ich anders. Irgendetwas war in meiner inneren Mechanik gelockert, die Zahnräder griffen nicht mehr richtig ineinander und es lief nicht mehr, wie es bei anderen lief und läuft. War ich daran allein schuld oder begann das irgendwann schon als Kind oder als junger Mann?
Natürlich ist meine Entwicklung davon beeinflusst worden, welche Ansprüche an mich gestellt worden sind. Und wie übergenau ich sie ernst genommen habe. Ich wollte ein rechtschaffener Junge sein, ich wollte einen angesehenen Beruf ergreifen; ich habe studieren können, ich bin Lehrer geworden und das war ich gern und die Kinder haben das gespürt und sie mochten mich.
Dann kam die Grenzöffnung, die Schleusen öffneten sich nach drüben und umgekehrt. Ich wollte mitschwimmen, aber ich konnte nicht; ich wunderte mich über die Menschen, über die Kollegen, die anscheinend mühelos eine Kehrtwende hinkriegten und ab 1990 eine völlig andere Pädagogik umsetzen konnten. Ich konnte das nicht; ich fand das unehrlich und unehrenhaft und habe die Konsequenzen auf mich genommen.
Ja, vielleicht war das vorschnell gewesen, vielleicht sind die Gäule mit mir durch-gegangen. Ich habe es nicht bereut, aber vielleicht war diese Entwicklung der Anfang vom Ende.
Denn von da an ging´s bergab. Eigentlich war es schon mal früher bergab gegangen. In meinem früheren Leben war ich mit einer Frau verbunden; wir hatten drei Kinder, ein Mädchen, zwei Buben, aber die Kinder konnten uns zuletzt nicht mehr zusammenhalten; am Tag der Geburt des jüngsten Buben hielt ich es nicht mehr aus und zog aus.
Susanne wird mir das nie verziehen haben, meine Eltern auch nicht; sie waren über mein für die anderen nicht verstehbares Verhalten so entsetzt, dass sie mich danach nicht mehr sehen wollten.
Es war nicht das einzige Mal, dass ich aus einer Situation fliehen musste. Ich kann das nicht genauer erklären und das nicht aus Feigheit – ich weiß nicht, was mich trieb. Ich will das auch nicht als Entschuldigung in Anspruch nehmen, dass auch der große und mit Weimar und diesem Land so verbundene Goethe mehrere Male aus einer Beziehung geflohen ist und das auch nicht gescheit erklären konnte. Aber ich hatte es in vielem schwerer als das Glückskind Goethe, von dem ich als Deutschlehrer viel erzählt habe.
Ihr kennt das ja: Wer selbst Schläge austeilt, verträgt oft selbst keine. Mich hat der Rausschmiss aus dem Elternhaus tief getroffen; das war eine Wunde, die sich nie geschlossen hat. Ich habe mich heftig gegen die Einsicht gewehrt, dass sie wohl Recht hatten mit ihrer Empörung und Verachtung. Und ich hatte keine Übung darin, so etwas einzustecken und daraus irgendetwas zu lernen und dann zu ändern. Ich wollte ja immer mit dem Kopf durch die Wand.
Es gibt einige „Zufälle“ in meinem Leben. Zufällig war ich der Klassenlehrer der Tochter Carolin von Ines. Ich besuchte die Mutter und Carolin zuhause, rein dienstlich und nebenbei als Beweis dafür, dass ich meine Lehrerrolle sehr ernst nahm; aber die nächsten Besuche waren nicht mehr streng dienstlich. Bei dieser Frau lebte ich auf, sie hat mich geheiratet; ich hatte eine glückliche Zeit mit ihr, lange Zeit jedenfalls.
Es gab viel zu tun, ich hatte immer viele Pläne, aber irgendwer hat mir immer dazwischen gepfuscht und verhindert, dass mir – außer, was ich mit meinen Händen gemacht hatte – etwas dauerhaft gelang. Es war da eben sehr oft irgendeiner, der mir zuredete und mir eine Flasche hinhielt und „Prost“ sagte.
Es half oft, mich zu betäuben, aber das hatte seinen Preis. Ich spielte mit vielem – und ich habe vieles verspielt.
Intelligenz, Wissen, Mut, Unternehmungsgeist, Durchsetzungswillen, unerschöpfliche Ideen, Talent zum Improvisieren – daran fehlte es nicht. Aber in meinem Leben war es oft so, vielleicht sogar immer – wie es der Dichter Hölderlin in zwei Worten gesagt hat, die man erst spät begreift, obwohl sie so schlicht sind: „Etwas fehlt.“
So war es wirklich: Alle Chancen waren da; die Bedingungen zum Durchbeißen waren nicht so schlecht, aber es war wohl so, dass ich mir selbst oft im Weg stand.
