3Minuten Drama

3-Minuten Drama


Drama!

ship, beach, sea

 Thilde am Telefon

Drei-Minuten-Stück von © Willem de Haan: Thilde am Telefon. Mit Susan
Die Begleitmusik zu diesen Szenen laden (oder denken) Sie sich dazu. Nehmen Sie Ihre Fantasie dazu und spielen Sie z.B. diese Szenen mit einem lieben Menschen nach.2 Frauenstimmen, eine aus einem offenbar belebtem Café, eine zuhause, Musik.

Thilde: Büro des Kardinalpräfekten, Gott zum Gruß!

Susan: Hallo Thilde! Ich bin die Susan.

Thilde: Ach, Susan, wie schön! Bist du wieder im Land? Du warst doch eine Weile in Manchester?

Susan: Ja, das hab ich aufgegeben. Eine furchtbare Stadt, ein furchtbarer Job!

Thilde: Tja, manches
bleibt eine Episode in unserem Leben. Gibt es Michael noch in deinem Leben? (Beide Frauen sprechen
seinen Namen englisch aus.)

Susan: Ja, denk dir nur: Wir lieben uns immer noch. Trotz der langen Trennung und der Entfernung.

Thilde: Und wo lebt ihr?

Susan: Wir sind immer unterwegs, wie Nomaden. Oft in München, letzthin eine Woche in New York, vier
Tage in Budapest, danach Berlin, auf einen Sprung nach Hamburg; da bin ich grade.

Thilde: Und das macht ihr alles zusammen?

Susan: Ja, jetzt wieder – nach ein paar Wochen Unterbrechung. Mir ist es wichtig und es ist schön mit
ihm. Und Michael gefällt es wohl auch. Manchmal kann ich ihm sogar helfen.

Thilde: Was macht er denn als TV-Journalist?

Susan: Er hat sich gerade auf Dicke spezialisiert.

Thilde: Sag das noch mal: Auf Dicke?

Susan: Ja, er macht überall Filme über dicke Menschen, dicke Kinder, dicke Schwangere, dicke Alte…
Sie haben das im Sender bestellt, also macht er es.

Thilde: Und dabei seid ihr beide gertenschlank…

Susan: Ja, aber dafür tun wir nichts. Wir essen viel und ganz normal.

Thilde: Märchenhaft. Und: Seid ihr glücklich?

Susan: Wirklich! Aber ich muss eben den Kompromiss mitmachen…

Thilde: Sag bloß: Ihr lebt wieder zu dritt?

Susan: Ja, immer noch. Das geht nicht anders. Esther ist immer dabei, fast immer.

Thilde: Stell ich mir schwierig vor. Vertragt ihr euch denn?

Susan: Ja, das geht problemlos. Ich habe mich dran gewöhnt. Und Michael sowieso.

Thilde: Ihm wird das gefallen – fänden wahrscheinlich die meisten Männer gut: Zwei Frauen sind besser
als eine.

Susan: Findet Michael auch. Und es geht tatsächlich.

Thilde: Tagsüber kann ich mir das so grade noch vorstellen, aber nachts…

Susan: Was soll daran schwierig sein! Wir akzeptieren uns und Michael auch. Es gibt keine Eifersucht:
Jede kann Michael haben und er kann jede von uns haben. Und keine schaut einfach nur zu. So schlecht
ist das wirklich nicht, sag ich dir.

Thilde: Aber gewöhnungsbedürftig. Wie lebt ihr denn zu dritt in den Hotels?

Susan: Der Sender zahlt gut. Wir nehmen meist eine Suite. Da haben wir viel Platz.

Thilde: Und keiner hat das Gefühl, zu kurz zu kommen? So was wir Rivalität kennt ihr nicht?

Susan: Keine Spur. Wir mögen uns doch alle. Und Esther war schon immer meine Lieblingsschwester.

Thilde: Hm. Du müsstest mal einen Vortrag darüber in unserm Frauenclub halten. Vielleicht ist das ja der
Weg der Zukunft.

Susan: Ach, ich weiß nicht… Ich bin auch nicht sicher, ob ich das ewig mitmache.

Thilde: Stell dir mal vor, es passiert Michael was – gleich fällt der Verdacht auf eine von euch.

Susan: Stimmt genau. Deswegen sind sie ja hinter mir her.

Thilde: Was? Wer? Ist denn was passiert?

Susan: Das wissen wir nicht. Aber er ist verschwunden.

Thilde: Erzähle!

Susan: Wir sind vorgestern hier angekommen. Anständiges Hotel, interessante Stadt; wir haben uns
Hand in Hand einen Bummel gegönnt, Kleinigkeiten gekauft, gepflegt gegessen, getrunken… Wir waren
richtig in schöner Stimmung, als wir ins Bett krochen. Und wie meistens waren unsere Liebesspiele lustvoll und schön…

Thilde: Und dann?

Susan: Esther schläft immer lange, besonders, wenn sie viel Wein getrunken hat. Ich musste gegen
sechs mal aufstehen – und da war er schon weg.

Thilde: Bisschen früh für ´nen Hafenbummel, oder?

Susan: Dachte ich auch, aber er hat schon mal solche Einfälle…

Thilde: Was hast du gemacht?

Susan: Ich hab Esther geweckt und sie gefragt, ob er ihr was gesagt hat. Hat er aber nicht.

Thilde: Dann seid ihr ins Grübeln gekommen…

Susan: Und wie! Wir sind dann runter zum Empfang, haben die Crew dort aufgeschreckt – keiner hatte Michael gesehen.

Thilde: Hatte er denn einen Schlüssel?

Susan: Ja, wir hatten alle drei einen Schlüssel für die Suite und für die Hoteltüre…

Thilde: Wie lange ist das alles her?

Susan: Gestern früh. Wir wissen immer noch nichts.

Thilde: Ein Verbrechen? Wart ihr bei der Polizei?

Susan: Ja, gestern Abend und heute Morgen. Weißt du, was der Polizeimensch sagte?

Thilde: Ich kann´s mir denken: Er tippt auf eine andere Frau.

Susan: Genau. Aber das ist unbegreifbar. Er hat doch zwei Frauen. Und wir haben ihn nicht verhungern
lassen.

Thilde: Hm. Und verdursten?

Susan: Wie meinst du das?

Thilde: War nur so hingesagt. Ich trau es ihm auch nicht zu. Aber – andererseits: Es wäre das Übliche.

Susan: Wir können es immer noch nicht glauben. Aber es sieht ganz so aus.

Thilde: Hat er seine Sachen im Hotel?

Susan: Das Meiste hatte er noch im Auto, sein Filmzeug und sogar einen Kleidersack. Das Auto ist natürlich auch weg.

Thilde: Natürlich. Was macht ihr jetzt?

Susan: Wir warten noch bis morgen, dann fragen wir mal im Sender nach.

Thilde: Klar, dort wird er sich melden.

Susan: Hat er auch schon. Die Polizei hat das heute schon rausgekriegt.

Thilde: Dann wird die Sache doch durchsichtiger…

Susan: Eigentlich ja, nur…

Thilde: Was, nur…?

Susan: Eine Redakteurin im Sender fehlt auch, seit vorgestern schon. Es ist seine Redakteurin. Sie hat Urlaub genommen. Einem Kollegen hat sie gesagt, sie wollte nach Barbados.

Thilde: Tja, was macht ihr jetzt? Nachfliegen lohnt ja wohl kaum?

Susan: Wir sind erst mal ausgezogen aus dem feinen Hotel. Michael hat natürlich sein Geld mitgenommen und alle Kredit-Karten.

Thilde: Gründlich, wie er ist… Und jetzt habt ihr einen Engpass?

Susan: Genau. Wir haben nur Restbestände auf unseren Konten. Eine Weile reicht es, aber wir müssen
scharf kalkulieren. Übrigens bekam das Hotel eine Mail von ihm: Der Aufenthalt kann bei ihm abgebucht
werden.

Thilde: Schön, aber dabei darf es nicht bleiben. Bleibt ihr zusammen?

Susan: Aber ja. Das ist leichter.

Thilde: Könnt ihr irgendwelche Ansprüche geltend machen? Kann er einfach so davonkommen?

Susan: Wir haben nichts in der Hand.

Thilde: Schlimme Sache. Und: Was lernen wir daraus?

Susan: Ach, Thilde. Es ist alles so doof.

Thilde: Ja, aber ob es nicht ein „Ende mit Schrecken“ ist, jedenfalls ein Ende?

Susan: Aber warum! Es ging doch alles so gut. Und alle fanden es gut.

Thilde: Sagst du.

Susan: Sagt auch Esther. Es gab nicht den winzigsten Hinweis…

Thilde: Jetzt wollt ihr sicher die Redakteurin ermorden?

Susan: Erst mal. Und dann natürlich ihn.

Thilde: Armer Kerl. Armes Paar. Ist die Rache das auch wert?

Susan: Was meinst du? Wir haben genug Wut im Bauch…

Thilde: Glaub ich sofort. Ruf mich jedenfalls gleich nach deiner Entlassung an.

Susan: Welche Entlassung?

Thilde: Deine. Eure. Ihr werdet ja nach 15 Jahren freikommen. Auch wenn ihr lebenslänglich kriegt. Allerdings – wenn ausländisches Recht gelten würde, sehe ich schwarz…

Susan irgendwie überlegen: Wenn! Wir haben anderes vor.

Thilde: Verdammt! Wollt ihr unbedingt Schlagzeilen machen? Wollt ihr sie abmurksen und dann ins Meer springen?

Susan lacht laut, lange und unheimlich; sie beendet das Gespräch.

Thilde, nachdenklich: Da muss ich doch was tun. Die machen doch alles nur schlimmer. Und außerdem
– ich bin jetzt Mitwisser … Sie putzt sich die Nase, wählt dann eine kurze Nummer.

Die Angerufenen melden sich: Polizei-Leitstelle, guten Tag. kleine Pause. Hallo, was ist Ihr Anliegen?
Musik.
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Thilde am Telefon. Ein Drei-Minuten-Stück von © Willem de Haan
Mit dem Sekretär des Bischofs.
(Wie bei ihr üblich, meldet sich Thilde mit einem schnell erfundenen falschen Namen)
Thilde: Parteibüro der weißen Tigerinnen, ich bin nur die Aushilfskraft
Anrufer: Ich grüße Sie herzlich. Gar manche Aushilfskraft kam unverhofft groß raus. Ich höre Ihrer
Stimme an, dass Sie die Welt bald in Erstaunen versetzen werden.
Thilde: Sie sind ein Hellseher? Sicher im Dienst einer Firma?
Anrufer: Nein, nein, wir arbeiten rein gemeinnützig. Ich bin der Sekretär Ihres Bischofs.
Thilde: Dann werden Sie bald verhungern. Mein Bischof zahlt keine Gehälter mehr. Haben Sie noch eine
Ersatz-Masche?
Anrufer: Ich sagte die Wahrheit. Ich diene Bischof Martius. Und in seinem Auftrag rufe ich Sie an.
Thilde: Will er meinen Pflaumenkuchen kosten? Er kam grade aus dem Backofen.
Anrufer: Ich rieche den Duft förmlich. Sie arbeiten für die Partei der weißen Tiger?
Thilde: Tigerinnen bitte. Wir kämpfen gnadenloser. Aber Sie vertreten vielleicht eine ganz besondere
Männerwelt. Ich habe Ihren Namen gar nicht verstanden.
Anrufer: Tinnefeld, Werner Tinnefeld.
Thilde: Sie haben sicher einen Ehrentitel – soll ich Eure Enthaltsamkeit sagen?
Anrufer: Ein köstlicher Scherz. Manche sagen „Monsignore“ zu mir, aber das sind dann Original-Katholiken.
Thilde: Also, dass ich kein Schäfchen dieser Sorte bin, haben wir schon geklärt.
Anrufer: Umso wertvoller sind Sie mir, verehrte Dame. Wir werben nämlich gerade um das Interesse…
Thilde: Was soll ich kaufen?
Anrufer: Sie misstrauen mir immer noch. Aber ich will Ihnen wirklich nichts aufschwatzen, Frau…
Thilde: Wir sind vielleicht beide Sekretäre.
Anrufer: Ich hatte gleich so ein kollegiales Gefühl. Uns geht es um Ihre Mitwirkung bei einer gemeinnützigen Stiftung gegen Gefühlsmissbrauch.
Thilde: Also gegen Heuchelei, gegen Frauenunterdrückung und Kinderschändungen…
Anrufer: Genau, das sind unter anderen unsere Ziele. Ich spüre, Sie denken konstruktiv mit, Frau…
Thilde: Sagen Sie Schmitz.
Anrufer: Verehrte Frau Schmitz,
Thilde: Sind Sie denn sicher, dass ich eine Frau bin? Sie leben doch in einer Männerwelt.
Anrufer lacht: Ich habe zwei Schwestern und wir sehen uns oft.
Thilde: Richtig, Sie tragen ja auch Frauenkleider.
Anrufer: Nur als liturgische Obergewänder – das ist Tradition. Wir wollen mit der neuen Stiftung Auswüchse unserer Zeit bekämpfen, beispielsweise das Kampftrinken unter Jugendlichen und ihre verbreitete Neigung zu kurzen und häufig wechselnden Beziehungen. Thilde: Höre ich ein bisschen Neid heraus?
Anrufer: Aber nicht im Mindesten. Ich finde es nur sehr schade, dass die jungen Leute sich so vieles
verbauen und voraussehbar mit schlimmen Folgen für unsere Gesellschaft.
Thilde: Wie wollen Sie das ändern? Denken Sie an Fotos auf Bilderwänden, Androhungen von Qualen
in der Hölle, öffentliches Verbrennen und ähnlich bewährte Abschreckungen? Anrufer: Wir denken an
positive Aufklärung, an Überzeugungsarbeit mit Stars aus dem Sport und der Musik…
Thilde: … und dem Predigen von Enthaltsamkeit. Auf welchem Gebiet können Sie sich als leuchtendes
Beispiel hinstellen?
Anrufer: Das wollen wir gar nicht. Wir wollen nicht von oben herab empfehlen.
Thilde: Und womit wollen Sie gegen den One-night-Stand angehen?
Anrufer: Mit Liebe. Wir wollen für die Liebe unter den jungen Menschen werben und die sehr kurzen
Beziehungen…
Thilde:.. abschaffen? Recht so? Aber gibt es nicht ein Verhütungsproblem?
Anrufer: Sie haben vollkommen recht? Aids ist die Bedrohung unserer Zeit.
Thilde: Dagegen, glaube ich, schützt am wirksamsten Latex.
Anrufer: Wir kennen ein wirksameres Mittel: Enthaltsamkeit vor der Ehe.
Thilde: Finde ich riskant. Nur um die Freuden der Liebe zu erleben, sollen alle heiraten? Wollen Sie noch
mehr Scheidungen provozieren?
Anrufer: Natürlich nicht, aber wir…
Thilde: … theoretisieren zu gern, nicht wahr? Manche vermuten, dass Sie anderen nicht gönnen, was
Sie selbst auch nie erleben…Ich muss Sie abhängen, verzeihen Sie. Ich muss jetzt endlich unser Mittagessen bereiten. Viel Glück für Sie – normalerweise wünsche ich „Gesundheit, Glück und Liebe“ –
suchen Sie sich aus, was Sie brauchen …
Musik (vielleicht Orgel).