Ich habe viel Schönes erlebt und genossen, aber ich bin eben auch zum Beispiel Soldat der Volksarmee gewesen, eingeschworen auf unbedingten Gehorsam und auf blindes Bejahen aller Befehle. Man hatte mich an die Grenze abkommandiert. Und was unser täglicher Dienst dort einschloss, konnte ich später keinem richtig erklären. Jedenfalls hat mich manches Erlebnis bis in meine Träume verfolgt. Bei der Bewältigung dieses Problems konnte mir keiner helfen – und es wurde nicht leichter mit der Zeit und erst recht nicht mit der totalen Umstellung auf die ungewohnte Demokratie.
Ich liebte meinen Beruf und ich war auch stolz auf ihn – aber seit der Wende mochte ich ihn nicht mehr; ich wollte nicht mehr Lehrer sein und den Kleinen sagen, an was sie glauben sollten. Meine Freunde haben mich in mehreren Ersatzberufen erlebt, mal als Kabelstecker, mal als Tankwart. Übrigens hatte ich auch schon früher mal aussetzen wollen als Lehrer. Warum? Ja warum?
Von Autos verstand ich was und kriegte sie, jedenfalls bevor sie aus lauter Elektronik bestanden, immer ans Laufen. Wie wurde ich bewundert, als ich aus Ersatzteilen und aus Schrottstücken schon mit 18 Jahren meinen ersten Wartburg zusammen gebastelt hatte. Und mein Freund und Cousin und ich hatten mit die ersten Mopeds.
Chef eines Unternehmens wäre ich zu gern geworden. Ich fühlte mich einige Male in meinem Leben wie „der große Tomas T.“, aber in den letzten Jahren immer öfter als Außenseiter, der anderen nichts bedeuten kann, der nichts mehr richtig durchhalten kann und der innerlich sehr, sehr einsam war. Ich konnte das keinem sagen. Auch nicht, dass manchmal die Vögel durch meinen Kopf flogen und dass ich manchmal und dann immer öfter in tiefem Nebel stak.
Ines und ich wollten noch einmal ein Kind. Unser Oskar war ein Wunschkind und die Zeit der Schwangerschaft und des Wartens auf dieses Kind war sehr schön für uns beide. Diesem werdenden Leben zuliebe habe ich mich durch eine schmerzhafte Entsagung gequält – und das bis zur miterlebten glücklichen Geburt durchgehalten, länger allerdings nicht. Ich werde in Oskar und in meinen anderen Kindern weiterleben, das ist mehr als ein Trost. Meine Kinder werden es ohne mich leichter schaffen, glücklichere Menschen zu werden.
Ich wollte nie wahrhaben, dass ich krank war und dass es schlimmer mit mir wurde. Hätte ich nicht eine Schwachheit zugeben müssen? Außerdem hatte ich vor immer mehr Angst. Schon lange stand eigentlich fest, dass ich immer einen Menschen brauchte, der mich auf die Spur setzte, wie Kinder eine Spielzeug-Lok. Ich brauchte auch immer öfter einen Anschub, aber sollte ich das zugeben? Ich hatte nicht gelernt, Gefühle zu zeigen und zuzugeben. Die Worte „Verzeih mir“ habe ich gegenüber den vielen, die ich verletzt habe, nie über die Lippen gebracht – auch meine Frau hat sie nach vierzehn Ehejahren zum ersten Mal von mir – gelesen.
Ich flüchtete mich in meine Hilfsmittel. Ich betäubte alles. Und sah durch dichter werdende Schleier, dass ich helfen wollende Menschen verletzte, dass ich sie zurückstieß und mich dadurch immer mehr isolierte. Gesundheitlich spürte ich, dass mir nicht zu helfen war. Die Sehnsucht wuchs, ein ganz anderer zu werden und frei zu werden von allem, was mir hier so schwer geworden war.
Hört mal dem Reinhard Mey zu – er ist über zwanzig Jahre älter als ich und er gehört zu den älteren Menschen, zu denen ich mich stark hingezogen fühlte. Sein Lied heißt, was ich immer werden wollte und jetzt endlich bin: Frei.“
Das Buch eines für uns namenlos gebliebenen weisen jüdischen Mannes ist über zweieinhalb-tausend Jahre alt – und ich finde einige Sätze darin immer noch sehr aktuell: Er teilt uns aus seiner Lebenserfahrung mit:
Alles, was auf der Erde geschieht,
hat seine festgesetzte Zeit:
Geboren werden und sterben,
einpflanzen und ausreißen,
töten und Leben retten,
niederreißen und aufbauen,
weinen und lachen,
wehklagen und tanzen.
Steine werfen und Steine aufsammeln,
sich umarmen
und sich aus der Umarmung lösen,
finden und verlieren,
aufbewahren und wegwerfen,
zerreißen und zusammennähen,
schweigen und reden.