Thilde am Telefon. Mit Mary. Drei-Minuten-Stück von © Willem de Haan
Musik und einführende Worte wie immer. Thilde und Mary telefonieren. Nach dem Klingeln
meldet sich Thilde mit amtlich klingender Stimme:
Steuerfandung, Entscheidungsabteilung, Marita Schneidewind – Ihre Steuernummer bitte!
Mary: Ach Thilde! Zum Glück erkennt man dich an deiner Stimme. Hier ist Mary. Du, ich brauche dich
ganz dringend; ich bin am Ende.
Thilde: Warte, ich setze mich schnell. Was macht das Leben aus dir? Ist die Liebe zerbrochen?
Mary: Kaputt ist allerhand, aber weniger die Liebe. Sie schluchzt: Hast du ein> Stündchen Zeit für mich,
Thilde…?
Thilde verlegen: Kommt ein bisschen überraschend. Jetzt sofort komme ich in Verlegenheit…
Mary: Ich meine ja auch irgendwann heute. Ach Thilde, es ist so furchtbar…
Thilde: Erzähl schon mal schnell, was passiert ist. Ich muss nur das Radio abstellen. So. Hat er sich
davongemacht?
Mary: Viel schlimmer. Er ist im Krankenhaus.
Thilde unterdrückt ein Losprusten: Wie denn das? Habt ihr euch zu doll geliebt?
Mary: Glaub ich nicht, war alles normal, fast. Wir haben zwischendurch ja auch mal essen
müssen.
Thilde: Na, klar – und dann? Eine Fischgräte?
Mary: Nein, viel schlimmer. Und noch vor dem Essen. Wir gingen die Hoteltreppe hinunter, nur vom
ersten Stock, wir hatten etwas Sekt getrunken, haben ein bisschen gealbert, waren eben übermütig. Er
rutschte aus, fiel ein paar Stufen und schlug mit dem Kopf gegen einen Metallkübel mit einer Palme drin.
Thilde: Mensch, das ist ja was richtig Großes. Blieb er liegen?
Mary: Er war halb bewusstlos und hat geblutet. Ich habe geschrien, das Personal war geschockt, hat
dann aber geholfen, eine Decke gebracht und einer hat telefoniert. Der Notarzt kam auch ziemlich
schnell, hat ihn verbunden und den Abtransport ins Krankenhaus organisiert.
Thilde: War es so schlimm?
Mary: Offenbar. Als sie mich fragten, ob ich seine Frau sei, habe ich spontan “nein” gesagt. Erst als sie
ohne mich abfahren wollten, habe ich losgeschrien: Aber ich bin seine wichtigste Frau! Dann durfte ich
mitfahren.
Thilde: Was für eine Aufregung! Du musstest sicher improvisieren. Und dann im Krankenhaus…?
Mary: Da ging der Ärger richtig los.
Thilde: Wieso denn das?
Mary: In der Notaufnahme lassen sie einen ja immer erst mal im Flur stehen und wenn dann endlich ein
Weißkittel kommt, hat der einen Fragebogen und will Unmögliches wissen. Natürlich auch Name und
Adresse des Ehepartners. Er fragte (sie ahmt seine Stimme nach:) Sind Sie das? Ich musste wieder
„nein“ sagen und habe dummerweise gemurmelt: Ich war nur zufällig in seiner Nähe. Das war falsch. Sie
haben dann bei ihm zuhause angerufen und die Madamm hat einen Riesenzirkus gemacht und ein Taxi
genommen. Ruck-zuck war sie da; ich konnte mich grade noch verstecken.
Thilde: Kennt sie dich denn?
Mary: Nein. Ja. Vielleicht. Wir waren mal auf derselben Party. Ich weiß nicht, ob sie…
Thilde: Hat sie was geahnt?
Mary: Weiß ich nicht. Er hat ja bestimmt nichts gesagt.
Thilde: Aber sie wird es gemerkt haben. Jede Frau deutet das doch sofort, wenn ihr Mann sich öfter
duscht als sonst, wenn er sich Duftwasser auf die Backen streicht und auf einmal auf
gediegene Kleidung wert legt…
Mary: Stimmt: Sie hat mal mein Parfüm an seiner Jacke gerochen. Und als wir mal im Auto – du weißt
schon…
Thilde: Das Übliche! Diese Probleme sind der Preis…
Mary: Das ist jetzt alles nicht so wichtig. Jetzt geht es ihm erst mal körperlich richtig mies.
Die Kopfverletzung war nicht nur ´ne Riesenbeule, sie untersuchen das noch. Zwei Finger sind gebrochen und er hat einen richtigen Schock.
Thilde: Armer Kerl. Aber das kriegen die in der Klinik schon hin. Sag mal: Habt ihr denn den Zimmerschlüssel abgegeben?
Mary: Neiiin! Wollte ich ja grade berichten: Den hatte er noch in der Hosentasche. Kannst du dir denken,
wie die Geschichte weitergeht?
Thilde: Ich ahne es duster. Die Frau fährt ins Hotel. Wo war das denn?
Mary: In Frankfurt. Schönes Haus. Meine Sachen sind natürlich noch im Zimmer.
Thilde: Du hattest doch gleich im Hotel angerufen und die Sache geschildert?
Mary: Klar. Und nach einigen verkrampften Umschreibungen habe ich alles beim Namen
genannt.
Thilde: War sicher richtig. Und: Wollten sie Schweigegeld rausschinden?
Mary: Glaub ich nicht. Aber Madamm war schneller und hatte dann natürlich auch den richtigen Verdacht.
Thilde: Merde! Und jetzt?
Mary: Der Empfangs-Chef hatte mich diskret gewarnt. Aber sie hat Anzeige gegen mich erstattet.
Thilde: Was? Wegen Untreue?
Mary: Halt dich fest: Wegen Körperverletzung. Vorsätzlich oder so was. Es wäre wohl kein Unfall auf der
Treppe gewesen, sondern Folge eines Streits – und ich hätte ihn geschubst… Außerdem fehlt seine
Geldbörse…Ich hab sie natürlich nicht, aber der Verdacht fällt auf mich und sie
behauptet erst mal…
Thilde: Also, Mary, da müssen wir schnell sein: Nimm dir ein Taxi und komm her zu uns. Hier bist du erst
mal sicher und ich kenne eine gute Anwältin.
Mary: Kannst du das verantworten? Mich eine Weile verstecken?
Thilde: Red keinen Quatsch. Komm her und verrate keinem deine neue Adresse.
Mary: Aber ich habe absolut nichts bei mir, nur mein Täschchen.
Thilde: Wir finden schon was. Ich sag erst mal einen Nachmittagstermin ab. Ich mach dir auch schnell
noch was zum Essen. Magst du Ratatouille?
Mary: Und ob. Aber was sagt wohl dein Mann?
Thilde: Kein Problem. Der hat schöne Frauen gern in der Nähe. Wir erzählen ihm natürlich eine andere
Geschichte…
Mary: Natürlich…
Thilde: Also: Eichendorffstraße 73.
Mary: Bin gleich da. Danke!
Musik

Thilde am Telefon: Thilde und Anastasia. Ein Drei-Minuten-Stück
von © Willem de Haan
2 Frauenstimmen, Musik (russische Klaviermusik). Das Telefon klingelt. Wie bei ihr üblich, meldet sich
Thilde mit einer schnell erfundenen Ansage: Partnervermittlung Rosenstrauch.
Sie haben Sehnsucht nach einem kostbaren Schatz?
Anastasia (mit einem etwas hartem, schwer definierbarem Akzent): Oh, bin ich falsch
verbunden? Ich wollte meine Freundin Thilde…
Thilde: Frau Putin, sind Sie`s?
Anastasia lacht: Madonna! Dass du mich mit der verwechselst! Ich bin Anastasia.
Thilde: Du wilde Schönheit! Wir haben ewig lange nicht mehr zusammen gefeiert. Wo bist du?
Anastasia: In Bremen. Aber morgen muss ich schon wieder in München sein. Wie geht es dir?
Thilde: Man hungert sich so durch, sagen die Dicken immer. Und was macht das Leben aus dir? Du
warst doch mit diesem Pianisten aus Kasachstan zusammen, aber das ist wohl zu lange her.
Anastasia: Sehr lange vorbei. Unsere Termine waren zu verschieden.
Thilde: Eure Termine oder eure Temperamente?
Anastasia: Vielleicht beides. Er hatte Konzerte in England und Kanada und ich hatte Drehverpflichtungen
in Italien und Ungarn und Österreich… Hast du meinen letzten Film gesehen?
Thilde: Ich bin nicht sicher. War das die Flugzeuggeschichte?
Anastasia: Nein, es war eine Katzen-Story. Ich musste dauernd mit Katzen schmusen, sie waren überall
im Studiozimmer, sogar in meinem Bett.
Thilde: Aber da war doch sicher noch ein Platz neben dir frei?
Anastasia: Ja, sicher. Aber das war doch nur eine Filmgeschichte. Nur oberflächlich.
Thilde: Aber du hast doch hoffentlich gerade jemand, der die die Füße wärmt!
Anastasia: Im Augenblick nicht – so komisch das klingt. Aber du kommst nie darauf, wie wir uns kennengelernt haben, ich meine den letzten. Das war absolut einmalig.
Thilde: Also auf dem Damen-Klo.
Anastasia: Verdammt, wie kommst du darauf! Beinahe war es so, jedenfalls ganz nahe dran.
Thilde: Erzähle, aber schnell!
Anastasia. Es war in Wien. Wir haben in der Altstadt gedreht. Mittendrin musste ich mal meinen Kaffee
loswerden und bin in ein Hotel gestürzt. Das Klo habe ich gut gefunden. Alles ist gut gegangen. Diese
wunderbare Erleichterung nach der glücklichen Entleerung – schöner als mancher Orgasmus.
Thilde: Ja, kann ich dir nachfühlen. Und dann?
Anastasia: Und dann ging meine Hose nicht mehr zu.
Thilde: Wie das?
Anastasia: Der Reißverschluss! Wie heißt das Ding da dran. Der Griff…
Thilde: Ich verstehe. Der war eingeklemmt?
Anastasia: Ja, war er. Er war ganz unten in einer Falte oder so was umgefallen…
Thilde: So eingeknickt, der Hebel. Kenn ich. Das Biest geht dann nicht mehr zu.
Anastasia: Ich war hilflos. Meine Hose war etwas eng und ich konnte sie nicht auflassen,
aber es war nichts zu machen, der Reißverschluss ging nicht mehr…
Thilde: Und dann? Wie üblich – kein Mensch in der Nähe, der helfen kann?
Anastasia (anfangs laut): Nein! Niemand! Ich war erst ganz ruhig, aber nach ein paar Minuten kam ich
ins Schwitzen. Ich konnte unmöglich so rausgehen.
Thilde: Dann hast du in deiner Tasche gesucht…
Anastasia: Na klar, ich brauchte irgendein scharfes oder spitzes Ding. Aber ich hatte nichts – Spiegel,
Puder, Lippenstift, Pillendose und das Übliche…
Thilde: Alles zu rund oder zu weich!
Anastasia: Kannst du verstehen, dass ich in Panik kam?
Thilde: Warst du denn in Eile?
Anastasia: Na klar, die anderen warteten draußen. Dachte ich jedenfalls. Nachher fand ich sie alle an
der Bar.
Thilde: Und wer half dir aus der Not?
Anastasia: Boris! Irgendwann bin ich hinausgegangen, die Hand vor der Öffnung wie die Venus von Milo.
Thilde: Wie hieß er? Boris?
Anastasia: Ja, er wollte nebenan zum Männer-Klo. Erst begriff er nicht, und dann habe ich gestottert: Ich
krieg ihn nicht mehr zu, den Reißverschluss. Und dann fing er an, in seinen Taschen zu suchen.
Thilde: Ich stelle mir das Bild vor: Ihr beide vor den Klos.
Anastasia: Und dann kamen natürlich endlich noch zwei Frauen. Aber er gab mir sein Schlüsselbund
und hielt mir einen kleinen Schrankschlüssel hin; den sollte ich versuchen.
Thilde: Er hat nicht selbst nach dem Rechten geschaut?
Anastasia: Boris ist ja so diskret! Und…verständnishaft.
Thilde: Verstehe!
Anastasia: Er sagte: Gehen Sie noch mal rein und probieren sie es, notfalls im Sitzen.
Thilde: Und wo ist er geblieben?
Anastasia: Er sagte: Ich bin gleich wieder hier und warte dann auf Sie. Er musste wohl auch dringend.
Thilde: Das Schlüsselchen war die Rettung für dich!
Anastasia: Es war ganz leicht. Als ich glücklich wieder herauskam, hat er mich angelacht.
Ich wollte ihn auf die Backe küssen vor Dankbarkeit, aber er hat gleich zugegriffen und der Kuss wurde
dann ganz anders…
Thilde: Ich sehe euch deutlich vor mir – eine filmreife Szene!
Anastasia: Ich kann mir das gar nicht erklären. Du weißt, dass ich mich nicht jedem an den Hals werfe…
Thilde: Du bist sonst sehr zurückhaltend!
Anastasia: Ja, total! Aber dieser Mann…
Thilde: Und wenn sie nicht gestorben sind…
Anastasia: Was? Wie meinst du das – gestorben?
Thilde: Entschuldige! So heißt es in deutschen Märchen manchmal, wenn alles gut gegangen ist und das
Glück kein Ende hatte.
Anastasia: Im Märchen.
Thilde: Wurde es ein Märchen?
Anastasia: Das war verdammt schwer. An der Bar wartete Pierre. Wir waren ein paar Tage zusammen.
Thilde: Nur Tage?
Anastasia: Natürlich nicht. Aber Boris wollte mich wiedersehen. Ich ihn auch.
Thilde: Von solchen Wünschen leben die Hotels.
Anastasia: Pierre hat sofort gemerkt, dass da was lief mit Boris.
Thilde: Wie das im Kino so geht…
Anastasia: Ich habe ihn dann den anderen vorgestellt, so: Das ist Boris, der Mann meiner Schwester; wir
haben uns zufällig getroffen. Schön, dass ihr auf mich gewartet habt. Trinken wir was zusammen!
Thilde: Und dann war das alles ganz normal – wie das Leben so spielt.
Anastasia: Genau. Irgendwann mussten wir weiter. Er hat mir sein Kärtchen zugesteckt mit seiner Handynummer und…
Thilde: Lass mich raten: Abends spät lagst du in seinem Bett.
Anastasia: Er war ein Wunder von einem Mann. Und wie er roch!
Thilde: W a r ? Du hast ihn doch nicht verlassen?
Anastasia: Es ging nicht anders. Ich musste nach Berlin, er hatte was anderes vor. Aber das Schlimmste
kommt noch.
Thilde: Sag bloß! Hatte er Aids?