Das Lieben hat seine Zeit und auch das Hassen,
der Krieg und der Frieden.
Hier, in der Halle des Abschiedsnehmens, werden wir geradezu verführt, über das Ende des Lebens nachzudenken. Warum ist denn schon Schluss, warum musste dieses Leben schon enden und so enden? Der geniale Schriftsteller Kurt Tucholsky soll, bevor er (hauptsächlich aus Verzweiflung über die vom deutschen Volk unbegreifbar unterstützte und deshalb erfolgreiche Führerschaft des verbrecherischen Hitler) seinem Leben ein Ende bereitet hat, gesagt haben: „Soll das alles gewesen sein?“
Immer haben Menschen, meist im Rückblick, über den Sinn von Leben nachgedacht und über den Sinn des Todes. Beides hängt eng miteinander zusammen, aber doch wollen wir immer eine Trennungslinie sehen und deuten. Der griechische Philosoph Sokrates, der mit heuchle-rischen Gründen von der Obrigkeit gezwungen wurde, einen Giftbecher zu trinken, hat gesagt, was Tomas T. genauso hätte sagen können: „Nun aber ist es Zeit, dass wir unseren Weg gehen: ich um zu sterben, ihr, um zu leben. Welches von beiden das Bessere ist, wissen nur die Götter.“
Tomas T. hat immer wieder einen Anfang gemacht, er wollte so oft wieder vergessen machen, was er angerichtet hatte – auf seine oft schwer verstehbare Art. Seine innere Kraft reichte nicht aus, besonders in den letzten Jahren nicht.
Wir hören noch einmal die Ihnen sicher auch eingehende Stimme und Musik der Irin Enya; sie singt für Tomas und für uns „Once you had Gold.
Du hattest einst Gold, einst hattest du Silber,
dann kam ein Regen aus heiterem Blau.
Immer und ewig, ewig und immer
haben wir Träume und Schatten um uns.
Du siehst, dass Frühling zum Herbst wird,
Blätter werden golden und fallen herab.
Immer und ewig, ewig und immer:
Niemand weiß, ob ein Traum einmal wahr wird,
Träume und Schatten sind immer bei uns.
Lass doch das Dunkel, Schatten, die lauern.
Warum nicht mutig den Blick nach vorn?
Immer und ewig, ewig und immer,
weiß keiner, ob ein Traum einmal wahr wird,
was aus den Schatten und Träumen mal wird.
Kein Leben ist umsonst. Kein Leben war umsonst, auch wenn es uns manchmal so scheint. Und aus jedem Tod könnten wir etwas lernen wie aus einer letzten Botschaft an uns: Macht mehr aus eurem Leben, verschwendet es nicht: jeder Tag ist ein kostbares Geschenk.
Vielleicht werdet ihr das geheimnisvolle Wunder erleben, dass der Mann und der Vater und der Vertraute, jetzt, wo er weg von euch ist, wieder viel näherkommt. Und dann ohne Ballast, ohne die vielen Probleme, die ihm das Leben schwer gemacht und immer mehr verdorben haben.
Vielleicht kommt ein neuer Tomas auf euch zu, vielleicht ganz besonders auf Ines und Oskar; er redet mit euch und hört euch zu und ist einfach in der Nähe und eben gar nicht für immer fort. Nicht, wenn ihr das wollt und zulasst.
Wir haben Grund dafür, dankbar zu sein, dass wir diesen wertvollen Menschen gekannt haben und wir dürfen auch stolz darauf sein, dass er uns mochte und gern bei uns war.
Wir gehen gleich mit der Urne seiner Asche auf den Friedhof. Und das folgende Lied soll uns helfen, uns dabei nicht zu traurig zu fühlen. Tomas würde sich freuen und uns zulächeln.
Das Schmidt Barock Sextett spielt für Tomas und für euch ein Lied von John Lennon und Paul McCartney: Penny Lane.
Am Grab: Ich lese ein (von mir übersetztes) Gedicht des portugiesischen Dichters Ruy Cinatti:
Wenn ich fort muss, wenn ich abreisen muss
– dann aber vereint mit Leib und Seele -,
wenn ich euch verlasse,
dann werde ich mit letzter Anstrengung
in ein anderes Leben geboren:
Meine Puppe stirbt nur von mir ab, um mir Neues zu öffnen.
Dann endlich werde ich mir gehören,
meine Tränen werden nach dem immer Erträumten schmecken,
und ich allein werde über meine Freiheit entscheiden.
Mein Platz unter euch wird sich verändern,
aber mein letztes „Lebt wohl“ gilt euch, die ihr bleibt,
mit meinen Segenswünschen.
Ein Schiff entführt mich für immer ins Weite.
Aber in den Herzen der Menschen,
die mich liebten, und so, wie sie mich am liebsten sahen,
bleibe ich für immer. Ganz bestimmt


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