Anastasia: Wie kommst du denn darauf? Boris doch nicht!
Thilde: Weiß man`s als Frau?
Anastasia: Ja, gut. Weiß man immer erst Monate später. Aber das ist nicht mein Problem.
Thilde: Er ist verheiratet? Das Übliche?
Anastasia: Nein, nicht so was, weiß ich jedenfalls nicht. Aber zwei Wochen später hab ich entdeckt, dass
meine Visa-Card weg war.
Thilde: Kann passieren. Wieso siehst du einen Zusammenhang?
Anastasia: Als ich das Konto sperren ließ, fehlten Siebentausend Euro!
Thilde: Aber du kannst die Karte doch verloren haben. Wieso verdächtigst du Boris?
Anastasia: Er kannte die Karte. Ich hatte sie ihm mal gezeigt, weil er meinen Namen gedruckt sehen
wollte. Aber ich habe die Card wieder eingesteckt, in meine Geldtasche, hinter dem
Ausweis.
Thilde: Wie lange ist das her? Warst du bei der Polizei?
Anastasia: Ende Juni waren wir noch zusammen. Ich bringe das nicht fertig, ihn anzuzeigen. Er ist ein so
wunderbarer Mann, sage ich dir!
Thilde: Ja, ich weiß. Aber du hast ihn schon genug beschenkt. Das Geld gönne ich ihm nicht auch noch!
Anastasia: Meinst du, es ist zu teuer bezahlt – das Märchen?
Thilde: Hm. Muss ich drüber nachdenken. Eigentlich sind die paar Märchen in unserem Leben schon was
wert.
Anastasia: Und ich mache dann alles kaputt. Und warum? Wegen Siebentausend Euro?
Thilde: Ich glaub, du hast recht! Lass ihn sausen. Und behalte deine Erinnerung!
Anastasia: Ich freue mich so, dass du das auch so siehst, Thilde. Danke!
Thilde: Außer, wenn er doch Aids hatte.
Anastasia: Klar, dann bring ich ihn um.
Thilde: Lern was draus.
Anastasia: Soll ich etwa vorsichtiger sein mit Männern?
Thilde: Nee, hilft ja doch nicht. Mach`s gut, Anastasia! Auf bald mal wieder!
Anastasia: Hat mir gutgetan. Danke, Thilde, Tschüss!
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Thilde am Telefon – mit Silke Ein Drei-Minuten-Stück von © Willem de Haan
2 Frauen telefonieren. Orchestermusik.
Thilde mit sehr verstellter, zittriger Stimme: Hexe Kauka, mitten im Wald. Brauchst du Nachschub?
Silke: Hallo Thilde, klar brauch ich Nachschub, oder vielmehr der Kerl an meiner Seite.
Thilde: Hallo, Silke! Macht er Ärger, nimm dir `n Neuen.
Silke: Als wenn das so einfach wäre! Meistens ist der nächste noch weniger wert.
Thilde: Ja, es ist wie Lotto spielen: Meistens haste kein Glück. Was macht er denn?
Silke: Er duscht dreimal am Tag, nimmt Herrenparfüm, zieht abends neue Socken und neue Unterwäsche
an…
Silke: Die Symptome sind eindeutig: er geht fremd.
Silke: Genau mein Verdacht. Was soll ich machen? Weißt du ein Mittel?
Thilde: Manchmal hilft Konkurrenz.
Silke: Wie meinst du das?
Thilde: Na ja, es ist riskant, aber zuweilen hilft es, den Mann eifersüchtig zu machen.
Silke: Er soll mich mit einem anderen Mann auf der Couch erwischen? Meinst du so was?
Thilde: Nein, das reizt ihn vielleicht nur zum Mord. Wie wär´s mit einer Freundin?
Silke: Er hat doch eine! Das ist ja das Problem!
Thilde: Du sollst ihn eifersüchtig machen mit einer Frau, die dich begehrenswert findet.
Silke schnappt nach Luft: Du, ich bin seit drei Jahren neununddreißig und voll ausgewachsen. Soll ich jetzt
noch lesbisch werden?
Thilde: Nein, natürlich nicht. Wer keinen Sinn darin sieht, soll es lassen. Aber spielen kannst du es doch.
Silke: Hm. Komischer Gedanke. Wär ich nie drauf gekommen.
Thilde: Ich vielleicht auch nicht, aber ich hab jetzt nur mal so gesponnen…
Silke: Darüber muss ich erst mal schlafen. Das ist mir so was von fremd…
Thilde: A propos schlafen. Ist das vorbei?
Silke: Keine Spur. Er kriegt ja nie genug. Aber die Kerle lieben wohl die Abwechslung.
Thilde: Denk mal nach: Was macht die andere anders? Oder ist es nur der Reiz des Neuen?
Silke: Dachte ich auch. Aber es geht schon eine Weile und das wird mir brenzlig.
Thilde: Dass es eine Frau ist, steht fest?
Silke: Was denn sonst! Der ist doch nicht anders veranlagt. Das hätte ich gemerkt.
Thilde: Also schon mal was Erfreuliches. Wann war euer letzter Urlaub?
Silke: Vorigen Winter. Er hat sich beim Skifahren das Bein verstaucht und sehr vor sich hin gelitten.
Thilde: War also nicht viel mit Kissenschlachten und so?
Silke: Er ging am Stock und ich musste ihn stützen. Er litt genussvoll.
Thilde: Wie alle. Hunde sind ähnlich. Sie genießen es, wenn alle sagen: „Was hat denn das arme Hundchen
an der Pfote?“
Silke: Ja, Mitleid futtern sie wie Nuss-Schokolade.
Thilde: Könnt ihr euch dieses Jahr nicht eine Liebesinsel gönnen?
Silke: Er hält sich für unentbehrlich im Geschäft. Kann auch `ne Ausrede sein.
Thilde: Ist gut möglich. Und wenn du eine Reise zu zweit gewinnst?
Silke: Ich gewinne nie was.
Thilde: Lässt sich aber so darstellen. Kannst du sicher mit einem Reisebüro vereinbaren. Du musst natürlich
alles bezahlen. Ist er dir 2000 Euro wert?
Silke: Ja, sicher. Außerdem hätte ich ja auch was davon.
Thilde: Versuch es doch. Aber nimm keine kalte Gegend und eine regensichere. Was hält er von Griechenland?
Silke: Er war schon öfter da. Hat ihm gut gefallen. Auch Kreta. Aber ich vertrage keine große Hitze.
Thilde: April wäre gut. Vorsommer, Orangen blühen und gleichzeitig reifen Früchte. Überall duften Rosen
und die Hotels sind noch nicht voll von Touristen. Gute Zeit für die Liebe…
Silke: Aber er segelt gerne. Tauchen tut er auch gern.
Thilde: Vor allem soll er dich entdecken. Du könntest dich ganz neu geben – zum Beispiel als
Raubkatze, als Hexe, als Zigeunerin…
Silke: Kann man das spielen?
Thilde: Man nicht, aber Frau. Vorbereitung ist alles. Sei eine ganz andere. In Allem: Frisur, Kleidung, Temperament, Fantasie, Essen, Trinken, Abenteuer – fehlt nicht noch was?
Silke: Schon kapiert: Ich soll die Unersättliche spielen. Und wenn das alles nicht hilft?
Thilde: Dann ist das alles keine schlechte Vorübung für deinen Nächsten.
Silke: Was ich nicht begreife, Thilde, warum ist er so?
Thilde: Vielleicht will das die Natur. Warum streunen Kater nachts?
Silke: Sind Männer wie Kater?
Thilde: Daran müssen wir uns gewöhnen, Silke! Aber es gibt einen Trost.
Silke: Was soll uns trösten?
Thilde: Die Kater machen nachts nicht auf andere Kater Jagd. Sie finden merkwürdigerweise immer Katzen,
die nachts eben nicht zuhause in der Sofaecke geblieben sind.
Silke: Warum ist das so? Wie sind wir wirklich?
Thilde: Ich hab so eine Vermutung. Aber frag lieber einen Naturforscher.
Silke: Lieber nicht.
Thilde: Wieso nicht?
Silke: Meiner ist Biologe.
Thilde: Soll er dich mehr erforschen, Silke. Mach es ihm schmackhaft.
Silke: Ich versuche es. Und wenn er nicht mitfahren will?
Thilde: Unwahrscheinlich. Aber in dem Fall fällt uns auch sicher was ein.
Silke: O.K. Ich sag dir Bescheid. Addios Thilde.
Thilde: Viel Glück, Silke. Und schick mir eine Karte aus Kreta!
Silke: Mach ich. Ganz bestimmt.
Thilde: Warte mal, wie heißt er eigentlich?
Silke: Jochen. Aber alle sagen Blacky. Ich auch.
Thilde: Etwa Jochen Bräuner?
Silke: Ja, du kennst ihn?
Thilde (klingt jetzt sehr vorsichtig und reserviert): Nur vom Hörensagen.
Silke: Na, erzähl schnell: Hast du was Schlimmes über ihn gehört?
Thilde: Hast du mal was Gutes von Männern gehört?
Silke: Thilde, sag`s mir jetzt: Weißt du was über Jochen Bräuner?
Thilde: Ach Silke, das mit der Liebesreise war doch keine so gute Idee.
Silke: Wieso auf einmal? Du weißt doch was, was ich wissen müsste…
Thilde: Nein. Nicht wirklich. Wir machen doch alle unsere Fehler lieber selber.
Silke: Aber jetzt würde es mir doch helfen, Thilde. Sag`s mir!
Thilde: Nur so viel: Lass ihn gehen!
Silke: Aber ich liebe ihn doch!
Thilde: Ja, das hab ich befürchtet.
Silke: Also was soll ich tun? Hilf mir doch!
Thilde: Dir ist nicht zu helfen.
Silke: Verdammt noch mal, wieso nicht? Wenn ich mehr wüsste
Thilde: Das würde nichts ändern, Silke! Er ist dein Lover. Und Liebe bringt Leid.
Silke: Amen. Damit steh ich wieder am Anfang.
Thilde: Ja, Liebes. Vielleicht dreht es sich auch nur.
Silke: Wie meinst du das?
Thilde: Es ist ein Kreislauf, glaub ich. Ohne Anfang, ohne Ende – und alles kommt nicht nur einmal vor. Wir
merken es nur nicht. Oder erst viel, viel später.
Silke: Und was hab ich davon?
Thilde: Ein klitzekleines Stückchen Glück, Silke, häppchenweise. Ist das nichts?
Silke:(Man hört erst nur ihren Seufzer und wie sie durch die Nase ihren „Schlusspunkt“ setzt):
Ach, Thilde!
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Thilde am Telefon. Drei-Minuten-Stück von © Willem de Haan: Thilde + Jürgen
2 Stimmen: 1 Frau (Thilde), 1 Mann (Jürgen). Musik
Thilde (haucht verführerisch Callcenter Casanova: Wie kann ich auf Ihre Wünsche eingehen?
Ich bin Genoveva.
Mann: Hallo, Genoveva, was hast du heute an?
Thilde: Du meinst unter dem Seidenschal? Nur mein umwerfendes Parfüm.
Mann: Wie schön für den, der in deiner Nähe sein darf.
Thilde (mit normaler Stimme): Kann das sein, dass wir uns kennen?
Mann: Aber ja. Ich bin der Jürgen.
Thilde: Jürgen… Jürgen – welche Schublade muss ich aufziehen?
Jürgen: Kreta 1997, Köln 2002 …
Thilde: Mensch, Sohn des Apollos. Wo bist du – ich hoffe, auf dem Wege zu uns!
Jürgen: Nein, leider nicht, ich bin in Heidelberg.
Thilde: Hat man dir endlich eine Professur angeboten?
Jürgen: Das steht immer noch aus. Könnte ich auch grad nicht gebrauchen.
Thilde: Also Schlimmeres: Ärger mit dem Finanzamt? Quatsch, sag erst mal, was
das Leben aus euch macht. Maria – wie geht’s Maria?
Jürgen: Bestens, danke. Sie strotzt vor Gesundheit.
Thilde: Da haben wir´s: Du pfeifst aus dem letzten Loch.
Jürgen: Kann gut sein. Ich hab Krebs.
Thilde: Willkommen im Club! Was hast du dir ausgesucht?
Jürgen: Den beliebtesten Männer-Krebs. Ich kann das eklige Wort gar nicht aussprechen.
Thilde: Frühstadium?
Jürgen: Sieht so aus. Kam bei einer Vorsorgeuntersuchung raus. Sofortige Operation wird dringend empfohlen.
Thilde: Habt ihr über andere Möglichkeiten gesprochen? Ich glaub es gibt welche.
Jürgen: Also Maria weiß es noch nicht. Mein Professor meint: Versuchen kann man einiges, aber das Sicherste ist immer noch „raus und weg“. Denn es kann nachwachsen und dann ist Schluss mit lustig.
Thilde: Wie kann ich als Frau und als Laie einen Rat geben?
Jürgen: Als Frau! Deshalb ruf ich dich ja an: Mein Hauptgedanke ist: Wie kann Maria damit fertig werden?
Thilde: Was ist deine Sorge?
Jürgen: Die Operation ist wie eine Kastration. Damit ist alles weg. Nichts mehr mit Lust.
Thilde: Nun mal halblang! Du gehst davon aus, dass du eventuell möglicherweise und vielleicht nicht mehr
wie gewohnt mit Maria schlafen kannst und nebenbei überhaupt Frauen nicht mehr gefährlich werden
kannst.
Jürgen: Thilde, das ist doch vorhersehbar!
Thilde: Sag mal, auf wie viele Art kannst du dir Liebe und Zärtlichkeit vorstellen? Nur auf die eine Art?
Jürgen: Nein, natürlich nicht.
Thilde: Was schätzt du – auf wie viele Arten?
Jürgen: Weiß ich nicht. Zehn vielleicht, zwölf. Das weiß ich auswendig nicht.
Thilde: Versteh ich. Mach dir die Arbeit, schreib es auf, nummeriere und dann streiche das eine Problem
weg. Übrigens: Wer sagt denn, dass das alles vorbei ist?
Jürgen: Der Professor hat mir alle Möglichkeiten geschildert. Er hat so eine komische Formulierung gebraucht: „Es besteht die Chance, dass Sie keine Erektionen mehr haben.“
Thilde: Himmel noch mal! Wird das nicht immer maßlos überschätzt?
Jürgen: Was denn, wie denn? Das sagt eine erfahrene Frau?
Thilde: Ja. Du kannst Maria mehr zumuten. Und du kannst es ihr leichter machen.
Jürgen: Das sagst du so.
Thilde: Jetzt mach keine Riesensache daraus. Hol dir, wenn du unsicher bist, noch ein zweites
Gutachten, aber dann: ran. Krebs wartet nicht untätig.
Jürgen: Du hast da deine Erfahrungen?
Thilde: Sagte ich nicht: Willkommen im Club? Jetzt haben wir genug über Krankheiten geredet.
In einem halben Jahr hast du alles vergessen. Rede sofort mit Maria.
Jürgen: Ich hab Angst davor.
Thilde: Typisch Mann! Wir Frauen halten mehr aus als ihr Kerle.
Jürgen: Dafür werdet ihr auch älter als wir.
Thilde: Eben. Wir machen auch nicht so viel Theater um kleine Problemchen.
Jürgen: Kleine?
Thilde: Ja, kleine! Meinst du nicht, dass Millionen Leute sagen würden: Deine Sorgen möchte ich haben!
Jürgen: Hm. Du gibst mir ganz schön zu denken.
Thilde: Wird ja auch mal Zeit. Sag Maria ruhig, dass wir darüber gesprochen haben. Ich ruf in
spätestens drei Wochen an und frag, wie es aussieht.
Jürgen: Du meinst, ob es mich dann noch gibt.
Thilde: O.K., tu ruhig mal so, als wenn bald Schluss wäre. Ich glaube, das würde uns allen guttun.
Jürgen: Danke, grüß deine Lieben. Schön, dass es dich gibt.
Thilde: Schön, dass du`s merkst, Tschüss und alle guten Wünsche für euch beide.
Jürgen: Tschüss, Thilde.
Musik.

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Thilde am Telefon – Mit Holger
Ein Drei-Minuten-Stück von © Willem de Haan
Das Telefon klingelt. Thilde nimmt das schnurlose Gerät und spricht, während sie ins Wohnzimmer geht:
Thilde: Untersuchungslabor für Infektionen, Schwester Mathilde. Guten Tag. Haben Sie Ihren
Vierteljahresbeitrag schon bezahlt?
Holger: Hallo, Schatz. Mir fehlt nichts. Ich hab nicht mal eine Geschlechtskrankheit,
Thilde: Hätt´ ich auch gemerkt. Aber wer weiß!
Holger: Die Frauen in meiner Umgebung sind auch alle sauber…
Thilde: Woher weißt du das eigentlich so genau? Haben Sie dir das erzählt? Vielleicht, abends, bei den vielen Überstunden?
Holger: Wir sprechen dauernd darüber, mein Herzblatt. Ich wollte jetzt aber was Wichtigeres mit dir absprechen.
Thilde: Weiß schon: du musst heute Abend etwas länger im Büro bleiben.
Holger (lacht): Bis jetzt ist das noch nicht geplant, aber das sage ich dann kurz vorher.
Thilde: Also, was liegt an?
Holger: Ich will mit dir essen gehn.
Thilde: Als Wiedergutmachung wofür?
Holger: Eher vorbeugend. Ich will beim Essen nämlich etwas mit dir besprechen.
Thilde: Eine baldige Dienstreise.
Holger lacht wieder: Neiiin, Es hängt mit einem Angebot von Steffen Angendorf zusammen:
Thilde: Du darfst seine Wohnung benutzen.
Holger: Das sowieso. Guck dir mal an, wo Teneriffa liegt.
Thilde: Da musst du hin.
Holger: Nein, muss ich nicht, möchte ich aber gern – mit dir. Steffen hat da ein Ferienhaus, das steht das
halbe Jahr leer,
Thilde: Wo genau?
Holger: Weiß ich nicht mehr auswendig. Ich bringe heut Abend alles mit. Gehen wir zum Italiener?
Thilde: Wir hatten vorgestern noch Pizza,
Holger: Gut, wie wär´s mit Indisch?
Thilde: Lisa fand neulich, dass sie sehr nachgelassen haben.
Holger: Also Ratskeller.
Thilde: Lieber ins Caprice.
Holger: Schön, also ins Caprice – halb sechs, sechs Uhr, halb sieben?
Thilde: Ich hab nichts anzuziehn,
Holger: Kann doch nicht wahr sein. Ist alles in der Wäsche?
Thilde: Ich mein ja. in Teneriffa,
Holger: Da haben die Leute auch nur ganz, ganz wenig an.
Thilde: Aber erst, bis meine neue Diät wirkt.
Holger: Klar, bis deine Rippen durchscheinen.
Thilde: Wo durch?
Holger: Durch deinen Badedress.
Thilde: Du sagst doch, man braucht sehr wenig.
Holger: Stimmt. Aber abends machen sich die Leute doch etwas fein.
Thilde: Sag ich ja, ich hab nichts dafür, jedenfalls nicht für jeden Abend.
Holger: Also, das ist mir klar, dass so etwas auch bei der Vorbereitung einiges kostet.
Thilde: Klar. Und wann ist das Haus frei?
Holger: Von Oktober bis Mai, glaub ich. Aber das bring ich dir alles mit.
Thilde: Und wann ist dort die Regenzeit?
Holger: Das weiß ich noch nicht. Krieg ich aber raus.
Thilde: Die spanische Königsfamilie ist dann nicht mehr da und die anderen VIPs sicher auch nicht mehr.
Holger: Residieren Königs nicht auf Mallorca?
Thilde: Kann sein. Aber die schippern doch überall herum.
Holger: Also bis heute Abend, Schatz.
Thilde: Was machst du eigentlich heute so lange im Büro?
Holger: Wieso lange? Bis sechs, halb sieben bin ich doch oft hier.
Thilde: Eben.
Holger: Schließlich verdien ich mein Geld nicht im Schlaf.
(im Hintergrund ruft eine Frau: „Soll ich dir was mitbringen, Holger?“
Thilde: Also doch eine Art Bestechungsversuch?
Holger: Was soll das denn jetzt? Marion hat sich eben verabschiedet.
Thilde: Hab ich gehört. Bestechung war vielleicht das falsche Wort. Irgendwas mit Beschwichtigung wäre
wohl besser. Und warum übrigens eine Woche vor meinem Geburtstag?
Holger: Mensch, Thilde, wir können es natürlich auch verschieben.
Thilde: Dann könntest du heute Marion ausführen..
Holger: Was sonst! Sind ja auch noch andere schöne Frauen hier. Also was nun, halb sieben im Caprice?
Thilde: Lieber um sechs. Und frag, wann es da regnet.
Holger mit einem großen Seufzer: Ja, mach ich, Schatz. Tschüss. Zieh das rote an. Unter dem du auf alles
andere verzichten kannst.
Thilde: Ist mir zu kalt. Könnte ich nur mit dem weißen Cape mit den Schwanenfedern. Es steht noch immer
im Schaufenster, so grade noch.
Holger: Hab´s kapiert. Tschüss, Schatz.
Thilde legt auf: `ne Arbeit hat man mit dem Kerl!
Musik
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Thilde am Telefon. Ein Drei-Minuten-Stück. Mit Annette
von © Willem de Haan
2 Frauenstimmen, Musik.
Das Telefon klingelt. Thilde meldet sich (wie es so ihre Art ist):
Thilde: Kreditabteilung, Strohwinkel, was kann ich für Sie tun?
Annette: Guten Morgen, Thilde, hier ist Annette.
Thilde: Hallo Annette, schön, dich mal wieder zu hören. Schnell, wie war er?
Annette: Ach, du meinst den von vorgestern Abend?
Thilde: Wen sonst. Er hat dich abgeschleppt.
Annette: Das hast du gesehn? Ja. Wir haben draußen eine geraucht.
Thilde: Komm -, das war doch hoffentlich nicht alles. Er hat dir sein Auto gezeigt, stimmts?
Annette: Schickes Ding. Er hatte solche Angst um seine Schonbezüge…
Thilde: Wahrscheinlich wegen seiner Frau. Frauen riechen so was sofort.
Annette: Es war nicht so doll. Ging voll in die Hose, wörtlich.
Thilde: Du Arme! Haste ihn wenigstens gebissen?
Annette: Klar. Ein paar Zeichen hat er schon mit nach Hause gebracht.
Thilde: Und danach?
Annette: Er war ziemlich verlegen – wie die Kerle dann so sind.
Thilde: Ich meine dich, was hast du dann gemacht?
Annette: Mir hat´s gereicht. Ich bin nach Hause. Mein Ansgar hat natürlich auf mich gewartet, obwohl ich ihn
auf einer Dienstreise vermuten konnte.
Er hat auch sofort an mir bemerkt, dass ich den Slip noch in der Handtasche hatte. Irgendwie hat ihn das aber
angemacht und er hat mich gleich aufs Sofa geworfen. Es wurde dann doch noch ein schöner Abend. Ich
wundere mich immer wieder, dass er nie eifersüchtig wird. Geht ihm tatsächlich ab.
Thilde: Versteh ich auch nicht. Ist mir auch ein bisschen verdächtig.
Annette: Na ja, es gibt Schlimmeres. Ist auch schon anders ausgegangen.
Thilde: Mit Schlägen!
Annette: Der Vornehme schweigt.
Thilde: Und das lässt du dir ewig gefallen?
Annette: Du, ich hab drei Kinder – und er kennt mein Geheimnis.
Thilde: Dass dein Jüngster nicht sein Jüngster ist.
Annette: Man muss immer Kompromisse machen.
Thilde: Sicher, aber gibt es keine Alternative?
Annette: Klar: Ausziehen, Notquartier, Sozialhilfe, Armutsgrenze…
Thilde: Wenn du das so sagst… Ich kann es auch nicht genau beurteilen.
Wie kann ich dir helfen?
Annette: Du hast vielleicht einen Rat für mich, einen Tipp.
Thilde: Wer ist von uns beiden denn die geübtere Lebenskünstlerin! Sprich Klartext.
Annette: Du weißt doch, ich schreibe – manches nur für mich, manches soll mal veröffentlcht
werden.
Thilde: Warum nicht. Schreibst du auch Tagebuch?
Annette: Auch, manchmal jedenfalls. Das sind so Einfälle, Rohmaterial, das ich erst mal sammeln will. Das
ist noch Unfertiges, verstehst du, und nicht selten Dichtung und Wahrheit.
Thilde: So läuft unser Leben. Wo ist das Problem?
Annette: Er liest alles heimlich.
Thilde: Du schreibst im Computer?
Annette: Ich habe ein Notebook. Das verschließe ich im Sekretär. Aber es ist nicht sicher vor ihm. Ich habe
ein paar sichere Hinweise darauf, dass er in meinen Notizen stöbert. Er zitiert manchmal etwas…
Thilde: Lass dir von einem pfiffigen Schüler zeigen, wie man sich mit einem Codewort sichert und dann, wie
man die Daten sichert, zum Beispiel kannst du alles auf einen Stick laden, der ist kleiner als eine Diskette.
Annette: Du meinst, das kriegt er nicht raus? Der bringt es fertig und holt mir nachts so was aus der Handtasche und überträgt es schnell auf seinen Computer. So was hat er schon mal gemacht.
Thilde: Na gut, dann rate ich zur Doppelstrategie, ist sowieso für unsereine besser.
Annette: Nämlich was?
Thilde: Einmal die Absicherungskniffe. Aber als Nächstes: Streue was in deine Notizen, das ihn umhaut. So
was wie „Wenn er nur nicht mein ganzes Fühlen beherrschen würde; ich will ihm das nicht so deutlich zeigen, aber ich bin total verrückt nach ihm, ich sehne mich nach seinen Berührungen, wenn er mich doch öfter,
am besten jede Nacht“ – und so weiter, es kann gar nicht dick genug sein. Wichtig ist nur, dass du seinen
Namen dazu schreibst – wie heißt er gleich?
Annette: Ansgar.
Thilde: Wetten, dass er solche Liebeshinweise wie Ananas schluckt? Dir wird da schon was
einfallen. Es muss eben echt klingen.
Annette: Hm, Du meinst ja so was wie eine Liebesfalle?
Thilde: Du bist wirklich eine Dichterin! Auf so ein Wort zu kommen! Ja, kann man so sagen, er soll drauf reinfallen, sich gebauchpinselt fühlen und seine Neugier verringern.
Annette: Aber das macht ihn doch erst recht neugierig. Er will dann immer mehr Geständnisse
dieser Art lesen.
Thilde:Kann sein. Aber er ist doch von Eifersucht getrieben und hofft, dass er bei dir fremde Männernamen
findet. Schreib öfter Edgar …
Annette: Ansgar…
Thilde: Also Ansgar, wenn du eigentlich einen anderen Namen schreiben willst. Und lass ja die Ichform weg.
Erfinde andere Paare; lass die was erleben, was dir wichtig ist. Das wären dann nur
erfundene Figuren, verstehst du?
Annette: Du bist ein Schatz. Willst du mal was lesen?
Thilde: Warum nicht. Du kannst natürlich auch was bei uns deponieren – in verschlossenen
Umschlägen – Manuskripte, Disketten wären hier sicher. In den letzten 20 Jahren hat es nicht gebrannt bei
uns und Hochwasser kommt auch nicht mehr zu uns.
Annette: Danke. Und noch was.
Thilde: Na los!
Annette: Hast du mal was von einem guten Schönheitschirurgen gehört?
Thilde: Hab ich. Brauchst du sinnlichere Lippen?
Annette: Brauch ich nicht. Ich kann auch damit leben, dass ich nicht überall schön rund bin.
Aber wir leben ja nicht nur für uns.
Thilde: Nee, auch fürs Leben. Die meisten Frauen, Männer sowieso, fühlen sich viel zu rund.
Du wirst sehen, du lebst auch länger als wir Dickeren.
Annette: Meinst du?
Thilde: Bestimmt. Spar das viele Geld. Lerne von den Französinnen: Accessoires sind viel wichtiger als das
Drumherum. Ich hab neulich einen starken Satz gehört, warte mal: Meine Schwäche – nee, anders: Mein
Mangel ist meine Möglichkeit. Was hältste davon? Ist das nicht ein Programm fürs Leben?
Annette: Sag´s noch mal!
Thilde: Mein Mangel ist meine Möglichkeit.
Annette: Von wem ist das?
Thilde: Weiß ich nicht mehr. Ist doch nicht wichtig.
Annette: Mein Mangel ist meine Möglichkeit, meine Chance.
Thilde: Genau. Mach was draus, Tschüss, auf bald mal wieder.
Annette: Tschüss. (leise Mein Mangel…
(Musik)